Dienstag, 10. September 2013

Hasso Plattner über Big Data, Cloud Computing und deutsche Besonderheiten

Hasso Plattner (*1944) ist Deutschlands erfolgreichster und einflussreichster Informatiker, zumindest im internationalen Vergleich und aus Sicht der Praxis. Er gründete 1972, zusammen mit vier Kollegen die Firma SAP, in der er 1979 die Gesamtverantwortung für den Bereich Technik übernahm. Später war Plattner gleichberechtigter Vorstandssprecher der SAP AG neben Dietmar Hopp. Plattner leitete unter anderem das Forschungs- und Entwicklungszentrum der SAP im kalifornischen Palo Alto, das 1998 gegründet wurde. Außerdem nahm er einen Lehrauftrag im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Saarbrücken wahr. Seit 2003 ist Plattner Aufsichtsratsvorsitzender der SAP AG. Plattner besitzt laut Forbes-Magazin ein geschätztes Vermögen von nahezu sieben Milliarden US-Dollar. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft der SAP engagiert sich Plattner als Mäzen. Er gilt als einer der bedeutendsten privaten Wissenschaftsförderer in Deutschland. Im Jahre 1998 gründete er das Hasso-Plattner-Institut (HPI) für Software-Systemtechnik an der Universität Potsdam. Anfang Oktober 2005 richtete Plattner mit der Stanford University das ‛Hasso Plattner Institute of Design“ ein. Plattner hat Nachrichtentechnik an der Uni Karlsruhe studiert. Er war von 1968-1972 als Systemberater bei der IBM in Mannheim tätig.                                                         

 

Bertal Dresen (BD): Der deutsche Bill Gates, so werden Sie von John Hennessy (Stanford) und Dave Patterson (Berkeley) genannt, zwei amerikanischen Computer-Pionieren. Wie jeder Vergleich so beleuchtet auch dieser nur einen Teil der Wahrheit. Gelesen habe ich diesen Vergleich im Vorwort Ihres im Jahre 2011 erschienenen Buches mit Alexander Zeier. Das Thema ‚In-memory Data Management‘ brächte die Welt der Transaktionen (OLTP) und der Datenanalyse (OLAP), manchmal auch ‚Big Data‘ genannt, zusammen - so heißt es dort. Das darauf aufbauende HANA-System scheint sich geradezu zu einem Alleinstellungsmerkmal von SAP entwickelt zu haben. Worauf führen Sie die erstaunliche Resonanz auf Ihr aktuelles technisches Anliegen zurück?

Hasso Plattner (HP): Ich hatte das Glück ein großes Experiment an der Hochschule durchführen zu dürfen. Als wir starteten, war die Idee, alle Daten einer operativen Datenbank im Hauptspeicher zu verwalten, nur für kleinere oder mittlere Anwendungen praktikabel. Aber Dank Google und guter Beziehungen zu den Entwicklern im Hardware Bereich, konnten wir sehen, wohin die Entwicklung gehen würde. Mit acht Cores und 32 Giga Byte Memory haben wir angefangen, heute sind 80 Cores und vier Tera Byte Memory Standard und nächstes Jahr bekommen wir 128 Cores und 12 Tera Byte Memory von mehreren Herstellern geliefert. Alles für einen ‘node’ und davon können wir bis zu 25 zusammenschalten. Alle Forschung hatten wir auf diese Entwicklung ausgerichtet. Vor etwas mehr als drei Jahren konnte ich die SAP überzeugen, ihre drei Datenbankgruppen zusammenzulegen und alle Kräfte auf die Entwicklung einer In-Memory Datenbank zu konzentrieren. Wir hatten Tests mit Echtdaten von großen SAP-Kunden am HPI gemacht und waren sicher, dass eine spaltenorientierte In-Memory Datenbank nicht nur für OLAP sondern auch für OLTP funktionieren würde. Wir haben unsere Forschungsergebnisse fleißig publiziert, aber stießen am Anfang auf die typische Skepsis des Establishments.

Heute ist die SAP kurz davor, alle ihre Anwendungen auf der Datenbank HANA anzubieten. Es ist wie immer im Technologiesektor: das Timing muss stimmen.

BD: Natürlich gibt es auch Kollegen, die in HANA nicht die Lösung aller Informatik-Probleme der Wirtschaft sehen. Sie fragen sich, ob wir einige der Grundkonzepte von Datenbankensystemen wie Atomarität, Konsistenz, Isoliertheit und Dauerhaftigkeit (auch ACID-Konzept genannt) neu durchdenken müssen. Oder sind sie überflüssig geworden? Welche andern Probleme hat die Informatik-Industrie nach Ihrer Meinung zu lösen? Oft wird z. B. der Energiebedarf unserer Geräte als gravierendes Problem angesehen.

HP: Erst einmal, ohne ACID geht bei Geschäftsanwendungen gar nichts. Allerdings sind einige Fragen wie das gleichzeitige Verändern von Personaldaten von der Anwendung zu lösen. Wir glauben, die Datenbank weitgehend sperrfrei zu machen und auch das Betreiben von Replikaten auf der gleichen Persistenzbasis (SSD oder Disk) mit Millisekunden Verzögerung stellt kein wirkliches Problem dar. Jede Transaktion sieht die Daten, die zu seiner Startzeit aktuell waren. Die scharfe Definition von OLTP ist das Problem. Die betriebswirtschaftliche Nutzung braucht heute eine Datenanalyse in Echtzeit (online shopping, trading, optimization by iteration, etc). Neben dem großen Geschwindigkeitsgewinn ist die Verringerung des Daten-‘footprint’ zu beachten.

Brauchen wir nur noch 10-20% an Speicherplatz, gehen die Kosten für die Haltung der Daten im Speicher gewaltig zurück. Denken Sie einmal an die Kosten der Entwicklungs-, Test-, und Archivierungssysteme und ihre laufenden Kosten. Die Hardwarehersteller tun ihr übriges, den Energiebedarf zu senken.

Kann eine Datenbank alles lösen? Erst einmal ist HANA eine Plattform für Anwendungen, also mehr als eine reine Datenbank. Für viele Anwendungsbereiche gibt es vorgefertigte Bibliotheken (Geschäftsfunktionen, Planung, Vorhersagemodelle, Genom basierte Operationen, und vieles andere). Aber damit ist bei weitem nicht alles gelöst. Aber die Tatsache, dass über 600 Start-up-Firmen mit der HANA-Plattform experimentieren und nahezu 50 schon ihre Produkte auf der Basis von HANA anbieten, gibt Zeugnis von dem Potenzial zu Problemlösungen beizutragen.

BD: Ein ganz starker Trend ist sicherlich die Zunahme mobiler Geräte. Einerseits bilden Smartphones (oder portable Apparate aller Art) immer mehr die Schnittstelle zum Menschen, andererseits erlauben Sensoren (und Aktoren) immer mehr die Steuerung technischer Prozesse in allen Branchen. Wo liegen hier die größten Herausforderungen? Stellt nicht der Wunsch, auch im Beruf dieselben Geräte zu verwenden, die man privat benutzt, die Unternehmen vor große neue Aufgaben?

HP: Die weltweite Einführung der Smartphones bedeutet eine ähnliche Revolution wie die Erfindung des PCs. Wenn man das Smartphone benutzt, erwartet man die Antwort in weniger als drei Sekunden. Dialoge müssen, wie auf dem PC, in weniger als einer Sekunde erfolgen. Diese Tatsache hat entscheidenden Einfluss auf die zukünftigen Anwendungen. Die SAP hat mit den HANA basierten Anwendungen den richtigen Weg eingeschlagen und die Antwortzeiten, auch für kompliziertere Programme, dramatisch verkürzt. Praktisch ist der Begriff ‘batch program’ nicht mehr aktuell.

Apple hat gezeigt, dass eine ähnliche Oberfläche für das iPhone und das iPad beim Benutzer sehr willkommen ist. Die Anwendungen müssen auf diese Geräte angepasst werden. Mit dem Internet erreichen wir heute nahezu alle Geräte (Kameras, Haustechnik, Autos, Maschinenbedienung, etc.) der digitalen Welt und können sie einbeziehen in unsere Anwendungen, egal ob ‘home’ oder ‘business’.

BD: Viele Kollegen sehen im Cloud Computing den Alles bestimmenden Trend. Es löst nicht nur die Probleme beschränkter Kapazität und fixer Kosten bei schwankendem Bedarf. Es verspricht vor allem eine Befreiung von jeder Form der Technologie-Abhängigkeit. Wird der Kunde nur noch Dienste in Anspruch nehmen und keine Informatik-Produkte (außer den erwähnten mobilen Endgeräten) mehr kaufen müssen? Werden die damit zusammenhängenden Probleme nicht oft heruntergespielt? Bringt das gerade ins Bewusstsein gerückte Problem der Ausspähung aller im Internet verfügbarer Daten dieses Geschäftsmodell für viele Anwender zu einem jähen Ende?

HP: Jawohl, Anwendungen in der Cloud bieten einen höheren Grad an Flexibilität und können auch im Schnitt zu einem billigeren Angebot führen. Ob der Kunde mietet oder kauft, ist nicht der wirkliche Unterschied. Der große Unterschied in der Cloud liegt in der Standardisierung der Softwareschichten: Betriebssystem, Datenbanksystem, Rechenzentrumsdienste usw. Für kleinere Anwendungssysteme können mehrere Kunden sogar die gleichen Anwendungsprogramme nutzen (Multi-Tenancy oder Mandanten System). Die Sicherheitssysteme sind die gleichen wie im “on premise“-Fall. Der Cloud-Dienstleister hat alle Motivation, einen kostenoptimalen Betrieb zu ermöglichen und kann permanent Vergleiche zwischen verschiedenen Kunden ziehen. Dies führt in aller Regel zu einer besser optimierten Gesamtlösung.

Das Problem der Ausspähung muss getrennt betrachtet werden.

BD: Nach Meinung vieler Kollegen besitzt die Firma SAP eine besondere Stärke darin, dass sie nicht nur das operative Geschäft (das so genannte Backend) automatisiert, sondern seine Kunden dabei unterstützt, alle Aspekte eines flexiblen Geschäftsprozesses für die Automatisierung in Betracht zu ziehen. Stichwort Prozess-Modellierung. Die aktuelle Betonung von OLTP und OLAP deutet daraufhin, dass das Backend eine bevorzugte Beachtung erfährt. Sehe ich das falsch? Muss ein Anbieter, der dauerhaften Erfolg haben will, nicht auch laufend neue Anwendungen erschließen?

HP: Die Wiedervereinigung von OLTP und OLAP ist ein riesiger Schritt, der neue Möglichkeiten in den Geschäftsprozessen ermöglicht. Neue Anwendungen sind nun möglich und werden mit Hochdruck erarbeitet. Der Wegfall der klassischen ‛batch'-Programme ist nur ein Beispiel. Entschieden werden aber auch die kaufmännischen Anwendungen am ‘front end’. Die Benutzer wollen den gleichen Komfort wie in den besten Konsumeranwendungen auch bei ihrer Arbeit. SAP entwickelt deshalb ein komplett neues ‚user interface‘. Es wird Schritt für Schritt in kompatibler Weise zur Verfügung gestellt und wird das alte in Zukunft ersetzen.

BD: SAP hat sehr früh den Schritt zur Internationalisierung des Geschäfts unternommen. Das bezieht sich vor allem auf die Kunden. Der phänomenale Erfolg ist nur so zu erklären. Wie ich in meiner Beschreibung der Firma in diesem Blog hervorgehoben habe, hat SAP auch seine Entwicklung stärker dezentralisiert als andere vergleichbare Firmen. Das hat doch neben Vorteilen sicher auch Nachteile?

HP: Heute bin ich der Überzeugung, dass eine Dezentralisierung technisch viel leichter möglich ist. HANA wurde in über zehn Lokationen rund um den Globus entwickelt. Ich glaube, dass die verteilte Entwicklung ein höheres Potenzial hat und sehe die Bestätigung vor allem in hoch kreativen Unternehmen.

BD: Sie selbst verbringen zwar einige Monate pro Jahr in Kalifornien, haben aber starke Beziehungen zum deutschen Standort. Ich denke zum Beispiel an Ihr Engagement in Potsdam. Worin sehen Sie die Besonderheiten des Standorts Deutschland? Was raten Sie den Kollegen, einmal denen an den Hochschulen, zum andern den deutschen Unternehmen unserer Branche? Haben Sie Wünsche an die deutsche Politik, was deren Industriepolitik in den nächsten Jahren betrifft?

HP: Viele Dinge sind sehr gut in Deutschland, wie unsere Gründlichkeit, die Begabung mechanische und mathematische Aufgaben zu lösen, die Treue zu einer Firma usw. Wir müssen aber mehr auf die Menschen eingehen. Ihnen wollen wir doch die Arbeit oder die Freizeit besser gestalten, also müssen wir sie richtig einbinden in den Entwicklungsprozess. Andere sind hier pragmatischer oder haben einfach mehr Gefühl für die Anwender.

BD: Am Schluss meines erwähnten Blog-Beitrags brachte ich eine persönliche Beobachtung zum Ausdruck. Ich schrieb: 


Obwohl SAP eindeutig das global am besten aufgestellte deutsche Informatikunternehmen ist, könnte der Ruf unter Informatik-Absolventen noch besser sein. Die Firma müsste eigentlich auch für Kerninformatiker sehr interessant sein, und nicht nur für Wirtschaftsinformatiker. 
 
Sehen Sie das auch so? Wenn ja, müsste und könnte man da etwas tun? Vielleicht bietet Ihnen dieses Interview in dieser Sache einen Kommunikationskanal.

HP: Also, SAP ist höchst interessant für Kerninformatiker. Ein Großteil des Umsatzes kommt heute schon von Technologiesystemen wie HANA, Business Objects, mobile Kommunikation, Entwicklungsplattform usw. Wenn wir hier ein falsches Image haben, wird es höchste Zeit, das zu ändern.

BD: Ich danke Ihnen sehr für dieses Interview. Vielleicht kann es dazu beitragen, Ihren so eloquent vorgetragenen Anliegen unter meinen Lesern den Weg zu ebnen.


Nachtrag im Januar 2014

Ein späterer Blog-Eintrag enthält eine Rezension von Hartmut Wedekind von Hasso Plattners Buch über In-Memory Data Management.

Montag, 2. September 2013

Reflexionen über Physik von Dürrenmatt bis Fukushima

Im Jahre 1962, also vor über 50 Jahren erschien Friedrich Dürrenmatts Komödie ‚Die Physiker‘, Es wurde zum erfolgreichsten deutsch-sprachigen Bühnenstück der Nachkriegszeit. Für diejenigen Leser, die es nicht oder nicht mehr kennen, hier eine kurze Andeutung. Ein deutscher Physiker namens Möbius, der in seiner Dissertation die von Albert Einstein nicht erreichte Vereinigung von Gravität und Relativität geschafft hat, verzichtet auf seine ihm sichere wissenschaftliche Laufbahn und begibt sich freiwillig in eine Nervenklinik. Er lebt in einer von ihr betriebenen Villa. Er gibt an, Besuche des biblischen Königs Salomon zu bekommen. Die gut ausgestattete, auf Neubauten und alte Villen verteilte Klinik steht unter der Leitung einer spleenigen Neurologin aus einer alten Offiziersfamilie. Nach zehn Jahren haben in derselben Villa zwei weitere ehemalige Physiker Aufnahme gefunden. Sie geben an, sich für Newton und Einstein zu halten. Es kommt zu dramatischen Ereignissen. Soviel zunächst dazu.

Bei Bernd-Olaf Küppers, dem Autor des letzten Physik-Buches, das hier besprochen wurde, tauchte auch der Name Manfred Eigen auf, seines akademischen Lehrers. Küppers meinte, dass dessen Vorstellung, wie Leben entstanden sei, immer mehr Anhänger fände. Dies war der Grund, warum ich mich nochmals mit dem Nobelpreisträger Manfred Eigen (*1927) beschäftigte. Eigen hat 1967 den Nobelpreis für Chemie erhalten. Er leitete in Göttingen das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Ich hörte zunächst das Interview mit Gerd Scobel und las dann sein 1975 erschienenes, mit Ruthild Winkler zusammen verfasstes Buch ‚Das Spiel – Naturgesetze steuern den Zufall‘.


Weltbild des Manfred Eigen

Das Buch ist fast 40 Jahre alt und hat mich dennoch fasziniert. Über einige seiner Fragen oder Ideen lohnt es sich auch heute noch nachzudenken. Im Titel steckt schon die wesentliche Aussage. Auf zwei Säulen beruht alles was geschieht, dem Zufall oder dem Gesetz. Im subatomaren Bereich wie in der Thermodynamik dominieren rein statistische Gesetze. Nur wegen der großen Zahlen erscheinen diese Zufälligkeiten als Kausalgesetze. Das Spiel der Natur ist damit eine Dichotomie von Zufall und Notwendigkeit (S. 11). Die Wurzel der Kausalität sei der Zufall (so zitiert er Erwin Schrödinger). Wie gering unser Wissen ist, zeigt die Wetterkunde. Wetter entsteht ausschließlich nach Gesetzen der Thermodynamik. Obwohl wir diese schon lange kennen, ist die langfristige Wettervorhersage noch reine Glückssache (S. 303).

Zwischen Kräften und Gesetzen ersetzt das Spiel den Zwang (S.18). Das Ziel aller Spiele der Natur ist das Gleichgewicht. Das Maß des Erreichten ist die Entropie. Sie  drückt die Folge der binären Entscheidungen aus, die getroffen werden müssen, um eine Struktur zu beschreiben. Ein vollkommenes Gleichgewicht gibt es nur in abgeschlossenen Systemen (S. 169).

Durch die Evolutionslehre Darwins kamen Selektion und Wachstum hinzu. Es entstanden der genetische Code und die anderen Sprachen, inklusive der des Menschen. Der Mensch ist kein Irrtum der Natur, sondern ein Teilnehmer am Spiel, dessen Ausgang offen ist. Er muss seine Fähigkeiten voll entfalten, um nicht unterzugehen. Die Idee, Spiele mathematisch zu beschreiben, und sie auch in der Natur zu erkennen zu versuchen, stammt von John von Neumann.

Eine Theorie setzt Abstraktion voraus. Sie sublimiert das Regelmäßige und Reproduzierbare aus der Wirklichkeit und präsentiert es in idealisierter Form. Sie gilt nur unter den definierten Voraussetzungen und Randbedingungen. Die in der Mathematik zulässigen Abstraktionen (Punkt, Gerade, Unendlichkeit) müssen in der Physik mit größter Vorsicht verwandt werden (S. 28).

Der Zufall hat seinen Ursprung in der Unbestimmtheit der Elementarereignisse. Sie manifestiert sich in Heisenbergs Unschärfe-Relation. Die Unschärfe-Relation erspart uns nur weitere Interpretationsversuche (S.37). Eine Interpretation ist, was viele Gehirne in gleicher Weise abstrahieren. Wir können zwar Planetenbewegungen prognostizieren, das Würfelspiel aber noch nicht (so sagte es Popper). Wegen des Schüttelns wird es unmöglich, alle Randbedingungen zu erkennen. Bei mikroskopisch kleinen Würfeln führen kleine Störungen zu Bahnänderungen, bei Planeten jedoch nicht (S.38).

In frühen Stadien der Evolution konnten nur die Lebewesen überleben, die von den von der Natur angebotenen Molekülstrukturen selektiv Gebrauch machten (S. 43). Die Natur kombiniert Strategien, so dass Stabilität, Wachstum und Variabilität erhalten bleiben. Das 'Survival of fittest' ist eine Tautologie. Es überlebt, wer überlebt (S.74).

Die Gestalt des Lebens und der Ideen haben ihren Ursprung im Wechsel von Zufall und Gesetz. Gestalt ist alles, was sich von der Rauschkulisse abhebt (S.89). Es gibt konservative und dissipative Strukturen. Konservative Strukturen pflanzen sich per Reproduktion fort. Dissipative Strukturen fügen externe Energie hinzu. Sie können zu Hyperzyklen führen, sie haben einen Metabolismus. Die Gestaltbildung erfolgt durch das Zusammenwirken konservativer und dissipativer Strukturen (S.112).

Symmetriebrüche in der Physik deuten auf Lücken in unserem Verständnis fundamentaler Zusammenhänge hin (so drückte es Hermann Weyl aus).

Alles, was Darwin lehrte, ist Physik (so Francis Crick). Die Ereigniskette, die zu Leben führte, kann nicht im Experiment nachgebildet werden (S. 195). Die Evolution ist ein Lernvorgang. Er beruht auf Gedächtnisleistungen (S. 317). Manfred Eigen sieht keinen Grund, warum die Physik nicht auch das Zentralnervensystem (ZNS) des Menschen erklären können soll. Dann könne man auch Bewusstsein und Gefühle verstehen.

Wir kennen in der Mathematik exponentielles und hyperbolisches Wachstum. Der Club of Rome (Meadows, Pestel) hat darauf hingewiesen, dass schon exponentielles Wachstum alle endlichen Ressourcen überfordert. Hyperbolisches Wachstum führt zu Kurven mit Nullstellen (Singularitäten). Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, in einer überfüllten Welt zu leben. Er schafft sich immer wieder Platz (S. 247).

Das Leben ist auf der Erde nur einmal entstanden. Es benutzt überall den gleichen Mechanismus und die gleichen Codeschemata für die Vererbung (S.262). Möglicherweise waren Hyperzyklen erforderlich. Hyperzyklen sind Schleifen, die aus Schleifen bestehen, d.h. in dem Zyklus A-B-C-A sind A, B, C  Zyklen

Poppers drei Welten haben es Eigen angetan. Er sieht Welt 1 und Welt 3 als die objektiven, nur Welt 2 ist subjektiv. Immer wieder befasst sich Manfred Eigen mit dem Informationsbegriff. Er bemüht sich, Shannons Leistung gebührend zu würdigen. Aber er erkennt auch dessen Grenzen. Kann Information überhaupt entstehen oder offenbart sie sich nur? Information sei eine Form der Irreversibilität, ein nicht umkehrbares Ereignis. Ohne Sinnbewertung (Semantik) sei alles nur Bruchstückwerk (S. 310). Da möchte ich (BD) hinzufügen: Leider sehen dies nur wenige Physiker so, und kaum Mathematiker.

Auf eine Besonderheit des Buches sei nur ganz kurz verwiesen. Der Idee John von Neumanns folgend, versucht Eigen alle Konzepte mittels Spielen zu erklären. Es sind deren fast zwanzig. Mal sind es Einzelpersonenspiele, mal Mehrpersonenspiele. Mal sind es bekannte Spiele, wie das japanische Go; mal sind es neue, von ihm entworfene Spiele, wie das Evolutionsexperiment (S. 273).

Dürrenmatts Physiker

Da Manfred Eigen immer wieder auf Dürrenmatts Physiker Bezug nahm, habe ich – wie angedeutet – das Stück gelesen. Es ist eine Tragikomödie, die mit drei Morden beginnt. Jeder der drei Wissenschaftler erdrosselt die ihn betreuende Krankenschwester. Die Polizei wird gebeten, wegen des Geisteszustands der Patienten von einer Ermittlung abzusehen. Stattdessen geben sich ‚Newton‘ und ‚Einstein‘ als Spione gegnerischer Mächte zu erkennen. Sie waren auf Möbius angesetzt, um an seine Entdeckung zu gelangen. Möbius überredet sie, ihr Versteckspiel weiter zu betreiben, weil sie sonst wegen Mordes verklagt würden. Unmittelbar danach erweist sich die Anstaltsleiterin als die wahre Irre. Sie glaubt, von König Salomon den Befehl zur Beherrschung der Welt erhalten zu haben und will sich dazu der Entdeckung des Möbius bedienen. Sie hat, während dieser schlief, dessen Dissertation kopiert. Hier hört das Stück auf – für mich etwas überraschend.

Das Stück gibt Dürrenmatt Gelegenheit über das Theater, das Leben und die Wissenschaft zu räsonieren – oder auf Deutsch, seiner Unzufriedenheit Luft zu verschaffen. Theater und Leben können grotesk, also seltsam sein, ohne absurd, also unsinnig zu sein. Alles was denkbar ist, wird einmal gedacht. Nur im Irrenhaus sind wir wirklich frei. Man kann verrückt sein, aber weise, gefangen, aber frei, Physiker, und doch unschuldig. Er legt Möbius in den Mund, dass Physiker ihre Wissenschaft zurücknehmen müssen. Die Gesellschaft sei noch nicht reif für sie. ‚Entweder löschen wir (Physiker) uns aus oder die Menschheit erlischt‘. Schließlich steigert er sich zu der Aussage: ‚Der Inhalt der Physik geht Physiker an, ihre Auswirkungen alle Menschen‘ und ‚Was alle angeht, können nur alle lösen‘. Manfred Eigen bezeichnet den letzten Satz als Dürrenmatts kategorischen Imperativ – wohl in Anlehnung an Kant.

Von Hiroshima bis Fukushima

Sowohl Dürrenmatt wie Eigen standen offensichtlich noch sehr unter dem Eindruck von Hiroshima und Nagasaki. Manche Physiker empfanden, dass sich wegen der Atombombe ihr ganzes Fachgebiet mit Schuld beladen hätte. Viele Physiker wanderten ab in andere Gebiete, unter anderem in die Computerwissenschaften. Seit beide schrieben, ist die Menschheit um eine Generation weiter. Wir haben die Gefahr, die an die Wand gemalt wurde, nicht gebannt. Im Gegenteil. Wir ließen uns immer mehr auf sie ein, glaubend, dass wir sie kontrollieren könnten. Fukushima hat uns eines Besseren belehrt. Die Welt besteht zwar noch. Aber ein Teil Japans ist unbewohnbar geworden. Eine Kanzlerin, die einmal in Physik promoviert hatte, zog in Deutschland die Reißleine. Der Rest der Welt glaubt, es besser zu wissen.

Die Physik ist das Menetekel. Diese Wissenschaft hat nicht nur ihre Unschuld verloren. Sie verlor auch ihren Schwung. Mehrere Beiträge dieses Blogs beschäftigten sich damit. Heute muss man außer vor Physik auch vor Biologie und Teilen der Medizin warnen. Außerdem möchte ich hinzufügen, dass ethische Grenzen weniger für Forscher als für Ingenieure gelten. Alles zu wissen, ist weniger gefährlich als alles zu tun. Auch Biologen dürfen das menschliche Genom zwar erforschen, aber nicht beliebig verändern. Dürrenmatt beschreibt den Unterschied zwischen Technikern und Physikern, wenn er sagt, sie gehen mit der (von uns entdeckten) Elektrizität um wie Zuhälter mit einer Dirne. Manfred Eigen bringt die Fragen der Ethik so auf den Punkt: ‚Es gibt für Menschen keine objektiven (aus der Natur ableitbaren) Gesetze. Sie benötigen immer Hoffnung, Barmherzigkeit und Liebe‘ (S. 198)

Von Google bis zur NSA-Affäre

Wir Informatiker brauchen nicht auf die Physiker zu zeigen, um klarzumachen, wohin menschliche Hybris führen kann. Die NSA, die plötzlich in aller Munde ist, macht nichts anderes als was Google täglich Millionen Mal tut. Sie versucht aus dem weltweiten Netz Wissen zu gewinnen. Der Chef der NSA hat angeblich bei seinen Mitarbeitern den Beinamen Herrgott, da er alles zu wissen glaubt. Ob und wie die Informatik sich Selbstbeschränkungen auferlegen muss, darüber nachzudenken, fangen wir erst ganz langsam an.

Dienstag, 27. August 2013

Ethik für ‚Whistleblower‘ und wir anderen Leute

Ich hatte gleich zu Beginn der NSA-Affäre  ̶  für viele Leser etwas überraschend  ̶  eine Parallele gesehen zwischen Edward Snowden und Michael Kohlhaas. Ehe das öffentliche Interesse am Fall Snowden vom Treibsand der Medienereignisse total überdeckt wird, möchte ich meine ursprüngliche intuitive Reaktion noch einmal erklären. Ich hoffe, damit das Thema verlassen zu können.

Objektives Unrecht und subjektive Abwägung

Edward Snowden wurde persönlich Zeuge eines tausendfachen Rechtsbruchs. Zumindest empfand er es so. Er wollte sein Gewissen damit nicht belasten. Er wollte nicht der Mittäterschaft schuldig werden. Deshalb suchte er einen Weg in die Öffentlichkeit. Er bezieht sich dabei auf einen im amerikanischen Recht geläufigen Begriff des ‚Whistleblowers‘. Trotz mehrerer Anläufe ist dieser Tatbestand in Deutschland rechtlich nicht geklärt.

Ob es sich tatsächlich um einen Missbrauch gigantischen Umfangs handelt, wird möglicherweise von anderen Instanzen anders beurteilt als von dem Enthüller selbst. Weil Snowden dies ahnte, floh er zuerst nach Hongkong, danach nach Moskau. Hinsichtlich der  Sympathie, mit der er in der amerikanischen Öffentlichkeit rechnen konnte, hatte er dadurch seine Situation allerdings nicht verbessert. Kein Staat mit einer rechtsstaatlichen Tradition bot ihm Asyl an. Selbst der Hinweis eines Spiegelredakteurs (Ulrich Fichtner in Heft 37), dass  Angela Merkel mit einer Asylgewährung an Snowden die Chance hätte, aus dem Schatten Gerhard Schröders hervorzutreten, schien diese nicht zu überzeugen.

Persönlicher Preis und politischer Erfolg

Snowden musste sich im Klaren sein, dass er einen Preis zahlen musste. Ich halte ihn nämlich nicht für naiv. Vielleicht war ihm das aber gleichgültig und er wollte den Märtyrer spielen. Dass er zumindest den Schutz durch den amerikanischen Staat verlieren würde, damit musste er rechnen. Dass mittel- und südamerikanische Staaten ihm nur beschränkten Schutz bieten können, liegt auf der Hand. Die USA brauchen nicht einmal nach ihm zu suchen. Angesichts der zu erwartenden Belohnung würden Tausende von Lateinamerikaner das Geschäft gerne übernehmen.

Im Falle von China und Russland liegen die Dinge anders. Er wird zum Politikum auf höchster Ebene. China hatte kein Interesse, sein Verhältnis zu den USA zu verschlechtern. Es reichte die heiße Kartoffel weiter. Bei Russland ist die Situation anders. Putin hat keine Hemmungen, den USA Sticheleien zu versetzen. Wer weiß, welches Geschäft er eventuell herausschlagen will? Snowden ist damit zum Spielball der Großmächte verkümmert. Er hatte vorgesorgt, indem er einiges Material bei Freunden deponierte – vielleicht sogar alles.

Erreicht hat Snowden, dass die NSA in die Defensive geriet. Sie muss einige Hausaufgaben machen, die ihr sonst erspart geblieben wären. Sie muss dem amerikanischen Parlament, den Verbündeten und der Öffentlichkeit gegenüber belegen, dass Alles nur halb so schlimm ist. Sie wird einige Fehler einräumen – was sie bereits getan hat  ̶  und anschließend versuchen, sie abzustellen. Sie wird aber ihre Arbeit  nicht einstellen. Sie wird auch den fragenden Politikern (aus dem In- und Ausland) einige Fragen zu ihren Methoden und Werkzeugen beantworten.

Da Snowden nur Leiharbeiter und kein festangestellter Mitarbeiter war, wurde inzwischen allen Leiharbeitern bei der NSA gekündigt. Schlagartig standen 900 entlassene Systemadministratoren auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt. Zum Glück besitzen diese eine Qualifikation, die auch anderswo eingesetzt werden kann.

In politischer Hinsicht ist als Erfolg zu buchen, dass Obama angekündigt hat, dass er prüfen lässt, ob man zu den bisher völlig geheim tagenden FISA-Gerichten in Zukunft Anwälte als Verteidiger zulassen würde. FISA (Abk. für „Foreign Intelligence Surveillance Act“) heißt das nach dem 11. September 2001 beschlossene Gesetz, mit dem spezielle Gerichte etabliert wurden, die alles entscheiden, was Geheimdienste benötigen.

Außer der direkten gibt es eine indirekte Wirkung. Diese ist vermutlich enorm. Millionen begannen über die Sicherheit des Internet nachzudenken, so auch dieser Autor. Einige Firmen müssen sogar ihre Geschäftsmodelle neu durchdenken – so die Anbieter und die Nutzer von Cloud-Services. Auch das Topthema ‚Big Data‘ hat ein Geschmäckle bekommen.

Selbstaufopferung und Alternativen

Whistleblower genießen in Teilen der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen, weil sie für Transparenz sorgen und sich als Informanten selbst in Gefahr begeben oder anderweitige gravierende Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Arbeit riskieren.

So heißt es in Wikipedia. Fast immer enden derartige Helden auf tragische Weise. So erging es auch Michael Kohlhaas bei Kleist. Es kann einen mit Stolz erfüllen, für das Recht gekämpft zu haben. Es kann einen aber auch das Leben kosten.  Zum Nachdenken noch ein paar Hinweise.

Unsere Rechtsordnung verlangt nicht, dass man sich,  um Gutes zu tun, selbstlos opfert. Man muss sich nicht selbst in Gefahr bringen, will man ein Verbrechen aufklären. Das Recht auf ein unversehrtes Leben hat einen höheren Stellenwert. Man kann (und soll) seinen Verstand mit einsetzen. Das ist vergleichbar mit dem Zeugnisverweigerungsrecht. Unsere Prozessordnung (§383 ZPO) gibt nämlich einem Zeugen das Recht, seine Aussage ohne Angabe von Gründen zu verweigern, wenn er Gefahr läuft, sich selbst zu belasten.

Snowden hätte auch andere Möglichkeiten gehabt, die weniger gefährlich für ihn gewesen wären. Sie hätten vielleicht mehrere Wochen oder Monate Zeit in Anspruch genommen. Er wäre vielleicht auch nicht in die internationale Presse oder ins Fernsehen gekommen. Als Erstes hätte er das Arbeitsverhältnis regulär beenden können. Er hätte sich einem Abgeordneten, Juristen  oder Journalisten anvertrauen können. Diese können nicht gezwungen werden, einen Informanten zu verraten. Er muss sie allerdings überzeugen. Welches Material dafür erforderlich ist, ist eine entscheidende Frage. Unrechtmäßig erworbenes Beweismaterial ist immer schlecht. Fast alle Juristen übernehmen auch Aufträge gegen Bezahlung oder verteidigen Klienten, von deren Anliegen sie nicht überzeugt sind. Auch als Autor eines Buches (oder Blogs) kann man manchmal die Öffentlichkeit erreichen und genießt dabei den Schutz der freien Meinungsäußerung.

Fall Manning als Lehrstück

Es gibt eine Reihe von 'Whistleblowern‘, auf die immer wieder verwiesen wird. Der jüngste Fall ist der des Soldaten Bradley Manning. Er ist allerdings zu einem abschreckenden Beispiel geworden. Er hatte der Plattform WikiLeaks im Jahre 2010 Film-Material zugespielt, das ihm in Bagdad in die Hände gekommen war. Dazu gehörten Aufnahmen einer Hubschrauber-Besatzung, die den Beschuss von unbewaffneten Zivilisten zeigten. Trotz Demonstrationen, die seine Freilassung verlangten, wurde er am 21. August 2013 von einem Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt. Snowden wurde bereits zugesagt, dass er mit einem Zivilprozess rechnen könnte. Wenn seine Freunde ihm einen guten Anwalt besorgen, kann es sein, dass er mit einer geringen Strafe davon kommt. Ganz ohne Strafe, das wäre eine Sensation.

Fortsetzung folgt

Das Thema 'Ausspähen der Privatsphäre' wurde Ende Oktober wieder aufgegriffen.

Donnerstag, 22. August 2013

Internet-Sicherheit: Informatiker klären auf und versuchen zu helfen

Die von den Medien oft selektiv und tendenziös erfolgte Berichterstattung über die von Edward Snowden verbreiteten Anschuldigungen hat viele Politiker und Bürger sehr verunsichert. Ist die Informatik daran schuld, dass wir jetzt die Reste unserer Privatsphäre verlieren? Ist das Internet, das bis vor kurzem vor allem als Tummelplatz für Verbrecher (wie die Verteiler von Kinderpornografie oder von Musik-Raubkopien) kritisiert wurde, in Wirklichkeit nur ein Mittel, um uns den Überwachungsstaat überzustülpen? 

So oder ähnlich lauteten die Fragen, die in den letzten Wochen auf Informatikerinnen und Informatiker in Deutschland hereinprasselten. Da Informatikern der Begriff ‚Hype‘ nicht ganz ungeläufig ist, reagieren viele fast lethargisch. Einige sind sogar davon überzeugt, dass in vier Wochen, also nach der Wahl, bestimmt eine ganz andere ‚Sau durch das Dorf getrieben wird‘. Vielleicht ist es dann mal wieder der Euro.

Auf zwei sehr beachtenswerte und verantwortungsbewusste Gegenreaktionen von Seiten der Gesellschaft für Informatik (GI) sei hier kurz verwiesen. Wem in beiden Fällen die Gefahrenschilderung etwas zu extrem erscheint, möge sich einreden, dass es besser ist, wenn man sich in Richtung übertriebener Vorsicht irrt, als umgekehrt. Die Natur des Menschen ist so, dass Angst ein Gefühl ist, dass von selbst wieder verschwindet.

Versachlichung der aufgeworfenen Fragen (FAQ)

Ein ad hoc entstandener Arbeitskreis, geleitet von der GI-Vizepräsidentin Dr. Simone Rehm (Ditzingen), hat einen Katalog von Fragen gesammelt und dafür fachlich fundierte Antworten zusammengetragen. Daraus entstand eine so genannte FAQ-Liste (Abk. für ‚Frequently Asked Questions‘).  In der Vorbemerkung zu den Fragen heißt es:

Im Fokus stehen folgende Leitfragen:
  • Wer überwacht wie und in welchem Maße unsere Kommunikation?
  • Wer dringt wie und in welchem Maße in unsere Computer ein?
  • Auf welcher rechtlichen Grundlage geschieht dies?
  • Wie können wir uns davor schützen?
Die Sammlung von etwa 40 detaillierteren Fragen und Antworten ist in vier Gruppen eingeteilt. Neben allgemeinen und politischen Fragen stehen technische und ökonomische sowie rechtliche und ethische. Eine Rubrik mit Fragen zur möglichen Abwehr rundet die FAQ-Liste ab. Die redaktionelle Abgleichung wird noch einige Tage in Anspruch nehmen. Ich werde demnächst einen Link angeben.

Initiative, um Sicherheitsmaßnahmen populärer zu machen

Angestoßen von Prof. Rudolf Bayer, Ph.D., von der TU München, der Verschlüsselung als Muss für die Wirtschaft ansieht, bemüht sich die GI, für die schon seit Jahrzehnten bekannten asymmetrischen Verschlüsselungsverfahren gute und vertrauenswürdige Implementierungen zu finden und diese im massenhaften Einsatz zu testen. Man hofft dadurch bei GI-Mitgliedern (und Informatikern allgemein) zu einer breiteren Anwendung und Akzeptanz effektiver Schutzmaßnahmen zu gelangen. Wörtlich schrieb Kollege Bayer:

Als GI-Fellow und Mitglied eines AK der GI beschäftige ich mich seit Wochen mit der aktuellen Situation bei E-Mail-Verschlüsselung. Ich habe meine Erfahrungen in Selbstversuchen und vielen Gesprächen in drei kurzen Aufsätzen zusammengefasst, für Privatpersonen und für Unternehmen sowie in einer präzisen Anleitung für die Einrichtung von E-Mail Verschlüsselung, siehe diese.
Mein Fazit: Die Einrichtung von E-Mail-Verschlüsselung ist derzeit sehr umständlich. Sie wird in der Praxis deshalb kaum eingesetzt, weder im Privaten noch in der Wirtschaft. Ich sehe für die Informatik eine große Herausforderung darin, diese Situation zu ändern und unterbreite konstruktive Vorschläge.
Meine Analyse: Das Abhören des E-Mail-Verkehrs ist kein Big Data Problem, sondern überraschend Small Data.
Meine Vision: Die Einrichtung von E-Mail-Verschlüsselung muss so einfach werden wie die Installation einer App auf einem Smartphone!

Es gibt Menschen, die meinen, dass sich Ende Mai, als Edward Snowden von Hawai nach Hongkong flog, auch ihre Welt verändert habe. Zumindest hat ein Einzelner (mal wieder) eine Weltmacht nebst Verbündeten gehörig brüskiert.

[Die angegebenen Dokumente stellen vorläufige Arbeitsversionen dar. Zweck dieser Ankündigung ist es, dabei mitzuhelfen, die öffentliche Diskussion  ̶  so schnell es geht  ̶  zu versachlichen. Alle Dokumente und dieser Text werden Änderungen oder Ergänzungen erfahren, wenn nötig]

Nachtrag am 2.9.2013

Seit heute steht die FAQ-Liste der GI zum Abhörskandal im Netz. Sie verrät bezüglich Schreibstilen, Längen und Sichtweisen unterschiedliche Autoren. Bei der Vorbereitung konzentrierte sich das Bemühen primär auf Genauigkeit, Verständlichkeit und Ausgewogenheit der Aussagen. GI-Präsident Günther sagte dazu:

Mit der FAQ-Liste liefern Fachleute zu der heiß geführten Diskussion um Ausspähung, Geheimnisverrat und Nachrichtendienste einen neutralen und fundierten Hintergrund. Wir möchten damit zum einen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationstechnik sensibilisieren, aber auch irrationale Ängste zerstreuen und konkrete Tipps zum Umgang mit persönlichen Daten geben.
Die IT-Industrie mache sich offenbar Sorgen, dass die Branche im Zuge der NSA-Diskussion einen irreparablen Vertrauensverlust erleiden könnte. So hieß es letzte Woche in der FAZ. Wenn auch die Präsenz der Spähaffäre in den Medien am Abklingen ist, etwas bleibt bestimmt hängen. Es ist daher gut, wenn dem von mehreren Seiten entgegen gewirkt wird.

Mittwoch, 14. August 2013

Was ist das Internet eigentlich und was wird es einmal sein?

Dieser Tage melden sich viele Experten zu Wort, die zu der Frage im Titel etwas sagen wollen und können. Es ist dies einer der positiven Nebeneffekte des Falls Snowden, worauf ich bereits gleich zu Anfang der gleichnamigen Affäre verwiesen habe. In den deutschen Medien sind dies vor allem der Chaos Computer Club (CCC) mit seinen Sprechern (Constanze Kurz, Frank Rieger), und die Einzelkämpfer Sascha Lobo und Markus Beckedahl und einige Vertreter der Piratenpartei. Nicht darunter sind die Gesellschaft für Informatik (GI) oder der BitKom. Für die einen ist die obige Frage vermutlich nicht wissenschaftlich interessant, für die anderen hat sie keine erkennbare ökonomische Relevanz. Man überlässt sie daher dem Boulevard oder den Generalisten. Ich beginne meine Betrachtung mit einem kurzen Rückblick.

Was war das Internet ursprünglich?

Das Internet war am Anfang ein kostenloser Postdienst für Hochschulen zum Transport von Telegrammen, Briefen, computer-lesbaren Material und technischen Berichten. Seine Nutzer waren Wissenschaftler und Studenten der Informatik (engl. computer science) und verwandter Ingenieurfächer an amerikanischen Elite-Universitäten. Ursprünglich umfasste dies die University of California at Los Angeles (UCLA) und die Stanford University, später kamen die University of Utah und die University of California in Santa Barbara dazu. Der erste Knoten in Europa war im National Physical Laboratory (NPL) in England. Die erste deutsche Adresse hatte das Rechenzentrum der Universität Karlsruhe. Der Dienst benutzte vorhandene Rechner, die für Forschungszwecke zur Verfügung standen. Ausgetauscht wurden Verabredungen, Beschreibungen von Forschungszielen, Computer-Programme in unterschiedlichen Sprachen und Entwicklungszuständen und Forschungsberichte in Textform.

Was ist das Internet heute?

Das Internet ist heute für alle Gerätetypen zugänglich, die über eine minimale Computerkapazität verfügen. Anstatt einiger wenigen Spezialisten bedient das Netz Milliarden von Nutzern weltweit, in allen Alters- und Berufsgruppen. Der primäre Nutzer ist heute ein Mensch (siehe unten). Das Internet ist eine Basis (engl. enabler) für eine Vielzahl unterschiedlicher Dienste und Produkte. Die Dienste existierten größtenteils bereits vorher, wurden aber mit andern Mitteln realisiert. Hierzu gehören:

  • Post- und Fernschreibdienst (Telegrafie): Sowohl für geschäftlichen und privaten Gebrauch weltweit kostenlos.
  • Fernsprechdienst (Telefon): Alle Zweiergespräche und Konferenzen nutzen zunehmend das Internet zur Übertragung. Teilweise kostenlos.
  • Archiv und Bibliothek: Ablage mit weltweitem Zugriff für Daten und Dokumente für geschäftliche, wissenschaftliche und private Nutzung.
  • Auskunftei und Nachschlage-Lexikon: Das Internet ist ein enormes Sammelbecken für Information und Wissen. Dank dem hohen Stand der Suchmaschinentechnik ist es für jedermann leicht zu erschließen.
  • Nachrichtenvermittlung: Privatleute, kommerzielle und staatliche Organisationen stellen laufend aktuelle Information bereit, die man gezielt beobachten kann. Die Agenturen gehen entweder direkt ins Netz oder verkaufen weiter an Medien (Zeitungen und Rundfunk) zwecks Weiterverwendung.
  • Ausdrucksmedium für Kreative: Die Schöpfer von Belletristik, Sachbüchern, Kinderbüchern, Poesie, Spielen, Grafik, Gemälden und Musik gehen zunehmend ins Internet.
  • Medium für Essayisten: Parallel zu den bestehenden Medien gehen viele Einzelpersonen direkt an die Öffentlichkeit (als Blogger).
  • Bücher-, Gemälde-, Musik- und Videoladen: Zunächst wurden gedruckte Bücher und andere Datenträger online verkauft. Inzwischen erscheinen fast alle Bücher auch oder nur als E-Books, sowie alle andern Medien direkt im Netz.
  • Versandhandel: Neben Büchern werden auch alle physikalischen Produkte (Kleider, Lebensmittel, technische Geräte) online verkauft und per Postkurier ausgeliefert.
  • Reisebüro: Planung, Beratung und Buchung von Reisen (Flug, Bahn, Mietwagen, Hotel) erfolgt nur noch direkt (d.h. elektronisch) durch den Kunden.
  • Sammlung von Kartenmaterial (Atlas): Für die Nutzung ohne und mit GPS-Navigationsgeräten.
  • Fernsehen, Kino, Konzerthaus: Alle Aufführungen und Produkte können von zuhause aus und zeitversetzt genutzt werden.
  • Buchhaltung, Lagerbuch: Repositorium für Geschäftsunterlagen aller Art.
  • Allgemeine und spezielle Märkte: Anbieter und Käufer für Gebrauchtwaren und Alltagsbedarf, aber auch für Kunst und Wertgegenstände werden weltweit zusammen geführt. Orts- und Zeitgleichheit sind nicht mehr erforderlich.
  • Finanzplatz: Finanzgeschäfte aller Art (Wertpapiere, Versicherungen) lassen sich ortsunabhängig und schnell erledigen. Große Differenzierung.
  • Aus- und Weiterbildung: Nach vielen Versuchen E-Learning innerhalb einzelner Schulen und Ausbildungsgänge einzusetzen, scheinen MOOCs einen Massenmarkt zu adressieren.
  • Jugendtreff und Heiratsmarkt: Durch Selbstdarstellungen werden Kontakte geknüpft und gepflegt.
  • Medizinische und psychologische Beratung: Viele Patienten suchen zuerst im Netz nach Heilmethoden oder Medikamenten, ehe sie einen Arzt oder Psychologen aufsuchen.
  • Treffpunkt für Gruppierungen aller Art: Weltweit können Hobbyisten und Esoteriker, fachliche, politische, religiöse und soziale Interessensgemeinschaften sich darstellen und leicht kommunizieren.
  • Spielplatz: Wettbüros und Spielkasinos sind nicht mehr ortsgebunden. Alle Karten- und Brettspiele sowohl für Einzelpersonen wie für Gruppen sind überall und jederzeit verfügbar.
  • usw., usw.

Es gibt auch eine Gruppe neuer, meist amerikanische Geschäftsideen und Anwendungen, die speziell für das Medium Internet entwickelt wurden. Sie richten sich oft an große Massen von simultanen Nutzern, vor allem Jugendliche. So wie früher beim Fernschach gegen unbekannte Partner können sich jetzt viele Personen zeitgleich im Wettbewerb oder gemeinsam an geistig anspruchsvollen Aufgaben betätigen. Diese Anwendungen sind ökonomisch gesehen noch lange nicht so wichtig wie die oben gelisteten. Deshalb will ich hier nicht näher auf sie eingehen. Vielleicht tue ich es später einmal.

Ist das Internet noch zu retten?

Zu dieser Frage äußerten sich am 8.8.2013 in einem Beitrag für Zeit-Online zehn so genannte Pioniere und Theoretiker des Internet. Darunter sind Jaron Lanier, Jeff Jarvis, Jevgeny Morozov, Viktor Mayer-Schönberger, Anke Domscheit-Berg und Markus Beckedahl. Sieht man diese Namen, ist das Attribut ‚Pioniere und Theoretiker‘ vielleicht übertrieben. Es sind zumindest bekannte Autoren. Bezüglich der Zukunft des Internet gehen die Meinungen sehr auseinander. Das liegt einerseits daran, dass das Internet bisher alles andere als eine kontinuierliche Entwicklung durchlief. Nicht-lineare oder chaotische Entwicklungen zu extrapolieren, ist immer riskant. Andererseits gibt sich kaum jemand der Befragten die Mühe, von der eigenen Wunschvorstellung zu abstrahieren. Da das, was dabei herauskam, nicht uninteressant ist, seien einige Beispiele kurz zitiert.

Lanier ist Informatiker und Musiker. Ihn stört es, dass im Internet der Wert geistigen Eigentums ignoriert und damit jedwede künstlerische Leistung entwertet wird.

Bürger, die sich daran gewöhnt haben, ihre Privatsphäre gegen die irreführende Illusion der Kostenlosigkeit einzutauschen, sollten sich nicht wundern. Die Lösung des Problems: Monetarisiert die Informationen von Otto Normalverbraucher.

Jarvis ist Journalist und Autor mehrerer Bücher über die durch das Internet bewirkten strukturellen Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Im Dienst dieser Bedürfnisse und Chancen entstehen große neue Institutionen: Google, um uns mit den Informationen, Facebook, um uns untereinander, Twitter, um uns mit jedermann zu verbinden. Sie und wir handeln in einem voranschreitenden Prozess die Normen und die Ethik der Privatsphäre, Transparenz und Kontrolle aus. Nun aber tritt der Staat in Erscheinung. Er mag sich als Beschützer der Privatsphäre gerieren, in Wirklichkeit aber ist er ihre größte Bedrohung, denn er kann Informationen sammeln und gegen uns verwenden wie niemand sonst.

Morozov war als Blogger in Weißrussland tätig und lebt heute in den USA.

Warum dominieren im Internet Konsum und Überwachung? Weil das, was wir "das Internet" nennen, nur eine kleine  ̶  wenngleich wachsende  ̶  Teilmenge aller anderen modernen Interaktionen ist, die sich durch eine Eigenschaft auszeichnen. Sie alle werden nämlich durch dasselbe technische Protokoll ermöglicht: TCP/IP.

Mayer-Schönberger ist Professor am Internet Institute der Oxford University. Er veröffentlichte in diesem Jahr ein Buch mit dem Titel "Big Data".

Das Internet ist die alle Bereiche unserer Lebenswelt durchdringende Infrastruktur dieser Informationsflüsse. Der Kampf um die Vorherrschaft über die Steuerung der Informationsflüsse und um die sich daraus ergebende Deutungshoheit ist in vollem Gange.

Domscheit-Berg ist Spitzenkandidatin der brandenburgischen Piratenpartei für die Bundestagswahl.

Wir können uns mehrheitlich weiter blind und taub stellen und uns dann in einer Welt wiederfinden, in der wir versuchen, unseren Kindern zu erklären, was ein freies Internet einmal bedeutete und wie mit seinem Ende auch viele andere Freiheiten für immer verschwanden. Wir können uns aber auch machtvoll erheben und das Internet  ̶  so wie wir es kannten  ̶  mit Zähnen und Klauen zurückerobern. Wir können Alternativen entwickeln und nutzen, die vielfältig sind und nicht von Monopolisten betrieben werden.

Zu Beckedahl heißt es, er sei einer der bekanntesten deutschen Blogger. Er betreibt das Blog netzpolitik.org und hat den Verein Digitale Gesellschaft gegründet.

Technisch können wir aus den Enthüllungen lernen, dass der Schutz unserer Privatsphäre bei der Entwicklung von neuen Technologien sofort von Anfang an mitgedacht werden muss. Dezentrale Infrastrukturen bieten weniger Möglichkeiten zum Abgreifen der Daten als eine Zentralisierung bei einem großen Anbieter. … Es geht um nichts Geringeres als unsere digitale Zukunft mit den Grundwerten und Grundrechten, die wir kennen und lieben gelernt haben. Und die für eine freie und demokratische Gesellschaft essenziell sind.

Was wird das Internet in Zukunft sein?

Welche der bereits stattgefundenen Änderungen des Internets die gravierendsten sind, wird unterschiedlich beurteilt. Für manche ist es die Vielzahl der Anwendungen und Inhalte, für andere ist es die Rolle, die Großunternehmen wie Amazon, Apple, Google, Facebook und Wikipedia inzwischen übernommen haben. Durch sie sehen manche die so genannte Neutralität des Netzes gefährdet. In den letzten Wochen erscheint vielen Menschen, dass die größte Änderung sich aus der Rolle des Staates ergibt. Anbieter und Nutzer haben nicht länger das Gefühl, sich selbst überlassen zu sein. Um die Gefahren durch internationalen Terror oder organisierte Kriminalität in den Griff zu bekommen, scheinen westliche Staaten ihre Zurückhaltung aufgegeben oder verloren zu haben. Möglicherweise gelingt es, den Staat wieder etwas aus dem Internet heraus zu drängen. Das geschieht aber eher durch kommerzielle Initiativen und Erfolge als durch Graswurzel-Aktivitäten.

Es gibt eine Vielzahl von Forschungsprojekten auf der ganzen Welt, die dem Thema Future Internet gewidmet sind. Das amerikanische GENI-Projekt zählt hierbei zu den bekanntesten. In Deutschland wurde Ende 2008 das German Lab als nationale Experimentierplattform gegründet. Einige Kollegen fordern, das (alte) Internet total abzulösen durch eine völlige Neukonzeption (engl. clean slate). Angesichts der bisherigen Investitionen in Daten und Dienste (siehe oben) sind dafür enge Grenzen gesetzt. Alle Änderungen müssen abwärts kompatibel sein. Natürlich wird sich nicht nur das Volumen an Daten weiter erhöhen. Es werden weitere Anwendungen und Datentypen hinzukommen. Es kann sein, dass einzelne Bereiche sich noch weiter voneinander abschotten. Gründe dafür sind Benutzerfreundlichkeit und Sicherheit. Wieweit sich Verschlüsselung in dieser Hinsicht gegenüber Techniken wie Virtuelle Private Netze (VPN) durchsetzt, ist offen. Ein aktuell zu lösendes Problem ist die Umstellung des Internet-Protokolls von Version 4 auf Version 6. Hierbei geht es unter anderem um eine Vergrößerung des Adressraums von 4,3 ·109 Adressen auf 3,4·1038  Adressen. Wie vor zwei Jahren im Interview mit Christoph Meinel diskutiert, müssen allein dafür 10-20 Jahre angesetzt werden.

Es ist heute bereits absehbar, dass viele technische Geräte miteinander ohne menschliche Intervention kommunizieren werden (Internet der Dinge). Das gilt nicht nur für die industrielle oder ökologische Planung und Steuerung, sondern auch für Sportgeräte oder medizinisches Monitoring. Die technischen Grundlagen dafür (z.B. RFID, Mikrosensornetze) sind schon lange vorhanden. Es fehlt nur an guten Anwendungsideen (auch Killer Apps genannt) und effizienten Implementierungen.

Oft existieren die alte, offline und die neue, online Realisierung eines der oben genannten Dienste noch nebeneinander. Dieser Zustand kann noch Jahrzehnte lang oder sogar unbeschränkt anhalten. Dass die alte Version teurer, langsamer und weniger zuverlässig ist, ist nicht immer ausreichend, um alle Nutzer zum Umsteigen zu bewegen. Ein analoges Beispiel sind Autos und Pferdefuhrwerke. In vielen von Touristen besonders geschätzten Orten werden Autos zurzeit von Pferdekutschen und Reitern verdrängt. Über eines können wir sicher sein. Es wird auch in Zukunft viele neue Produkte und Dienste geben, an die wir heute noch gar nicht denken.

Zusammenfassung

Das Internet ist die nützlichste Errungenschaft der praktischen Informatik für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. Während die Einführung von Computern nur bestimmte Berufe betraf, ist die Wirkung des Internet mit der Elektrifizierung vergleichbar. Die Vorteile für alle Geschäftsbereiche und alle gesellschaftlichen Gruppen liegen auf der Hand. Daher werden viele Berufe sich ändern, manche wegfallen und neue entstehen. Zu hoffen, dass die durch das Internet verursachte Entwicklung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen ist, ist eine Illusion. Da immer noch viele (ältere) Leute dieser Illusion anhängen, muss man sie aufklären. Bei Jugendlichen besteht kein Umschulungsbedarf. Sie wachsen mit dem Internet zusammen auf. Im Englischen spricht man von ‚digital natives‘. Die deutsche Übersetzung ‚digitale Eingeborne‘ geht uns nur schwer von den Lippen. Da es keinen Fortschritt ohne Kosten gibt, keine Gewinner ohne Verlierer, darf man die Kehrseiten des Internet nicht aus dem Auge verlieren. Aus ihnen entstehen Gefahren und Ängste. Sie müssen ernst genommen werden.

Besonders resistent gegen zwingend notwendige Belehrungen sind neben anderen Zeitgenossen gewisse Alt-Hippies, die glauben, dass man das Internet auf seine akademischen Anfangsjahre zurückdrehen kann. Sie verwechseln gerne Utopie und Realität. Sie zu bekehren lohnt sich nicht.

Freitag, 9. August 2013

Überwachung in Gesellschaft, Technik und Wirtschaft

Das Thema Überwachung ist in diesem Sommer in aller Munde. Schuld daran ist ein gewisser Edward Snowden, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, der sein Unbehagen an die Öffentlichkeit trug. Bereits zwei Beiträge dieses Blogs, jeder mit vielen Nachträgen und Kommentaren versehen, waren dem Fall Snowden gewidmet. Heute schreibe ich einige Gedanken auf, die mir durch den Kopf gehen, wenn generell von Überwachen die Rede ist. Der Begriff hat, je nach Anwendungsgebiet, völlig verschiedene Konnotationen.

In der Gesellschaft

In der Politik, wie der gesellschaftlichen Diskussion allgemein, ist das Wort Überwachung sehr stark negativ belegt. Jeder denkt dabei an das politisch sehr beladene Schlagwort vom Überwachungsstaat. Seine Inkarnation hieß lange Zeit DDR mit der Stasi. Es war daher kein Wunder, dass man in Berlin nach dem Bekanntwerden der Enthüllungen des Edward Snowden an die DDR erinnert wurde. Wer dies nicht gleich tat, dem half ein ‚Künstler‘ nach, indem er die amerikanische Botschaft mit der Lichtschrift United Stasi of America anstrahlte.

Unter der Tätigkeit des Ausspähens versteht man (in unserem Zusammenhang) nur unerlaubtes Lesen von Materialien, die dem Netz anvertraut wurden. Nach der Meinung einiger Aktivisten oder neugegründeter Parteien bräuchte es überhaupt kein Ausspähen zu geben. In ihren Pamphleten und Parteiprogrammen wird Transparenz und absolute Informationsfreiheit gefordert. Mehr gemäßigte Autoren beschränken dies auf alles, was der Steuerzahler eh schon bezahlt hat, etwa die Forschungsergebnisse öffentlich geförderter Projekte oder die diplomatische Post der Regierungen. Ausspähen ist rein passiv und schonend. Ihr Ziel ist nicht das Zerstören oder Verändern von Daten.

Nur sehr zögerlich wird von Politikern und Soziologen eingeräumt oder zur Kenntnis genommen, dass Überwachung sowohl eine positive wie eine negative Bedeutung haben kann. Gutes Überwachen kann zur Verhütung und Aufklärung von Verbrechen oder zur Vermeidung von Schäden führen. Überwachung ist immer dann schlecht, wenn sie zur Unterdrückung (Repression) von Volksgruppen oder zur Vorbereitung von Verbrechen dient. Überwachen gilt im Bewusstsein vieler als ein Verbrechen, obwohl es weder Opfer noch Schaden gibt. Es gibt nur Kosten. Ob diese sich rentieren, stellt sich erst später heraus. Das gilt sowohl für den positiven wie den negativen Fall von Überwachung.

Ein Einbrecher, der ohne Widerstand in eine Privatwohnung einsteigen will, wird einige Tage oder Stunden lang die Lebensgewohnheiten der Bewohner überwachen. Polizeistreifen oder eine Video-Überwachung des Stadtteils können Einbrüchen vorbeugend entgegenwirken. Dem internationalen Terror ist anders als durch Überwachung des Telefon- und Internetverkehrs kaum beizukommen. Da der eigene Tod bei einem Anschlag in Kauf genommen wird, ist die Androhung von Strafen kein Mittel zur Abschreckung. Nur die Aufdeckung der Vorbereitungen von geplanten Anschlägen hilft. Dafür werden große Anstrengungen unternommen. Der dieser Tage erhobene Vorwurf, die damit zusammenhängende Überwachung einer großen Anzahl offensichtlich Unbeteiligter stelle eine ‚fortlaufende Menschenrechtsverletzung‘ dar, zeigt nur, wie schwierig es ist, effektive Methoden der Eingrenzung zu finden. Im Zweifelsfalle observiert man lieber jemanden zu viel als jemanden zu wenig. Dieser Fehler hat die weniger dramatischen Folgen.

Ganz allgemein gilt Überwachung (neben den handgreiflicheren Formen des Freiheitsentzugs) als das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung. Sowohl unmündige Kinder wie straffällig gewordene Erwachsene können in ihrer Freiheit eingeschränkt sein. Die oft mit dem Alter verbundene Demenz und Senilität können einen ähnlichen Effekt haben. Die Medien und damit der Öffentlichkeit stehen grundsätzlich auf der Seite der Freiheit. Ihr Engagement für die Freiheit steht manchmal in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Größe der Gefahr. Die tatsächlichen Verteidiger der Freiheit fühlen sich oft in die Defensive gedrängt – um es gelinde auszudrücken.

In Medizin und Technik

In Medizin und Technik hat Überwachen einen vorwiegend positiven Beigeschmack. Oft wird auch das Synonym ‚Monitoring‘ verwendet. Es ist eine Tätigkeit, die Maschinen meist besser erledigen können als Menschen. Sie sind dem Menschen überlegen in puncto Ausdauer und Genauigkeit. Überwachungen können sich auf Menschen, Prozesse oder Lokalitäten beziehen. Sie sind die Voraussetzung für jede Form der Steuerung oder der Automatisierung. Eine Maschine, die einen schwer kranken Patienten überwacht, hat keine Konzentrationsstörungen. Sie läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das medizinische Monitoring ist dank des Fortschritts der Technik nicht mehr auf stationäre Maßnahmen beschränkt. In einer normalen Alltagsumgebung können Biosignale wie Herzfrequenz oder Blutdruck erfasst werden und zwecks Steuerung von Therapiemaßnahmen an einen Arzt übertragen werden.

Die Überwachung chemischer Fabriken oder die genaue Steuerung von Verbrennungsmotoren können den schonenden Verbrauch von Ressourcen bewirken und die Belastung der Umgebung oder der Umwelt einschränken. Der technische Fortschritt besteht größtenteils darin, die Überwachung der irdischen Atmosphäre und der Sonne zu verbessern, die Bewegungen der fließenden und stehenden Gewässer (Flüsse, Gezeiten) und der Festlandblöcke zu verfolgen und die Eingriffe des Menschen (Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung) in das Geschehen zu minimieren. Viele kleine Verbesserungen der Überwachung müssen zusammen kommen, um die wesentlichen Gefahrenquellen (Stürme, Fluten, Erdbeben) zu verringern. Eine vollständige Kontrolle der Natur durch den Menschen ist jedoch eine Illusion.

In der Wirtschaft

Wenn es um Kunden, Unternehmen und Märkte geht, kommen die positive und negative Bedeutung fast gleichermaßen zum Tragen. Man möchte wiederkehrende Kunden überwachen, um deren Wünschen, auch den nicht ausgesprochenen, optimal gerecht zu werden. Statt Hauswände und Litfaßsäulen mit Plakaten zu bekleben, oder Filme und Sportübertragungen zu unterbrechen, möchte man Werbung direkt zu dem potentiellen Kunden bringen. Wie wir alle wissen, ist dies heute sehr leicht möglich. Wir benutzen heute bereits viele Geräte, die genug Intelligenz – also Computerkapazität – besitzen, um zu wissen, wohin wir gerne reisen, was wir am liebsten lesen, uns anschauen und anhören. In Zukunft wird es genau so leicht sein festzustellen, was wir gerne anziehen, essen und trinken. Das ist alles Information, die ein wirtschaftlich Agierender gerne hätte. Er würde uns gerne genau passende Angebote machen, und zwar jedem einzelnen. Der ‚gläserne Kunde‘ ist das Ideal. Das statistische Wissen über Gruppen ist nur für die Produktplanung von Interesse.

Als Unternehmer möchte man möglichst wenig kontrolliert werden. Ihn stört es, was das Finanzamt alles wissen will, oder die Statistikämter oder die Umweltbehörde. Die gesetzlich vorgeschriebene Menge an Daten, die er abliefern muss, geht weit über das hinaus, was der Unternehmer selbst benötigt. Die dafür nötigen Aufwendungen machen sich in den Kosten bemerkbar.

Gemeinsamkeiten und Ausblick

Manche Überwachungen werden als streng empfunden, andere lassen sich locker ertragen. Für die Enge entscheidend ist die Frequenz. Eine jährlich oder monatlich durchgeführte Überwachung wird als leichter empfunden als eine tägliche oder gar stündliche Kontrolle. Dass es ganz ohne Überwachungen geht, ist nicht vorstellbar. Ein Minimum an Überwachung ist die Voraussetzung dafür, dass zielgerichtet ans Werk gegangen werden kann. Ein Laissez-faire ist meist nur lokal und kurzfristig zu ertragen.

Die Informatik ist diejenige Technik, die die Möglichkeiten der Überwachung laufend erweitert. Das betrifft sowohl die Überwachung von Menschen, von technischen Prozessen und der Natur, und zwar um von Menschen gesetzte Ziele zu erreichen. Die Ziele der Menschen sind bekanntlich alles andere als gleich. Es wird immer begrüßenswerte Ziele geben und solche, die es nicht sind. Im schlimmsten Falle sind es verachtenswerte, ja böse Ziele.

Eine typische Produktrichtung der Zukunft sind immer kleinere und differenziertere Sensoren. Euphemistisch wie Informatiker sind, nennt sich ein richtungsweisendes Projekt für Sensornetze ‚smart dust‘. Es baute schon 1997 Netze in Nanotechnologie, um atmosphärische Daten zu erfassen. Am konkretesten schienen damals die militärischen Anwendungen zu sein. Auch das Internet dient – wie in letzter Zeit überdeutlich geworden  ̶  als die Basis vieler Überwachungsprojekte. Als Zukunftsperspektive spricht man gerne vom Internet der Dinge. Beide Begriffe umspannen eine neue Dimension von Überwachung und Steuerung. Oder anders ausgedrückt, hier liegt Arbeit für die nächste Generation von Informatikern.