Donnerstag, 7. März 2013

Retroviren - der Motor der Evolution?

Immer wieder überrascht die Biologie mit neuen Erkenntnissen. Wie keine andere Wissenschaft beeinflusst sie derzeit unser Weltbild. Wer glaubte, die Mechanismen und die Wirkungen der Evolution verstanden zu haben, muss immer wieder umdenken. Die kleinsten Organismen, die wir kennen, sind die Viren. Stellt man sich einmal eine Zelle als Fußballfeld vor, dann haben Bakterien die Größe eines Fußballs. Viren sind dann so groß wie die sechseckigen Lederstücke, aus denen ein Ball besteht. Ob sie zu der lebenden oder toten Materie gehören, hängt davon ab, wie man Leben definiert.

Retroviren sind eine Familie von Viren, deren Erbinformation in Form von Ribonukleinsäure (RNA) vorliegt. Anders als bei „normalen“ RNA-Viren aber muss die RNA von Retroviren zunächst einmal mittels reverser Transkription umgeschrieben werden, bevor sie in das Genom der Wirtszelle eingebaut und dort aktiv werden kann.

Am 6.3.2013 schrieb Peter Hiemann aus Zarzis in Tunesien:

Hier eine Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse über Retroviren, die ich der Scobel-Webseite sowie der letzten Sendung entnommen habe:

„Eine entscheidende Rolle spielten Viren in der Evolution. Sie sind überall: im Meer, im Boden und in der Luft. Wir kennen noch nicht einmal einen Bruchteil. Der gesamte Planet ist eingehüllt in ein Netzwerk genetischer Wechselwirkungen. Welche Rolle spielen Viren dabei? Waren sie die erste Lebensform, jener Übergang von Chemie zur Biologie oder sind sie nur marodierendes Erbmaterial, parasitäre Großmoleküle im Reich des Lebendigen? Am Robert Koch-Institut forscht Norbert Bannert über Retroviren. Das sind Viren, die nur ein einfaches RNA-Genom haben und sich in das Erbgut ihres Wirtes einschreiben können. Es war eine Überraschung, als man eine große Anzahl von Retroviren im menschlichen Genom fand. Bannert sagt: "Die Erbinformation von endogenen Retroviren im Humangenom macht etwa 8,2 Prozent des gesamten Genoms aus und das ist etwa 20 mal so viel, wie wir an Genen haben."

Neben den rund 20.000 Genen des Menschen vereint unsere DNA also noch rund eine halbe Million Abschnitte aus Viren, die sich im Laufe der Evolution ins Erbgut geschrieben haben. Unsere DNA ist tatsächlich eine Art Virenmuseum. "Dieser Einbau zieht sich wahrscheinlich durch die gesamte Evolution hindurch. Die ältesten Sequenzen, die man noch als solche erkennt, sind etwa 100 Millionen Jahre in unserem Genom. Solche, die noch einigermaßen gut erhalten sind, sind etwa 40 Millionen Jahre alt", so Norbert Bannert. „Möglicherweise waren diese Retroviren der Motor der Evolution“

Wenn ich richtig verstanden habe, haben viele die von Joachim Bauer beschriebenen Transpositionselemente viralen Ursprung. Diese Elemente (auch Transposons genannt) bewirken die Verschiebung und Verdopplung genetischer Information, d.h. Veränderung des Genoms. Die wichtigste Erkenntnis für mich ist die Tatsache, dass die bei Manturana und Luhmann postulierte „Strukturkopplung“ Gestalt angenommen hat. Retroviren als unabhängige Strukturen der Außenwelt haben auf direkten Weg DNA Strukturen verändert.

Das Luhmannsche Evolutionsmodell (Kommunikationsmodell) kann also erweitert werden, um direkte Einflüsse von außerhalb existierenden Strukturen zu berücksichtigen. Das so erweiterte Modell erlaubt auch, die individuelle geistige Evolution durch kulturelle Einflüsse des individuellen Gehirns zu verstehen. Wenn ich das erweiterte Modell auf gesellschaftliche Institutionen anwende, stellt sich die Frage, was wirkt außerhalb dieser Institutionen auf die Gesamtgesellschaft, den Staat? Ich wage die Behauptung: Es sind die Weltanschauungen, die auf Mysterien, Religionen, Märkten (unsichtbare Hände) oder Wissenschaften beruhen. Vermutlich haben wissenschaftliche und handwerkliche Erkenntnisse den größten Einfluss. Man denke nur an die Durchdringung der Gesellschaften aller geschichtlichen Epochen mit Technologien. Insbesondere mit Technologien, die der menschlichen Kommunikation und Verbreitung von Information dienten: Schrift, Buchdruck, Radio, Fernsehen, Computer, Internet, individualisierte Kommunikationsnetzwerke.

Vielleicht ist Ihnen auch das kürzliche Spiegelgespräch mit dem Ameisenforscher Edward O. Wilson aufgefallen (Spiegel 8/2013). Während er (und auch ich) nichts von Dawkins „egoistischen Genen“ und daraus folgend von „Verwandtenselektion“ hält, scheint seine Evolutionshypothese sehr plausibel zu sein. Wilson ist überzeugt, dass die biologische und soziale Evolution des Homo Sapiens mit „Gruppenselektion“ erklärt werden kann. Wilsons Arbeitshypothese (wie auch Luhmanns) beruht auf der Fähigkeit zur Kommunikation. Bei Ameisen auf der relativ einfachen Sensibilisierung von Pheromonen. Wilsons Hypothese bedeutet aber auch, dass die direkte Durchdringung von biologischen, geistigen und sozialen Strukturen eine entscheidende Rolle bei evolutionären Entwicklungen des Lebendigen gespielt hat und spielt.

Am 7.3.2013 schrieb ich (Bertal Dresen):

...tolle Vorstellung: Sie sitzen am [nordafrikanischen] Strand und überlegen wie die Viren die Evolution steuern. Interessant finde ich es, dass Biologen jetzt immer mehr Sinn in den 90% der DNA erkennen, die sie zuerst als 'Schrott' ansahen. Mediziner suchen nach schädlichen und nützlichen Viren, nicht nur bei Zeitgenossen sondern auch bei Vormenschen. Gut zu wissen, dass es die so genannten Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Alzheimer schon im alten Ägypten gab.

Ebenfalls am 7.3.2013 schrieb Hans Diel aus Sindelfingen:

das sind interessante neue Forschungsergebnisse und interessante Schlussfolgerungen, die Sie daraus ziehen.

Bei einer Ihrer Behauptungen habe ich eine nur leicht unterschiedliche Meinung. Bei dem "was wirkt außerhalb dieser Institutionen auf die Gesamtgesellschaft" sehe ich eher die Technik als die Wissenschaft, insbesondere die Techniken, die die Kommunikationsmöglichkeiten (Buchdruck, Radio, Telefon, Internet) und die Mobilität (Motoren für Schiffe, Autos, Flugzeuge) erhöhen. Interessant (zumindest für mich) ist, dass bei der Entwicklung der meisten dieser Techniken die Wissenschaften eine relativ kleine Rolle gespielt haben.

NB (Bertal Dresen): Die Meinung von Herrn Diel wird vermutlich nicht unwidersprochen bleiben. Gestern erst las ich bei einem bekannten deutschen Autor, dass es ohne geisteswissenschaftliche Forschung das deutsche Wirtschaftswunder nicht gegeben hätte.

Freitag, 1. März 2013

Gerechtigkeit und Gleichheit bei Rawls und Stiglitz

Es kostete mich einige Anstrengung, um mich durch das neue Buch von Joseph Stiglitz durchzukämpfen. Es heißt Der Preis der Ungleichheit und erschien 2012. Obwohl Gleichheit im Gedankengut der französischen Revolution als politisches Prinzip gefordert wird, fand ich immer, dass Gerechtigkeit ein wesentlich besserer Begriff ist. Ungleichheit ist doch nur eine Form mangelnder Gerechtigkeit, dachte ich. Vor allem erinnerte ich mich an John Rawls (1921-2002) und dessen Buch Theorie der Gerechtigkeit, das ich vor Jahren gelesen habe.

Rawls definierte das ‘Prinzip der Gerechtigkeit‘ wie folgt: (a) die Grundrechte aller Menschen sind gleich; (b) soziale oder ökonomische Ungleichheiten sind von Vorteil, falls sie für alle zugänglich sind; (a) hat Vorrang über (b). Dieses Prinzip wird ergänzt durch das ‚Differenz-Prinzip`. Es lautet: Wenn es keine Verteilung gibt, die besser für beide ist, dann nehme man Gleichheit. Unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten sind nützlich, wenn sie für die Vergrößerung des Gemeinwohls eingesetzt werden. Anders ausgedrückt: Ungleichheit ist akzeptabel, wenn sie das Los aller verbessert. Außerdem sprach Rawls das in der US-Verfassung verbürgte Grundrecht auf Glück an. Ein Mensch ist glücklich, wenn er erfolgreich ist und er seinen langfristigen (rationalen) Lebensplan erfüllen kann, meinte Rawls.

Beim Lesen des Buches von Stiglitz fragte ich mich, was er wohl zu diesen Gedanken von Rawls zu sagen habe. Die Antwort ist enttäuschend. Rawls kommt nicht vor. Das ist überraschend, sind doch beide US-Amerikaner und Universitätsprofessoren. Vielleicht liegt es darin, dass Rawls Philosoph war, und bereits seit 10 Jahren tot ist. Stieglitz ist jedoch Ökonom und ein international bekannter Autor und Redner. War mir Rawls etwas zu sehr bemüht, das amerikanische System als gut und gerecht erscheinen zu lassen, scheint Stiglitz genau das Gegenteil zu verfolgen. Das Ideal liegt für ihn eher in Schweden. Stiglitz meint deshalb so stark auftragen zu müssen, weil nach seiner Meinung Amerikaner glauben, dass Ungleichheit unvermeidlich, ja wünschenswert ist. Trotz dieser Enttäuschung möchte ich im Folgenden schlaglichtartig beleuchten, was Stiglitz zu sagen hat. Ich räume gerne ein, dass ein anderer Leser andere Punkte als wichtig oder interessant ansehen wird.

Ursachen der Ungleichheit

Laut Stiglitz erklärt die Ökonomie Lohn- und Preisunterschiede mit der so genannten Grenzproduktivitätstheorie. Je wertvoller eine Leistung für den Markt ist, umso mehr verdient man. Nur bei transparenten Preisen fließe Geld dahin, wo der Nutzen am größten ist. Als ersten Grund, warum dies nicht immer klappt, nennt Stiglitz die Informations-Asymmetrie. Gemeint ist, dass nicht alle Marktteilnehmer über dieselbe Information verfügen. Oft wird versucht, diese Asymmetrie bewusst herbeizuführen. Ein typisches Beispiel sind Derivate. Sie verschleiern die kritischen Eigenschaften eines Wertpapier-Geschäfts für den Bankkunden. Wären Märkte effizient, d.h. würden Preise alles ausdrücken, was man über Angebot und Nachfrage wissen muss, bräuchte niemand Information über Firmen und Produkte zu sammeln.

Einen großen Komplex von Tätigkeiten, bei dem der ideale Markt umgangen oder überlistet wird, bezeichnet Stiglitz mit ‚Rent Seeking‘. Er fasst damit praktisch alle Fälle zusammen, in denen jemand sich ungerechtfertigt bereichert. Die Verschleuderung von Staatseigentum gehört dazu, wodurch russische Oligarchen reich wurden, aber auch Monopole wie das von Microsoft, das es erlaubte, Mitbewerber aus dem Markt zu drängen. Der Libor-Skandal der Banken ist nur ein Beispiel neben vielen aus der Finanzbranche. Im Falle von ‚Rent Seeking‘ geht die Belohnung nicht an diejenigen, die Werte schaffen.

In den USA hat die Entwicklung der letzten zehn Jahre das Verhältnis von Kapital und Arbeit stark verändert. Es ist teilweise eine direkte Konsequenz der von den Republikanern eingeschlagenen Politik. Kapitalerträge steigen ungebremst. Das Einkommen aus Lohnarbeit sinkt. Arbeiter tragen das volle Risiko des technischen Wandels. Sie müssen niedrigere Löhne akzeptieren, wenn ihre Branche stagniert oder wegfällt. Es findet eine Polarisierung statt. Die niedrig qualifizierten Arbeiter erhalten immer weniger. Die hochqualifizierten Angestellten verdienen umso mehr. Das Kapital wandert um die Welt auf der Suche nach bestmöglicher Rendite. Arbeiter bleiben meistens am Ort. Die vollkommene Liberalisierung würde dazu führen, dass sich die Löhne in China und den USA angleichen werden.

Die Wirtschaftspolitik ist ein Kampf der Ideen. Die politische Rechte interessiere sich nur für die Gleichheit der Startchancen. Die Linke strebe  ̶  überspitzt gesagt  ̶  die Gleichheit der Ergebnisse an. Seit Reagan hat der Liberalismus von Milton Friedman die Oberhand. Die Steuern auf Veräußerungen und Erbschaften sanken. Das kam primär dem ohnehin reichen Bevölkerungsteil zu Gute. Der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft wurde zurückgedrängt. Dahinter stand der Glaube, dass privates Handeln immer vernünftiger ist als staatliches. Der Staat sei grundsätzlich ineffektiv. Die Finanzkrise vergrößerte die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Bankenrettung half den Reichen. Die unzureichende Hypotheken-Restrukturierung belastete die Armen. Es sei zwar so, dass Innovationen vorwiegend von Privatunternehmen gemacht werden. Sie werden aber durch den Staat erst ermöglicht. Er schafft die Infrastruktur in Form von Gesetzen, Anreizen und Bildung. Wäre dies nicht so, müssten alle Länder gleich gut sein, da die Menschen gleich sind. Für mich klingt das recht idealistisch.

An Verschwörungstheorien erinnert, wenn Stiglitz verkündet, dass die reichen 1% der Bevölkerung ihr Geld dazu verwenden, um die Masse der 99% davon zu überzeugen, dass sie die gleichen Interessen haben. Mit anderen Worten, sie manipulieren die öffentliche Meinung. Um ihre Privilegien zu retten, nutzen sie alle Erkenntnisse der Psychologie und alle modernen Methoden des Marketings.

Folgen der Ungleichheit

Nachdem Stiglitz noch einige weitere Faktoren und Gründe identifiziert hat, die zur Entstehung von Ungleichheit führen, zeigt er die Folgen auf. In erster Linie geht  Sozialkapital verloren, d.h. die Bindungen zwischen den Bürgern, allgemein als Solidarität bezeichnet. Sie halten das System für nicht fair. Die Ungleichheit gefährdet auch die Demokratie. Der Staat kann seine Aufgaben nicht mehr erfüllen. Wegen des Misstrauens in den Staat sinkt die Beteiligung an Wahlen. Sie liegt in den USA bereits nahe an 50%.

Wo der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Marktes in die Irre führte, kam es zu wirtschaftlichen Krisen. Die dadurch entstandenen Lücken in der Nachfrage kann nur der Staat füllen, indem er den Verbrauch anregt. Marktversagen sei nämlich nichts anderes als Staatsversagen. Da die Jugend besonders betroffen ist, brachen in Nordafrika, Spanien und England Unruhen aus. In Amerika deutete die ‚Occupy Wall Street‘-Bewegung darauf hin, dass nicht nur das Finanzsystem im Argen liegt. Diverse Protestbewegungen in andern Ländern schlossen sich an.

Gegenmaßnahmen und Lösungen

Den Fehlentwicklungen, zu denen der Liberalismus fähig ist, werden die Vorteile gegenübergestellt, die eine stärker sozial ausgerichtete Wirtschaftspolitik bringen würde. Wie bereits erwähnt, verweist Stiglitz gern auf Skandinavien. Dort sei der Lebensstandard höher als in den USA, obwohl dort außer Effizienz auch Fairness hoch im Kurs steht. Ein gerechter Lohn sei möglich. Dabei müssten die Kapitalbesitzer und die ‚Rent Seekers‘ etwas kürzer treten. Die reichen 1% sollten aus Eigennutz den armen 99% zu mehr Chancengleichheit verhelfen. Staatliche Krankenversicherung und Stipendien für Studierwillige seien von Nöten. Die rasant steigenden Kosten für Bildung erschwerten den sozialen Aufstieg. Endlich müsste die Steuerprogression verschärft und Erbschaften besteuert werden. Der Kapitalfluss über Landesgrenzen hinweg müsste kontrolliert werden, um Unternehmen und Privatpersonen daran zu hindern, ihre Gewinne da zu versteuern, wo die Steuern am niedrigsten sind, im Fachjargon als Steuerflucht bekannt.

Der Staat müsste Exzesse an der Spitze der Einkommenspyramide zügeln. Er muss Governance-Gesetze erlassen und durchsetzen. Ohne ‚Corporate Governance‘ würden sich Vorstände hohe Vergütungen genehmigen oder sich Firmenerträge aneignen. (Es sei daran erinnert, dass Martin Winterkorn dieses Jahr statt der ihm zustehenden 20 Mill. Euro nur noch 14 Mill. bekommt, und zwar entgegen dem Wunsch seines Betriebsrats). Schließlich sollte die Wahlpflicht eingeführt werden.

In den weltweiten Jugendunruhen sieht Stiglitz ein Wetterleuchten. Im Gegensatz zu einigen Teilnehmern der Innenstadt-Camps strebt er nicht nach der Weltrevolution. Ein Wandel der Gesellschaft würde ihm reichen. Auch braucht die neue Gesellschaft nur sozialer als die alte zu sein, und nicht einmal sozialistisch. Dass es auf der Welt auch Unruhen gibt, die andere Gründe haben, als das Streben nach höheren Löhnen und arbeitslosem Einkommen, passt bei Stiglitz nicht auf den Radarschirm. Es ist mit ökonomischen Theorien nicht erklärbar. Frühere Bücher von Stiglitz waren etwas weniger ideologisch überfrachtet. Vielleicht wollte er mit diesem Buch einen Beitrag zu Obamas Wahlkampf leisten.

Gerechtigkeit und Wahrheit

Wie John Rawls bemerkte, ist Gerechtigkeit ein zentraler Begriff für Wirtschaft und Gesellschaft. Er ist vergleichbar mit dem Begriff Wahrheit in Religion und Wissenschaft. Mit dem Wahrheitsbegriff der Wissenschaft befasste sich ein früherer Eintrag dieses Blogs. Es ist einer der am meisten gelesen Beiträge geworden.

Gerechtigkeit kann sich auf vielerlei Dinge beziehen, z. B. auf Verfahren, Entscheidungen, Verpflichtungen, Institutionen und Personen. Gleichheit hat den Vorteil, dass sie meistens relativ leicht zu definieren und festzustellen ist. Sie ist nicht immer erreichbar. Bei Gerechtigkeit hingegen beginnen die Probleme bereits mit der Definition. Was lange als gerecht galt, kann plötzlich als ungerecht empfunden werden. Es hängt von der relativen Verhandlungsposition ab, was als fairer Ausgleich von Interessen akzeptiert wird. Der Begriff .gerecht' wird also mit dem Wort 'fair' erklärt. Sehr viel weiter bringt uns dies nicht.  

Dienstag, 26. Februar 2013

Gaucks Europa-Rede ̶ und was nun?

Am 22.2.2013 hielt Bundespräsident Joachim Gauck eine Rede zum Thema Europa. Die Rede verdient es, dass auch nach acht Tagen noch über sie nachgedacht wird. Dass unsere aktiven Politiker primär ans Tagesgeschäft denken, ist notwendig und vollkommen richtig. Dafür sind sie gewählt. Die Position des Bundespräsidenten wurde deshalb von den Müttern und Väter unserer Verfassung geschaffen, damit auch jemand von Amtswegen über den Tag hinaus denkt. Nach einem relativ jungen und  ̶   wie sich herausstellte  ̶  etwas unreifen Amtsinhaber haben wir jetzt wieder eine Persönlichkeit von Format. Erinnerungen an Theodor Heuss, Gustav Heinemann und Roman Herzog werden wach.

Stärken der Rede

Mehr Europa! Das sagt auch die Kanzlerin. Das sagte auch Joschka Fischer. Gauck war aufgefallen, dass Bürger mit diesen zwei Worten nichts anfangen können. Ja, es löst eher Angst als Zuversicht aus. Gauck will zum Denken anregen. Er stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Er fragt sich (und damit uns), was im Augenblick eigentlich passiert. Wer etwas Erfahrung im Leben hat, weiß, dass so Freundschaften und Ehen entzweizugehen pflegen. Mit der Weisheit und Radikalität des Alters nennt Gauck die Dinge beim Namen.

Wir tun Dinge, die wir eigentlich nicht für möglich gehalten haben. Wir beschimpfen uns gegenseitig als Faulenzer, Betrüger oder Nazis. Wir tun dies nicht hinter verschlossenen Türen, sondern vor der Weltöffentlichkeit. Der Höflichkeit halber unterschlägt Gauck, dass der englische Premier Cameron und sein Europa-Abgeordneter Nigel Farage bereits die Scheidung verlangen. Wir alle fassen uns an den Kopf und fragen, was in die beiden gefahren ist. Nur Daniel Cohn-Bendit, ein früherer Straßen-Revoluzzer, traut sich Paroli zu bieten. Ausgerechnet er scheint Europas letzter Verteidiger zu sein. Statt zu kritisieren macht Gauck den Engländern Komplimente. Wir Deutschen würden ihre Nüchternheit und ihren Mut schätzen. Wir möchten von ihnen als gestandene Demokraten lernen. Er lässt einige Dinge aus, die Engländer selbst für wichtig halten, z.B. ihre Finanzschläue und ihre Seestreitkräfte.

Gauck legt auch den Finger auf die schmerzlichste Wunde, nämlich dass wir uns nur noch ärgern, wenn wir an Europa denken. Deutschlands Politiker tun, was sie für richtig und sinnvoll halten. Sie stellen Milliarden bereit. Das wird von anderen nicht verstanden, geschweige denn honoriert. Im normalen Leben wäre die Reaktion, dass man solche Leute fortan ignoriert.  

Wir brauchen eine europäische Öffentlichkeit, – meint Gauck  ̶  und zwar nicht nur bei nächtlichen Eurokrisen-Sitzungen und Fußball-Abenden. Die Medien, vor allem die öffentlich-rechtlichen, ruft er auf, eine Agora zu schaffen. Wem griechische Vokabeln nicht geläufig sind, erklärt er an einem Beispiel, was er meint. Wir bräuchten Arte-Sendungen nicht nur mit Paris, sondern auch mit London, Madrid, Rom und Warschau. Leider ist das die einzige konkrete Zielsetzung, die Gauck einfällt. Zum Schluss steigert sich Gauck geradezu in rhetorische Fanfaren. ‚Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen! Europa braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger, nicht Zauderer, sondern Zupacker, nicht Getriebene, sondern Gestalter.‘ Die Frage ist, wo diese sich bisher versteckt hielten. Oder kann es sein, dass es diese gar nicht (mehr) gibt?

Schwächen der Rede

In pastoraler Weise appelliert Gauck an die europäische Wertegemeinschaft und nimmt Bezug auf einen mysteriösen Wertekanon. Gaucks Versuch, diesen Kanon in der Historie zu lokalisieren, geht natürlich daneben. Es gibt ihn nämlich nicht. Keine der prägenden Gestalten kontinental-europäischer Geschichte hat sich 'für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, Menschenrechte und Solidarität' stark gemacht. Das gilt für Ludwig XIV. genauso wie für die Napoléons, für Friedrich den Großen wie für Bismarck und Hitler, aber auch für Franco, Mussolini, Tito und Stalin. Selbst der Urvater Europas, Karl der Große, passt nicht in das gesuchte Schema. Die Revolution von 1848 oder die Weimarer Republik wurden erst nachträglich als für die Demokratie-Geschichte wichtig gewürdigt. Zeitgenossen waren noch sehr geteilter Meinung. Warum sagt Gauck nicht, dass wir die Demokratie zweimal importiert haben, oder dass wir sie dem Kalten Krieg verdanken? Zu sagen, dass wir sie den Angelsachsen und vor allem den Amerikanern verdanken, ist ihm vielleicht zu gefährlich.

Gauck meinte, dass ‚die innereuropäische Solidarität sogar noch wachsen [muss], um längerfristig die großen Ungleichheiten auf dem Kontinenten zu verringern und Lebensverhältnisse zu schaffen, die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive bieten.‘  Das hätte er sich sparen sollen. Das wollen die Bürger nämlich nicht, da es unrealistisch ist, Bulgarien auf das Niveau von Luxemburg zu bringen. Wie ich in einem früheren Blog-Beitrag erklärte, liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beider Länder um den Faktor 17-18 auseinander.

Es ist auch nicht gut, Drohungen auszusprechen in der Form, dass wir alle Englisch lernen müssen, oder Französisch oder gar Ungarisch. Realistischer ist es, darauf hinzuweisen, dass wer Geschäfte mit Ausländern machen möchte, besser eine Sprache lernt, die dieser versteht. Das gilt auch, wenn man gerne deutsche Touristen in seinem Hause oder Hotel haben will. Auch die Wortspielerei ’wir wollen kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland‘ wurde von anderen Kommentatoren als wenig hilfreich kritisiert.

Nur wenn beide, Politiker und Bürger, sich eindeutig zum Subsidiaritätsprinzip bekennen, hat Europa eine Chance. Leider ist es nicht leicht zu implementieren. Es heißt, dass den Ländern und Regionen absolut nichts von ihrer Souveränität weggenommen wird. Bayern bleiben Bayern, Katalanen bleiben Katalanen. Nur wenn Brüssel mehr für Bayern und Katalanen tun kann, als Berlin und Madrid, soll Brüssel die Verantwortung übertragen bekommen. Dann wird Berlin und Madrid übergangen. Vor allem sollten Berlin und Madrid den Bayern und Katalanen nicht vorschreiben, was sie in dieser Hinsicht tun dürfen.

Europa verbessert unsere Chancen mit den USA und China und andern Ländern gute Verträge auszuhandeln. Gauck sollte den Politikern sagen, dass die Einigung Europas nicht gegen die USA oder gegen China gerichtet sein muss. Man soll Partnerschaften anstreben, da wo es geht. Ein Elefant wie China ist eher bereit einem andern Elefanten eine Partnerschaft anzubieten als einer Maus, z.B. Luxemburg oder Malta. Es ist auch nicht unbedingt nötig, dass Dirk Niebel eigene Entwicklungspolitik betreibt, und Guido Westerwelle alle Konsulate retten muss, zumal Lady Ashton bereits über 7000 Beamte in aller Welt verfügt. Gauck sollte nicht nur die Bürger zum Umdenken anhalten, auch bei Politikern scheint dies manchmal nötig zu sein.

Gewünschte Wirkungen

Es ist immer sinnvoller nach vorne zu blicken als zurück. Ein Mann wie Gauck sollte nicht in der Geschichte nach Antworten suchen, die es dort nicht gibt. Er sollte nicht nach einem Europa-Narrativ suchen, das bestenfalls ein phantasievolles Märchen sein kann, mit dubiosen Wurzeln und fraglicher Wirkung. Europas Kultur ist weder einmalig noch überlegen. Ägypten, China, Indien und Persien haben ältere Kulturen.

Er sollte sagen, wohin nach seiner Meinung die Entwicklung geht. Er muss den Mut haben, uns zu sagen, was uns bevorsteht, auch dass die Zukunft nicht alternativlos ist. Aber was sind die Alternativen? Wir sollten sie bewusst auswählen. Wir können und müssen die Zukunft gestalten.

Zu wünschen wäre, dass die Gestaltung der Zukunft Europas von einer Volksbewegung (einer oder mehreren NGOs) begleitet wird. Das Anliegen ist zu wichtig, um es Politikern zu überlassen. Wir sollten versuchen von mehrsprachigen Ländern zu lernen. Da gibt es Erfolge wie im Falle der Schweiz. Es gibt auch Fehlschläge wie im Falle Belgiens. Wir sollten aufmerksam verfolgen, wie große Einwanderungsstaaten (England, Kanada) mit ihren Problemen fertig werden. Die USA sind gerade in Schwierigkeiten, da sie sich wirtschaftlich und militärisch überhoben haben, aber gesellschaftlich zerfallen.

Statt Bürokraten zu überfordern, die in der Subventionierung der Landwirtschaft, der Standardisierung von Produkten oder der Vergabe von Forschungsmitteln ihr Bestes tun, sollte man nach einfachen Erfolgen suchen. Für mich ist Schwäbisch Hall ein solches Beispiel. Sieben Journalisten aus Sevilla besuchten die schwäbische Kleinstadt. Eine Woche darauf gingen bei der örtlichen Arbeitsagentur 13.000 Bewerbungen aus Spanien und Portugal ein. Es waren Ingenieure, Bauarbeiter und Krankenschwestern dabei, die vorher monatelang ohne Arbeit gewesen waren.

Wie viele Tausend Polinnen arbeiten in deutschen Haushalten? Sie nehmen Berufstätigen die Pflege ihrer Angehörigen ab. Ihre Flexibilität und Mobilität ist den deutschen Politikern nicht ganz geheuer. Deshalb werden sie ignoriert und in die Illegalität abgeschoben. Manchmal wächst Europa schneller zusammen als erlaubt.

Auf meinem Fachgebiet bringt eine Organisation mit dem Namen Infomatics Europe die Dekane europäischer Informatik-Fakultäten zusammen. Letztes Jahr sprachen sie über die Vergleichbarkeit der Promotionsleistungen. Vielleicht wurde auch über nicht-besetzte Lehrstühle gesprochen. Mir fällt nach Albert von Lauingen (ϯ1280) kein deutscher Professor an der Sorbonne ein. In den USA kenne ich mehrere.

Ob sie es glauben oder nicht: Es ist möglich, spürbare Vorteile eines vereinten Europas aufzuzeigen, ohne dass dafür sehr viel Geld ‚in die Hand genommen‘ werden muss. Das hat anscheinend noch niemand dem Bundespräsidenten gesagt. Ich bin sicher, er würde sich freuen.

Nachtrag: Übrigens hatte ich meine Ideen bezüglich realistischer Ziele für Europa in einem Beitrag im letzten August bereits aufgeschrienen.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Freuden des Bloggens und des Blog-Lesens

Nicht versäumen möchte ich es, den 40000. Besucher dieses Blogs zu begrüßen. Morgen oder übermorgen ist es soweit. Das Bild einer Kleinstadt, das ein Kollege benutzte, um diese Menge von Menschen zu charakterisieren, ist nur zum Teil richtig. Eine Kleinstadt mit deutsch-sprechenden Menschen aus über 50 Ländern der Erde, gibt es (noch) nicht sehr häufig in der Realität, sondern nur virtuell. Ich möchte das Ereignis verbinden mit einigen Gedanken zum Bloggen generell und dem Hinweis auf zwei besonders interessante Blogs.

Bloggen ist wie Briefe schreiben. Man denkt an ganz bestimmte Leute, hoffend, dass sie auch dieses Mal den Beitrag lesen. Man braucht den gedachten Empfänger nicht zu nennen. Mal sind es meine Freunde, mal meine Verwandten – und da besonders meine Enkel  ̶ , mal meine Kollegen, mit denen ich in Abwesenheit diskutiere. Ich muss mir dabei jedoch Positionen und Formulierungen überlegen, mit denen ich nicht allzu sehr anecke. Sie dürfen scharf und extrem sein, aber nicht angreifbar. Ich will auch niemanden beleidigen. Ob mir das gelingt, weiß ich nicht. Ich hoffe es.

Die Themen wähle ich meist selbst, beachtend was gerade im Schwange ist. Am Anfang hatte ich mir eine Liste von Themen überlegt, die ich abarbeiten wollte. Die Liste gibt es immer noch. Sie ist kaum kürzer geworden. So viele Themen kamen auf, an die ich vorher nicht gedacht hatte. Sehr viel hängt davon ab, was ich lese oder höre. Das Fernsehen spielt Themen hoch, aber auch die Magazine und Zeitungen. Typisch ist, dass ich kaum ein Buch lese, – und ich lese ziemlich viele   ̶  ohne mir eigene Gedanken zu dem Gelesenen zu machen. Innerhalb von Tagen fasse ich meine Gedanken zusammen und übergebe sie dem Netz. Ich sage bewusst Tage, da ich mir angewöhnt habe, einen Text zu überschlafen, ehe ich ihn loslasse. Wie ich anlässlich des letzten Halbjahresrückblicks schrieb, werden die Vorteile des Dialogs zwar erkannt, aber noch in sehr bescheidenem Umfang genutzt. 

Als Blogger wendet man seine Arbeitsenergie und sein gedankliches Interesse sehr stark auf das, was man selbst produziert. Trotzdem lese ich gerne, was andere Blogger schreiben. Man erhält Anregungen, sei es zum Inhalt, sei es zum Stil. Zuletzt habe ich über Blogger, die ich verfolge, vor über zwei Jahren berichtet. Ich bezeichnete mich damals noch selbst als Blog-Banause. Dass ich nicht öfter über andere Blogs berichtete, dafür möchte ich mich entschuldigen.

Auf zwei Blogger, die mir persönlich und fachlich nahe stehen, möchte ich heute eingehen. Mit beiden verbinde ich interessante Erlebnisse, die haften blieben. Auf diese einzugehen, würde hier zu weit führen. Beide Kollegen haben sich als Blogger sehr hervorgetan. Sie schreiben regelmäßig und sind lesenswert. Ihre Texte sind allerdings in Englisch. Bei keinem kenne ich die Leserzahlen.

Von der Art der Themen kommt mir mein früherer Kollege Irving Wladawski-Berger am nächsten. Er ist im Ruhestand und lebt in der Gegend von New York. Wir kennen uns seit etwa 50 Jahren. Er war immer kontaktfreudig und vielseitig interessiert. Er ist in Cuba geboren, aber in Chicago aufgewachsen. Er ist promovierter Physiker, machte aber seine Laufbahn als Software-Experte. Er schrieb seit sieben Jahren einen Blog. Der jetzige besteht seit etwa zwei Jahren und hat etwa 50 Beiträge. Seine Themen umfassen politische, gesellschaftliche und fachliche Fragen.

Diese Woche befasst er sich mit drei Trends, die immer wieder in Studien über die Zukunft erscheinen: 
  • Notwendigkeit des lebenslangen Lernens zwecks Anpassung an die sich rasch entwickelnden Technologien und sich schnell verändernden Arbeitsmärkte; 
  • Auswirkungen der Globalisierung, die auch in Schwellenländern und Entwicklungsländern zur Anhebung  des Lebensstandards führen, und die 
  • Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung und die Sozialprogramme, die durch die Überalterung der Bevölkerung auf der ganzen Welt gestellt werden.
Eine Woche davor betrachtete er die Komplexität und Robustheit von biologischen und technischen Systemen. Als Titel benutzte er das Nietzsche-Zitat ‚Was mich nicht umbringt, macht mich stärker‘ aus der Götzendämmerung. In früheren Beiträgen reflektierte er auch über die Flucht der Eltern vor Castro und die Jahre in Chicago.

Ein anderer Kollege ist Bertrand Meyer, derzeit Professor an der ETH Zürich. Er ist noch beruflich aktiv. Obwohl aus Paris stammend, ist er Kosmopolit. Er ist fachlich sehr engagiert. Er besitzt eine Firma in Santa Barbara in Kalifornien, die sich um die von ihm entwickelte Programmiersprache Eiffel kümmert und die Software pflegt und vertreibt, die um Eiffel herum entstanden ist. Wir kennen uns mindestens seit 20 Jahren. Meyer hat mehrere Blogs. In diesem greift er fast ausschließlich fachliche Fragen auf, speziell aus den Bereichen Programmiersprachen und Software Engineering. Der Blog hat ebenfalls etwa 50 Einträge.



Das Thema seines aktuellen Beitrags ist die Rolle der verschiedenen Formen von Fachveröffentlichungen. Statt vieler Worte, benutze ich seine Skizze, die allein betrachtet, schon das meiste erklärt. Er beteiligt sich sehr aktiv an der auch von ACM aufgeworfenen Frage, warum Informatiker kaum in Fachjournalen veröffentlichen. In einem Beitrag vor einiger Zeit schrieb er über den Begutachtungsprozess von Fachzeitschriften. Er hält das, was da abläuft, nicht immer für sachgerecht und fair.

Wer einen Bezug zur Informatik hat, sei es fachlich oder wissenschaftspolitisch, kann von Meyers Blog profitieren. Wladawsky-Bergers Blog geht weit über die Informatik hinaus.

Montag, 18. Februar 2013

‚Big Business‘ oder ‚Big Government‘ ̶ wer hilft wem?

Fast gehört es zum guten Ton, dass Großunternehmen verteufelt werden. Mit Plakaten und Schimpftiraden kämpfen Demonstranten und Wahlredner gegen die Multis. Der englische Begriff des ‚big business‘ muss dann als Schlagstock dienen. Gern wird dabei suggeriert, dass Industrie und Regierende unter einer Decke stecken würden, um gemeinsam den Bürger übers Ohr zu hauen.

Diese Woche sah ich bei Arte den Film The Brussels Business. Er versuchte klar zu machen, wie sehr europäische Regierungen – und nicht nur die Brüsseler Kommission – von der Wirtschaft manipuliert werden. Er weckte Zweifel daran, ob die Regierenden sich überhaupt von ihrem Volk, dem so genannten Souverän, leiten lassen. Stattdessen wird suggeriert, dass auch in Europa das Prinzip herrsche ‚Ein Euro, eine Stimme‘. Dass es in den USA so ist, wird als erwiesen vorausgesetzt. In dem Film wird der European Round Table (ERT) ausführlich vorgestellt. Es ist ein auf Betreiben von Philips zustanden gekommener Arbeitskreis, in dem Spitzenvertreter großer europäischer Unternehmen sich treffen, um anstehende politische Entscheidungen zu diskutieren und ggf. Interventionen einzuleiten. Nicht nur der Name erinnert an König Arthur und seine Tafelrunde. Wurden bisher primär Dissertationen prominenter Politiker nach Plagiaten untersucht, will man jetzt die Beschlüsse der Brüsseler Institutionen analysieren, um festzustellen, wie sie Texte dieses Gremiums wiederspiegeln. Diese Art von Diskussionen bewegen mich dazu, etwas über die Beziehungen von Wirtschaft und Politik zu reflektieren.

Große oder kleine Unternehmen

Die Größe eines Unternehmens lässt sich an ihrem jährlichen Umsatz oder ihrer Mitarbeiterzahl feststellen. Die Grenze zwischen mittleren Unternehmen einerseits und Großbetrieben andererseits sehe ich etwa bei 10 Mrd. Euro und 10.000 Mitarbeitern. In offiziellen Definitionen von Klein- und Mittelunternehmen (KMUs) wird die Grenze um einen Faktor 10 oder 20 niedriger gezogen, je nach Zweck der Darstellung. Für eine allgemeine, in der Tendenz positive Bewertung von Großunternehmen verweise ich auf einen für den Schulgebrauch bestimmten Text des Bankenverbandes:

So sehr der Mittelstand das deutsche Wirtschaftsmodell prägt – ohne Großunternehmen kommt eine moderne Volkswirtschaft nicht aus. Sie sind imstande, beträchtliche Beträge in Forschung und Entwicklung zu investieren, die Vorteile der Massenproduktion auszuschöpfen und damit nicht nur in Nischen, sondern auch auf den großen Märkten mit den Anbietern anderer Länder erfolgreich zu konkurrieren. 

Im engeren Sinne versteht man unter ‚big business‘ die wenigen Großunternehmen (und evtl. damit verwandte Wirtschaftsverbände), die über beträchtlichen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Einfluss verfügen. In Deutschland würde man Allianz, BASF, Daimler, SAP und Siemens dazurechnen. In den USA sind es wesentlich mehr Unternehmen. Aus der Informatik-Branche würden Apple, Google, Intel, Microsoft und IBM mitgezählt. (Nur als Randbemerkung: Sieben der erwähnten zehn Unternehmen gehören zu den beliebtesten Arbeitgebern deutscher Informatik-Studenten). 



Dass die Zahlen nach oben hin sehr schwanken, zeigt die Zusammenfassung der Daten von fünf Unternehmen, die in diesem Blog vorgestellt wurden. Denkt man an die Beträge, die zurzeit von Staaten als Schulden vor sich her geschoben werden, sind das recht bescheidene Summen. 

Meine berufliche Erfahrung bezieht sich – das muss ich eingestehen  ̶  primär auf ein international tätiges Großunternehmen. Ich kann die obige Aussage insofern bestätigen, als wir mit Problemen und Erwartungen von Kunden in allen Erdteilen konfrontiert wurden. Wir mussten Lösungen suchen, die überall installierbar waren, sowohl in Chicago, wie in Nagasaki oder in der argentinischen Pampa. Bei unsern Lösungen konnten Ideen von Kollegen aus Kalifornien, Frankreich oder Schweden einfließen. Der Hauptnachteil war, dass wir Zeit benötigten für die Abstimmung. Auch konnten wir Sonderwünsche von Kunden in Emden oder in Dinkelsbühl nur schlecht erfüllen.

Der Skaleneffekt, der sich durch die Massenproduktion ergibt, verliert zunehmend an Bedeutung. Einerseits tritt die Fertigung mechanischer Geräte in den Hintergrund, andererseits gestattet die Informatik die individualisierte Massenfertigung (engl. Mass Customization). Stattdessen ziehen Weltunternehmen in anderer Form Nutzen aus der Globalisierung. Sie können Umsatzschwankungen ausgleichen, wenn der Markt regionalen Schwankungen unterliegt. So profitiert die deutsche Automobilindustrie gerade von einem Boom in Asien, während Franzosen und Italiener sehr unter der europäischen Krise leiden, da sie die Ausweitung nicht betrieben haben. 

Neben der Ausdehnung des Geschäfts erlaubt die Internationalisierung einen Zugriff auf einen größeren Markt an Arbeitskräften. Sind es im Falle Chinas hauptsächlich billige Fertigungskapazitäten, die attraktiv sind, liefern andere Länder vor allem Entwicklungskapazität. Alle großen Unternehmen der Informatik-Branche nutzen dies aus. Die Labors von IBM, Microsoft, SAP und anderen (ursprünglich) westlichen Unternehmen in Indien, China, Russland, Israel und Brasilien sind nicht mehr wegzudenken. Vor allem das Aufkommen an Erfindungen und Patenten aus diesen Ländern übertrifft teilweise bereits die Heimatländer.

In fast allen Branchen fand als Teil eines Reifeprozesses eine Konsolidierung statt. Es gibt kaum eine Branche, in der es heute noch so viele Unternehmen gibt, wie in ihrer Frühphase. Das gilt für den Landmaschinen- und den Automobilbau wie für die Chemie und die Pharmazie. Jetzt verdrängt gerade Amazon den Buchhandel, Apple die Telefonläden und Starbucks die Kaffee-Häuser. Einige internationale Konzerne provozierten Widerstand, wenn sie die Belange der von ihnen beschäftigten Menschen missachteten, oder sich über lokale Gewohnheiten hinwegsetzten. Aktuelle Beispiele sind die Arbeitsbedingungen in Apples Produktionsstätten in China oder die Anwerbung von Ausländern für Amazons Weihnachtsgeschäft in Deutschland.

Es wird kritisiert, dass große Unternehmen bevorzugt behandelt werden, wenn sie in Not geraten. Das Prädikat ‘too big to fail‘ gibt es nicht nur bei Investment-Banken. Gemeint ist, dass der Staat sich verschuldet, um Firmen zu retten. Das begann in Deutschland mit der Baufirma Holzmann, und setzt sich fort bei der Commerzbank und der Hypo Real Estate. Es wird diskutiert, dass man dafür sorgen muss, dass kein Unternehmen zu groß wird, um ohne Erschütterung für die Branche oder den Standort in Konkurs gehen zu können. Dann sind die Fragen zu beantworten, was diese Größe ist und was eine optimale Mischung zwischen großen und kleinen Unternehmen ist.

Dem demokratischen Ideal einer Vielfalt der Meinungen scheinen besser Kleinunternehmen zu entsprechen. Deutschland hat im Vergleich zu den USA nur relativ wenige Großunternehmen. Dafür sind wir mit Recht stolz auf unsern Mittelstand. Nach Angaben des Bundesverbandes der Industrie (BDI) sind von den etwa 3,4 Mio. Unternehmen insgesamt 99,6 Prozent den KMUs zuzurechnen. Sie sorgen für ungefähr 60 Prozent der Arbeitsplätze und etwa 40 Prozent aller Umsätze. Auch deutsche KMUs haben sich sehr stark international orientiert. Sie engagieren sich im Export, sowie in Kooperationen und Direktinvestitionen. In den USA und vor allem in Japan beschränken sich Kleinunternehmen sehr auf die Funktion eines Zulieferers für Großfirmen. Auch jedes Großunternehmen hat als KMU begonnen. In den USA schaffen Neugründungen den Weg zur Weltspitze oft innerhalb nur einer Dekade. Die SAP brauchte gut 20 Jahre.

Starker oder schwacher Staat

Oft wird als Gegenmittel vorgeschlagen, den Regierenden endlich mehr Macht zu geben, damit sie in der Lage sind, den ‚bösen‘ Unternehmen Paroli zu bieten. Dieser Vorschlag führt wieder in eine politische Diskussion, an der sich Liberale und Sozialisten seit Langem festkrallen. In Deutschland entspricht dies den Positionen der FDP bzw. SPD. In der CDU/CSU geht die Trennungslinie mitten durch die Partei.

Wenn das Schlagwort vom ,big government‘ verwendet wird, drückt man wiederum einen Extremfall aus. Es ist ein typischer Begriff aus dem Vokabular der Liberalen. Gemeint ist damit das Gegenteil eines Laissez-Faire-Staates. Das ist nicht dasselbe wie eine bürgernahe Verwaltung, wird aber oft gleichgesetzt. Jedenfalls ist es eine ineffiziente, sich selbst nur dienende Exekutive ohne effektive Kontrolle durch die Legislative. Es ist ein bürokratisches Monster, überladen mit unnötigen Aufgaben. Ein typischer Fall ist, dass Dinge zentralisiert sind, die in einem föderalen System auch von Ländern oder Kommunen erledigt werden könnten. Aufgeblähte Verwaltungen gibt es allerdings nicht nur in sozialistischen Ländern.

Die Haltung eines Liberalen, der für einen schwachen Staat plädierte, drückte Ronald Reagan aus, indem er sagte: Der schlimmste Satz im politischen Leben lautet ‘Ich komme von der Regierung und möchte helfen‘. Jedem, der sein eigener Herr bleiben möchte, muss dies verdächtig vorkommen. Entweder befindet man sich in einer Notlage (vielleicht ohne es zu wissen) oder der Staat hat Hintergedanken. Er will Dinge erfahren, die ihn nichts angehen. Amerikaner und Angelsachsen haben in dieser Hinsicht eine andere Tradition als die Kontinental-Europäer. Sie haben Ländern entweder als Auswanderer den Rücken gekehrt oder gegen sie Krieg geführt, die noch bis vor kurzem fest im Griff von Monarchen oder Diktaturen waren. Zur Erinnerung: Deutschland, Frankreich und Italien bis 1945, Spanien und Griechenland bis 1974/75, und ganz Osteuropa bis 1990. Man vermutet bei ihnen immer noch Nachholbedarf in Sachen demokratischer Reife.

Obwohl nach Reagan und Thatcher der Liberalismus auch in Kontinental-Europa Hochkonjunktur hatte, ist er inzwischen in Misskredit geraten. Immer mehr Leute fordern mehr Kontrolle durch den Staat oder  ̶  einfacher ausgedrückt  ̶  mehr Staat. Jeder kleine Skandal führt zu einem neuen Aufschrei. Diese Woche war es das Pferdefleisch in Lasagne, vor dem uns der Staat schützen soll. Auch die lange Kette von Privatisierungen, die mit  VW und Telekom begonnen hatte, scheint am Ende zu sein. Der Fall der Bahn scheint ad acta gelegt zu sein.

Einfluss der Unternehmen auf den Staat

Neben der Bedrohung für lokale KMUs wird vor allem der Einfluss auf den Staat kritisiert, der von Großunternehmen ausgeht. Auch das erfordert eine differenzierende Betrachtung. Die Interessen eines Weltunternehmens richten sich darauf, die Möglichkeiten, die ein Land bietet zu seinem Nutzen auszunützen. Es ist daher bestrebt, sich wie ein guter Bürger zu verhalten. Je größer ein Unternehmen und je kleiner ein Land ist, umso eher können aus der Tätigkeit des Unternehmens Probleme für das Land entstehen. Das Schimpfwort der Bananen-Republiken für einige mittelamerikanische Staaten reflektiert dieses Verhältnis. Statt einem Nahrungsmittel-Konzern wie United Fruit kann auch ein Öl- oder Bergbaukonzern eine Abhängigkeit schaffen. Sie ist meist nicht nur finanzieller Art, also im Staatshaushalt sichtbar, sondern umfasst sehr leicht auch andere Bereiche. Das beginnt mit der Infrastruktur (Straßenbau, Telekommunikation), kann aber auch personelle Beziehungen einschließen.

Ganz aktuell sind die Steuergeschenke, mit denen überall auf der Welt Staaten versuchen, Entscheidungen der Unternehmen zu beeinflussen. Das Schlagwort vom Steuerdumping macht die Runde. Was bei Privatpersonen meistens als Delikt verfolgt wird, gehört bei internationalen Unternehmen zum Alltagsgeschäft. Sie versuchen Unterschiede in Vorteile umzuwandeln, zu optimieren. Fertigungsstätten für Europa wandern nach Irland oder in die Slowakei, nicht weil dort die Löhne am niedrigsten sind bzw. waren, sondern die Steuern. Immer mehr Unternehmen verlegen ihren Firmensitz nach Monaco, Lichtenstein oder Luxemburg, um Gewinne da zu versteuern, wo sie am meisten Geld sparen. Einige Finanzminister der G20-Staaten, die unter diesen Abwanderungen leiden, überlegen sich, wie sie Hürden aufbauen können.

Manche Staaten  ̶  und nicht nur kleine oder schwache  ̶   kooperieren offen mit internationalen Unternehmen, ohne sich diesen zu unterwerfen. Das gilt auch für Staatenverbünde wie die Europäische Union. Politik und Verwaltung machen sich deren Kompetenz in Fachfragen der verschiedensten Art zu Nutze. Großunternehmen sind nicht nur eher in der Lage als KMUs, Aufgaben dieser Art wahrzunehmen, die über den primären Unternehmenszweck hinausgehen. Sie sind auch oft bereitwilliger. Politiker müssen sich fragen, wieweit es sinnvoll ist, dass der Staat all die Kompetenzen noch einmal aufbaut, die in der Wirtschaft vorhanden sind. Wer dies glaubt, für den gibt es nur den Weg in Richtung ‚big government‘. Wenn man die Wahl hat, sollte man das Kleinere von zwei Übeln wählen. ‚Big business‘ sollte in meinen Augen durchaus eine Chance behalten und seine Rolle wahrnehmen. 

Dienstag, 12. Februar 2013

Ein Papst tritt zurück ‒ die vorläufigen Nachrufe

Mitten in die Übertragung des Mainzer Rosenmontagszugs platzte gestern die Nachricht, dass Papst Benedikt XVI. am 28. Februar um 20 Uhr zurücktreten würde. Die Nachricht wurde stündlich wiederholt. Die Netzmedien hatten sie natürlich auch. Bald erschienen auch Stellungnahmen von Politikern und andern Personen, die sich dazu berufen fühlten. Einige Kommentatoren verhielten sich ‚politisch korrekt‘ nach der alten römischen Maxime ‚de mortuis nil nisi bene‘. Auf Deutsch heißt das, dass man von Toten nur redet, wenn man etwas Gutes zu sagen hat. Josef Ratzinger ist noch nicht tot. Er wird nur von seinem Amt zurücktreten. 

Für einen offiziellen Nachruf ist es daher eigentlich noch zu früh. Bei den Kommentaren kann man unterscheiden zwischen solchen, die primär das Ereignis betrafen und solchen, die sich vor allem auf die Person Ratzingers bezogen. Ohne die Quellen sauber zu benennen, gehe ich auf einige der gestern gelesenen Äußerungen ein. Ich biete Ihnen meine Interpretation an. Zu der ersten Gruppe gehören die Fragen, darf ein Papst eigentlich zurücktreten, was könnten die nicht-genannten Gründe sein, welchen Effekt hat der Rücktritt und wie geht es weiter? 

Nach meiner Meinung will Ratzinger mit seinem Rücktritt sagen, dass die Institution, die er vertritt, wichtiger ist als ein einzelnes Mitglied. Es ist dieselbe Logik wie bei Annette Schavan. Wenn derjenige, der eine Führungsverantwortung hat, nicht in der Lage ist, diese wahrzunehmen, leidet die Institution. Josef Ratzinger sah sich nicht als herausgehobene Verkörperung der Kirche, sondern als ein Arbeiter im Weinberg Gottes (ital. lavoratore nella vigna). Sein Vorgänger, der Pole Woyzeck, sah dies anders. Er wollte zeigen, dass Siechtum etwas Natürliches ist, das man tolerieren muss. Selbst ein Papst darf altersschwach werden. Natürlich weiß Ratzinger, dass nicht alle Aufgaben seiner Amtszeit erledigt sind, ja, dass er nie in der Lage sein wird, alle zu erledigen. Damit die Institution Kirche weiterkommt, muss jemand anders diese Aufgaben lösen. Er sieht sich nicht als unabkömmlich an, sondern als ersetzbar. Er hat sich auch wegen des Rücktritts keine großen Vorwürfe zu machen. Er ist der festen Meinung, dass er nicht der letzte Papst war. Die Kirche wird auch nach seinen Tod bestehen und eine Aufgabe zu erfüllen haben.

Dabei sind wir beim zweiten Themenkreis. War Benedikt XVI. ein großer Papst? Wie wird ihn die Geschichte beurteilen? Kein Journalist vermied es, diese Frage zu stellen, obwohl sie wissen mussten, dass vernünftige Leute ihnen darauf keine Antwort geben würden. Einige taten es dennoch. Andere kommentierten ungefragt. Ein ‒ besonders unhöflicher deutscher Politiker ‒ sagte bereits innerhalb der ersten Stunde, dass die acht Jahre dieses Pontifikats eine ‚verlorene Zeit‘ waren. Andere drückten sich höflicher aus. Ratzinger sei ein großer Denker, ein philosophisch geschulter Gelehrter gewesen. An dieser Aussage ist das am interessantesten, was weggelassen wurde. Er war kein guter Hirte, kein Versöhner, kein Reformer, kein Politgenie, usw. Er sei viel zu sehr Wissenschaftler gewesen. Auch im September 2011 bei seiner Rede vor dem deutschen Bundestag versuchte er es mit Hilfe wissenschaftlicher Betrachtungen bei den Abgeordneten Gehör zu finden.

Ohne auch nur annähernd die Gedankenwelt Ratzingers erklären zu wollen, habe ich den Eindruck, dass er ein vehementer Verfechter der Aufklärung ist. Die Vernunft sei die Fähigkeit, die den Menschen auszeichnet. Die Kirche als Institution beziehe ihre Kraft und ihre Macht aus dieser Idee. Diese Richtung bekam sie durch die  Absorption der griechischen Philosophie. Scholastik hieß diese Phase der Kirchengeschichte. Thomas von Aquin und der Schwabe Albert von Lauingen (auch der Große oder der Deutsche genannt) waren ihre Lehrer. Vernunft ist etwas, das an Göttliches erinnert. Wie Papst Benedikt 2006 bei seiner Regensburger Rede – die ihm viel Ärger einbrachte ‒ zu erklären versuchte, suchte er diese Idee im Islam vergebens. Durch die Person Jesu erhielten Liebe oder Mitgefühl (lat. caritas) denselben Stellenwert. Er sieht in der Kirche eine Art von Gegenmacht gegen Wirtschaft, Unterhaltung und Politik. Wie sehr die drei miteinander verquickt  sein können, wurde ihm in Italien von höchsten politischen Verantwortungsträgern vorgeführt. Sein Vorgänger Johannes Paul II hatte sich vorher quasi als Einmann-Bollwerk gegen Bolschewismus und Materialismus profiliert.

Es ist sehr aufschlussreich, wenn Leute ‒ gefragt oder ungefragt ‒ sagen, was sie von dem Nachfolger auf dem Stuhl Petri erwarten. Zwei Antworten wiederholten sich gestern. Er muss die Kurie reformieren und sich der Moderne gegenüber öffnen. Bei beidem kommen mir eigene Gedanken. Wenn die Kurie nicht mitbekommen hatte, was ein Bischof der Piusbrüder zum Holocaust sagte, dann klappt es dort nicht mit der Information und Kommunikation. Ich bin sicher, dass der Kurie ‒ und damit dem Papst ‒ auch sehr viel von dem entgeht, was dieser Tage über Josef Ratzinger geschrieben wird. Ich befürchte nämlich, dass man auf Berater hörte, die davon abrieten, sowohl ein Twitter- als auch ein Facebook-Konto einzurichten.

Nicht modern oder fortschrittlich zu sein, ist heute ein Totschlag-Argument erster Klasse. Oft ist keine konkrete Idee dahinter, geschweige denn ein philosophisches Lehrgebäude. Mal wird das Ehegatten-Splitting für Homo-Ehen gefordert, mal soll die Kirche Kondome und Pille danach zulassen, sich aber gefälligst aus der Familienpolitik heraushalten. Vieles von dem, was unter dem Deckmantel der Modernität gefordert wird, geht vielen Menschen zu weit oder zu schnell ‒ nicht nur denen aus Markl am Inn.

Montag, 11. Februar 2013

Noch einmal: Plagiatsaffären

Am 28.2.2011, also nach dem Guttenberg-Skandal, schrieb ich unter anderem: 

‚Durch den in Berlin in dieser Weise behandelten Fall ergibt sich für alle Lehrer die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass auch populäre Politiker Fehler machen.‘

Dieses Mal wirkt dieser Rat etwas schal. Er gilt zwar noch, aber der Fall von Annette Schavan liegt etwas anders. Ich fasse zusammen, wie ich die Situation sehe. Eine junge Frau aus einer rheinisch-katholischen Familie lässt sich um 1980 herum ein halb-religiöses Thema geben, mit dem sie an der ehemaligen pädagogischen Hochschule in Düsseldorf in Philosophie promovieren will. Die Professoren scheinen der Promovierenden sehr viel Freiheit gelassen zu haben. Sie bearbeitet das anspruchsvolle Thema zu deren vollsten Zufriedenheit.

Rund dreißig Jahre später gibt es Software, die es erlaubt, den ganzen Text der Arbeit Wort für Wort, Satz für Satz mit ähnlichen Arbeiten und Veröffentlichungen zu vergleichen. Da Rechnerzeit sowohl privat wie an Hochschulen massig zur Verfügung steht, machen sich einige Leute einen Spaß daraus, alle möglichen Dissertationen zu überprüfen. Dissertationen sind deshalb interessant, weil der Verfasser schriftlich erklären muss, dass er außer den zitierten Quellen keine andern Quellen benutzt hat. Außerdem muss man kenntlich machen, was man wörtlich zitiert. Ein Zitat ist immer ein Satz oder zumindest ein Satzteil.

Während Ingenieure und Naturwissenschaftler relativ wenig zitieren, ist dies bei Geisteswissenschaftlern ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sind Veröffentlichungen anderer Spezialisten oft Anlass oder Sprungbrett für die eigentliche Arbeit. Die Arbeit selbst aber beschäftigt sich mit neuen Erkenntnissen über die Natur oder mit technischen Lösungen, die es bisher nicht gab. Ein Geisteswissenschaftler dagegen kämpft nur mit Ideen anderer Leute. Sie sind sein Forschungsobjekt. Dass 200-300 Literaturstellen angegeben werden, ist nicht selten. Um an sie heranzukommen, war früher ein Heidenaufwand nötig. Manche Doktoranden richteten sich daher einen Arbeitsplatz in einer Bibliothek ein. Ganz anders ist die Situation bei Naturwissenschaftlern. Ein Studienkollege von mir, der in physikalischer Geodäsie promovierte, startete von 3-4 Veröffentlichungen und leitete darauf basierend etwa 50 Seiten Formeln ab. Er gab darin die grundsätzlichen Berechnungsverfahren an, nach denen alle Satelliten im Weltraum heute gesteuert werden, und zwar unter Berücksichtigung der Relativitätstheorie.

Zurück zu Annette Schavan. Wäre sie Religionslehrerin und nicht Politikerin geworden, würde sich heute niemand für ihre damalige Arbeit interessieren. Da aber die Leute gesehen haben, was man ohne großen Aufwand in Fällen wie Guttenberg anrichten kann, sind jede Menge Freizeitforscher unterwegs. Es ist dieselbe Motivation, die Halbstarke dazu treibt, sich einen Virus zu überlegen und zu basteln, der das Weiße Haus oder das Pentagon alt aussehen lässt. Im Altertum gab es diese Leute auch. Sie zündeten besonders gerne Tempel an, um damit berühmt zu werden. Der Artemis-Tempel von Ephesus war eines der sieben Weltwunder. Am 21. Juli 356 vor Chr. brannte er völlig ab. Der Brandstifter Herostratos ist bis heute bekannt. Er hatte viele Nachahmer in der Antike, und hat sie sogar heute noch, nur sitzen sie am Computer.

Ein Rätsel in der Affäre Schavan ist die Universität Düsseldorf. Seit über einem halben Jahr beschäftigen sich 10-20 Leute mit dem Fall. Man hätte sagen können, durch die Verfehlungen hat niemand Schaden erlitten, sie sind gering im Vergleich zum Wert der Arbeit, eigentlich hätte der Doktorvater oder die Prüfungskommission aufpassen müssen oder alles geschah in einer ganz anderen Zeit. Niemand scheint genug Mut besessen zu haben, um eine Güterabwägung anzustellen. Stattdessen schiebt man alle Schuld auf eine frühere Studentin. Würde man ihr gegenüber nachsichtig sein, könnte jemand den Vorwurf erheben, auch die heutigen Maßstäbe sind nicht in Ordnung. Das könnte dem heutigen Ruf evtl. schaden. Wenn ein Gericht Frau Schavan Recht gibt – was noch längst nicht sicher ist ‒ würde man sich ‚volens nolens‘ beugen müssen. Eine Universität mit mehr Tradition als Düsseldorf könnte anders reagieren.

Heinrich Heine, der Namensgeber der Düsseldorfer Universität, wird sich im Grabe umdrehen. Er war einer unserer liberalsten Denker und größten Dichter. Von ihm stammt unter anderem der wehmütige Text des Lorelei-Liedes. Ich besitze seine gesammelten Werke und habe sie ganz und mit großem Vergnügen gelesen. Darin steht auch der berühmte Satz: ‚Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.‘ Der Satz wird meist im politischen Sinne interpretiert. Heine schrieb ihn 1839 in Paris, als seine Mutter schwer krank in Hamburg lag. Es sind die ersten Zeilen des Gedichts ‚Nachtgedanken‘.

Ich finde es gut, dass Frau Schavan Schaden von ihrem Amte als Bundesforschungsministerin fern halten will. Sie zitierte dieser Tage ihren politischen Ziehvater, den Baden-Württemberger Erwin Teufel. Sie machte sich seine Maxime zu Eigen: ‚Zuerst das Land, dann die Partei, dann die Person‘. Ich finde diese Haltung mustergültig. Jetzt muss ein Gericht feststellen, ob man ihr ‚Absicht‘ nachweisen kann und was möglicherweise nur Schluderei war. Ich wünsche Frau Schavan, dass die Gerichte ihre Sicht der Dinge bestätigen. Sie hat einen schwierigen Gang vor sich.

Die Diskussion um Annette Schavan ist noch längst nicht zu Ende. In der Politik ist sie für Jahre vom Fenster. Die CDU und Angela Merkel werden nur kurze Zeit trauern und die Kollegin danach ignorieren. Sie können nicht anders. Das Tagesgeschäft geht weiter, insbesondere da ein Wahlkampf bevorsteht. Vor Annette Schavan liegt ein anderer, ein persönlicher Kampf. Die Wissenschaft wird an dem weiteren Fall eine Weile zu knabbern haben. Die Medien werden sie weiter im Auge behalten.

Obwohl ‒ oder gerade weil ‒ es heute Rosenmontag ist, möchte ich meinen Enkelkindern zum Fall Schavan noch Folgendes sagen: Man sollte sich nie durch Fehlverhalten eine Blöße geben. Selbst nach 30 Jahren kann das einen einholen. Auch wenn man sich selbst keines Fehlers bewusst ist, kann man in Schwierigkeiten geraten. Es können unberechtigte Vorwürfe gemacht werden. Dann ist es gut, dass man (finanziell) in der Lage ist, sich zu verteidigen. Dafür gibt es nämlich Rechtsanwälte und Gerichte. Es gibt dazu auch einen etwas bitteren, nicht sehr ermutigenden Spruch: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Dennoch bleibt Annette Schavan keine andere Wahl als für ihren guten Ruf und ihre Ehre zu kämpfen.