Donnerstag, 11. September 2014

Gerhard Oswald zu 18 Jahren Vorstandstätigkeit bei SAP

Gerhard Oswald ist seit 1996 Mitglied des Vorstands der SAP AG, heute SAP SE. Zu seinem Verantwortungsbereich „Scale, Quality & Support“ gehören unter anderem die weltweite Support-Organisation (SAP Active Global Support), Rapid Deployment Solutions sowie die Zusammenarbeit mit Universitäten und der Wissenstransfer in die Märkte u.v.m. Oswald studierte in den 1970ern in Mainz Wirtschaftswissenschaften und schloss mit dem Diplom ab. Anschließend war er bei Siemens als Anwendungsberater für SAP-R/2-Geschäftsprozesse tätig. 1981 ging er sozusagen „direkt zum R/2“, also zur SAP. Seine 1980er Jahre bei SAP waren weiter durch R/2 geprägt. So war er, nun schon in Leitungsposition, mit dem Auf- und Ausbau der Qualitätssicherung betraut, damals „Qualitätssicherungsausschuss“ (QSA). Früh begleitete und gestaltete Oswald auch die SAP-R/3-Entwicklung mit, teils wieder die Qualitätssicherung betreffend, teils in Leitung für R/3-Konzeption, -Entwicklung und -Auslieferung. 1993 wurde er Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der SAP und 1996 erfolgte die Ernennung zum Vorstandsmitglied. Mit 18 Jahren kontinuierlicher Vorstandstätigkeit ist er eines der dienstältesten Vorstandsmitglieder im Kreis der DAX-Unternehmen. Oswald ist bis Ende 2016 zum Vorstand bestellt.




  

Klaus Küspert (KK): Herr Oswald, Sie haben bisher 33 Jahre die Entwicklung des Unternehmens SAP miterlebt und mitgestaltet, mehr als die Hälfte davon als Vorstandsmitglied. Auf die Idee, zur SAP zu gehen, kamen Sie vermutlich durch Ihre vorherigen Siemens-Jahre und die dortigen SAP-Fachbezüge? Wäre man auch sonst damals als junger Hochschulabsolvent schon auf den Namen SAP gestoßen? Und gibt es neben Ihrer Person in SAP weitere solch frühe Mitarbeiter, die noch an Bord sind? Das wird sicher eine sehr überschaubare, einstellige Zahl sein. 

Gerhard Oswald (GO): Als ich meine Diplomarbeit verfasste, stieß ich zufällig auf eine kleine, achtseitige Broschüre der damals gerade ein paar Jahre alten SAP –  ein IT-Unternehmen, das zu dieser Zeit kaum jemand kannte. Ich war begeistert von der Idee jener Standardsoftware für Unternehmen. So nahm ich Kontakt zu den Gründern auf – per Post! Dies war der Beginn meiner 33-jährigen Karriere bei SAP und ich bereue keine Minute. 

Schon damals war SAP also ein interessanter Arbeitgeber. Eine Firma in der, wie man heute sagt, Metropolregion Rhein-Neckar, eine Branche, die bisher nicht so bekannt war – dies hat viele in den Bann gezogen. Auch die Firmenkultur war – und ist heute noch – einzigartig und wurde uns vor allem durch die Gründer vorgelebt. Einige Kollegen der Anfangszeit sind heute noch bei SAP, aber der Großteil ist bereits im wohlverdienten Ruhestand. Dennoch sind viele heute noch mit dem Unternehmen eng verbunden, z.B. durch die jährliche Weihnachtsfeier oder durch das SAP-Atelier. Hier treffen sich unsere Pensionäre und sind im Austausch mit aktuellen Führungskräften. Weiterhin gibt es eine Golfer-Gruppe und viele andere Aktivitäten. Aber bereits während meiner Zeit bei Siemens war ich ja mit SAP in Kontakt. Ich war für die SAP-Beratung zuständig. Siemens war einer der ersten Kunden der SAP und eines der ersten Unternehmen, das eine Lizenz für SAP-Produkte hatte und diese vertreiben konnte. So hat mich die SAP in ihren Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. 

KK: Die Software-Qualitätssicherung der SAP mit aufzubauen war eine Ihrer Aufgaben damals im Unternehmen. Software-Qualitätssicherung ist ein Gebiet, das in der universitären Informatikausbildung leider oft nur recht stiefmütterlich behandelt wurde und wird, damals wie heute. Wie sehen Sie dies aus Ihrer Perspektive, wäre aus SAP-Sicht damals bzw. heute mehr Know-how zum Thema Software-Qualitätssicherung gewünscht bei SAP-Berufsanfängern von den Hochschulen?  Oder ist es ohnehin ein Gebiet, wo das Lernen on-the-job das dominierende Element darstellt? 

GO: Software-Qualitätssicherung ist sicherlich auch heute meist kein Schwerpunkt der universitären Ausbildung. Allerdings beobachten wir, dass im Gegensatz zu früher, Absolventen heute oft bereits Wissen zu grundlegenden Konzepten mitbringen. Studenten haben es heutzutage wesentlich leichter, aktuelles Fachwissen aufzubauen. Sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs), wie auch wir sie mit  openSAP anbieten, ermöglichen es jedem Interessierten, sich Wissen zu neuesten Themen, wie zum Beispiel SAP HANA, anzueignen. Diese Kurse sind rund um die Uhr verfügbar und gänzlich unabhängig von klassischen Lehrplänen und festgelegten Vorlesungszeiten. Wenn die Studierenden hierfür Interesse zeigen und initiativ werden plus dann noch zusätzlich erste praktische Erfahrungen im Rahmen von Praktika oder Werkstudententätigkeiten mit Themen rund um Software-Qualität erworben haben, ist das in vielen Fällen eine gute Basis, auf die wir aufsetzen können. Bei der weiteren Einarbeitung setzen wir dann auf eine bewährte Mischung aus Lernen on-the-job, Mentoring und Trainingsmaßnahmen. Somit können wir die neuen Mitarbeiter schnell an die vielfältigen Herausforderungen heranführen. 

KK: Um noch kurz bei Ihren frühen SAP-Jahren zu bleiben, den 1980ern: Welches waren die markantesten SAP-Ereignisse dieser Periode aus Ihrer Sicht: Internationalisierung des Unternehmens, R/3-Einführung, Börsengang, weiteres wichtiges?  

GO: Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass jedes Jahrzehnt bei SAP den Erfolg und auch den technischen Fortschritt widerspiegelt. Wir steckten damals noch in den Kinderschuhen. So denke ich an die Errichtung des ersten eigenen Rechenzentrums. Wir zogen von Weinheim nach Walldorf. Im Jahr 1982 hatten wir bereits 100 Mitarbeiter und über 250 Firmenkunden. Der Umsatz stieg damals auf rund 24 Millionen Mark. Nach dem Erfolg in Deutschland expandierten wir: 1986 entstand die erste internationale Niederlassung in der Schweiz. Im gleichen Jahr stellten wir unsere Produkte zum ersten Mal auf der CeBIT in Hannover vor. Niederlassungen in Frankreich, Großbritannien, Niederlande und Spanien kamen hinzu. Kurz darauf im Oktober 1988 war das „Unternehmen aus Walldorf (Baden)“ an der Börse notiert. Die Bilanz: Im ersten Börsenjahr erwirtschafteten wir fast 70 Millionen Mark Gewinn bei 340 Millionen Mark Einnahmen. Gegen Ende der 1980er Jahre waren wir über 1.300 Mitarbeiter.  

Aber nicht zu vergessen ist unser erstes eigenes Gebäude in der Walldorfer Max-Planck-Straße, das wir damals bezogen haben. Es ist heute noch eines unserer Gebäude, nun aber eher unscheinbar am Rande unseres SAP-Campus befindlich. Anfangs hatten wir dort auch einen eigenen Fußballplatz, aber der ist eines Tages dem Platzmangel zum Opfer gefallen – und weil wir durch unser wöchentliches Freitagsnachmittags-Fußballspiel so viele Scheiben eingeschossen haben!  

KK: Ich möchte das oben schon kurz berührte Thema „Berufsanfänger“ noch einmal aufgreifen: SAP war und ist ja bekannt für eine große Breite an Fachrichtungen, mit der (Hochschul-) Absolventen zur SAP kamen und kommen. Die Physiker waren in großer Zahl darunter. Ich nehme an, das ließ dann etwas nach dem stärker werdenden Hochschulangebot an Informatikern und Wirtschaftsinformatikern gemäß (plus natürlich schon immer Betriebswirte und jeweils branchennahe Absolventen). Wie sehen Sie dieses Spektrum aus heutiger Sicht: Ein wesentlicher Pluspunkt für SAP vermutlich, dass man so breit aufgestellt war und ist die Ausgangsqualifikationen der Mitarbeiter betreffend? 

GO: Damals stellten wir viele Mitarbeiter ein, die IT-Kenntnisse hatten, programmieren konnten und analytische Fähigkeiten aufwiesen. Das Hochschulstudium und dessen genaues Fachgebiet waren zu dem Zeitpunkt eher nebensächlich. Viele Physiker, aber auch Geisteswissenschaftler hatten Berührung mit Informationstechnologie und waren außerdem hoch interessiert und engagiert. Dann änderte sich das Hochschulangebot: Der Schwerpunkt wurde mehr und mehr auf Informationstechnologie gelegt. Über die Jahre hinweg haben wir dann natürlich überwiegend Absolventen aus diesen Studiengängen wie Informatik, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebs- und Volkswirtschaft eingestellt.  

Für uns als SAP ist weiterhin wichtig, dass wir eine Mitarbeiterschaft mit unterschiedlichen Ausbildungen und Qualifikationen haben. Sie trägt zur Kreativität und zum langfristigen Erfolg der SAP bei. Sie hilft uns auch, die Bedürfnisse unserer Kunden zu verstehen und innovative Lösungen zu entwickeln. Das ist insofern wichtig, weil wir gerade unser Geschäft mehr und mehr in die Cloud verlagern. Dieser neue Weg der Cloud-Angebote bewirkt einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie Software genutzt und entwickelt wird. Daher benötigen wir den richtigen Mix aus Mitarbeitern und Fähigkeiten, um die Anforderungen unserer Kunden zu unterstützen und unsere Geschäftsstrategie erfolgreich umsetzen zu können. Um diesen Mix garantieren zu können, haben wir vor Jahren schon eine erfolgreiche Mitarbeiterstrategie entwickelt. Sie ist die tragende Säule für die Gewinnung, Bindung und Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter.  

KK: Von einem lokalen Unternehmen in Jena  ̶   wir sind hier ja seit fast zwei Jahrzehnten eine Hochburg des E-Commerce in den regionalen Firmen  ̶  hörte ich kürzlich die Aussage oder Klage neue Mitarbeiter betreffend: „Die programmieren können, wollen nicht reisen. Und die zu Reisen bereit sind, wollen oder können nicht programmieren.“ Gerade im Bereich Consulting und generell der kundennahen Betreuung ist das dann ja ein Problem. Stellt SAP auch solches fest bei seinen Bewerbern aus den Hochschulen und leidet man darunter? 

GO: Wir stellen das nicht fest. Das liegt sicher daran, dass wir ein weltweit tätiges Unternehmen sind mit vielen Aufgabenbereichen. So ist SAP für viele Absolventen die Chance, beides zu verbinden: programmieren und reisen. Ich merke auch immer wieder, dass unsere Mitarbeiter großen Wert darauf legen, mit ihrem Tun etwas zu bewirken. Sie wollen sich in einer kreativen, teamorientierten und flexiblen Umgebung entfalten. Gerade die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten oder Aufgaben in verschiedenen Bereichen (Consulting, Sales, Development und Service) zu übernehmen, ist für viele ein attraktives Angebot. Diese Arbeitskultur fördern wir, denn im Umkehrschluss stärkt sie zugleich unsere Innovationskraft und hilft unseren Kunden. Ich selbst kann jedem Einzelnen raten, weiterhin offen für Aufgabengebiete sowie für fremde Länder und Kulturen zu sein. Auch ich lerne täglich immer Neues dazu! 

KK: Sie sind insbesondere für die gesamten Servicefunktionen der SAP von Vorstandsseite verantwortlich. Wir hatten ja gerade schon etwas das Thema Consulting und kundennahe Betreuung. Es gibt, über das zuvor genannte Detail mit der Reisebereitschaft hinaus, von Firmen teils die Anmerkung, für die spätere Tätigkeit im Servicebereich werde in der Hochschulausbildung zu wenig getan. Also, etwa: Die Hochschulinformatik bilde primär Softwareentwickler aus, wohingegen die Berufsanforderungen viel breiter seien und heute eben auch sehr stark den Servicebereich umfassen. So hat etwa die IBM vor einigen Jahren deshalb gemeinsam mit dem KIT in Karlsruhe –  früher Universität Karlsruhe (TH) – einen informatiknahen Studiengang begründet, der Service stärker in den Vordergrund stellt. Wie sehen Sie aus Sicht der SAP diese Thematik oder ggf. Problematik? 

GO: Ich habe früher einmal denselben Eindruck gehabt und darum initiiert, dass in die Dualen Studiengänge der Informatik/Wirtschaftsinformatik in ganz Baden-Württemberg die Vertiefungsrichtung IT-Servicemanagement aufgenommen wird. Als Mitglied der Dualen Hochschulen können wir einen wesentlichen Einfluss auf die Studieninhalte, Prüfungsordnungen usw. ausüben, also unsere Ideen dort einbringen. Nach Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master sind die Inhalte dieser Vertiefungsrichtung fester Bestandteil im regulären Studienplan geworden. Inzwischen glaube ich, dass jeder Student in der Ausbildung auch selbst erkennt, wie wichtig Service und Servicemanagement geworden sind.  

Außerdem sind wir weltweit mit unserem University-Alliances-Programm sehr gut unterwegs, um unser Unternehmen für Hochschulabsolventen attraktiv zu machen –  egal ob für die Softwareentwicklung oder den Servicebereich. Mit dem SAP-University-Alliances-Programm fördern wir als SAP weltweit eine praxisnahe und zukunftsorientierte Ausbildung mit Zugang zu neuen SAP-Technologien. Das Programm richtet sich an Hochschulen sowie berufliche Schulen, die SAP-Software aktiv in die Lehre integrieren wollen.  

Wie schon gesagt, die Internationalität ist ein großer Pluspunkt, und wir führen noch viele weitere Programme und Veranstaltungen durch, um die Hochschulabsolventen und jungen Talente zu erreichen. Weltweit arbeiten wir mit zahlreichen Top-Universitäten zusammen: Sehr, sehr viele – und sehr gute – Studenten kommen dort folglich mit SAP in Berührung. Umgekehrt kommen die Universitäten zu uns ins Haus, um unseren Mitarbeitern neueste wissenschaftliche Erkenntnisse nahe zu bringen.   

KK: Wir hatten jenen Cloud-Aspekt ja schon vorhin kurz: Für SAP hat das Thema der in der Cloud angebotenen Software und Dienstleistungen für den Kunden in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Dies spätestens mit dem Zukauf von Unternehmen wie SuccessFactors und Ariba, aber auch schon zuvor. Sie sind vom Vorstandsbereich her auch wesentlich mit beteiligt und verantwortlich. Würden Sie das für unsere Leser etwas darlegen, vielleicht auch dabei auf den Einfluss kurz eingehen, wie sich die Cloud-basierten Angebote auf den Geschäftsbetrieb und das Geschäftsmodell der SAP auswirken? 

GO: Cloud Computing ist für uns das Synonym für Einfachheit, Schnelligkeit und Flexibilität. Im traditionellen IT-Modell setzt jedes Unternehmen seine eignen Geschäftsanwendungen um und verwaltet sie später selbst. Das ist teuer. Unsere Kunden sagen uns das ganz deutlich, dass Komplexität die größte Herausforderung im Tagesgeschäft und für ihr weiteres Wachstum ist. Diese Komplexität zu beherrschen, erfordert zunehmend höhere Investitionen in Hardware und Services.  

Hier steuern wir gegen, indem wir für unsere Kunden die Nutzung unserer Lösungen vereinfachen und diese in die SAP-Cloud verlagern. Wir bieten Anwendungen für Geschäftsbereiche wie Personalwirtschaft, Vertrieb, Finanzwesen oder Einkauf in der öffentlichen (Public) Cloud, wo alle Nutzer an dieselbe Lösung angebunden sind. Wir bieten unsere Lösungen daneben in der privaten Cloud an, wo Kunden ihre eigene Version der Anwendungen haben und ihre ganz individuellen Geschäftsprozesse abwickeln können. Außerdem gewährleisten wir eine enge Integration zwischen allen unseren Cloud-Lösungen ebenso wie mit den lokalen (On-Premise-) Anwendungen der Kunden. 

Wir stellen fest, dass die Akzeptanz für Cloud-Lösungen mehr und mehr wächst. Dies hängt damit zusammen, dass wir unseren Kunden höchste Sicherheitsstandards – wie wir sie selbst auch haben – anbieten. Die Verfügbarkeit, Sicherheit und der Datenschutz unseres Cloud-Betriebs gehören zu den besten in der Branche. Derzeit betreiben wir 16 Standorte weltweit, also weit über Walldorf und St. Leon-Rot hinaus, und bauen unser globales Netz weiter aus, sodass unsere Kunden weiterhin auf Wunsch vertraglich festlegen können, wo ihre Daten gespeichert werden. Unser Angebot zu Cloud Computing ist eine Form der bedarfsgerechten und flexiblen Nutzung von IT-Leistungen. Diese werden in Echtzeit als Service über das Internet bereitgestellt und nach Nutzung abgerechnet. Damit ermöglicht Cloud Computing den Nutzern eine Umverteilung von Investitions- zu Betriebsaufwand.  

KK: Sowohl bei den Cloud-basierten Angeboten der SAP als auch generell spielt in den letzten Jahren die Datenbanktechnologie SAP HANA eine wesentliche Rolle und die SAP-HANA-Verwendung bei den Kunden ist stark am Anwachsen. Da muss ich als „Datenbänkler“ natürlich nun anknüpfen. Sie haben als Unternehmen eine enorme Datenbankkompetenz im Hause: SAP ist seit langem ja ohnehin auch Datenbankhersteller (MaxDB, SAP DB), einige Ihrer Mitarbeiter, u.a. in Berlin, sind seit 30 und mehr Jahren Entwickler von Datenbanksystemkernen. Aber erst durch HANA hat das Datenbankthema nun einen bedeutend größeren Stellenwert in der SAP und für die SAP erlangt mit Wirkung nach außen. Vermutlich hätte das noch vor fünf oder sieben Jahren so niemand erwartet, weder intern noch extern. Würden Sie auf diesen Datenbank/HANA-Schub für SAP etwas eingehen? Wie weit kann man sich die Durchdringung auf dem Markt in den nächsten Jahren vorstellen? 

GO: SAP HANA ist die marktführende Technologie für Echtzeit-Computing. Wir haben seit der Einführung mehr als 3.200 Kunden und mehr als 600.000 aktive Nutzer. Bisher  ̶  zu "Vor-HANA-Zeiten" also  ̶  bestand ein typischer Datenspeicher aus einer Vielzahl verschiedener Elemente: Datenbanken, Data Warehouses etc. Mit SAP HANA werden diese zusammengeführt und damit einzelne Schichten eliminiert – das erforderliche Speichervolumen wird verringert, ungewollte Redundanzen werden vermieden. Damit eröffnet SAP HANA völlig neue Möglichkeiten und senkt die ‚Total Cost of Ownership‘, sowohl in der Hardware als auch in der implementierten Software und im Support. Wichtig sind vor allem Effizienzgewinne: So können zum Beispiel Rechenoperationen, wie Mahnläufe, die bis dato über Nacht gemacht wurden, in Minuten und Sekunden umgesetzt werden. Eine Analyse der menschlichen DNA und der Vergleich multipler Analysen kann von früher drei Wochen jetzt auf unter drei Minuten verkürzt werden. Anwendung findet dies z.B. in der individualisierten Krebstherapie.   

In der nächsten Zeit werden wir unser gesamtes Produktportfolio – einschließlich der Produkte von SuccessFactors und Ariba – auf der zentralen SAP-HANA-Plattform standardisieren und damit eine durchgängige Integration ermöglichen. Mit der ‚SAP Business Suite powered by SAP HANA‘ eröffnen sich Unternehmen zudem ganz neue Geschäftsszenarien. Wir stehen hier in einem offenen Dialog mit unseren Kunden und diskutieren bisher noch unbekannte Einsatzgebiete. Denn bei der ‚SAP Business Suite powered by SAP HANA‘ handelt es sich nicht um ein Softwarepaket mit einem geschlossenen Satz an Funktionen. Wir hören den Kunden genau zu und sind offen für Ideen, deren Realisierung sich lohnt. HANA kann in allen Branchen eingesetzt werden und der Einsatz wird sich immer lohnen. 

Unser Partnernetz wird dabei eine wichtige Rolle spielen, neue Lösungen auf Basis der SAP-HANA-Plattform zu entwickeln und für unsere Kunden Mehrwert zu bieten. Mit unserem Angebot an Multikanal- und CRM-Lösungen möchten wir gezielt die Kunden unserer Kunden ansprechen und unsere Geschäftsmöglichkeiten im Segment Business-to-Business-to-Consumer (B2B2C) erweitern. Daneben werden wir uns darauf konzentrieren, durchgängige Branchenlösungen zu bieten, die unseren Kunden höheren Mehrwert und bessere Geschäftsergebnisse ermöglichen. 

KK: Wir hatten hier im Interview also jeweils kurz die Themen Cloud und Datenbank/HANA. Somit „muss“ das Thema Mobiler Zugang, Mobile Apps und dgl. natürlich auch noch sein. Hier kam der große Schub insbesondere durch den Zukauf von Sybase vor circa fünf Jahren. Dieser war wohl auf die Mobilitätskompetenz und -marktbedeutung in jenem Unternehmen abzielend. Wie stark ist jetzt schon auf Kundenseite die Nutzung von SAP-Diensten über die mobilen Zugänge, wie zeigt sich die Entwicklung? 

GO: In unserer vernetzten Welt spielen mobile Lösungen ihre Vorteile aus. Heutige Unternehmen verbinden sich enger mit Lieferanten, Partnern und Kunden und schaffen so neue Mehrwerte. Mitarbeiter der Unternehmen sind dank Smartphone und Co. online und arbeiten produktiver – egal, wo sie gerade sind. Somit können Unternehmen mit mobilen Anwendungen Kosten sparen und effizienter werden –  Entscheidungen werden beschleunigt und die Zufriedenheit der Nutzer steigt.  

Wir sind heute Marktführer bei mobilen Geschäftsanwendungen mit einer Anzahl von über 130 Mio. mobilen Nutzern. Dies kommt nicht von ungefähr! Wir haben seit 15 Jahren eine mobile Strategie. Die Zukäufe von Sybase und Syclo haben einen ganz erheblichen Teil zum Wachstum und Erfolg beigetragen. Sie ermöglichen es unseren Kunden, eine umfassende End-to-End-Lösung anzubieten. So erreichen unsere Mobile-Lösungen bereits heute potentiell Milliarden Nutzer mobiler Geräte weltweit über SMS-Dienste. Täglich laufen 1,8 Mrd. SMS über SAP-Systeme! Unsere Mobile- und Cloud-Lösungen haben großes wirtschaftliches Potential und sind eine Riesenchance für Themen wie ‚Internet der Dinge‘ oder Industrie 4.0. Wir sind hierzu gut aufgestellt und stehen mit unseren Kunden im regelmäßigen Austausch. 

KK: Zum Schluss noch mal die Brücke zwischen SAP und Hochschulen: Äußern Sie doch bitte drei Wünsche an die Hochschulen Informatik-Bildungsinhalte betreffend  – ich bin gespannt. 

GO: Da kann ich mir schon das eine oder andere vorstellen. Zum einen wünsche ich mir, dass noch mehr sinnvoller Informatik-Unterricht bereits an den Schulen erteilt wird. Zum anderen wünsche ich mir, dass den Studierenden neben einer soliden fachlichen Grundlage auch die neuesten Technologien, wie Cloud- und In-Memory-Computing, vermittelt werden. Dies zeigt den Arbeitskräften von morgen, wie die neuen Technologien einen Mehrwert für Unternehmen und letztendlich für die Gesellschaft bringen. So denke ich auch an die Ausbildung zum Data Scientist. Experten mit diesem Profil machen in ihrem Unternehmen heute ungenutzte Daten nutzbar, indem sie Daten mit wissenschaftlichen Verfahren analysieren und prädiktive Modelle entwickeln.  

Daneben sehe ich großes Potential, was Industrie 4.0 anbelangt. Wir brauchen Studenten, die nicht nur Software verstehen, sondern auch die so genannten Cyber-Physical Systems. Solche sensorgestützten Systeme decken ein breites Spektrum in unserem Alltag ab, z.B. altersgerechte Assistenzsysteme, vernetzte Sicherheits- sowie Fahrerassistenzsysteme für Automobile u.v.m. Hier sehe ich ein weiteres Handlungsfeld, das auch bereits im Studium mit aufgegriffen werden muss. 

KK: Lieber Herr Oswald, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben für das Interview über eine solche Breite von Themen und zeitliche Spannweite von vier Jahrzehnten. Mein eigener erster, loser SAP-Kontakt war übrigens 1979/80, auch in der Diplomphase, da liege ich also in den frühen SAP-Fachberührungen nur ein Stück hinter Ihnen zeitlich zurück – aber ich bin eben nicht so intensiv dort „drangeblieben“.

1 Kommentar:

  1. Am 11.9.2014 schrieb Volker Stiehl aus Darmstadt:

    Ich bin begeistert! Ein äußerst aufschlussreiches Interview mit eine Vielfalt an Themen! Ich unterstütze die SAP übrigens ebenfalls in ihren Universitätskontakten. So bin ich gerade auf der Rückfahrt von der sogenannten SAP Academic Conference, die von der in Oswalds Verantwortungsbereich liegenden University Alliance organisiert wurde. Dort habe ich einen Workshop vorgestellt, der zukünftig in der Lehre für Wirtschaftsinformatiker eingesetzt wird und (natürlich) die Geschäftsprozessumsetzung "in the cloud" zum Thema hatte. Die Resonanz war überwältigend, da der Workshop die von Hrn. Oswald angesprochenen Fäden zusammenbringt. Denn was nützen die vielen Events aus den Fabriken eines IoT und den von den Data-Scientisten nutzbar gemachten Daten, wenn nicht entsprechend darauf reagiert wird? Sie sehen, das Thema BPM bleibt ewig jung :-)

    NB (Bertal Dresen): Volker Stiehls Buch über Prozessmodellierung war eine Besprechung in diesem Blog gewidmet, und zwar durch Hartmut Wedekind am 4.12.2012

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