Samstag, 30. April 2016

Mittelalter als Spiegel, mal aus muslimischer, mal aus christlicher Sicht

Zwei Bücher, die ich beide in den letzten Wochen las, versetzten mich ins Mittelalter, genau genommen ins 14. Jahrhundert. Durch den SPIEGEL wurde ich aufmerksam gemacht auf Erich Follaths Buch Jenseits aller Grenzen  ̶  Auf den Spuren des großen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam (2016, 529 S.). Schon lange war mir der Titel von Barbara Tuchmans Bestseller Der ferne Spiegel  ̶  Das dramatische 14. Jahrhundert (2010, 751 S.) bekannt. Das englische Original erschien bereits 1978. Es hieß A Distant Mirror: The Calamitous Fourteenth Century. Es gilt als moderner Klassiker der Geschichtsschreibung. Tuchmans Stil hat viele Nachahmer gefunden. Ein sehr bekannter ist Umberto Eco mit Der Name der Rose. Da das Buch als Teil meines eBuch-Abos zur Verfügung stand, habe ich es jetzt gelesen. Die Handelnden in beiden Büchern waren Zeitgenossen. Ich finde daher eine Gegenüberstellung sehr reizvoll. Gerade jetzt, wo der Islam oft Anlass von Sorge und Kritik ist, wirkt der Vergleich direkt beruhigend.

Islam als Religion des Fortschritts und der Völkerverbindung

Ich kannte Ibn Battuta schon lange dem Namen nach. Er hatte nicht viel später als Marco Polo eine ähnlich bemerkenswerte Reise gemacht. Das Buch von Follath erzählt nicht nur die Reise nach. Der Autor besucht einige der Orte und beschreibt die heutige Situation. Der Anlass von Ibn Battutas erster Reise war eine Wallfahrt nach Mekka. Die Strecke von Tanger, seiner Heimatstadt bis Tunis, legte er allein zurück. Das war eine äußerst unangenehme Erfahrung. Von Tunis bis Kairo schloss er sich daher einer Pilgergruppe an. Dabei bekam er das Amt des Richters (Kadi) anvertraut, weil er aus einer Familie von Richtern stammte.

Nachdem er die Großstadt Kairo lange genug genossen hatte, versuchte er allein weiterzureisen, und zwar nilaufwärts, um über das Rote Meer direkt nach Mekka zu gelangen. Das erwies sich als sein zweiter Fehler. Er musste umkehren und begab sich zunächst nach Damaskus. Hier traf er auf die Hochblüte islamischer Kultur und Wissenschaft. Regelrecht begeistert stürzte er sich in das Studium bei angesehenen Religions- und Rechtsgelehrten. Ähnlich wie heutige Studenten bemühte er sich Scheine zu sammeln, weil dies für seinen anvisierten Beruf als Richter wichtig war. Er schloss sich schließlich einer gut organisierten Gruppe an, die auf dem Landweg nach Mekka pilgerte.

Anstatt sich anschließend wieder in Richtung Maghreb zu bewegen, schloss er sich Pilgern an, die ostwärts in Richtung Bagdad reisten. Er blieb aber nicht lange in Bagdad und Nadschaf, sondern zog über Basra nach Shiraz. Es ist dies die Stadt, wo auch heute noch die berühmten Poeten Sadi und Hafiz verehrt werden. Nach einem Abstecher an den Persischen Golf (Dubai) und Ostafrika (Mombasa) reiste er schließlich wieder nach Norden. In Kleinasien verließ er das hauptsächlich von Muslimen besiedelte Gebiet und gelangte an den Hof des Kaisers in Konstantinopel. Hier übernahm er eine diplomatische Mission in die Hauptstadt des Großkhans der Goldenen Horde. Das war Sarai an der unteren Wolga. Dort traf er auf eine Tochter des oströmischen Kaisers, die zur Geburt ihres Kindes zurück nach Konstantinopel wollte. Für sie wurde ein Begleiter gesucht. Er ließ sich mit dieser diplomatischen Aufgabe höchsten Vertrauens betrauen.

Als er ohne die Prinzessin wieder zurückkam, musste er sich eine neue Aufgabe suchen. Vom da ab war es sein Ziel nach Indien zu gelangen, wo die muslimischen Herrscher den Ruf hatten, sehr großzügig gegenüber Fachleuten und Beamten zu sein, die aus der muslimischen Welt kamen. Nach einem Zwischenstopp in Samarkand, bot er sich beim Sultan von Delhi für einen lebenslangen Dienst an. Er wurde angenommen und diente sieben Jahre als Richter für die Hauptstadt Delhi.

Er hatte sich innerlich bereits losgelöst, als ihm der Sultan die Leitung einer Handelsdelegation nach Hangzhou in China anvertraute. Bei einem Schiffsunglück bei der Abfahrt von der südindischen Küste ging das Personal der Delegation mit allen Geschenken verloren, nur er überlebte. Er traute sich nicht zurück nach Delhi, sondern begab sich auf die Malediven. Auch hier war der Islam die staatstragende Religion, allerdings eine sehr primitive Form. Nach einigen Jahren organsierte er dann eigenmächtig eine Weiterreise nach China. Über Java und Sumatra gelangte er schließlich nach Hangzhou, das damals als größte Stadt der Welt und als Handelsmetropole Chinas galt. Überall in Ostasien traf Ibn Battuta auf muslimische Händler. In Hangzhou lebten sie in einen Stadtteil zusammen. Auch Juden und Christen verfügten über je einen eigenen Stadtbezirk.

Bei der Rückreise erlebte er das Wüten der Pestepidemie. Sie war gleichzeitig in mehreren Ländern ausgebrochen. Er kam über Sardinien nach Spanien, wo die Muslime sich auf dem Rückzug befanden. Nur Granada war noch in ihren Händen. Er kehrte schließlich nach Marokko zurück und unternahm von dort noch eine Sahara-Reise. Schließlich überzeugte ihn der Emir von Fez seine früheren Reisen zu dokumentieren. Das Buch bekam den Titel Die Reise (arabisch Rihla). Alle Jahreszahlen sind der beigefügten Tabelle zu entnehmen.



Europa im Streit zwischen Papst, Fürsten und Bürgern

Das Bild, das Barbara Tuchman vom mittelalterlichen Europa zeichnet, kann kaum negativer sein. Ihr Held ist ein Adeliger aus der nordfranzösischen Picardie. Das ist die Gegend um Soisson und Laon. Er hieß Enguerrand VII. von Coucy (im Folgenden kurz Coucy genannt). Zwei langanhaltende Auseinandersetzungen bestimmten die Epoche. Es war einmal der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich, andererseits das päpstliche Schisma, eine Zeit, in der zwei Linien von Päpsten sich um die Führung des christlichen Europas stritten. Als ob das nicht schon genug wäre, gab es noch Aufstände von Bauern und Bürgern und die Pestepidemie, die alle Volksschichten gleichermaßen traf.

Der Hundertjährige Krieg erhielt diesen Namen einige Hundert Jahre später von Historikern. Alles begann mit Eleonore von Aquitanien (1122-1204), die in erster Ehe den französischen König Ludwig VII. und in zweiter Ehe Heinrich Plantagenet heiratete, der dann als Heinrich II. englischer König wurde. Daraus leiteten die späteren englischen Könige nicht nur ein Recht auf Aquitanien ab, sondern erhoben auch Anspruch auf den französischen Königsthron. Als Philipp VI. aus dem Hause Valois französischer König wurde, wurde dies von Eduard III. von England angefochten.

Mit Eduards Einfall in Nordfrankreich begann eine nicht enden wollende Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen mal die Engländer, mal die Franzosen die treibende Kraft waren. Historisch bedeutend, und in vielfacher Hinsicht interessant, ist die Schlacht von Crécy (an der Somme), bei der Philipp VI. von Frankreich eine katastrophale Niederlage erlitt. [Auch in meiner Geschichte des Hauses Luxemburg spielt sie eine große Rolle.] Diese wurde fast noch übertroffen, 10 Jahre später, durch die Niederlage von Poitiers, bei der der französische König Johann II. in englische Gefangenschaft geriet. Hier setzt die Geschichte von Coucy ein, der als 15-Jähriger an dieser Schlacht teilgenommen hatte.

Coucy gehörte zu den 50 Geiseln, die Frankreich außer einem Lösungsgeld stellen musste, um den König freizubekommen. Der sechsjährige Aufenthalt hatte für Coucy die angenehme Nebenwirkung, dass er eine Tochter Eduard III. als Frau mit nach Hause nahm. Seine Loyalität galt fortan sowohl England wie Frankreich, da er auf beiden Seiten des Kanals Grundbesitz und Adelstitel besaß.

Im Auftrag des französischen Königs kämpfte Coucy zunächst auf Seiten des Papstes in Oberitalien. Bald darauf führte er einen Haufen von vagabundierenden Kämpfern ins Elsass und in den Aargau, um Habsburg zu schaden. Dort lernte er jedoch die Stärke der schweizerischen Landkrieger kennen. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte und allein nach England zurückgekehrt war, entschied sich Coucy auf seine englischen Titel und Besitztümer zu verzichten. Er wollte nur noch der französischen Sache dienen. Er eroberte die Normandie für Frankreich und beteiligte sich an der Niederschlagung von Bürgeraufständen im flandrischen Gent und in Paris. Nach dem Tod seiner englischen Frau heiratete er eine Tochter des Grafen von Lothringen. Ein geplanter Feldzug zur Eroberung Englands kam nicht zustande, weil der Herzog von Berry sich dafür nicht interessierte. Seine Kunstsammlungen hatten Vorrang. König Karl VI. verbrachte die letzten Jahre seines Lebens im Wahnsinn.

Auf Wunsch genuesischer Kaufleute beteiligt sich Coucy an einer Strafexpedition an die tunesische Küste. Sie galt den Franzosen als Abenteuer mit religiösem Vorwand, als Mini-Kreuzzug. Sie wurde nach neun Wochen beendet. Beide Seiten sahen sich als Sieger. Schließlich bat Kaiser Sigismund Frankreich um Unterstützung gegen das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan. Als die Belagerer der bulgarischen Festung Nikopol (an der unteren Donau) von einem türkischen Entsatzheer geschlagen wurden, war Coucy unter den Gefangenen, für die Lösegeld verlangt wurde anstatt sie zu töten. Nach einem wochenlangen Fußmarsch nach Gallipoli an den Dardanellen wurde er vier Monate später nach Bursa verlegt. Dort macht er sein Testament und starb im Alter von 57 Jahren. Sein einbalsamierter Leichnam wurde nach Frankreich gebracht. Die Burg von Coucy, die als eine der imposantesten in ganz Frankreich galt, wurde 1917 auf Befehl von Erich von Ludendorff gesprengt.

Glaubens- und Kirchenspaltungen

Bereits 1304 hatte der französische König Philipp IV. den Papst dazu gezwungen, seinen Amtssitz nach Avignon zu verlegen. Er wollte ihn nicht der Willkür italienischer Städte-Politik überlassen. Mit Hilfe des Papstes gelang es ihm, den wie ein Staat im Staat auftretenden Templerorden zu verbieten und dessen Vermögen zu konfiszieren. Als die italienischen Kardinäle einen eigenen Papst wählten, spaltete dies das westliche Christentum. Der Zustand wurde auch abendländisches Schisma genannt und endete 1418 mit dem Konzil von Konstanz. Die beiden Päpste versuchten durch Ämterverkauf (Simonie) ihre Einkünfte zu verbessern und übertrumpften sich im Luxus. Hinter Urban VI. stand ein Teil der italienischen Städte, sowie der deutsche Kaiser und der englische König. Die Unterstützung Klemens V. beschränkte sich auf den französischen König und seine Vasallen. Parallel dazu trat in England mit John Wyclif ein früher Vorläufer Martin Luthers auf. Genau wie Luther über 100 Jahre später propagierte Wyclif die Benutzung der Bibel in der Landessprache sowie die Loslösung von Rom. Eine spezielle Ausdrucksform mittelalterlicher Hysterie war das Hexenwesen. Seine Verfolgung war vielerorts Sache der Kirche (Inquisition).

Ibn Battuta war von Herkunft und Ausbildung her ein Anhänger der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams. In Nadschaf, Basra und Shiraz hatte er zwar die schiitische Richtung kennengelernt. Er sah sie teils als unbedeutenden Zweig an, teils als sehr der Kunst und den Freuden des Lebens zugewandt (besonders in Shiraz).

Pest als gemeinsames Schicksal

Sowohl Coucy wie Battuta erlebten den Ausbruch der Pest, durch die in Städten wie Kairo, Paris und Florenz bis zu einem Drittel der Bevölkerung hingerafft wurde. Ihr erstes Auftauchen in Europa war auf einem genuesischen Schiff im Hafen von Messina, das von der Krim kam. Sie verbreitete sich über ganz Europa, mit der Ausnahme von Böhmen und Russland. Die Wissenschaftler der Universität Paris sahen die Ursache in der Konstellation von Saturn, Jupiter und Mars. Das Volk glaubte an den Zorn Gottes. Nur der Arzt von Papst Klemens VI. schien die richtige Vermutung zu haben. Er riet dazu sich immer zwischen zwei Feuern aufzuhalten (was unter anderem Ratten und Flöhe abhielt, die ja viel später als Wirtstiere identifiziert wurden).

Aufgrund der offensichtlichen Ohnmacht der Mächtigen und sogar der Kirche verbreiteten sich große Sorgen und Ängste bezüglich der Zukunft der Menschheit. Im Abendland suchte man die Schuld bei den weit verzweigt lebenden jüdischen Gemeinden. Es kam zu den grausamsten Pogromen, so in Narbonne, Carcassonne, Basel, Worms, Mainz und Erfurt. Eine andere Folge war ein Auswuchs von Todeskult gemischt mit Lebensgenuss und pervertiertem Luxus. Es scheint, dass in der muslimische Welt das Pendel weniger extrem ausschlug als auf christlicher Seite.

Auflösung der Gesellschaft, Brigantentum

Die Pariser Kaufleute und Handwerker forderten immer mehr Rechte vom König und hatten Erfolg. Als Nachwehen der englischen Angriffe machten sich räuberische Banden breit, so genannte Kompanien, meist bestehend aus Engländern und Gasconen. Dieses Brigantentum erstreckte sich von der Kanalküste bis in die Provence. Das Königreich sei aus den Fugen, schrieb ein Jean de Venette (einen Ausdruck benutzend den Shakespeares Hamlet später berühmt machte). Chaos habe obsiegt, die Ordnung verschwinde. Papst Urban VI. erließ eine Bulle gegen das Brigantentum, allerdings in Italien. Hier kämpfte der Engländer John Hawkwood als Landknechtshauptmann (it. condottieri) für italienische Stadtstaaten, mal diesen, mal jenen.

Die Bauern (in Frankreich ‚villaines‘ oder ‚jaques‘ genannt) waren fast alle Leibeigene. Viele lebten unter einer Armutsgrenze, die durch den Besitz eines eigenen Pfluges (daher Pfluggrenze) definiert wurde. Einer der ersten Aufstände (Jaquerie genannt) erfolgte in der Picardie (in Soisson, Laon und Senlis). Diese richteten sich gegen Adel und Klerus, nicht jedoch gegen den König. Sie wurden alle blutig niedergeschlagen. Ihre Anführer wurden qualvoll getötet.

Kriegerischer Zusammenstöße der Religionen

Coucy erlebte auch die kriegerische Form des Zusammenstoßes der beiden Religionen. War es an der Küste von Tunis noch ein ritterliches Abenteuer, kostete ihn der Einsatz auf dem Balkan schließlich das Leben. Ibn Battuta blieben diese Erfahrungen erspart.

Die militärischen Misserfolge der französischen Ritter hatten teils technische, teils organisatorische Gründe. Die Engländer besaßen mit ihren Langbögen eine Waffe, die bezüglich Treffgenauigkeit, Reichweite (250 m) und Schussfrequenz (10 Pfeile pro Minute) den genueser Armbrustschützen, die in französischen Diensten standen, hoch überlegen war. Viel schädlicher noch war die Arroganz französischer Ritter, die es nicht zuließ, dass Gemeine eine die Schlacht entscheidende Funktion bekleideten. Im Mann-zu-Mann-Kampf mit Genter Bürgern spielte dies keine Rolle. Jedoch gegenüber den Truppen des osmanischen Sultans bei Nikopol war es entscheidend.

PS. Nach dieser Lektüre ließe sich noch sehr viel über das Mittelalter sagen. Es würde aber zu weit führen.

Nachbetrachtung vom 2.5.2016

Mein Freund und Ex-Kollege Calvin Arnason (aus Portland, Oregon) bemerkte, dass er eigentlich mit einem 'zusammenfassenden Kommentar' von mir zum eigenen Text gerechnet hätte. Ich meinte durch die Gegenüberstellung der beiden Bücher schon genug Anlass zum Reflektieren gegeben zu haben. Eine Nachbetrachtung soll also her. Wieso können beide Bücher einen fernen Spiegel darstellen für unsere heutige Zeit? So frage ich mich. Wir wissen ja, wie es in der Geschichte weiter ging. Hier also ein paar Gedanken, die manchem Leser etwas weit hergeholt erscheinen mögen.

Aus europäischer Sicht war das 14. Jahrhundert wirklich ein unglückseliges, ja unheilvolles Jahrhundert (engl. a calamitous century), nicht nur ein dramatisches. Die römische Kultur hatte sich einige Jahrhunderte lang von England bis Tunesien und Persien erstreckt. Sie wurde durch die Germanen während der Völkerwanderungszeit zerstört. Die Franken unter Karl dem Großen legten um 800 eine neue Basis für das westliche Europa, die das Christentum integrierte. Danach trat man intellektuell so ziemlich auf der Stelle, wenn wir von einzelnen Koryphäen wie Gerbert d'Aurillac, Thomas von Aquin, Dante und Petrarca absehen. Wir finden im 14. Jahrhundert eine vollkommen erstarrte Gesellschaft vor, in der die fränkische Oberschicht, also der Adel, sich Macht und Gewaltmonopol gesichert hatte. Die Kirche wurde im Sinne des Adels instrumentalisiert. Ihre völkerübergreifende religiöse Aufgabe trat in den Hintergrund. Eine starke geistige Elite war nicht erkennbar. Adel, Kirche und Volk begannen sich zu reiben. Dazu kam die Pest als großer Schock. Sie erschütterte die Grundgewissheiten von Gesellschaft und Religion. Der kommende Umbruch der Gesellschaft deutete sich an. Wo es hinführte, zeigte sich allerdings erst einige Hundert Jahre später, zuerst bei der Reformation Calvins und Luthers, dann bei der amerikanischen Unabhängigkeit und danach bei der Französischen Revolution. Damit begann Europa (inkl. der USA) sich vom Rest der Welt abzusondern. Dank Wissenschaft und Technik, Demokratie, Laizismus und Individualismus verbunden mit Breitenbildung erschlossen wir uns, was wir heute die Neuzeit nennen.

Auch auf muslimischer Seite lagen die kulturellen Höhepunkte bereits Jahrhunderte zurück. Um 900 glänzte Bagdad, um 1000 Cordoba und Toledo. Man befasste sich dort unter anderem mit griechischer Philosophie und Mathematik. Dank arabischer Vermittlung kam das griechische Gedankengut nach Europa. Das war unsere Renaissance. In der islamischen Welt blieben die gesellschaftlichen und religiösen Strukturen und Gewissheiten intakt. Nur die militärischen Expansionen der Osmanen spielten eine Rolle. Nicht die Aufklärung erfasste das Geistesleben, sondern eine romantische Wendung nach Innen, mit Sufis und Derwischen (Dass Ibn Battuta hierfür besonders empfänglich war, hatte ich verschwiegen). Die Gesellschaft erstarrte. Die Muslime blieben mehr oder weniger in einer mittelalterlichen Gesellschaft gefangen. Aus heutiger Sicht erweist sich dies als großer Nachteil. Deshalb hat die muslimische Welt heute einige Probleme im Vergleich zu Europa (inkl. den USA), ja sogar zu China und Japan sowie anderen Regionen mit sich wechselnder Kultur. 

Kommentare:

  1. Ich vermisse Ihren zusammenfassenden Kommentar ueber diese Geschichte. "zu weit fuehren"? Nicht fuer mich.

    I was surprised to find in Durant's Story of Civilization: The Age of Faith - surprisingly detailed and interesting praise of Islamic culture [medicine, literature, decorative arts, textiles] 900-1300 CE. I would be interested in Bertal's "take" on any of the period he would care to write of. The schism is fascinating by itself.

    Calvin Arnason

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    1. Anstatt auf Ihren Wunsch einzugehen verweise ich Sie auf den Blog meines Kollegen Hartmut Wedekind aus Darmstadt. Dort finden Sie eine Abhandlung über die kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen von Arabern.

      https://blogs.fau.de/wedekind/das-arabische-erbe-in-wissenschaft-und-philosophie/

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  2. Robert Ottohall aus Tübingen schrieb:

    Schöner Tipp! Beide Bücher gibt es auf Skoobe, uns sie lesen sich sehr angenehm.

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