Samstag, 10. September 2011

Gerhard Goos über Informatik-Forschung und -Lehre

Gerhard Goos übernahm im Jahre 1970 den ersten Lehrstuhl für Informatik an der Universität Karlsruhe. Bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2005 war er Leiter des Instituts für Programmstrukturen und Datenorganisation an der Fakultät für Informatik. Goos ist Autor mehrerer Lehrbücher, davon 1971 zwei der ersten ihrer Art zusammen mit seinem Mentor Friedrich Ludwig Bauer. Seit 1973 war er Hauptherausgeber der Lecture Notes in Computer Science (LNCS) und Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften. Seit 1985 ist er einer der Initiatoren des Forschungszentrum Informatik (FZI), Karlsruhe, und war dort bis 2011 Direktor des Forschungsbereiches Software Engineering. Von 1986 bis 1991 war Goos Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in Birlinghoven bei Bonn. Zusammen mit der GMD und der University of California gründete er das International Computer Science Institute (ICSI) in Berkeley. Goos wurde 1965 an der Universität Erlangen-Nürnberg in Mathematik promoviert. Die Technisch-wirtschaftswissenschaftliche Universität Budapest verlieh ihm im Jahre 2004 die Ehrendoktorwürde. Seit 2005 ist Goos Fellow der Gesellschaft für Informatik.


Bertal Dresen (BD): Zu Ihren Forschungsthemen gehört der Übersetzerbau. Sie entwarfen attributierte Grammatiken, den ersten europäischen Ada-83-Compiler und die Sprache Sather-K. Wie beurteilen Sie die historische Entwicklung dieses Gebiets und seine heutige Rolle? Ist es so, dass alle großen technischen Fragen schon in den 1970er Jahren gelöst waren, und dass sich die Software-Industrie ohnehin finanziell lukrativeren Gebieten zuwandte, etwa Betriebssystemen und Datenbanken?

Gerhard Goos (GG): F.L. Bauer erklärte bereits 1965 Übersetzerbau zur Sache der Industrie, die Forschung sei erfolgreich beendet. Das war falsch. Aber immerhin stammen die Forschungsergebnisse zur syntaktischen und semantischen Analyse überwiegend aus der Zeit von vor 1982. Die Forschung zu Optimierung und Codeerzeugung begann damals erst und dauert heute noch an. Unsere eigenen neuesten Ergebnisse stammen aus 2005/6. Viele Vorlesungen behandeln Codeerzeugung auch heute noch ad hoc. Aber immerhin wird jetzt die Bedeutung von Datenflussanalyse erkannt. In der Industrie konzentriert sich die Übersetzerentwicklung bei den Prozessorherstellern. Vor allem die GNU-Übersetzer haben den Markt für andere Softwarehäuser weitgehend uninteressant gemacht.

BD: Während Ihrer Zeit als technisch-wissenschaftlicher Vorstand der GMD wollten Ihre dortigen Kollegen den damals schnellsten Rechner der Welt, Suprenum genannt, bauen. Wie muss man heute dieses Projekt sehen? War nur die deutsche Industrie (Krupp-Atlas, Siemens) schuld daran, dass der Markterfolg ausblieb? Wie sehen Sie die Rolle von so genannten Großforschungseinrichtungen wie der ehemaligen GMD? Welchen Nutzen haben sie für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort?

GG: Suprenum war technisch-wissenschaftlich ein großer Erfolg. Aber die Idee des Ministeriums, die technische Entwicklung nur nach ihrem Markterfolg zu beurteilen, war von Anfang an fehlgeleitet. Dazu hätte es einer Industrie und einer Verkaufsmannschaft bedurft, die in Deutschland nicht gegeben war. Der durchaus erfolgreiche Software-Entwicklungszweig von Suprenum, die Pallas GmbH, existiert heute noch, gehört aber zu Intel Deutschland.

Eine Einrichtung wie die GMD wäre auch heute noch als Infrastruktureinrichtung für die (universitäre) Forschung sehr erwünscht. Die französische INRIA führt das vor. Im E.I.S.-Projekt bei der Einführung des VLSI-Entwurfs in die akademische Lehre wurde dies in den 80er Jahren beispielhaft gezeigt. Viele sehr gute Ideen zur Verbesserung des Software-Entwurfs gehen verloren, weil nach Abschluss einer Promotion niemand da ist, um die vorhandenen Software-Werkzeuge zur „Serienreife“ weiter zu entwickeln. Anders ausgedrückt: der Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis zur praktischen industriellen Umsetzung wird zwar glücklicherweise oft erfolgreich beschritten, aber wir könnten noch wesentlich größeren wirtschaftlichen Nutzen haben, wenn wir den Weg verbreitern würden.

BD: Mit dem FZI Karlsruhe gingen Sie und Ihre Kollegen einen etwas andern Weg. Sie legten offensichtlich von Anfang an erheblichen Wert auf Kooperationsprojekte mit Partnern aus der Industrie (zu denen ich mich auch rechnen durfte). Ist dieses Modell erfolgreich gewesen? Wo zeigten sich Probleme und Schwächen?

GG: Das Modell war sehr erfolgreich, wie man daran sieht, dass das FZI 25 Jahre überlebt hat und immer noch wächst. Der Markt für eine solche anwendungsorientierte Forschungseinrichtung ist offenbar gegeben. Besonders die Kooperation mit großen Unternehmen floriert. KMUs sind hingegen vor allem an schnell abrufbaren Ergebnissen interessiert und weniger bereit, in die vorbereitende Entwicklung solcher Ergebnisse zu investieren. Die Kooperation in Projekten des BMFT oder der EU bereitet finanzielle Probleme, da hier eine Eigenbeteiligung gefordert wird, die nur aus den sehr beschränkten Zuschüssen des Landes Baden-Württemberg stammen kann. 

Wir haben zwar viele FZI-Mitarbeiter promoviert, aber die Veröffentlichungsleistung lässt zu wünschen übrig, weil die Mitarbeiter mit Projektarbeit und Dissertation-Schreiben bereits überlastet sind und nach der Promotion meist umgehend in die Industrie gehen. Die Veröffentlichung der Endergebnisse nach Ende der Promotionszeit bleibt meist auf der Strecke. Insgesamt ist die wissenschaftliche Leistung des FZI wesentlich größer als aus den Veröffentlichungen ersichtlich. Auch die Weiterentwicklung der Software-Werkzeuge bis zur Marktfähigkeit unterbleibt sehr oft aus den gleichen Gründen.

BD: Beim ICSI waren es Ihre Ziele, den Technologietransfer und den Wissenschaftleraustausch zwischen den USA und Deutschland zu fördern. Blieb es hier bei der Zielsetzung oder gibt es Beispiele, wo diese Absicht auch erfolgreich umgesetzt wurde? Wenn nicht, woran lag dies? Was hätte man anders machen können oder sollen?

GG: Das ICSI war und ist insofern ein voller Erfolg, als es seit über 20 Jahren gelingt, über 90% der Postdocs, die wir nach Kalifornien schicken, auch wieder nach Deutschland zurück zu holen, entweder in die Hochschule oder in die Industrie. Der Technologietransfer nach Deutschland funktioniert also. Umgekehrt haben die Amerikaner gelernt, dass deutsche Postdocs gewöhnlich eine breitere Wissensbasis mitbringen als amerikanische. Das hat am ICSI mehrfach zu Erkenntnissen geführt, die von Amerikanern alleine nur schwer erreicht worden wären. Natürlich ist das ICSI als kleine (< 100 Wissenschaftler) Einrichtung der Grundlagenforschung sehr beschränkt in der Wahl seiner Forschungsthemen. Das würden wir uns manchmal anders wünschen, aber man muss ja auch nicht jede Moderichtung mitmachen.

BD: Bei einer Zeitschrift, die wir beide gemeinsam vor etwa 20 Jahren herausgaben, hatten wir lange Zeit das Ziel verfolgt, bevorzugt deutschsprachige Beiträge zu bringen. Inzwischen hat diese Zeitschrift nicht nur ihren Namen ins Englische übersetzt, sondern veröffentlicht fast nur noch englisch-sprachige Artikel. Sind wir beide schon damals einer Illusion nachgelaufen oder hat sich die Situation erst im Laufe der Zeit geändert? Was sagt dies über den Standort Deutschland und die Rolle der Informatik?

GG: Vor fast 45 Jahren lernte ich anlässlich der Übersetzung eines mathematischen Lehrbuchs aus dem Englischen, wie schwer es ist, einen Sachverhalt, der auch Aussagen im Konjunktiv umfasst, in einer anderen Sprache verständlich wiederzugeben. Das gilt auch für Deutsche, die englisch schreiben. Herr Bauer und ich hatten 1975 eine komplette Übersetzung unserer Lehrbücher ins Englische, die wir in den Papierkorb warfen, weil wir sie für weithin unlesbar hielten, „deutsches Englisch“. Dabei war diese Übersetzung von einer Amerikanerin angefertigt worden, die allerdings in München lebte. Die Europäer auf dem Kontinent laufen heute der mittelalterlichen Illusion nach, dass man mit einer einzigen Wissenschaftssprache, damals Latein, allen Leuten gerecht werden kann. Spätestens im neunzehnten Jahrhundert löste sich diese Illusion auf. Mit dem Eintritt von Japan und China in den Wissenschaftsmarkt und der nachlassenden Dominanz der USA wird sich auch die führende Rolle des Englischen abschwächen. 

Der Industriestandort Deutschland beherrschte einst den mittel- und osteuropäischen Markt. Mit dem Gebrauch des Englischen statt der deutschen Sprache haben wir anderen Ländern diesen Markt weit geöffnet; das ist nicht zum Vorteil Deutschlands. Mit dem Übergang der genannten Zeitschrift vom Deutschen zum Englischen haben wir in der Informatik eine Chance weniger, in Deutschland erzielte Forschungsergebnisse rasch und präzise an den Leser zu bringen. Wenn ich englisch veröffentliche, dann doch nicht in einer deutschen Zeitschrift.

BD: Die deutsche Informatik, zu deren Pionieren ich sie rechne, hat immer noch ein gewisses Akzeptanz- oder Image-Problem. Das bezieht sich sowohl auf die Relevanz dessen, was bei uns in der Forschung an Ergebnissen erzielt wird, aber auch an der unmittelbaren Praxistauglichkeit der Hochschul-Absolventen. Können Sie diese Kritik nachvollziehen und wenn ja, was kann und soll getan werden, um ihr entgegen zu wirken? Wer sollte sich dafür verantwortlich fühlen?

GG: Was die wissenschaftliche Qualität betrifft, hatten sicher manche Hochschullehrer unserer Generation zu Recht Akzeptanzprobleme. Das änderte sich aber mit dem Generationenwechsel in den letzten 10 Jahren erheblich. Die jüngere Generation ist in der Breite leistungsfähiger. Die Klage über mangelnde Praxistauglichkeit von Hochschul-Absolventen ist einerseits so alt wie die Technischen Hochschulen, also über 100 Jahre. Sie betrifft nicht nur die Informatik. In der Informatik haben oder hatten wir zwei zusätzliche Probleme: Zum einen hatten viele Vorgesetzte in der Industrie selbst nie eine Vorlesung in Informatik gehört und daher nur eine sehr ungenaue Vorstellung, was man von solchen Absolventen erwarten könnte. Jahrzehntelang wurden auch im Softwarebereich vielerorts Elektroingenieure den Informatikern vorgezogen, weil der Vorgesetzte bei den Ingenieuren wusste, was sie können und was sie nicht können. Zum anderen brauchten in Deutschland Hochschule und Industrie sehr lange, bis sie herausfanden, wo in der Informatik die Kompetenzen der einen und anderen Seite beginnen bzw. enden und wie man die Differenz überbrückt. Am besten ist das bisher im Bereich Eingebettete Systeme gelungen; am schlechtesten in der gewöhnlichen „Datenverarbeitung“. 

Aus Hochschulsicht ist natürlich das Fehlen einer Industrie in Deutschland, die Grundsoftware herstellt, nicht zu verschmerzen, denn die Auseinandersetzung mit Grundsoftware (wie Betriebssysteme, Übersetzer, Datenbanken und Graphiksysteme) nimmt naturgemäß einen größeren Teil der Ausbildung in Anspruch. Auch gibt zu denken, dass die Praxistauglichkeit mancher deutscher Erfindungen zuerst in Amerika gesehen wurde, bevor man sich in Deutschland dazu bequemte, sich damit zu befassen. Das bekannteste Beispiel sind die von Carl-Adam Petri in Darmstadt entwickelten Petri-Netze, die mir von einem MIT-Professor nahegebracht wurden, lange bevor sie in Deutschland als signifikant angesehen wurden.

Microsoft hat noch in den 90er Jahren abgelehnt, Absolventen von Berkeley oder Stanford einzustellen: die Anfänger sollten programmieren können, den Rest würden sie in der Firma lernen. Diesen Standpunkt findet man auch heute noch gelegentlich in der deutschen Industrie. Statt Informatik sollte die Hochschule den Studenten besser soft skills beibringen. Das aber ist genau nicht die Aufgabe einer wissenschaftlichen Hochschule. Es wird immer wichtige Bereiche des Lebens geben, die die Hochschule nicht abdeckt. Sonst müssten wir demnächst noch Vorlesungen in das Informatikstudium aufnehmen, wie man eine gute Ehe führt.

BD: Vielen Dank, Herr Goos, für die sehr interessanten Informationen – einschließlich einiger recht pointierten Aussagen.

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