Freitag, 10. Oktober 2014

Wirtschaftlicher Optimismus auf Amerikanisch

Mitunter fällt es uns Deutschen etwas schwer, die Denkweisen amerikanischer Politiker, Unternehmer oder Wissenschaftler zu verstehen. Dabei geht es uns Deutschen noch besser als Franzosen, Italienern oder Spaniern. Nur die Engländer gelten als Seelenverwandte der US-Amerikaner. Neuerdings profilieren sich Osteuropäer wie Polen und Balten als die besseren Amerika-Versteher, was ihnen von amerikanischer Seite auch den Titel der Jungen Europäer einbrachte. Im Grunde beobachten wir bei Amerikanern und Engländern eine besondere Form des Pragmatismus. Beide Nationen unterscheiden sich dadurch, dass bei der Mehrzahl der Amerikaner ein guter Schuss Optimismus dazu kommt. Bei Engländern fehlt dies wie bei allen ‚alten‘ Europäern. Schuld daran sind unter anderem die letzten 100 Jahre europäischer Geschichte.

Im Folgenden setze ich die Diskussion wirtschaftlicher Fragen fort, wie sie durch Autoren wie Amartya Sen, Julian Nida-Rümelin, Joe Stiglitz und zuletzt durch Jeremy Rifkin behandelt wurden. Vor Monaten las ich das 2013 erschiene Buch von Eric Schmidt und Jared Cohen mit dem Titel ‚Die Vernetzung der Welt‘. Schmidt war Vorstandsvorsitzender von Google und ist jetzt Aufsichtsratsvorsitzender. Das zweite Buch, das ich besprechen will, erschien im Herbst 2014 und stammt von Erik Brynjolfsson und Andy McAfee. Das Buch heißt auch im Deutschen ‚The Second Machine Age‘. Beide Autoren sind Ökonomen am MIT. Während ich bei Eric Schmidt und seinem Ko-Autor sehr gute Branchenkenntnisse voraussetzte und mäßige Kenntnisse ökonomischer Theorien, ist dies bei Brynjolfsson und McAfee eher umgekehrt. Deshalb wunderte es nicht, dass Schmidt/Cohen sich vergleichsweise weniger von technischen Utopien hinreißen lassen und statt dessen eine ganze Menge potentieller Gefahren im Detail diskutieren. Beide Bücher ergänzen sich. Sie haben primär eine amerikanische Leserschaft im Blick.

Schmidt/Cohen

Schmidt/Cohen versuchen die Auswirkungen der uns zur Verfügung stehenden Technik zu extrapolieren, indem sie ihre Anwendung auf diverse Lebensbereiche diskutieren. Sie beginnen mit dem Individuum, gehen dann zu einzeln Berufen und Tätigkeiten über und enden mit Staaten, sowie der Auswirkung auf Terrorismus oder Kriegsführung. Dass Schmidt eine etwas lockere Haltung zur Frage des Schutzes der Privatsphäre hat, ist bekannt. "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun" sagte er 2010 in einem Interview. Er kann Verleger nicht verstehen, wenn sie immer noch hoffen, dass das Internet eines Tages verschwindet, damit sie wieder Werbeumsätze machen können. Dass Deutsche und Europäer ihre Hassliebe auf die USA mit der Dominanz von Firmen wie Amazon und Google begründen, sei seltsam. Die Hassliebe gab es nämlich schon lange bevor diese Firmen überhaupt existierten.
Die neuen Medien fördern den freien Meinungsaustausch, aber gleichzeitig auch die Manipulation von Meinungen oder die Verfolgung von Dissidenten. Obama habe eingestanden, dass die Stuxnet-Malware von den USA und Israel gemeinsam entwickelt wurde. Dennoch sei die Anwerbung von Hackern durch Regierungen nicht ohne Risiko. Ein mehrstufiger Cyberangriff könnte auch die USA lahmlegen. Durch ein schockierendes Ereignis kann sich die öffentliche Meinung sehr schnell ändern. Die Radikalisierung Jugendlicher habe viele Gründe. Als Gegenmittel bleibe nur die strikte Wahrung der Rechtstaatlichkeit und die Schaffung von Hoffnung auf die Zukunft. Nur wenn wir uns sowohl der Stärken wie der Schwächen unserer Technik bewusst sind, haben wir unser Schicksal in der Hand. 

Brynjolfssson/McAfee

Leiteten Dampfmaschinen den Ersatz von Körperkraft durch Maschinen ein, so ergänzen Computer die geistigen Kräfte des Menschen. Dies ist beileibe keine neue Erkenntnis, nur wird sie immer offensichtlicher. Die digitale Technik war nämlich lange nur ‚lachhaft unzulänglich‘. Plötzlich ist sie überall. Als Menschheit betreten wir zum zweiten Mal eine Ära, in der Maschinen unser Leben verändern.

Dass digitale Güter merkwürdige Eigenschaften haben, wird allmählich auch dem letzten Nutzer bewusst. Sie sind weder in beschränktem Umfang herzustellen, noch werden sie verbraucht. Sie können mit geringen Grenzkosten vervielfältigt werden. Es gibt daher keinen Mangel, so wie wir es bei physikalischen Gütern gewohnt sind. Die Kosten für Erstexemplare sind hoch. Es besteht die Tendenz zu Alles-oder-Nichts-Märkten. ‚The winner takes it all‘ sang einst die Abba-Gruppe. Es gilt das Potenzgesetz mit einem flachen Schwanz (engl. long tail). Superstar-Produkte verdrängen die lokalen Produkte im globalen Markt. Digitale Güter ersetzen die physikalischen Güter nicht, aber sie verbessern jedoch die physische Welt. Die Entwicklung folgt einer verallgemeinerten Form von Moore's Law. Der exponentielle Fortschritt ergibt sich nicht mehr aus der Halbleitertechnik allein, sondern daraus, dass wir laufend die Technik wechseln, sobald man an Grenzen stößt. Das gilt bisher jedoch nicht bei Batterien. Alle Menschen tun sich schwer, Exponentialfunktionen zu begreifen. 

Mir gefällt an dem Buch, dass die Autoren einige richtungsweisende Projekte aus der Informatik nicht nur aus der Entfernung beurteilen, sondern sich konkret mit ihnen auseinandersetzen. Beide Autoren machten eine Testfahrt in einem selbstlenkenden Google-Auto. Sie beeindruckte nicht nur, wie gelassen die Insassen waren, die bereits Tausende von Kilometern zurückgelegt hatten, sondern auch, was das Auto über die toten Winkel aller benachbarten Fahrerzeuge weiß und wie es darauf reagiert. Die von Apple benutzten Techniken der Spracherkennung (Siri) und der Sprachübersetzung (Translate) hatten zwar große anfängliche Probleme. Dadurch, dass sie Schritt um Schritt verbessert wurden, ist ihre Leistung heute recht passabel. IBM hatte an ihrem kognitiven System namens Watson lange in aller Stille gearbeitet, bis dass es in Januar 2011 durch das Auftreten in einer populären Fernsehsendung weltbekannt wurde. Durch einen ihrer eigenen Studenten wurden die Autoren auf Waze aufmerksam gemacht, ein Navigationssystem der zweiten Generation. Es erhält als soziales Produkt von seinen Nutzern Informationen über die aktuelle Verkehrssituation, die seinen Wert laufend verbessern. 

Es ist sehr löblich, dass versucht wird herauszuarbeiten, welche Kräfte die derzeitige rasante Entwicklung der Informatik antreiben oder beflügeln. Seit dem Erfolg des Internet weiß die ganze Welt, welche Früchte in den USA bei militärischen Projekten abfallen können. Jedermann wusste, dass Mustererkennung bisher als Schwäche der Computer galt. Deshalb sind die Fortschritte, die durch die erste ‚DARPA Challenge‘ ausgelöst wurden, so groß. Der erste Preiswettbewerb im Jahre 2004 bestand im Überwinden einer Wüstenstrecke mit unbemannten Fahrzeugen. Er endete noch als Fiasko. Seither wird überall auf der Welt an selbstfahrenden Autos gearbeitet, und zwar zunehmend mit Erfolg. Als Moravecs Paradox gilt die Aussage, dass Computer gute Spezialisten aber schlechte Generalisten seien. Die neue ‚DARPA Robotics Challenge‘ geht zehn Jahre später genau dieses Problem an. Dabei sollen Roboter Aufgaben lösen, die für Menschen sehr leicht sind, z. B. eine Tür öffnen oder eine Leiter besteigen. Experten rechnen damit, dass in der nächsten Dekade Roboter die Entwicklung nachvollziehen werden, die Computer gerade hinter sich haben. Sie werden miniaturisiert werden und in jedem Haus mehrfach im Einsatz sein. 

Die Bedeutung von Innovationen, sowohl technischer wie nicht-technischer Art, für Wirtschaft und Gesellschaft wird betont. Auch in einer Gesellschaft im Überfluss übt das Neue einen Reiz aus. Länder, die nicht über signifikante Rohstoffe verfügen, haben wirtschaftlichen Erfolg dank Innovationen. Diese helfen dabei, die Produktivität ihrer Menschen zu steigern. Sie können mit geringerem Aufwand mehr leisten. Auch Neukombinationen von Bekanntem sind Innovationen. Durch das Internet können sich nicht nur Innovatoren vernetzen. Auch immer mehr Menschen können Daten auswerten oder neue Ideen testen. 

Natürlich müssen wirtschaftliche und soziale Folgen benannt werden, denn nur dann können sie behoben oder abgeschwächt werden. Es sind zunächst routinemäßige Arbeiten. die wegbrechen, zuerst die manuellen, dann die kognitiven. Es ist durchaus möglich, dass die Löhne fallen – nicht so sehr der Durchschnittslohn als der Median-Lohn. Es findet eine stärkere Spreizung statt, ein Gefälle. Alte Fähigkeiten (engl. skills) verlieren an Wert, neue Fähigkeiten profitieren. Der Wohlstand aller kann durch die Kostensenkung wichtiger Güter gesteigert werden. Der Einzelne kann seine Chancen sichern, indem er in Bildung investiert. Auch da bietet die neue Technik gute Möglichkeiten. Sebastian Thruns Erfolg mit MOOCs ist ein leuchtendes Beispiel. Er hatte 160.000 Teilnehmer in einem Kurs über Künstliche Intelligenz (KI). Mehr als 400 davon waren in ihrer Abschlussarbeit besser als der beste Teilnehmer von seiner Heimat-Universität Stanford. 

Der Staat ist gefordert, die Teilhabe aller am Wohlstand zu sichern. Im Gegensatz zu Autoren, die ihre Anerkennung primär in Europa suchen, steht für Brynjolfsson/McAfee die Wirtschaftsordnung nicht zur Disposition. Sie bringen Kapitalismus auf die Formel: dezentrale Wirtschaft mit Vertragsfreiheit. ‚Gäbe es in den USA mehr Steve Jobs, ginge es dem ganzem Lande besser‘ dieses Zitat von Larry Summers, dem Finanzminister unter Bill Clinton, gefiel ihnen. Die Angst, dass durch Automatisierung Menschen arbeitslos werden, ist dann umso weniger berechtigt, je mehr es uns gelingt Güter und Dienste zu erfinden, die dem Menschen helfen, d.h. ihn ergänzen statt ihn zu ersetzen. An die Politik gehen unter anderem Forderungen der Art, dass der Lehrerberuf eine höhere Anerkennung und Bezahlung finden muss, und dass Startups auch öffentlich und nicht nur privat gefördert werden. Aus den vielen Feldstudien, die zitiert werden, fand ich ein Ergebnis besonders beachtenswert. Es bestätigt nämlich unsere Intuition. In der amerikanischen Unterschicht ist Arbeitslosigkeit immer schlimmer zu ertragen als Armut. Arbeit lindert nämlich nicht nur Not, sondern ergibt auch einen Lebenssinn.

Europäische Alternativen

Nach all den sehr amerikanisch anmutenden Überlegungen und Perspektiven stellt sich die Frage nach der Situation in Europa. Wir können die USA nicht einfach imitieren, obwohl es richtig ist, Cluster zu bilden, die außer Hochschulen auch die lokale Industrie einbinden. Inzwischen gibt es überall in Europa Regionen, die sich mit dem Beinamen ‚Silicon Valley‘ schmücken. Im Gegensatz zu Amerika wollen wir jedoch Wissenschaft und Technik nicht eingewanderten Indern oder Chinesen überlassen.

Leider oder Gottseidank gibt es in Europa kein Gegenstück zur DARPA. Unser Militär ist eher unterfinanziert. Die Forschungsprojekte, die von der EU oder der Bundesregierung ausgeschrieben werden, sind so angelegt, dass möglichst nichts herauskommt, was jemand nutzen kann. Es könnte ja den Chinesen in die Hände fallen. Was fehlt ist die Einsicht, dass die akademische Forschung oft nur die Hälfte eines Problems lösen kann. Eine Lösung, die auf Papier oder im Labor funktioniert, muss nicht auch in der Praxis funktionieren oder akzeptiert werden. Hier hilft nur, möglichst viele Lösungen in den Markt zu bringen und den Markt selektieren zu lassen. Das machen Amerikaner besser.

Als Problem Europas wird oft die Anzahl unterschiedlicher natürlicher Sprachen genannt. Das ist ein Vorurteil, das sich hält, obwohl Firmen wie SAP bewiesen haben, dass man daraus einen Geschäftsvorteil ableiten kann. Mindestens so schlimm finde ich es, dass wir uns besonders gerne über künstliche Sprachen und Begriffe ereifern. So wurden seinerzeit Fortran und COBOL als zu uneuropäisch angesehen, da zu praktisch und theoretisch unsauber. Heute streitet man darüber, ob man die Philosophie des 18. Jahrhunderts entheiligt, wenn man das Wort Ontologie als Metapher verwendet (siehe Informatik Spektrum, August 2014). Besser wäre es, man würde Produkte bauen, die diese Funktionalität nutzen, egal wie sie heißt. Sich über die Qualität von Produkten zu streiten, wäre äußerst sinnvoll.

Auf andere Unterschiede zwischen Europa und den USA will ich dieses Mal nicht eingehen. da ich sie schon öfters thematisiert habe, so die Bevorzugung sozialistischer gegenüber liberalen Regierungen und die Dominanz geistes-wissenschaftlicher über ingenieur-wissenschaftlicher Ausbildung von der Grundschule bis zur Universität. Auch das Argument, dass es in Europa an Wagniskapital fehle, hatte ich schon vor drei Jahren widerlegt. Damals bestätigte mir ein Branchenkenner, dass deutsches Kapital bevorzugt in den USA investiert würde.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Manfred Broy über Cyber-Physische Systeme und Informatik 4.0

Manfred Broy (Jahrgang 1949) ist seit 1989 Informatik-Professor an der TU München. Davor war er an der Universität Passau tätig. Sein Fachgebiet ist Software und Systems Engineering. Broy hat über 200 Veröffentlichungen und betreute eine Vielzahl von Promotionen. Er ist Träger der Konrad-Zuse-Medaille (2007) und Fellow (2004) der Gesellschaft für Informatik (GI). Er war Leibnizpreisträger der DFG (1994). Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaft (1992) und der Deutschen Akademie der Naturforscher „Leopoldina“ (2003). Er ist Mitglied im Konvent der Technikwissenschaften acatech (2006) und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (2014). Außerdem ist er Ehrendoktor der Universität Passau (2003). Broy hatte in München Mathematik und Informatik studiert und bei F.L. Bauer promoviert.
 


 
Bertal Dresen (BD): Bei der GI-Jahrestagung im September in Stuttgart hat mich Ihr Vortrag sehr angesprochen. Er hatte den Titel: ‚Cyber-Physical Systems – digital vernetzt in die physikalische Wirklichkeit‘. Der Ausdruck Cyber-Physische Systeme (CPS) wurde in Deutschland durch eine Studie der acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, populär gemacht. Es sind, wie Sie sagten, ‚software-intensive Systeme, die unmittelbar mit der physikalischen Wirklichkeit verbunden sind, aber im Gegensatz zu klassischen eingebetteten Systemen tief und umfassend über globale Netzstrukturen, wie das Internet und damit verfügbare Daten und Dienste, vernetzt sind.` Dieses Thema ist im Moment nicht nur in Deutschland sehr heiß. Könnten Sie anhand eines Beispiels die Eigenschaften eines CPS verdeutlichen.

Manfred Broy (MB): Ein typisches cyber-physisches System wäre ein integriertes Verkehrsinformationssystem, bei dem sowohl aus den Fahrzeugen Daten an einen zentralen Server, etwa in der Cloud, übertragen werden, dort mit Informationen zum Verkehr, auch zur Parksituation und zu vielen anderen wichtigen Informationen mehr, wie Wetter, Großveranstaltungen und ähnliches, abgeglichen werden und dann wieder als gezielte Dienste in die Fahrzeuge, aber gegebenenfalls auch auf andere Endgeräte zurückgespielt werden. Zusätzlich kann ich mir vorstellen, dass hier multimodale Verkehrsführung unterstützt wird, so dass Verkehrsteilnehmer, die zwischen unterschiedlichen Verkehrssystemen wechseln, wie beispielsweise Straßenfahrzeuge, Schienenfahrzeuge und Flugzeuge, natürlich gegebenenfalls auch Schiffe, abhängig von der aktuellen Verkehrslage und eventuell auch der Preissituation geführt werden. Gleichzeitig könnte man sich vorstellen, dass die gesamte Bezahlabwicklung dabei automatisch erfolgt. Wenn man solche Szenarien durchdenkt, sieht man, dass vielfältige Möglichkeiten der Verknüpfung gegeben sind. Schon heute ist die Begrenzung unserer Möglichkeiten weniger die Technologie als die Frage, ob man entsprechende Systeme organisatorisch in den Griff bekommt, ob sie in Hinblick auf die zu bewältigenden Komplexitäten tatsächlich praktikabel sind und insbesondere wie stark sie von den potentiellen Nutzern akzeptiert werden

Das obige Beispiel Verkehrssystem zeigt schon deutlich, was damit gemeint ist. Erweitern wir das Beispiel noch ein wenig, indem wir auch noch eine Assistenz für den Fahrer hinzunehmen. Das bedeutet, dass nun innerhalb des Systems auch extrem zeitkritische Vorgänge, wie zum Beispiel Bremsvorgänge zusätzlich eine Rolle spielen können. Versuchen wir von den Erfahrungen im zivilen und militärischen Fluganwendungen zu lernen, bei denen heutzutage ein Großteil der Flugvorgänge vollautomatisch abgewickelt werden. Beispielsweise fliegt heute ein Zivilpilot auf einem zweistündigen Flug oft nur noch einige Minuten selbst und den Rest erledigen die Systeme. Hier ist über die Jahre ein umfangreiches Wissen entstanden über die Art und Weise, wie man Menschen in ihren Aufgaben assistiert, ihnen kognitive Assistenten zur Seite stellt, auch kooperative Vorgänge zwischen System und Nutzer gestaltet bis hin zu dem Punkt, dass die Systeme in kritischen Situationen eingreifen und, gerade wenn der Mensch überfordert ist, Entscheidungen fällen. Dies zeigt in welchem Umfang CPSe sich von anderen Systemen markant unterscheiden. Im Mittelpunkt steht dabei sicher, dass die Systeme Informationen und Daten aufbauen, ich vermeide bewusst dabei von Wissen zu sprechen, über die Situation und den Zustand der Systemumgebung und zwar den aktuellen Zustand, so dass die angesprochenen Reaktionen ermöglicht werden.

BD: Interaktive und zeitkritische Anwendungen gab es doch schon lange. Wollen Sie sagen, dass diese in der Praxis nur eine untergeordnete Rolle spielten oder dass sie von der Theorie stiefmütterlich behandelt wurden? Sie schreiben: ‚Von besonderer Bedeutung sind letztlich Modelle von Zeit und Raum. Eine Informatik, die diese Konzepte harmonisch integriert und in einen Engineering-Ansatz umsetzt, ist das geeignete Vehikel, um die Cyber-Physischen Systeme der Zukunft zu erschließen.‘ Dass für Informatiker und Informatik-Systeme jetzt plötzlich eine ‚Real World Awareness‘ gefordert wird, mag manchen Praktiker, der nie ohne Realitätsbezug auskam, etwas überraschen. Was ist jetzt wirklich neu oder grundsätzlich anders?

MB: Natürlich gibt es seit vielen Jahrzehnten Echtzeitanwendungen und viele andere Anwendungen sind auch zeitkritisch. Allerdings muss man feststellen, dass die Programmierung entsprechender Anwendungen immer noch sehr stark einem klassischen alten Paradigma unterworfen ist. Die Systeme besitzen ihren eigenen Zeittakt und die Programme müssen auf diesen Zeittakt so zugeschnitten werden, dass die Zeitschranken erreicht werden. Methodisch ist das Thema der Zeit damit viel zu wenig im Hinblick auf die Zeit im Anwendungsgebiet zugeschnitten. Gleichzeitig müssen wir intensiv über die unterschiedlichen Zeitmodelle diskutieren, beispielsweise über Zeitmodelle, wie sie typischerweise in der Regelungstechnik eingesetzt werden, nämlich klassische kontinuierliche Zeit dargestellt durch die reellen Zahlen und diskrete Zeitmodelle, wie sie die Informatik einsetzt. Eine wesentliche Beobachtung dabei ist, dass es in der Entwicklung der Programmiersprachen am Anfang aus nachvollziehbaren Gründen ein Hauptanliegen war, Zeitaspekte völlig weg zu abstrahieren, da diese immer als Zusammenhang zu den eher zufällig maschinennahen Ausführungszeiten gesehen wurden, während heute die Systeme in die Zeit unserer Wirklichkeit eingebettet laufen. Hinzukommt, dass frühere eingebettete Systeme nicht nach außen vernetzt waren, somit ihre eigenen Methoden einsetzen konnten, wie sie mit zeitkritischen Aufgaben umgehen. Nun müssen unterschiedliche Systeme, die zeitkritisch sind, sich auch untereinander synchronisieren.

BD: Das Internet der Dinge (engl. Internet of Things, Abk. IoT) wird immer wieder als der große Durchbruch dargestellt. Bei Jeremy Rifkin, dessen zwei letzte Bücher ich in diesem Blog besprach, wunderte es mich, dass er den Ausdruck IoT auch auf Strom- und Wassernetze anwendete. Ist das nur eine Wortspielerei? Auch Sie sprechen von physikalischen Diensten, die über das Internet verabreicht werden. Wie beurteilen Sie das wahre Potential? Wo sehen Sie die technischen Probleme?

MB: Es ist natürlich wahr, dass die Terminologie hier noch deutlich diffus ist. Es geistern eine ganze Reihe von Begriffen durch die Gegend, wie eben „Internet of Things“, „Cyber-physical Systems“, „Internet der Daten, Dienste und Dinge“ und vieles mehr. Wir bemühen uns seit längerem darum, hier ein wenig mehr Klarheit in die Begrifflichkeit zu bekommen. Ursprünglich war „Internet of Things“ im Wesentlichen als RFID verstanden worden, das heißt, dass man über entsprechende Sensoren RFID-Tags an Gegenständen lesen und damit beispielsweise in der Logistik oder in der Produktion sehr viel genauer verfolgen kann, wie Gegenstände verarbeitet oder versandt werden. Das Ganze bekommt eine ganz andere Dimension, wenn es sich nicht nur um Gegenstände handelt, sondern um Geräte und Systeme, die selbst über Rechenfähigkeit verfügen und damit in eine Interaktion treten mit den sie umgebenden Systemen.

Bei Stromsystemen ist das ganz einfach zu verdeutlichen. Klassisch hatten wir Stromsysteme, in denen nur die Stromverteilungssysteme selbst über Informationsverarbeitungsfähigkeiten verfügten. Schon der Stromzähler war eine absolut passive Einheit und alles, was sich dahinter in den Gebäuden abgespielt hat, gleichermaßen. Stellt man sich vor, dass in diesen Stromsystemen heute alle wesentlichen Einheiten als Systeme konzipiert werden, die Informationen austauschen und auf diese Art und Weise eine ganze Reihe von Optimierungsmöglichkeiten umsetzen können, so erkennt man den Übergang von einem klassischen Stromsystem zu einem Stromsystem, das tatsächlich als Cyber-physical System betrachtet werden kann.

BD: Die Verfechter von Big Data reden jetzt sehr viel von Smart Data. Ist das mehr als der Versuch die Aufmerksamkeit wieder etwas mehr in Richtung Software zu lenken? Besteht nicht die Gefahr, dass alles, was Software enthält, automatisch als intelligent oder smart dargestellt wird? Was können oder müssen wir tun, um klar zu machen, dass man auch bei Software differenzieren muss?

MB: Der Begriff der Big Data oder Smart Data ist im Moment überstrapaziert. Vielleicht ist es wichtig, sich noch einmal klar zu machen, warum dieser Begriff in den letzten Jahren so viel Bedeutung bekommen hat. Das hat schlicht und ergreifend mit zwei Phänomenen zu tun. Zum einen fallen über die Jahre immer mehr digitale Daten an, weil Menschen fast rund um die Uhr mit digitalen Geräten interagieren und dabei jede Menge digitaler Daten produzieren. Dies sind beispielsweise Daten, die bei Google anfallen, wenn Menschen Abfragen eingeben, aber ebenso Daten, die in Unternehmen anfallen, wenn Menschen in ihren Alltagsaufgaben mit den Systemen mit Daten hantieren. Das geht bis hin zu Daten, die beim Austausch von E-Mails entstehen. Ein zweiter riesiger Datenbestand entsteht durch die immer weiter zunehmende Sensorik. Ein Automobil ist heute ein riesiger Datenstaubsauger. Wenn es gelingt, diese Daten in die Netze zu bringen und zugänglich zu machen, so können viele interessante Effekte dadurch erzielt werden. Mir ist natürlich bewusst, welche große Rolle hier offene Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit spielen.

Die großen Mengen von Daten schreien jedoch förmlich danach, damit interessante Möglichkeiten zu nutzen. So landen wir tatsächlich beim Thema Big Data. Der Begriff der Smart Data ist tatsächlich wohl mehr ein Marketingbegriff. Die Daten selber sind natürlich in keiner Weise „smart“, bestenfalls die Art und Weise wie man über Algorithmen aus den Daten in intelligenter Weise zusätzliche Informationen gewinnt.

BD: Haben Sie den Eindruck, dass semantische Technologien bereits einen signifikanten Anteil bei der System- oder Anwendungsentwicklung erreicht haben? Welche Auswirkungen haben sie auf den Entwicklungsprozess?

MB: Semantische Technologien stehen natürlich gerade in einem direkten Zusammenhang mit Big Data. Wenn man über große, unstrukturierte Datenmengen verfügt, ist es natürlich höchstinteressant, etwas zu unternehmen, um diese Daten zu interpretieren und ihnen eine Bedeutung zuzuordnen. Damit sind wir bei den semantischen Technologien.

Am einfachsten kann man semantischen Technologien mit Beispielen aus dem Internet erklären. Bilder im Internet sind aus Sicht des Informatikers erst einmal nur Pixel-Wolken, die gespeichert, übertragen, dargestellt und verarbeitet werden. Aus Sicht der Anwendungen ist es natürlich von höchstem Interesse zu erkennen, was auf den Bildern abgebildet ist und mehr noch, zwischen Bildern und anderen Daten Beziehungen herzustellen, auch zu erkennen, welche Bedeutung Daten oder Bilder für die Wirklichkeit haben und wie diese mit der physikalischen Wirklichkeit in Verbindung zu sehen sind, insbesondere, wenn es sich dabei um Daten handelt, die innerhalb von CPSen entstehen. Wenn es uns also gelingt, aus den Daten semantische Inhalte zu gewinnen, so haben wir einen wichtigen Schritt getan.

Vielleicht lässt sich das wieder gut an einem Beispiel erklären. Ein Auto nimmt heute eine Vielzahl von Informationen über die Sensoren auf. Wenn es gelingt, aus diesen Informationen ein zuverlässiges Bild von dem Umfeld des Autos zu gewinnen, so kann man natürlich daraus in vielfacher Weise zusätzliche Funktionen für den Fahrer anbieten. Der Übergang von der Wolke von Sensorik-Information zu einem strukturierten Informationsmodell ist genau ein Beispiel für so eine semantische Technologie. Der Traum vieler Informatiker ist, dies nicht so zu bewerkstelligen, dass sich ein Ingenieur entsprechende semantische Konstruktionen ausdenkt, sondern dass ein Teil dieser Konstruktionen durch Algorithmen generiert werden. Dies aber ist sicher noch eine offene Frage für die Zukunft.

BD: Können Sie sich vorstellen, in Kürze eine Google-Brille (oder ein ähnliches Produkt) zu verwenden? Wem würden Sie empfehlen, es zu tun? Wo sehen Sie ihre Anwendung?

MB: Warum nicht? Ich könnte mir durchaus vorstellen, in bestimmten Situationen Geräte wie eine Google-Brille zu verwenden. Es kommt hier natürlich immer darauf an, was man damit erreichen will und welche Funktionalität so ein Gerät erbringt. Die Google-Brille ist ja nicht nur dazu da, Informationen einzublenden, sondern umfasst auch eine Videokamera, die Informationen aufnimmt, analysiert und speichert. Die Möglichkeiten des Einsatzes sind vielfältig. Ich möchte nicht verhehlen, dass mir manches dabei ein wenig unbehaglich vorkommt, etwa die Vorstellung, dass wir in wenigen Jahren allesamt mit solchen Geräten auf der Nase herumlaufen und uns gegenseitig per Video aufnehmen und analysieren. Aber in bestimmten Situationen in Beruf und Freizeit könnte die Google-Brille durchaus mit großem Gewinn eingesetzt werden, beispielsweise im Sport oder aber in der Produktion oder in der Wartung von Geräten.

BD: Können Sie mit gutem Gewissen den Einsatz autonomer Systeme empfehlen? Etwa selbstlenkende Autos? Sind da die Amerikaner uns technisch voraus oder haben sie bloß weniger Angst? Wann ist mit ihrer massenhaften Einführung im Markt zu rechnen?

MB: Das ist wirklich eine interessante Frage. Ich denke, dass die Frage der autonomen Systeme manchmal zu sehr nach schwarz und weiß gesehen wird. Ist ein System autonom oder ist es nicht autonom. Ich glaube, dass es hier einen starken Graubereich gibt. Systeme, die assistieren, die also nicht vollautonom sind, doch aber so stark in der Interaktion mit ihren Nutzern Einfluss auf das Geschehen nehmen, dass sie das Geschehen in weiten Teilen mitbestimmen. Das ist eine große Herausforderung in zweierlei Hinsicht – zum einen solche Systeme tatsächlich funktionsfähig zu schaffen und auf der anderen Seite dabei aber auch grundlegende Bedürfnisse der Menschen und auch einer freiheitlichen Bürgergesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren.

In manchen Anwendungsfeldern aber stellt sich die Frage nicht wirklich. Wenn es uns tatsächlich gelingt, und das ist heute schon sehr gut abschätzbar, die hohe Zahl der Verkehrsunfälle zu reduzieren, indem man in gewissen Situationen zulässt, dass Systeme autonom eingreifen, so sind wir uns sicher alle einig, dass das ein guter Schritt wäre. Ich komme gerade von einer Konferenz zur funktionalen Sicherheit im Fahrzeug und bin immer wieder fasziniert, mit welcher Sorgfalt heute in der Automobilindustrie alles getan wird, um Fahrzeuge zu produzieren, in denen keine technischen Defekte zur Gefährdung der Passagiere führen können. In der Unfallstatistik ist tatsächlich das technische Versagen von Fahrzeugen allerdings ein absolut geringfügiger Faktor. Es scheint mir völlig auf der Hand zu liegen, dass wir viel weitergehende Fortschritte in der Unfallreduzierung erzielen können, wenn wir über teilautonome Systeme Unzulänglichkeiten mancher Verkehrsteilnehmer ausgleichen.

BD: Mich wundert es etwas, dass Sie das Thema der nicht vollkommen geplanten, aber enorm wachsenden Systeme außer Acht lassen. In einem gemeinsamen Papier im Jahre 2008 nannten wir sie Übergroße Systeme (engl. ultra-large systems). Halten Sie das Phänomen inzwischen für unwichtig, oder meinen Sie das die Informatik als Wissenschaft hier ohnehin nichts tun kann?

MB: In der Tat habe ich das Thema in meinem Vortrag nicht angesprochen. Ich habe ohnehin viel zu viele Themen angerissen, ohne dass ich sie wirklich besprechen konnte. Ich glaube, dass übergroße Systeme mit schwer zu beherrschendem Wachstum wirklich ein großes Problem darstellen. Das beginnt mit den ganz elementaren Fragestellungen, wie der Wartung großer Systeme. Heute sind ja viele Unternehmen in der Wartungsfalle.

Aber auch der Umstand, dass wir heute Systeme bauen, die immer weiter eingesetzt werden und gleichzeitig in ihrer Funktionalität und Vernetzung eine Erweiterung erfahren, liegt in einem Bereich, den wir nicht genügend verstehen. Es ist ja heute schon interessant zu sehen, dass wir Systeme, die unter ganz anderen Vorzeichen entstanden sind, über einen sehr langen Zeitraum im Einsatz haben. So ist es wirklich erstaunlich, dass die grundlegende Internet-Technologie, die aus den 70er Jahren stammt und einen eher militärischen Hintergrund hat, heute mit den Internetstrukturen die gesamte Informationsvernetzung in unserer Welt dominiert. Ein zweites Beispiel sind die Betriebssysteme – ich will hier nur Windows nennen – die unter ganz anderen Vorzeichen entstanden sind und nun in einer immer stärker vernetzten Welt zurechtkommen müssen. Kein Wunder, dass es hier viele Probleme gerade auch mit der Sicherheit gibt.

BD: Bei Ihnen spielt der Begriff der Modellierung eine herausragende Rolle. Sie meinen vermutlich nicht Datenmodelle oder Leistungsmodelle. Könnten Sie kurz erläutern, um welche Art von  Modellen es bei Ihnen geht. Ich würde gerne besser verstehen, wie Sie Zeit und Zeitfluss in mathematischen Modellen darstellen. Mein Eindruck ist nämlich dass Sie fast immer nur mit Mengen arbeiten, also ungeordneten Elementen. Täusche ich mich?

MB: Ich glaube, dass die Informatik grundsätzlich die Wissenschaft von der Modellierung ist. Jedes Programm ist ein Modell – zum einen ein Modell von Teilen des Anwendungsgebiets, in dem es angewandt wird, und es beruht auf bestimmten Modellannahmen. Dabei schließe ich Datenmodelle oder Leistungsmodelle durchaus ein. Ich denke, dass wir eine Fülle von Modellen brauchen, die ineinander greifen.

Zu Ihrer Frage, was den Zeitfluss betrifft – hier hat die Mathematik über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte uns bereits aufgezeigt, wie weitgehend wir in der Lage sind, bestimmte Vorgänge mathematisch zu modellieren. Es führt hier ein wenig zu weit, in die technischen Details einzusteigen. Aber die Modelle, mit denen wir seit vielen Jahren nun arbeiten, sind Modelle von Verhalten von Systemen, oft von diskreten Systemen in einem diskreten Zeitfluss. Für solche Modelle lassen sich bestimmte Gesetzmäßigkeiten aufstellen, die diesen Zeitfluss abbilden und die gleichzeitig wieder benutzt werden können, um über Eigenschaften dieser Modelle zu schlussfolgern. Dass die Modelle selbst wieder mit mathematischen Mitteln dargestellt werden, also im Wesentlichen mit Mengen und Relationsstrukturen über diesen Mengen, ist nicht erstaunlich. Etwas anderes hat uns die Mathematik ja auch nicht in die Hand gegeben.

BD: Durch Ihre Antwort, dass Sie zu Modellen auch Programme rechnen, erübrigt sich eine meiner ursprünglichen Fragen, nämlich: Welche Sprachen und Werkzeuge kommen dabei zur Anwendung? Ich dachte eigentlich an Modelle, die nicht in einer Programmiersprache ausgedrückt werden. Dann muss man sich nämlich fragen, welchen Sinn sie haben oder welche Fragen sie beantworten sollen. Belassen wir es bei Ihrer Antwort.

Sie sagen, dass Systeme durch Software ‚individualisiert‘ werden. Muss man nicht vorsichtiger formulieren? Sie meinen doch, dass anwendungsneutrale Hardware erst durch Software zu einem nutzbaren System wird. Sie wollen doch nicht sagen, dass jeder Nutzer Software erhält, die speziell für ihn geschrieben wurde? Oder wollen Sie alle Menschen zu Programmierern machen?

MB: Ich denke, da haben Sie eine Bemerkung von mir missverstanden. Ich wollte in meinem Vortrag nur darauf hinweisen, dass die Durchschlagskraft der Informatik zum einen daraus kommt, dass heute die Leistungsfähigkeit der Prozessoren immer noch im Sinne des Moore´schen Gesetzes im Wesentlichen exponentiell zunimmt. Dies gilt, zwar mit unterschiedlichen Zahlen, für Speicherung, Berechnung und Kommunikation im Wesentlichen gleichermaßen. Diese Zunahme der Leistungsfähigkeit geht einher mit einem starken Preisverfall, der auch aus der industriellen Produktion der Chips herrührt. Der Effekt würde aber nicht zum Tragen kommen, wenn nicht gleichzeitig durch die Möglichkeiten der Software die Rechner auf ganz unterschiedliche Aufgaben zugeschnitten werden könnten.

Dabei hatte ich nicht im Sinn, dass für jeden einzelnen, individuellen Benutzer individuell Software gebaut wird, sondern dass ein Prozessor eingesetzt werden kann, um Berechnungen durchzuführen, um Kommunikationsprotokolle abzuwickeln, um ein Gerät zu steuern. Zwar haben wir heute natürlich unterschiedliche Prozessorfamilien für unterschiedliche Zwecke, aber es ist sicher unbestritten, dass die eigentliche Zuschneidung eines Rechnerkerns für eine Aufgabe letztendlich durch die Software erfolgt. Dahinter steckt auch die Erkenntnis, dass Software der entscheidende Stoff ist, aus dem die Zukunft gebaut werden wird. Es gibt ja den berühmten Satz „Software eats the world“.

BD: Der Begriff ‚Unschärfe‘ steht bei Ihnen für sehr unterschiedliche Dinge: Mehrdeutigkeit, Ungenauigkeit und fehlende Information. Muss man nicht jedes Problem getrennt angehen, um weiterzukommen? Ist der Begriff ‚günstiges Angebot‘ nicht einfach eine (gewichtete) Oder-Verknüpfung von niedrigster Preis, beste Lieferbedingungen und günstigste Zahlungsweise?

MB: Ich stimme Ihnen völlig zu. Ich habe das versucht, in meinem Vortrag auch in aller Kürze zu sagen. Es gibt ganz unterschiedliche Ausprägungen von Unschärfe und hier findet sich ein interessanter, ja fast dialektischer Gegensatz. Die Informatik ist ja eine Wissenschaft, die im Kern auf klassische zweideutige Logik aufgebaut ist. Etwas überspitzt ausgedrückt könnte man sagen, dass die Informatik die Ingenieurwissenschaft der Logik ist. Es ist erstaunlich zu sehen, welche fundamentalen Erkenntnisse die Logik gerade in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts erzielt hat, noch bevor Informatik als Ingenieurwissenschaft wirklich bedeutsam geworden ist und wie stark sich die logischen Überlegungen dann in dem, was die Informatik macht, widerspiegeln – in der Tat faszinierend.

Logik ist ein Versuch, eine in vielen Bereichen unscharfe Welt, zumindest aus Sicht des Menschen unscharfe Welt, in scharfe Strukturen zu bekommen. Das ist natürlich immer nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Solange die Informatik eine Informatik im Labor und Rechenzentrum war, ist dieser Gegensatz auch nicht ganz so stark zu Tage getreten. Aber heute, wo die Informatik an allen möglichen Ecken und Enden integriert in unserer Wirklichkeit eine immer stärkere Rolle spielt, hat dieser Gegensatz an Bedeutung gewonnen und wir müssen sehr viel stärker verstehen, wie wir damit umgehen.

BD: In Anlehnung an das Schlagwort Industrie 4.0 definieren Sie die Informatik 4.0. Als bestimmende Technologien und Aspekte erwähnen Sie: Globale Vernetzung, Sensoren und Aktuatoren, menschliche Ausrichtung (engl. Human Centric Systems). Wie kann und soll die Informatik 4.0 unter die Leute gebracht werden? Was müssen wir neu lernen? Was müssen bzw. können die Hochschulen tun?

MB: Ich habe das mit der Informatik 4.0 nicht ganz so ernst gemeint. Ich wollte keinen neuen Begriff prägen. Auch der Begriff Industrie 4.0 ist ein wenig ein Schaufensterbegriff. Daran liegt mir nicht. Ich habe den Begriff Informatik 4.0 im Vortrag nur verwendet, um deutlich zu machen, wie stark sich die Informatik in den vielen Jahren weiterentwickelt hat und dass ich eine gewisse Diskrepanz sehe zwischen der wachsenden Bedeutung der Informatik und der Weiterentwicklung der theoretischen Kerne, wie Berechenbarkeit, Komplexitätstheorie und Gebieten wie formale Sprachen. Ich will hier nicht missverstanden werden. Im Gegensatz zu manchen meiner Kollegen, die darüber nachgedacht haben, ob der Begriff der Berechenbarkeit für verteilt ablaufende Systeme überhaupt noch Gültigkeit hat, glaube ich, dass diese Konzepte im Kern nach wie vor gültig sind, aber sie müssen erweitert werden und in Verbindung gesetzt werden mit der Art von Systemen, mit denen wir heute zu tun haben.

Weitergehende Fragen sind natürlich, inwieweit diese im Grunde artifiziellen, rein mathematischen Begriffe einen Zusammenhang zur wirklichen Welt haben. Das ist aber eine Frage für die Wissenschaftstheorie. Der andere Punkt, den Sie ansprechen, ist das Thema der globalen Vernetzung. Informatik überall ist ja längst Wirklichkeit. Über Smart Phones und andere Geräte, über das Internet und die Vielzahl der Informatiksysteme, die heute im Einsatz sind, sind die Menschen längst eingebunden in umfassende Systeme der Informatik, Cyber-physical Systems eben. Doch es wird viel zu wenig untersucht, wie stark das die Sicht der Menschen auf die Welt verändert, wie stark das die Verhaltensweisen der Menschen beeinflusst und wie wir die Systeme gestalten müssen, dass sie den Menschen in optimaler Weise nützen können. Gerade in Deutschland haben wir hier große Schwächen.

Ich hatte vor kurzem mit Albrecht Schmid, einem Kollegen aus Stuttgart, in einem Aufsatz in einer amerikanischen Zeitschrift (IEEE Computer, 2/2014) noch einmal versucht, dies darzustellen. Wir müssen die Systeme menschenzentriert gestalten.
Das ist übrigens ein anderer philosophischer Ansatz als die klassische künstliche Intelligenz – mit dem Ziel, nicht ein menschenähnliches Wesen im Rechner erschaffen, das ein Eigenleben führt, sondern Informatiksysteme zu bauen, die Menschen in einer umfassenden Weise nutzen und ihnen ermöglichen, in Arbeit und Freizeit mit ihren Problemen und Fragestellungen in einer viel geschickteren Art und Weise umzugehen. Ich glaube, wir müssen hierzu eigene Studiengänge einrichten und eine ganze Disziplin aufbauen.

BD: Einem Leser dieses Blogs gefiel ein Satz besonders gut, der in Ihrer Kurzfassung steht, nämlich: "Bisher zielten die Modelle der Informatik eher auf den Lösungsraum (die abstrakte Rechenmaschine) und weniger auf den Problemraum (die Welt der organisatorischen oder physikalischen Prozesse)." Der Leser fragte: Wo wird Prozessverständnis, Prozessdarstellung, Prozessumsetzung, Prozessanalyse, Prozessmethodik, Prozessarchitektur, Prozessmanagement usw. usw. in der Informatik unterrichtet? Wo bleibt der Informatiklehrstuhl, der sich dieses Themas ganzheitlich annimmt, mit den vielen neuen Herausforderungen, die sich insbesondere durch das IoT ergeben? Wer vermittelt dieses Wissen?

MB: Das ist schon wieder eine schwierige Frage, weil alle diese Begriffe, wie Prozess, Prozessverständnis und Prozessanalyse so vielschichtig sind. Wo findet sich der Begriff des Prozesses nicht überall – Rechenprozess, Geschäftsprozess, Produktionsprozess. Viele dieser Prozessbegriffe haben Ähnlichkeiten, aber sind doch wieder unterschiedlich.

Wir lehren natürlich an der TU München die wichtigen Prozessbegriffe, wie man Prozesse darstellt, wie man sie analysiert. Aber was ich im Grunde genommen noch wesentlicher finde, ist die Fähigkeit, die Kontexte, in denen Systeme laufen und die Prozesse, die in diesen Kontexten ablaufen, in einer Art und Weise zu erfassen und zu beschreiben, dass der Entwurf von Systemen dadurch eine ganz andere Qualität erhält. Das ist ein anderer Kernpunkt meines Vortrages. Heutige Systeme sind eng mit ihrem Kontext verbunden, arbeiten intensiv mit ihrer Umgebung zusammen. Wir müssen die Umgebung sehr genau verstehen, um entsprechende Systeme optimal gestalten zu können. Damit landen wir bei dem wichtigen Thema der Domänenmodellierung als Teil des Requirements Engineering. Hier ist sehr viel Potential für die Praxis, aber auch sehr viel Notwendigkeit für Forschung.

BD: Welche Fragen sollte die wissenschafts-theoretische Diskussion angehen, die Sie im Zusammenhang mit Informatik 4.0 fordern?

MB: Ich denke hier gibt es eine Fülle von Fragen. Eine der ganz großen Herausforderungen ist eine Zusammenführung der Modelle der Informatik mit den Modellen des Maschinenbaus und der Physik. Eine zweite wichtige Aufgabe ist, den Informatiker zu einem Lösungsentwickler heranzubilden. Er muss verstehen, wie Informatiksysteme in einem Kontext, der soziale, wirtschaftliche, technische, psychologische und noch viele andere Aspekte enthält zu konzipieren und auf Gültigkeit zu überprüfen und natürlich letztlich auch umzusetzen. Ich will gerade in diesem Zusammenhang noch einmal unterstreichen, für wie wichtig ich es halte, die Programmiertechnik zu beherrschen. Wie ich oben gesagt „Software eats the world“ – nur wer in der Lage ist, erstklassige Software zu schreiben, und das heißt letztlich auch Programmentwicklung, wird in der Lage sein, in diesem sich schnell entwickelnden Gebiet mitzuhalten. Das erfordert aber eine neue zukunftsorientierte Auffassung unseres Fachs Informatik. 

BD:
Lieber Herr Broy, haben Sie vielen Dank für dieses Interview. Es ist schon eine Weile her seit dem letzten Interview im März 2011. Ihre Gattin und Sie genossen damals gerade einen Seetag auf einer Kreuzfahrt zwischen Fidschi und Hawaii. Dieses Mal kamen die Antworten aus München, zwar nicht weniger schnell, aber dafür um so ausführlicher.

Freitag, 26. September 2014

Informatik und Informatiker in der Innen- und Außenansicht (GI-JT Stuttgart)

In der Woche vom 22. bis 26. September fand die diesjährige Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik (GI) in Stuttgart statt. Das Tagungsthema hieß ‚Big Data – Komplexität meistern‘. Die Hauptveranstaltungen waren in einem ‚Tag der Wirtschaft‘ und einem ‚Tag der Informatik‘ zusammengefasst. Daneben gab es Tutorien und Workshops. Parallel zur Jahrestagung fanden drei weitere Fachtagungen statt, was die hohe Teilnehmerzahl von über 1200 erklärt. Es waren dies die KI 2014 über Künstliche Intelligenz, und MATES 2014 über Multiagent Systems Techology, sowie der Integrata-Kongress der Integrata-Stiftung.

Informatik ist angekommen

Eine Jahrestagung ist für den Vorstand und den Präsidenten der GI eine Gelegenheit, über den Stand des Fachgebiets zu reflektieren. Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten steht heute außer Frage, dass die Informatik in der Öffentlichkeit angekommen ist. Damit erübrigt sich der Teil der Arbeit der GI, der dazu diente aufzuklären, was Informatik überhaupt ist. Jeder Erwachsene, ja jeder Schüler, benutzt heute Informatiksysteme. Sie heißen zwar Navi, Notebook, Tablet oder Smartphone, jeder weiß jedoch, dass die alles entscheidende Komponente ein Computer ist, und dass kein Computer ohne Software funktioniert. Oft ist es die Software, die den Unterschied zwischen den Fabrikaten macht. Viele Probleme, die Nutzer haben, sind durch Software bedingt. Bessere Systeme gibt es in Zukunft nur, wenn auch die Software verbessert wird. 

Die Repräsentanten der GI laufen geradezu offene Türen ein, wenn sie mit Politikern oder den Bundesbehörden sprechen wollen. Der Wirtschaftsminister übernimmt die Schirmherrschaft über den Innovations- und Entrepreneurpreis der GI und die Wissenschaftsministerin tut das Gleiche für den Dissertationspreis. Niemand in unserem Lande redet mehr über Arbeitslosigkeit, die durch die Digitalisierung verursacht wird. Dass ganze Branchen, wie das Druck- und Pressewesen, vor einem Wandel stehen, wird als unvermeidbar angesehen. Andere Branchen, wie der Maschinenbau oder das Verkehrswesen, sind bemüht, die Chancen zu nutzen, die sich ergeben. Immer noch ist die GI vorwiegend ein Akademikerverein. Das Interesse unter Praktikern lässt sehr zu wünschen übrig. Durch die Einrichtung eines Industrie- und Wirtschaftsbeirats soll – mal wieder – versucht werden, bei diesem Problem Abhilfe zu schaffen. Da bereits über 50.000 Absolventen des Studiengangs Informatik im Berufsleben stehen, ist vermutlich schon bei vielen Studierenden die Chance versäumt worden, die entsprechende Saat auszulegen. 

Einzelne Aktionen der GI 

Hatte das BMBF 2006 zum Jahr der Informatik erklärt, so stand 2014 die ‚Digitale Gesellschaft‘ im Blickpunkt der Politik. Die GI beteiligte sich unter anderem durch die Auswahl und Nominierung von 39 ‚Digitalen Köpfen‘. Darunter sind Praktiker und Hochschullehrer. Sie sollen durch Innovationen und Leistungen die digitale Zukunft unseres Landes prägen. Beim jährlichen IT-Gipfel mit der Bundeskanzlerin ist die GI in Arbeitsgruppen vertreten. In einer Poster-Aktion stellte die GI bereits im letzten Jahr international bekannte Informatiker vor. Begonnen wurde mit Alan Turing. Jüngere Kollegen wie Tim Berners-Lee oder Jerry Page und Sergey Brin gehörten auch dazu. Fünf Nachwuchs-Wissenschaftler wurden zu Junior Fellows ernannt. 

Eine Aktion, auf die ich bereits in diesem Blog hinwies, diente der Definition von großen Herausforderungen (engl. grand challenges). Aus der Vielzahl von Vorschlägen wurden fünf ausgewählt. Sie lauten:
  • Digitales Kulturerbe
  • Internet der Zukunft, sicher, frei, vertrauenswürdig
  • Systemische Risiken in weltweiten Netzen
  • Allgegenwärtige Mensch-Computer-Interaktion
  • Verlässlichkeit von Software
Sie sind jetzt in einer Broschüre beschrieben. Sie sollen in etwa zwei Jahren fortgeschrieben werden.

Vom Treffen der GI-Fellows

Etwa 40 Fellows trafen sich am ersten Tag, dem Montag, mit dem GI-Vorstand. Außer der Erledigung von Formalitäten wie der Verabschiedung einer Art Satzung gab es einige Themen, die allgemein interessieren dürften. Die GI will in Zukunft eine Kommunikations-Plattform im Internet einrichten, nur für die Kommunikation der Fellows untereinander. Obwohl nicht klar ist, ob dieses so genannte Fellow Forum nur eine andere Netzleiche oder aber ein Medium zur Selbstdarstellung einzelner wird, taucht die Frage auf, ob es von Vornherein eine Sparten-Struktur ähnlich der FAZ haben sollte. 

Das Fellow-Treffen vor einem Jahr hatte ganz im Zeichen  der NSA-Affäre gestanden. Damals gab es vor allem von Seiten des Kollegen Bayer konkrete Vorschläge, was die GI tun könnte, um die Verschlüsselung von E-Mails populärer zu machen. Entsprechende Empfehlungen wurden im Laufe des Jahres veröffentlicht. Dieses Jahr verabschiedeten die Fellows einen Antrag an den Vorstand, stärker als bisher politisch zur Verletzung des Art 10 GG durch Geheimdienste Stellung zu nehmen. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass die bekannten Verfahren zur asymmetrischer Verschlüsselung und Zertifizierung durch CAs meist als zu schwer und zu unsicher angesehen würden, und daher kaum Chancen haben von der Mehrheit der GI-Mitglieder akzeptiert zu werden. Demgegenüber gäbe es andere Verfahren, die leichter zu nutzen seien. Ein Beispiel böte der Chat-Dienst Threema (der Konkurrent von WhatsApp). Außerdem hätte eine Meinungsumfrage ergeben, dass etwa 97% der deutschen Bevölkerung der Ansicht ist, dass die ganze NSA-Affäre zu sehr aufgebauscht wurde und sie überhaupt nicht berühre. Ein anwesender GI-Fellow hielt dem entgegen, dass Revolutionen sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen dürfen, auch wenn nur 3% der Bevölkerung sie unterstützen. 

Über den Tag der Informatik 

Der Vortrag des Kollegen Manfred Broy von der TU München war der Höhepunkt des Tages. ‚Cyber-Physical Systems – digital vernetzt in die physikalische Wirklichkeit‘ hieß der Titel seines Referats. Der Ausdruck cyber-physische Systeme wurde in Deutschland durch eine Studie der acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, populär gemacht. Es sind ‚software-intensive Systeme, die unmittelbar mit der physikalischen Wirklichkeit verbunden sind, aber im Gegensatz zu klassischen eingebetteten Systemen tief und umfassend über globale Netzstrukturen, wie das Internet und damit verfügbare Daten und Dienste, vernetzt sind.` Weiter heißt es: ‚Bisher zielten die Modelle der Informatik eher auf den Lösungsraum (die abstrakte Rechenmaschine) und weniger auf den Problemraum (die Welt der organisatorischen oder physikalischen Prozesse). … Von besonderer Bedeutung sind letztlich Modelle von Zeit und Raum. Eine Informatik, die diese Konzepte harmonisch integriert und in einen Engineering-Ansatz umsetzt, ist das geeignete Vehikel, um die Cyber-Physischen Systeme der Zukunft zu erschließen.‘ Dass für Informatiker und Informatik-Systeme jetzt plötzlich eine ‚Real World Awareness‘ gefordert wird, mag manchen Praktiker, der nie ohne Realitätsbezug auskam, etwas überraschen. Wenn außerdem gefordert wird, Zeit und Raum als real anzusehen, kann es sein, dass Kollegen sich wundern, die ein Berufsleben lang Echtzeit-Datenverarbeitung betrieben haben. Mit theoretischen Physikern mag Broy sich allerdings Probleme einhandeln, die weder Zeit noch Raum als unverrückbar anerkennen. Es ist dem Kollegen Broy hoch anzurechnen, dass er sich bemüht, die Kluft zwischen Theorie und Praxis nicht als unveränderlich hinzunehmen. Wenn immer die Praxis fortschreitet, sollte die Theorie aufholen. In Anlehnung an das Schlagwort Industrie 4.0 definierte Broy die Informatik 4.0. Die ganze Geschichte der Informatik wurde neu strukturiert. 

Smart Big Dataso hatte Karl-Heinz Streibich, der CEO der Software AG, seinen Vortrag überschrieben. Ich zitiere aus seinem Abstrakt; ‚Die intelligente Nutzung von digitalen Daten spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Antworten auf zukünftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen zu geben. Software ist hierbei der fundamentale Werkstoff für innovative Produkte und Dienstleistungen. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird entscheidend von der Fähigkeit abhängen, softwarebasierte Produkte und Dienstleistungen mit höchster Qualität zu erstellen.‘ Dass alles, was auch Software enthält, gleich als ‚smart‘ gilt, ist ein Klischee, das wir irgendwann aufgeben müssen. Es gab halt lange keine Software-Skandale mehr. 

Peter Schaar, der frühere Datenschutz-Beauftragte der Bundesregierung, hatte das Thema ‚Big Data mit Datenschutz - Mission impossible?‘ gewählt. Nach seiner Meinung stellt Big Data ‚wesentliche Datenschutzprinzipien auf den Kopf‘. Es bestünde ein Widerspruch zu den Anforderungen der Erforderlichkeit, Zweckbindung und der Datensparsamkeit. Vorkehrungen zur Anonymisierung und Pseudonymisierung und ein Höchstmaß an Transparenz würden helfen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, darauf zu verweisen, dass demnächst ein Informatiker, nämlich Jaron Lanier, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird, in dessen bekanntestem Buch der Satz steht. 'Wir Informatiker machen sehr oft den Fehler, dass wir Daten und Information Rechte zubilligen. Daten und Information haben null Rechte. Rechte haben nur Personen oder Körperschaften'. Was er davon hielte? Die Antwort von Schaar war sinngemäß. 'Natürlich hat Jaron Lanier Recht. Dummerweise hat sich in Deutschland eine andere Terminologie eingebürgert.' Gedacht, aber nicht gesagt, habe ich mir: Terminologie führt oft zu Denkweisen. 'Information muss frei sein'  heißt es z.B. bei den Piraten. Auch müsste das Gerede über Datensparsamkeit nicht nur einem Informatiker kalt über den Rücken laufen. Da mehr Daten oft auch mehr Wissen bedeutet, fordern Schaar und Gleichgesinnte – hoffentlich unbewusst – eine Einschränkung des Wissenserwerbs. Soviel zu den Vorträgen, die ich besucht habe. 

Festveranstaltung im Mercedes-Benz-Museum 

Als Festredner hatte man den Stuttgarter Technik- und Umweltsoziologen Ortwin Renn eingeladen. Er spannte den Bogen zwischen den Urmenschen auf der Schwäbischen Alb, die sich glücklich fühlten, wenn sie 30 Jahre leben konnten, und den heutigen Kindern, die mit einer Lebenserwartung von über 90 Jahren geboren werden. Man brauche nur daran zu denken, um sich klar zu machen, was die Technik bewirkt hat. Sehr entscheidend sei zwar die medizinischer Technik gewesen. Aber unserer Technik, der Informatik, falle zunehmend die Rolle zu, das verlängerte Leben lebenswert zu machen. Wir können nicht nur das Gehen, das Hören und das Sehen unterstützen. Wir können die Teilhabe an geistigem Leben ermöglichen und sicherstellen. Auch dieses Thema war schon einmal Gegenstand dieses Blogs. Als Soziologen bedrückt Renn die Ungleichheit der Möglichkeiten, die Menschen haben. Ob die von ihm favorisierte Umverteilung aller Reichtümer alle Weltkonflikte löst, wage ich zu bezweifeln. 

Eines Teilnehmers Anregungen an die GI 

Zum Schluss möchte ich zwei Punkte aufgreifen, die ich teilweise in Gesprächen mit Kollegen diskutiert habe. Sie mögen Leser dazu anregen, eine Meinung zu äußern.

So erfreulich es ist, dass der Vorstand der GI so viele Kontakte knüpft und Dinge anstößt, besteht leider die Gefahr, dass nach einem Wechsel der Personen wieder am Punkt Null begonnen werden muss. Die Organisation der GI ist nicht auf Nachhaltigkeit der politischen und fachlichen Arbeit angelegt. Zusätzliche Personalstellen in der Geschäftsstelle sind nicht die einzige Lösung.

Eine Fokussierung der GI auf die Jugend ist für ihr Überleben wichtig. Es darf jedoch nicht in einen Jugendwahn ausarten. Hat man sich Gedanken gemacht, was aus Junior Fellows oder Digitalen Köpfen wird, wenn sie sich nicht zu Leistungsträgern der Gesellschaft entwickeln? Mit Gesellschaft ist hier die GI gemeint, oder die Informatik (was nicht gleich GI ist), die Ausbildung des Nachwuchses für Wirtschaft und Wissenschaft, die Wirtschaft oder die Wissenschaft und das Land als Ganzes.

Donnerstag, 18. September 2014

Unsere Welt erklärt von Peter Scholl-Latour

Beginnend in den 1950er Jahren erklärten das Radio und später das Fernsehen uns das aktuelle Geschehen in der Welt. Davor waren es nur Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Ein Fernseh-Reporter, an den ich mich sehr lebhaft erinnere, war Peter von Zahn. Er berichtete fast jede Woche aus Washington. Später waren es Thilo Koch und Gerd Ruge. Ein anderer Welterklärer, dem ich schon früh immer wieder zuhörte, war der im August verstorbene Peter Scholl-Latour (1924-2014). Nicht nur aufgrund seines Alters galt er als der Nestor der deutschen Auslandskorrespondenten. 

Lebenslauf

Scholl-Latous Leben ist ein wahrer Abenteuer-Roman. Nur so viel: Er wurde 1924 in Bochum geboren. Seine Eltern hatten vor dem ersten Weltkrieg in Zabern (heute Saverne) im Elsass gelebt. Sein Vater war Arzt. Seine Mutter war jüdischer Abstammung. Peter Scholl-Latour wuchs zweisprachig auf. Kurz nach dem Abitur 1943 in Kassel versuchte er sich den jugoslawischen Partisanen anzuschließen, wurde aber in Kärnten abgefangen. Im Gestapo-Gefängnis erkrankte er an Flecktyphus. Kaum genesen, meldete er sich 1945 zu einer französischen Fallschirmjägereinheit in Indochina.

Nach Beendigung des Feldzugs studierte er politische Wissenschaften an der ‚Sciences Po‘ in Paris und promovierte an der Sorbonne. Anschließend studierte er Hoch-Arabisch in Beirut. Über eine Stelle bei der Saarbrücker Zeitung gelangte er in den Stab von Johannes Hoffmann, der einen europäischen Status für das Saarland anstrebte. Nach der Volksabstimmung von 1956, die zum Anschluss an Deutschland führte, ging er zum Westdeutschen Rundfunk (WDR), später zum ZDF. Als erster Leiter des ARD-Studios Paris lernten ihn die meisten Leute kennen. Bei seiner Beerdigung in Rhöndorf ließ er  ̶  wohl zur Erinnerung an seine Jugendzeit  ̶  einen Gregorianischen Choral spielen. 

Seine zwei letzten Bücher 

Ich habe unter anderem das vorletzte und letzte seiner über 30 Bücher gelesen. Das eine kam im Jahre 2012 heraus. Es ist eine Tour d’Horizon, eine Art von Vermächtnis des 87-jährigen Globetrotters, dessen Alter ihn nicht vom Reisen abhielt. Der Titel heißt Die Welt aus den Fugen. Ob beabsichtigt oder nicht, erinnert der Titel an das berühmte Shakespeare-Zitat aus Hamlet (Akt 1, Szene 5) an: The time is out of joint. Das zweite, im September 2014, also posthum erschienene Buch heißt Der Fluch der bösen Tat. Auch dieser Titel lehnt sich an ein Literatur-Zitat an. Dieses Mal ist es Friedrich Schillers Wallenstein (Akt 5, Aufzug 1): Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend immer Böses muss gebären. Auch diesem Buch liegen Augenzeugenberichte des 89-jährigen Privatreisenden zugrunde, etwa in das nordsyrische Kriegsgebiet. 

Anstatt zu versuchen, den Inhalt der beiden Bücher wiederzugeben, will ich nur einige Sichten und Thesen hervorheben, auf die Scholl-Latour immer wieder zurückkam. Er wiederholte sie, obwohl  ̶  oder weil  ̶  sie von der Allgemeinheit, d.h. von der Politik und der meinungsbildenden Presse nicht geteilt wurden. Scholl-Latour wagte es, eine Außenseiter-Meinung zu vertreten. Er stellte dabei eine realistische Betrachtungsweise den idealistischen Wunschvorstellungen vieler Politiker gegenüber. Vor allem räumte er dem Westen nicht das Recht ein, dem Rest der Welt besserwisserisch gegenüberzutreten, und ihm eine Wirtschafts- oder Staatsform aufzudrängen, die dort keine Chancen haben akzeptiert zu werden. Auch wenn die Welt wegen ihrer Multipolarität nicht immer leicht zu verstehen ist, sei dies kein Grund, es nicht zu versuchen. Das Denken in globalen Blöcken und Schwarz-Weiß-Malerei reiche nicht aus. Natürlich könnten auch minimale Kenntnisse der Geschichte einer Region von Nutzen sein. Bei Diplomaten sollte man sie voraussetzen. 

Irak, Iran, Saudi-Arabien und Syrien 

Diese Weltregion lag Scholl-Latour besonders am Herzen. Er sah sie als das größte Problem für den Westen an. Es ist das Stammland des Islam, aber nicht dessen bevölkerungsreichste Region. Das ist Indonesien. Im Nahen Osten (und Nordafrika) verbindet sich politische Instabilität mit einer Explosion der Bevölkerung. Es besteht ein Überdruck verursacht durch den hohen Anteil junger Menschen. 

Das Urereignis zum Verständnis dieser Region (sowie die im Titel des zweiten Buches gemeinte böse Tat) sei 1953 der Sturz Mossadeqs durch Mitwirkung des amerikanischen Geheimdienstes CIA gewesen. Mossadeq hatte es gewagt, die Anglo-Iranian Oil Company zu verstaatlichen und Kontakte zu Moskau aufzunehmen. Nach der Vertreibung des Schahs und der Gründung der islamischen Republik Iran durch Ayatollah Khomeini kam es 1979 zur Besetzung der US-Botschaft in Teheran, die insgesamt 444 Tage andauerte. Jedes dieser beiden Ereignisse hätte sich bei der betroffenen Nation als eine Art Trauma im kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Zwischen 1980 und 1988 kam es zum ersten so genannten Golfkrieg, in dem Saddam Hussein mit Unterstützung des Westens dem Iran sehr große Verluste zufügte. Als der Irak dann das reiche Ölland Kuweit überfiel, wurde er 1991 zum ersten Mal von den Amerikanern und ihren Verbündeten besiegt. Im dritten Golfkrieg von 2003 bis 2007 fanden Saddam Hussein und seine Baath-Partei schließlich ein trauriges Ende. 

Während der Iran sich langsam erholte und stabilisierte, blieb der Irak ein Krisenherd. Schuld dran seien die Amerikaner gewesen, die dem Land Wahlen verordneten. Die Wahlen zerrissen das Land entlang ethnischen und religiösen Grenzen. Die Mehrheit der Schiiten erreichte eine Aussöhnung mit dem schiitischen Nachbarn Iran und unterdrückte die Minderheit der Sunniten. Es kam zu einer de facto Loslösung des kurdischen Nordens. Die Rivalität von Schiiten und Sunniten sei deshalb so gefährlich, weil in Wirklichkeit ein regionaler Konflikt um die Vorherrschaft am Persischen Golf zwischen Iran und Saudi-Arabien dahinter stecke. Bei den Saudis existiere eine extreme Form der Sunniten, Wahhabiten genannt. Nicht nur finanzierten Wahhabiten ‚Gotteskrieger‘ wie die Al Qaida, sie behandeln in ihrem Lande Frauen und Nichtgläubige auf eine Art und Weise, dass dem gegenüber der Iran geradezu ein ‚demokratischer und toleranter Staat‘ sei. Im Iran seien an den Universitäten mehr Frauen als Männer. 

Syrien unter Hafez al Assad schlug sich auf die Seite des Iran und suchte die Verbindung mit Moskau. Diese Orientierung hat sein Sohn Bashar beibehalten. Die Mehrheit des Landes sind Sunniten, mit einer zahlenmäßig schwachen Minderheit der Alawiten. Assad als Alawit kann sich nur dank der Unterstützung seiner Verbündeten an der Macht halten. Nach dem Ausbruch des ‚Arabischen Frühlings‘ in Nordafrika habe der Westen in Syrien einen Aufstand gegen Assad ‚herbeigewünscht‘. Der Aufstand brach nicht in der Hauptstadt des Landes aus wie in den andern Ländern, sondern an der Grenze zu Israel. Von dort  aus pflanzte er sich nach Norden bis nach Aleppo fort. Obwohl ursprünglich auch von Saudis unterstützt, schwächele er inzwischen, da radikale Kräfte, die sich als ‚Islamischen Staat‘ (IS) bezeichnen, die Oberhand gewannen. Bei der IS sammeln sich todesbereite Veteranen aus früheren Kämpfen, so aus Afghanistan, Kaschmir, Libyen und Tschetschenien. Wie das verkündete neue Kalifat aussehen soll, kann sich niemand vorstellen. Diese Gruppe provozierte die Weltöffentlichkeit durch Angriffe auf christliche Minderheiten und die öffentliche Hinrichtung westlicher Journalisten. [Dazu sei bemerkt: Das bewegte Präsident Obama und die USA zum verstärkten Eingreifen und zur Bildung einer Gruppe von Verbündeten. Es gehören alle Parteien dazu außer Assad und Iran.]

Scholl-Latour sah die Politik des Westens als scheinheilig an. Obwohl Barack Obama versucht hatte eine Brücke zur arabischen Welt zu bauen (durch seine Rede in Kairo) und mit Iran ins Gespräch kommen wollte, sei dies bis heute gescheitert (oder verhindert worden). Stattdessen erfolgten Waffenlieferungen an Staaten wie Saudi-Arabien und Katar. In Katar wird eine schiitische Mehrheit von einer sunnitischen Herrscherfamilie unterdrückt. Sollte Assad gestürzt werden, gehe der letzte säkulare Staat der Region unter. Die Folgen für christliche Minderheiten wie Chaldäer und Maroniten seien katastrophal. Dass Saudis, USA und Israel gegen Assad seien, um eine Ausbreitung des iranischen und russischen Einflusses zu stoppen, sei eine Rechnung, die nicht aufgehen wird. Scholl-Latour schreibt dazu: 

Viele in Europa nehmen an, hinter dem Konflikt von Syrien steht der Ruf nach Freiheit und Menschenrechten. Das ist Unsinn. Bei diesem Konflikt geht es um die Frage, ob die Iraner eine Verbindung zum Mittelmeer bekommen und zwar über Irak, Syrien und den Libanon. Dies bildet den Hintergrund der Aktionen gegen den syrischen Präsidenten.


Israel und Palästina 

Es ist Israels Schicksal, dass es in eine Krisenregion eingebettet ist. Laut Scholl-Latour werden jedoch seine Probleme oft überbewertet. Die Hamas im Gaza-Streifen sei zwar lästig, aber an sich keine Gefahr. Anders sei es mit der Hisbollah im Libanon. Das seien Schiiten, die vom Iran ausgebildet und unterstützt werden. Solange Assad an der Macht ist, seien Israels Bedrohungen an der Libanon-Front wie an den Golan-Höhen jedoch gering. 

In der Westbank, also dem Transjordan-Gebiet, wohnen inzwischen 250.000 Israelis. Sollte es einmal einen eigenen Staat für die Palästinenser geben, dann wäre es ein wahrer Flickenteppich. Die Gefahr eines Atomkriegs mit dem Iran würde absichtlich hochgespielt, sowohl von Israel wie von den USA. Er wäre kollektiver Selbstmord, unabhängig davon, was der Hitzkopf Ahmadinedschad sagte. Entscheiden würden schließlich die Mullahs. Die möchten überleben. Israel und die Saudis fühlten sich von Obama hintergangen, weil er mit Iran reden will. Wenn Deutschland Israel U-Boote liefert, müssen wir davon ausgehen, dass sie mit Atomraketen bestückt im Indischen Ozean operieren. 

Ägypten, Tunis, Libyen 

Den so genannten ‚Arabischer Frühling‘, der In Tunesien seinen Anfang nahm, sieht nicht nur Scholl-Latour als gescheitert an. Dass die jungen Computer-Freaks auch Wahlen organisieren und gewinnen könnten, war eine Illusion, der man im Westen anhing. Bei freien Wahlen war mit dem Erstarken der Muslim-Brüder und der Salafisten zu rechnen. Die Salafisten werden von Saudi-Arabien aus unterstützt, da die Muslim-Brüder den Saudis als zu liberal gelten. Der Aufstand am Tahrir-Platz in Kairo sei offensichtlich vom Militär geduldet gewesen, um Mubarak los zu werden. Da die Muslim-Brüder die Wahl gewannen, aber später das Land entzweiten und den Tourismus zum Erliegen brachten, war nicht gewollt. Die Armee unter General Abd al-Fattah as-Sisi hat inzwischen das Wahlergebnis korrigiert.  

Libyens Muammar al-Gaddafi war zu Kreuze gekrochen, als er sah, was mit Saddam Hussein geschah. Später nutzte das ihm auch nichts. England und Frankreich fielen in die Rolle früherer Kolonialmächte. Im Unterschied zum Suez-Abenteuer von 1956 hatten sie dieses Mal die USA im Rücken. Deutschland sonderte sich jedoch ab. Heute versinkt das Land in Stammeskriegen. 

Türkei und Kurdistan 

Atatürk hatte dem Land eine laizistische Verfassung aufgezwungen und dem Militär die Aufgabe zugewiesen, nicht nur über die Landesgrenzen sondern auch über die Verfassung zu wachen. Während des Kalten Krieges war das Land ein wichtiger Partner am NATO-Südflügel. Die Türkei ist heute wieder wichtig für den Westen, allerdings an der syrischen Grenze. Recep Tayyip Erdogan ist dabei aus dem Schatten Atatürks herauszutreten. Das betrifft die Rolle des Militärs und die Haltung zum Islam. Er entmachtete die in den USA ausgebildeten Offiziere und ließ neben dem Mausoleum Atatürks eine Moschee bauen.  

Da die EU den seit 1987 vorliegenden Aufnahme-Antrag unbearbeitet lässt, orientiert sich Erdogan nach Osten um. Er hat den Kampf gegen die Kurden im eigenen Land heruntergefahren und sieht dem Entstehen eines Kurdenstaates im Irak entgegen. Er lässt die USA hängen, die zum Eingreifen gegen Assad drängen. Würde er dies tun, indem der die Grenzen der Türkei für die IS-Gotteskrieger öffnet, könnte dies ihm teuer zu stehen kommen. 

Afghanistan und Pakistan, China und Russland 

Obwohl die Welt wusste, wie es Engländern und Russen in Afghanistan ergangen war, versuchte die NATO in den Schluchten des Hindukusch der aus Saudi-Arabien und Ägypten stammenden Hintermänner des 9/11-Attentats habhaft zu werden. Nach 10 Jahren fand man schließlich Osama bin Laden, allerdings in Pakistan. Al Qaida hatte sich längst nach Jemen und Somalia verlagert. In Afghanistan wird wieder mit Opium Geld verdient, wie eh und je. 

Für den Westen ist Pakistan gefährlicher als Iran. Pakistan hat einen starken schiitischen Bevölkerungsanteil, und besitzt bereits die Atombombe. In wessen Hände sie gelangen kann, ist offen, sollte das Militär einmal die Kontrolle verlieren. Kein Land der Welt, das über Atombomben verfügt, ist zur Abrüstung bereit. 

Chinas Aufstieg ist phänomenal, seit Deng Xiaoping das Reichwerden wieder erlaubte. Die Minderheiten in Tibet und Sinkiang werden von Han-Chinesen an die Wand gedrückt. Dass China sich vom Westen belehren ließe, auf diese Idee kann nur jemand kommen, der nichts über China und Chinesen weiß. Ihre historischen Erfahrungen machten sie skeptisch gegenüber allen Annäherungsversuchen von Westlern. 

Innerhalb Russlands gilt Gorbatschow nicht als Held. Putin sähe es als seine historische Aufgabe an, Russland wieder den Rang einer Großmacht zu verleihen. Die EU und die USA hintertrieben seine Idee einer eurasischen Union. Scholl-Latour sieht darin ein rein defensives Bündnis. Durch die Ausbreitung von NATO-Fähigkeiten nach Polen und in die baltischen Länder habe die USA ihren ‚Cordon sanitaire‘ vergrößert. Man könnte es den Russen nicht verübeln, das gleiche zu tun. Wovor Putin wirklich Angst haben müsste sei der Tag, an dem die NATO Afghanistan räumt. Die wahre Gefahr drohe nämlich vom Islamismus in GUS-Ländern wie Usbekistan, Tadschikistan und dem Fergana-Tal. Für ihn sei ‚Putin-Versteher‘ kein Schimpfwort. Es sei die Pflicht eines jeden Außenpolitikers, die Motive der Staatenlenker zu verstehen. 

Europa, USA und übrige Weltregionen 

Dass Victoria Nuland, die amerikanische Europa-Expertin, für die EU nur geringe Achtung habe, sei nicht verwunderlich. Ihr Zitat ‚Fuck the EU‘ fiel im Hinblick auf das Engagement in der Ukraine. Nicht nur Amerikaner sind unzufrieden mit dem Personal der EU, sowie mit der teilweise sehr unklaren Politik. Dass die Amerikaner sich in der Ukraine einmischen, muss man nicht gutheißen. Mit asymmetrischen Kriegen wird keiner fertig. Dass Putin sie sich zunutze macht, darf uns wundern, nicht jedoch ratlos machen. 

Mit Airbus und Euro hat Europa dazu beigetragen, die USA zu schwächen. Wenn amerikanische Käufer heute glauben, dass alles Minderwertige aus China und alles Wertvolle aus Europa käme, dann stimmt dies eventuell bei physikalischen Gütern. [Dazu möchte ich anmerken: Europa und Asien importieren ihre nicht-physischen Güter jedoch vorwiegend aus den USA. Dazu gehören Musik, Filme, Entwürfe, Baupläne und Software. Mit ihnen lässt sich auch Geld verdienen  ̶  entgegen der Meinung moderner Freibierdenker.] 

Brasilien und Indien sind Aufsteiger im Welthandel. Sie besitzen außer ihrer Land- und Bevölkerungsmasse auch Rohstoffe und Intelligenz. Ihr neu erworbener Stolz zeigte sich, als Brasiliens Präsident Lula da Silva nicht aufstand, als bei einer Konferenz der US-Präsident den Raum betrat. ‚Bei mir steht auch niemand auf‘ bemerkte er. Auch Indonesien verfügt über ein großes Potenzial. Bei vielen nicht genannten Ländern stehen die Dinge teilweise schlechter. 

Bewertung und Einordnung 

Ein älterer Mensch, der immer predigte, darf dies auch im biblischen Alter. Dass er sich dabei hin und wieder wiederholt, ist kein Unglück. Das Buch liest sich dann halt etwas schneller. Scholl-Latours Meinungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie sind wohl überlegt und begründet. Meistens bemühte er sich vor Ort, also im Krisengebiet, beide Seiten zu hören. 

Jetzt wo er tot ist, wird er nicht mehr erleben können, bei welchen Aussagen er Recht behielt. Niemand ist gezwungen, ihm zu glauben. Da wo seine Meinung vom ‚main stream’ abweicht, regt sie zum Nachdenken an. Entwicklungen in der Politik sind nicht alternativlos oder vom Schicksal vorher bestimmt. Wie beim Entwurf technischer Güter oder Leistungen, ist es mal leichter, mal schwieriger, diskussionswürdige  Alternativen zu finden. Dennoch lohnt es sich fast immer, sie zu suchen.