Donnerstag, 14. Mai 2015

Trier in der Römerzeit ̶ Geschichte und Geschichten

Trier ist bekanntlich Deutschlands älteste Stadt. Ihre Römerzeit dauerte 450 Jahre, und zwar von 50 vor bis 400 nach Christus. Nach der Einmündung der Saar bei Konz bildet die Mosel eine Schleife zur Eifel hin, die eine etwa 10 km breite, überschwemmungsfreie Talaue freigibt. Die römische Stadt bedeckte die gesamte Talaue, während die mittelalterliche Stadt sich auf etwa ein Viertel zurückzog. Heute ist wieder das ganze Tal überbaut, wobei die südlichen Anhöhen weitgehend mit einbezogen sind. Im Norden berührt die Mosel die Ausläufer der Eifel in Form einer steilaufragenden Felswand. Die Stadt hatte in ihrer damaligen Spitzenzeit etwa 80.000 bis 100.000 Einwohner  ̶  also mehr als heute  ̶  und war doppelt so groß wie Köln.

In einem Blogbeitrag aus dem Juni 2012 hatte ich vor allem meine Beziehungen zu Trier beschrieben. Heute möchte ich einige nicht uninteressante historische Details nachtragen, die meistens nur Experten oder Einheimischen bekannt sind. Der römische Teil der Trierer Geschichte umfasst zwei grundverschiedene Phasen, die des Militärlagers und der Kaiserstadt. Als einer der drei Hauptstädte des damaligen Römerreiches spielten sich in Trier in der Kaiserzeit einige weltpolitische Ereignisse ab.

Von Caesars Siegesparade bis zur späteren Kolonialstadt

In seinem Bericht über den Gallischen Krieg (58-50 vor Chr.) berichtete Caesar von einem Oppidum der Treverer. Der genaue Ort ist nicht überliefert. In Frage kommen Ausgrabungsstätten wie Ötzenhausen auf dem Hochwald, Wallendorf an der Sauer oder der Titelberg bei Differdingen in Luxemburg. Ein Oppidum (lat. für Befestigung, Schanzanlage) war eine befestigte, stadtartig angelegte Siedlung der Kelten. Im Gegensatz zu den römischen Städten verfügte ein Oppidum weder über feste Steinbauten noch über gepflasterte Straßen. Nach mehreren Auseinandersetzungen war Caesars Feldherr Labenus im Jahre 51 vor Chr. in einer Reiterschlacht gegen die Treverer erfolgreich, was die Treverer zwang sich den Römern zu unterwerfen. Anschließend soll Caesar eine Militärparade im Gebiet der Treverer abgehalten haben.


Planskizze des römischen Trier

Die Gründung einer römischen Stadt mit Namen Augusta Treverorum (lat. für Stadt des Augustus im Land der Treverer) erfolgte im Jahre 16 v. Chr., während der Regierungszeit von Kaiser Augustus. Auch der Bau der ersten Moselbrücke fiel in diese Zeit. Außer der Stammesgemeinschaft der Treverer wurde hier eine römische Kolonialverwaltung angesiedelt. Es ist überliefert, dass auch Truppenteile in der Stadt selbst (auf dem Petrisberg) stationiert waren. Das Gros des römischen Heeres lag vermutlich auf der Hunsrückhöhe bei Hermeskeil, etwa 15 km südlich von Trier. Hier wurden in den letzten 10 Jahren Spuren eines 30 Hektar großes Heerlagers ausgegraben, in dem nach dem Gallischen Krieg über 10.000 Mann stationiert waren. Es gab mehrmals Aufstände der Treverer ̶   so in den Jahren 29 vor Chr., 21 und 70 nach Chr.,  ̶   die alle niedergeschlagen wurden. Um 180 nach Chr. erhielt Trier eine Stadtmauer mit vier gewaltigen Torbauten, von denen nur das Nordtor (die Porta Ni­gra) erhalten ist.


Moselbrücke von Osten

Ausbau zur römischen Kaiserstadt

Drei Jahrhunderte lang war Trier eine von Beamten und Militär bestimmte Kolonialstadt  ̶  etwa vergleichbar mit Augsburg oder Köln. Von 271 bis 273 war die Stadt die Residenz eines gallo-römischen Gegenkaisers namens Tetricus I. Nach der im Jahre 273 von Kaiser Diocletian angeordneten Teilung des Reiches wurde Trier der Sitz des für den gesamten Westen zuständigen Regenten. Diese Funktion hatte Trier über 100 Jahre lang und wurde nun Treveris genannt. Zehn römische Kaiser hinterließen mal weniger, mal deutlicher ihre Spuren. Ab 318 war Trier Sitz der Gallischen Präfektur, einer der zwei obersten Behörden im Westen des Römischen Reiches.


Römische Kaiser in Trier

Wie jede römische Kolonialstadt so verfügte auch Trier über ein rasterartiges Straßennetz mit zwei Hauptstraßen (Decumanus und Cardo genannt), die die Stadt in vier Quadranten aufteilte. Viele der großen Gebäude belegten einen ganzen Straßenblock (lat. insula). Trinkwasser wurde von außerhalb über spezielle Bauwerke (so genannte Aquädukte) zugeführt. Abwässer wurden in die Mosel geleitet. Die heutigen Verkehrsstraßen der Stadt liegen etwa einen Meter über dem Niveau der Römerzeit. Der Grund ist kein Absinken der alten Gebäude, sondern der sich auftürmende Trümmerschutt der Jahrhunderte.


Kaiserthermen

Fast alle heute noch erkennbaren Monumentalbauten stammen aus der Kaiserzeit. Der kaiserliche Palast selbst befand sich an der Stelle des heutigen Domes. Eine große Rolle im Leben der Bürger spielten die der Körper- und Kontaktpflege dienenden Thermen. Das zum Baden erforderliche warme Wasser wurde durch Verbrennen von Holz erzeugt. Als älteste Therme gelten die zentral in der Stadtmitte gelegenen, erst in letzter Zeit ausgegrabenen Thermen am Viehmarkt. Zu den größten Themen des Reiches gehörten die Barbara- und die Kaiserthermen. Letztere wurden erst gegen Ende der Kaiserzeit errichtet, wobei ein früher vorhandener Wohnbezirk abgerissen wurde.

Keine steinernen Spuren hinterließen Einrichtungen wie die Palastschule (lat. schola palatina). Sie war innerhalb des Kaiserpalastes untergebracht. Sie zog sowohl Schüler wie Lehrer aus ganz Westeuropa an. Für die Ausbildung des Nachwuchs für die Verwaltung war sie unentbehrlich. Gelehrt wurde in erster Linie Grammatik und Rhetorik. Für die juristische Ausbildung erhielten italienische Schulen und Lehrer den Vorzug, für Philosophie die griechischen. Gelesen wurden die Werke römischer Klassiker wie Vergil, Ovid und Horaz. Ein sehr bekannter Schüler war Ambrosius (339-397), der spätere Bischof von Mailand, der in Trier geboren wurde. Auch der spätere Mönch und Kirchenlehrer Hieronymus (347-420) war um 375 für einige Jahre in Trier. Von ihm stammt die interessante Feststellung, dass die Galater in Kleinasien die gleiche Sprache sprachen wie die Trierer.


Neumagener Weinschiff

Neben dem Handel erlangten die Trierer Töpfereien (insbesondere die Terra Sigillata-Manufakturen) einen beachtlichen Ruf. Auch in der Umgebung der Stadt Trier war römisches Leben und römische Kultur präsent. Es gibt kaum einen Ort im Umkreis von 30 km von Trier, wo nicht Ruinen römischer Landhäuser zu finden sind. Die Spuren römischer Landwirtschaft stellen manches in den Schatten, was in den nächsten Tausend Jahren in unserer Gegend zu sehen war. Gleiches gilt für Handwerk und Verwaltung. Ehe die Fähigkeit des Lesens und Schreibens wieder denselben Grad in der Bevölkerung erreichte, dauerte es noch wesentlich länger. Die größte bleibende Bedeutung für die Region hatte die Einfuhr des Weinbaus im Moseltal. Das Weinschiff aus Neumagen ist ein sehr eindrucksvolles Erinnerungsstück.

Volkszirkus und Kaiserkult

Eine große Anziehungskraft für die Masse der Bürger übten Sport und Unterhaltung aus. Dazu dienten vor allem das Amphitheater und eine Pferderennbahn, auch Zirkus genannt. Ihre Kapazitäten an Zuschauerplätzen lagen bei 20.000 bzw. 50.000, also etwa der Hälfte der Stadtbevölkerung. Beide lagen westlich der Stadtmauern. Für die Beamten am Hofe, also für die Elite der Stadtbevölkerung, spielte die kultartige Verehrung des Kaisers eine besondere Rolle. Einige der namentlich bekannten Einwohner des römischen Triers seien in diesem Zusammenhang erwähnt.


Rennfahrer Polydus

An erster Stelle soll der Rennfahrer Polydus genannt werden. Seinem Andenken diente ein monumentales Mosaik. Es stammt aus dem 3. Jahrhundert und befand sich in einem Trierer Stadthaus, das im 4. Jahrhundert beim Bau der Kaiserthermen abgerissen wurde. Es zeigt den jugendlichen Rennfahrer als Sieger eines Wagenrennens. Sein Name deutet auf eine griechische Abstammung hin. Polydus lenkte ein Quadriga-Gespann. Sein Leitpferd, ein Schimmel mit Namen Compressore, läuft beim Rennen innen in der Kehre. Das schnellste Pferd läuft außen. Polydus ist bei der Ehrenrunde dargestellt, die Siegestrophäen schwingend. Er hält nur die Zügel des Leitpferds in der Hand. Die der übrigen Pferde sind um den Bauch gebunden. In Rom und in anderen römischen Städten wurden Pferderennen von kommerziell tätigen Rennställen bestritten. Sie fanden teilweise im wöchentlichen Turnus statt. Die Parallelen zu heutigen Formel-1-Autorennen sind verblüffend. Reste eines Pferdestalls und einer Rennbahn, die vermutlich Trainingszwecken dienten, wurden erst vor kurzem bei Dudeldorf entdeckt, etwa 30 km von Trier entfernt [1].


Konstantinbasilika

Die von Konstantin I. (dem Großen) erbaute Palastaula ist das einzige der übrig gebliebenen Bauwerke, die direkt dem Dienst des Kaiserhofes dienten. Sie wird heute nach ihrer Bauform als Basilika bezeichnet. Eine typische Veranstaltung umfasste öffentliche Vorträge, bei denen die Verdienste des Kaisers herausgestellt wurden. Eine solche Lobrede (ein so genannter Panegyrikus) auf Kaiser Konstantin aus dem Jahre 311 ist überliefert, ebenso die Dankrede, die Ausonius im August 379 auf Kaiser Gratian hielt. Ausonius stammte aus Bordeaux und war 15 Jahre lang in Trier tätig, zuerst als Erzieher des kaiserlichen Prinzen und später als dessen Ratgeber und Hofbeamter. Sein Aufenthalt in Trier endete, als der erst 24 Jahre alte Gratian in Lyon bei einem Essen ermordet wurde. Dem Decimus Magnus Ausonius war im August 2011 ein eigener Blogeintrag gewidmet.

Frühe Christen in Trier

Sicher nachgewiesen ist die Anwesenheit von Christen in Trier in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Die Missionierung des Trierer Landes durch Schüler des Apostel Petrus gehört ins Reich der Sagen und Legenden. Bischof Agritius (260-329), ein Zeitgenosse Kaiser Konstantins I., war Teilnehmer einer Synode in Arles im Jahre 314. Nachdem Konstantin im Jahre 313 das Christentum durch das Mailänder Edikt zur Staatsreligion erhoben hatte, wurden römische wie keltische Kultstätten systematisch in christliche Kirchen umgewandelt. Die ältesten Teile des Trierer Doms datieren aus dem Jahre 326.

Keine deutsche Diözese hat die gleiche Anzahl frühchristlicher Heiliger aufzuweisen wie Trier. Die Trierer Bischöfe dieser Zeit ergriffen Partei in theologischen Streitfragen und Richtungskämpfen, die das ganze Christentum erschütterten. Es war Bischof Maximinus (290-346). der dem Kirchenlehrer Athanasius von 335 bis 337 in Trier Asyl gewährte, als dieser von Arianern verfolgt wurde. Der in Trier sehr bekannte Bischof Paulinus (300-358) starb in Kleinasien in der Verbannung, als die Arianer in Trier das Sagen hatten.


Kopf einer Kolossalstatue Konstantins

Es war keineswegs so, dass Kaiserhaus und Bürger auf einen Schlag zum Christentum übertraten. Fast alle Trierer Kaiser und die meisten ihrer Beamten blieben nominell Anhänger der alten Götter, obwohl sie sich gleichzeitig christlichem Gedankengut gegenüber öffneten. Ausonius ist ein typisches Beispiel. Bezeichnend ist die Situation, in die der letzte der Trierer Kaiser geriet. Dem Kaiser Magnus Maximus, der durch einen Aufstand der in Britannien stationierten Truppen an die Macht gelangt war, wurden religiöse Streitigkeiten zwischen Christen zur Entscheidung vorgelegt. Das führte dazu, dass er im Jahre 385 den der Irrlehre des Manichäismus angeklagten Bischof Priscillian aus Avila und fünf seiner Anhänger zum Tode verurteilte und hinrichtete. Dass der in Tours lebende, hochangesehene Abt Martin nach Trier kam, um gegen diese Maßnahme zu protestieren, half nichts.

Germaneneinfälle und Ende der Römerzeit

Im Jahr 275 wurde Trier zum ersten Mal durch marodierende Alemannen und Franken zerstört. Weitere Einfälle von Germanen folgten. Um das Jahr 400 verließen Kaiser und Hofstaat sowie die meisten Bewohner die Stadt. Die römische Verwaltung wurde zunächst nach Autun in Burgund verlegt, später weiter südlich nach Arles an der Rhone. Zwischen 410 und 435 wurde Trier mehrmals von fränkischen Heeren verwüstet, ehe im Jahre 485 die gesamte Region in das fränkische Reich der Merowinger eingegliedert wurde. Wie Zeitzeugen berichteten, verfielen die römischen Villen und Kulturdenkmäler sehr schnell. Nach Aussage des Salvian von Marseille (400-475), einem Mönch von der Klosterinsel Lérin, gingen die Bürger der Stadt Trier wie immer ihren Tagesvergnügungen nach, während überall ein Bild des Untergangs und des Todes herrschte. An den typischen Trierer gewandt fügte er hinzu: 'aber Du verlangst nach Spielen' (lat. et tu circenses rogas).

Hinweis: Jedem Besucher Triers empfehle ich das Rheinische Landesmuseum sowie das Dom- und Diözesanmuseum. Soviel Anschauungsmaterial über die Römerzeit findet man nirgendwo in Deutschland.

Zusätzliche Referenz

1. Elsenbast, D.: Ein außergewöhnlicher römerzeitlicher Befund in Dudeldorf. In: Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes 98, Heft 1-2015, S. 5-27

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