Hasso Plattner (*1944) ist Deutschlands erfolgreichster und einflussreichster Informatiker, zumindest im internationalen Vergleich und aus Sicht der Praxis. Er gründete 1972, zusammen mit vier Kollegen die Firma SAP, in der er 1979 die Gesamtverantwortung für den Bereich Technik übernahm. Später war Plattner gleichberechtigter Vorstandssprecher der SAP AG neben Dietmar Hopp. Plattner leitete unter anderem das Forschungs- und Entwicklungszentrum der SAP im kalifornischen Palo Alto, das 1998 gegründet wurde. Außerdem nahm er einen Lehrauftrag im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Saarbrücken wahr. Seit 2003 ist Plattner Aufsichtsratsvorsitzender der SAP AG. Plattner besitzt laut Forbes-Magazin ein geschätztes Vermögen von nahezu sieben Milliarden US-Dollar. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft der SAP engagiert sich Plattner als Mäzen. Er gilt als einer der bedeutendsten privaten Wissenschaftsförderer in Deutschland. Im Jahre 1998 gründete er das Hasso-Plattner-Institut (HPI) für Software-Systemtechnik an der Universität Potsdam. Anfang Oktober 2005 richtete Plattner mit der Stanford University das ‛Hasso Plattner Institute of Design“ ein. Plattner hat Nachrichtentechnik an der Uni Karlsruhe studiert. Er war von 1968-1972 als Systemberater bei der IBM in Mannheim tätig.
Bertal Dresen (BD): Der deutsche Bill Gates, so werden Sie von John Hennessy (Stanford) und Dave Patterson (Berkeley) genannt, zwei amerikanischen Computer-Pionieren. Wie jeder Vergleich so beleuchtet auch dieser nur einen Teil der Wahrheit. Gelesen habe ich diesen Vergleich im Vorwort Ihres im Jahre 2011 erschienenen Buches mit Alexander Zeier. Das Thema ‚In-memory Data Management‘ brächte die Welt der Transaktionen (OLTP) und der Datenanalyse (OLAP), manchmal auch ‚Big Data‘ genannt, zusammen - so heißt es dort. Das darauf aufbauende HANA-System scheint sich geradezu zu einem Alleinstellungsmerkmal von SAP entwickelt zu haben. Worauf führen Sie die erstaunliche Resonanz auf Ihr aktuelles technisches Anliegen zurück?
Hasso Plattner (HP): Ich hatte das Glück ein großes Experiment an der Hochschule durchführen zu dürfen. Als wir starteten, war die Idee, alle Daten einer operativen Datenbank im Hauptspeicher zu verwalten, nur für kleinere oder mittlere Anwendungen praktikabel. Aber Dank Google und guter Beziehungen zu den Entwicklern im Hardware Bereich, konnten wir sehen, wohin die Entwicklung gehen würde. Mit acht Cores und 32 Giga Byte Memory haben wir angefangen, heute sind 80 Cores und vier Tera Byte Memory Standard und nächstes Jahr bekommen wir 128 Cores und 12 Tera Byte Memory von mehreren Herstellern geliefert. Alles für einen ‘node’ und davon können wir bis zu 25 zusammenschalten. Alle Forschung hatten wir auf diese Entwicklung ausgerichtet. Vor etwas mehr als drei Jahren konnte ich die SAP überzeugen, ihre drei Datenbankgruppen zusammenzulegen und alle Kräfte auf die Entwicklung einer In-Memory Datenbank zu konzentrieren. Wir hatten Tests mit Echtdaten von großen SAP-Kunden am HPI gemacht und waren sicher, dass eine spaltenorientierte In-Memory Datenbank nicht nur für OLAP sondern auch für OLTP funktionieren würde. Wir haben unsere Forschungsergebnisse fleißig publiziert, aber stießen am Anfang auf die typische Skepsis des Establishments.
Heute ist die SAP kurz davor, alle ihre Anwendungen auf der Datenbank HANA anzubieten. Es ist wie immer im Technologiesektor: das Timing muss stimmen.
BD: Natürlich gibt es auch Kollegen, die in HANA nicht die Lösung aller Informatik-Probleme der Wirtschaft sehen. Sie fragen sich, ob wir einige der Grundkonzepte von Datenbankensystemen wie Atomarität, Konsistenz, Isoliertheit und Dauerhaftigkeit (auch ACID-Konzept genannt) neu durchdenken müssen. Oder sind sie überflüssig geworden? Welche andern Probleme hat die Informatik-Industrie nach Ihrer Meinung zu lösen? Oft wird z. B. der Energiebedarf unserer Geräte als gravierendes Problem angesehen.
HP: Erst einmal, ohne ACID geht bei Geschäftsanwendungen gar nichts. Allerdings sind einige Fragen wie das gleichzeitige Verändern von Personaldaten von der Anwendung zu lösen. Wir glauben, die Datenbank weitgehend sperrfrei zu machen und auch das Betreiben von Replikaten auf der gleichen Persistenzbasis (SSD oder Disk) mit Millisekunden Verzögerung stellt kein wirkliches Problem dar. Jede Transaktion sieht die Daten, die zu seiner Startzeit aktuell waren. Die scharfe Definition von OLTP ist das Problem. Die betriebswirtschaftliche Nutzung braucht heute eine Datenanalyse in Echtzeit (online shopping, trading, optimization by iteration, etc). Neben dem großen Geschwindigkeitsgewinn ist die Verringerung des Daten-‘footprint’ zu beachten.
Brauchen wir nur noch 10-20% an Speicherplatz, gehen die Kosten für die Haltung der Daten im Speicher gewaltig zurück. Denken Sie einmal an die Kosten der Entwicklungs-, Test-, und Archivierungssysteme und ihre laufenden Kosten. Die Hardwarehersteller tun ihr übriges, den Energiebedarf zu senken.
Kann eine Datenbank alles lösen? Erst einmal ist HANA eine Plattform für Anwendungen, also mehr als eine reine Datenbank. Für viele Anwendungsbereiche gibt es vorgefertigte Bibliotheken (Geschäftsfunktionen, Planung, Vorhersagemodelle, Genom basierte Operationen, und vieles andere). Aber damit ist bei weitem nicht alles gelöst. Aber die Tatsache, dass über 600 Start-up-Firmen mit der HANA-Plattform experimentieren und nahezu 50 schon ihre Produkte auf der Basis von HANA anbieten, gibt Zeugnis von dem Potenzial zu Problemlösungen beizutragen.
BD: Ein ganz starker Trend ist sicherlich die Zunahme mobiler Geräte. Einerseits bilden Smartphones (oder portable Apparate aller Art) immer mehr die Schnittstelle zum Menschen, andererseits erlauben Sensoren (und Aktoren) immer mehr die Steuerung technischer Prozesse in allen Branchen. Wo liegen hier die größten Herausforderungen? Stellt nicht der Wunsch, auch im Beruf dieselben Geräte zu verwenden, die man privat benutzt, die Unternehmen vor große neue Aufgaben?
HP: Die weltweite Einführung der Smartphones bedeutet eine ähnliche Revolution wie die Erfindung des PCs. Wenn man das Smartphone benutzt, erwartet man die Antwort in weniger als drei Sekunden. Dialoge müssen, wie auf dem PC, in weniger als einer Sekunde erfolgen. Diese Tatsache hat entscheidenden Einfluss auf die zukünftigen Anwendungen. Die SAP hat mit den HANA basierten Anwendungen den richtigen Weg eingeschlagen und die Antwortzeiten, auch für kompliziertere Programme, dramatisch verkürzt. Praktisch ist der Begriff ‘batch program’ nicht mehr aktuell.
Apple hat gezeigt, dass eine ähnliche Oberfläche für das iPhone und das iPad beim Benutzer sehr willkommen ist. Die Anwendungen müssen auf diese Geräte angepasst werden. Mit dem Internet erreichen wir heute nahezu alle Geräte (Kameras, Haustechnik, Autos, Maschinenbedienung, etc.) der digitalen Welt und können sie einbeziehen in unsere Anwendungen, egal ob ‘home’ oder ‘business’.
BD: Viele Kollegen sehen im Cloud Computing den Alles bestimmenden Trend. Es löst nicht nur die Probleme beschränkter Kapazität und fixer Kosten bei schwankendem Bedarf. Es verspricht vor allem eine Befreiung von jeder Form der Technologie-Abhängigkeit. Wird der Kunde nur noch Dienste in Anspruch nehmen und keine Informatik-Produkte (außer den erwähnten mobilen Endgeräten) mehr kaufen müssen? Werden die damit zusammenhängenden Probleme nicht oft heruntergespielt? Bringt das gerade ins Bewusstsein gerückte Problem der Ausspähung aller im Internet verfügbarer Daten dieses Geschäftsmodell für viele Anwender zu einem jähen Ende?
HP: Jawohl, Anwendungen in der Cloud bieten einen höheren Grad an Flexibilität und können auch im Schnitt zu einem billigeren Angebot führen. Ob der Kunde mietet oder kauft, ist nicht der wirkliche Unterschied. Der große Unterschied in der Cloud liegt in der Standardisierung der Softwareschichten: Betriebssystem, Datenbanksystem, Rechenzentrumsdienste usw. Für kleinere Anwendungssysteme können mehrere Kunden sogar die gleichen Anwendungsprogramme nutzen (Multi-Tenancy oder Mandanten System). Die Sicherheitssysteme sind die gleichen wie im “on premise“-Fall. Der Cloud-Dienstleister hat alle Motivation, einen kostenoptimalen Betrieb zu ermöglichen und kann permanent Vergleiche zwischen verschiedenen Kunden ziehen. Dies führt in aller Regel zu einer besser optimierten Gesamtlösung.
Das Problem der Ausspähung muss getrennt betrachtet werden.
BD: Nach Meinung vieler Kollegen besitzt die Firma SAP eine besondere Stärke darin, dass sie nicht nur das operative Geschäft (das so genannte Backend) automatisiert, sondern seine Kunden dabei unterstützt, alle Aspekte eines flexiblen Geschäftsprozesses für die Automatisierung in Betracht zu ziehen. Stichwort Prozess-Modellierung. Die aktuelle Betonung von OLTP und OLAP deutet daraufhin, dass das Backend eine bevorzugte Beachtung erfährt. Sehe ich das falsch? Muss ein Anbieter, der dauerhaften Erfolg haben will, nicht auch laufend neue Anwendungen erschließen?
HP: Die Wiedervereinigung von OLTP und OLAP ist ein riesiger Schritt, der neue Möglichkeiten in den Geschäftsprozessen ermöglicht. Neue Anwendungen sind nun möglich und werden mit Hochdruck erarbeitet. Der Wegfall der klassischen ‛batch'-Programme ist nur ein Beispiel. Entschieden werden aber auch die kaufmännischen Anwendungen am ‘front end’. Die Benutzer wollen den gleichen Komfort wie in den besten Konsumeranwendungen auch bei ihrer Arbeit. SAP entwickelt deshalb ein komplett neues ‚user interface‘. Es wird Schritt für Schritt in kompatibler Weise zur Verfügung gestellt und wird das alte in Zukunft ersetzen.
BD: SAP hat sehr früh den Schritt zur Internationalisierung des Geschäfts unternommen. Das bezieht sich vor allem auf die Kunden. Der phänomenale Erfolg ist nur so zu erklären. Wie ich in meiner Beschreibung der Firma in diesem Blog hervorgehoben habe, hat SAP auch seine Entwicklung stärker dezentralisiert als andere vergleichbare Firmen. Das hat doch neben Vorteilen sicher auch Nachteile?
HP: Heute bin ich der Überzeugung, dass eine Dezentralisierung technisch viel leichter möglich ist. HANA wurde in über zehn Lokationen rund um den Globus entwickelt. Ich glaube, dass die verteilte Entwicklung ein höheres Potenzial hat und sehe die Bestätigung vor allem in hoch kreativen Unternehmen.
BD: Sie selbst verbringen zwar einige Monate pro Jahr in Kalifornien, haben aber starke Beziehungen zum deutschen Standort. Ich denke zum Beispiel an Ihr Engagement in Potsdam. Worin sehen Sie die Besonderheiten des Standorts Deutschland? Was raten Sie den Kollegen, einmal denen an den Hochschulen, zum andern den deutschen Unternehmen unserer Branche? Haben Sie Wünsche an die deutsche Politik, was deren Industriepolitik in den nächsten Jahren betrifft?
HP: Viele Dinge sind sehr gut in Deutschland, wie unsere Gründlichkeit, die Begabung mechanische und mathematische Aufgaben zu lösen, die Treue zu einer Firma usw. Wir müssen aber mehr auf die Menschen eingehen. Ihnen wollen wir doch die Arbeit oder die Freizeit besser gestalten, also müssen wir sie richtig einbinden in den Entwicklungsprozess. Andere sind hier pragmatischer oder haben einfach mehr Gefühl für die Anwender.
BD: Am Schluss meines erwähnten Blog-Beitrags brachte ich eine persönliche Beobachtung zum Ausdruck. Ich schrieb:
Obwohl SAP eindeutig das global am besten aufgestellte deutsche Informatikunternehmen ist, könnte der Ruf unter Informatik-Absolventen noch besser sein. Die Firma müsste eigentlich auch für Kerninformatiker sehr interessant sein, und nicht nur für Wirtschaftsinformatiker.
Sehen Sie das auch so? Wenn ja, müsste und könnte man da etwas tun? Vielleicht bietet Ihnen dieses Interview in dieser Sache einen Kommunikationskanal.
HP: Also, SAP ist höchst interessant für Kerninformatiker. Ein Großteil des Umsatzes kommt heute schon von Technologiesystemen wie HANA, Business Objects, mobile Kommunikation, Entwicklungsplattform usw. Wenn wir hier ein falsches Image haben, wird es höchste Zeit, das zu ändern.
BD: Ich danke Ihnen sehr für dieses Interview. Vielleicht kann es dazu beitragen, Ihren so eloquent vorgetragenen Anliegen unter meinen Lesern den Weg zu ebnen.
Nachtrag im Januar 2014
Ein späterer Blog-Eintrag enthält eine Rezension von Hartmut Wedekind von Hasso Plattners Buch über In-Memory Data Management.
Bertal Dresen (BD): Der deutsche Bill Gates, so werden Sie von John Hennessy (Stanford) und Dave Patterson (Berkeley) genannt, zwei amerikanischen Computer-Pionieren. Wie jeder Vergleich so beleuchtet auch dieser nur einen Teil der Wahrheit. Gelesen habe ich diesen Vergleich im Vorwort Ihres im Jahre 2011 erschienenen Buches mit Alexander Zeier. Das Thema ‚In-memory Data Management‘ brächte die Welt der Transaktionen (OLTP) und der Datenanalyse (OLAP), manchmal auch ‚Big Data‘ genannt, zusammen - so heißt es dort. Das darauf aufbauende HANA-System scheint sich geradezu zu einem Alleinstellungsmerkmal von SAP entwickelt zu haben. Worauf führen Sie die erstaunliche Resonanz auf Ihr aktuelles technisches Anliegen zurück?
Hasso Plattner (HP): Ich hatte das Glück ein großes Experiment an der Hochschule durchführen zu dürfen. Als wir starteten, war die Idee, alle Daten einer operativen Datenbank im Hauptspeicher zu verwalten, nur für kleinere oder mittlere Anwendungen praktikabel. Aber Dank Google und guter Beziehungen zu den Entwicklern im Hardware Bereich, konnten wir sehen, wohin die Entwicklung gehen würde. Mit acht Cores und 32 Giga Byte Memory haben wir angefangen, heute sind 80 Cores und vier Tera Byte Memory Standard und nächstes Jahr bekommen wir 128 Cores und 12 Tera Byte Memory von mehreren Herstellern geliefert. Alles für einen ‘node’ und davon können wir bis zu 25 zusammenschalten. Alle Forschung hatten wir auf diese Entwicklung ausgerichtet. Vor etwas mehr als drei Jahren konnte ich die SAP überzeugen, ihre drei Datenbankgruppen zusammenzulegen und alle Kräfte auf die Entwicklung einer In-Memory Datenbank zu konzentrieren. Wir hatten Tests mit Echtdaten von großen SAP-Kunden am HPI gemacht und waren sicher, dass eine spaltenorientierte In-Memory Datenbank nicht nur für OLAP sondern auch für OLTP funktionieren würde. Wir haben unsere Forschungsergebnisse fleißig publiziert, aber stießen am Anfang auf die typische Skepsis des Establishments.
Heute ist die SAP kurz davor, alle ihre Anwendungen auf der Datenbank HANA anzubieten. Es ist wie immer im Technologiesektor: das Timing muss stimmen.
BD: Natürlich gibt es auch Kollegen, die in HANA nicht die Lösung aller Informatik-Probleme der Wirtschaft sehen. Sie fragen sich, ob wir einige der Grundkonzepte von Datenbankensystemen wie Atomarität, Konsistenz, Isoliertheit und Dauerhaftigkeit (auch ACID-Konzept genannt) neu durchdenken müssen. Oder sind sie überflüssig geworden? Welche andern Probleme hat die Informatik-Industrie nach Ihrer Meinung zu lösen? Oft wird z. B. der Energiebedarf unserer Geräte als gravierendes Problem angesehen.
HP: Erst einmal, ohne ACID geht bei Geschäftsanwendungen gar nichts. Allerdings sind einige Fragen wie das gleichzeitige Verändern von Personaldaten von der Anwendung zu lösen. Wir glauben, die Datenbank weitgehend sperrfrei zu machen und auch das Betreiben von Replikaten auf der gleichen Persistenzbasis (SSD oder Disk) mit Millisekunden Verzögerung stellt kein wirkliches Problem dar. Jede Transaktion sieht die Daten, die zu seiner Startzeit aktuell waren. Die scharfe Definition von OLTP ist das Problem. Die betriebswirtschaftliche Nutzung braucht heute eine Datenanalyse in Echtzeit (online shopping, trading, optimization by iteration, etc). Neben dem großen Geschwindigkeitsgewinn ist die Verringerung des Daten-‘footprint’ zu beachten.
Brauchen wir nur noch 10-20% an Speicherplatz, gehen die Kosten für die Haltung der Daten im Speicher gewaltig zurück. Denken Sie einmal an die Kosten der Entwicklungs-, Test-, und Archivierungssysteme und ihre laufenden Kosten. Die Hardwarehersteller tun ihr übriges, den Energiebedarf zu senken.
Kann eine Datenbank alles lösen? Erst einmal ist HANA eine Plattform für Anwendungen, also mehr als eine reine Datenbank. Für viele Anwendungsbereiche gibt es vorgefertigte Bibliotheken (Geschäftsfunktionen, Planung, Vorhersagemodelle, Genom basierte Operationen, und vieles andere). Aber damit ist bei weitem nicht alles gelöst. Aber die Tatsache, dass über 600 Start-up-Firmen mit der HANA-Plattform experimentieren und nahezu 50 schon ihre Produkte auf der Basis von HANA anbieten, gibt Zeugnis von dem Potenzial zu Problemlösungen beizutragen.
BD: Ein ganz starker Trend ist sicherlich die Zunahme mobiler Geräte. Einerseits bilden Smartphones (oder portable Apparate aller Art) immer mehr die Schnittstelle zum Menschen, andererseits erlauben Sensoren (und Aktoren) immer mehr die Steuerung technischer Prozesse in allen Branchen. Wo liegen hier die größten Herausforderungen? Stellt nicht der Wunsch, auch im Beruf dieselben Geräte zu verwenden, die man privat benutzt, die Unternehmen vor große neue Aufgaben?
HP: Die weltweite Einführung der Smartphones bedeutet eine ähnliche Revolution wie die Erfindung des PCs. Wenn man das Smartphone benutzt, erwartet man die Antwort in weniger als drei Sekunden. Dialoge müssen, wie auf dem PC, in weniger als einer Sekunde erfolgen. Diese Tatsache hat entscheidenden Einfluss auf die zukünftigen Anwendungen. Die SAP hat mit den HANA basierten Anwendungen den richtigen Weg eingeschlagen und die Antwortzeiten, auch für kompliziertere Programme, dramatisch verkürzt. Praktisch ist der Begriff ‘batch program’ nicht mehr aktuell.
Apple hat gezeigt, dass eine ähnliche Oberfläche für das iPhone und das iPad beim Benutzer sehr willkommen ist. Die Anwendungen müssen auf diese Geräte angepasst werden. Mit dem Internet erreichen wir heute nahezu alle Geräte (Kameras, Haustechnik, Autos, Maschinenbedienung, etc.) der digitalen Welt und können sie einbeziehen in unsere Anwendungen, egal ob ‘home’ oder ‘business’.
BD: Viele Kollegen sehen im Cloud Computing den Alles bestimmenden Trend. Es löst nicht nur die Probleme beschränkter Kapazität und fixer Kosten bei schwankendem Bedarf. Es verspricht vor allem eine Befreiung von jeder Form der Technologie-Abhängigkeit. Wird der Kunde nur noch Dienste in Anspruch nehmen und keine Informatik-Produkte (außer den erwähnten mobilen Endgeräten) mehr kaufen müssen? Werden die damit zusammenhängenden Probleme nicht oft heruntergespielt? Bringt das gerade ins Bewusstsein gerückte Problem der Ausspähung aller im Internet verfügbarer Daten dieses Geschäftsmodell für viele Anwender zu einem jähen Ende?
HP: Jawohl, Anwendungen in der Cloud bieten einen höheren Grad an Flexibilität und können auch im Schnitt zu einem billigeren Angebot führen. Ob der Kunde mietet oder kauft, ist nicht der wirkliche Unterschied. Der große Unterschied in der Cloud liegt in der Standardisierung der Softwareschichten: Betriebssystem, Datenbanksystem, Rechenzentrumsdienste usw. Für kleinere Anwendungssysteme können mehrere Kunden sogar die gleichen Anwendungsprogramme nutzen (Multi-Tenancy oder Mandanten System). Die Sicherheitssysteme sind die gleichen wie im “on premise“-Fall. Der Cloud-Dienstleister hat alle Motivation, einen kostenoptimalen Betrieb zu ermöglichen und kann permanent Vergleiche zwischen verschiedenen Kunden ziehen. Dies führt in aller Regel zu einer besser optimierten Gesamtlösung.
Das Problem der Ausspähung muss getrennt betrachtet werden.
BD: Nach Meinung vieler Kollegen besitzt die Firma SAP eine besondere Stärke darin, dass sie nicht nur das operative Geschäft (das so genannte Backend) automatisiert, sondern seine Kunden dabei unterstützt, alle Aspekte eines flexiblen Geschäftsprozesses für die Automatisierung in Betracht zu ziehen. Stichwort Prozess-Modellierung. Die aktuelle Betonung von OLTP und OLAP deutet daraufhin, dass das Backend eine bevorzugte Beachtung erfährt. Sehe ich das falsch? Muss ein Anbieter, der dauerhaften Erfolg haben will, nicht auch laufend neue Anwendungen erschließen?
HP: Die Wiedervereinigung von OLTP und OLAP ist ein riesiger Schritt, der neue Möglichkeiten in den Geschäftsprozessen ermöglicht. Neue Anwendungen sind nun möglich und werden mit Hochdruck erarbeitet. Der Wegfall der klassischen ‛batch'-Programme ist nur ein Beispiel. Entschieden werden aber auch die kaufmännischen Anwendungen am ‘front end’. Die Benutzer wollen den gleichen Komfort wie in den besten Konsumeranwendungen auch bei ihrer Arbeit. SAP entwickelt deshalb ein komplett neues ‚user interface‘. Es wird Schritt für Schritt in kompatibler Weise zur Verfügung gestellt und wird das alte in Zukunft ersetzen.
BD: SAP hat sehr früh den Schritt zur Internationalisierung des Geschäfts unternommen. Das bezieht sich vor allem auf die Kunden. Der phänomenale Erfolg ist nur so zu erklären. Wie ich in meiner Beschreibung der Firma in diesem Blog hervorgehoben habe, hat SAP auch seine Entwicklung stärker dezentralisiert als andere vergleichbare Firmen. Das hat doch neben Vorteilen sicher auch Nachteile?
HP: Heute bin ich der Überzeugung, dass eine Dezentralisierung technisch viel leichter möglich ist. HANA wurde in über zehn Lokationen rund um den Globus entwickelt. Ich glaube, dass die verteilte Entwicklung ein höheres Potenzial hat und sehe die Bestätigung vor allem in hoch kreativen Unternehmen.
BD: Sie selbst verbringen zwar einige Monate pro Jahr in Kalifornien, haben aber starke Beziehungen zum deutschen Standort. Ich denke zum Beispiel an Ihr Engagement in Potsdam. Worin sehen Sie die Besonderheiten des Standorts Deutschland? Was raten Sie den Kollegen, einmal denen an den Hochschulen, zum andern den deutschen Unternehmen unserer Branche? Haben Sie Wünsche an die deutsche Politik, was deren Industriepolitik in den nächsten Jahren betrifft?
HP: Viele Dinge sind sehr gut in Deutschland, wie unsere Gründlichkeit, die Begabung mechanische und mathematische Aufgaben zu lösen, die Treue zu einer Firma usw. Wir müssen aber mehr auf die Menschen eingehen. Ihnen wollen wir doch die Arbeit oder die Freizeit besser gestalten, also müssen wir sie richtig einbinden in den Entwicklungsprozess. Andere sind hier pragmatischer oder haben einfach mehr Gefühl für die Anwender.
BD: Am Schluss meines erwähnten Blog-Beitrags brachte ich eine persönliche Beobachtung zum Ausdruck. Ich schrieb:
Obwohl SAP eindeutig das global am besten aufgestellte deutsche Informatikunternehmen ist, könnte der Ruf unter Informatik-Absolventen noch besser sein. Die Firma müsste eigentlich auch für Kerninformatiker sehr interessant sein, und nicht nur für Wirtschaftsinformatiker.
Sehen Sie das auch so? Wenn ja, müsste und könnte man da etwas tun? Vielleicht bietet Ihnen dieses Interview in dieser Sache einen Kommunikationskanal.
HP: Also, SAP ist höchst interessant für Kerninformatiker. Ein Großteil des Umsatzes kommt heute schon von Technologiesystemen wie HANA, Business Objects, mobile Kommunikation, Entwicklungsplattform usw. Wenn wir hier ein falsches Image haben, wird es höchste Zeit, das zu ändern.
BD: Ich danke Ihnen sehr für dieses Interview. Vielleicht kann es dazu beitragen, Ihren so eloquent vorgetragenen Anliegen unter meinen Lesern den Weg zu ebnen.
Nachtrag im Januar 2014
Ein späterer Blog-Eintrag enthält eine Rezension von Hartmut Wedekind von Hasso Plattners Buch über In-Memory Data Management.
