Donnerstag, 6. Dezember 2018

Von Stephen Hawking zu Blaise Pascal – eine theologisch angefärbte Diskussion

Hartmut Wedekinds Beitrag in seinem Blog über Stephen Hawking löste in meinem Freundeskreis eine Diskussion aus. Ich möchte sie gekürzt wiedergeben.

Zunächst ergänzte Wedekind seinen Blog-Eintrag in einer Mail wie folgt: Der Vatikan hat den Urknall auch als Schöpfung eines Schöpfergottes bezeichnet, was quantenmechanisch nach Hawking nicht stimmt. Sein letztes Buch ist absolut lesenswert. Der Urknall entstand aus dem Nichts. Man hat Hawking aber vor Jahren in allen Ehren im Vatikan empfangen und nicht mehr in den päpstlichen Bann gestellt. Insofern lernte der Vatikan hinzu. Mit der Quantentheorie setzt sich der Vatikan nicht auseinander. Das kann er auch gar nicht, obwohl der Belgier Lemaitre, der den Urknall entdeckt hat, Jesuit war. Die Aufklärung bricht seit Galileo wie ein Wackerstein auf den Vatikan ein. Der Vatikan aber unterliegt regelmäßig (Kopernikus, Galilei, Keppler, und jetzt Hawking) und den Kant hat der Vatikan auch nicht kapiert. So gesehen nehmen die Blamagen kein Ende. Bloß keiner redet mehr darüber, weil der Vatikan erkenntnistheoretisch unerheblich geworden ist.

Hans Diel (HD): Hier nur einige Bemerkungen zu Wedekinds Position.

-    Dass die Religionen bei wissenschaftlichen Fragen besser die größere Kompetenz der entsprechenden Wissenschaftler anerkennen sollten, ist eine Erkenntnis, für die man keine Erkenntnistheoretiker benötigt.

-    Dass Naturwissenschaftler nicht unbedingt die größere Kompetenz bei metaphysischen und ethischen Fragen haben, ist zumindest meine Erkenntnis.

-    Dass sowohl der Vatikan als auch Hawking, erkenntnistheoretisch unerheblich sind, halte ich für einen Fakt. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich nicht kundig bin, welche Erkenntnisse der Erkenntnistheoretiker und welche Erkenntnistheoretiker erheblich sind.)

-    Dass die Theorie, dass der Urknall NICHT aus dem Nichts entstanden ist, die WISSENSCHAFTLICH plausiblere Theorie ist, ist womöglich eine sinnvolle Erkenntnis für einen Erkenntnistheoretiker. Klar ist aber auch, dass jegliche Theorie bezüglich "was war vor dem (derzeit angenommenen) Urknall?" nur zu einer (unendlichen) Folge von Urknall-Minus-1-, Urknall-Minus-2-, ....Theorien führt.

Es macht durchaus Sinn, wenn sich Physiker Gedanken machen zu der Frage, was  könnte der Urknall-1 gewesen sein − genauer: Gibt es eine physikalisch sinnvolle Theorie, die erklärt, woraus der derzeit angenommenen Urknall entstanden sein KÖNNTE? Dazu haben einige Physiker Theorien veröffentlicht. Ohne Hawkings Theorie genau zu kennen, glaube ich nicht, dass seine Theorie fundierter ist als die, die ich bisher vernommen habe. Ich vermute, dass Hawking sich auch nicht zu der metaphysischen (oder erkenntnistheoretischen?) Frage geäußert hat, was am Ende (Anfang) der Folge Urknall-1, Urknall-2, .... war und ob diese Folge endlich ist (i.e., ob am Anfang das Nichts war). Zu dieser Frage gestehe ich dem Vatikan genau so viel Kompetenz zu wie Hawking.

Im Übrigen verehre ich Einstein als Physiker, selbst da wo er widerlegt wurde. Für mich ist er der Größte. Zu Fragen, die nicht die Physik betreffen, ist für mich Einsteins Meinung nicht interessanter als die von Heisenberg, Dürr (einem Schüler Heisenbergs), Gödel (einem Freund Einsteins), Hawking, Penrose oder Hilbert.

Peter Hiemann (PH) Ich habe Hartmut Wedekinds Blog-Eintrag wie folgt kommentiert: Einstein äußert sich klar in einem seiner ganz späten Briefe (1954 an den jüdischen, deutsch-amerikanischen Religionsphilosophen Eric(h) Gutkind), in dem er sich ein Jahr vor seinem Tod explizit vom Begriff „Gott“ und der Bibel distanzierte: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern.“

Auch das Judentum kommt in dem Brief nicht gut weg: „Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens. Und das jüdische Volk, zu dem ich gerne gehöre und mit dessen Mentalität ich tief verwachsen bin, hat für mich doch keine andersartige Originalität als alle anderen Völker. Soweit meine Erfahrung reicht ist es auch um nichts besser als andere menschliche Gruppen wenn es auch durch Mangel an Macht gegen die schlimmsten Auswüchse gesichert ist. Somit kann ich nichts ‘Auserwähltes‘ an ihm wahrnehmen.“

Hartmut Wedekind reflektierte meinen Hinweis auf Einstein: "Schönen Dank. Der späte Sinneswandel eines Albert Einstein war mir nicht bekannt. Wenig überrascht hat mich im Wikipedia-Beitrag für Georges Lemaitre, Jesuit und einer der Entdecker des Urknalls, die folgende Bemerkung: „Auf einer Tagung im November 1951 akzeptierte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften Lemaîtres Theorie. Papst Pius XII. führte in einem abschließenden Vortrag aus, der mit dem Urknall zeitlich festlegbare Anfang der Welt sei einem göttlichen Schöpfungsakt entsprungen.“ Bei Hawking können wir nachlesen, dass diese Auffassung nicht haltbar ist. Wie so oft scheint die Kirche sich in kosmologischen Fragen wieder einmal zu irren. Vielleicht dauert es wie im Falle Galilei wieder 300 Jahre, bis man aus einem mythologischen Traum erwacht. „Schuster bleib bei deinen Leisten“, ist ein bekanntes deutsches Sprichwort." Soweit Wedekind.

Ich möchte noch klarstellen: Ich nehme unterschiedliche religiöse Vorstellungen zur Kenntnis. Ich halte jedoch eine fortlaufende Kommunikation zwischen Gläubigen und Ungläubigen für gemeinschaftlich 'sinnlos', weil sie auf beiden Seiten nicht zu Erkenntnis beiträgt. In diesem Sinn halte ich auch nichts vom Begriff 'Verehrung'. Kommunikation funktioniert nur auf der Basis, dass Vorstellungen 'respektiert' werden, und wenn es möglich ist, 'kooperierende' Gedanken ausgetauscht werden (Niklas Luhmann: Systemtheorie).

Bertal Dresen (BD): Ich habe folgenden Kommentar zu Wedekinds Blog-Beitrag hinterlassen: Viele Wissenschaftler wehren sich dagegen, wenn man sie als Atheisten bezeichnet. Damit unterstelle man ihnen, etwas zu wissen, was sie nicht wissen können. Sie bevorzugen die Bezeichnung Agnostiker. Andere wiederum bezeichnen dies als eine nicht akzeptable Ausrede. Man kann sich doch nicht ein Leben lang dumm stellen, um sich ja nicht zu einer Entscheidung durchringen zu müssen. Blaise Pascal (1623-1662) meinte, es sei die bessere Wette an Gott zu glauben. Der zu erwartende Gewinn sei dann größer als der zu erwartende Verlust.

PH: Blaise Pascal unterstellte, dass alle Menschen wetten müssen, ob es Gott gibt oder ob es ihn nicht gibt: "Es muß gewettet werden, das ist nicht freiwillig, ihr seid einmal im Spiel und nicht wetten, daß Gott ist, heißt wetten, daß er nicht ist. Was wollt ihr also wählen? [...] Ihr habt zwei Dinge zu verlieren, die Wahrheit und das Glück und zwei Dinge zu gewinnen, eure Vernunft und euern Willen, eure Erkenntniß und eure Seligkeit, und zwei Dinge hat eure Natur zu fliehen, den Irrthum und das Elend. Wette denn, daß er ist, ohne dich lange zu besinnen, deine Vernunft wird nicht mehr verletzt, wenn du das eine als wenn du das andre wählst, weil nun doch durchaus gewählt werden muß. Hiemit ist ein Punkt erledigt. Aber eure Seligkeit? Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“

Pascal irrte, dass man die von ihm vorgeschlagene Wette eingehen muss.  Dem Irrtum, nicht zu glauben, und das Risiko, Höllenqualen zu erleiden, muss man nicht 'fliehen', wenn man die Wette verweigert. Dagegen ist es meines Erachtens immer  gewinnbringend, sich ohne zu grosse Erwartungen auf die Suche nach real verifizierbaren  Erkenntnissen zu begeben. In diesem Fall stellt sich die Frage nach gottgegebener Schöpfung nicht. Pascal hatte übrigens recht: Wer nicht an Gott glaubt und Gott doch existiert, hat am Ende gar nichts verloren, wenn er sich weiterhin der Suche nach real verifizierbaren  Erkenntnissen widmet.

Mit anderen Worten: Wer Pascals Wette nicht eingeht, ist vielleicht ein Atheist, der den Glauben an Gottes Existenz verwirft, oder ein Agnostiker, der sich nicht für Gott entscheiden kann oder will. Für mich und viele Wissenschaftler ist der Begriff 'Gott' ohne Bedeutung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Glaube an gottgegebene Schöpfung zu einer physikalischen Erkenntnis beitragen kann.

HD: Ich stimme Ihrem letzten Satz voll zu. Ich gehe sogar noch weiter. Ich meine, dass auch ein gottgläubiger Physiker bei der Suche nach physikalischen Erkenntnissen immer von der Prämisse ausgehen muss, dass Gott dabei keine Rolle spielt (höchstens bei der Erfindung der Gesetze). Andererseits, wenn ein Physiker beim Betrachten der Schönheit der physikalischen Gesetze, sich in seinem Gottesglauben bestärkt sieht (ich kenne viele, bei denen dies der Fall ist), ist er deshalb natürlich auch kein schlechterer Physiker.

BD: Bekanntlich ist Pascals Name unter Informatikern deshalb so vertraut, weil Niklaus Wirth einer der vielen von ihm erfundenen Programmiersprachen diesen Namen gab. Ich glaube, dass Wirth sich dabei weniger von den theologischen Gedanken Pascals leiten ließ, als von seinen mathematischen Leistungen. Wer kennt zum Beispiel nicht das Pascalsche Dreieck. Es ist die Darstellung von Zahlen so, dass sich daraus gewisse Gesetzmäßigkeiten leicht erkennen lassen. Leider starb Pascal bereits mit 39 Jahren. Er ist dennoch unvergessen.

Kommentare:

  1. Leben nach dem Tode … Leben vor dem Leben … Geschichte vor dem Urknall … Fest gedachte Gottesvorstellungen … Gnadenstand der Welt … Erlösung der Menschen … Sünde … Hölle … Himmel … Seele … Wunder

    Das sind alle Begriffe, die nicht wissenschaftlich angefasst werden können. Welche Experimente zeigen irgendwas hiervon?

    Was ist, wenn das menschliche Gehirn nach dem einen oder anderen unfassbaren theologischen Glauben sehnt? Was ist, wenn das Gehirn so verdrahtet ist, gewisse Glauben zu suchen? Können wir das mit einem Traum vergleichen?

    Ich bin der Meinung, daß die Wissenschaft nichts über diese Begriffe sagen kann. Man kann höchstens über den Einfluss jenes Glaubens auf menschliches Tun und Wohlbefinden sprechen.

    Kann man Bach fassen, ohne selbst in die Fassung des Glaubens zu sein oder zu steigen?

    Calvin Arnason

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    1. Peter Hiemann schrieb: Sie haben natürlich recht, daß die Wissenschaft nichts über religiöse Vorstellungen und Emotionen sagen kann.

      Erlauben Sie mir aber den Hinweis, dass die Wissenschaft zu zwei Annahmen Ihres Gedankengebäudes wichtige Erkenntnisse gewonnen hat (Antonio Damasio: “Selbst ist der Mensch – Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins“):

      Kein individuelles Gehirn gleicht einem anderen. Die Struktur eines individuellen Gehirns hat sich entsprechend der individuell einmaligen Struktur eines individuellen DNA-Programms, und entsprechend erlebter Ereignisse und Erfahrungen eines individuellen Lebenslaufs entwickelt (entfaltet). Ein Gehirn ist ein unglaublich komplexes neuronales Netzwerk, das zu unglaublich dynamischen Prozessen fähig ist. Es ist durchaus gerechtfertigt zu sagen : Wir sind Erinnerung (Steven Pinker). Dabei ist zu beachten, dass wir sowohl rationale Erfahrungen als auch die dazugehörigen bewertenden Gefühle in unseren Gedächtnissen verankern.

      Mit anderen Worten: Das (abstrakte) menschliche Gehirn, das so verdrahtet ist, gibt es nicht. Es gibt aber sicher interessante individuelle Geschichten, die über die Erfahrungen erzählen, wie Vorstellungen „Leben nach dem Tode … Leben vor dem Leben …. Fest gedachte Gottesvorstellungen … Gnadenstand der Welt … Erlösung der Menschen … Sünde … Hölle … Himmel … Seele“ entstanden sind.

      Mit vielen Grüssen Peter Hiemann

      PS: Auch Ich liebe Bachs Musik. Bach gilt als Komponist, der in seinen Fugen äusserst komplexe klangliche Strukturen schuf.

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  2. Peter Hiemanns obiger Kommentar erinnert mich an ein Zitat, das ich letzte Woche fand: 'Wer Menschheit sagt, lügt*. Es soll von Carl Schmitt stammen, einem den Nazis sehr zugetanen Juristen.

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