Mittwoch, 19. August 2015

Neues vom Publizieren und Lesen in der Internet-Galaxie

Hilmar Schmundt heißt ein Redakteur des SPIEGEL, der sich hin und wieder zum Thema Elektronisches Publizieren äußert. Unter anderem erhielt er dafür den Publizistenpreis 2015 des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv). Gerade hat er seine Beiträge der letzten Jahre in einen eBuch zusammengefasst. Es heißt Gutenbergs neue Galaxie. Der Titel wurde in Abwandlung von Marshall McLuhans Gutenberg-Galaxis von 1962 gewählt, seinem zweitberühmtesten Werk. Wer nur ein Buch von McLuhan kennt, kennt ‚Das Medium ist die Botschaft‘ (engl.: The medium is the message). Da Schmundts Buch nur etwa 100 Seiten umfasst, erspare ich mir die Inhaltsangabe. Außerdem konnte man ja schon alles im SPIEGEL online oder auf Papier lesen. Ich hebe nur einige Themen hervor und kommentiere sie. Ich werde dabei Schmundts Einsichten um einige persönliche Erfahrungen und Einschätzungen ergänzen. Ob der Autor meine Kommentare zu Gesicht bekommt, wird sich herausstellen. Verweisen möchte ich auf frühere Blog-Beiträge zu verwandten Themen, so im Februar 2011 über meine Umgebung als Leser und im Februar 2012 über meine Erfahrungen als Autor.
 
Literarischer Bezug 

Schon 1941 hatte der Argentinier Jorge Luis Borges (1899-1986) in seinem Essay Die Bibliothek von Babylon die Vision einer unendlichen Bibliothek beschrieben. In ihr gab es Bücher, deren Zeichen man zwar lesen konnte, die aus ihnen gebildeten Worte und Texte aber nicht verstand. Es müsste sich wohl um eine Sprache handeln, deren die Bibliothekare nicht mächtig waren. Manche Bücher enthielten nur wenige Zeichen, die aber immer wiederholt wurden. Auch das versetzte die Bibliothekare in Erstaunen. Überhaupt waren die Bibliothekare ziemlich überfordert. Sie wussten nicht, ob sie gegen das unverständliche System ankämpfen sollten, ober ob sie es als göttlich verehren sollten. Was Borges nur als Fiktion beschrieb, ist heute zum Teil Realität. Auch heute, gut 70 Jahre nach Borges, reagieren manche Bibliothekare noch reichlich verwirrt, wenn sie mit neuen Technologien konfrontiert werden.
 
Was die moderne Publikationswelt noch mit Gutenberg zu tun hat, ist mir ein Rätsel. Wir befänden uns in einem ‚digitalen Spiralarm der Gutenberg-Galaxis‘. So wird der Titel begründet. Dies kann bestenfalls als Reverenz dem Alten und den Ahnen gegenüber aufgefasst werden. Klarer wäre es, man würde eingestehen, dass es auch im Publikationswesen mehr als nur eine einzige Galaxie gibt. Diese Art der kopernikanischen Wende scheint noch vielen Zeitgenossen gedankliche Schwierigkeiten zu bereiten. Sie klammern sich nicht nur an ihrer Galaxie fest, sondern an ihrem Stück eines Planeten. Dass es so lange dauern würde, bis in dieser Branche das Raumfahrtzeitalter ausbricht, hatte ich nicht gedacht. 
 
Versuch einer Sprachbereinigung
 
Schon seit etwa 20 Jahren ist die elektronische oder digitale Publikation der Normalfall. Dem gegenüber steht die analoge oder papierne Publikation. Es ist die alte, die historische Form. Außer beim mündlichen Gespräch oder Vortrag ist sie immer zusätzlich. Sie kann auch adhoc oder nach Bedarf nachgeliefert werden. Das meiste, was ich an Informationen konsumiere, erreicht meine Augen und Ohren über digitale Medien. Es wird in meiner Nähe, also im Abstand von einigen Dezimetern in analoge Bild- oder Tonfolgen umgewandelt. Von Publikation (oder Veröffentlichung) ist dann die Rede, wenn ein Ton-, Text- oder Bilddokument für andere Menschen als den Urheber zugänglich gemacht wird. Text-basierte Publikationen lassen sich je nach Umfang eines Dokuments in drei Klassen aufteilen: 

- Briefe, Nachrichten, Zeitungstexte, kleiner als 3-5 Seiten
- Artikel, Essays, Zeitschriftbeiträge, kleiner als 20-50 Seiten
- Bücher, Berichte, Buchbeiträge, größer als 50-70 Seiten 

Soll das Medium hervorgehoben werden, benutze ich im Folgenden die Schreibweise mit entsprechendem Präfix, also eBrief (engl. eMail), eArtikel (engl. ePaper), eBuch (engl. eBook) für digitale Medien. Das kleine ‚e‘ steht für elektronisch oder digital. Entsprechendes gilt für analoge Medien. Das angefügte ‚a‘ steht dann für analog oder papieren.
 
Alles, was ich von mir gebe, entsteht heute digital, jeder Buchstabe, den ich tippe, jedes Wort, das ich diktiere, jeder Ton, den ich ins Telefon oder auf ein Tonmedium spreche, jedes Foto oder jedes Video, das ich aufnehme. Das meiste bleibt es auch für den Rest seiner Existenz, es wird in Bits gespeichert und aufbewahrt. Gesprochene Rede, Bilder, Musik und Video sollen hier nicht näher betrachtet werden. Über sie wird wesentlich emotionsloser diskutiert.  

Digitales Publizieren 

Wie in dem Blog-Beitrag von 2012 erläutert, wurde ich durch persönliche Erfahrungen davon abgebracht, weiterhin fachliche Themen analog zu publizieren. Ich bin nicht mehr bereit, die dort anfallenden Wartezeiten zu tolerieren. Nach Abschluss der Begutachtung volle 12 Monate bis zur Veröffentlichung zu warten, ist in meinem Alter unzumutbar. Seit Anfang 2011 betreibe ich diesen Blog (Bertals Blog), sowie zwei weitere. Ein Blog ist wie eine eigene Zeitschrift. Die Zeit von der Fertigstellung des Textes bis zu seiner Veröffentlichung ist meist weniger als ein Tag. Bertals Blog hatte bisher über 400 deutschsprachige Beiträge und über 175.000 Besucher. Die Verteilung der Besuche auf die Beiträge hat die für das Internet typische Form eines langen Schwanzes (engl. long tail). Einige Beiträge hatten über 2000 Besucher, der Durchschnitt liegt über 400, der Median über  200.  

Die Leser wissen sehr wohl, bei welcher Art Beiträge meines Blogs es sich lohnt, die Zeit zum Lesen zu investieren. Es sind die, wo ich eine fachliche oder persönliche Beziehung zum Thema habe, wo man bei mir Auskünfte findet, die nicht auch anderswo zu finden sind. Für mich besonders faszinierend ist die geografische Verteilung der Leser. Sie kommen aus der ganzen Welt, mit einem Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. Beim Schreiben denke ich stets an Leser in Chile, Vietnam und Tadschikistan, die in meinen Statistiken erschienen. Ich nehme an, dass sie an meinen Texten ihre Deutschkenntnisse testen. Natürlich freute ich mich z. B. über die Kommentare eines Lesers aus Chennai in Indien, dem früheren Madras.  

Manchmal muss ich das erzeugte Material in analoge Form umwandeln, dann nämlich, wenn einige ältere Herrschaften es lesen sollen, für die neue Medien ein Gräuel sind. Diese Adressaten werden jedoch immer weniger. Das Alter hat eine ausdünnende Wirkung. Ähnlich motivierter Nachwuchs ist nicht in Sicht. 

Analoge Publikationen 

Meine analogen Veröffentlichungen beziehen sich heute hauptsächlich auf heimatkundliche Themen. Die erwarteten Leser entstammen vorwiegend meiner Altersgruppe (über 70 Jahre alt) und leben in einer ländlichen Umgebung. Auch meine letzte eigene fachliche Veröffentlichung ist ein Beitrag in einer Historiker-Zeitschrift (IEEE Annals of the History of Computing).  

Im Juni diesen Jahres erschienen 40 ausgesuchte Beiträge dieses Blogs in Form eines aBuchs. Dass das Projekt sehr lange dauerte und der Weg so mühsam war, hat alle Beteiligten überrascht. Wir gingen von bereits vorhandenen Internet-Veröffentlichungen aus. Jeder Blog-Beitrag hatte im Schnitt 4-5 Verweise (engl. links) zu andern elektronischen Veröffentlichungen, d.h., dass etwa 200 Verweise eliminiert werden mussten. Dennoch wird das aBuch als Mehrwert angesehen, da es früher als verstreut wirkende Beiträge in physikalischer Nähe präsentiert. Dass die Nachveröffentlichung etwa neun Monate in Anspruch nahm und bei Verlagsmitarbeitern und Autoren viel Detailarbeit auslöste, wird alsbald vergessen sein. Typisch war, dass die erste Auflage einen Monat nach Erscheinen vergriffen war. Bis dass ein Nachdruck vorlag, war des aBuch bei Amazon und allen andern Buchhändlern als nicht lieferbar vermerkt. 

Digitales Lesen 

Die Goldene Zeit des Lesens sei angebrochen, schreibt Schmundt. Dem kann ich nur beipflichten. Anstatt seinen Rucksack mit schweren Büchern zu beladen, kann man heute überall auf Touren und Reisen so viel lesen, wie man will. Man kann Musik oder Hörbücher beim Jogging oder Bergwandern konsumieren. Die Vorrausetzung ist natürlich, dass einem der Strom nicht ausgeht. Dafür können Akku Packs oder solargetriebene Ladegeräte hilfreich sein. 

Mein stärkster Beweggrund für digitales Lesen ist die schnelle Verfügbarkeit. Sehe ich irgendwo einen Hinweis auf einen interessanten Artikel oder ein neues Buch, habe ich das Opus innerhalb von 10 Minuten auf meinem iPad. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob das Dokument kostenlos oder kostenpflichtig ist. Bei einem Buch kann ich stets die ersten 30-50 Seiten lesen, ehe ich mich entscheiden muss, ob ich zahle oder nicht. Der zweite Grund ist das Gewicht. Ich kann das iPad Air in einer Hand halten, auch wenn ich in einem Buch lese, das über 1000 Seiten hat. Der dritte Grund sind Schriftgröße und Beleuchtung. Ich passe die Schriftgröße an, so wie es mir gefällt und kann im Dämmerlicht weiterlesen, wo ich gerade bin. Für mich ist stundenlanges Lesen jetzt überhaupt erst möglich geworden, insbesondere wenn ich rücklings auf dem Sofa liege. Dass Lesen dadurch weniger sinnlich sei, und dass man flüchtiger lese, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Bei mir ist eher das Gegenteil der Fall. 

Ich habe in den letzten 3-4 Jahren monatlich 2-3 eBücher gelesen, aber kein einziges aBuch. Das gleiche gilt für längere Fachartikel. Kurze zwei- bis vierseitige Zeitungsartikel lese ich fast täglich, und zwar aus diversen eZeitungen (FAZ, Süddeutsche, Welt). Aktuelle Nachrichten erscheinen automatisch auf dem Display meines iPhone. Dasselbe gilt für eBriefe (engl. eMails). Dazu lese ich jedes Wochenende den SPIEGEL in elektronischer Form von vorne bis hinten. Fast regelmäßig lese ich Blog-Beiträge eines amerikanischen Kollegen, die in wöchentlichem Rhythmus erscheinen. 

Als eine Überraschung meinerseits möchte ich die vielen Videos im SPIEGEL hervorheben. Sie illustrieren nicht nur die Textberichte, besonders in den Kriegsgebieten, sie können auch zu ganz unerwarteten Erfahrungen führen. Dies geschah z. B. beim Verweis auf einen Blog, der von Ethnologen im Amazonasgebiet betrieben wird. In ihm wurden mehrere ursprüngliche Kontakte mit unentdeckten Ureinwohnern filmisch dokumentiert. Auf zwei Nebeneffekte möchte ich ebenfalls hinweisen. Unser spezieller Mülleimer für Papier, der früher jede Woche randvoll war, bleibt inzwischen leer. Meine Schrankwände und Regale, die mit Büchern und Zeitschriften vollgestopft sind, können schon lange keine Neuerwerbungen mehr aufnehmen. Bei meinen Versuchen, die jetzigen Inhalte zu verschenken, hatte ich ein einziges Mal Erfolg. Eine Fachhochschule aus der Nähe fand sich bereit, die zwei Meter einer Fachzeitschrift zu übernehmen, wo der Bestand die Jahre 1963 bis 2013 vollständig umfasste. Alle anderen Versuche, aBücher oder aZeitschriften zu verschenken, schlugen fehl. 

Dass man endlich den Begrenzungen der Gutenberg-Galaxie entronnen ist, wird klar, wenn man eine Referenz zu einem Artikel oder Buch anklickt. Man bekommt nicht nur einen vagen Hinweis auf eine andere Publikation, die man erst im Regal einer Bibliothek suchen muss, aus der man, wenn es möglich ist, den Artikel oder Abschnitt kopieren kann, auf den Bezug genommen wird. In der Post-Gutenberg-Welt, die ich mit Internet-Galaxie bezeichnen möchte, klickt man und hat direkt den Artikel, das Buch, das Bild oder das Video, von dem die Rede ist. Das ist ein Sprung wie von der Pferdekutsche zur Raumsonde. Zur Illustration: Eine Bachelor-Arbeit, die in diesem Monat an einer süddeutschen Hochschule eingereicht wurde, enthielt 14 Referenzen, acht davon führten in die Internet-Welt, sechs in die Gutenberg-Galaxie. Nur in diesen sechs Fällen musste man sich physikalisch in Bewegung versetzen, um an das Material zu kommen. 

Angebote an digitalen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern 

Das Angebot an digitalen Medien ist in den letzten fünf Jahren ständig gewachsen. Zuerst waren es freie, alte Texte, wie sie etwa vom Projekt Gutenberg angeboten werden. Die 877 Seiten von Kants Kritik der reinen Vernunft habe ich nur deshalb gelesen, weil sie digital und kostenlos waren. Die meisten Bücher lese ich zurzeit auf der Basis des Skoobe-Angebots. Die monatliche Flatrate von 9,99 Euro erschließt inzwischen ein Angebot von über 10.000 eBüchern. Auch Schmundts Büchlein ist Teil des Skoobe-Abos. Übrigens wird darin der Kunstname Skoobe erklärt. Er entsteht, wenn man das Wort eBooks rückwärts liest. Außerhalb der durch die Flatrate verfügbaren eBücher kaufe ich weitere nach Bedarf. Ich benutze dafür meist iBook, einen Dienst der Firma Apple. Da die Abrechnung über iTunes erfolgt, ist die Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit kein Problem. Die Abwicklung ist völlig automatisch. Ich brauche mich nicht darum zu kümmern.

Heute machen eBücher angeblich 8% des Umsatzes deutscher Verlage aus. In den USA seien es 22%. In einer Vorhersage für 2018, die Schmundt zitiert, erreichen in den USA und in England aBücher und eBücher gleichhohe Umsätze. Für Deutschland, Italien und China wird ein Verhältnis von 90:10 zu Gunsten von aBüchern vorhergesagt. Japan liegt dazwischen mit 70:30. Obwohl ich von solchen Zahlen nicht allzu viel halte, frage ich mich, woher die Unterschiede kommen. Vermutlich ist in den genannten Ländern eine unterschiedliche Anhänglichkeit an Gutenbergs Welt vorhanden. Man klammert sich stärker an Altes und verbreitet Angst, wenn es um Neuland geht. Die Aktivitäten einiger deutscher Verleger scheinen dies zu bestätigen. Die lang erhoffte Wende im Zeitungswesen scheint sich endlich anzudeuten. So hat die NY Times soeben verkündet, dass sie die Schwelle von einer Million zahlender Online-Nutzer überschritten hat. 

Zur Digitalisierung von Bibliothekbeständen 

Schmundt beschreibt ausführlich die Fortschritte, die in den letzten 40 Jahren erzielt wurden, im Hinblick auf die Bereitstellung von eBüchern. Er erinnert an Michael Hart, einen Mathematiker der Universität von Illinois, der 1971 das Projekt Gutenberg startete, das inzwischen 46.000 Texte von Klassikern digitalisiert hat, darunter etwa 700 deutsche Titel. Während dieses Projekt uneingeschränkte Zustimmung erhält, hatte es die Firma Google erheblich schwerer. Google Books begann 2005 mit einer Spende an die Library of Congress, um seltene und einmalige Dokumente zu digitalisieren. Später arbeitete Google mit fast allen großen Bibliotheken der Welt zusammen, um Bücher einzuscannen, deren Nutzung frei war. Ein Beispiel war die Bayrische Staatsbibliothek in München. Bis Anfang 2011 hatte Google über 20 Millionen Bücher digitalisiert. Als man anschließend versuchte mit Autoren und Verlagen auf der ganzen Welt Verträge zu schließen, die Goggle die Rechte an urheberrechtlich geschützten Werken einräumen sollten, wurde die Konkurrenz nervös. Sie fanden ein Gericht, dass Google zwang das Projekt zu beenden. Unter den 30 Millionen Büchern, die Google digitalisiert hat, fand auch ich bereits einige Perlen, so einen Baedecker-Reiseführer für den Mittelrhein von 1835. Der ursprüngliche Plan von Google sah vor, bis Ende 2019 etwa 130 Millionen Bücher zu digitalisieren. 

Im Jahre 2010 rief Googles Initiative Robert Darton auf den Plan, den Bibliothekar der Harvard University. In seiner Digital Public Library of America (
DPLA) will er die Arbeit von Google fortführen und verbessern, allerdings ohne Industriebeteiligung. Ähnliche Aktivitäten werden seit Jahrzehnten in Europa mit öffentlichen Mitteln finanziert. Auf Betreiben Frankreichs kam es zu einem Zusammengehen in der Europeana, einer länderübergreifenden digitalen Bibliothek von Kulturgütern. Auch einzelne Verlage wurden aktiv. So wirbt Springer in diesem Jahr mit einer Mathematics Collection, die mehr als 7000 digitalisierte Aufsätze aus der Zeit von 1929 bis 2004 enthält.  

Es ist keine Frage mehr, dass heute annähernd 100 Millionen eBücher von jedem Ort der Welt aus zugreifbar sind. Ihre Zahl ist rasant im Wachsen begriffen, wobei Neuerscheinungen eine immer größere Rolle spielen werden. Ähnliches gilt für Bilder, Hörbücher, Musikstücke und Videos. Betrachtet man ‚unendlich‘ als Synonym für den Grenzwert einer großen Zahl, so ist auch dieser Aspekt in der Vision von Jorge Luis Borges längst Realität geworden.
 

Ungereimtheiten und Merkwürdigkeiten 

Es steht außer Zweifel, dass der Online-Publikationsmarkt noch deutliche Zeichen der Unreife zeigt. Das Problem der Raubkopien, das die Musikbranche fast in den Ruin trieb, verursacht immer noch eine Art von Angststarre. Formate und Sicherheitsmethoden können für Verwirrung sorgen. Stichwort: Digital Rights Management (DRM). Als Folge davon ist eine Fernleihe zwischen Bibliotheken für aBücher zwar Gang und Gäbe, für eBücher jedoch ausgeschlossen. Es ist dies eine Perversion, die keinem normal denkenden Menschen einfallen kann. So wie bei Software erhält der Käufer eines eBuchs nur Nutzungsrechte. Er kann das Produkt weder verkaufen, verschenken noch vererben. Im Hinblick auf die Probleme, die ich habe, um mich von aBüchern zu trennen, sehe ich dies allerdings nicht nur als Nachteil an. 

Mich stört es, dass eBücher in der Regel als Nur-Lese-Dokumente behandelt werden. Sehr gerne würde ich persönliche Kommentare einfügen oder Zitate kopieren. Dass auch andere Nutzer dies als Manko erkannt haben, beweist Sascha Lobo. Sein Vorschlag, Social Books genannt, will dieses Problem zusammen mit deutschen Verlegern angehen. Ich hoffe, dass er Erfolg hat.
Manche Verlage blockieren Skoobe. Sie weigern sich eBücher ausleihen zu lassen, etwas was für aBücher undenkbar ist. Es gilt für eBücher dieselbe Form der Preisbindung wie für aBücher. Die Produkte gelten jedoch nicht als Kulturgüter, die einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz genießen. Wo Verleger noch keine klare Strategie bezüglich digitaler Produkte besitzen, können dies Bibliothekare und Buchhändler kaum ausgleichen. Leider ist dieser Zustand nicht neu. Etwa 30 Jahre gingen ins Land, seit ich mich zum ersten Mal als Außenstehender mit  Problemen des Verlagswesens befassen durfte. Der Berg an Problemen scheint nicht wirklich kleiner geworden zu sein.

Nachtrag vom 21.8.2015

Meine Erfahrungen in der Software-Industrie veranlassen mich, auf folgende ökonomischen Überlegungen hinzuweisen. Ähnlich wie bei Software ist es auch bei eBüchern zweckmäßig zwischen der Anbietung als Produkt oder als Dienstleistung (engl. service) zu unterscheiden. Man kann ein Produkt von ähnlichen oder gleichen Gütern abtrennen und reproduzieren. Ein Produkt kann man verkaufen, d.h. jemandem das Besitzrecht übertragen. Man hat fixe oder einmalige Kosten für die Ersterstellung, auch Entwicklung genannt, und variable Kosten für die Reproduktion, Vertrieb, Verteilung und Wartung. Eine Dienstleistung ist meist einmalig und zentral, es sei denn sie wird aus Effizienzgründen repliziert, etwa um Kommunikationskosten zu sparen. Es wird kein Eigentumsrecht übertragen, sondern nur der Zugriff ermöglicht. Es wird ein Nutzungsrecht eingeräumt. Es gibt fixe Kosten für die Entwicklung und Installation und laufende Kosten für Vertrieb, Betrieb und Wartung.
Obwohl Bibliothekare meist als Dienstleister denken (Beispiel Fernleihe), sind Verlage und Buchhändler von aBüchern her das Produktdenken gewohnt. Sie bemühen sich daher eBücher in dieses Korsett zu zwängen. Dies führt dann zu solch skurrilen Formen wie speziellen Lesegeräten nur für eBücher eines einzigen Lieferanten. Die natürlichste Form, sowohl für Software wie eBücher, ist das zentrale Vorhalten einer einzigen Kopie als Dienstleistung im Netz, wobei die Kosten über den Verkauf von Zugriffsrechten abgedeckt werden. Sich stattdessen mit Netz- bzw. Gerätepauschalen oder Werbeeinnahmen über Wasser zu halten, ist ein Ausweichen, wo und wann immer der Wert des eigentlichen Dienstes (noch) nicht als signifikant genug anerkannt wird.

Kommentare:

  1. Soeben schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    letztes Wochenende hatte ich eine sehr angeregte Diskussion über den Unterschied zwischen emotionalen und kognitiven Erlebnissen. Die an der Diskussion beteiligten 'artiste peintre' redeten emotionalen Erlebnissen das Wort. Nach deren Vorstellungen gilt das sowohl für den Prozess der Entstehung als auch für die Betrachtung eines Gemäldes. Auf die Frage, was sie von kognitiven Erlebnissen halten, antworteten sie mit der Gegenfrage, was das denn sei.

    Um den Unterschieds zwischen dem emotionalen und kognitiven Inhalts eines Gemäldes zu erklären, ist mir eine Parabel eingefallen, die der Diskussion einen zusätzlichen Rahmen gegeben hat: Wird ein Bild als Resultat einer Komposition aufgefasst, kann es menschliche Emotionen des Malers und des Betrachters bewirken. Wenn jedoch ein Bild als Puzzle vieler Elemente aufgefasst wird, oder wie in einem Puzzlespiel vorliegt, ergibt sich ein kognitives Erlebnis, wenn es gelingt ein Gesamtbild in der Vorstellung entstehen zu lassen, das mittels der zusammengesetzten Teile symbolischen Sinn ergibt. Gustav Klimt scheint mir ein Beispiel eines Malers zu sein, dessen Bilder sowohl emotionale als auch kognitive Erlebnisse vermitteln.

    Die Parabel eignet sich auch, die Komposition einer Symphonie oder eines Buches zu erfassen bzw. zu erleben. In dieser Hinsicht hat Gutenbergs Technologie wesentlich dazu beigetragen, dem geschriebenen Wort, speziell der Bibel, zu zusätzlicher Symbolkraft für erweiterte Bevölkerungskreise zu verhelfen. Die Herstellung und Verbreitung digitaler Bücher scheint wohl eher dem Handel des geschriebenen Wortes (z.B. Amazon) zu dienen. Die allzeitliche und allräumliche Verfügbarkeit elektronischer Medien erschwert es meines Erachtens eher, aus der unglaublichen Vielzahl der Bücher diejenigen herauszufinden, deren symbolischer Sinn das Lesen wert ist.

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    1. Ihr letzter Satz ruft zum Widerspruch hervor. Wollen Sie etwa sagen: Macht nur das Suchen und Finden von Büchern (und andern Gütern) schwer und schon werden sie mehr geschätzt. Wertsteigerung durch künstliche Verknappung ist es ja, was manchem bösen Kapitalisten unterstellt wird. Ich befürchte, Sie begeben sich damit auf das Gebiet der sozialpolitischen Mythen.

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    2. Mit der Aussage „aus der unglaublichen Vielzahl der Bücher diejenigen herauszufinden, deren symbolischer Sinn des Lesens wert ist“ wollte ich nicht sagen, dass durch eine künstliche Verknappung eine Wertsteigerung eines Buches erzielt werden kann. Das trifft sicher für einen Barrel Öl zu, aber nicht für 'Produkte' der Kategorie 'Kulturgut'. Vielmehr wollte ich sagen: Die Einschätzung des symbolische Wertes eines Buches ist eine individuelle schwierige Angelegenheit. Ein Buch stellt sich für mich dann als 'wertvoll'
      heraus, wenn es Elemente bzw. Teile enthält, nach denen ich suche, um mein kognitives Weltbild in meinem Gehirn zu vervollständigen. Ich versuche ein Buch danach einzuschätzen, ob es möglicherweise Puzzleteile enthält, die zu unfertigen Bildern in meinem Gehirn passen könnten. Traditionelle Bücher und E-Bücher unterscheiden sich in dieser Hinsicht überhaupt nicht.
      Meine missverständliche Aussage bezog sich auf die Vielfalt und nicht auf die Quantität der Buchangebote. Zum Beispiel halte ich die Vielzahl der Angebote, die ein glückliches Leben ohne persönlichen Aufwand versprechen, für Schrott. Viele Publikationen, die ökonomische/politische Themen behandeln, halte ich für wenig wertvoll, wenn sie nur traditionelle 'sozialpolitische Mythen' wiederkauen und nichts dazu beitragen, existierende Krisensituationen zu adressieren.
      Aber wie gesagt, Einschätzungen sind eine individuelle Angelegenheit.

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  2. Gestern schrieb Hilmar Schmundt aus Berlin:

    habe gerade auf Twitter auf Ihr Blog verwiesen, danke für die kritischen Hinweise. Borges ist auch für mich immer eine große Inspiration gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass in Harvard und Lausanne an seinem Werk weitergeschrieben wird – ganz real. Haben Sie Lust, ihren Blick auf das Buch auf Amazon einzukopieren zur Information der Leser? Finde das teils sehr hilfreich, um ein Buch besser einschätzen zu können [Werde ich demnächst machen]

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    1. Hier meine 'Rezension' bei Amazon:

      Johannes Gutenberg hat bereits 1835 seinen Platz in der deutschen Ruhmeshalle in Kehlheim an der Donau gefunden. Ich wage es anzumerken, dass wir uns seit etwa 50 Jahren in einer Post-Gutenberg-Welt befinden. Wer von einer zusätzlichen Spirale der 500 Jahre alten Gutenberg-Galaxie spricht (wie der Autor dieses Buches), hat offensichtlich nicht verstanden, was geschehen ist oder er will es nicht wissen.

      Auch Gottlieb Daimlers Zeitgenossen sahen den Automobilbau als Seitenzweig des Kutscherhandwerks an. Gutenbergs Ziel war es, die massenhafte Reproduktion von Texten zu vereinfachen. Gemälde, Musik oder Theateraufführungen interessierten ihn nicht. Er veränderte nur wenig an der Chemie, also der Papierherstellung aus Lumpen oder der Erzeugung von Druckertusche. Er kümmerte sich primär um die Physik der Reproduktion und fand eine neue Verwendung für Weinpressen.

      Für die Bücher von Heute und Morgen werden weder gebleichte Lumpen (Hadern) noch zu Faservlies (Pulpe) geraspeltes Holz benötigt. Es entfallen die Druckerpressen und die Lastwägen und Austräger für den täglichen Transport von Papierbergen quer durch Deutschland und auch die Mülltonnen zum anschließenden Einsammeln derselben Massen. Wir kommen nämlich heute im Grunde mit dem Original aus, einer einzigen Kopie für die ganze Welt. Wir machen einfach das Original eines Dokuments zugänglich für Jedermann. Texte, Bilder, Zeichnungen, Musik und Reden werden nicht mehr als Kopien auf einem Trägermedium verteilt. Es wird nur der Zugriff im Netz gewährt. Wie bei Papier, so zahlt mal der Ersteller des Dokuments (z.B. bei Werbeschriften aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft), mal der Nutzer (mit abnehmender Tendenz). Das Ganze geht ganz ohne Chemie und Physik und ohne Gutenbergs Erfindung. Papier kann endlich humaneren Zwecken zugeführt werden, etwa zum Entfernen körperlicher Exkremente (aus Nase und After).

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  3. Soeben schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Borges hatte wohl keine Bibliothekare im Sinn, die „verwirrt reagieren, wenn sie mit neuen Technologien konfrontiert werden“. Ich sehe in Borges' Fiktion die Metapher, dass alle Menschen versuchen, ihre individuellen Lebensgeschichten zu schreiben und in die 'Bibliothek aller Bücher' zu stellen. Beim Schreiben verhält sich jeder Mensch gleichzeitig wie ein Bibliothekar auf der Suche nach dem 'Buch aller Bücher'. Das Schreiben und die Suche stellt sich als eine unendliche Geschichte heraus.

    Folgende Zitate Borges' haben mich zu meiner Interpretation veranlasst:
    - In der ungeheueren Bibliothek gibt es nicht zwei identische Bücher.
    - Wie alle Menschen der Bibliothek bin ich in meiner Jugend gereist; ich habe die Fahrt nach einem Buch angetreten.
    - Der Mensch, der unvollkommene Bibliothekar, mag ein Werk des Zufalls oder böswilliger Demiurgen sein; das Universum, so elegant ausgestattet mit Regalen, mit rätselhaften Bänden, mit unerschöpflichen Treppen für den wandernden und mit Latrinen für den sesshaften Bibliothekar, kann nur Werk eines Gottes sein.

    In meiner Vorstellung schreibt die Natur das 'Buch aller Bücher'. Dieses Buch entsteht in einem fortlaufenden evolutionären Prozess. Die Bibliothek der Natur umfasst alle Bücher, die die Vielfalt aller physikalischen, biologischen und geistigen Phänomene beschreiben.

    Borges' Vorstellung, dass ein Buch „aus den Buchstaben MCV bestand, in perverser Wiederholung von der ersten bis zur letzten Zeile“(“ein reines Buchstabenlabyrinth“), lässt sich dahingehend erweitern, dass biologische genetische Programme aus den vier Buchstaben UCAG bestehen. Von perverser Wiederholung der Buchstaben kann in diesem Fall keine Rede sein; wohl aber davon, dass die 'Bibliothekare' diese Bücher noch längst nicht verstehen (ein äußerst schwieriges Puzzle).

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