Freitag, 10. Juni 2016

Über die Folgen der demografischen Veränderungen in Deutschland

Es vergeht heute kaum ein Tag, an dem nicht über den demografischen Wandel geklagt wird. Neben dem Klimawandel ist es ein immerwährendes Thema. Beide Phänome werden quasi als die modernen Geißeln Gottes gesehen. Beide sind von Menschen verschuldet. Beide sind weltweite Phänomene. Beim Klimawandel war die vermutete Ursache der sorglose Verbrauch fossiler Energien. Beim Bevölkerungswandel hat es irgendwie mit unserem Sozialverhalten zu tun. Oft wird auch die Verfügbarkeit einer Pille, die ungewollte Schwangerschaften verhütet, als das auslösende Ereignis angesehen. Im Folgenden will ich mich weniger an der Suche nach Ursachen beteiligen, sondern die Wirkung beschreiben.

‚Normale‘ Bevölkerungsentwicklung

Noch vor 80 Jahren, also zur Zeit meiner Geburt, besaß Deutschland eine sehr regulär aussehende Bevölkerungspyramide. Dass sie auf der Seite der Männer eine Delle hatte, war die Folge des Ersten Weltkriegs. Die Frauenseite war dagegen eine gerade Linie. Solche Verläufe gibt es auch heute noch in vielen Ländern der Welt. Eine Bevölkerungspyramide wurde in den letzten Jahrhunderten als normal angesehen, wenn in jedem Alter etwa gleich viele Menschen starben, d.h. ebenso viele 10-jährige, wie 20-jährige, 30-jährige, usw. Besonders in Ländern Afrikas und des Nahen Ostens hat sich der Anteil Jugendlicher stark erhöht. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag früher bei uns bei etwa 65 Jahren. In vielen armen Ländern liegt sie heute noch unter 50 Jahren. Die Weltbevölkerung war stetig im Wachsen begriffen.

Bevölkerungsentwicklung in den reichen Ländern

Seit etwa 50 Jahren weichen etwa 12-15 Länder der Erde von der früher als normal angesehenen Entwicklung ab. Es sind dies alle OECD-Länder, d.h. alle Länder mit vergleichsweise hohem Wohlstand. Die entscheidenden Unterschiede resultieren aus einer Verringerung der Kinderzahl pro Frau, einer geringeren Sterblichkeit bei Kleinkindern und Jugendlichen und einer höheren Lebenserwartung der Alten. Alle drei Faktoren zusammen bewirken, dass die mehr oder weniger flache Pyramide sich mehr und mehr zu einem Hochhaus mit Dachspitze verformt. Die Weltbevölkerung wird demnächst ein Maximum von etwa 11 Milliarden erreichen und danach abnehmen.

Durch die geringere Zahl von Geburten rücken in Deutschland und den vergleichbaren Ländern deutlich weniger Menschen nach. Wegen der längeren Lebensdauer wird jedoch die Zahl der hier lebenden Menschen teilweise ausgeglichen. Die Gesamtzahl der zu einem gegebenen Zeitpunkt in Deutschland lebenden Menschen mag fallen oder nicht. Ob in Deutschland einmal 80 oder nur 60 Millionen Menschen leben werden, ist für mich eine ziemlich belanglose Zahl. Das Durchschnittsalter kann sich erhöhen. Ausschlaggebend sind mögliche Veränderungen, die sich durch die globalen Verteilungsströme ergeben.

Veränderte Verteilung innerhalb Deutschlands

Ehe ich auf globale Aspekte eingehe, möchte ich zunächst den Blick auf Deutschland selbst lenken. Hier findet gerade eine Umverteilung zwischen den Regionen statt. SPIEGEL ONLINE vom 29.3.2015 zeigte in farbiger Grafik die Wanderungssalden in den Jahren 2011-2013. Kurz zusammengefasst, zeigt die Karte eine deutliche Zuwanderung in den Ballungszentren München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin. Wanderungsverluste bestehen in ganz Ostdeutschland ab einem Abstand von etwa 100 km rings um Berlin, sowie in Ostwestfalen, dem Hochsauerland und auf dem Hunsrück.

Erstaunlich ist, dass diese Binnenmigration über 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung dieses ausgeprägte Ost-West-Gefälle hat. Als eine Folge davon explodieren Grundstücks- und Wohnungspreise in den Ballungszentren. In der so genannten Provinz stehen Häuser leer und die Immobilienpreise fallen. Der dort lebende Teil der Bevölkerung ist überaltert, da vor allem die Jugendlichen wegzogen. Die Versorgung ländlicher Regionen mit medizinischen und sozialen Diensten wird immer schwieriger. Dass Städte auch mehr Probleme haben werden, müsste jedermann klar sein. Sie werden jedoch kaum diskutiert.

Veränderungen der globalen Verteilung

Weltweite Wanderungsbewegungen wurden zum Beispiel im SPIEGEL 18/2016 dargestellt. Es gibt kein Land, das nicht grenzüberschreitende Zu- und Abwanderungen (internationale Migration) zusätzlich zur jeweiligen Binnenmigration zu verzeichnen hat. Es wird geschätzt, dass daran zurzeit etwa 200 Mio. Menschen beteiligt sind. Die Zuwanderung erfolgt bei einigen Staaten mehr oder weniger gesteuert, bei anderen erfolgt sie sehr spontan, d.h. man verfolgt eine Politik der offenen Grenzen. Auswanderer verlassen ihre Heimat nicht in erster Linie, um bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen für sich und die Familie zu finden, sondern weil sie Schutz vor Unterdrückung und Verfolgung suchen. Insgesamt steigt die Zahl der internationalen Migranten und Flüchtlinge weitaus langsamer an, als angesichts der fortschreitenden Integration der Märkte, der Zunahme der weltweiten Ungleichheit und der unzureichenden Sicherheit in vielen Regionen der Welt zu erwarten wäre.

Die tatsächlichen Zahlen decken sich nicht mit dem aktuell empfundenen Ausmaß des Problems. Die Zustände auf der Balkanroute oder auf dem Mittelmeer vermitteln einen anderen Eindruck. Oder anders ausgedrückt, ein Vulkanausbruch in der Eifel würde eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen als ein erneuter Ausbruch des Krakatau. Beides wären geologisch vergleichbare Ereignisse.

Wirkungen der Bevölkerungsveränderung

Die jetzt folgenden Aussagen mögen auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Sie hören sich fast wie Trivialitäten an. Nur weichen sie erheblich davon ab, was heute als unausgesprochener Konsens gilt. Manchmal sind sie auch nicht ‚politically correct‘.

Hat ein Land oder eine Region weniger Menschen, werden dort weniger Arbeitsplätze benötigt. Die Wirtschaft kann daher beliebig stark automatisieren. Das kann von Vorteil sein und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Arbeitsplätze zu schaffen ist nämlich nicht der einzige Sinn der Wirtschaft. Sie muss allerdings Kaufkraft in der Hand vieler Menschen generieren. Damit ist nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gemeint.

Wo es weniger Kinder gibt, braucht man weniger Lehrer. Eine an sich unproduktive Tätigkeit entfällt. Die Erziehung von Kindern sollte nicht das Ziel haben, das seit den  Zeiten Wilhelm von Humboldts bei uns so hoch im Kurs steht. Es müssen nämlich nicht leicht anstellbare Arbeiter oder Beamte ausgebildet werden, sondern sich selbst versorgende (Öko-) Bauern, Unternehmer oder Händler. Leider haben die vielen Redner, die das Wort Bildung dauernd im Mund führen, meist keine Vorstellung davon, welche Art der Bildung gemeint sein könnte. Wenn gefragt, fällt ihnen meist nur der Name Humboldt ein.

Was ein Land oder eine Region nicht selbst erstellen kann oder will, muss man importieren dürfen. Dabei kann es sich um bestimmte Arten von Lebensmitteln handeln, aber auch um bestimmte Rohstoffe, etwa seltene Erden. Niemand muss und kann autark sein. Eine unausgeglichene Handelsbilanz ist eine Nebensache, so lange man über eigene Kaufkraft verfügt. Sehr wichtig kann auch der Import von Dienstleistungen sein. Bei diesen kann es sich ebenso gut um Programmiertätigkeiten handeln wie um das Ausfüllen von Steuererklärungen. Viele Dienstleistungen müssen nicht vor Ort erbracht werden, andere schon eher. Das Mähen des Rasens, die Reparatur von Hausdächern oder die Betreuung von Alten und Kranken geschieht am besten vor Ort. Auch das Reinigungen von Toiletten oder das Servieren von Mahlzeiten gehört dazu. Das Vorbereiten von Mahlzeiten jedoch nicht. Deutschland hat, was die offiziellen Zahlen anbetrifft, einen riesigen Exportüberschuss. Gezählt werden meist nur Produkte. Würde man auch Dienstleistungen in die Rechnung mit einbeziehen, würde ein völlig anderes Bild entstehen.

Unabhängig davon ob einheimische Arbeitskräfte ausreichend zur Verfügung stehen oder nicht, fast immer können sich Ausländer um bestimmte Jobs bewerben. Für die Jobs vor Ort kommen allerdings nur Einwanderer in Frage. Für die aus der Ferne zu erledigenden Tätigkeiten ist nur die Sprache eine Limitierung. Noch hat es sich nicht herumgesprochen, dass man nicht Deutsch lernen muss, um für deutsche Unternehmen zu arbeiten. Es ist dies der Grund, warum unsere Wirtschaft zwar den anhaltenden Fachkräftemangel bedauert, sich aber sehr gut zu helfen weiß. Kann sie in Zukunft noch weniger Lehrlinge ausbilden als heute, wird sie trotzdem nicht untergehen.

Der Anteil deutscher Auswanderer nach den USA, Kanada oder Australien ist immer noch sehr hoch. Waren es in früheren Jahrhunderten vorwiegend ungebildete Arbeiter, so sind es heute vorwiegend Akademiker. Der Sog ist einfach vorhanden. Es macht keinen Sinn, diesen ‚Aderlass‘ zu stoppen. Die Beschäftigungsrate liegt in Deutschland immer noch deutlich unter der skandinavischer Länder. Falls wir anstreben würden, bis 2050 dieselbe Beschäftigungsrate zu erreichen, die Dänemark heute hat, würden uns (nach einer Rechnung von SPIEGEL-Autoren) nur 6% weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als heute. Nur um es klarzustellen: Länder mit einem hohem Anteil berufstätiger Frauen bezahlen dies nicht mit einer niedrigeren Kinderrate.

Immer wieder wird die Mär verbreitet, dass bis 2050 nicht genug Arbeitende vorhanden seien, um die Rente der Alten zu finanzieren. Offensichtlich wird das heutige Finanzierungsprinzip der Rentenversorgung als alternativlos angesehen. Schon heute wird davon abgeraten, sich auf das staatlich-finanzierte Rentensystem allein zu verlassen. Schon heute leben viele Senioren ohne die Unterstützung ihrer Kinder. Außerdem steigt von Jahr zu Jahr das von Eltern an ihre Kinder vererbte Vermögen.

Fazit

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen wird bald bei 90 Jahren liegen. Das ist ein Zuwachs um fast 50% innerhalb einer Generation. Es ist dies kein Grund zur Klage. Bei manchen Autoren hat man allerdings das Gefühl, dass sie den früheren Zustand als besser empfanden. Eine Republik der ergrauten Weisen und der rührigen Selbstständigen ist um Klassen besser als das einst angestrebte sozialistische Paradies. Wir erleben heute die beste aller Zeiten für die Spezies Mensch, und das nicht nur in Deutschland.

Nachtrag vom 12. 6. 2016

Es ist an sich unverzeihlich, dass ich in der ursprünglichen Darstellung die Wirtschaft fast vergessen hatte.  Zur Entschuldigung sei angeführt: Einiges dazu hatte ich vor fast zwei Jahren erzählt, und zwar unter der Überschrift ‚Demografischer Wandel aus der Nähe betrachtet‘. Unsere Wirtschaft passt sich natürlich an und nutzt das neue Geschäftspotenzial aus. Es werden immer mehr und immer größere Kreuzfahrtschiffe gebaut. Sie bedienen vorwiegend ältere Leute. Amazon testet gerade den Versand von Lebensmitteln in den USA. Ich rechne damit, dass das Experiment dazu führt, dass Amazon eine Lösung findet, die auch für Senioren nutzbar ist. Leider sehe ich bei deutschen Unternehmen wie Edeka kein echtes Interesse an diesem Markt, noch traue ich es ihnen so recht zu. Wenn ich nur an die Deutsche Post denke. Es will ihr nicht in den Kopf, dass das Abholen von Briefen bei Privaten genauso wichtig ist wie das Verteilen. Ich schreibe schon deshalb ungern Briefe, weil der nächste Briefkasten fast einen Kilometer entfernt ist.

Es steht außer Zweifel, dass die Medien enorm betroffen sind. Auch hier ist der Konsum durch Senioren überproportional. Wenn es nicht mehr Zeitungen sind, dann umso mehr Fernsehen. Auch ich sehe immer mehr Fernsehschnipsel, aber zeitversetzt auf meinem Smartphone oder Tablet. Ich lese heute pro Monat mehr Bücher als früher in einem Jahr. Diese Bücher sind zu 100% eBücher, und keine Papierbücher (also Pappisate). Das Thema Informatik-Nutzung durch Senioren hatte ich bereits vor fünf Jahren diskutiert. Alles, was ich damals sagte, stimmt auch heute. Die Entwicklung hat sich ungebremst fortgesetzt.

Übrigens habe ich letzte Woche eine Personenwaage der deutschen Marke Soehnle gekauft und installiert, die außer meinem Gewicht auch meine Bio-Impedanz misst. Darunter versteht man den Fett-, Wasser- und Muskelanteil meines Körpers. Die Messergebnisse lese ich auf meinem iPhone ab.

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