Dienstag, 21. April 2015

Harry Sneed über sein Wirken als engagierter Software-Tester und Software-Sanierer

Harry Marsh Sneed (Jahrgang 1940) ist seit Jahrzehnten mit Software Engineering und Reengineering, mit Software-Qualitätssicherung und speziell Software-Testen und Testautomatisierung betraut und einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Dies nicht zuletzt auch aufgrund seiner Autoren- und Koautorenschaft an 22 einschlägigen Fachbüchern und zahllosen Fachartikeln und -vorträgen über vier Jahrzehnte. Sneed erwarb 1969 einen MPA-Grad (Master of Public Administration and Information Science) an der University of Maryland in den USA. Nach Tätigkeiten im US Navy Department und in den 1970ern über mehrere Jahre u.a. bei Siemens in München, auch schon zu Software-Qualitätssicherung, wurde er Firmengründer und Geschäftsführer sowie Laborleiter in Budapest. Insb. ab den 1980er Jahren wurde er damit hochpräsent in der fachlichen Softwarequalitätssicherungsszene wissenschaftlich wie praktisch.

Harry Sneed verlagerte den Mittelpunkt seiner Aktivitäten ab den 1990ern wieder mehr nach Schweiz, Deutschland, Österreich zurück und schloss sich schließlich dem Wiener Unternehmen ANECON an, weiterhin zu Software-Qualitätssicherung. Er ist darüber hinaus seit Jahren als Lehrbeauftragter und Dozent an verschiedenen Universitäten tätig, so etwa an der Universität Regensburg. Zu den vielen Preisen und Auszeichnungen, die an ihn verliehen wurden, gehören der Deutsche Preis für Softwarequalität 2011 (für sein Lebenswerk), der International Software Testing Excellence Award von der ISTQB 2013, die GI-Fellowship 2005, die IEEE-Auszeichnung für bahnbrechende Leistungen im Bereich  Software-Reengineering 1996 und der Stevens Award für seine Beiträge auf dem Gebiet der Softwarewartung im Jahre 2009.



Klaus Küspert (KK): Herr Sneed, Sie sind in der Informatikwelt nun seit etwa 45 Jahren engagiert und mit prägend vor allem im Bereich Software-Qualitäts­siche­rung. Können Sie uns zu Beginn bitte ein paar Sätze zu Ihren entsprechenden Anfängen sagen, wie kamen Sie also mit der Informatik („Computer Science“ oder „Information Systems“ in den USA) in Berührung: War es schon im Studium in Teilen oder unmittelbar danach?

Harry Sneed (HS): Ich hatte nie vor, in der Informatik zu arbeiten. Ich kam 1965 aus dem Militärdienst und wollte mein Studium beenden. Mein Ziel war, Beamter zu werden. Deshalb das Studium in Public Administration. Information Science kam später hinzu. Nach meinem Bachelor-Abschluss an der Universität Maryland im Jahre 1967 habe ich mich beim US Civil Service beworben. Die einzige offene Stelle war als Programmierer im US Navy Department. Ich musste, um diese Stelle zu bekommen, im Graduate Studium das Fach Information Sciences neben dem Fach Public Administration belegen. Ich wurde also praktisch gezwungen, Wirtschaftsinformatik zu studieren. Dafür hat das Navy Department mein Studium unterstützt. Ich habe in der Woche drei Tage im Navy Research Center gearbeitet und zwei Tage an der Universität Maryland studiert. Fortran-Programmieren habe ich schnell gelernt. Mein Auftraggeber war ein ehemaliger deutscher U-Boot-Wissenschaftler, der nach dem Krieg in Amerika sein Auskommen fand. Wir haben gut zusammengearbeitet. Er hat die Vorgaben gemacht und ich habe sie in Fortran-Code umgesetzt. Es ging um Flottenverteidigungssysteme. Das hat mich interessiert. Meine Fortran-Programme sind über die Zeit immer besser geworden. Der deutsche Wissenschaftler hatte mit mir viel Geduld. Nebenbei habe ich Programmierkurse im Navy Department besucht und kam so immer mehr ins Fach.

KK: Wie kam es dann für Sie zum Wechsel aus den USA nach Deutschland und schließlich zu Ihrer Beschäftigung bei Siemens in München (und war das gegen Ende dann gerade schon zu Neuperlach-Zeiten („Datasibirsk“) oder alles noch davor)?

HS: Ich hatte eine deutsche Frau. Ich hatte sie während meiner Soldatenzeit in Deutschland kennen gelernt. Sie ist mit mir nach Amerika gekommen. Wir hatten in Amerika am Anfang eine schwere Zeit. Ich habe neben meinem Studium auf dem Bau gearbeitet. Wir mussten sehr bescheiden leben und konnten uns keine Krankenversicherung leisten. Die Sicherheit und den Lebensstandard in Deutschland hat sie vermisst. Also wollte sie schon sehr bald nach Deutschland zurück. Nachdem ich die Stelle beim US Navy Department hatte, ging es uns besser, aber sie hatte schon den Beschluss gefasst, zurückzukehren. Obwohl ich schon eine Promotionsstelle an der Uni Maryland hatte, habe ich ihr versprochen, ich würde mich um eine Stelle in Deutschland kümmern. 1969 hat sie für mich eine Stellensuche als Systemanalytiker in einer Informatikzeitschrift platziert und ich bekam darauf 33 Angebote. Sie ist danach vorausgegangen und hat die Termine organisiert. Ein Jahr später bin ich ihr nachgefolgt.

Von den 33 Angeboten habe ich mich für die Hochschulinformationssystem GmbH (HIS) in Hannover entschieden. Ich wollte weiterhin nahe an den Hochschulen sein. Ich hatte immer noch die Absicht, zu promovieren, aber es sollte nicht dazu kommen. Zuerst habe ich an mehreren deutschen Hochschulen Projekte unter namhaften deutschen Professoren durchgeführt: Prof. Mertens in Erlangen – Studenteninformationssystem, Prof. Krüger in Karlsruhe – Raumverwaltungssystem und Prof. Grochla in Köln – Finanzverwaltungssystem. In dieser Zeit habe ich mein erstes deutsches Buch „Informationssysteme für die Hochschulverwaltung“ im de Gruyter Verlag geschrieben. Gleichzeitig habe ich meine ersten deutschsprachigen Fachartikel verfasst, in der Informatikzeitschrift und in Online – Zeitschrift für Datenverarbeitung. Dann hat Siemens Hannover mir angeboten, zu ihnen zu kommen. Sie hatten einen Auftrag in Göttingen, die Stadtverwaltung zu automatisieren. Das Projekt hat mich gereizt und ich bin hingegangen. Das Projekt war ein großer Erfolg und ich wurde von der Stadt geehrt. Kurz danach hat Siemens mir eine Stelle in der Zentrale in München angeboten. Ich habe sie angenommen und bin mit meiner Frau nach München gezogen. Damals war die Siemens-IT noch in Schwabing. Dort habe ich im Datenbankbereich das Projekt für die Query-Sprache geleitet.   

KK: Im Jahre 1968 war ja auf der berühmten Garmisch-Fachtagung jener Zeitpunkt gewesen, wo erstmals explizit und sozusagen nachhaltig von der „Softwarekrise“ gesprochen wurde. Würden Sie sagen, dass jene Siemens-Aktivitäten der 1970er, deren wesentlicher Teil Sie ja mit waren, darauf zurückzuführen sind, also die nun stärkere Betonung von Software-Qualität und deren Sicherstellung?

HS: Ich habe die Berichte über die Garmisch-Tagung mit großem Interesse verfolgt. Schon 1971 bin ich von HIS aus auf die IFIP-Konferenz in Ljubljana gegangen. Dort habe ich einige der Teilnehmer der Garmischer Konferenz persönlich kennengelernt. Das hat mich sehr inspiriert. Als ich 1974 zu Siemens nach München kam, war die Idee des Software-Engineering dort schon im Aufblühen begriffen. Ich habe mit meinen Fachartikeln und DV-Kursen beigetragen. Ich habe zu dieser Zeit auch ein Buch über strukturierte Programmierung herausgebracht. Ich muss sagen, Siemens hat mich in meiner Arbeit sehr unterstützt. Schon als Projektleiter für Siemens habe ich begonnen, mich mit Testen zu befassen, als ich merkte, dass 50% des Projektaufwands durch den Test beansprucht wurden. Mein erstes Seminar über Softwaretest habe ich bei Siemens 1976 gehalten. Daraufhin hat der Leiter des ITS-Projekts (Integriertes Transport System), Dieter Höft, mich ersucht, den Test im Projekt zu übernehmen. Es sollte in dem Projekt einen Qualitätsmanager und einen Test-Teamleiter geben. Es gab aber leider keine Tester. Niemand wollte diesen Job machen. Also bin ich auf Ungarn ausgewichen. Das ungarische Institut SZKI hatte damals schon mit Siemens zusammengearbeitet – Personal gegen Rechner. Gleichzeitig traf ich auf einer Testkonferenz in London den Vertreter eines anderen ungarischen Instituts SZAMOK. Auch dieses Institut hat Tester angeboten. Ich habe nicht lange gezögert und habe zusammen mit dem amerikanischen Testexperten Dr. Ed Miller das Siemens-Testlabor in Budapest aufgebaut.    

KK: Mit jenen Budapest-Aktivitäten waren Sie ja Pionier gewissermaßen, zu einer Zeit, als die Öffnung und Durchlässigkeit zwischen Ost und West noch mehr als 10 Jahre entfernt (und nicht absehbar) waren. Könnten Sie zu jener sicher extrem spannenden Zeitperiode bitte noch etwas mehr sagen und Eindrücke vermitteln?

HS: Ich bin nach Budapest gegangen, weil sie dort einen Siemens-Rechner und gut ausgebildetes Personal mit deutschen bzw. englischen Sprachkenntnissen hatten. Die Institutsleiter und das Außenhandelsministerium waren auch bereit, das Projekt zu unterstützen. Wir konnten uns auf einen Festpreis für Testleistungen einigen – 75 DM pro dokumentiertem Testfall und 150 DM pro nachgewiesenem Fehler, wobei wir eine Testüberdeckung von mindestens 85% Zweigüberdeckung erreichen mussten. Für dieses Projekt habe ich das erste deutsche Testwerkzeug – Prüfstand – aufgrund des ersten amerikanischen Testwerkzeuges RXVP – Research Evaluation and Verification Package – entwickelt und im ITS-Projekt eingesetzt. Dr. Miller hatte das RXVP-Projekt geleitet und uns in Ungarn beraten. Ich bin jede Woche mit einem Magnetband voller neuer Softwaremodule nach Budapest geflogen. Dort wurden die Module zunächst analysiert und nachdokumentiert. Die Testfälle wurden aus dem Programmodell abgeleitet, ein Testfall für jeden Pfad durch den Kontrollflussgraph. In dieser Hinsicht war ich wirklich ein Pionier: das erste kommerzielle Testlabor, das erste Test-Outsourcing-Projekt, der erste modellbasierte Test und das erste Testautomatisierungsprojekt in Deutschland. Natürlich gab es Vorgänger in den USA, nämlich im Ballistic-Missile-Defense-Projekt (BMD), wo auch modellbasiert und automatisiert getestet wurde. Das BMD-Projekt mit RNets und RXVP war unser großes Vorbild.

Dies also war der Anfang meiner Zusammenarbeit mit den ungarischen Recheninstituten. Natürlich wurde ich vom BND überwacht und auf der ungarischen Seite musste ich mich ein paar Mal vor der Sicherheitspolizei verantworten. Nach der Veröffentlichung eines umstrittenen Artikels über das Testprojekt wurde ich kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Das hat mich nicht aufgehalten. Von der deutschen Seite bekam ich auch Unterstützung, nämlich vom Bundespräsidenten Weizsäcker, der sich in einem Brief bei mir bedankte für meine Bemühungen, die Helsinki-Vereinbarungen umzusetzen. Es gab natürlich Firmen wie MBB, die die Zusammenarbeit mit uns verweigerten, aber es gab genug andere, wie Bertelsmann, BMW und Thyssen, die uns ihre volle Unterstützung anboten. Wir haben über viele Jahre Räume und Rechenkapazität in Gütersloh gehabt, wo wir unsere Werkzeuge ungehindert weiter entwickeln konnten.  

KK: Um schon mal die Brücke etwas zu den Hochschulen zu schlagen: Ich nehme an, dass sie seit den 1970ern dann auch schon mehr und mehr mit Informatik-Hochschulabsolventen zu tun hatten, die also den damals neuen und sich rapide ausbreitenden Informatikstudiengang komplett durchlaufen hatten – sei es in Ungarn, sei es im Westen Europas. Wie waren Ihre Erfahrungen: Brachten diese Absolventen von den Universitäten zumindest etwas „awareness“ für Software-Qualitätssicherung mit oder vielleicht oft nicht mal das?

HS: Ich habe mit Informatik-Hochschulabsolventen in verschiedenen europäischen Ländern zu tun gehabt, vor allem in Ungarn, Deutschland, Österreich und in der Schweiz. In den 1970er Jahren war der Stand der Informatikausbildung auf einem bescheidenen Niveau. In Ungarn gab es sehr gute Mathematiker und Leute mit guten Fremdsprachenkenntnissen. Auch Mathematik ist eine Sprache, eine Sprache der Zahlen. Informatik ist eigentlich eine Sprachwissenschaft. Man hat mit vielen Sprachen zu tun: Spezifikationssprachen, Entwurfssprachen, Programmiersprachen, Testsprachen und mittlerweile auch mit Prozessmodellierungssprachen. Da haben Kontinentaleuropäer einen gewissen Vorteil gegenüber Amerikanern und Engländern, die in der Regel nur ihre Muttersprache beherrschen. Die meisten Kontinentaleuropäer sind gezwungen, sich mit vielen Sprachen auseinander zu setzen. Das macht sie für die Informatik besser geeignet. Dazu kommt das inzwischen solide Grundstudium in Informatik. Dieses ist zwar etwas theorielastig und die Studenten müssen ihre praktischen Kenntnisse erst im Beruf erwerben, aber es kann nur so sein. Welche Praxis soll man denn an der Uni lehren, es gibt nicht die Praxis, sondern viele Formen der Praxis und sie wechseln alle fünf Jahre. Demzufolge bleibt eine gute theoretische Ausbildung die einzige und – mit einigen praktischen Übungen in irgendeiner Praxis – die beste Lösung.

In der Theorie sollten Studenten lernen, dass eine 100% korrekte Lösung nicht einmal theoretisch erreichbar ist und praktisch schon gar nicht. Ein imperfektes Wesen, was der Mensch nun einmal ist, kann keine perfekten Artefakte konstruieren. In anderen Lebensbereichen kommen wir mit den vielen kleinen Inkonsistenzen und Unebenheiten gut zurecht. In der Softwaretechnologie werden wir dafür unerbittlich bestraft. Der Test ist notwendig, um wenigstens die krassesten Inkonsistenzen und Unebenheiten zu entfernen, ehe der Benutzer darauf kommt. Da wir jedoch nicht wissen können, wie viele solche Mängel eine Software enthält, tappen wir im Dunkeln. Wir müssten eine potentiell unendliche Anzahl Mängel in einer endlichen Zeit aufdecken. Da wir dies nicht schaffen können, sind Entwickler und Tester permanent frustriert. Die meisten jungen Informatiker überschätzen sich selbst maßlos und unterschätzen die Schwierigkeiten der Softwareentwicklung um einige Potenzen. Die Uni sollte ihnen mehr Bescheidenheit beibringen, damit sie ihre Grenzen früher erkennen. Dann würden nicht etliche nach wenigen Jahren den Entwicklerberuf aus Frustration an den Nagel hängen.

KK: Sie hatten nach den Budapest-Jahren verschiedene berufliche Stationen in Deutschland und der Schweiz, bevor Sie sich ANECON anschlossen, wo Sie dann über Jahre tätig waren. Sagen Sie unseren Lesern des Interviewtexts bitte etwas zu ANECON und zu Ihren Tätigkeiten dort?

HS: Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus war mir die Basis meiner Existenz genommen. Die ungarischen Institute, in denen ich inzwischen ein Zuhause gefunden hatte, wurden über Nacht abgewickelt. Viele meiner Mitarbeiter sind ins Ausland gegangen. Ich musste mein Zimmer im Burgviertel von Budapest gegen eine Gartenlaube in der Vorstadt tauschen. Ich fühlte mich als Verlierer der Geschichte, aber das Leben ging irgendwie weiter. Es kam ein Anruf aus Zürich.

Die UBS (eine bekannte Schweizer Bank) suchte einen Auftragnehmer für ein Migrationsprojekt. Mit dem verbliebenen Rest meiner Mitarbeiter aus den beiden zusammengebrochenen Instituten bin ich nach Zürich gezogen. Dort in der UBS haben wir ein Software-Reengineering-Kompetenzzentrum eingerichtet. Es gab jede Menge an Reengineering- und Migrationsprojekten. Mit dem Test und der Qualitätssicherung war es für mich vorläufig vorbei. Mein beruflicher Schwerpunkt hatte sich verlagert. Die Jahre in Zürich waren mein wissenschaftlicher Höhepunkt. In dieser Zeit bin ich international bekannt geworden und nicht für Test und Qualitätssicherung, sondern für Reverse- und Reengineering. Ich bekam eine Auszeichnung von der IEEE und durfte meinem alten Arbeitgeber, dem US-Verteidigungsministerium, als Berater für ihre Software-Reengineering-Prozesse dienen. Für meinen Beitrag zum Gebiet der Softwarewartung bekam ich später den internationalen Stevens Award. Leider ging die schöne Zeit in der Schweiz zu Ende, als die Fremdenpolizei sich weigerte, unsere Arbeitsbewilligungen zu verlängern. Das hatte damit zu tun, dass der alte IT-Leiter, der uns angefordert hatte, abtreten musste.

Also habe ich versucht, wieder in Deutschland Fuß zu fassen. Testprojekte habe ich keine mehr bekommen, auch keine QS-Beratungsaufträge, nur ein paar Migrations- bzw. Kapselungsprojekte hier und dort: im FISCUS-Projekt, für die deutschen Sparkassen in Münster und Hannover, für die bayerische Landesversicherung und die Kommunalverwaltung Bayerns. Meistens handelte es sich um alte Assemblersysteme, die im Vorfeld des Jahrtausendwechsels umgestellt werden mussten. Als es solche Projekte nicht mehr gab, war ich gezwungen, wieder ins Ausland zu gehen, als Tester und Qualitätsprüfer für ein großes Bankenprojekt in Wien. Dort habe ich für die Firma SDS Testwerkzeuge entwickelt und Statistiken über die Qualität, Quantität und Komplexität der Software geführt. Meine alten Werkzeuge habe ich auf C++ und Java umgestellt. Bei der SDS habe ich zahlreiche Kostenschätzungen und Produktivitätsanalysen durchgeführt.

Dabei bin ich das eine und andere Mal zu weit gegangen und habe gegen die österreichische Arbeitsverfassung verstoßen. Als es später zu einer Entlassungswelle kam, stand mein Name ganz oben auf der Liste des Betriebsrats. Ich musste wieder einen neuen Arbeitgeber finden. Das hat wieder eine Weile gedauert. Ich habe überall in Deutschland versucht, Anschluss zu finden, aber ich musste erkennen, dass meine Zeit in Deutschland zu Ende war. Auf einer Metrikkonferenz in Magdeburg habe ich eine junge Dame von der Firma ANECON kennengelernt. Sie wollte mir helfen, bei ANECON als Testexperte einzusteigen. Sie hat Wort gehalten und ich bin, wie das Schicksal es so will, wieder in Wien gelandet.

Bei ANECON habe ich mich an vielen Testprojekten beteiligt, unter anderem als Test-Teamleiter für die österreichische Wirtschaftskammer, als Testanalytiker für den Freistaat Sachsen in Dresden, als Lastenheftprüfer und Ghost Writer für das Bundesamt für Wasserbau und Binnenschifffahrt in Ilmenau und als Testwerkzeugentwickler für eine Bank in Wien. Ich habe in meiner Zeit bei der ANECON mindestens acht Messprojekte durchgeführt. Das Größte war für ein Versicherungsunternehmen in Stuttgart, wo ich mit meinen letzten beiden ungarischen Mitarbeitern 70 Millionen Codezeilen in 13 verschiedenen Sprachen vermessen habe.

Mein erster Kunde für die ANECON war eine Telekommunikationsfirma, bei der ich Fehler in der Kommunikation zwischen Frontend und Backend gesucht habe. Daten sind bei der Datenübertragung verloren gegangen. Es hat lange gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass das Produkt MQ Series die Nachrichten über 32 KB einfach kommentarlos abschnitt. Sie waren zu Recht nicht besonders glücklich mit meiner Leistung. Zehn Jahre später habe ich bei der gleichen Firma einen Grundkurs über Testprozesse gehalten. Dabei soll ich rassistische Bemerkungen habe fallen lassen. Wieder war dieser Kunde mit meiner Leistung nicht besonders erfreut. Daraufhin hat ANECON mich entlassen. Es war auch allmählich Zeit. Ich war nämlich damals bereits 74 Jahre alt.    

KK: Durch Ihre vielen Jahre als Dozent auch an Hochschulen: Wie sehen Sie die Berücksichtigung und den Stellenwert in der Lehre dort von Software-Qualitäts­sicherung heute? Wenn Sie möchten, können Sie gerne dabei differenzieren zwischen Informatik und Wirtschaftsinformatik oder zwischen den verschiedenen Ländern, wo Sie Einblick gewonnen haben – es waren ja einige Länder..

HS: Meine Karriere als Hochschullehrender begann in Italien im Jahr 1999. Die italienischen Professoren, die mich aus der Reengineering Community kannten, haben mich eingeladen, am Masters Programm für Berufstätige in Benevento teilzunehmen. Es war ein von der EU gefördertes Weiterbildungsprojekt. Für fünf Jahre habe ich immer im Frühjahr eine Woche dort unterrichtet – Reengineering, Softwaremessung und Kostenkalkulation. Wir haben viele Gruppenarbeiten unter meiner Betreuung gemacht. Im Gegensatz zu Deutschland waren rund 50% der Teilnehmer weiblich und es waren meistens die Frauen, die in den Gruppen den Ton angegeben haben. Die Männer waren mehr in einem Mitläufermodus. Vielleicht fehlte ihnen die Begeisterung für meine Themen.

In Deutschland hat Prof. Franz Lehner von der Universität Regensburg einen Antrag an das bayerische Kultusministerium gestellt, dass ich an der Uni dort auch ohne Promotion lehren dürfte. Es gab ein Gutachterverfahren, wobei mir die alten Beziehungen zu den Hochschulprofessoren aus der HIS-Zeit zu Gute kamen. Der Antrag wurde genehmigt und ich begann im Sommersemester 2000 am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik I, Software Engineering für Wirtschaftsinformatiker zu lehren. Fünf Jahre später ist Franz Lehner zur Uni Passau gewechselt, aber ich blieb unter Günther Pernul weiter an der Uni Regensburg. Für zwei Jahre habe ich auch in Passau gelehrt und von dort aus auch noch an der Corvinius-Universität in Budapest im Rahmen eines Austauschprogramms.

Gleichzeitig habe ich begonnen, für Prof. Jürgen Ebert an der Uni Koblenz zu lehren. Dort habe ich Softwaretest und -messung gelehrt, abwechselnd im Sommer- und im Wintersemester. Im Frühjahr 2002 begann ich auch noch an der Universität Szeged in Ungarn für Prof. Tibor Gyimóthy zu lehren. In Szeged lehrte ich abwechselnd Test und Wartung eine Woche pro Semester. Das war alles zu viel für mich. Ich musste Passau aufgeben. In Budapest hätte ich gerne weiter gelehrt, aber das Austauschprogramm wurde zurückgefahren. Also blieben mir „nur“ Regensburg, Koblenz und Szeged übrig. Zurzeit lehre ich noch an den Universitäten Regensburg und Dresden in Deutschland sowie an den Fachhochschulen Hagenberg und Wien in Österreich. 

Bald merkte ich den Unterschied zwischen den Ländern. In Ungarn sind die Studenten und Studentinnen – in der ungarischen Wirtschaftsinformatik gibt es viele Frauen im Gegensatz zur Kerninformatik, wo fast nur Männer sind – theoretisch stark, aber praktisch etwas unbeholfen. Das liegt daran, dass die Hochschulen unterfinanziert sind und kein Geld für moderne Werkzeuge haben. Ich habe meine Werkzeuge bereitgestellt, aber die Studenten waren nicht gewohnt, überhaupt mit Werkzeugen zu arbeiten. In Koblenz waren die Studenten theoretisch schwächer. Das lag wahrscheinlich an der Bildungspolitik. Bei denselben Prüfungen wie in Regensburg schnitten sie um 10 bis 20% schlechter ab. Sie waren nicht gewohnt, auswendig zu lernen. Die Bayern kamen bis auf wenige Ausnahmen immer an die 100%. Den Bayern und den Ungarn konnte ich die gleiche Prüfung geben. Für die Rheinländer musste ich eine andere Prüfung schreiben. In Ungarn sind die Englischsprachkenntnisse besser. Die Ungarn sind gezwungen, Sprachen zu lernen, um im Leben weiter zu kommen. In Bayern haben sie das nicht nötig. Es reicht, wenn sie Hochdeutsch sprechen. Ich hatte gelernt, mein Lehrniveau den Studenten anzupassen. Das hat schon in Italien begonnen.

Jetzt, da ich an Fachhochschulen in Wien und in Hagenberg lehre, muss ich unterschiedliche Standards setzen. In Wien ist fast die Hälfte der Studenten mit Migrationshintergrund. Das heißt, sie müssen drei Sprachen beherrschen – ihre Muttersprache, Deutsch im Betrieb und dann noch Englisch in der Schule. Natürlich sind sie benachteiligt. Ich muss ihnen entgegenkommen. In Hagenberg sind die Englischkenntnisse sehr gut. Sie sind auch praktisch sehr versiert, weil die Fachhochschule dort mit den modernsten Mitteln ausgestattet ist. Die Englischunterricht in den Schulen in Oberösterreich scheint besser zu sein als im benachbarten Bayern.

Schließlich unterrichte ich seit drei Jahren an der Technischen Universität Dresden, jedes Sommersemester 32 Stunden. Dort sind die Studenten praktisch sehr begabt, aber theoretisch etwas schwächer als die Bayern. Ich merke, es hapert mit der Grundausbildung. Es wird in Sachsen zumindest früher nicht so viele gute Englischlehrer gegeben haben. Mit den Übungen kommen die Sachsen gut zurecht. Sie sind praktisch veranlagte Menschen. Jetzt reicht es an Ländervergleichen, sonst handele ich mir wieder einen Rassismus-Vorwurf ein.   

KK: In Deutschland hat das Thema Software-Qualitätssicherung ja auch durch die Fraunhofer-Institute stark an Bedeutung zugenommen in den letzten zwei Jahrzehnten, ich denke etwa an das IESE in Kaiserslautern und auch an weitere Einrichtungen. Sehen Sie das auch so als weiteren „Schub“ für das Gebiet und sind die Spuren aus Ihrer Praxissicht schon deutlich sichtbar geworden?

HS: Das IESE in Kaiserslautern hatte ja schon immer einen Schwerpunkt in der Qualitätssicherung. Der Gründer und langjährige Leiter Prof. Dieter Rombach hatte an meiner alten Universität Maryland bei Victor Basili gearbeitet. Er genießt in Amerika einen exzellenten Ruf als Fachmann für Metrik und Messung. Prof. Peter Liggesmeyer am IESE, der heutige geschäftsführende Institutsleiter, war einige Zeit in Maryland, um das Institut dort aufzubauen. Es besteht weiterhin eine enge Beziehung zwischen dem IESE und der Universität Maryland, was Forschung auf dem Gebiet der Qualitätssicherung anbetrifft. Prof.  Liggesmeyer, der heutige Präsident der GI, hatte schon seinen Promotionsschwerpunkt im Softwaretest  und hat sehr früh einen Ruf als Testexperte gewonnen. Als er noch wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bochum war, hatte ich mit ihm zu tun. Ich weiß nicht, zu welchem Grad ich ihn beeinflusst habe. Jedenfalls hat er sich in den 1980er Jahren für meine Arbeit auf dem Gebiet des Testens stark interessiert.

Vor mir auf meinem Schreibtisch blicke ich auf sein Buch „Modultest und Modulverifikation“, das er mir damals geschenkt hat. Dann habe ich das Gebiet verlassen und der Kontakt, auch der mit Prof. Rombach, war nicht mehr so stark. Ich denke, das IESE wird weiterhin das Qualitätsbewusstsein in Deutschland und über Deutschland hinaus durch seine Konferenzen und Veröffentlichungen stark prägen. Ich meine, das IESE hat auch ein mächtiges Wort in der Forschungspolitik mit zu reden. Zusammen mit dem Lehrstuhl von Prof. Manfred Broy an der TU München setzen sie die Latte für Softwarequalität weltweit. Daneben ist auch die GI-Fachgruppe für Test, Analyse und Verifikation (TAV) von Software zu erwähnen. Sie gehört zu den stärksten GI-Fachgruppen. Außerdem ist die ISTQB nirgendwo so stark wie in Deutschland und die ASQF geht jetzt in die USA. Man könnte sogar behaupten, Deutschland sei die Heimat der Softwarequalität.

KK: Sie waren ja auch immer ein konstruktiv-kritischer Beobachter des Software-Engineering allgemein und nicht zuletzt auch der Programmiersprachen und eben Programmierung. Wie ist Ihre Sicht auf die Programmiersprachenthematik heute?

HS: Meine Meinung zu den Programmiersprachen ist, dass wir uns im Kreis drehen. Früher gab es internationale Ausschüsse, die mit Expertengremien über Programmiersprachen entschieden haben. FORTRAN, ALGOL und COBOL waren Produkte solch wissenschaftlicher Gremien. Die für meine Begriffe hervorragende Sprache ADA ist auf diese Weise entstanden, eine syntaktisch sauber definierte Sprache. Pascal und Modula 2 waren auch musterhafte Sprachen, die aus der Welt der Wissenschaft kamen.

Dann hat die Industrie die Federführung bei der Sprachentwicklung an sich gerissen. Ergebnisse davon sind C++, Java, C# und eine Reihe weborientierter Sprachen wie PHP, Python, Ruby usw. Die Wissenschaft hat die Kontrolle über die Sprachentwicklung schon lange verloren. Ein jeder kann eine neue Sprache in die Welt setzen und wenn es ihm gelingt, eine Schar treuer Anhänger für seine Sache zu begeistern, breitet sich diese Sprache wie eine Epidemie über die Welt aus, als ob wir nicht schon genug Sprachen hätten. In der Programmiersprachwelt haben wir den wahren Turm von Babel. Vielleicht ist das die Strafe für die ungebändigte Machtgier der rivalisierenden Konzerne, denn wer die Sprache bestimmt, bestimmt, wie die Menschen denken. Sehr oft führt die Wahl einer proprietären Sprache in eine Sackgasse, siehe das Schicksal vieler 4GL-Sprach­anwender. Heute müssen diese Anwender mit hohen Kosten den Weg zurück zu einer Standardsprache finden. Es ist wirklich schade, dass die Sprachentwicklung derart auseinander gelaufen ist.

KK: Machen wir bitte mal einen Blick in die Zukunft, Teil 1: Welches sehen Sie als die Hauptherausforderungen in Bezug auf Software-Qualitätssicherung vor uns liegen? Was lässt sich dabei vielleicht noch mehr an Automatisierung machen als bisher?

HS: Ich sehne  mich nach dem Tag, an dem nicht mehr getestet werden muss, wenn nur der Source Code analysiert, verifiziert und validiert wird. Der Code bestimmt alles, was an einem Rechner oder in einem Rechnernetz geschieht. Also muss es möglich sein, an Hand des Codes festzustellen, ob ein System sich korrekt verhalten wird oder nicht. Wir brauchen eben Spezifikationssprachen, mit denen wir den Code vergleichen können. Das ist wahrlich keine einfache Anforderung, aber das endlose Herumtesten ist auch keine. Wir brauchen Automaten, um das korrekte Verhalten anderer Automaten zu beurteilen. Ich hoffe, dass dieser Tag bald kommt, aber ich bin unsicher, wie lange wir brauchen, um ihn zu erreichen. Es gibt schon erfreuliche Entwicklungen auf diesem Gebiet, Software, die sich selbst kontrolliert und merkt, wenn sie sich fehlverhält. Das müssen wir stärker forcieren, vor allem jetzt, wo so viele menschliche Tätigkeiten automatisiert werden.

KK: Zum Schluss und Blick in die Zukunft, Teil 2: Als Sie vor zwei Jahren einen stark besuchten und von Studierenden und darüber hinaus rege beachteten Vortrag bei uns an der Universität Jena hielten, berichteten Sie im Nachgespräch von Ihren Promotionsabsichten – bzw. es war wohl schon konkreter als „nur“ Absichten. Was man als Unruheständler eben so alles tut.. Darf ich fragen zum Status, wächst die Dissertationsschrift – und was kommt danach?

HS: Ich habe immer bereut, dass ich damals in Maryland nicht gleich promoviert habe. Dieses Versäumnis hat mich die ganzen Jahre geplagt. In Amerika zählt, wie viel Geld Du hast, in Europa zählt, welchen Bildungsgrad Du erreicht hast. Es stört mich, dass ich hier in dieser Wertehierarchie den Gipfel nie erreicht habe. Ich bin vieles gewesen und nichts geworden. Im Jahre 2012 habe ich in einem Promotionsausschuss an der Universität Amsterdam mitgewirkt. Der Kandidat – ein polnischer Gaststudent – hat über die Analyse von Mainframe-Applikationen geschrieben. Da ich einer der letzten Experten in Europa für dieses Thema bin, wurde ich eingeladen, die Arbeit zu begutachten. Da kam aber wiederum die Frage auf, ob ich als nicht Promovierter über eine Promotionsarbeit entscheiden dürfte. Dort habe ich den Entschluss gefasst, doch noch zu promovieren.

Ich habe mit Professor Chris Verhoef gesprochen, den ich schon lange aus den Wartungs- und Reengineering-Konferenzen kannte. Wir haben vereinbart, dass wir erst mindestens fünf Veröffentlichungen in international anerkannten Zeitschriften und Konferenzen gemeinsam publizieren. Dieses Jahr sollte ich dieses Ziel erreichen. Ein letzter Artikel wurde von der IEEE Software akzeptiert. Es wird demnächst erscheinen. Damit habe ich schon über 450 Papers und Artikel in deutscher und englischer Sprache publiziert. In der Zwischenzeit sammele ich fleißig Material für meine Dissertation. Das Thema ist automatisierte Softwaremigration.  Nach meiner Entlassung von der ANECON habe ich eine neue Aufgabe als Migrationsberater für das österreichische Bundesland Burgenland gefunden. Das Projekt ist die Fallstudie für meine Arbeit. Ich habe schon den alten Code in Visual Age und PL/I vermessen, nachdokumentiert und ein Repository aufgebaut. Der Visual Age Code muss re-implementiert werden. Den PL/I-Code will ich versuchen, automatisch nach Java umzusetzen. Mit COBOL ist mir das schon mal für den Flughafen Wien gelungen. Ich hoffe nur, dass ich es durchhalte. Ich habe inzwischen meinen 75. Geburtstag gefeiert und arbeite gleichzeitig an einem letzten Buch – Endstation Wien. Das Buch schildert meine IT-Projekt­erfahrungen im deutschsprachigen Raum von der HIS bis zur ANECON. Das muss auch erzählt werden.

KK: Lieber Herr Sneed, ganz herzlichen Dank für diese Tour d’Horizon über 45 Jahre Software-Engineering, hoch spannend. Ich denke, es wird viele interessieren.

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