Samstag, 24. März 2018

Facebook ‚revisited‘ – oder ein erneutes Draufsehen

Als Facebook im Mai 2012 an die Börse ging, setzte ich mich in diesem Blog mit dem eigenartigen Geschäftsmodell dieser Firma auseinander. Obwohl ich mich weder als Ökonom noch als professionellen Datenschützer ansehe, stellte ich damals mehrere Fragen:

Die Frage ist, welche Informationen darf Facebook auswerten und seinen Werbekunden zur Verfügung stellen. Die Grenze zur Verletzung der Privatsphäre liegt hier sehr nahe. Die Frage ist, wieweit es Facebook gelingt, diese Grenze zu verschieben, ohne auf Gegenwind zu stoßen. Hier liegt die Problematik von Facebook. Im Prospekt wird dies ignoriert bzw. heruntergespielt.

Fast sechs Jahre später sind die Antworten offensichtlich. Facebook dachte nie daran, sich ernsthaft zu fragen, ob das benutzte Geschäftsmodell Probleme haben könnte. Mark Zuckerberg und seine Freunde sind vermutlich zu naiv dazu. Dass sie absichtlich schluderten, will ich ihnen nicht unterstellen. Vermutlich hat der sagenhafte Erfolg dazu geführt, jedwede Fragen und Frager zurückzudrängen. Dafür dass ich entgegen meiner Intuition durch den Kauf von Facebook-Aktien an dem Erfolg teilhaben wollte, werde ich wohl bezahlen müssen. Vorwerfen kann ich dies mir nur selber.

Facebook besitzt derzeit über zwei Milliarden Nutzer in der Welt (genau 2,129 Mrd. in 2017). Das ist einsame Spitze. Natürlich sind Nutzer nicht dasselbe wie Kunden. Nur ein geringer Teil von ihnen hinterlässt Geld in Form von Umsätzen, sei es für Produkte oder Dienstleistungen. Wodurch sie wertvoll werden, sind ihre Daten. Deshalb sagt man ja auch, Daten seien das neue Gold des Internet.

Cambridge Analytica

Als ein Parasit, der das Geschäftsmodell von Facebook so richtig zu seinem Gunsten nutzte, steht heute die Firma Cambridge Analytica (CA) da. Sie ist das Musterbeispiel für das, was Facebook anrichten kann. Der Name der Firma soll die Nähe zur Wissenschaft ausdrücken. In Wirklichkeit bestimmen so schräge Typen wie Steve Bannon, was abläuft. Bannon ist ihr Vizepräsident. Er war bekanntlich Donald Trumps Wahlkampf-Manager. CA machte unter anderem psychografische Tests mit ihren Kunden. Um an eine breite Datenbasis zu gelangen, zahlte irgendjemand (vermutlich ein Trump-Fan) Facebook 50 Millionen US-Dollar für Daten über 50 Millionen Kunden. Das sind ein Dollar pro Kunde, vermutlich alles US-Kunden. Was die Daten umfassten ist mir nicht klar. Jedenfalls konnten aus ihnen Wählerprofile erstellt werden, anhand der das Trump-Team gezielte Hausbesuche machen konnte. Ganz neu war dies nicht. Auch Obama arbeitete mit ähnlichen Methoden, allerdings mit weniger umfangreichen Daten.

Kritik an Facebook

Facebook geriet durch den CA-Fall ins Zentrum der Kritik für alles, was aufgrund der neuen Medien schiefläuft. Nicht nur habe die Qualität der Internet-Inhalte abgenommen. Auch der Einfluss auf die Gesellschaft, auf die Politik, auf Märkte und auf Kinder wird immer mehr thematisiert. Ging es vor Monaten noch darum, Apple und Google wegen ihrer Marktposition zu beschneiden, stehen plötzlich Grundziele des Internet zur Diskussion. Die massenhafte, freie Verfügbarkeit von Information wird plötzlich nicht mehr als Segen für die Menschheit angesehen, sondern als eine Quelle von Irritation und Fehlleitung. Alle reden von ‚Fake news‘. ‚Alternative Fakten‘ sind das Unwort des Jahres 2017. Auch die Wissenschaft verliert ihre Aura der Unfehlbarkeit. Ja die Demokratie gerate überall in Gefahr.

Immer mehr Leute beginnen damit, vor der Nutzung der sozialen Medien zu warnen. Bald wird der Schrei ‚Zurück zum Papier!‘ durch die Straßen erschallen. Dass als nächstes Smartphones und Computer aus den Schulen verbannt werden, ist nicht mehr auszuschließen. ‚Aus der Sinnkrise ist eine Systemkrise geworden‘ schreibt Thomas Schulz im SPIEGEL (Heft 13/2018). Die sozialen Netze zerreißen die  (natürlichen) Strukturen der Gesellschaft, so laute ein neuer Vorwurf. Der Optimismus des Silicon Valleys stoße an seine Grenzen. Es sieht so aus, als ob einige Beteiligte an dem Internet-Boom zu fragen beginnen, ob ein Mehr an Information auch dazu führt, dass es der Menschheit immer besser geht. Von da ist es der nächste Schritt zu fragen, ob mehr Wissen immer von Vorteil ist. Eine Antwort zu beiden Fragen traue ich mir nicht zu geben. Jedenfalls sind sie sehr tiefgreifend. Sie sind eher eine Sache des Glaubens als des Wissens und Nachdenkens.

Mein Facebook-Universum

Ich bin ein ausgesprochen vorsichtiger Nutzer von Facebook. Ich bin dort seit 2011 registriert, und zwar mit einem Pseudonym (was an sich gegen die Geschäftsbedingungen von Facebook verstößt). Ich erhalte jede Woche etwa ein Dutzend Namen und Fotos von Leuten, die meine ‚Freunde‘ werden wollen. Hin und wieder akzeptierte ich jemanden. Es ist schon länger her, seit ich zuletzt einen neuen Freund hinzugewann.



Meine Facebook-Freunde

Von meinen inzwischen 35 Facebook-Freunden ragt eine Gruppe hervor. Das sind jugendliche Verwandte, also Kinder und Enkel meiner Geschwister. Mit ihnen korrespondiere ich fast nur über Facebook. Bei allen andern überwiegt der normale E-Mail-Verkehr. Meine Verlautbarungen an meine Facebook-Freunde beschränken sich auf 3-4 Hinweise pro Jahr auf interessante Funde im Internet. Ein Auswerter meiner Korrespondenz muss mich für eine Banause halten mit Interesse für einige skurrile Themen. Dass dieser Eindruck entsteht, ist nicht unbeabsichtigt. Wer mich näher kennt, liest ohnehin diesen Blog. Er erscheint bei Google. Googles Ruf ist bei vielen Leuten auch nicht gut, weil Google deren Geschäftsmodell untergräbt. Dabei geht Google meines Erachtens auf wesentlich weniger fragwürdige Weise vor als Facebook. Derzeit trage ich mich mit dem Gedanken, mein Facebook-Konto zu schließen. Auf Twitter verzichte ich bereits seit über einem Jahr.

Bescheidene Ratschläge

Wir Europäer müssen uns oft anhören, dass wir zu langsam und zu bescheiden sind. Wenn jetzt das Silicon Valley von Selbstzweifeln geplagt ist, kann das nur Gutes bringen. Leider besteht die Gefahr, dass der Ball des technischen Fortschritts dann anderswo aufgegriffen wird. Ganz liegen bleibt er nicht. In welcher Himmelsrichtung Ausschau zu halten ist, ist auch klar.

Vielleicht erübrigen sich bald die vielen Dienstreisen deutscher Unternehmer ins Silicon Valley. Anstatt nach technischen Revolutionen (wie Doro Bärs Flugtaxen) zu suchen, sollten wir das, was wir machen immer besser machen. Dazu gehört auch, dass wir uns um die Lösung derjenigen Probleme kümmern, die wir selbst verursacht haben. Dazu gehören nicht nur die Belastungen der Atmosphäre (vor allem durch den Straßenverkehr), sondern auch die Verschmutzungen der Ozeane (durch die Abfälle des Handels und des Konsums). Um an beiden Problemen etwas zu tun, müssen wir Deutsche allerdings nach internationalen Partnern suchen.

Nachtrag vom 24.3.2018

Gerhard Schimpf aus Pforzheim wies auf einen Artikel im Online-Magazin WIRED hin, der zum Blog-Beitrag passt. Er lautet: How to Manage All of Facebook's Privacy and Security Settings. Man kann ja nicht vorsichtig genug sein.

Nachtrag vom 29.3.2018

Je ein Autor der Süddeutschen Zeitung (SZ) plädiert für das Verlassen und das Verbleiben bei Facebook. Ich neige derzeit zur Reduzierung, d.h. dem partiellen Auszug. Dass die Neue Züricher Zeitung (NZZ) Facebooks Geschäftsmodell als genial bezeichnet, erscheint etwas seltsam. Vielleicht ist es auch schweizerischer Sarkasmus.


Kommentare:

  1. Hans-Joachim Huberti aus Kaiserslautern schrieb: Der Beitrag ist recht beeindruckend. Da ich es vor Jahren nicht schaffte, die Auswirkung des Facebook-Modells zu durchschauen, habe ich mich einfach dagegen entschieden (sogar auch, was den Aktienkauf bei 20 $ betraf). Meiner Freude am Leben hat das trotzdem nicht geschadet.

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  2. Gerhard Schimpfs Hinweis auf die Sicherheitseinstellungen bei Facebook hat mich dazu veranlasst, einige Zeit auf das Thema zu verwenden. Hier einige vorläufige Erkenntnisse und Aktionen:

    Wer meine Profildaten von Facebook kauft, erhält folgende Informationen (a) meinen aktuellen Wohnort, (b) den Namen einer US-Uni, an der ich ein Jahr lang studiert habe, (c) ein fiktives Geburtsdatum (d) eines meiner Hobbies und (e) mein Geschlecht. Alle übrigen Felder sind leer gelassen. Dazu gehören meine Favoriten bei Schlagern, Filmen, Büchern, politischen Parteien, usw. Ich habe es so gelassen.

    Ich war mit 33 meiner etwa 200 iPhone-Apps bei Facebook registriert. Ich habe alle Verbindungen gelöscht. An zwei Apps erinnere ich mich noch, da sie vorne auf der Liste standen:

    (1) Academia.edu: Von denen bekam ich hin und wieder Hinweise, dass sie Zitate meiner Veröffentlichungen gefunden hätten. Das, obwohl man nur mein Pseudonym besaß. Wollte ich die Quelle des Zitats wissen, hätte ich zur kostenpflichtigen Version der App wechseln müssen, was ich nicht tat.

    (2) Birthdays ist eine App, die mich an die Geburtstage meiner Kontakte erinnert. Sie verfügt über die echten Geburtstage von etwa 80 meiner rund 350 Kontakte. Unter den Kontakten sind Freunde, Kollegen und Verwandte.

    Alle Nachrichten und Kommentare, die ich seit 2011 abgesandt habe, waren gespeichert. Es hieß, dass nur ich sie lesen konnte. Das möge glauben, wer will. Ich löschte sie alle. Sollte ich noch einige ähnliche Entdeckungen machen, werde ich mich evtl. melden.

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  3. Ein Ex-Mitarbeiter der kanadischen Schwesterfirma von Cambridge Analytica (CA) hat mitgeteilt, dass seine Firma vor dem Referendum über Boris Johnson, den jetzigen britischen Außenminister, rund 700.000 Euro für Datenanalysen und Wahlwerbung im Zusammenhang mit dem Brexit erhalten habe. Da der Volksentscheid recht knapp ausfiel, habe CA eine ‚ausschlaggebende Rolle für das Brexit-Votum gespielt‘.

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  4. Gerhard Schimpf hat mir diese Woche die Verhaltensregeln eines ihm bekannten Beraters in Sachen Facebook gegeben. Hier der englische Originaltext:

    Delete: If you are truly concerned about Facebook and no longer trust it, the most dramatic step you can take is to Delete Your Facebook Account. If you do, your information cannot be recovered, so we recommend you download all of your past Facebook activity first from your settings page.

    Deactivate: The second option is to Deactivate Your Facebook Account, which is in your General Account Settings. This freezes your online activity to include disabling your profile and remove your name and photo from most things you've shared on Facebook. However, you will still be able to message people. Unlike Deletion, with Deactivation you can Re-activate your account, which means your profile and past activity is restored.

    Minimize Apps: The issue is not only what data Facebook collects about your activity, but what data any third party apps that connect to your Facebook account, apps such as Clash of Clans or What is Your Inner Age. Only install apps you need and minimize what they collect. Why do you think there has been such an explosion of these fun and free apps? Because they make money harvesting your information. In addition, limit what others share about you with their apps in the “Apps Others Use” section. Finally, delete an app when you no longer need it or no longer trust it. Not sure what apps you have? Check out your apps page and review your apps. Every app you have is just one more opportunity for others to collect information about you.

    Logins: Many websites (and apps) give you the option of using your Facebook account to login. While that is convenient, it just means more data sharing is happening between that website and your Facebook account. Protect your privacy by using a unique login for each and every account you have. Can’t remember all of your passwords? Neither can we, that is why we recommend a Password Manager.

    Sharing: Always be careful what you share with others. If you do not want your parents or boss to read it, you probably should not post it. Yes, you can use privacy options to control who can read your posts, but remember those can be confusing and change often, so what you thought was privately shared can become publicly available.

    Two-factor Authentication: Finally, while not related to privacy, one of the best steps you can take to securing any of your online accounts is to enable two-factor authentication. This requires a second step to logging into the site. This very simple step is one of THE most effective ways you can secure your online accounts.

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