Donnerstag, 22. Dezember 2016

Berliner Weihnachtsmarkt, der Islam und wir

Der Tunesier Anis Amri hatte 2011 während des ‚Arabischen Frühlings‘ das Gefängnis in Kairouan verlassen und war über Lampedusa nach Sizilien übergesiedelt. Dort wurde er alsbald wieder straffällig und kam im Gefängnis in Palermo in Kontakt mit dem militanten Islam. Er war vorher zwar gewalttätig und handelte mit Drogen, war aber nicht radikal. Er wurde im Gefängnis radikalisiert, wie es so schön heißt. Frühzeitig entlassen, ging er 2015 nach Deutschland. Er pendelte zwischen den Bundesländern hin und her. In Berlin schlug er schließlich zu. Bei Typen wie ihm hätte man früher gesagt, er sei auf eine schiefe Bahn geraten. Er war eindeutig ein Fall für die Behörden. Heute sucht man das Problem in seiner Religion. Armer Islam! Mit Moscheen als Treffpunkte für Gescheiterte, Verzweifelte und subversive Gruppen.

Islamische oder andere Identität

Die Islamische Identität ist ein Begriff, den Hartmut Wedekind in seinem Blog mengentheoretisch bzw. logisch von der westlichen Lebenswelt abgrenzt. Ein Bürger des Maghreb oder des Nahen Ostens müsste sich von ihr lossagen, wolle er bei uns leben. Mein Eindruck ist, dass hier am Ziel vorbei argumentiert wird. Vor allem wird angenommen, dass wir alle eine Identität haben, und zwar nur eine einzige. Dem wage ich zu widersprechen. Auch bestehen zwischen diesen diversen Identitäten Überlappungen, auch wenn die Trennlinien logisch nicht allzu präzise definiert sind. Die Grenzen können verwischt sein oder die Identitäten ergänzen sich. Ein der Wissenschaft dienender Mensch kann gläubig sein, ein Buddhist oder Jude kann Weihnachten feiern. Manche mischen sich eine Art Cocktail der Identitäten zusammen. Ehe ich die Diskussion vertiefe, lasse ich zwei Freunde zu Wort kommen. Ich werde vermutlich nach den Feiertagen das Thema wieder aufgreifen.

Hartmut Wedekind aus Darmstadt schrieb dieser Tage:

Die Lektüre des Buches von Samuel Schirmbeck: Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen.- Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen (2016), ist für jeden zeit-kritischen Geist ein absolutes Muss. Hier redet einer systematisch und historisch, der auch aus langer Erfahrung in Algerien weiß, wovon er redet. Donnerwetter, ich habe einiges zum Thema gelesen, aber Schirmbeck übertrifft alle, auch in Sachen Präzision und Relevanz.

Heute schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

Mein Bedürfnis, Wissen über islam-orientierte Regime und Bewegungen zu erwerben, ist weitgehend befriedigt, nachdem ich mich mit meines Erachtens sehr aussagekräftigen Analysen befasst habe:

(1) Am Anfang des Jahres, in dem, wie Francis Fukuyama meinte, die Geschichte endete, wurde in der nordenglischen Stadt Bradford ein Buch verbrannt. Mehr als tausend Muslime waren am 14. Januar 1989 zusammengekommen, um "Die satanischen Verse" des in Indien geborenen britischen Autors Salman Rushdie den Flammen zu übergeben. Ihr Vorwurf: Beleidigung des Propheten. Am Tag danach nahm Englands größte Buchhandelskette das Buch aus den Regalen. Einen Monat später rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini zur Ermordung des Autors auf und aller, die zur Verbreitung dieses Werkes beitragen. Die zur Vollstreckung aufgeforderten Henker: die Muslime der ganzen Welt. Der Aufruf gilt bis heute.

Das Buch, das da verbrannt wurde, beschreibt eine Gesellschaft, die bislang von den "drei großen Erzählungen" orchestriert wurde: von Geschichte, Wirtschaft und Ethik, und es erzählt davon, dass die Volksmassen nunmehr durch einen "undurchdringlichen Staatsapparat" von diesen Geschichten ausgeschlossen werden. Die Folge davon ist, "dass sie ihre ethische Befriedigung in der ältesten der großen Erzählungen, nämlich der Religion, suchten". Die Frontlinien werden neu gezogen: "säkular gegen religiös, Licht gegen Finsternis".

(2) Ein Journalist hat ausführlich beschrieben, welche Ziele der IS mit welchen Mitteln verfolgt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-134097196.html

(3) In den vielen TV-Beiträgen zum Thema Religionen sehe ich keine Ansätze, wie konkrete Vorstellungen zur kurzfristigen Behebung aktueller Problemsituationen beitragen könnten. Kürzlich hat ein ‚Islam-Experte' in einem 3Sat-Kulturzeit-Beitrag behauptet, dass der Islam eine Reformation braucht, um nach heutigen Maßstäben allgemein verträglich zu werden. Er hat keine Vorstellungen zu erkennen gegeben, wie er sich das vorstellt. Er kann wohl kaum Reformationsbewegungen der christlichen Kirchen nach Martin Luthers „Hier stehe ich, ... „ im Sinn gehabt haben. Als Prediger darf Luthers Einfluss auf die Gesellschaft seiner Zeit als gering eingeschätzt werden. Luthers Vorstellungen waren jedoch Anlass, dass sich neben der katholischen Kirche evangelische religiöse Institutionen etablierten. Die Kirchenspaltung war nicht im Sinne Luthers. Sie war das Resultat der politischen Auseinandersetzungen zwischen Fürsten und dem Papst in Rom. Luther verlangte traditionell unbedingten Gehorsam zu Gott und der Obrigkeit. Er scheute sich auch nicht, im Sinne der damaligen Obrigkeit Hass gegen Hexen, Juden und Bauern zu schüren. Religiös christlich begründete Auseinandersetzungen finden noch heute in Nordirland und USA statt.



 Auf dem Weihnachtsmarkt © DER SPIEGEL

In einer 3Sat-Kulturzeit-Sendung dieser Tage hat sich ein ‚Bibel-Experte' nicht gescheut zu behaupten, dass er im „Buch der Bücher“ ausreichend Weisheiten findet, die auch die heutige 'Welt' erklären. Er hat übrigens sein Buch angepriesen und 3Sat hat sich nicht gescheut, die 'postfaktischen' Aussagen zu verbreiten. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass die einzige Hoffnung für Homo sapiens darin besteht, dass er sich um faktisches Wissen bemüht. Es geht um niemals endende Aufklärung, die erwiesenermaßen nicht gläubigen Experten und schon gar nicht Leichtgläubigen überlassen werden kann. 


Nachtrag am 24.12.2016

Inzwischen habe ich das Buch von Nicolas Hénin: Der IS und die Fehler des Westens (2016, 216 S.) gelesen. Um es vorweg zu sagen: Es hat die Erwartungen, die sein Titel weckt, nicht ganz erfüllt. Als ehemaliger Korrespondent westlicher Medien war Hénin in den Jahren 2013-2014 rund zehn Monate als Geisel in den Händen des 'Islamischen Staats' (IS). Man kann daher annehmen, dass er die Gedankenwelt der Dschihadisten besser versteht als mancher andere.

Sehr konsequent ist seine Meinung über Baschar al-Assad, dessen Regierung er nur als ‚das Regime‘ bezeichnet. Nachdem Assad im Jahre 2000 an die Macht kam, weckte er zunächst Hoffnungen. Es gab einen ‚Damaszener Frühling‘. Wenig später verschärfte er die Kontrolle durch den Geheimdienst und regiert nur noch autokratisch. Dabei gibt er sich laizistisch, d.h. alle Religionen sind gleich im Wettbewerb um seine Gunst.

Wie in einem anderen Beitrag aus anderer Sicht dargestellt, startete im September 2011 in der Stadt Dara eine Revolution. Sie war Teil einer den ganzen Nahen Osten umfassenden Bewegung, der die Bezeichnung ‚Arabischer Frühling‘ gegeben wurde. In Syrien ging es vor allem um Arm gegen Reich. Es war also eine soziale Revolution. Sie scheiterte an dem Regime und den Islamisten. Wie andere Autokraten vor ihm, so benutzte Assad die Parole ‚Ich oder das Chaos‘. 

Der Iran begleicht seit Jahren für Assad massive Waffenlieferungen aus Russland. Er selbst kooperiert mit den Extremisten (al-Nusra, IS), indem er die demokratischen Kräfte besonders stark bekämpft. Die Rebellen radikalisieren sich, weil sie (angeblich) keine oder zu wenig Hilfe vom Westen erhielten. Wenn uns sonst niemand hilft, dann bleibe nur Allah  ̶  das sei die Logik dahinter. Das Einschreiten der UNO wird durch das russische Veto blockiert.

Das Regime habe nicht nur über 200.000 Tote zu verantworten, sondern machte sich auch brutaler Folterungen schuldig. Auf das Konto des IS gingen weniger als 1000 Tote. Darüber rede der IS aber, so laut er nur könnte, und zelebriere sogar die Art der Hinrichtung. Das sei aber in Wirklichkeit ein Zeichen von Schwäche.

Wer einen asymmetrischen Krieg gewinnen will, muss die Bevölkerung gewinnen. Das ist Hénins These. Einer der dies verstanden hatte, war David Petraeus während seiner Zeit von 2008 bis  2011 als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak und in Afghanistan. Sein Ziel war es damals, die Zivilbevölkerung möglichst zeitnah mit dem Auftauchen von Soldaten spürbare Verbesserungen ihrer Lebensqualität erfahren zu lassen. Der IS ignoriere diese Strategie, weil ihm nicht wirklich an den Herzen der Menschen gelegen sei. Er muss irgendwann die Unterstützung der Bevölkerung verlieren, vielleicht durch eine Dummheit wie das generelle Rauchverbot.

Eine Lösung in Syrien müsste eine Lösung ohne Assad sein. Als erstes müsse Saudi-Arabien die Unterstützung des IS beenden. Die USA und mit ihr die Weltgemeinschaft müsse sich für ein Ende der syrischen Bombardements einsetzen, und zwar durch das Verhängen einer Flugverbotszone. Nur das würde der Bevölkerung signalisieren, dass kein IS mehr nötig ist, um die Bevölkerung zu schützen. Obwohl durch das Eingreifen Russlands die Dinge sich völlig anders entwickeln, hält Hénin an dieser Sicht fest.

Um Jugendliche aus dem Westen davon abzuhalten nach Syrien in den Tod zu wallfahrten, sollte endlich der Charakter des IS als Sekte betont werden. Er repräsentiere keine Massenbewegung, deren Verbreitung auf der ganzen Welt nur eine Frage der Zeit ist. Als eine Art Gegenbewegung sollte man einen ‚zivilen‘ Dschihad etablieren, der sich sozial und für die leidende Bevölkerung engagiert. Man sollte dies nicht den Imamen überlassen.

Ein Gutes hat die Flüchtlingsbewegung von Syrien in Richtung Europa. Sie widerlegt die Propaganda des IS, vor allem dann, wenn die Flüchtlinge freundlich empfangen werden. Der IS würde es als Erfolg ansehen, wenn wir die Flüchtlingsströme mit Gewalt stoppten. Die vom IS in Europa gelenkten Attentate befolgten den Zweck, eine Kluft zu schaffen zwischen Mohammedanern und Christen. Das Buch ist sicherlich ein Denkanstoß – so wie im Umschlagtext beworben. Ob mit dem Vorgeschlagenen gerettet wird, was noch zu retten ist, bezweifele ich. Selbst Hénin schafft es nicht, gedanklich mit der Entwicklung Schritt zu halten. Wieso erwarten wir dies eigentlich von jedem deutschen Landespolitiker?

Kommentare:

  1. Heute Morgen gegen 3 Uhr wurde Anis Amri in Mailand bei einer Personenkontrolle erschossen. Er zog vorher die Waffe und schrie 'Allahu Akbar!'

    AntwortenLöschen
  2. Dass die Polizei über 500 Leute kennt, die so ticken wie Anis Amri, ist keine sehr beruhigende Perspektive. Da werden wohl einige Überstunden nötig sein. Besserwisser mit einfachen Lösungen sollte man reden lassen, so viel wie sie wollen. Man sollte jedoch nicht zulassen, dass sie die Polizei behindern.

    AntwortenLöschen
  3. Meinen Enkeln erklärte ich gestern die Seelenverwandtschaft zwischen IS und RAF. Beide hielten sich für Vorkämpfer einer Weltrevolution. Die RAF zog zwischen 1972 und 1993, also über 20 Jahre lang, eine Blutspur quer durch Europa. Sie tötete vorwiegend bekannte Personen in Wirtschaft und Gesellschaft. Beispiele der 33 verübten Mordanschläge waren Generalbundesanwalt Siegfried Buback (1977). Jürgen Ponto, ein Vorstand der Dresdener Bank (1977), Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer (1977), Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts (1986), Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989), sowie der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder (1993). Der IS tötet möglichst einfache Leute bei Massenveranstaltungen.

    Das Gemeinsame an RAF und IS (im Westen) ist: Straffällig werden nur junge Kämpfer und Kämpferinnen. Sie sind erfolgreich, weil sie von einem Meer von Sympathisanten ermuntert, gedeckt und versteckt werden. Einige der RAF-Täter wurden bis heute nicht erfasst. Es gab damals 'Hassprediger' auf und an Universitätslehrstühlen, nicht in Moscheen. In der RAF kämpften erheblich mehr Frauen als beim IS. Die Sympathisanten des IS rekrutieren sich stärker aus dem Einwanderer-Milieu als damals bei der RAF. Es gibt mehr als 30 Filme über die RAF. Beim IS sind es (noch) bedeutend weniger. An der Propaganda für den IS wird noch kräftig gearbeitet.

    Es bedurfte eines SPD-Kanzlers (Helmut Schmidt) und verstärkter Polizeimaßnahmen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Aber zwei Jahrzehnte waren nötig, um die Attentatsserie zu stoppen. Nur Mut!

    AntwortenLöschen
  4. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    Der Historiker James Barr hat ein Buch über arabische und muslimische Vorstellungen aus britischer Perspektive geschrieben: „A Line in the Sand“. Es geht in Barrs Ausführungen um die Hintergründe der britischen Ziele im Nahen Osten am Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

    Die Engländer waren sich schon 1911 bewusst, wie man einen 'Haufen' unorganisierter arabischer Stämme zu einem 'Heiligen Krieg' gegen das Osmanische Reich motivieren kann. Barr zeigt auch, wie England und Frankreich ihre Interessen wahrgenommen haben, ohne arabische Interessen zu berücksichtigen. Die Rolle Palästinas und die Gründung Israels aus britischer Sicht wird auch beschrieben. Die Briten hatten natürlich keine Vorstellung, was die zwischen England und Frankreich geheim verhandelten Grenzziehungen in der Zukunft bewirken könnten. Ein IS-Propagandavideo heute bezieht sich darauf: „END of SYKES-PICOT“.

    Ich bin auf James Barr durch den Spiegel-Artikel „Verrat“ (Der Spiegel 52/2016) aufmerksam geworden. Danach darf man vermuten, dass die Situation im Nahen Osten und der muslimischen Flüchtlingen heute in England anders eingeschätzt wird als in Deutschland. Am Ende des Spiegel–Artikels wird ein arabischer Scheich gefragt: „Was hindert denn heute die Araber, sich zusammenzuschließen?“ Seine Antwort: „Uneinigkeit ist ein Problem. Ich rechne damit, dass die Grenzen verschwinden werden. Die arabische Einheit wird kommen.“

    Ich war ziemlich schockiert von der Einstellung des Scheichs. Ich halte des Scheichs Vorstellungen zwar für eine Utopie, aber vermutlich existieren diese utopischen Ziele in den Köpfen vieler Muslime, die von der Wiederkehr eines Kalifat träumen. Wir, die sich bisher vielleicht in einer romantischen 'Laube' wähnten, stellen fest, dass Muslime, Engländer und wir anders ticken.

    AntwortenLöschen
  5. 'Was bis gestern Alltag war, ist heute unsere Utopie'. So erklärt Nils Minkmar in SPIEGEL 52/2016 die Welt. Die Islamisten (finanziert von Privatleuten aus den Golfstaaten) und die neuen Rechtsradikalen bei uns schaukeln sich gegenseitig hoch. Dazwischen geht etwas verloren. Nur sehen die Betroffenen nicht, wer sie erdrosselt.

    So lassen sich die Dinge vereinfacht darstellen. Unsere Utopie ist die liberale Demokratie. Wie Trump, Erdogan und Putin zeigten, reicht es nicht aus, nur die Mehrzahl der Wahlmänner zu gewinnen. Das nennt sich auch Demokratie.

    AntwortenLöschen
  6. The founding fathers of the US Constitution were very skeptical of democracy. John Adams for instance wrote:

    Remember, democracy never lasts long. It soon wastes, exhausts, and murders itself. There never was a democracy yet that did not commit suicide.

    and

    Our Constitution was made only for a moral and religious [EDIT: and thus INFORMED] people. It is wholly inadequate to the government of any other.

    In Germany after 1945, anything published with Nazi content would result in a prison sentence for the writer or speaker. A clear and necessary case of abridgment of the freedom of expression. The defense of western civilization does not require that Islam be battled ... but rather that honor killing, murder for leaving a faith, blasphemy murders, forced marriages, pederasty, genital mutilation etc. etc. be excised with all possible means from Western countries. This does not require a RELIGION test to determine ... anyone sympathizing or participating in any of these barbaric behaviors should be excluded from even visiting western countries. Have a look at the PEW worldwide survey of Muslim opinions.
    The percentage of Muslims who support multiples of these barbarisms is erschreckend.

    Calvin Arnason

    AntwortenLöschen