Freitag, 24. Juli 2015

Huntingtons ‚Kampf der Kulturen‘ aus heutiger Sicht

Es sind inzwischen fast 20 Jahre her, seit Samuel Huntington (1927-2008) die Welt mit seiner These vom Kampf der Kulturen erschütterte. Das Buch erschien 1996, nachdem er 1993 in einem Artikel in der Zeitschrift Foreign Affairs die These zum ersten Mal vorgestellt hatte. Ich las dieser Tage das Buch, um zu sehen, wie es Leuten ergeht, die versuchen, die Welt zu erklären. Außerdem gab es das Buch kostenlos im Rahmen meines E-Book-Abos. Der Englische Originaltitel heißt bekanntlich Clash of civilizations. Die Unterscheidung, die wir zwischen Zivilisation und Kultur machen, gibt es weder im Englischen noch im Französischen. Der Übersetzer hatte daher einige Probleme. Zur Erinnerung: Im Englischen ist Zivilisation eine Kultur im großem Ausmaß. Der Begriff Kulturkreis kommt dem am nächsten. Im Deutschen ist Zivilisation eine quasi mechanistische Voraussetzung von vielen Kulturen. Es ist das, was primitiven Kulturen meistens fehlt.
 
Anlass und Ziel des Buchs
 
Nach dem Fall der Berliner Mauer behauptete Francis Fukuyama (*1952), dass jetzt der ‚Westen‘ an allen Fronten gewonnen habe und daher der ewige Friede bevorstünde. Huntington hat sehr viel historisches Wissen analysiert, um diese Behauptung zu widerlegen. Während des Kalten Krieges sei der Westen lediglich die Speerspitze im Kampf gegen die bolschewistische Weltherrschaft gewesen. Wie im Falle Jugoslawiens brachen danach auf der ganzen Welt andere Konflikte wieder auf, die längst vergessen zu sein schienen.
 
Die westliche Kultur mag einmalig sein, sie sei aber nicht universell. Besonders in den USA war lange Zeit die Meinung verbreitet, dass alle Völker sich für die westlichen Werte entscheiden würden. Es sind dies: Demokratie, freie Märkte, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, Individualismus und die Trennung des Religiösen vom Weltlichen. Es sei nicht zuletzt die Revitalisierung der Religionen, die kulturelle Unterschiede verstärke.
 
Kulturkreise und ihre Kernstaaten
 
Die wichtigsten nicht-westlichen Kulturen sind die chinesische und islamische. Die indische, japanische, russische und latein-amerikanische sind auch im Rennen, aber weniger aggressiv. Er benutzt für die sieben Kulturkreise die Bezeichnungen: sinisch, islamisch, westlich, hinduistisch, japanisch, östlich und lateinamerikanisch. Diese sind von Natur aus langlebig. Alle verfügen über Kernstaaten, außer der islamischen. Meist gruppieren sich mehrere Länder hinter der Führungsnation einer Kultur.
 
China ist eindeutig der Kernstaat und Magnet der sinischen Kultur. Nur bei seinem ersten Besuch in Peking im Jahre 1976 bestand Lee Kuan Yew, der Premier von Singapur, darauf mit Chinesen Englisch zu sprechen. Er hat es danach nie wieder getan. Seit dem Untergang des osmanischen Reiches ist die Position eines Kernstaates für den islamischen Kulturkreis nicht mehr besetzt worden. Arabien besteht heute aus einer Ansammlung von Stämmen, nur verbunden mit der einheitlichen (schwarzen) Flagge des Islams. Es gäbe keine führende Nation. Außerdem ist der Islam tief gespalten zwischen Sunniten und Schiiten.
 
Neben den großen Kulturkreisen gibt es auch einsame Länder. Beispiele sind Äthiopien, Haiti und Japan. Zerrissen seien Länder wie Russland, Mexiko und die Türkei. Russland stelle eine überalterte Gesellschaft dar, und sei keine Bedrohung für den Westen, wenn man ihm sein Einflussgebiet lässt. Die Türkei wollte Atatürk verwestlichen und modernisieren, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass dies nicht ganz gelang, erfahren wir Deutschen an den Millionen von türkisch stämmigen Einwandern, die bei uns heimisch wurden. Russland, Japan und Indien pendeln im Grunde zwischen dem Westen, dem Islam und China. Russlands Anrainer-Staaten haben noch weniger als die Ukraine die Chance, einen eigenen Weg zu gehen. Weißrussland sei bis auf seinen Namen ein Teil Russlands. Georgien habe keine Wahl, außer sich von Russland helfen zu lassen.
 
Mehrfachidentität und Multikulti
 
Fast immer folge das kulturelle Selbstbewusstsein eines Landes seinem wirtschaftlichem Erfolg. China ist auch hier das auffallendste Beispiel. Mit der kulturellen Identität tritt die Frage in den Hintergrund: 'Auf wessen Seite stehst Du?'. Die Frage, die an ihre Stelle tritt, heißt: 'Wer bist Du?'. Man definiert sich selber, indem man differenziert.
 
Im Grunde hat jeder Mensch mehrere Identitäten, die miteinander im Konflikt liegen können. Der Idee des Multikulturismus gegenüber war Huntington extrem ablehnend. Er befürchtete, dass dadurch der Individualismus innerhalb einer Gesellschaft ersetzt würde durch Gruppendenken. Interkulturelle Partnerschaften, etwa zwischen den USA und Russland, zu erwarten, sei eine Illusion. Das Wort Kalter Krieg sei kein Begriff der Neuzeit. Das ganze Mittelalter über, also 1000 Jahre lang, bestand ein Verhältnis zwischen Christen und Muslimen, für das die Bezeichnung Kalter Krieg (span. guerra fria) galt.
 
Konflikte und ihre Wurzeln
 
Huntington greift eine Klasse von Konflikten heraus, deren Wurzeln sich aus kulturellen Unterschieden erklären lassen. Dies erklärt die Wurzeln einiger heutiger Konflikte ganz gut. So sagt er (1996) zur Ukraine, dass das Land gespalten sei. Es sei dies keine ethnische Spaltung, sondern es handle sich um zwei Kulturen. Auf der Krim und im Donbass drängt die russische Mehrheit auf den Anschluss an Russland. Sie wollen nicht Teil des ‚Westens‘ sein, wie er durch die ehemals polnischen oder österreichischen Westler (unierte Christen) angestrebt wird. Das Land ist nur vor dem Zerfall sicher, solange russlandfreundliche Politiker das Sagen haben. ‚Der Osten und die Krim werden zu Russland kommen, den Westen kann der Teufel holen,‘ so zitierte Huntington einen russischen General.
 
Über Griechenland schrieb er:  ‚Griechenland ist nicht Teil des westlichen Kulturkreises. ... Es verfolgte immer eine Wirtschaftspolitik, die den in Brüssel herrschenden Standards Hohn zu sprechen schien.... In Zypern sind etwa 2000 Unternehmen in russischem Besitz...Nach dem Kaltem Krieg entwickelt sich Griechenland zum Partner Russlands.‘ Manche Konflikte der Zukunft würden durch die Arroganz des Westens verschuldet, andere durch islamische Unduldsamkeit oder sinischem Auftrumpfen. Mit dieser Voraussage wird Huntington Recht behalten.
 
Bruchlinienkriege und Migrationsströme
 
Die Welt ist voll von Bruchlinienkriegen. In Bosnien und Kroatien geht es gerade um die Bruchlinie zwischen dem Islam und dem Westen, die schon den ersten Weltkrieg auslöste. Während Huntington sein Buch schrieb, gaben die USA und Saudi-Arabien militärische Hilfe an Bosnien, Russland an Serbien. Kroatien suchte und bekam Hilfe aus Westeuropa. Die islamische Bedrohung drückte sich damals wie heute in Terror aus. Es sei ein Quasikrieg. Es gäbe keinerlei Beweise, dass Terror von Muslimen abgelehnt wird. Das Problem sei nicht der islamische Fundalismus, sondern der Islam, meinte Huntington. Ein wichtiger Grund für Konflikte ergebe sich aus dem Populationsdruck. China halte sich, was Bruchlinienkriege betrifft, auffallend zurück. Es wurde immer wieder in eine Allianz mit den muslimischen Hardlinern Iran und Pakistan gedrängt. Es beschränke sich jedoch auf Waffenlieferungen.  
 
Migrationsströme waren vor 20 Jahren im Vergleich zu heute, kleine Rinnsale. Geradezu prophetisch klingt der Satz: Ein Migrationsstrom, der einmal in Gang gekommen, unterhält sich selbst. Die ersten Umsiedler, die Fuß gefasst haben, ziehen unweigerlich andere nach. Heute werden die Migrationsströme etwa aus Afrika und dem Balkan noch von Flüchtlingsströmen etwa aus Syrien und Afghanistan überlagert. Nur bei den Flüchtlingen besteht die Hoffnung, dass sie einmal in ihre Heimat zurückkehren.
 
Gibt es die Weltkultur?
 
Für manche politisch Gebildeten, besonders aus Entwicklungsländern, scheint es gewisse minimale Gemeinsamkeiten zu geben. Huntington nennt dies die Davos-Kultur. Er selbst hat einmal am Weltwirtschaftsforum teilgenommen. Sie umfasse eine recht dünne Oberschicht. Es sei noch ein langer Weg, bis daraus eine Weltkultur würde. Wenn damals (und auch heute) von der Weltgemeinschaft gesprochen wird, ist dies meist ein euphemistischer Ersatz für die 'Freie Welt', ein Begriff aus der Zeit des Kalten Krieges. Ob er heute andere Länder und Kulturen umfasst als damals, darf bezweifelt werden.
 
Der nicht greifbaren Weltkultur gegenüber stehen weltweit agierende Unternehmen und Verbände, darunter auch Drogenkartelle und Verbrechersyndikate. Auch die Terrororganisationen operieren weltweit. Ob die Welt in der Form wie sie heute ist, damit fertig wird, wird sich zeigen müssen. Es ist dies auch heute eine der großen offenen Fragen. Dass politische oder humanitäre Weltorganisationen in Huntingtons Buch überhaupt nicht vorkommen, ist erstaunlich.
 
Diskussion und Kritik
 
Huntingtons These hatte natürlich auch Kritiker auf den Plan gerufen. So ist zum Beispiel der in Indien geborene Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen (*1933) der Auffassung, dass Huntingtons Buch unter den vielen Aspekten, welche die Identität eines Menschen ausmachen, der kulturellen Zugehörigkeit zu großes Gewicht beimesse. Er kritisiert die Einschränkung des Menschen auf Religion und Kultur.
 
Bezüglich langfristiger Trends scheint mir Huntington durchaus richtig zu liegen. Die USA und Europa entwickeln sich immer stärker in die Richtung von gespaltenen Gesellschaften. In den USA sind es Westler und Latinos, in Europa Westler und Muslime. Die USA hispanisiert, die EU islamisiert. Der Trend der letzten 20 Jahre war sehr eindeutig. Huntington warnt davor, Spalten zu übersehen. Er sagt nicht, was Gesellschaften tun können, damit diese nicht zur Katastrophe werden. Er ist ein Wissenschaftler, der nur diagnostiziert. Heilen. d.h. eine Therapie auswählen und diese anwenden, das müssen andere.
 
Was mich beim Lesen manchmal bewegte, waren Fragen der Art: Muss die Wissenschaft immer so sehr abstrahieren, um überhaupt sinnvolle Aussagen machen zu können? Ist das Weltgeschehen immer monokausal? Oder hört einfach niemand mehr zu, sobald man differenziert? Auch ich sehe viele Konflikte, die nicht kulturell bedingt sind.

Kommentare:

  1. There are considerable differences between the introduction of Hispanics to the USA and the introduction of Muslims to Europe. The USA has a successful history of assimilation of immigrants from foreign countries and cultures - the Irish for example, and Asians. The Hispanics who come to the USA on the whole want to, and expect to become, Americans. I believe there is a much lower level of interest among Muslims to BECOME Germans. How is it working out with the Turks - for which the most historical experience exists? [NOT a rhetorical question.]

    I think the nuclear treaty between USA and IRAN should be viewed in the context of cross-cultural agreement. I am reminded of the Brandt/Schmidt agreements and financial transfers with East Germany ... Capitalist and Communist. Brandt/Schmidt recommended patience. I believe that "patience" is not as promising with Iran as it was between East and West Germany - but I favor the treaty anyway. I believe that nuclear proliferation is inevitable, with all that entails.

    Calvin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich kann versuchen, allerdings nur aus meiner subjektiven Sicht, eine Antwort zu geben. Ich lebe in einer mittelgroßen Industriestadt, die einem sehr hohen Anteil an Immigranten (fast 50%) hat. Die Einwanderer aus Italien, Spanien, Kroatien und Griechenland pflegen zwar ihr Volkstum und treffen sich in Heimatvereinen, nehmen aber ihre Bildungschancen voll wahr. Bei dieser Bevölkerungsgruppe ist der Anteil der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder, die ein Hochschulstudium absolviert haben, nicht kleiner als beim Rest der Bevölkerung.

      Bei den Türken ist es häufig anders. Viele der hier aufgewachsenen Kinder haben keine abgeschlossene berufliche Ausbildung erhalten. Sie üben Gelegenheitsjobs oder schlecht bezahlte Tätigkeiten aus. Sie haben wenig Kontakt zum Rest der Bevölkerung und sondern sich ab. Ihr Treffpunkt ist immer mehr die Moschee. Es gibt Ausnahmen, die oft als Vorzeige-Politiker gelten, Einer heißt Cem Özemir und ist einer der Bundesvorsitzenden der Grünen. Er ist in Urach aufgewachsen und schwäbelt sogar. Es gibt auch 2-3 türkisch stämmige Schauspieler und Schriftsteller, die meist aus Berlin stammen. Es gibt mehrere Orte (Berlin, Mannheim, Rüsselsheim, Stuttgart), wo im Stadtkern immer weniger Deutsch gesprochen wird, und wo die Mehrzahl der Schulkinder aus türkischen, russischen, arabischen oder afrikanischen Familien stammt. Überlagert wird diese Problematik von der aktuellen Flüchtlingswelle.

      Löschen
    2. Thanks for the data points. I believe that successful Hochschulstudium is a good proxy for rating integration success of the upper socio-economic population across groups with different national origins. Not sure what proxy would work as well for middle and lower socio-economic populations. Perhaps rate of employment in jobs which withhold taxes?

      So based on your data it looks like maybe religion might be the demarcation line between groups with wide integration differences.

      Löschen
    3. Die Dinge scheinen noch etwas komplizierter zu sein. Muslimische Bosnier aus dem ehemaligen Jugoslawien scheinen sich gut bei uns einzupassen. Dasselbe gilt für Türken aus Istanbul und den Städten der Ägäisküste. Das Problem bei uns sind vor allem die Menschen aus den ländlichen Gegenden Ost-Anatoliens. Diese werden übrigens auch in der Westtürkei als Fremdlinge angesehen

      Löschen