Freitag, 2. August 2019

Groß-Britannien und Briten mal wieder unter der Lupe

Inzwischen gehört es bei uns fast zum guten Ton an der geistigen Gesundheit der Engländer bzw. der Briten zu zweifeln. Deshalb ist es kein Wunder, dass immer mehr Autoren sich anbieten, uns bei der Diagnose behilflich zu sein. Ich greife zwei Beispiele heraus. Die Therapie ist – sofern die Diagnose zutrifft – ein ganz anderes Kapitel. Dazu verfüge ich jedoch nur über sehr vorläufige und unausgereifte Gedanken.

Diagnose eines Midlanders

Eine recht ergiebige Diagnose liefert der seit 2010 in Berlin lebende gebürtige Engländer Adam Fletcher (*1983). Sein Buch heißt: So sorry: Ein Brite erklärt sein komisches Land (2018, 208 Seiten). Er teilt das Land in vier Stockwerke ein: Greater Londonia, Midlands, der Norden, Schottland. Der Autor selbst stammt aus den Midlands (Norfolk). Er ist daher von Hause aus kritisch, was den Großraum London betrifft. Den sollte man nicht für England halten, geschweige denn für Groß-Britannien. Es gäbe dort zwar alles, aber nur unter großen Unannehmlichkeiten. Es sei eine Krake, die den Rest des Landes aussauge.

Die Briten sähen sich nicht ohne Grund auf der Mitte der Weltkarte, d.h. am Längengrad Null. Auch sei Englisch unangefochten die lingua franca für Wirtschaft, Kultur, Technik und Wissenschaft. Der Verlust des Weltreichs habe Narben hinterlassen, und das nicht nur bei den Eingeborenen. Die Briten würden sich einbilden, nichts mehr lernen zu müssen, weder politisch, kulturell noch technisch-wissenschaftlich. Niemand drückte dies deutlicher aus als der Brexit-Befürworter Michael Goves, der gerade ein Ministeramt erhielt. Der meinte im Jahre 2016: ‚Die Menschen in diesem Land haben die Nasen voll von Experten‘.

Die Briten seien Weltmeister der Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung (im Vergleich zur Vergangenheitsbewältigung bei den Deutschen). ‚Keep calm and carry on‘ sei ihr Motto. Man versuche stets alle Probleme zu lösen, indem man ihnen den Rücken zudrehe. Er hat dafür das Wort ‚faffing‘ (= Herumeiern) erfunden. Der wahre Verursacher des Brexit sei Wladimir Putin. Der habe gesagt, England sei eine unbedeutende Insel neben Frankreich. Der Auslöser sei der ‚Superschnösel‘ David Cameron gewesen. Er hatte Angst die Parlamentswahl gegen Nigel Farage und dessen UKIP zu verlieren und versprach eine Volksabstimmung, die er dann verlor. Boris Johnson zog damals mit einem roten Bus durch das Land, auf dem stand, dass pro Woche 350 Millionen Pfund Sterling nach Brüssel flössen, die man in das britische Gesundheitssystem NHS umleiten würde. Da die Aussage falsch war, wurde sie nach der Abstimmung kassiert. Jeder Brite weiß, dass der NHS unterfinanziert ist. Man müsste neun Monate für einen Augenarzt-Termin warten. Für David Cameron verlor das Spiel namens Politik an Interesse. Er verschwand von der Bildfläche.

Die britische Gesellschaft bestünde aus drei Klassen, die völlig nebeneinander leben. In Klammern sind ihre Hauptinteressen wiedergegeben: Proleten (Klunker, Trainingsanzüge, Fußball, Koma-Saufen), Mittelschicht (Pubs, Wimbledon, Urlaub in Spanien), Oberschicht (Jagd, Pferde, Polo, Kindermädchen). Ein weiterer Spalt trennt Hausbesitzer und Mieter, wobei russische Oligarchen die besitzende Seite verstärken.

Was Deutsche von Briten unterscheidet, sei die Benutzung von Weichspülern in der Alltagssprache, ‚Sorry‘ sei wohl das am häufigsten benutzte Wort. Außerdem lassen Briten keine Gelegenheit aus, um ‚Thank you‘ zu sagen. Man könne auch sehr gut aneinander vorbeireden. Obwohl Briten als äußerst höflich gelten, verfügen sie über einen unheimlich reichen Schatz an Schimpfwörtern, von dem sie lautend Gebrauch machen.

Briten neigten dazu zu untertreiben. Ein Musterbeispiel ist ein Flugzeugkapitän, der die Passagiere informierte, dass man ein ‚small problem‘ hätte, nachdem alle vier Triebwerke gleichzeitig ausgefallen waren. ‚I am not unhappy‘ oder ‚I feel unwell‘ sind beliebte Sprachfloskeln. Zu den 10 Geboten fürs Witzemachen gehöre, dass es keine unpassenden Gelegenheiten gibt. Je gedrückter die Stimmung, desto größer sei die Pflicht, zur Aufheiterung beizutragen, selbst bei Trauerfeiern. Briten mögen einen Verlierer (engl.: loser) wie den berühmten Mr. Bean. Sie könnten sich leichter mit ihm identifizieren als mit Vertretern der Elite.

Die britische Küche sei bekanntlich (zu) reich an Kohlehydraten. Der Yorkshire Pudding, Fish & Chips und Sandwichs sind die Spitzenleistungen. Alles rettet ein guter Tee. Eine Pub-Tour kann anstrengend werden. Das Land ist übersät mit 25000 Kreisverkehren. Ampeln werden als faschistisch oder despotisch angesehen. Sie passten nicht zum Volkscharakter.

Die Diagnose einer Britophilin

Claudia Hunt (*1969) ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und ist in München aufgewachsen. Ihr Buch heißt: My Pleasure! Englisch, wie es nicht im Schulbuch steht (2019, 240 Seiten). Ich würde sie als England-Liebhaberin oder Anglophilin bezeichnen.

Als Übersetzerin weist die Autorin ihre Leser zunächst auf die Stolpersteine hin, die vor allem Anfänger beachten sollten. Ein Gerät namens Handy kennt man nicht. Es heißt ‚phone‘. Das deutsche Wort ‚delikat‘ ist zwar verwandt mit ‚delicious‘, aber nicht zu verwechseln. ‚Thick‘ heißt dumm und ‚eventually‘ schließlich. ‚Loo‘ oder ‚lavatory‘ klingen besser als ‚toilet‘. Die in jedem Kapitel eingeführten Redewendungen sind am Schluss nochmals auf 40 Seiten zusammengefasst.

Da der Stoff sonst an Farbe mangeln würde, enthält das Buch diverse Ausflüge in die englische bzw. die britische Geschichte, Diese ist reich an Kuriositäten. Zur Kirchenspaltung kam es bekanntlich, weil Heinrich VIII (1491-1547), der Vater Elisabeths I, einen hohen Verbrauch an Frauen hatte, insgesamt sechs. Englische Schulkinder merken sich heute noch deren Schicksale wie folgt:

divorced, beheaded, died,
divorced, beheaded, survived.

Da nur das Haus Hannover den gesuchten Protestanten in der Erbfolge anzubieten hatte, kam ein Vertreter dieser Linie auf den englischen Thron. Als König Georg I (1660-1727) nahm er zwar den Ruf an, gab sich aber wenig Mühe mit britischen Sitten und der englischen Sprache. Der Brauch zu Weihnachten einen Tannenbaum aufzustellen, verdankt England dem deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha (1819-1861), dem Gemahl von Königin Victoria. Deren Nachkommen repräsentieren bis heute (als Haus Windsor) die englische Monarchie.

Während des ersten Weltkriegs wollte Winston Churchill (1878-1965) Russland militärisch unterstützen, ohne dass dies die Öffentlichkeit erfuhr. Man lieferte daher ‚water tanks‘. Das Wort ‚water‘ ging alsbald verloren. Übrig blieben die ‚tanks‘.

Was können wir tun?

Es hat wenig Sinn, wenn wir versuchen, die britische Regierung oder gar das Volk von außen zu verändern. Das ist bei jedem Land schwer, bei den Briten besonders. Wir können nur unser Verhalten anpassen und die Zeit für uns arbeiten lassen.

Premierminister Boris Johnson zog diese Woche von Schottland über Wales nach Nord-Irland. Überall wurde er wegen seiner Brexit-Politik kritisiert. Schottland und Wales möchten weiter EU-Hilfe für ihre Landwirtschaft haben. In Belfast glaubt man Johnson nicht, dass sich das Grenzproblem zur Republik Irland durch Wegsehen lösen lässt.

Dass Minderheiten die Mehrheit eines Volkes ins Verderben ziehen können, haben wir Deutsche selbst erlebt, und sind gerade dabei es zu vergessen. Im Falle Englands bedarf es eines internen Ereignisses mit sehr offensichtlichen Folgen, ehe man aufhört, Schreihälsen wie Farage und Johnson zu glauben. Der Sturz des Pfundes reicht nicht aus, so lange die USA in die Bresche springen werden. Dass die britische Industrie und damit auch die Bevölkerung leidet, stört offensichtlich die politische Klasse des Landes nicht im Geringsten. Die Premier League bekommt bestimmt stärkere Aufmerksamkeit.

Dass die Tories der EU primär aus rein innenpolitischen Gründen Ade gesagt haben, habe ich schon länger vermutet. Es würde mich daher auch nicht wundern, wenn sie die nicht zu England gehörenden Teile des Vereinigten Königreichs keinen Deut besser behandeln würden. Es könnte allerdings sein, dass da Ihre Majestät, die Königin, etwas dagegen hätte. Mein Rat in dieser Situation könnte von einem Briten stammen. Er lautet: Kühl bleiben und Tee trinken.

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