Sonntag, 15. Januar 2012

Über Thomas Metzinger und Richard David Precht – einige nicht ganz unkritische Kommentare

Am 10.1.2012 schrieb mir Peter Hiemann aus Grasse:
 
per Zufall habe ich eine Konversation zwischen Metzinger und Precht im Internet gefunden (siehe Sendung Sternstunde bei 3Sat): 

 
Ich finde das ist eine seltene Gelegenheit, zwei Philosophen zu erleben, die heutige Erkenntnisse der Gehirnforschung in ihren Gedankenmodellen gebührend berücksichtigen. Ich kann mich besser mit Metzingers Ansichten identifizieren, weil er einen weiteren Raum für unvorhersehbare evolutionäre Entwicklungen vorsieht als Precht. Precht hat sicher ein paar gute Ideen, was in einer zivilisierten Gesellschaft verbessert werden „könnte“ und „sollte“. Die Realisierung von guten Ideen wird sich aber weniger an vernünftigen Argumenten orientieren, als vielmehr an pragmatischen Notwendigkeiten und manchmal an vorteilhaften Nützlichkeiten. 

 
Metzinger äußert sich ziemlich positiv über die nachfolgende Generation von Philosophen. Seine Beobachtung, dass es heutigen Studienanfängern vermehrt schwerfällt, die Konzentration für die Verarbeitung längerer komplexer Gedankengänge aufzubringen, könnte durchaus eine Folge des heutigen überwältigenden Angebots an bequem erreichbarer Information sein. Dr. von Guttenberg lässt grüßen. Ich denke auch, dass Metzinger mit Recht darauf hinweist, dass meditative Methoden zum Erwerb säkularer Spiritualität für die geistige Entwicklung sehr nützlich sein können.

 
Die Konversation ist übrigens als Interview gestaltet. Precht fragt, Metzinger antwortet. Ich fand in dem Interview auch Aussagen, die durch Hinweise auf Luhmanns Überlegungen zu sozialen Systemen eine gute Ergänzung vertragen hätten. Lange Rede kurzer Sinn: Metzinger und Precht haben mir Freude gemacht.

 
Am 11.1.2012 schrieb ich zurück: 

 
habe gerade das Precht-Metzinger-Gespräch angehört. Precht kommt darin nicht sehr sympathisch herüber, ein etwas schnodderiger junger Medienstar. Metzinger dagegen ist seriös. Er hat auch sein Anliegen, nämlich die Art von Weltuntergangsproblemen, die ich in einem meiner letzten Blog-Einträge benannte, hat aber keine gute Lösung parat. Unsere Solidarität umfasst halt nicht die ganze Menschheit. Es ist dies ein weiteres evolutionäres Manko, neben der Selbsttäuschung, die einen selbst zum besten Autofahrer werden und Eltern ihre missratenen Kinder lieben lässt. 

 
Da laut Metzinger das religiöse Menschenbild falsifiziert wurde, befürchtet er ein Abdriften in vulgären Materialismus oder in fundamentalistische Sekten. Stattdessen benötigten wir – so meint er – eine säkulare Spiritualität. Precht möchte, dass Rentner sich um Migrantenkinder kümmern und sie zum Lesen guter Bücher animieren. Metzinger möchte sie lieber fernöstlich meditieren lassen. Ich halte beides für etwas unausgegoren.

 
Darauf schrieb Peter Hiemann am 13.1.2012:

 
ich denke nicht, dass der von uns beiden geschätzte Thomas Metzinger fernöstliche Meditationsübungen im Sinn hatte, wenn er von „säkularer Spiritualität“ sprach.
Auf Seite 296ff seines Buches „Der Ego Tunnel“ habe ich noch einmal nachgelesen, was ihm wohl dabei durch den Kopf gegangen sein mag. Er unterscheidet drei Phasen der Bewusstseinsrevolution. Vielleicht wäre im Sinn Luhmanns das Wort Bewusstseinsevolution angebracht, da auch bei Metzingers Überlegungen langfristige Kommunikationsprozesse im Spiel sind, die zusätzlich der strukturellen Kopplung von biologischen, geistigen und sozialen Systemen (autopoietischer Art) unterliegen. In seinen Worten: „In der ersten Phase geht es darum, das bewusste Erleben als solches zu verstehen.“ In der zweiten Phase geht es darum, „die aktuelle Flut von wissenschaftlichen Aufsätzen und Büchern über Agentivität, Willensfreiheit, Emotionen, Einfühlung, soziale Kognition (mind-reading) und Selbstbewusstsein im Allgemeinen“ zu verarbeiten. In der dritten Phase geht es darum, „was wir mit all diesem neuen Wissen über uns selbst tun und wie wir mit den neuen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, umgehen wollen“. „Welche Bewusstseinszustände sind heilsam und nützen uns, welche sind schädlich?“ Die dritte Phase wird nach Metzinger unweigerlich mit einer Auseinandersetzung einhergehen, die zu gesellschaftlichen Veränderungen mit historisch „normativen Dimensionen“ führen werden.

 
Metzinger will einen Beitrag leisten, dass sich an den kommenden Auseinandersetzungen möglichst viele Bevölkerungskreise mit seriösen Argumenten beteiligen können. „Naturwissenschaftler und akademische Philosophen können sich nicht einfach darauf beschränken, Forschungsbeiträge für eine umfassende Theorie des Bewusstseins und des Selbst zu liefern. Wenn es überhaupt so etwas wie moralische Verpflichtungen gibt, dann müssen sie sich auch mit der anthropologischen und normativen Leere auseinandersetzen, die sie durch ihre Arbeit erzeugen. Sie müssen ihre Ergebnisse interessierten Laien in verständlicher Sprache mitteilen.

 
Ich bin allerdings der Auffassung, dass gesellschaftliche Veränderungen weniger von philosophischen Argumenten geprägt werden, sondern vor allem von technologischen Neuerungen und ökonomischen Prozessen. Damit will ich aber Metzingers Arbeit in keiner Weise schmälern. Meine Aussage entspricht nur der Erfahrung, dass unsere Generation in Deutschland eine sehr spannende Phase mit vielen technologischen Neuerungen und einer relativ langen Phase ökonomischer und politischer Stabilität erlebt hat, ohne sich viele Gedanken über Bewusstseinsforschung zu machen. Welchen Einfluss Bewusstseinsforschung auf die Epoche unserer Enkel haben wird, steht in den Sternen. Vermutlich wird diese Epoche aber sehr spannend werden, mit individuellen und gesellschaftlichen Vor- und Nachteilen. Die kulturellen Ereignisse (Wissenschaft, Technik, Ökonomie, Philosophie, Religion, Kunst) kommender Epochen werden alle nationalen Grenzen überschreiten. Ich frage mich oft, welche kulturellen Ereignisse unsere heutige Epoche prägen mit welchen möglichen Konsequenzen für kommende Epochen.

 
Die Themen Spiritualität und Meditation füllen kilometerlange Bücherregale. Meine eigenen spirituellen Übungen haben mich zu einer sehr simplen Einsicht geführt: Es ist hilfreich, sich unter schwierigen Umständen seiner eigenen körperlichen, geistigen und sozialen Beschränkungen voll bewusst zu werden. Meine „säkulare Meditation“ dient dem Zweck, die Achtsamkeit zu trainieren, Distanz zu gewohnten Gedankengängen zu erreichen und zu versuchen, in einen ausgeglichenen Gefühlszustand zu kommen. Das gelingt nicht immer, aber immer öfter, wenn ich es öfters tue.

 
PS: Wie sich Meditation auf Gehirnzustände auswirkt, hat der Gehirnforscher Wolf Singer in einem Gespräch mit dem französischen buddhistischen Mönch Matthieu Ricard versucht herauszufinden (Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Suhrkamp Verlag, 2008)

 
NB: Mit Metzingers Philosophie hatte sich dieser Blog schon früher beschäftigt, nicht jedoch mit Precht.

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