Samstag, 19. August 2017

Moselfränkisch als Muttersprache

Durch das Erscheinen dreier moselfränkischer Gedichte im Blog Versbildner wurde ich dieser Tage darauf hingewiesen, wieweit der Sprachraum meines Heimatdialekts reicht. Der Autor, Jean-Louis Kieffer, stammt aus Filstroff in Lothringen. Das liegt etwa auf der Höhe von Saarlouis, nur wenige Kilometer jenseits der deutsch-französischen Grenze. Die bekannteste Ausprägung des Moselfränkischen (frz. francique mosellan) ist natürlich das Luxemburgische.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, dass Wilhelmine von Eltz-Rodendorf, deren Wappen über dem Schloss meines Heimatdorfs zu sehen ist, aus der unmittelbaren Nachbarschaft von Filstroff stammte. Sie wuchs nämlich in Freistroff auf. Ihre Familie besaß das Château Rouge bei Oberdorff und ist danach benannt. Für den, der es (noch) nicht weiß: Mein Heimatdorf ist Niederweis, im Kreis Bitburg-Prüm, etwa 30 km nördlich von Trier.

Sprachraum des Moselfränkischen

Der Sprachraum des Moselfränkischen ist ein Dreieck, das sich von Montabaur im Osten bis nach Völklingen im Süden und Arlon und St. Vith im Norden erstreckt. Das entspricht, grob gesagt, dem früheren Erzbistum Trier. Politisch entsprach dies dem Kurfürstentum Trier und dem Herzogtum Luxemburg.


Abb. 1: Sprachraum

Das Thema Dialekte und Diglossien hatte ich zuletzt im Juni 2016 behandelt. Dabei wurde der Begriff der Isoglossie vorgestellt. Es ist dies die geografische Trennungslinie für die unterschiedliche Aussprache eines Wortes. Dargestellt ist in der obigen Abbildung die Isoglossie für das hochdeutsche Wort ‚auf‘ innerhalb des moselfränkischen Sprachraums. An diesem Wort ist die mittelalterliche Lautverschiebung des Konsonanten ‚p‘ nach ‚f‘ zu erkennen.

Das Moselfränkische wird von anderen Deutschsprechenden nur schwer oder überhaupt nicht verstanden. Der Moselfranke bezeichnet seinen Dialekt als „Platt“: ‚Mir schwaätzen Platt‘ – wir sprechen Platt. In der Eifel gibt es eine Sprachgrenze, die das Bitburger Gutland (Bekof) von der Nordeifel (Islek) trennt. Der Bitburger sagt: ‚Goden Dach, wie gäht et?‘, -  ‚Ganz god‘. Im Islek werden diese Wörter mit "j" gesprochen. ‚Joden Dach, wie jed et?‘, - ‚Janz jod‘.

Auch die in Rumänien lebenden Siebenbürger Sachsen sprechen einen dem Moselfränkischen eng verwandten Dialekt, Siebenbürgisch-Sächsisch. Ihre Vorfahren stammten überwiegend aus dem Rhein-Moselgebiet und benachbarten Regionen, in denen das Moselfränkische in der Zeit ihrer Auswanderung um 1150 verbreitet war. Der Dialekt wird immer noch von etwa 200.000 Personen innerhalb und mittlerweile mehrheitlich außerhalb Siebenbürgens gesprochen.

Eigenschaften dieser Sprache

Im Falle von Konsonanten ist die Lautverschiebung nicht nur gut erforscht, sondern auch über große Flächen hinweg sehr stabil. Weniger verstanden ist die Variation der Vokale zwischen Orten und Gebieten. Für diese Veränderung benutzen Linguisten Begriffe wie Spirantisierung, Velarisierung [1], um eine Zuspitzung oder Dehnung eines Vokals zu beschreiben. Der Grad eines Dialekts ist umso höher, je mehr einzelne derartige Operationen stattfanden, um den Abstand von einer Hochsprache herzustellen.


 Tab. 1: Vokalverschiebungen

Der moselfränkische Dialekt ist reich an bildhaften Ausdrücken, die häufig an Stelle abstrakter Begriffe benutzt werden. Im Vergleich zur Hochsprache hat der Dialekt einen eher weichen und anheimelnden Charakter. Im Baedeker aus dem Jahre 1840 steht über das Moselfränkische in der Stadt Trier: ‚Die Sprache hat in ihrer volltönenden Breite etwas ungemein treuherziges und gemüthliches.‘ Auf drei Besonderheiten des Moselfränkischen sei kurz hingewiesen.

  • Es enthält Worte, die es im mittelalterlichen Deutsch gab, aber heute nicht mehr zur Verfügung stehen. Beispiele sind ‚hint‘ oder ‚hent‘ für heute Nacht, ‚schnur‘ für Schwiegertochter und ‚kump‘ für Trog.
  • Die Zahl zwei wird, wie im Hochdeutschen die Zahl eins, nach Geschlecht dekliniert. Beispiele: zwu frahen (zwei Frauen), zwing mener (zwei Männer), zwä kanner (zwei Kinder).
  • Der kurze Endvokal wird wie im Englischen meist unterdrückt. Beispiele sind: mihl → Mühle, popp → Puppe und spetz → Spitze. Nicht nur daraus leiteten einige Luxemburger [3] ab, dass sie mit den Angelsachsen stärker verwandt wären, als mit den Deutschen, insbesondere den so verhassten Preußen.
Das Vokabular des Moselfränkischen ist sehr reich an Lehnwörtern. Außer dem germanischen Kern enthält die Sprache noch deutlich erkennbare Reste aus Keltisch, Latein, Französisch, Niederländisch und Jiddisch. Der enge Kontakt während verschiedener historischer Perioden sorgte dafür, dass diese Sprachen quasi als Steinbruch dienten. Eine Sonderrolle spielt heute Englisch. Es ist eine reich sprudelnde Quelle, genau wie im Hochdeutschen. Des Weiteren enthält die Sprache Lehnwörter, die aus dem Italienischen, Spanischen oder Griechischen stammen. Auf sie wird hier nicht eingegangen.



Tab. 2: Lehnwörter

Zur Frage der Verwandtschaft zwischen dem Moselfränkischen und dem Englischen gibt es diverse Untersuchungen. Sie basieren nicht nur auf dem Sprachstil, wie bereits angedeutet, sondern vor allem auf gemeinsamen Begriffen, die weder im Deutschen noch im Niederländischen ein Gegenstück haben. Diese Gemeinsamkeiten stammen vermutlich aus der Völkerwanderungszeit. Bekanntlich zogen die Franken nach dem Verlassen ihrer Heimat im Gebiet zwischen Siegen und Detmold zunächst ins Pariser Becken, ehe sie später an Mosel und Main siedelten.



Tab. 3: Verwandtschaft mit dem Englischen

Das Luxemburgische hat innerhalb des Moselfränkischen insofern eine Sonderstellung erreicht, als dazu eine Schriftsprache und eine Grammatik entwickelt wurden. Im Jahr 1984 wurde es neben Französisch zur Amtssprache Luxemburgs erhoben. Das Großherzogtum Luxemburg ist eigentlich ein Dreisprachenland (Triglossie). Das Luxemburgische (lux. Letzebuergesch) verändert sich schneller als das Moselfränkische insgesamt. Es werden immer mehr Lehnworte, besonders aus den Englischen und Französischen aufgenommen.

Heutige Rolle der Mundart und mein Bezug

Genau wie bei Jean-Louis Kieffer so ist Moselfränkisch auch meine Muttersprache. Ich lernte Hochdeutsch, als ich mit sechs Jahren zur Schule ging. Wie heißt das auf Hochdeutsch, war eine beliebte Frage an unsern Lehrer. Je mehr mich mein Studium und mein Beruf von der Eifel weg führten, umso mehr verlor ich die Beherrschung meiner Muttersprache. Genau wie im Falle von Karl-Heinz Monshausen [2] beendete die Entfernung von der Eifel jedoch nicht das Interesse an den dort lebenden Menschen und ihrer Sprache.

Seit rund 100 Jahren schien die Sprache selbst auf dem Rückzug zu sein. Es wuchsen immer mehr Kinder auf, deren Familien sie nicht praktizierten. Weil das EU-Land Luxemburg in den letzten Jahrzehnten einen großen wirtschaftlichen Sog auf die ganze Grenzregion ausübte, ist auch das Interesse an seiner Sprache wieder gewachsen. Täglich pendeln Tausende über die Grenze, von den in Luxemburg erzielbaren Löhnen angezogen. Umgekehrt sind Kaufleute in Trier und Bitburg sehr an Kunden aus Luxemburg interessiert. In beiden Fällen ist ein Verständnis des Moselfränkischen von Vorteil.

Nachtrag am 20.8.2017

Manchmal sangen wir mit den Bebricher Gäßestreppern (den Geisstripperern) zusammen: ‚Hei lustig Bebricher Jongen dat sen mea, gedäft mat Nimes-Wasser un mat Bea, gesond an Herz, an Lever und an Long, daan sen me esa Mamm hieren allerbesten Jong.‘ Noch heute erinnert mich dies an meine in Bitburg lebenden, ein paar Jahre älteren Cousins.

Übrigens kommt in diesem Text noch eine weitere grammatische Besonderheit zum Ausdruck, das Possessiv-Pronomen hinter dem Substantiv. Da hat der Dativ schon immer den Genetiv verdrängt. ‚Dou bass doch dem Jong sein Papp!‘ ermahnte mich mein Vater, wenn sein Enkel sich einmal etwas zu wild gebar.

Zusätzliche Referenzen
  1. Drenda, G.: Zur Dialektalität im Moselfränkischen. In: Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes. Heft 83, 2/2011, 22-35.
  2. Monshausen, K.H.: Die Sprache der Gäßestrepper. Kleines Wörterbuch der Bitburger Mundart. In: ibidem, Heft 86,1/2012, 4-33.
  3. Weber, N.: Letzebuergesch und Englisch. Vortragsmanuskript Luxembourg 12/1999,

Kommentare:

  1. Hartmuth Wedekind schrieb: Lautverschiebungslinien sind doch wie Linien einer geologischen Erdschicht-Verschiebung zu sehen. Mich wundert nur, dass das relative kleine Moselfränkische von der Benrather Linie völlig unbehelligt blieb. Es liegt da völlig stabil im Süden der Benrather Linie und nördlich zur Speyerer Linie. An der Benrather Linie wird Norddeutschland von Süddeutschland getrennt. Und nördlich der Benrather Linie lebten die „verhassten“ Preußen. Wahrscheinlich gilt das nicht, man weiß es bloß nicht genau. Oder gilt für die katholischen Moselfranken „Eine feste Burg ist unser Gott“, „Wir bleiben echt zusammen, weil wir die protestantischen Preußen nicht mögen.“ Sie merken den Spaß.

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    1. Wenn Sie im Wikipedia-Eintrag unter ‚Zweiter Lautverschiebung‘ nachsehen, werden Sie zwischen Benrather und Speyerer Linie noch viele andere Linien finden. Genau genommen liegt Moselfränkisch zwischen Bad Honnefer (dorp/dorf) und St. Goarer Linie (dat/das). Mit den Preußen hat dies nichts zu tun. Die zweite Lautverschiebung fand zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert statt. Die Preußen erhielten das Rheinland erst 1815. Gute Erklärungen für die Lautverschiebung gibt es keine.

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  2. Sehr erfreut, lieber Kollege Berät, dass Sie die Anregung für eine vertiefte Beschäftigung mit dem Moselfrännkischen auf unserem team-geführten Blog "versbildner" gefunden haben. Wir waren seinerzeit sehr angetan von der Zusammenarbeit mit dem Verfasser der Gedichte, J.-L. Kieffer. Die Reihe Mundart-Verse setzen wir fort.
    Mit besten Grüszen - elbwolf(W.H.)

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