Dienstag, 20. Juni 2017

IBM Entwicklungslabor Böblingen – eine Übersicht der Ergebnisse seiner ersten vier Jahrzehnte

Das 1953 von Karl Ganzhorn (1921-2014) gegründete Entwicklungslabor der IBM Deutschland in Böblingen erlebte bis in die 1990er Jahre eine starke Expansion. In seiner größten Ausbauphase hatte es rund 1000 Mitarbeiter, hauptsächlich Ingenieure, Informatiker und Physiker. Es erbrachte beachtliche Leistungen auf vier ganz verschiedenen Gebieten der Informatik, nämlich den Halbleiter-Komponenten, den Prozessoren und Rechnersystemen, der System-Software und den Druckern bzw. Finanzsystemen. Böblingen erwies sich nicht nur als das am breitesten aufgestellte Labor der IBM in Europa, es war auch das erfolgreichste von ihnen. In den Jahren zwischen 1965 und 1992 wurden auf allen vier Gebieten mehrere Generationen von Produkten entwickelt und an mehrere Fertigungsbetriebe in Europa, den USA und Japan oder – im Falle von Software  ̶  direkt in den Markt ausgeliefert. Als Teil der Verantwortung wurden alle Produkte bis zum Ende ihrer Lebenszeit in ihrem weltweiten Einsatz verfolgt und betreut.

Für jedes der vier Gebiete gebe ich im Folgenden in tabellarischer Darstellung eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse an, also die im Markt sichtbaren Produktlinien. Es sind dies die maßgeblichen Kriterien und Kennzeichen seiner Leistungsbilanz. Auf eine Beschreibung der Produkte im Einzelnen und der dazugehörenden Entwicklungsgeschichte wird hier verzichtet. Sie sind in der Regel in den Büchern der ‚Blauen Reihe‘ sehr gut dokumentiert. Diese wurde von Karl Ganzhorn initiiert und verlegt. In den einzelnen Abschnitten werde ich auf den jeweiligen Band Bezug nehmen.

Gründungs- und Aufbauphase

Die mechanische Entwicklung begann bei der IBM Deutschland 1931 in Berlin. Das Werk lag im Stadtteil Lichterfelde. Unter Ulrich Koelm, dem technischen Direktor der "Deutschen Hollerith Maschinen Gesellschaft mbH" wurden von dem "BK Tabulator" bereits 250 Maschinen hergestellt. Anschließend begann ein fähiger junger Ingenieur (Fritz Gross), eine neue Buchhaltungsmaschine zu entwickeln, die zur berühmten D11 wurde. Diese Maschine konnte nicht nur drucken, sondern auch rechnen. Rund 1500 Maschinen des Typ D11 wurden in Deutschland installiert, viele sogar für eine lange Zeit nach dem Krieg. Aus dieser Entwicklung wuchs die maschinenbauliche Fertigkeit unter der Führung von Koelm und von Walter Scharr. Nach dem Krieg übernahm Scharr, der 1937 aus Endicott, NY, zurückgekehrt war, die mechanische Konstruktionsabteilung in Deutschland. Sie leistete die Druckentwicklungen für das WWAM-Projekt (Worldwide Accounting Machine) und gleichzeitig für das System/3000.

Ganzhorn hat seinen Einstieg bei IBM immer wieder schmunzelnd erzählt. Er wurde in Stuttgart auf dem Universitätsgelände, also quasi auf der Straße, von einem Mitarbeiter der IBM angesprochen und angeheuert. Er könne machen, was er wolle, Hauptsache Physik. Außerdem könne er in seiner Heimatstadt bleiben, in Sindelfingen. Ganzhorns erstes größere Projekt war das System/3000. Es wurde zum Fiasko. Die kleinen Lochkarten funktionierten zwar im Labor ganz ordentlich, nicht jedoch beim Kunden. Das Produkt musste aus dem Markt genommen werden. Als er von Thomas J. Watson zum Rapport gebeten wurde, rechnete er mit seiner Entlassung. Watson ermahnte ihn lediglich, sich nie wieder ein Produkt vom Vertrieb aus der Hand reißen zu lassen, bevor er und seine Ingenieure voll von seiner Qualität überzeugt seien.

Ganzhorn fiel die Aufgabe zu, eine Lokation für ein neues Labor auszusuchen. Er hat die ersten Gebäude bauen lassen und hat entschieden, ein von den Themen möglichst breit angelegtes Entwicklungszentrum aufzubauen. 'Da die elektronische Datenverarbeitung in den 50er und 60er Jahren noch in einer rudimentären Phase war, kann man darüber diskutieren, ob das Labor damals eher ein Forschungs- oder schon ein Produktentwicklungslabor war'. Die letzten Sätze stammen aus dem Interview mit Herbert Kircher, das ich kürzlich führte. Als Ganzhorn die Leitung von drei europäischen Labors (Böblingen, Lidingö, Wien) übertragen wurde, gab er die Leitung des Böblinger Labors an Walter Proebster ab. Nach Proebster konnte ich noch weitere vier Laborleiter erleben, nämlich Fred Albrecht, Wolfgang Liebmann, Wilfried Pierlo und Herbert Kircher.

Die Gründungs- und Aufbauphase des Labors hat Ganzhorn im ersten Band der ‚Blauen Reihe‘ dokumentiert. Sein Titel lautet: ‚The IBM Laboratories Boeblingen. Foundation and Build-up‘. A Personal Review by Karl E. Ganzhorn, 2000. Auszüge daraus erschienen in den IEEE Annals [1,2].

Halbleiter-Komponenten

Als das Labor gegründet wurde, durfte man sich sein Arbeitsgebiet selbst aussuchen. Ganzhorn meinte, er sei eingestellt worden, um dem vorhandenen Konstruktionsbüro für Lochkartenmaschinen die fehlende Kompetenz in Halbleiterphysik zu verschaffen. Für den Aufbau der Komponenten-Entwicklung hatte Ganzhorn Otto G. Folberth gewonnen, einen erfahrenen Physiker von der Firma Siemens in Erlangen. Folberths Eintrittsdatum wurde verschoben, bis dass das neue Laborgebäude fertig war. Dessen Nachfolger wurde Wolfgang Liebmann.


Übersicht Halbleiter-Entwicklung

Diese Daten sind dem Band 5 der ‘Blauen Reihe’ entnommen. Er heißt: The IBM Laboratories Boeblingen: Semiconductor and Chip development. A personal Review by Horst E. Barsuhn and Karl E. Ganzhorn, 2005. Wie in jedem Band so findet sich auch dort eine umfangreiche Bibliographie.

Prozessoren und Rechnersysteme

Über lange Jahre dominierte die Prozessoren-Entwicklung die Richtung und die Interessen des Labors. Sie strahlte aus auf die Komponenten- wie auf die Software-Entwicklung. Die Leiter dieses Bereichs waren am Anfang Ray Wooding, Fred Albrecht und Edwin Vogt, gefolgt von Eckart Lennemann und Uli Lang.


Übersicht System-Entwicklung

Diese Daten entstammen dem Band 4 der ‚Blauen Reihe‘. Sein Titel lautet: Die IBM Laboratorien Böblingen: Systementwicklung. Ein persönlicher Rückblick von Helmut Painke, 2003.

System-Software

Die Software-Entwicklung ist der jüngste Bereich des Labors. Ihr erster Leiter war Horst Remus, gefolgt von Walter Heydenreich und Albert Endres. Danach folgten Sakis Tsaoussis, Helmut Lamparter, Don Casey, Reinhard Sirringhaus und Willi Neidow.


Übersicht Software-Entwicklung

Die Geschichte dieses Bereichs ist dokumentiert in Band 2 der ‚Blauen Reihe‘. Er hat den Titel: Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung. Mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen von Albert Endres. Sindelfingen, 2001. Eine englische Version ist [3]. Über alle Compiler-Projekte der europäischen IBM Labors berichtet [4].

Drucker und Finanzsysteme

Eine besondere Stärke des Labors während seiner frühen Jahre war seine mechanische Entwicklung. Sie ging später über in die Entwicklung spezieller Produkte für die Finanzindustrie. Nach Scharr wurde Günther Schacht Leiter der mechanischen Entwicklung. Auf sie folgten Jerry Bührmann und Roland Beyer.


Übersicht Drucker- und Finanzsystem-Entwicklung

Die Geschichte der Böblinger Druckerentwicklung wurde von Roland Beyer beschrieben. Sein Beitrag hat den Titel: Produktentwicklung mechanischer Geräte im Entwicklungslaboratorium Böblingen der IBM Deutschland. Er ist in [5] enthalten. Die Entwicklungen für die Finanzindustrie sind beschrieben im Band 6 der ‚Blauen Reihe‘. Er heißt: IBM Informationstechnik für Banken und Sparkassen im 20. Jahrhundert. Persönliche Rückblicke von R. Beyer, B. Brachtl, W. Ferger, K.E. Ganzhorn, R. Grischy, H. Henn, K.-H. Holst, F. W. Kistermann, A. Schaal, E. Schabacker, M. Schilling. Herausgegeben von K.E. Ganzhorn, 2006.

Erfindungen und Patent-Aktivitäten

Weitreichende Ideen wurden immer wieder in experimentellen Umgebungen oder in Studienprojekten evaluiert. Fanden sie nicht den Weg in Standardprodukte, wurden sie manchmal als Sonderprodukte für Teilmärkte (etwa den deutschsprachigen Raum und Benelux) freigegeben oder zumindest als geistiges Eigentum (engl. intellectual property) gesichert. In der Anzahl der angemeldeten Erfindungen und erteilten Patente hält die Firma IBM weltweit seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz inne. Das deutsche Labor hatte daran stets einen signifikanten Anteil. Manche der Innovationen waren richtungsweisend für die ganze Branche.


Übersicht Patent-Anmelder des Labors

In der Tabelle wurde die Zahl unterschiedlicher Anmeldungen gelistet. Wichtige Erfindungen wurden meistens in mehreren Ländern (wie Deutschland, Japan und USA) gleichzeitig angemeldet. Eine Untermenge davon ist die Zahl der erteilten Patente. Es ist anzunehmen, dass sich dafür die gleiche Reihenfolge von Erfindern ergibt.

Allgemeine Bewertung und Einordung

Viele der gelisteten Böblinger Produkte und Erfindungen stellten auf ihrem Gebiet den Stand der Technik dar. Einige waren anerkannte Spitzenleistungen nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch in der gesamten Branche. Alle Produkte mussten sich im weltweiten Markt behaupten. Die meisten waren oft jahrelang im Einsatz. In der Regel erreichten sie eine hohe Kundenakzeptanz. Für viele Kunden ermöglichten sie den Einstieg in die elektronische Datenverarbeitung. Das Bestreben, Erfindungen auch als Patente absichern zu lassen, unterscheidet die in der Industrie tätigen Informatiker von ihren Kollegen an den meisten Hochschulen. Dort herrscht die (meiner Ansicht nach etwas seltsame) Meinung vor, dass Veröffentlichungen in Fachzeitschriften besser geeignet seien, die Fortschritte in der Technik und den persönlichen Ruhm von Erfindern zu fördern als Patente.

In der dargestellten Zeitperiode vertraten viele Kollegen bei IBM die Meinung, dass ein wirklich attraktives Angebot für Kunden nur durch Symbiose von Hardware und Software entstehen kann. Dieser ‚Systemgedanke‘ wurde später teilweise aufgegeben, nachdem Microsoft den Nachweis erbrachte, dass man durch Verallgemeinerung der Software deren Einsatzbereich über die Hardware mehrerer Hersteller hinaus vergrößern kann. Es ist eine andere Optimierung. Nur Steve Jobs und die Firma Apple blieben dem IBM-Ideal treu.

Fachkontakte und Außenwirkung

Viele Mitarbeiter des Böblinger Labors fanden hohe Anerkennungen im weltweiten Unternehmen, in der Branche, aber auch in der Wissenschaft. Die Erfahrungen der Anfangszeit bildeten die Grundlage für den Erfolg des Labors, der bis heute anhält. Es entstanden langfristig gesicherte und technisch sehr anspruchsvolle Arbeitsplätze für Informatiker und Ingenieure.

Während des Berichtszeitraums bestanden intensive Kontakte zu mehreren Forschergruppen an deutschen Hochschulen, aber auch zu den Forschungs- und Entwicklungslabors der IBM in den USA und in Europa, insbesondere zum Forschungslabor in Zürich und dem Wiener Labor. Die Übertragung von Wissen erfolgte bevorzugt durch den temporären oder dauernden Austausch von Personal. Des Weiteren bestanden enge Kontakte zum Wissenschaftlichen Zentrum der IBM in Heidelberg, zum Programmproduktzentrum in Sindelfingen und zu dem LILOG-Projekt in Stuttgart.

Ausgewählte Literatur
  1. Ganzhorn, K. E.: The buildup of the IBM Boeblingen laboratory. IEEE Annals of the History of Computing 26,3, (July-September 2004), 4-19
  2. Ganzhorn, K. E.: IBM Boeblingen Laboratory: Product Development. ebda, 20-30
  3. Endres, A.: IBM Boeblingen’s Early Software Contributions. ebda, 31-41
  4. Endres, A.: Early Language and Compiler Developments at IBM Europe: A Personal Retrospection.  IEEE Annals of the History of Computing  35,4 (October-December 2013), 18 – 30
  5. Proebster, W. E.: Datentechnik im Wandel - 75 Jahre IBM Deutschland: wissenschaftliches Jubiläumssymposium. Heidelberg 1986.

PS: Dieser Beitrag hat Nummer 500 in diesem Blog. Er reiht sich ein in eine lange Kette teils technischer, teils historischer Ergüsse. Auch er stellt persönliche Erfahrungen und persönliches Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung.

1 Kommentar:

  1. Einen ganz wesentlichen Beitrag zum Erfolg des Labors hat die Infrastruktur von Böblingen - Sindelfingen beigetragen. Ich habe mich in der Zeit von 1973 bis 1983 oft gefragt, warum mir die Arbeit dort soviel Spaß macht.
    Oft hat IBM die Antwort dazu geliefert, aber sicher noch mehr waren es die Menschen und die wunderschöne Umgebung.

    AntwortenLöschen