Donnerstag, 23. Januar 2020

C'est la Vie (oder der Philosoph im Krankenbett), von Peter Hiemann, Grasse

Der Zeitpunkt nach Weihnachten, an dem ich auf ärztliche Hilfe im Hospital angewiesen war, war extrem ungünstig. Viele Hospitalärzte streikten. Im Januar 2020 streiken französische Hospitalärzte nicht nur, viele von ihnen kündigen ihren Job. Mit der Begründung, dass sie vom Management daran gehindert werden, ihren medizinischen Aufgaben und Pflichten gerecht werden zu können − aufgrund unbefriedigender  administrativer Arbeiten, für die nicht studiert haben. Diese Streiks sind mehr als Protest, sie sind Hinweise, dass sich Motive und Prozesse für Arbeitsgruppenbildungen − nicht nur für Ärzte − grundlegend ändern, weil die Dominanz kontrolle-orientierter, kommerzieller Arbeitsbewertungen zunehmend  weniger akzeptiert wird.

Die Ärzte sind überzeugt, dass es darauf ankommt medizinische Qualitätsarbeit zu leisten. Generell wird die Qualität von Produkten und Dienstleistungen durch deren tatsächlichen Wert für einen Benutzer bestimmt. Nicht durch einen Verbraucher, für den ausschließlich Quantität und Preis einer Ware zählt.

Die Organisation befriedigender Arbeitsgruppen beruht nicht auf Kontrolle sondern darauf, dass menschengerechte Prinzipien beachtet werden und zur Geltung kommen können:
  • Hineinversetzen in mitmenschliche Situationen (Empathie)
  • Erwerb menschlicher Fähigkeiten
  • Befriedigung vermittels sinnvoller Tätigkeit
  • Bereitschaft zur Kooperation
  • Gesellschaftliche Anerkennung (Respekt).
Ein tatsächlicher Traum

Es ist fast unglaublich aber wahr, eine Nacht im Hospital hatte ich einen Traum: Ich  befand mich in einer Gruppe von Menschen, die über ein Thema aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen heftig stritten. Über das Thema und die Teilnehmer der kontroversen Auseinandersetzung hatte ich beim Erwachen keine Erinnerung. Beim Erwachen aus dem Traum erinnerte ich mich jedoch, dass ich von jemandem aus der Gruppe aufgefordert wurde, ich sollte mich zu der Kontroverse äußern. Ich gab den Streitenden zu verstehen, dass es völlig „normal' ist, unterschiedliche Ansichten zu vertreten: C'est la Vie. Es kommt oft nicht darauf an, Recht zu behalten, sondern die Gelegenheiten zu nutzen, irrtümliche geistige Vorstellungen  zu erkennen. Nach meinen Worten, die nichts zum Thema der Kontroversen beitragen wollten, schien sich die gespannte Atmosphäre etwas zu entspannen.  Vielleicht trugen meine Worte dazu bei, den Streitenden Zeit zu geben, ihre Vorstellungen zu überdenken. Zwei Hände applaudierten.

Anders als üblich behauptet, habe ich im Alter nicht das Gefühl (die Angst), dass mir die Zeit davonrennt, um im Leben nichts zu 'verpassen' und das Leben zu genießen. Im Gegenteil nehme ich mir  alle Zeit, die ich brauche, um Situationen zu reflektieren und Gedanken nachzugehen - eine Quelle beruhigender Gefühle.
  
Die Entwicklung  menschlicher geistiger Vorstellungen hat eine lange Geschichte.
Sie ist sowohl von wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt, als auch vom Erkennen grundlegender menschlicher Irrtümer. 

Parade der Irrtümer

Descartes' Irrtum war die Annahme, dass menschlicher Körper und Geist unterschiedlichen universellen Sphären angehören und doch funktionieren: „cogito ergo sum“ − „Ich denke, also bin ich.“ ist eine „Wahrheit so fest und sicher, dass auch die überspanntesten Annahmen der Skeptiker sie nicht zu erschüttern vermöchten“

Adam Smith' Irrtum war die Annahme, dass der Markt wie eine “unsichtbare Hand“ für Gerechtigkeit und Wohlstand in einer Gesellschaft 'sorgt'.

Karl Marx' Irrtum war die Annahme, dass kapital-orientierten Produktionsweisen langfristig zwangsläufig in kommunistisch-orientierte Gesellschaftsverhältnisse münden. 

Lenins Irrtum war die Annahme, dass die Lehre von Karl allmächtig sei und und Technik wird langfristig sozialistisch-orientierte Gesellschaftsverhältnisse ermöglichen: "Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt."…."Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“

Mao Zedongs Irrtum war die Annahme; dass nur eine kommunistische Partei in der Lage ist, langfristig sozialistisch-orientierte Gesellschaftsverhältnisse zu schaffen: "Wir sind verpflichtet, das Volk zu organisieren. Was die chinesischen Reaktionäre betrifft, so sind wir verpflichtet, das Volk zu organisieren, damit es sie niederschlägt. Für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt. Es ist die gleiche Regel wie beim Bodenkehren - wo der Besen nicht hinkommt, wird der Staub nicht von selbst verschwinden."

Ray Kurzweils Irrtum war die Annahme, dass menschliche Technologie die biologischen Entwicklungsprozesse übersteigt. Erheblich erweiterte menschliche Intelligenz breitet sich über das Universum aus. Muster von Materie und Energie im Universum werden von intelligenten Prozessen und Wissen durchdrungen: „Wenn wir wichtige Meilensteine der biologischen und technischen Entwicklung zusammen betrachten, sehen wir, dass biologische Evolution nahtlos in die Entwicklung durch  Menschenhand übergeht.“

Zeichen der Zeit

Am Beginn des 21. Jahrhunderts deutet der Zustand des Planet Erde daraufhin, dass Homo sapiens sich eingestehen muss, dass er leichtfertig dessen Zustand in eine prekäre Lage gebracht hat. Seine Annahme, dass der Planet unbegrenztes ökonomisches Wachstum und menschlichen Wohlstand verkraften kann, hat sich als Irrtum herausgestellt. Auch die Annahme, dass universelle (allmächtige) Kräfte existieren, die den Planeten in jedem Fall vor schädlichen Einflüssen der Menschen schützen wird, hat sich als Irrtum herausgestellt.

Eine 'nüchterne' Perspektive

Ausgerechnet Larry Fink, der Chef von Blackrock, dem wohl mächtigsten internationalen Vermögensverwalter, verschickte gleich eine ganze Reihe von blauen Briefen. Einige gingen auch nach Deutschland: an Siemens etwa, oder an die Deutsche Bank und den Energieversorger RWE. Darin forderte Fink von den Firmen mehr ökologisches Denken und Handeln ein.

Backrock-Vize Philipp Hildebrand stimmte in den grünen Aufruf mit ein: "Wir müssen festhalten, dass Klimarisiken auch Investitionsrisiken sind". Und diese Risiken könnten sich direkt auf die Bewertungen und die Erträge einer Firma auswirken. Kunden forderten inzwischen Lösungen von den Firmen ein, wie mit diesen Risiken umzugehen und wie die Konzerne sie beispielsweise in neue Produkte integrieren könnten.

Das klingt vom Tonfall ähnlich, wie ihn auch Fink angeschlagen hatte, als er seinen Brief begründete. Er habe ihn nicht als Umweltschützer, sondern als Kapitalist geschrieben, so der Blackrock-Chef. Geschäftssinn trifft Umweltbewusstsein sozusagen.

Dem vermeintlichen Widerspruch, dass ausgerechnet Blackrock als Anteilseigner der größten Öl- und Gaskonzerne weltweit nun grüner werden will, hält Hildebrand entgegen, dass "Öl noch jahrzehntelang Teil der Weltwirtschaft sein wird" und dass die Umstellung auf eine CO2-freie Wirtschaft ebenso lange dauern werde. Die Regierungen der Welt werden noch lange an 'physikalisch-orientierten', an existierenden kapital-orientierten, kapitalistischen Denkweisen festhalten. Langfristig werden sich jedoch 'organisch-orientierte' Denkweisen durchsetzen.

Marx' Kompagnon Friedrich Engels vertrat übrigens das evolutionär-orientierte Prinzip der Dialektik. „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“

Engels orientierte sich an Vorstellungen Friedrich Hegels. Hegel unterschied zwischen mechanischen, physikalischen und organischen Prozessen. In mechanischen und physikalischen Prozessen „fallen Vereinigung und Trennung der Stoffe noch auseinander, in den organischen Prozessen sind beide Seiten untrennbar verbunden. Die einzelnen anorganischen Prozesse sind voneinander unabhängig – im Organismus dagegen folgt ein Prozess auf den anderen. Darüber hinaus ist der Organismus grundsätzlich reflexiv strukturiert, während in den mechanischen und physikalischen Reaktionen eine bloße Wechselwirkung stattfindet. Hegel hält diese reflexive Struktur für das entscheidende Kriterium des Lebens: C'est la Vie.

Nach Ansicht des Soziologen Bruno Latour sollen bei kulturellen Betrachtungen alle Wechselwirkungen zwischen Natur und menschlicher Gesellschaft berücksichtigt werden: „Versuchen Sie nicht, lediglich die 'Natur' zu definieren, denn dann müssen Sie auch das Wort 'Kultur' definieren; versuchen Sie nicht, lediglich die 'Kultur' zu definieren, denn dann werden Sie sogleich auch das Wort 'Natur' definieren müssen. Was heißt, dass wir es nicht mit Bereichen zu tun haben, sondern mit ein und demselben Konzept − einem Konzept, das in zwei Teile zerfällt. In der westlichen Tradition kann man nie von dem einen Teil sprechen, ohne den anderen zu erwähnen. Es gibt keine andere Definition der Natur als diese Definition der Kultur und keine andere Kultur als diese Definition der Natur.“

1 Kommentar:

  1. Peter Hiemann schrieb: Ich sehe mich nicht als Vertreter der traditionellen Philosophie. Ich versuche - wie viele andere auch - aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen Erkenntnisse zu gewinnen, die für mein Verhältnis zu Wissenschaft und Gesellschaft Sinn ergeben.

    Das Hospital habe ich aufgrund meines schlechten physischen Zustandes aufgesucht, und musste die langen Wartezeiten der 'Urgencyprozeduren' zu Zeiten des Medizinerstreiks erleben.

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