Samstag, 13. Oktober 2012

Erinnerungen an Nat Rochester (1919-2001)

Nathaniel Rochester III, wie er mit vollem Namen hieß, war der amerikanische IBMer, der als erster unmittelbaren Einfluss auf meine berufliche Laufbahn nahm. Ich kannte ihn bereits vom Namen her, bevor ich ihn im Sommer 1963 persönlich kennenlernte. Wie in diesem Blog berichtet, traf ich ihn und seinen Kollegen Pete Sheridan im französischen IBM Labor in La Gaude, kurz nachdem das Algol-Projekt, an dem ich beteiligt war, beendet worden war. Er heuerte mich für ein Projekt in New York an, aus dem später die Programmiersprache PL/I hervorging. Während meiner Abordnung in New York von Oktober 1963 bis Juli 1964 war Rochester mein Bereichsleiter. Er hatte sein Büro in White Plains, NY. Mein Abteilungsleiter in New York berichtete an ihn.


Ich traf Rochester alle paar Wochen, wenn er sich über den Fortgang unseres Projekts erkundigte. Bei dem Abendessen in einem New Yorker Hotel, das ich erwähnte, war er der Gastgeber. Für von Frankreich verwöhnte Deutsche kam es einem Kulturschock gleich, da anstatt Wein nur Eiswasser geboten wurde. Seine Frau war eine der eifrigsten mit den Strickarbeiten vor und nach dem Essen. Nat Rochester hatte eine sehr verbindliche Art mit Kollegen innerhalb und außerhalb der Firma IBM zu verkehren. Man konnte fast meinen, es mit einem älteren Bruder zu tun zu haben.

Nach meiner Versetzung nach Poughkeepsie, NY, riss unser Kontakt für eine Weile ab. Später in Böblingen besuchte er mich und meinen Bereich etwa einmal pro Jahr. Rochester gehörte in dieser Zeit bereits zu den älteren Kollegen, die keine unmittelbare Projektverantwortung mehr besaßen, aber trotzdem großen technischen Einfluss nahmen. Dies ermöglichte ihm die Position eines IBM Fellows. Er konnte jederzeit überall aufkreuzen. Seine Ratschläge, die er vor Ort erteilte, konnten sehr nützlich sein. Seine anschließenden Berichte über Dinge, die ihm gefielen oder nicht gefielen, entschieden über den Ruf des Projekts und seiner Mitarbeiter in der technischen Community. Wie zu dieser Zeit üblich, war der für uns maßgebliche, weltweite fachliche Kollegenkreis ziemlich deckungsgleich mit IBM.

Über Rochesters fachliche Beiträge gibt die oben angegebene Wikipedia-Biografie einen guten Überblick. Ich zitiere deshalb lediglich aus einer IBM-Veröffentlichung [1], die eine kurze Zusammenfassung seines beruflichen Werdegangs brachte:

1948 trat er IBM in Poughkeepsie, NY, bei. Er entwarf das Testverfahren und leitete die Architektur-Arbeiten der Bandgeräte und der IBM 701. Er schrieb das erste symbolische Assembler-Programm, einen Vorgänger von SAP [dem späteren offiziellen Assembler-Programm].  Er hatte die technische Leitung der IBM 700 Serie während der Entwicklung der IBM 703,704, 705 und dem Beginn der 709. Er wechselte zur IBM Research Division bei deren Gründung  im Jahre 1955 und leitete den Bereich Computer-Theorie und experimenteller Computer-Entwurf.  Im Jahr 1961 trat er in die Data Systems Division (DSD) ein,  den Bereich, der unter anderem für IBM die ersten beiden Timesharing-Systeme, QWIKTRAN und CPS, entwickelte und den Entwurf der PL/I- Sprache betrieb. Seine Patente auf das Rechenwerk der 701 und auf die Variable-Wortgrößen-Architektur der Bandgeräte brachten ihm einen Outstanding  Invention Award von IBM.

Hinzufügen möchte ich, dass ein Outstanding Invention Award (OIA) für Forscher und Entwickler bei IBM eine der höchstgeschätzten Auszeichnungen war. Der damit verbundene Geldpreis glich für amerikanische Kollegen zum Teil die Vergütungen aus, die deutsche Erfinder aufgrund des Erfindervergütungsgesetzes automatisch erhielten. Qwiktran (Abk. für Quick Fortran) war ein auf der Sprache Fortran basierendes Timesharing-System für die IBM 7090. Es wurde von der IBM-Gruppe im Time/Life Center in New York City entwickelt. Das Conversational Programming System (CPS) war ein Timesharing-System, das als Prototyp vom Wissenschaftlichen Zentrum in Cambridge, MA, entwickelt worden war. Es unterstützte die Sprache BASIC. Die 700-Serie war die erste Familie von elektronischen Rechnern, mit der IBM nach dem Erfolg in der Lochkartentechnik das neue Gebiet betrat. Sie waren noch mit Röhren bestückt; erst mit der IBM 7090 nahmen Transistoren Einzug.
                                    
In der Zeit, als ich mit Nat Rochester in Kontakt stand, waren es außer Programmiersprachen und Timesharing-Systemen noch zwei weitere technische Themen, die ihn persönlich beschäftigten. Ich will kurz an sie erinnern.

Dilemma der Tastaturbelegung

Jeder, der heute eine Tastatur benutzt, fragt sich warum die Buchstaben so angeordnet sind, dass oben links die Reihenfolge QWERTY (oder in Deutschland QWERTZ) entsteht. Es hat mit der Häufigkeitsverteilung von Buchstaben in der englischen Sprache zu tun. Dabei kann für die beiden ersten Buchstaben QW auch AZ stehen. Schon lange weiß man, dass diese Belegung aus ergonomischer Sicht alles andere als optimal ist. Es gibt daher eine Menge Vorschläge, die Tastaturbelegung zu ändern. Durchgesetzt hat sich noch keiner. Was Millionen sich angewöhnt haben, ist sehr schwer zu verdrängen.

Nat Rochester hatte als Fellow ein Projekt namens Chord Keyboard (deutsch: Akkord-Tastatur), das die Problematik des Tippens neu anging. Es gab zwölf Tasten für die vier Finger, an den Seiten und Ecken gewölbt, so dass ein Finger zwei Tasten gleichzeitig drücken konnte, oder vier Tasten, wenn sie übereck lagen. Es gab drei Daumentasten, auch mit der Möglichkeit, zwei auf einmal anzuschlagen. Experimente zeigten, dass es mit der Tastatur leicht möglich war, alle Grundfunktionen des Tippens auszuführen. Sie hatte große Vorteile für diejenigen, die bereit waren, eine große Anzahl von Silben (oder Akkorden) für allgemeine Wörter und Sätze zu lernen. Ähnliche Konzepte werden heute weltweit von Stenografen bereits benutzt. Leider fehlte dem Ansatz die Akzeptanz in der Praxis und wurde daher nicht in ein Produkt überführt.

Geburtshelfer der ‚Künstlichen Intelligenz‘

Wie das Software Engineering so führt auch das Forschungsgebiet Künstliche Intelligenz seine Entstehung auf eine Tagung zurück. Im Sommer 1956 gewannen John McCarthy und Marvin Minsky Nat Rochester und andere Industrievertreter dazu, eine Konferenz am Dartmouth College zu sponsern, bei der McCarthy den Begriff der Künstlichen Intelligenz (engl. artificial intelligence) populär machte. Rochester startete anschließend mehrere Projekte innerhalb von IBM, die sich mit automatischem Beweisen und Computerspielen befassten. Dazu gehörten Arthur Samuel's Dame-Programm, Herbert Gelernter's Theorem-Beweiser und Alex Bernstein's Schach-Programm. Um 1958, als Gastprofessor am MIT half er John McCarthy bei der Entwicklung der Programmiersprache Lisp.

Auf Druck von Kunden und Aktionären entschloss sich IBM um 1960, alle Aktivitäten auf dem KI-Gebiet einzustellen. Durch die übertriebenen Aussagen der KI-Protagonisten auf der ganzen Welt gerieten Computer als solche ins Zwielicht. IBM legte fortan Wert darauf zu sagen, dass Computer für sehr nützliche Aufgaben verwendbar sind, und nicht zum Spielen da sind. Außerdem tun sie nur genau das, was man ihnen sagt und entwickeln keine eigenen Ideen. Erst eine ganze Generation später wagten IBMer es wieder, das Wort KI in den Mund zu nehmen. Seit Deep Blue, ein von IBM gebauter und programmierter Rechner, einen Schachweltmeister schlug, hat sich die Einstellung geändert. Auch das Projekt Watson, mit dem IBM in jüngster Zeit wieder viel Aufmerksamkeit in der Presse bekam. gibt offen zu, dass dabei KI-Methoden im Spiel sind.

Ein Schlussgedanke

Vielleicht wundert es, dass ein Hardware-Mann wie Nat Rochester später sein Interesse so sehr auf Software verschob. Im Oral History Interview der IEEE über seine Anfangsjahre bei IBM begründet er sein Interesse für Software wie folgt:

We were concerned with software right from the beginning, because we realized that in some sense software was more reliable than hardware. That is, once you got it de-bugged it would stay de-bugged, whereas the hardware would wear out and deteriorate.

Gut, auch einmal daran erinnert zu werden! Natürlich gibt es auch Software-Fehler. Nur haben sie ganz andere Ursachen als Hardware-Fehler. Es sind fast nur Entwicklungsfehler, genauer gesagt Entwurfsfehler. Es ist dies eine sehr ernüchternde Einsicht. Es kostet einige Überlegungen, um darauf vernünftig zu reagieren.

Referenz:

1. IBM Journal of Research and Development: 25th Anniversary Issue, 1981. Seite 842

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Publikationen im Ingenieurwesen und der Informatik

Man möge mir nachsehen, dass ich ein mir naheliegendes Thema erneut aufgreife. Es gibt immer wieder unterschiedliche Variationen des Themas oder andere Sichten. Natürlich findet man nicht ungeteilte Zustimmung, wenn man die Informatik als Ingenieurwissenschaft bezeichnet. Deshalb wird sie im Titel separat erwähnt. Gegen Informatik als Ingenieurwissenschaft wenden sich einerseits die ehemaligen Mathematiker, andererseits die Betriebswirte. Die einen stellen wichtige Methoden zur Verfügung, die andern benennen Anwendungen und Probleme. Der Anlass, dass ich mich heute mit diesem Thema in meinem Blog befasse, ist eine Kolumne des GI-Vorstandsmitglieds Dieter Fellner zu Open Access. Darin schreibt Fellner:

… dass die prinzipielle Idee hinter Open Access durchaus bestechend ist und man somit dazu neigt, ohne große Überlegungen dem Ansatz zuzustimmen, speziell, wenn man den Gesamtprozess einer Publikation von der Idee des Artikels über die noch dafür zu leistende Forschungsarbeit und die zahlreichen Entwicklungen und Tests im Labor bis zum Aufschreiben der Ergebnisse bzw. Erkenntnisse selbst betrachtet. … korrekterweise [wird] angeführt, dass die somit frei zugänglichen Publikationen (alle Kosten der Publikation wurden ja schon beglichen und Subskriptionsmodelle sind damit nicht mehr nötig) zu einer Demokratisierung des Informationszugriffs führen und zum Beispiel unmittelbar den Forschergemeinden in weniger entwickelten Ländern zugutekommen. Wer sollte also an solch einem Ansatz etwas auszusetzen haben? Nun ja, im Prinzip niemand.

Da Wissenschaftler genau wie Kaufleute nie ohne Klagen auskommen, fügt er hinzu:

… ohne ergänzende Finanzierung oder begleitende Maßnahmen wird der Forschergemeinde zwar den kostenfreien Zugriff auf Materialien in Digitalen Bibliotheken erlauben, die Forscherinnen werden sich Publikationen aber nur mehr in eingeschränktem Umfang leisten können.

Um den Kollegen Fellner und damit die GI auf neue Gedanken zu bringen, möchte ich eine etwas andere Sichtweise propagieren.

Das Arbeitsergebnis eines normalen Ingenieurs oder eines Informatikers ist ein attraktives, einsatzfähiges Produkt (oder ein entsprechender Dienst), basierend auf Hardware oder Software oder beidem. An der Qualität dieses Produkts misst sich seine fachliche Leistung. Da der Prozess der Produkterstellung und -einführung mehrstufig ist, kann es eine Arbeitsteilung geben. Architekt, Entwickler, Tester, Technischer Autor, Werber, Verkäufer, Verteiler, Monteur oder Wartungsingenieur sind nur einige der vorkommenden Tätigkeiten. Welche Kriterien die Qualität welcher dieser Tätigkeiten bestimmen. ist hier nicht das Thema. Ingenieure oder Informatiker, die als Berater oder Lehrer tätig sind, können nur indirekt bewertet werden, nämlich wie gut die von ihnen beratenen oder ausgebildeten Fachkollegen ihre jeweilige Arbeit machen. Da diese meistens mit der Produktentwicklung und -betreuung zu tun haben, schließt sich der Kreis.

Geht man von dieser Darstellung des Berufsbilds von Ingenieuren und Informatikern aus, erfüllen Publikationen nur eine untergeordnete Aufgabe. Sie sind nicht das eigentliche Ergebnis, für das man arbeitet. Wem es gedanklich schwerfällt sich damit abzufinden, denke an andere Berufe wie Ärzte, Juristen oder Lehrer.

Neben Produkten können Publikationen eine durchaus ergänzende Funktion ausüben. Sie können dazu dienen, Entdeckungen, Erfindungen und Konzepte auf eine Weise abzusichern, die das Produkt allein nicht kann. Deshalb muss ein Ingenieur oder Informatiker auch ans Veröffentlichen denken. Veröffentlichungen können das Produkt betreffen, oder aber auch Methoden und Hilfsmittel, die zu seiner Entwicklung führten. Es gibt fünf wesentliche Motive, die hier eine Rolle spielen können. Man möchte:
  • den persönlichen Ehrgeiz befriedigen, dass man der erste war, der ein gewisses Problem gelöst hat, bzw. anderen zuvor gekommen ist, die dies später behaupten würden,
  • die eigene wirtschaftliche Existenz sichern, indem man Ansprüche rechtlich absichert (etwa durch Patentierung),
  • die Nutzbarkeit des Produkts verbessern, sowie seine Wartung und Weiterentwicklung ermöglichen,
  • den eigenen Ruhm vermehren, oder den einer Gruppe oder Organisation, durch Hervorheben der erbrachten Leistungen, oder
  • der Menschheit, der Öffentlichkeit oder der Fachwelt einen Dienst erweisen.

Einige weitere Anlässe gibt es, die nicht ganz so unmittelbar die eigene Forschungs- und Erfindertätigkeit absichern. Solche zusätzlichen Gründe für Publikationen können sein:
  • man beschreibt Probleme, die man selbst hat, oder die ein Fachgebiet oder eine gesellschaftliche Gruppe hat, und regt damit andere an, nach Lösungen zu suchen,
  • man schlägt neue Terminologien, Querbeziehungen oder Systematiken vor,
  • man bereitet Material didaktisch auf, illustriert es mit neuen Beispielen für die Nutzung im Unterricht, oder
  • man vermittelt zwischen Erfindern und Nutzern, indem man Brücken baut, sie zusammenbringt. Nicht jeder Erfinder will Nutzer werden; nicht jeder Nutzer kann Erfinder sein.
Nicht diskutieren möchte ich, dass Medienunternehmen, Fachgesellschaften oder Verlage damit Geld verdienen wollen. Es ist dies zwar ein ernsthafter Grund, liegt aber auf einer andern Ebene. Der Inhalt ist sekundär.

Statt das angeschnittene Thema in allen Richtungen zu vertiefen, möchte ich nur noch einige Zusatzbemerkungen zum Teilthema Bezahlung von Publikationen machen. Als einfache Regel sollte gelten: Zahlen soll, wer den Nutzen hat. Von den neun Gründen, die ich genannt habe, warum Ingenieure und Informatiker publizieren, liegt in sechs Fällen das Interesse auf Seiten des Autors oder seiner Organisation. Nur bei drei der genannten Fälle könnte es beim Leser liegen.

Von der Pflicht zur Kür

Die für Ingenieure und Informatiker wichtigste Form der Publikation ist zweifellos die Patentierung. Sie hat daher in technischen Firmen und gut geführten Instituten absoluten Vorrang vor allen andern Veröffentlichungsformen. Es dauerte einige Zeit, bis dass der software-orientierte Teil unserer Branche auch zu dieser Einsicht kam. Wie in einem früheren Beitrag dieses Blogs berichtet, ist man in den letzten 10 Jahren vom Jammern zum Handeln übergegangen. Trotz Kosten von bis zu 50.000 Euro pro Patent, kämpfen Patentämter gegen eine stetig steigende Flut von Anträgen. Den Schutz, den Patente bieten, wird von keiner anderen Form von Veröffentlichung auch nur annähernd erreicht.

Dass der Streit um Patente oft Scharen von Juristen auf den Plan ruft, sollte nicht als Argument gegen die Attraktivität dieser Schutzform gewertet werden. Es belegt nur, dass es oft um nicht unbeträchtliche Streitsummen geht. In Deutschland ist die Position eines Erfinders gesetzlich besonders geregelt. So sieht das Erfindervergütungsgesetz Verpflichtungen des Arbeitgebers vor, die es in andern Ländern nicht gibt. Es sieht vor allem Vergütungen vor, deren Höhe aus der Erfindung selbst abgeleitet wird.

Bei den Publikationen, an die Kollege Fellner und die GI denken, geht es vermutlich um die für Praktiker weniger essentiellen Formen. Neben dem Patentieren denke ich zunächst an die Pflicht, in der jeder Ingenieur und Informatiker eingebunden ist. Er muss nämlich das Produkt durch Texte, Skizzen und Bilder ergänzen, damit es genutzt, gewartet und gegebenenfalls weiterentwickelt werden kann. Es ist dies ein wesentlicher, aber sehr unbeliebter Teil seiner Aufgabenstellung. Pflichtübungen haben oft diesen Charakter.

Vom ‚File or Publish‘ zum ‚Publish or Perish‘

Es geht auch nicht um diejenigen Erfindungen, für die sich die Patentierung nicht lohnen würde. Hier war es früher üblich, die auf Papier vorliegenden, nicht beim Patentamt eingereichten Texte von einem Buchbinder in einem Sammelband festhalten zu lassen und auf einer abgelegenen Pazifikinsel in eine Bibliothek zu stellen. Damit war die Priorität gesichert, sollte jemand anders für diese Erfindung Patentschutz beantragen. Heute reicht es vermutlich, einen Text  einfach ins Internet zu stellen. Für einen Erfinder, der gehofft hatte, ein weiteres Patent zu seinem Glorienschein hinzufügen zu können, war es eine bittere Enttäuschung, wenn die interne Entscheidung nicht Einreichen (engl. file) sondern Veröffentlichen (engl. publish) hieß..

Völlig anders ist die Situation in den nicht-technischen Fachgebieten, wo das Erfindervergütungsgesetz keine Anwendung findet. Hier gilt das oft zitierte Gesetz ‚Publish or Perish‘ (deutsch: Veröffentliche oder gehe unter). Wem ein einfacher Blog-Eintrag zu wenig ist, der hat heute die zusätzliche Möglichkeit, das was man für veröffentlichungswürdig hält, akustisch vor Kollegen vorzutragen, als Video (auf Youtube) zu konservieren oder auf Glanzpapier zu drucken und allen Kollegen in der Welt per Luftpost zuzuschicken. Wichtig ist in allen Fällen lediglich, dass man später die Quelle der Veröffentlichung möglichst exakt bezeichnen kann. Wird als Qualitätssicherung ein Gutachterprozess zwischengeschaltet, so hat man das, was man als wissenschaftliches Publizieren bezeichnet. Es ist dies eine Kür, in der die Spitzenforscher des Fachs glänzen. Der normale Ingenieur und Informatiker – das sind über 90% der Fachkollegen – lebt in einer völlig anderen Welt. Sie ist von den Pflichtübungen schon weitgehend ausgefüllt.

Die Sonderrolle des Lehrbuchwissens

Nichts fördert den Ruf eines Wissenschaftlers mehr, als wenn seine Leistungen in diejenigen Lehrbücher übernommen werden, die von Studierenden eines Fachs als Teil ihrer Grundausbildung konsumiert werden. Der Berufsanfänger hinterfragt nicht. Er ist dazu noch nicht in der Lage. Deshalb ist Lehrbuchwissen eine Art Offenbarung. Man glaubt die Dinge, die andere Leute, die es besser wissen als man selbst, für richtig und wichtig halten. In technischen Fächern haben die in erfolgreichen Produkten realisierten Ideen eine gute Chance zu Lehrbuchwissen zu werden. Der Markt für Lehrbücher ist der einzige Markt, der sich wirtschaftlich trägt. Hier gibt es in den Massenfächern genügend Leser mit hinreichend ähnlichen Bedürfnissen und Interessen, so dass sich gedruckte Auflagen von mehreren Tausend Exemplaren rentieren.


Programmier-Handbuch von 1957

Ob es genügend Lehrbücher geben würde, wenn nur die Autoren zahlen, ist fraglich. Vor allem hätten einige Informatik-Professoren Bauchschmerzen, müssten sie Programmiersprachen, Betriebssysteme, Datenbanken, Rechnernetzte, Entwurfsmethoden usw. nur an Hand von Firmenbroschüren vortragen. Bekanntlich teilte sich der Markt hier schon sehr früh. So brauchte man von den Produkten, für die sein Hersteller eine ausführliche Dokumentation zur Verfügung stellte, keine Bücher zu kaufen. Andere Produkte gab es umsonst, wenn man die entsprechenden Bücher kaufte. Es ist also für die Hersteller eine Frage des Geschäftsmodells.

Die Vorstellung, dass Produkthersteller den Buchmarkt beherrschen, ist nicht auf jedem Gebiet angenehm oder akzeptabel. Es besteht die große Gefahr, dass die Nutzer in einer bestimmten Richtung beeinflusst werden. Wer dies vermeiden will, muss sagen, wer daran Interesse hat, dass es nicht geschieht. Sehr schnell ist man dann beim Staat und den Steuerzahlern. An Vorschlägen zum Geldausgeben mangelt es bekanntlich nie. Nur merken inzwischen einige Staaten, dass ihre Haushalte an Grenzen stoßen.

Vom gebundenen Buch zur Loseblatt-Verteilung

Noch scheint sich der Markt von Lehrmaterialen und Fachzeitschriften dadurch zu unterscheiden, dass die Erzeugnisse unterschiedlich gebündelt werden. In einem Falle sind es gebundene Bücher mit mehreren Hundert Seiten, im andern Fall sind es dünne Hefte mit bis zu 50 oder 80 Seiten. Dieser Aspekt des Publizierens ist historisch bedingt, und ist gerade dabei sich vollkommen zu ändern. Der Weg geht dahin, dass man jeden Fachaufsatz einzeln bezieht und jedes Lehrbuchthema ebenfalls. Für die Bezahlung gilt entsprechendes. Der Trend geht zu Abrufen von Fachwissen nach Bedarf. An Stelle des Buches, das einen ein Semester lang begleitet, treten (elektronische) Loseblatt-Sammlungen. Wikipedia ist das Modell, nicht nur für die Autorenschaft, sondern auch für die Stückelung und Verpackung.

Der Mitgliedsbeitrag, den eine Fachgesellschaft wie die GI erhebt, wird dazu verwandt Dienstleistungen anzubieten, die alle Mitglieder bezahlen möchten. Solange man sich dabei nach dem gemeinsamen Nenner richtet, ist schnell eine Grenze erreicht. Versucht man jedoch zu differenzieren, ergibt sich vielleicht ein etwas größerer Spielraum. Ob er ausreicht, um Autoren zu unterstützen, die auf Einnahmen von ihren Publikationen angewiesen sind, sei dahingestellt. Privaten Medienbetrieben das Überleben zu sichern, kann nicht Aufgabe einer Fachgesellschaft sein. 


Am 28.10.2012 schrieb Gerhard Goos aus Karlsruhe:

Dieser und ein später folgender Beitrag fordern Widerspruch heraus. Sie sind typisch für einen Angehörigen unserer Generation, der sein berufliches Wissen während der Arbeit im Betrieb, aber nicht durch Ausbildung erworben hat. Die Beiträge betrachten als Ziel der Tätigkeit eines Ingenieurs oder Informatikers ausschließlich die Herstellung von Produkten, die die Kunden befriedigen. Die anderen Ziele, nämlich Codifizierung positiver oder negativer ingenieurwissenschaftlicher Erkenntnisse zum Gebrauch durch Dritte und Ausbildung von Ingenieuren der nächsten Generation werden ignoriert.

Zwei Beispiele:

Die Firma ebm-Pabst (www.ebmpapst.com) hat nahezu ein Monopol auf effiziente und fast geräuschlose Ventilatoren für PCs usw. Wir haben oft genug bei neuen PCs die Ventilatoren ausgebaut und durch Pabst-Produkte ersetzt. Diese Technik ist durch Patente abgesichert und das ist so o.k. Wenn jedoch die ingenieurwissenschaftliche Erkenntnis, dass man Wärme nicht nur durch Wasserkühlung, sondern auch durch Ventilatoren abführen kann, durch Patente geschützt wäre, gäbe es heute nur einen PC-Hersteller auf der Welt, der seine Produkte dann zu stark überteuerten Preisen verkaufen könnte. Das würde zwar der Firma helfen, aber die allgemeine Nutzung von PCs um Jahrzehnte zurückwerfen. Die derzeitigen Patentstreitigkeiten zwischen Apple und Samsung gehen um ähnliche Fragen: Ist ein bestimmtes Prinzip geschützt oder nur eine bestimmte Art der Realisierung des Prinzips?

Ich habe 1966/67 die korrekte Implementierung von Semaphoren aus dem handschriftlich kommentierten Maschinensprachentext des TR4-Betriebssystems (des Kollegen Seegmüller) von 1962 gelernt. Aber wer hatte damals überhaupt die Chance, einen solchen Produkttext zu lesen? Und was wäre passiert, wenn Dijkstra das Verfahren 1961 zum Patent angemeldet hätte und das Patent dann Philips zur ausschließlichen Nutzung überlassen hätte? Dann hätte nicht nur IBM Schwierigkeiten gehabt, sondern die ganze Methodik korrekter Prozeßsynchronisierung wäre um Jahrzehnte verzögert worden.

Allgemeiner gilt: Die Industrie lebt von Produkten und dazu gehörigen Dienstleistungen. Die gesellschaftliche Aufgabe von Hochschulen ist es, geistes-, natur- und ingenieurwissenschaftliche Erkenntnisse zu produzieren und solche Erkenntnisse an andere weiterzugeben. Letzteres kann auch durch Produkt- oder Prototypenentwicklung unterstützt werden. Aber wissenschaftliche Erkenntnis, das gilt auch für die Ingenieurwissenschaften, ist frei; die Universität darf sie nicht einseitig ausschließlich an eine Firma verkaufen wollen.

Ein Musterbeispiel, wie das zu verstehen ist, bildet das WZL (Werkzeugmaschinenlabor) der RWTH Aachen. 1906 gegründet und von Prof. Herwart Opitz bis 1973 ausgebaut ist das WZL samt zugehöriger FhG-Institute mit heute vermutlich über 1000 Mitarbeitern und 6 Ordinarien der international bewunderte Kern der deutschen Werkzeugmaschinen- und Maschinenbauindustrie. Die Forschung ist frei, ihre Ergebnisse werden veröffentlicht. Die Industrie lebt von den Ideen, die am WZL entwickelt und getestet wurden, und hilft entsprechend großzügig bei der Modernisierung und dem Ausbau.

Im Kleinen kennen wir das auch in der Informatik. Wenn sich das MPI in Saarbrücken um geometrische Algorithmen bemüht oder mein Karlsruher Kollege Sanders demonstriert, wie man effizient 100 Millionen Datensätze sortiert, so sind das keine Produktentwicklungen, sondern zuerst einmal Machbarkeitsstudien. Die abstrakten zugrundeliegenden Verfahren werden veröffentlicht. Diese Verfahren mit allen unschönen realen Randbedingungen umzusetzen und dabei die stetig wechselnden Arbeitsbedingungen verschiedener Parallelrechnergenerationen zu berücksichtigen ist Aufgabe der Industrie.

Dann gibt es da noch das im Ingenieurwesen wie in der Informatik unverzichtbare Thema "Messen". Wenn eine Firma die Leistung ihres Produkts misst, so ist das Ergebnis geheim und höchstens für Werbung öffentlich. Aber wer vergleicht die Leistungen konkurrierender Produkte, veröffentlicht den Vergleich und hilft damit den potentiellen Kunden, vor allem aber auch dem Fortschritt, der das zugrundeliegende Prinzip des Leistungsbesten auszeichnet?

Schließlich sollte man auch die historische Betrachtung nicht übersehen. Die Ihnen wohl bekannte Frau Fran Allen erhielt den Turing-Preis für Ihre Beiträge zum Übersetzerbau. Die Produkte, zu denen sie beigetragen hat, oder für deren Konstruktion sie die Verantwortung trug, sind, angefangen vom Fortran H - Übersetzer vom Markt verschwunden und zumindest in ihrer Urform vermutlich nicht einmal mehr als Programmtext verfügbar. Der Fortschritt, der durch diese Produkte realisiert wurde, schlägt sich heute in den Publikationen der damaligen Entwickler und, darauf aufbauend, in Lehrbüchern nieder. Wissenschaftliche Erkenntnis und technischer Fortschritt wird von Menschen erzielt, nicht von Firmen. Produkte illustrieren diesen Fortschritt, aber sie sind selbst nicht der Fortschritt.

Nachbemerkung (Bertal Dresen):

Leider unterliegt Kollege Goos demselben fatalen Denkfehler, den viele Kollegen machen. Sie betrachten Patente nicht als bleibende Veröffentlichung, sondern eher als bewusste Geheimhaltung. Statt ihre Vorlesungen und Lehrbücher auf relevanten Dokumenten der Patentämter zu basieren (Kellerprinzip, MP3), halten sie nur das für zitierfähig, was bei Verlagen gedruckt wurde. Dabei schützen Patente lediglich gegen die Nutzung in kommerziellen Produkten. Daraus folgt die ebenso falsche Schlussfolgerung, dass Fortschritt nur das ist, was nicht patentiert wurde. Genau gegen diese Fehleinschätzung kämpfe ich seit Jahren.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Stefan Jähnichen über die GI und die Informatik in Berlin

Stefan Jähnichen (Jahrgang 1947) ist seit 1991 Professor für Informatik an die TU Berlin, wo er das Fachgebiet Softwaretechnik der Fakultät IV (Elektrotechnik und Informatik) leitet. Von 2001 bis 2012 fungierte Jähnichen auch als Direktor des Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik (FIRST). Von 2008 bis 2010 war er Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI). Daneben arbeitet Jähnichen als Kurator im Forschungszentrum Informatik (FZI) in Karlsruhe sowie in der Leitung des Daimler Center for Automotive IT Innovations (DCAITI) in Berlin. Weiterhin war Jähnichen Mitglied im Fachkollegium Informatik - Softwaretechnologie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie Aufsichtsratsmitglied des European Center for Information and Communication Technologies (EICT). Jähnichen ist Mitglied des Panel „Informatics“ des European Research Councils (ERC) und leitet dieses Panel in den Jahren 2009/10 und 2012/13. Jähnichen studierte bis 1974 Elektrotechnik an der TU Berlin, wo ihm 1979 der Grad Dr.-Ing. Elektrotechnik verliehen wurde. Von 1988 bis 1991 war er Professor an der Universität Karlsruhe, dem heutigen KIT, im Fachgebiet Informatik.


Bertal Dresen (BD): Vier Jahre haben Sie der Gesellschaft für Informatik (GI) als Präsident vorgestanden. Wie erschien die GI Ihnen? Spürten Sie, was 20.000 Informatikerinnen und Informatikern am Herzen liegt oder beschränkt sich der Feedback auf vielleicht 100 Aktive? Was erwarten die Mitglieder? Wie machen sich die Unterschiede zwischen den Fachgebieten bemerkbar, oder die Unterschiede zwischen Alt und Jung, zwischen Akademikern und Praktikern? Wie kann der Einfluss der Jugend und der Praktiker verstärkt werden? Was waren aus Ihrer Sicht die Hauptprobleme Ihrer Amtszeit, die größten Enttäuschungen? Gibt es bekannte Forderungen oder Erwartungen der Mitglieder (abgesehen von verbesserter Kommunikation, auf die ich bei der nächsten Frage eingehen werde), welche die GI nicht oder nur schwer erfüllen kann? Wenn ja, warum? Hat die Leitung der GI Wünsche an ihre Mitglieder, auch und besonders an die korporativen?

Stefan Jähnichen (SJ): Die GI hat zwar knapp 20.000 Mitglieder, wird aber sicherlich aktiv von weit weniger Mitgliedern vertreten. Trotzdem war ich in meiner Amtszeit beeindruckt, wie viele Aktivitäten von der GI betrieben oder zumindest unterstützt werden. Ich denke dabei an die vielen Tagungen, vor allem aber an die Wettbewerbe und Preise und bin beispielsweise immer noch stolz auf die mehr als 120.000 Teilnehmer am Biber Wettbewerb für Schulen, dem Bundeswettbewerb Informatik oder die lange Liste von Preisen, die die GI gemeinsam mit den ihr nahestehenden Informatikförderern vergibt, von den Auszeichnungen für Abschlussarbeiten bis hin zur höchsten Auszeichnung für einen deutschen Informatiker, der Zuse Medaille. Es macht wenig Sinn, an dieser Stelle alle GI Aktivitäten aufzählen zu wollen, aber die Leistung aller Mitglieder, die daran mitwirken und auch die Leistung der doch sehr kleinen Geschäftsstelle muss man würdigen. Und, an dieser Stelle, mein Dank an Alle, die mitgeholfen haben!

Natürlich hätten wir, hätte die GI gern noch mehr junge und aktive Mitglieder, aber, daran müssen wir halt arbeiten. Es geht dabei nicht nur um die Anwerbung neuer und vor allem junger Mitglieder, sondern viel stärker noch um ihre Einbindung in die Strukturen der GI und damit auch deren Gestaltung und Weiterentwicklung.

Ich würde mir allerdings von vielen Informatikern mehr Bewusstsein für eine GI als Interessensvertretung unseres Berufsstandes, der Informatik, wünschen. Die oft auch an mich gerichtete Frage, was denn eine GI für einzelne Personen an Vorteilen bringt, greift zu kurz, denn auch wenn die Mitarbeit in Fachausschüssen oder der Zugang zu Zeitschriften einen Mehrwert darstellen, muss die Bedeutung der Informatik, ihre Weiterentwicklung und ihre Vertretung als eine der wichtigsten Technologien dieses Jahrhunderts in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im Vordergrund stehen. Und dies geht nachhaltig nicht ohne eine kompetente und starke Fachgesellschaft – der Gesellschaft für Informatik!

Beschäftigt haben mich und meine Vorstandskollegen in meiner Amtszeit - für mich sehr unerwartet - der Verkauf der Anteile an der CERT-IT, die Neuorientierung der DIA, der deutschen Informatik Akademie, und dann natürlich der Verlust der Computerzeitung. Bei der DIA bin ich leider nicht sicher, ob unsere Rettungsversuche zu einem guten Ende führen werden, da der Markt für Weiterbildung ein schwieriges Geschäftsfeld ist. Wichtige Themen waren außerdem der europäische und daraus folgend der nationale Qualifikationsrahmen zur Aus- und Weiterbildung, die Werbung für Informatik an Schulen, die Zusammenarbeit mit Fakultätentag und Fachbereichstag, die Neustrukturierung unsere Publikationsorgane, die Repräsentanz im Netz,  die Mitarbeit an den IT Gipfeln der Bundeskanzlerin, usw.. Hier lassen sich noch viele andere Themen anführen, die alle wichtig sind und Aufmerksamkeit erfordern und es sei mir an dieser Stelle die Frage erlaubt, ob die Erledigung all dieser Aufgaben für einen Präsidenten im „Ehrenamt“ nicht zu viel ist. Der Vorstand der GI hat dies übrigens auch erkannt und durch die Einstellung eines zweiten Geschäftsführers hoffentlich schon für ein wenig Entlastung gesorgt.

BD: In einem Beitrag in diesem Blog vor über einem Jahr verglich ich die Angebote der amerikanischen Fachgesellschaft ACM an ihre Mitglieder mit denen der GI. Fünf Dienste fielen mir auf, wo die GI wenig oder nichts zu bieten hatte: Digitale Versionen der Mitgliederzeitschriften, Blogs zu allen Zeitschriften und Fachgruppenthemen, Wöchentliche Mittelungsblätter und RSS Feeds, Personalisierte Literaturhinweise und Tagungsankündigungen sowie Autoren-Foren mit Selbstdarstellungen. Ist mein Eindruck richtig, dass die GI sich bewegt hat? Gibt es Dinge, die bei uns auf besondere Schwierigkeiten stoßen, vielleicht sogar keinen Sinn machen?

SJ: Sie haben Recht, viele dieser Angebote gibt es inzwischen und damit relativiert sich auch ihr Eindruck im Vergleich zu den amerikanischen Gesellschaften. Trotzdem darf man bei einem solchen Vergleich nicht übersehen, dass ACM und auch IEEE-CS als internationale Gesellschaften wirken und selbst als "Publisher", also als Verlage auftreten, während die „nationale“ GI mit den Verlagen in Deutschland bei ihren Publikationen zusammenarbeitet und damit auf diesem Gebiet ein völlig anderes Geschäftsmodell hat. Das kann sich alles sehr schnell ändern, wenn „Open Access“ mehr Bedeutung gewinnt und, als kleiner Hinweis, ich bin sehr froh, dass Dagstuhl, bei dem wir einer der Hauptgesellschafter sind, in dieser Richtung aktiv geworden ist und eigene Publikationsorgane aufbaut.

BD: Sie leiteten bis vor kurzem das Fraunhofer-Institut für Rechnerstruktur und Softwaretechnik (FIRST) in Berlin. Gegründet von Wolfgang Giloi, ist es eine der bekanntesten und angesehensten deutschen Forschungsstätten. Wo lagen in Ihrer Zeit als Leiter seine Arbeitsschwerpunkte und was sind die markantesten Ergebnisse?

SJ: Wir haben bei FIRST sehr systematisch drei Themen verfolgt: die Softwaretechnik, die Rechen- und Visualisierungstechnik sowie die Nutzung numerischer und statistischer Verfahren zur Simulation und Datenanalyse. Diese Themen und vor allem ihr Zusammenwirken haben uns zu einem der führenden Institute auf dem Gebiet der eingebetteten Systeme gemacht. Auch hier nur ein paar Beispiele der letzten Jahre:
  • die Erprobung moderner Rechnerarchitekturen und Fehlertoleranzmechanismen in der Satellitentechnik (u.a. BIRD, ein Feuermeldesatellit),
  • die Entwicklung von Simulatoren zur minimal-invasiven Chirurgie,
  • die Verfahren zu dynamischen Verkehrssimulationen oder
  • die Nutzung unserer Constraint Solver zur Lösung von Optimierungs- und Planungsaufgaben (z.B. die Stundenplanung der Charité) oder auch das Scheduling von Tasks auf Mehrrechnersystemen, und
  • wir waren wohl zumindest unter den ersten, wenn nicht gar die ersten, die ein funktionsfähiges Interface zwischen Gehirn und Computer realisiert haben.
Vergessen sollte man in einer solchen Aufzählung auch nicht die Ausgründungen, die mit dem bei FIRST erworbenen Wissen und der dort entwickelten Technologien erfolgreich am Markt agieren.

BD: Auf ein Forschungsgebiet Ihres Instituts wurde ich vor Jahren aufmerksam. Es handelt sich um die direkte Steuerung von Computern mittels Hirnströmen, auch  Brain-Computer-Interface (BCI) genannt. In einer Veröffentlichung der TU Berlin steuert eine Versuchsperson das als Flipper bekannte Geschicklichkeitsspiel nur mit ihren Gedanken. Welche Ergebnisse erwarten Sie mittel- und langfristig aus diesem Projekt? Werden daraus nur neue Hilfen für Kranke und Invalide entstehen, oder können auch gesunde Menschen evtl. davon profitieren, z.B. Designer, Monteure, Autofahrer?

SJ: Wie gesagt, ich glaube wir waren die ersten, die eine solche Schnittstelle entwickelt haben und in vielen Experimenten gezeigt haben, dass es wirklich funktioniert. Der wissenschaftliche Hintergrund dieser phantastischen Schnittstelle liegt in der Weiterentwicklung von Verfahren zur statistischen Datenanalyse, beispielsweise den Support Vektor Maschinen, die Vapnik bei den Bell Labs erstmals vorstellte und die dann bei FIRST weiterentwickelt (Smola, Schölkopf) und eingesetzt wurden. Wir haben damals mit der Steuerung von Cursor-Bewegungen durch die Interpretation von EEG Signalen begonnen, dann u.a. auch eine Sprachsteuerung für Sprachbehinderte entwickelt und heute spielen die Wissenschaftler um Klaus-Robert Müller an der TU Berlin sogar Schach damit.

Für mich ist diese Entwicklung vor allem deshalb faszinierend, weil es gelingt, mehr über die Arbeitsweise unseres Gehirns zu erfahren - eines der noch ziemlich weißen Flecken in unseren Forschungsagenden. Der Einsatz für die Unterstützung behinderter Menschen ist ein zusätzlicher Ansporn, in diese Technologie weiter zu investieren! Ich denke aber auch, dass wir eine noch stark verbesserte Sensorik brauchen, um den nächsten Quantensprung in dieser Forschungsrichtung zu bewältigen.

BD: Die TU Berlin hat eine Kooperation mit dem European Center for Information and Communication Technologies (EICT). Das ist ein Zusammenschluss von fünf Partnern: Deutsche Telekom, Siemens, Daimler, Fraunhofer-Gesellschaft und TU Berlin. Worin liegt das Besondere dieser Kooperation? Bei welchen Projekten erwarten Sie Ergebnisse, die eine Relevanz für den Markt haben?

SJ: Die EICT GmbH hat sich als eine der ersten gut funktionierenden PPPs (Public Private Partnerships) gegründet und viele gemeinsame Projekte mit den Partnern aus Wissenschaft und Industrie initiiert. Wichtigstes Projekt der EICT GmbH aus meiner Sicht war die Beantragung des deutschen Knotens des neu gegründeten EIT (European Institute of Technology). Nach dem erfolgreichen Abschneiden dieses Antrags haben die an dem Projekt beteiligten Gesellschafter mit einigen neuen wissenschaftlichen und industriellen Partnern eine neue Gesellschaft gegründet (die ICTLabs GmbH), die jetzt die Aktivitäten des deutschen Knotens in den Bereichen Innovation, Forschung und Lehre koordiniert. Ich erwarte Resultate für die Praxis vor allem aus der Zusammenarbeit der Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft.

BD: Auf dem IT-Gipfel 2011 in München wurden die ersten Studierenden der Initiative Software Campus im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel offiziell begrüßt. Die organisatorische Umsetzung des Software Campus hat die oben erwähnte Firma EICT übernommen. Es soll vor allem um die Vermittlung von Management-Kompetenz durch die Industrie gehen. Wieweit ist die Industrie an der Ausbildung beteiligt? Woher kommen die Studenten? Welche Vorkenntnisse haben Sie? Welche Ergebnisse gibt es bis jetzt?

SJ: Die organisatorische Umsetzung dieses vom BMBF geförderten Projekts liegt inzwischen auch bei der ICTLabs GmbH. Deren industrielle Gesellschafter haben sich im Software Campus vor allem bei der Vermittlung dieser von Ihnen genannten Management-Kompetenz engagiert. Zielgruppe dieses Projekts sind exzellente Master-Studierende und Doktorand/innen der beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen und Universitäten, die ihre wissenschaftlichen Projekte in Zusammenarbeit mit den industriellen Partnern zum Erfolg bringen wollen und gleichzeitig zusätzliche Managementkompetenz erwerben wollen. Das Programm läuft noch nicht einmal ein Jahr und als Erfolg kann man bisher wohl vor allem die hohe Antragszahl und die sehr gute Qualifikation der Bewerber und Bewerberinnen vermelden.

BD: Sie geben gerade zwei von drei Ämtern ab. Ich glaube nicht, dass Sie sich zur Ruhe setzen werden. Welche Themen werden Sie in Zukunft vorwiegend beschäftigen?

SJ: Mein Amt als Präsident der GI habe ich bereits Ende letzten Jahres abgegeben. Seit dem 1. Oktober 2012 bin ich auch nicht mehr als Institutsleiter der Fraunhofer Gesellschaft tätig, und werde mich wieder voll meinem Hauptamt als Hochschullehrer widmen. Lehre hat mir schon immer viel Spaß gemacht, und, ich habe mir sagen lassen "es hält jung!" Besonders interessiert bin ich neuerdings aber an neuen und innovativen Technologien zur Unterstützung von Lehre. Ich sage bewusst nicht „eLearning“, weil darunter häufig doch nur die Wiederholung von Powerpoint-Präsentationen im Netz verstanden wurde. Ich glaube, dass wir bei einer systematischen Nutzung der sogenannten "Neuen Medien" uns auch mit einer innovativen Didaktik auseinander setzen müssen und damit zu völlig neuen Lehr- und Lernformen kommen werden. Hier sollte Europa und insbesondere Deutschland ganz vorn stehen! Nicht umsonst haben wir ja in der Vergangenheit mit unseren Bildungssystemen geglänzt und sollten uns auch beim Einsatz neuer Lehr- und Lernformen diese Tradition bewahren. Von der Bildung und Ausbildung unserer jungen Menschen hängt ja wohl auch unbestritten die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und damit auch unser Wohlstand ab.

Tätig sein werde ich weiterhin beim ERC, einer Initiative der EU, mit der exzellente Wissenschaftler  durch ein finanziell sehr gut ausgestattetes Stipendienprogramm gefördert werden und, meinen Doktoranden kann ich jetzt auch mehr Zeit spendieren. Alles Weitere wird sich zeigen.

BD: Vielen Dank für das sehr ausführliche und informative Interview.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Leben im Alter – eine Selbsteinschätzung

Dieser Tage stellte mein Ex-Kollege Otto Buchegger aus Tübingen seine Gedanken darüber ins Netz, wie man für ein Leben im Alter Vorsorge treffen sollte. Sie spiegeln seine Erfahrungen wieder. Der Text ist sehr lesenswert. Es sind die Erfahrungen eines etwa 70-Jährigen. Da ich etwa zehn Jahre älter bin als er, hat sich meine Perspektive bereits etwas verschoben. Ich möchte daher Otto Bucheggers Text ergänzen.


Ich will für meine Betrachtung das Alter nach der Pensionierung in drei Phasen einteilen. Sie entsprechen etwa den Jahrzehnten nach dem Eintritt in den Ruhestand. Von Person zu Person können die Phasen sich um bis zu fünf Jahre nach vorne oder hinten verschieben. Auch gibt es in dieser Hinsicht einen generellen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich betrachte nur den Fall, dass man das Alter mit einem Partner (normalerweise der Ehepartner) zusammen verbringt.

Phase I: Aktives gemeinsames Altern

Man fühlt sich frei von beruflichen Belastungen und Einschränkungen. Sofern die finanziellen Mittel ausreichen, kann man Dinge unternehmen, die vorher nicht möglich waren. Zum Beispiel lassen sich lange oder teure Reisen unternehmen. Sehr beliebt sind Kreuzfahrten (meist per Schiff) rund um die Welt. Man kann aber auch Hobbies betreiben, die Zeit und/oder Geld kosten. Bücher lesen und schreiben, den Schwarzwald durchwandern oder alte Uhren oder Autos sammeln fällt in diese Kategorie.

Phase II: Eingeschränkte körperliche Aktivität

Meist trifft es einen Partner früher als den andern, dass gesundheitliche Probleme auftreten. Das Thema Reisen muss dann abgehakt werden. Man will sich dann auch nicht in einem Teil der Welt aufhalten, wo medizinische Versorgung nur mit Mühe zu erhalten ist. Mancher heimatverbundene Gastarbeiter behält aus diesem Grunde seinen deutschen Wohnsitz bei. Selbst im eigenen Land gibt es hier graduelle Unterschiede. Man ist jedoch bestrebt, sich weitgehend selbst zu versorgen. Man behält die gewohnte Umgebung bei und führt den eigenen Haushalt weiter. Plötzlich ist es wichtig, dass die eigene Wohnung barrierefrei ist. 

Senioren sind nicht länger dem stundenlangen Fernseh-Konsum überlassen. Auch der Papierverbrauch durch Zeitungen lässt sich einschränken. Da immer mehr intellektuelle Angebote im Netz vorhanden sind, ist allerdings ein Mindestmaß an Digitaler Potenz nicht schlecht. Gemeint ist damit das Gegenteil von Digitaler Demenz, worüber in diesem Blog bereits berichtet wurde. Nach meiner Überzeugung überwiegen hier die Vorteile der Technik deren Nachteile. Auch dazu gibt es einige frühere Hinweise unter der Überschrift Senioren und Informatik.

Phase III: Altersschwäche

Irgendwann ist man nicht mehr in der Lage sich selbst zu versorgen. Dann begibt man sich in die Pflege. Diese wird entweder von Angehörigen oder von Fremden durchgeführt. War die Betreuung älterer Menschen früher ein Aspekt des Generationenvertrags, so ist dies heute meist nicht möglich oder nicht mehr gewollt. Es wird fremde Hilfe engagiert. Bei alleinstehenden Männern ist eine sehr beliebte Form die Polin, die monatsweise anreist und den Haushalt führt. Kommt dies nicht in Frage, bleibt das Seniorenheim. Eine Zwischenform heißt Betreutes Wohnen.

Als Altersschwäche ist hier sowohl die deutliche Abnahme der körperlichen wie der geistigen Leistungsfähigkeit gemeint. Die allseits beklagte Demenz schreitet meist über einen größeren Zeitraum fort. Das gilt besonders für zwei bekannte Formen, nämlich Alzheimer und Parkinson. Je älter wir werden, umso häufiger treten altersbedingte Leiden in den Vordergrund. Auch hier ist der Fortschritt zweischneidig. Indem bestimmte häufige Erkrankungen zurückgedrängt werden, treten andere umso stärker hervor.
                                                                           
Da viele meiner Leserinnen und Leser ebenfalls im Seniorenalter sind, bin ich gespannt auf deren Beiträge bzw. Kommentare. 

Nachtrag im Dezember 2012: Die Problemmatik des Alterns wird auch in einem späteren Eintrag noch einmal aufgegriffen.