Sonntag, 3. Juli 2011

Unternehmer und Erfinder aus der Informatik (Teil II)

Eine ausgesprochen positive Reaktion erhielt ich auf meine ursprüngliche Liste von 25 Namen, die ich als Karriere-Vorbilder bezeichnete. Deshalb möchte ich jetzt diese Liste um weitere 25 Namen ergänzen. Die Namen wurden so ausgewählt, dass sie ein breites Spektrum an Werdegängen reflektieren. Manchmal nenne ich stellvertretend nur einen Namen, wo es sich an sich um die Leistung einer Gruppe handelt, die Anerkennung verdient. Im Vergleich zur ersten Liste benötigte ich etwas mehr Zeit, um die erforderlichen Daten zu sammeln. In mehr Fällen als das letzte Mal wollte ich auch bei den Kandidaten rückfragen. Alle Befragten haben ihre Zustimmung erteilt.

Gerhard Barth (1949 ) habilitierter Informatiker Uni Kaiserslautern. War Professor an der Pennsylvania State University, in Kaiserslautern (1983-1986) und Stuttgart (1986-1988), ehe er als Leiter des Deutschen Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz (DFKI) wieder nach Kaiserlautern ging. Wechselte 1992 in die freie Wirtschaft. Seit 1996 war er Mitglied des Vorstands der Alcatel SEL, Stuttgart. Mitte 1999 trat Barth als Generalbevollmächtigter für die Informations­technologie in die Dresdner Bank AG ein. Barth verantwortete bis Ende 2001 als CIO im Vorstand der Dresdner Bank die IT-Strategie. Nach der Übernahme durch die Allianz AG, als immer mehr Entscheidungen in der Münchener Zentrale fielen, verließ er die Dresdner Bank und ist seither als Partner der Beratungsfirma Atreus in München tätig. Barth war GI-Präsident von 1997-1999.

Albrecht Blaser (1933- ) promovierter Mathematiker Uni Hannover; leitete von 1967 bis 1972 die Mathematische Anwendungsentwicklung der IBM Deutschland, in der das legendäre, weltweit anerkannte und stark benützte Scientific Subroutine Package (SSP) entwickelt wurde. War von 1973 bis 1990 Leiter des Wissenschaftlichen Zentrums Heidelberg der IBM. Seine Forschungsschwer­punkte lagen in den Bereichen Datenbanktechnologien und natürlichsprachlicher Computerzugang. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1991 engagierte sich Blaser besonders beim Aufbau der Informatik in den Neuen Bundesländern, unter anderem durch die Übernahme von Lehrstuhl­vertretungen in Jena und Ilmenau. Blaser hat sich sehr in die fachliche Arbeit der Gesellschaft für Informatik (GI) eingebracht, unter anderem als Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Forschung und Technologie“ sowie als Initiator und langjähriger wissenschaftlicher Berater der Deutschen Informatik-Akademie (DIA). Blaser ist Honorarprofessor der Universitäten Jena (1991) und Heidelberg (1995). Er ist seit 2002 GI-Fellow. Im Jahre 2003 erhielt er die Ehrendoktorwürde der TU Ilmenau.

Marco Börries (1968- ) war im Alter von 14 Jahren im Schüleraustausch im Silicon Valley in Kalifornien. Nach seiner Rückkehr gründete er mit 16 Jahren Star Division als Garagenfirma in Lüneburg. Hier entwickelte er die Software StarOffice (aus der später OpenOffice wurde) als eine Alternative zu den Office-Paketen von Microsoft. StarOffice wurde über 25 Millionen mal verkauft. Im Jahre 1999 verkaufte er Star Division für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag (US-Dollar) an die Firma Sun Microsystems und war dort auch kurze Zeit beschäftigt. Danach gründete Börries die in Hamburg ansässige Firma Star Finanz, die sich in den Folgejahren mit StarMoney zu einem bedeutenden Anbieter von Homebanking-Software entwickelte. Anfang 2001 verkaufte er auch seine Anteile an diesem Unternehmen. Im gleichen Jahr gründete Börries die Firma VerdiSoft. Dort wurde die neue Technologie Yahoo! Go entwickelt, die einen für Handy-Displays optimierten Zugriff auf Mail, Fotos, Nachrichten und andere Webinhalte ermöglicht. Die Firma VerdiSoft mitsamt Technologie-Know-how wurde im Februar 2005 an Yahoo verkauft, wo Börries bis April 2009 als Executive Vice President in der Sparte Connected Life arbeitete. Im September 2009 startete Börries mit seiner neuesten Geschäftsidee, der NumberFour AG, die in Berlin angesiedelt ist. Die Firma entwickelt eine offene Software-Plattform (PaaS) zur Entwicklung, Vertrieb und Marketing von vertikalen Lösungen für kleinere Unternehmen.

Marcellus Buchheit (1962- ) Informatiker Uni Karlsruhe; gründete 1989 zusammen mit Oliver Winzenried die Karlsruher Firma Wibu-Systems, erfanden und patentierten den WibuKey und den CodeMeter. Beides sind Meilensteine auf dem Gebiet des Softwareschutzes und der Lizenz­verwaltung. Über ein externes Speichermedium, etwa eine SD-Karte oder eine CompactFlash-Karte (heute meist als USB-Stab), wird der Inhalt des Hauptspeichers kontrolliert. Heute schützen Produkte von Wibu-Systems nicht nur Programme gegen illegale Nutzung. Sie regeln darüber hinaus den Zugang zu gehosteter Software, Software as a Service (SaaS) genannt, zu Webseiten und schützen Dokumente oder Multimedia-Dateien. In mehreren Wettbewerben hat Wibu-Systems die Hacker weltweit herausgefordert und blieb dabei ungeschlagen. Die Wibu-Systems AG ist laut einer IDC-Studie weltweit die Nummer drei im Software-Schutzmarkt nach Umsatz. Das Unternehmen beschäftigt 80 Mitarbeiter, 25 davon am Hauptsitz in Karlsruhe. Verkauf und Beratung erfolgen weltumspannend über Niederlassungen in den USA (Seattle) und China (Schanghai), sowie Verkaufsbüros und Distributoren in vielen Ländern. Buchheit ist zurzeit Präsident der WIBU-Systems USA Inc, in Edmonds, WA, in der Nähe von Seattle.

Ulrich Dietz (1958-) Maschinenbauer FH Furtwangen; Co-Gründer des Transferzentrums für Informationstechnologie (TZI) der Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung in Furtwangen, wo er bis 1987 auch als Projektleiter arbeitete. Im Jahre 1987 gründete Dietz das IT-Dienstleistungs­unternehmen GFT und wurde geschäftsführender Gesellschafter. Das Unternehmen ist hauptsächlich im Finanzsektor aktiv. Seit dem Börsengang im Jahre 1999 ist Dietz Vorstandsvorsitzender der GFT Technologies AG. GFT zählt heute über 1100 Mitarbeiter in sieben Ländern. Dietz hält etwa ein Drittel der Aktien des Unternehmens. Dietz ist Mitglied im Vorstand der Bitkom. Der Firmensitz von GFT wurde im Jahre 2010 von Furtwangen nach Stuttgart verlegt.

Eberhard Färber (193x- ) gründete 1970 mit seinem Bruder, Professor Georg Färber, die PCS Computersysteme GmbH. Nach 16 Jahre übernahm Mannesmann-Kienzle diesen Unix-Pionier mit 300 Mitarbeitern. Im Jahre 1988 schloss sich die nächste, noch erfolgreichere Gründung an, diesmal mit dem Physiker Hans Strack-Zimmermann. Die Firma Ixos wuchs in elf Jahren auf 800 Mitarbeiter und galt als weltweiter Marktführer bei Dokumenten-Management-Systemen für SAP R/3. Ab 1999 wechselte Färber in den Aufsichtsrat und begann sich gleichzeitig für den Gründernachwuchs stark zu engagieren. Noch vor dem Verkauf von Ixos 2003 an Open Text schied Färber ganz aus dem Unternehmen aus. Als ‚Business Angel‘ finanziert und coacht er Gründer überwiegend im IT-Bereich. Aus einem seiner Hobbies, dem Fliegen, ist ein Beinahe-Fulltimejob geworden. Seit einigen Jahren beteiligte sich Färber an der Firma Remos, die auf einem bayerischen Bauernhof zehn Motorleichtflugzeuge pro Jahr produziert.

Otto Folberth (1924- ) promovierter Physiker, Uni Erlangen; von 1952 bis 1960 war Folberth wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungslaboratorium der Siemens-Schuckert-Werke AG in Erlangen. Ab 1961 leitete er den Aufbau der Halbleiter-Entwicklung im Böblinger Labor der IBM. Die dort entwickelten hochintegrierten Halbleiterkomponenten, wie etwa der berühmte Riesling-Speicherchip, fanden Verwendung in vielen weltweit vermarkteten Computersystemen der IBM. Folberth wurde im Jahre 1974 zum ersten IBM Fellow in Deutschland ernannt. Ab 1983 bis zur Pensionierung im Jahre 1989 war er Direktor für Wissenschaft der IBM Deutschland. Von 1968 bis 1988 war er Lehrbeauftragter (und ab 1974 auch Honorarprofessor) an der Universität Stuttgart. Von 1988-1990 war Folberth Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft 

Wolfgang Glatthaar (1947- ) Mathematiker, promovierte 1974 in Informatik an der Uni Stuttgart; danach Mitarbeiter der IBM Deutschland, unter anderem im Entwicklungslabor Böblingen und im Vertrieb. Seit 1982 Direktor des Bereichs Wissenschaft, mit Zuständigkeit unter anderem für das Wissenschaftliche Zentrum Heidelberg. Glatthaar wechselte im Jahre 1997 zur Deutschen Genossenschaftszentralbank AG in Frankfurt (der heutigen DZ-Bank), und war dort zuletzt Generalbevollmächtigter für Organisation und Informatik. Er verließ die Firma im Jahre 2002 infolge einer Fusion. Im April 2005 wurde er zum Präsidenten der Universität Witten/Herdecke gewählt, ein Amt das er bis zum Jahre 2007 ausübte. Von 1994-95 war er Präsident der Gesellschaft für Informatik. Er ist Honorarprofessor an der TU Chemnitz und Vorsitzender des Kuratoriums eines Fraunhofer-Instituts und zweier Max-Planck-Institute und Mitglied im Hochschulrat der TU Kaiserslautern.

Gottfried Greschner (1946- ) promovierter Elektrotechniker Uni Karlsruhe. gründete 1983 als Universitäts-Spin-Off die Firma INIT GmbH, Karlsruhe. Der Name ist eine Zusammenfassung aus ‚Innovations in Traffic‘. Nach dem Börsengang im Jahre 2001 wurde Greschner zum Vorstands­vorsitzenden der INIT AG bestellt. INIT unterstützt öffentliche Verkehrsbetriebe durch Einrichtung von Telematik- und elektronischen Zahlungssystemen für Busse und Bahnen bis hin zum Aufbau von rechnergesteuerten Betriebsleitsystemen. Neben dem Hauptsitz in Karlsruhe gibt es inzwischen Niederlassungen in den USA, Kanada, Australien, Dubai und Großbritannien. Greschner wurde im Jahre 2002 mit dem Preis „Entrepreneur des Jahres“ in der Kategorie Informations­technologie ausgezeichnet.

Michael Greve (1969- ) Die Brüder Michael und Matthias Greve gründeten 1995 in Karlsruhe die Cinetic Medientechnik GmbH – ein Unternehmen, das sich mit Kino und Technik beschäftigte. Man begann mit dem Deutschen Internet Verzeichnis mit 2500 redaktionell bearbeiteten Eintragungen. Aus dieser Firma wurde Web.de im Januar 1999 ausgegliedert, und im Februar 2000 an die Börse gebracht. Im Oktober 2002 führte die Web.de AG das Produkt Com.Win mit der Zielsetzung ein, das Telefonieren zu revolutionieren. Mäßige Abonnentenzahlen und ein weit hinter den Erwartungen zurückgebliebener Umsatz führten dazu, dass Com.Win nach zwei Jahren nicht mehr weiterentwickelt und mit dem Design eines Nachfolgeprodukts begonnen wurde. Im Jahr 2005 verkaufte die Web.de AG ihr Portal für 330 Mio. Euro an die United Internet AG und benannte sich nach Abschluss der Transaktion in comBOTS AG um. Das Produkt ComBOTS wurde im Juli 2006 der Öffentlichkeit vorgestellt. Es soll auf besonders einfache Art erlauben, E-Mails, Videos und Fotos  zu verschicken, zu telefonieren und zu chatten. Den Durchbruch hat es aber noch nicht geschafft. Inzwischen wurde die Firma in Kizoo AG umbenannt.

Lutz Heuser (1962- ) promovierter Informatiker Uni Karlsruhe; 1987 als Projektmanager bei Digital Equipment in Karlsruhe, wo er von 1992 bis 1997 das Campus-based Engineering Center (CEC) Karlsruhe leitete. Von 1999 bis 2010 war er Leiter der des Forschungsbereichs der SAP AG mit über 1000 Mitarbeitern. Heuser ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und hat seit 2008 den Vorsitz von ISTAG (Information Society Technologies Advisory Group der Europäischen Kommission) inne. Seit September 2010 ist Heuser der Chief Technology Officer der AGT International und zugleich der Sprecher der Geschäftsleitung von AGT Germany.

Lars Hinrichs (1976- ) gründete im Jahre 2003 in Hamburg die „Open Business Club GmbH“ und eröffnete das Portal OpenBC im Internet. Bis Juni 2005 stieg die Plattform mit mehr als 500.000 Mitgliedern zum größten beruflichen Netzwerk in Europa auf. Im September 2006 wurden Firma und Portal von openBC in Xing umbenannt. Im Dezember 2006 erfolgte der Börsengang. Im Februar 2008 wurde die 5-Mio-Mitglieder-Marke durchbrochen. Im Oktober 2010 sind es 10 Mio. Mitglieder, davon knapp eine Million zahlende. Im Januar 2009 gab Hinrichs den Posten des Vorstands­vorsitzenden von Xing ab und wechselte in den Aufsichtsrat. Im November 2009 verkaufte er die Mehrheit seiner Beteiligung an die Burda Digital GmbH, eine 100-Prozent-Tochter der Hubert Burda Media, die damit zum Hauptaktionär wurde. Er erzielte durch den Verkauf einen Erlös von 48 Millionen Euro. Im Juni 2010 verkündete er die neue Geschäftsidee HackFwd über Twitter. Hierbei handelt es sich um ein netzwerkbasiertes Konzept zur Allokation von Venture Capital.

Peter Hruschka (194x- ) promovierter Informatiker TU Wien; ging 1976 zur Softwarefirma GEI in Aachen, einer Ausgründung der AEG. Hruschka entwickelte eines der ersten europäischen CASE-Systeme (PROMOD), das ab 1981 in mehreren Ländern installiert wurde. Seit Anfang der 1990er Jahre ist er als unabhängiger Ausbilder für Software-Engineering-Methoden tätig. Er ist Autor mehrerer Bücher, besonders über Agile Methoden. Arbeitet mit fünf USA-Kollegen zusammen, die als ‚Atlantic Systems Guild‘ firmieren. Er ist  Gründer des deutschen Netzwerks agiler Entwickler und lebt weiterhin in Aachen.

Martin Hubschneider (1958-  ) Wirtschaftsingenieur Uni Karlsruhe; gründete 1986 gemeinsam mit Ludwig Neer die CAS Software AG. Daneben war er maßgeblich an der Gründung der Unternehmen Yellowmap AG, Map&Guide GmbH und Leserauskunft GmbH beteiligt. Heute führt er die Unternehmen CAS und YellowMap und ist seit 2001 Mitglied des Aufsichtsrats der CAS-Beteiligung PTV AG. Bei der CAS arbeiten etwa 100 Mitarbeiter im Technologiepark Karlsruhe. Bei den Unternehmensbeteiligungen sind über 500 Mitarbeiter beschäftigt, davon über 400 in Karlsruhe. Die CAS Software AG ist heute der führende deutsche CRM-Spezialist (Customer Relationship Management) für den Mittelstand. Die CRM-Lösung genesisWorld gewann u. a. auf der Cebit 2004 den Preis „Best of Cebit“.

Rainer Janßen (1953- ) promovierter Mathematiker Uni Kaiserslautern; ab 1984 Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Zentrums Heidelberg der IBM; ab 1986 Leiter der Abteilung Wissenschaftliches Rechnen, die er bis 1992 zum Institut für Supercomputing und Angewandte Mathematik ausbaute. Von 1992-1997 Leiter des European Networking Centers der IBM, ebenfalls in Heidelberg. Seit 1997 ist er Leiter Informatik der Münchner Rückversicherung. Wie er berichtet, war es in den letzten Jahren sein Bestreben, die IT-Strategie mit der Geschäftsstrategie des Unternehmens in Übereinstimmung zu bringen. Das bedeutete unter anderem zu standardisieren, zu beschleunigen und zu globalisieren. Im Jahre 2008 gewann er den von der Zeitschrift Computerwoche vergebenen Titel ‚CIO des Jahres‘, weil er „die Anwendungsentwicklung der Münchener Rück service-orientiert aufgestellt hat und neue Wege geht, um Business und IT ins gleiche Boot zu ziehen.“

Eike Jessen (1933- ) promovierter Elektrotechniker TU Berlin; sein Name steht hier stellvertretend für das Team, das den Traum eines deutschen Großrechners zu realisieren versuchte. Als Leiter des Entwicklungsbereichs der Firma AEG/Telefunken in Konstanz verantwortete er zwischen 1964 und 1972 insbesondere die Entwicklung und den Bau des Rechners TR-440. Der Rechner wurde 44 Mal ausgeliefert und war vor allem bei deutschen Hochschulen im Einsatz. Die Geschichte der TR-440 ist von Eike Jessen, Hans-Jürgen Siegert und Rüdiger Wiehle sowohl in Deutsch wie in Englisch dokumentiert worden. In dieser Artikelserie werden auch die Rollen, die diese drei Kollegen spielten, erklärt. Dies war Außenstehenden nicht unbedingt geläufig. So wurde die gesamte Software-Entwicklung von Hans-Jürgen Siegert geleitet. Von mehreren Betriebssystem-Alternativen, die zur Verfügung standen, setzte sich vor allem BS3 durch. BS3 realisierte die Funktionalität des konzeptuell sehr innovativen BS1 und des einfachen BS2 in besonders effizienter Weise. Es war ursprünglich von Wolfgang Frielinghaus als interne Plattform entwickelt worden – ein weiteres Beispiel dafür, dass iin der Praxis die Dinge nicht immer nach Plan laufen. Jessen verließ Telefunken, als die Firma 1974 von Siemens übernommen wurde. Er war zunächst Informatik-Professor in Hamburg, dann ab 1983 an der TU München tätig. Seit 2003 ist er emeritiert. Neben seiner Lehrtätigkeit engagierte er sich besonders für den Aufbau des Deutschen Forschungsnetzes (DFN). Als Mitglied des Vorstands initiierte er 1988 das deutsche Wissenschafts­netz. Jessen wurde 2004 zum GI-Fellow ernannt. 

Henning Kagermann (1947- ) promovierter Physiker TU München; ab 1982 verantwortete er bei SAP die Entwicklungsbereiche Kostenrechnung und Projektcontrolling. Im Jahre 1991 wurde er in den Vorstand der inzwischen zur Aktiengesellschaft gewandelten SAP AG berufen. Als SAP-Mitbegründer Hasso Plattner im Mai 2003 in den Aufsichtsrat wechselte, wurde Kagermann alleiniger Vorstandssprecher. Ende Mai 2009 ist er bei der SAP ausgeschieden. Seit Juni 2009 ist Kagermann Präsident von Acatech. Kagermann sitzt zudem im Aufsichtsrat von Wipro Technologies, der Deutschen Bank, der Deutschen Post, der Münchener Rück und von Nokia. Im Mai 2010 übernahm Kagermann die Leitung der Nationalen Plattform Elektromobilität. Das Netzwerk setzt sich aus Industrievertretern, Politikern und Wissenschaftlern zusammen und soll die Entwicklung von Elektroautos in Deutschland koordinieren.

Hermann-Josef Lamberti (1956- ) Betriebswirt Uni Köln; ging nach Toronto zur Beratungsfirma Touche Ross (heute: Deloitte Consulting), war anschließend bei der Frankfurter Niederlassung der Chemical Bank. Mitte der 80er Jahre wechselte er zu IBM, wo er verschiedene internationale Führungspositionen bekleidete und schließlich 1997 Deutschland-Chef wurde. Ende 1999 wurde Lamberti zum Vorstandsmitglied der Deutschen Bank berufen, als Verantwortlicher für den EDV- und Technikbereich. Im Februar 2001 übernahm er die Kunden- und Vertriebssparte. Seit 2002 betreut er als Chief Operating Officer das Kosten- und Infrastruktur-Management, die Informationstechnologie, das Gebäude- und Flächenmanagement sowie den Einkauf. Im Jahr 2005 soll Lamberti einschließlich Sondervergütungen 5,3 Mio. Euro verdient haben.

Günter Merbeth (1942- ) Mathematiker, promovierter Informatiker Uni Dresden; ging 1979 zu Softlab in München, weil – wie er später sagte - dieses Unternehmen moderne Methoden des Software Engineering beherrschte und in Projekten erfolgreich anwendete. In den 80er und 90er Jahren war Softlab führender Anbieter von Software Engineering Produkten in Europa (Maestro). Merbeth hat diese Produkte als Entwicklungsleiter oder Produktmanager wesentlich mit geprägt. Während dieser Zeit war er als Vertreter des BITKOM auch aktiv tätig bei der Forschungsförderung im Software-Bereich. Im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus dem Produktgeschäft hat Softlab im Jahr 2002 das Repository-Produkt „Enabler“ an Fujitsu verkauft. Merbeth ging mit zu Fujitsu, um ein Unternehmen der Software Business Group von Fujitsu in München aufzubauen. Dessen Aufgabe ist die Entwicklung von Enabler und anderer Software-Produkte von Fujitsu. Heute ist Merbeth Vice Chairman dieses Unternehmens.

Johannes Nill (1958- ) Informatiker TU Berlin; im Jahre 1986 gründeten die vier Berliner Informatik-Studenten Johannes Nill, Peter Faxel, Ulrich Müller-Albring und Jörg-Detlef Gebert die Firma AVM (Audio-visuelle Medien). Die erste ISDN-Karte wurde 1989 für 4300 Mark an Unternehmen verkauft. Mit der Einführung der Marke Fritz! (selbst schreibt das Unternehmen immer FRITZ!) und der Fritz!Card, einer ISDN-Karte für PCs, kam 1995 der Durchbruch. Der Name Fritz wurde gewählt, „weil ein nicht-technischer Name gesucht wurde, der auch im Ausland augenzwinkernd deutsche Wertarbeit andeuten sollte.“ Der Marktanteil bei ISDN-Karten in Deutschland wuchs von 1995 an kontinuierlich auf über 80 Prozent im Jahr 2004. Dies verdankte AVM hauptsächlich seiner hohen Produktqualität der Hard- und Software. Im Jahre 2010 beschäftigte AVM 400 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 200 Millionen Euro. Geschäftsführer ist der Mitgründer Johannes Nill.

Walter Proebster (1928- ) promovierter Elektrotechniker TU München; arbeitete ab 1949 unter Hans Piloty an der PERM mit. Seit 1956 Mitarbeiter des Forschungslabors Zürich der IBM, wo er an dünnen magnetischen Filmen arbeitete. Von 1962 bis 1964 leitete er im Forschungszentrum Yorktown, NY, die Abteilung Experimentelle Maschinen. Anfang 1964 wurde er Nachfolger von Karl Ganzhorn als Leiter des IBM Labors Böblingen. In seine Zeit fiel die Entwicklung des System/360 Model20 und der dazu gehörenden Software-Systeme. Von 1973 bis 1983 war er zuständig für die Koordination zwischen Forschung und Entwicklung, danach für den Bereich Wissenschaftsbeziehungen. Unter anderem initiierte er die ersten Projekte zur Nutzung von Smartcards. Seit seiner Pensionierung im Jahre 1989 ist er außerplanmäßiger Professor für Informatik an der TU München. Proebster publizierte unter anderem über Rechnernetze und Peripherie-Geräte. Er war 20 Jahre lang Direktor der IEEE Region 8 (Europa, Afrika, Naher Osten) und Organisator mehrerer internationaler Tagungen. Die Details seiner frühen Karriere sind einem Oral History Interview zu entnehmen, welches der Historiker William Aspray mit Proebster im Jahre 1993 führte.

Manfred Roux (1947- ), Physiker, Illinois Institute of Technology, Chicago, IL; nach einem kurzen (1972-1974) Intermezzo am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart, trat er 1974 in den Bereich Software-Qualitätssicherung des IBM Labors Böblingen ein und wechselte 1977 in die Softwareentwicklung. Dort bekleidete er ab 1979 verschiedene Aufgaben im Management – Test, Entwicklung, Systementwurf. Ab 1987 leitete er das erste Client-Server Projekt für System-Management Software im IBM Labor Böblingen. Ab 1995 übernahm er die Leitung der systemnahen Softwareentwicklung für Betriebssysteme, ab 1997 leitete er den Bereich Softwareentwicklung für alle Entwicklungen und Services um das IBM Datenbanksystem DB2 in Deutschland. Dazu gehörte auch die Suche und Analyse strukturierter und unstrukturierter Daten (Text und Data Mining). Von 2003 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst der IBM im Jahr 2005 war er verantwortlich für die Beziehungen der IBM zu Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. [Der angegebene Link verweist auf ein Interview in diesem Blog]

Edwin Vogt (1932- ) promovierter Elektrotechniker Uni Stuttgart; seit 1961 im Entwicklungslabor Böblingen der IBM tätig. Nach einem Algol-Projekt 1962-1963 im französischen Labor in La Gaude folgte eine Abordnung in die USA. Von 1965 bis 1984 war er Leiter der Systementwicklung des Böblinger Labors und verantwortete die Entwicklung mehrerer IBM Rechnerfamilien. Zu erwähnen sind das System/360 Modell 125 sowie die Systeme IBM 4331, 4361 und 9377. Über mehrere Jahre hinweg schloss seine Verantwortung auch die maschinen-nahe Software-Entwicklung mit ein, d.h. das Betriebssystem DOS/VSE. Im Jahre 1987 übernahm er die Leitung des Programm-Entwicklungs­zentrums (PPDC) Sindelfingen. Daraus entstand ein eigenes Anwendungsentwicklungslabor mit weltweiter Produktverantwortung im Datenbank- und Data-Warehouse-Bereich. Vogt berichtete an Earl Wheeler und später an Steve Mills, den Vizepräsidenten der IBM und Leiter der Software Group. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1996 wurde er zum Geschäftsführenden Vorstand des Softwarezentrums Böblingen/Sindelfingen ernannt. Das Softwarezentrum Böblingen/Sindelfingen e.V. ist eine vom Land Baden-Württemberg, der örtlichen Bezirkskammer der IHK und den Städten Böblingen und Sindelfingen Ende 1995 initiierte Organisation. Vogt leitete es bis August 1999. Danach wurde er Vizepräsident F&E für Xybernaut, einer Firma, die Rechner baute, die bei Montage-Arbeiten am Körper des Monteurs getragen werden. Seit April 2011 ist er Leiter der Basketballabteilung der Böblingen Panthers.

Joerg Wechsler (1949- ) Mathematiker Uni Stuttgart; begann seine Berufskarriere 1974 im Entwicklungs-Labor der IBM in Böblingen, und zwar im Bereich Software-Qualitätssicherung. Ab 1980 übernahm er Management-Verantwortungen in der Software-Entwicklung. Unter anderem nahm er von 1983 -1985 eine Liaison-Funktion wahr, mit Sitz in Dallas, TX, zwischen Entwicklern, Vertrieb und Kunden für ein frühes Unix-Projekt (IX/370) des Böblinger Labors. Ab 1988 übernahm er die Leitung des Labor-Rechenzentrums in Böblingen und war von 1990 bis 1994 Leiter aller zentralen Rechenzentren der IBM Deutschland in Ehningen bei Stuttgart. Mitte 1994 verließ er die IBM und wechselte als Leiter des weltweiten Service Delivery zur Deutschen Bank nach Frankfurt. Im Jahre 1998 begann Wechsler als Geschäftsführer bei der damaligen dvg, einem Vorgängerunternehmen der heutigen Finanz Informatik. Er behielt diese Position nach einer Fusion von vier Sparkassen-IT-Dienstleistern im Jahr 2003 zur damaligen FinanzIT und nach der weiteren Fusion im Jahr 2008 zur Finanz Informatik. Zum Jahresende 2010 trat er in den Ruhestand. [Der erste der angegebenen Links verweist auf ein Interview in diesem Blog]

Dirk Wittkopp (1959- ) Informatiker TU Braunschweig; seit 1986 bei IBM. Dort war er unter anderem verantwortlich für die Entwicklung von Software für die Finanzbranche. Sein Weg führte ihn danach über die IT-Beratung von Zentralbanken in Osteuropa und Asien zur Entwicklung und Standardi­sierung von so genannten Smartcards, wie sie heute vielfach bei Kreditkarteninstituten und Behörden im Einsatz sind. Er verantwortete darüber hinaus den Aufbau der europäischen Entwicklungs­organisation für den Geschäftsbereich Pervasive Computing und Portal-Software. Aus letzterem entstand die Produktlinie WebSpere. Seit November 2009 ist Wittkopp Laborleiter, genau genommen Geschäftsführer der IBM Deutschland Research & Development GmbH mit Sitz in Böblingen. Er steht damit in der Nachfolge von Karl Ganzhorn und Walter Proebster, den ersten beiden Böblinger Laborleitern, und ist der erste Informatiker mit Software-Kompetenz in dieser Position.

Für wertvolle Hinweise danke ich den Kollegen Peter Mertens und Walter Tichy. Bei zwei Kollegen (Nill und Vogt) konnte ich keine personenbezogenen Datensammlungen (weder Selbst- noch Fremdbiografien) im Internet finden. Ein entsprechender Link fehlt daher bei ihnen. Dass eine große Anzahl ehemaliger Kollegen aus meiner IBM-Zeit vorkommt, möge man mir nachsehen. Hier kenne ich mich halt am besten aus.

Nachtrag am 6.5.2013:

Zwei weitere Unternehmensgründer (Norbert Stein, Stefan Vilsmeyer) werden in dem Beitrag über 'Hidden Champions' vorgestellt,

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