Montag, 11. Februar 2013

Noch einmal: Plagiatsaffären

Am 28.2.2011, also nach dem Guttenberg-Skandal, schrieb ich unter anderem: 

‚Durch den in Berlin in dieser Weise behandelten Fall ergibt sich für alle Lehrer die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass auch populäre Politiker Fehler machen.‘

Dieses Mal wirkt dieser Rat etwas schal. Er gilt zwar noch, aber der Fall von Annette Schavan liegt etwas anders. Ich fasse zusammen, wie ich die Situation sehe. Eine junge Frau aus einer rheinisch-katholischen Familie lässt sich um 1980 herum ein halb-religiöses Thema geben, mit dem sie an der ehemaligen pädagogischen Hochschule in Düsseldorf in Philosophie promovieren will. Die Professoren scheinen der Promovierenden sehr viel Freiheit gelassen zu haben. Sie bearbeitet das anspruchsvolle Thema zu deren vollsten Zufriedenheit.

Rund dreißig Jahre später gibt es Software, die es erlaubt, den ganzen Text der Arbeit Wort für Wort, Satz für Satz mit ähnlichen Arbeiten und Veröffentlichungen zu vergleichen. Da Rechnerzeit sowohl privat wie an Hochschulen massig zur Verfügung steht, machen sich einige Leute einen Spaß daraus, alle möglichen Dissertationen zu überprüfen. Dissertationen sind deshalb interessant, weil der Verfasser schriftlich erklären muss, dass er außer den zitierten Quellen keine andern Quellen benutzt hat. Außerdem muss man kenntlich machen, was man wörtlich zitiert. Ein Zitat ist immer ein Satz oder zumindest ein Satzteil.

Während Ingenieure und Naturwissenschaftler relativ wenig zitieren, ist dies bei Geisteswissenschaftlern ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sind Veröffentlichungen anderer Spezialisten oft Anlass oder Sprungbrett für die eigentliche Arbeit. Die Arbeit selbst aber beschäftigt sich mit neuen Erkenntnissen über die Natur oder mit technischen Lösungen, die es bisher nicht gab. Ein Geisteswissenschaftler dagegen kämpft nur mit Ideen anderer Leute. Sie sind sein Forschungsobjekt. Dass 200-300 Literaturstellen angegeben werden, ist nicht selten. Um an sie heranzukommen, war früher ein Heidenaufwand nötig. Manche Doktoranden richteten sich daher einen Arbeitsplatz in einer Bibliothek ein. Ganz anders ist die Situation bei Naturwissenschaftlern. Ein Studienkollege von mir, der in physikalischer Geodäsie promovierte, startete von 3-4 Veröffentlichungen und leitete darauf basierend etwa 50 Seiten Formeln ab. Er gab darin die grundsätzlichen Berechnungsverfahren an, nach denen alle Satelliten im Weltraum heute gesteuert werden, und zwar unter Berücksichtigung der Relativitätstheorie.

Zurück zu Annette Schavan. Wäre sie Religionslehrerin und nicht Politikerin geworden, würde sich heute niemand für ihre damalige Arbeit interessieren. Da aber die Leute gesehen haben, was man ohne großen Aufwand in Fällen wie Guttenberg anrichten kann, sind jede Menge Freizeitforscher unterwegs. Es ist dieselbe Motivation, die Halbstarke dazu treibt, sich einen Virus zu überlegen und zu basteln, der das Weiße Haus oder das Pentagon alt aussehen lässt. Im Altertum gab es diese Leute auch. Sie zündeten besonders gerne Tempel an, um damit berühmt zu werden. Der Artemis-Tempel von Ephesus war eines der sieben Weltwunder. Am 21. Juli 356 vor Chr. brannte er völlig ab. Der Brandstifter Herostratos ist bis heute bekannt. Er hatte viele Nachahmer in der Antike, und hat sie sogar heute noch, nur sitzen sie am Computer.

Ein Rätsel in der Affäre Schavan ist die Universität Düsseldorf. Seit über einem halben Jahr beschäftigen sich 10-20 Leute mit dem Fall. Man hätte sagen können, durch die Verfehlungen hat niemand Schaden erlitten, sie sind gering im Vergleich zum Wert der Arbeit, eigentlich hätte der Doktorvater oder die Prüfungskommission aufpassen müssen oder alles geschah in einer ganz anderen Zeit. Niemand scheint genug Mut besessen zu haben, um eine Güterabwägung anzustellen. Stattdessen schiebt man alle Schuld auf eine frühere Studentin. Würde man ihr gegenüber nachsichtig sein, könnte jemand den Vorwurf erheben, auch die heutigen Maßstäbe sind nicht in Ordnung. Das könnte dem heutigen Ruf evtl. schaden. Wenn ein Gericht Frau Schavan Recht gibt – was noch längst nicht sicher ist ‒ würde man sich ‚volens nolens‘ beugen müssen. Eine Universität mit mehr Tradition als Düsseldorf könnte anders reagieren.

Heinrich Heine, der Namensgeber der Düsseldorfer Universität, wird sich im Grabe umdrehen. Er war einer unserer liberalsten Denker und größten Dichter. Von ihm stammt unter anderem der wehmütige Text des Lorelei-Liedes. Ich besitze seine gesammelten Werke und habe sie ganz und mit großem Vergnügen gelesen. Darin steht auch der berühmte Satz: ‚Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.‘ Der Satz wird meist im politischen Sinne interpretiert. Heine schrieb ihn 1839 in Paris, als seine Mutter schwer krank in Hamburg lag. Es sind die ersten Zeilen des Gedichts ‚Nachtgedanken‘.

Ich finde es gut, dass Frau Schavan Schaden von ihrem Amte als Bundesforschungsministerin fern halten will. Sie zitierte dieser Tage ihren politischen Ziehvater, den Baden-Württemberger Erwin Teufel. Sie machte sich seine Maxime zu Eigen: ‚Zuerst das Land, dann die Partei, dann die Person‘. Ich finde diese Haltung mustergültig. Jetzt muss ein Gericht feststellen, ob man ihr ‚Absicht‘ nachweisen kann und was möglicherweise nur Schluderei war. Ich wünsche Frau Schavan, dass die Gerichte ihre Sicht der Dinge bestätigen. Sie hat einen schwierigen Gang vor sich.

Die Diskussion um Annette Schavan ist noch längst nicht zu Ende. In der Politik ist sie für Jahre vom Fenster. Die CDU und Angela Merkel werden nur kurze Zeit trauern und die Kollegin danach ignorieren. Sie können nicht anders. Das Tagesgeschäft geht weiter, insbesondere da ein Wahlkampf bevorsteht. Vor Annette Schavan liegt ein anderer, ein persönlicher Kampf. Die Wissenschaft wird an dem weiteren Fall eine Weile zu knabbern haben. Die Medien werden sie weiter im Auge behalten.

Obwohl ‒ oder gerade weil ‒ es heute Rosenmontag ist, möchte ich meinen Enkelkindern zum Fall Schavan noch Folgendes sagen: Man sollte sich nie durch Fehlverhalten eine Blöße geben. Selbst nach 30 Jahren kann das einen einholen. Auch wenn man sich selbst keines Fehlers bewusst ist, kann man in Schwierigkeiten geraten. Es können unberechtigte Vorwürfe gemacht werden. Dann ist es gut, dass man (finanziell) in der Lage ist, sich zu verteidigen. Dafür gibt es nämlich Rechtsanwälte und Gerichte. Es gibt dazu auch einen etwas bitteren, nicht sehr ermutigenden Spruch: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Dennoch bleibt Annette Schavan keine andere Wahl als für ihren guten Ruf und ihre Ehre zu kämpfen.

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