Freitag, 9. September 2011

Zigarettenbilder als Propaganda

Neben Stößen alter Akten und Broschüren gibt es in meinem Elternhaus auch ein Album voller alter Zigarettenbilder. Das Album hat den Titel: Alles für Deutschland - 2000 Jahre deutsche Geschichte und deutsches Heldentum. Es wurde heraus­gegeben von der Orientalischen Cigaretten Compagnie „YOSMA“ GmbH in Bremen. Die Texte stammen von M. Gutewort und Oberstleutnant Hänichen aus Dresden. Das Album umfasst 104 Seiten und enthält 360 von Hand eingeklebte Bildchen im Format 5 x 6 cm. Das letzte Bild ist mit November 1933 datiert. 

Alles deutet daraufhin, dass dieses Album von meinen Vettern stammt, die 1933 zwischen 8 und 14 Jahren alt waren. Sie verbrachten in ihrer Jugend ihre Schulferien oft in meinem Elternhaus. Als Kind besaß ich ebenfalls derartige Alben. Bei ihnen ging es unter anderem um sportliche Ereignisse, wie Autorennen oder die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. In meiner Jugend kannte ich dieses Album nicht. Wo es damals war, weiß ich nicht. Als ich es jetzt etwas näher studierte, war ich schockiert, wie knüppeldick hier die nationalsozialistische Propaganda aufgetragen wird. Bereits im Vorwort wird die Sichtweise der deutschen Geschichte, die hier vermittelt wird, klar beschrieben

Hart war oft das Schicksal des deutschen Volkes, aber gerade in Zeiten größter Not zeigte sich auch die Anspannung höchster Kräfte, fanden sich Führerpersönlichkeiten von außergewöhnlicher Bedeutung.
 
In einer Art Frontispiz erscheinen dann auch auf einer Seite die vier Männer, die dieses Führerprinzip am stärksten zum Ausdruck brachten: Friedrich der Große, Bismarck, Hindenburg und Hitler. Die derzeitige politische Situation in Deutschland wird den meist jugendlichen Sammlern der Bilder wie folgt erklärt:

Aus stolzer Höhe in den brodelnden Hexenkessel eines brutalen Materialismus, der jeder anständigen Gesinnung Hohn sprach, hinabgeschleudert, unterdrückten Selbstsucht und kleinlicher Hader jedes Aufflackern nationaler und sozialer Gesinnung. Und dennoch, mitten in diesem Golgatha, erhob sich schon das Neue – aufreizend aus tiefster Lethargie zum Kampf! Vom greisen Reichspräsidenten auf den Posten des Kanzlers des Deutschen Reiches erhoben, hat Adolf Hitler, der Vorkämpfer der uralten und doch ewig neuen Idee vom wahren Volksstaat, mit dem Bau dieses Staates, des nationalsozialistischen Staates, begonnen. In seiner Gesamtheit hat sich das deutsche Volk am 12. November 1933 hinter seine Regierung gestellt und damit dem Volkskanzler einen überwältigen Beweis seines Vertrauens gegeben.

Die erzieherischen Ideale, die mit dieser Veröffentlichung angestrebt werden, werden mit den folgenden Sätzen näher erläutert:

Opferbereitschaft und Wahrhaftigkeit, Treue und Pflichterfüllung sollen nach dem Willen des Führers die Grundlagen bilden zur wahren Volksgemeinschaft. ‚Du bist nichts, Dein Volk ist alles!‘ und ‚Alles für Deutschland‘, das soll der Leitgedanke dieses Werkes sein. Wie Deutschland aus tiefster Schmach immer wieder den Weg fand zu höchster Geltung im Weltgeschehen, das soll in diesen 360 Bildern aus deutscher Geschichte an uns vorüberziehen. Was in den Nachkriegsjahren unserer Jugend vorenthalten wurde, die Achtung vor nationaler Größe und heldischem Geist, das wollen wir helfen, weiter zu festigen. ‚Nur in der eigenen Kraft ruht das Schicksal der Nation‘ (Moltke). 

Soweit das Vorwort. Jetzt kurz zum Inhalt. Am Anfang werden die Germanen vorgestellt, als ‚Volk ohne Raum‘. Sie lebten friedlich, bis dass die Römer sie Stamm für Stamm bezwangen und versuchten ihnen das wenige Land noch wegzunehmen.

 
Germanischer Edelhof

Als es dann Hermann dem Cherusker für einen einzigen historischen Moment gelang, die Stämme zu einigen, konnte man den Römern in der Varus-Schlacht eine vernichtende Niederlage beibringen. In der Völkerwanderung entlud sich dann der Druck im Kessel und die Germanen zogen kreuz und quer durch Europa und Afrika. Immer wieder ließen sie sich von den Römern dazu missbrauchen, gegen andere Germanen zu kämpfen. Erst Karl der Große stellte unter der Führung der Franken ein Reich her, das von andern Völkern geachtet wurde. Otto der Große und Friedrich Barbarossa vollbrachten ähnliche Taten.

   
Schlacht im Teutoburger Wald

Aus dem späten Mittelalter ragen Taten hervor wie die Eroberung Roms durch deutsche Landsknechte unter dem alten Georg von Frundsberg (1527) oder die Entdeckungsreise von Philipp von Hutten und Bartholomäus Welser durch Venezuela (1541). Infolge der vom ‚großen‘ Reformator Martin Luther ausgelösten Glaubens­spaltung kämpften alsbald wieder Deutsche gegen Deutsche. Gemeint ist der 30-jährige Krieg. Da anschließend das habsburgisch-österreichische Kaisertum immer mehr in erstarrten Formen erlahmte, wuchs in Brandenburg-Preußen schließlich die Macht heran, die berufen war, Deutschland zu neuer Größe zu führen.

  
Deutsche Landsknechte erstürmen Rom

Noch trieben die Franzosen im Westen ihr Unwesen. Nicht nur nahmen sie uns Straßburg weg, sondern zerstörten auch das Heidelberger Schloss. Nach und nach gelang es Friedrich dem Großen die Österreicher aus Schlesien zu vertreiben. Er gewinnt Schlacht um Schlacht, auch gegen die dreifache Übermacht wie 1757 bei Leuthen.

   
Friedrich der Große nach Schlacht von Kolin

Napoléons genialem Dämon gegenüber zogen die Preußen 1807 in der Schlacht von Jena und Auerstädt den Kürzeren. Die durch Napoléon erlittenen Erniedrigungen läuterten schließlich das deutsche Volk und führten zu einer nationalen Wiedergeburt. Zunächst waren es nur einzelne Freicorps, die Widerstand leisteten, bis schließlich nach den Völkerschlachten von Leipzig und Waterloo Napoléons Spuk beendet wurde. Dass Blücher als Marschall Vorwärts einen großen Verdienst an den Siegen hatte, wusste damals jedes Kind. Nach der Revolution von 1848 lehnte Friedrich IV. die deutsche Kaiserkrone noch ab (er wollte nicht vom Volk gekrönt werden). Lieber krönte man sich selbst zum König, wie dies nach ihm auch Wilhelm I. im Jahre 1861 tat.


Krönung Wilhelms I. in Königsberg
 

Nachdem 1866 bei Königsgrätz die Österreicher endgültig in die Schranken verwiesen waren, konnte man sich 1870 dem Erbfeind zuwenden. Im Schloss von Versailles akzeptierte Wilhelm I. dann die Krone des um Österreich dezimierten Restreiches aus der Hand anderer Fürsten. Zustande gekommen war dies, weil Bismarck als größter Staatsmann seiner Zeit wusste, wie man die ‚Sehnsucht des Volkes‘ am besten erfüllt.

 
Zusammenstoß mit Japanern bei Tsingtau

Fast 20 Seiten nimmt der erste Weltkrieg ein. Dargestellt werden die Kämpfe in allen Kolonien, angefangen von Tsingtau bis zur heldenhaften Verteidigung Deutsch-Ostafrikas durch Lettow-Vorbeck. Hindenburgs gloreicher Feldzug in Ostpreußen beeindruckte mehr als der langwierige Stellungskrieg im Westen.

  
Angriff der Engländer auf Gallipoli

Nicht vergessen ist die Verhinderung der von Churchill betriebenen Landung der Engländer in den Dardanellen durch die türkischen Verbündeten bei Gallipoli. Vor allem aber sind es die Helden des Luftkriegs, die als Vorbilder dargestellt werden, an ihrer Spitze Manfred von Richthofen, den seine ehemaligen Kriegsgegner heute noch als Roten Baron verehren.


Manfred von Richthofen

Die Niederlage an der Front und der Sturz der Monarchie verunsicherten das Volk. Erst die Nazis gaben ihm seinen Stolz zurück. Das letzte Kapitel handelt vom Dritten Reich. Es wird mit den folgenden Sätzen eingeleitet.

Während der Schandvertrag von Versailles den Krieg in Permanenz erklärt und das deutsche Volk zu tiefster Schmach und Not verurteilt, versuchen vierzehn Jahre lang rasch aufeinander folgende Regierungen das unglückliche deutsche Volk über seine Lage zu täuschen. Ein Parteienchaos entsteht…Ein gütiges Schicksal hat Deutschland wiederum den Mann gesandt, der, aus dem Volke kommend, als Frontsoldat viereinhalbes [sic!] Jahr für unser Vaterland gekämpft und auch gelitten hat: Adolf Hitler.
 
Nicht nur führt Hitler die bislang meist zerstrittenen Volksgruppen und Volksschichten zusammen, die Arbeiter der Stirn und der Faust, die aus dem Norden und die aus dem Süden. Vor allem zeigt er den Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung, zu Vollbeschäftigung, zu Selbstachtung und Weltgeltung. 

 
Reichsparteitag in Nürnberg
 
Unverkennbar ist die Botschaft, die hier aus der deutschen Geschichte für die Zeitgenossen, und insbesondere für die Jugend, abgeleitet wird. Mit welch hohem Ethos und welch moralischer Strenge argumentiert wird, überrascht mich noch mehr als das geradezu schwülstige Pathos, mit dem dies geschieht. Der Zweite Weltkrieg ist hier noch sechs Jahre entfernt. Danach war, zumindest unter dem größten Teil der Bevölkerung, die Gegenreaktion eindeutig. Da wir West- und Süddeutsche die lange kulturelle Bevormundung durch das Preußentum und den von den Nazis übertriebenen Zentralismus endlich abschütteln konnten, kam es zu der föderalen Verfassung der neuen Republik, wie sie primär in der Bildungs- und Kulturpolitik zum Ausdruck kommt. Diejenigen von uns, die den Föderalismus heute als überholt empfinden, werden hier daran erinnert, warum wir ihn haben und haben sollten. 

 
Rückseite eines Bildes

Noch einige Bemerkungen zum Zustand des Albums. Das Papier ist sehr vergilbt und die ersten und letzten Seiten sind stark von Säure zersetzt. Auch gibt es einige Seiten mit Fettflecken. Zwei Bilder am Schluss (Nr. 359 und 360) fehlen. Ob sie jemals da waren, ist nicht mehr zu erkennen. Einige Bilder waren lose. Eines davon ist Bild 204, von der Königskrönung Wilhelms I. Ich habe es hier eingefügt, um an diesem Beispiel einen typischen Text der Rückseite zu zeigen. Offensichtlich hieß die Zigarettenmarke Alva. Was die 3 1/3 bedeutet, weiß ich nicht. In mehreren Bildern, auf denen Hitler abgebildet ist, ist dessen Gesicht zerkratzt. Auch gibt es einige Bleistiftmarkierungen. So war z.B. das Adjektiv ‚groß‘ bei dem Reformator Luther unterstrichen. Zu verstehen ist dies, weil die Familie meiner Vettern der katholischen Zentrumspartei nahestand. Einer meiner Vettern wurde später katholischer Priester.

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