Mittwoch, 9. September 2015

Peter Liggesmeyer über die Gesellschaft für Informatik und die aktuelle Fraunhofer-Forschung

Peter Liggesmeyer (Jahrgang 1963) ist seit 2015 der geschäftsführende Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern. Er ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls „Software Engineering: Dependability“ an der TU Kaiserlautern und leitet seit 2014 die Gesellschaft für Informatik (GI) als deren Präsident. Er ist Gründer der Fraunhofer-Allianz Embedded Systems, deren Sprecher er von 2010 bis 2013 war. Von 2004 bis 2014 war Liggesmeyer der wissenschaftliche Leiter des Fraunhofer IESE. Von 2000 bis 2004 war Liggesmeyer Ordinarius an der Universität Potsdam und Leiter des Fachgebiets „Softwaretechnik“ am Hasso-Plattner-Institut für Software-systemtechnik in Potsdam. Von 1993 bis 2000 war er Projektleiter in der Zentralabteilung Forschung und Entwicklung der Siemens AG in München. Er hat ein Diplom in Elektrotechnik (1988) von der Universität Paderborn und wurde 1992 an der an der Ruhr-Universität Bochum (bei Helmut Balzert) promoviert und habilitiert (2000). Liggesmeyer ist Träger des Software-Engineering-Preises der Ernst-Denert-Stiftung (1993) und Autor zahlreicher Fachartikel und Fachbücher, insbesondere des Standardwerks „Software-Qualität“ (2002, 2. Aufl. 2009).



Foto © Cornelia Winter

Bertal Dresen (BD): Die Gesellschaft für Informatik (GI), deren Präsident Sie zurzeit sind, ist zweifellos die mit Abstand wichtigste Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum. Gerne komme ich auf Ihr Angebot zurück, einige Fragen zur GI zu diskutieren, die meine Leser und mich interessieren. Im Oktober 2012, also vor rund drei Jahren, führte ich in diesem Blog ein Interview mit Stefan Jähnichen, in dem auch über seine zurückliegende Zeit als GI-Präsident gesprochen wurde. Jähnichen wünschte sich mehr junge und aktive Mitglieder. Ist sein Wunsch in Erfüllung gegangen? Wenn es nicht der Fall war, haben Sie noch Hoffnung auf eine Wende oder leidet die GI auch unter der oft beklagten Vereinsmüdigkeit junger Menschen? Was tut sich sonst bezüglich der Mitgliederentwicklung?

Peter Liggesmeyer (PL): In der Tat leidet auch die GI unter der allgemeinen Vereinsmüdigkeit. Viele Informationen, Hintergründe und sogar Expertennetzwerke, die früher exklusiv in einer Vereinsstruktur wie der GI angeboten werden konnten, sind heute offen und für jedermann im Internet verfügbar. Die GI verzeichnet daher seit Längerem einen Mitgliederschwund, der sich primär aus einer aus unserer Sicht zu geringen Rate von Neueintritten begründet. Dieses Missverhältnis aus Ein- und Austritten in unsere Fachgesellschaft konnte allerdings in der ersten Amtszeit meiner Präsidentschaft verringert werden.

Das ist Maßnahmen geschuldet, die wir im Vorstand ergriffen haben, z.B. den so genannten „Schnuppermitgliedschaften“, die einen niedrigschwelligen Eintritt vor allem für jüngere Menschen in unseren Verein ermöglichen sollen. Wir haben jüngst die ersten Zahlen hierzu validiert und sind mit einer Rate von rund 50 % Neumitgliedern aus dieser Aktion sehr zufrieden. Dies ist ein schöner Beweis dafür, dass wenn man die Strukturen und Netzwerke der GI einmal erlebt hat, auch gerne dort Mitglied wird. Die Gewinnung weiterer GI-Mitglieder ist mein Ziel Nummer 1.

Um zudem ein besseres Verständnis über den „Mythos“ GI-Mitglieder zu erhalten, haben wir jüngst den Arbeitskreis Stärkung der GI mit Vertretern aus Fellows, Junior Fellows, Geschäftsstelle und Vorstand sowie weiterer Ehrenamtlicher einberufen und eine Mitgliederdatenaktualisierung und Interessenabfrage vorgenommen. Ich stütze mich gern auf Fakten und nicht auf Annahmen. Die Fakten sind: Die Altersstruktur und die Mixtur aus Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern sind in Ordnung. Wir haben nach wie vor einen Mitgliederschwund. Das Problem ist erkannt und wird mit Hochdruck bearbeitet. Verbesserungstendenzen sind bereits vorhanden.  

BD: Welche großen Themen beschäftigen Sie und ihre Vorstandskollegen zurzeit? Welche Themen wurden von außen an die GI herangetragen? Welche Wünsche kamen von innerhalb der Mitgliedschaft? In welchen Fällen wurde eine zufriedenstellende Lösung gefunden? Welche Themen werden Sie vermutlich an Ihre Nachfolger vererben?

PL: Ich habe mich seit meiner Wahl zum Präsidenten sehr engagiert, die GI nach Außen zu positionieren. Eine Fachgesellschaft, die an den relevanten Stellen nicht in Erscheinung tritt, ist irrelevant. Mir ist wichtig, dass die GI zu Informatikthemen gehört wird und mitgestaltet. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Ich bin unbescheiden genug, zu behaupten, dass wir an dieser Stelle in der jüngeren Vergangenheit viel erreicht haben und kann das an einigen wenigen Beispielen festmachen:

  • Die GI hat gemeinsam mit dem BMBF im Wissenschaftsjahr 2014 die Initiative „Deutschlands digitale Köpfe“ ausgerichtet. Wir haben mit den ausgewählten 39 digitalen Köpfen ideale Multiplikatoren für unsere Informatikthemen gekürt.
  • Die GI hat bilaterale Kooperationsvereinbarungen mit zahlreichen Verbänden geschlossen, z.B. mit „Deutschland sicher im Netz“, „MINT Zukunft schaffen“, dem FZI, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI, dem Bundesverband IT Mittelstand (BITMi) oder dem Verband der deutschen Internetwirtschaft eco.
  • Die GI hat den Multiplikatorenstatus der Allianz für Cybersicherheit erhalten und ist in den Beirat dieser Allianz aufgenommen worden.
  • Der erste parlamentarische Abend der GI in Berlin war mit rund 100 Teilnehmern – darunter über ein Dutzend Parlamentarier  ̶  ein voller Erfolg und führte überdies zu einer Anhörung der GI im Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ zum Thema „Industrie 4.0  ̶  Safety meets Security“.
  • Erstmals unterstützt die GI gemeinsam mit dem FZI Karlsruhe die Begleitforschung zum so genannten „Smart Data“-Technologieprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums.
  • Und die GI ist mittlerweile durch die vier Ministerien BMWi, BMBF, BMI und BMJV in vier Arbeitsplattformen und somit drei Handlungsfelder des neu ausgerichteten IT-Gipfels der Bundesregierung eingebunden.
Im Innenverhältnis sind sicherlich die Grand Challenges, sowie Themen rund um die Gewinnung neuer Mitglieder hervorzuheben, die meines Erachtens noch sehr lange auf der Agenda stehen werden. Und ein besonders wichtiges Fachthema, zu dem wir als GI maßgebliche Beiträge geleistet haben, ist das aktuelle Thema „Sicherheit“.

BD: Über ein Thema hatten wir beide uns vor einigen Wochen ausgetauscht. Es ist die Attraktivität der GI für Praktiker. Ich hatte beklagt, dass die GI immer wieder in das frühere Klischee eines Professorenvereins zurückfällt. Sie meinten, dass sich in den letzten fünf Jahren gerade in dieser Hinsicht Einiges verbessert habe. Können Sie dies näher belegen. Gibt es Zahlen für den Anteil von Hochschulangehörigen und Praktikern unter der GI-Mitgliedschaft, insbesondere bei dem aktiven Teil? Was soll der geplante Beirat für Wirtschaft bewirken?

PL: Mir liegt daran, die GI als echte Fachgesellschaft zu etablieren, die sich allen Aspekte des Fachs Informatik widmet. Das muss sowohl die Wissenschaft als auch die Praxis einbeziehen. Im aktuellen GI Vorstand ist uns dies beispielsweise bereits eindrucksvoll gelungen: Simone Rehm ist bis vor Kurzem noch als CIO bei Trumpf Maschinenbau aktiv gewesen. Christof Leng arbeitet mittlerweile bei Google in Irland und im erweiterten Vorstand ist mit Christine Regitz eine Vertreterin des SAP Aufsichtsrats in unseren Vorstandsstruktur aufgerückt. Damit ist der „Praktikeranteil“ in diesem Gremium so hoch wie noch nie.

In den Leitungen der GI-Gliederungen – beispielsweise Fachbereichen, dem Präsidium oder auch den Beiräten – sind Wirtschaftsvertreter einerseits unterrepräsentiert. Andererseits ist doch ganz klar, dass die inhaltlichen Diskussionen zum Fach Informatik eher in Workshops und Konferenzen geführt werden, die z.B. von GI-Arbeitskreisen und Fachgruppen veranstaltet werden, und bei denen durchaus Wirtschaftsvertreter nicht zwingend in der Minderheit sind. Menschen engagieren sich eben dort, wo es aus ihrer Sicht sinnvoll ist. Dennoch möchte ich gerne Strukturen schaffen, die klar erkennbar die Relevanz der GI für Wirtschaftsvertreter unterstreichen und Themen für die Wirtschaft in der GI vorantreiben. So ist auch der geplante Beirat für Wirtschaft zu verstehen, der im ersten Schritt Kontakt zu unseren korporativen Mitgliedern suchen wird.

BD: Die GI ist  ̶  neben den Fakultäten- bzw. Fachbereichstag Informatik  ̶  offensichtlich federführend, was die Definition und die Fortentwicklung von Studiengängen an Hochschulen betrifft. Das gilt sowohl für die Informatik wie die Wirtschaftsinformatik. Wie sehen Sie diese Aktivität? Wie oft müssen Ausbildungsinhalte an die technische Entwicklung angepasst werden? Wie geschieht dies? Haben dabei die Kunden der Ausbildungsstätten hinreichenden Einfluss? Üben diese ihre Einflussmöglichkeiten überhaupt aus?

PL: Das ist richtig: Die GI versucht seit jeher auf Aus- und Weiterbildung in der Informatik Einfluss zu nehmen. Aktuell gibt es intensive Diskussionen um das Schulfach Informatik. Die GI hat kürzlich die „3. Dagstuhl-Erklärung zur informatischen Bildung in der Schule 2015“ verabschiedet. Wir sind außerdem in die Diskussionen zu diesem Thema im Rahmen des IT-Gipfels involviert. Lehre und Forschung sind – wie wir ja bereits festgestellt haben – traditionelle Schwerpunkte in der Arbeit der GI. Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer sind oft in der GI organisiert und arbeiten dort auch an der Novellierung von Lehrinhalten. Dazu existieren zum Teil auch eigenständige Veranstaltungen, z.B. die SEUH-Tagung. Ich würde an dieser Stelle auch sehr gern die Involvierung von Wirtschaftsvertretern intensivieren, um deren Anforderungen berücksichtigen zu können.

BD: Über die Entwicklung des Bedarfs an Informatikern und Informatikerinnen wird lebhaft diskutiert, seit es den Studiengang gibt. Was ist Ihre Meinung dazu? Welche Qualifikationen werden in Zukunft am meisten gefragt sein? Welche Rolle spielt heute (und in Zukunft) das Wissen über Anwendungsgebiete? Wie wird es am besten vermittelt? Was halten Sie von der Meinung Ihres Amtsvorgängers Roland Vollmar, dass sich die Informatik in die Anwendungsdisziplinen diffundieren wird? Mit andern Worten: Wird die Informatik trivial und bedeutungslos?

PL: Ich glaube schon, dass die Verbindung zwischen der Informatik und ihren Anwendungsbereichen intensiver werden wird. Dadurch wird die Bedeutung der Informatik aber eher zu- als abnehmen. Wir sehen diese Entwicklung doch bereits seit Langem: Automobilbau ist heute kein reiner Maschinenbau mehr, sondern eine Disziplin mit einem hohen Informatik-Anteil. Das Gleiche gilt für Medizintechnik, den Maschinen- und Anlagenbau, den Bereich der Energieversorgung und viele weitere Anwendungsbereiche. Ein Maschinenbauer ohne Informatik-Expertise ist daher auf die Herausforderungen der Praxis schlecht vorbereitet. Der reine Informatiker, der nur seine enge Sparte aus der Informatik beherrscht, ist aber ebenfalls schlecht präpariert für die Zukunft. Der zukünftige Informatiker wird neben einem profunden Informatik-Wissen auch in der Lage sein müssen, Schnittstellen zu anderen Disziplinen zu bedienen. Die Informatik wird sich zunehmend öffnen müssen, was selbstverständlich auch Konsequenzen für die Lehrinhalte von Studiengängen haben wird. Ich sehe die Zukunft einer solchen Informatik sehr positiv.

BD: Seit Jahrzehnten – und nicht erst seit Edward Snowdens Enthüllungen – wird  das Thema Sicherheit an Informatiker herangetragen. Man kann das Ganze auch vereinfacht als Schutz der Privatsphäre und Schutz vor Industriespionage bezeichnen. Arbeitskreise der GI haben sich in den letzten Jahren intensiv mit den rechtlichen und technischen Aspekten der Ausspähung von Daten sowie der Sicherheit von E-Mails befasst. Die GI hat damit Einiges für die Bewusstseinsbildung getan. Was kann eine Fachgesellschaft wie die GI zusätzlich tun? Was ist geplant? Ist die Vergabe großer Forschungsprojekte auf diesem Gebiet, etwa durch die EU, mehr als nur Aktionismus?

PL: Die GI befasst sich seit Langem mit dem Thema Sicherheit. Als Konsequenz daraus sind wir in der Lage konkrete Vorschläge für den Umgang mit Sicherheit vorzulegen. Aufgrund unserer intensivierten Außenkontakte werden diese Vorschläge nun auch wahrgenommen und in die richtigen Kanäle eingespeist. So gibt es z.B. eine Vorlage der GI im Rahmen des vom Bundesinnenministerium gesteuerten Handlungsfeld des IT-Gipfels, das das Thema Sicherheit adressiert und konkret das Thema Verschlüsselung gemeinsam mit großen Unternehmen wie DTAG und 1&1 in der Breite der Gesellschaft zu verankern. Ich habe als GI-Präsident kürzlich – wie eingangs erwähnt  ̶  auf Einladung des Bundestagsausschusses „Digitale Agenda“ zum Thema berichtet. Ich halte die aktuellen Aktivitäten in der Politik und vor allem die zur Verfügung gestellten Forschungsgelder in Deutschland und Europa nicht für Aktionismus. Sicherheit ist ein kompliziertes Thema, zu dem nach wie vor noch unbeantwortete Fragen existieren.

BD: Sie betonen immer wieder, dass die GI von vielem Organisationen und Gremien um Rat gefragt wird. Welche Dinge wollen und können andere Fachgesellschaften oder Organisationen von der GI lernen? Als die GI vor 45 Jahren gegründet wurde, musste man noch erklären, was Informatik ist und kann. Dieses Wissen darf man doch heute voraussetzen, oder täusche ich mich? Was kann die GI von anderen technischen Fachgesellschaften lernen, etwa von denen im Automobil- und Maschinenbau? Ich meine primär die Fachgesellschaften und nicht deren Fachgebiete.

PL: Es ist nach meinem Verständnis eine zentrale Aufgabe einer Fachgesellschaft, ihr Fach in allen Belangen zu vertreten. In dem Maße, in dem die Relevanz von Informatik-Themen ansteigt, musste daher auch die GI aktiv werden. Genau das haben wir in der jüngeren Vergangenheit erreicht. Ich hätte Schwierigkeiten damit, wenn die Bundesregierung eine digitale Agenda ohne Beteiligung der GI ersinnen würde. Glücklicherweise wird unsere Meinung aber wahrgenommen und geschätzt. Ich glaube, dass wir als Fachgesellschaften weniger voneinander lernen können, als vielmehr miteinander, durch die Gestaltung gemeinsamer Inhalte.

BD: Täuscht das Gefühl, dass die GI gerne Veranstaltungen durchführt zu Themen wie Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data, und dgl. vorwiegend um aktuelle Hypes zu bedienen? Welche forschungs- oder industriepolitischen Ziele verfolgen solche Veranstaltungen? Werden dabei auch genuine Beiträge aus der Informatik zu diesen Themen behandelt  ̶  egal ob von deutschen oder nicht-deutschen Fachkollegen stammend? Werden außer Forschungsvorhaben auch Lösungen diskutiert, die innerhalb der nächsten 3-5 Jahre praktische Relevanz haben können?

PL: Ich halte die Themen Industrie 4.0, Internet der Dinge oder auch Big Data nicht für Hypes. Ich bin der Überzeugung, dass es sich dabei im Kern um wichtige langlebige Informatik-Themen handelt, die gesellschaftlichen Zündstoff und zudem auch noch eine hohe Relevanz in vielen Anwendungsbereichen haben. Ich wünsche mir, dass die GI hier Einfluss nimmt und dieses Feld nicht anderen überlässt. Jemand, der Praxisnähe begrüßt, müsste eine Befassung mit diesen Themen eigentlich schätzen. Zur Frage der Projekte der GI mit praktischer Relevanz verweise ich zudem auch gerne nochmals auf das jüngst mit dem BMWi vereinbarte Begleitforschungsprojekt im Bereich „Smart Data“. Hier werden 13 Technologieprojekte mit maßgeblicher Wirtschaftsbeteiligung seitens der GI vernetzt und zum interdisziplinären Austausch befördert, genauso wie es unsere Satzung seit 1969 vorsieht. Ergebnisse aus diesen 13 Projekten werden 2018 erwartet.

BD: Zum Schluss noch zwei Fragen zu Ihrer Arbeit in Kaiserslautern. Mein Interview mit Dieter Rombach im Juni 2011 war eines der ersten in diesem Blog. Sie haben – wie ich weiß – Rombachs Amt als Direktor des IESE übernommen. Welche wichtigen Ergebnisse aus den damals von Rombach beschriebenen Aktivitäten liegen inzwischen vor? Was hat sich seither geändert, sei es in Bezug auf die Herkunft und Höhe der Fördermittel, die Akzeptanz der Forschungsergebnisse in der Industrie, das Angebot qualifizierter Fachkräfte, und dgl.?

PL: Das Fraunhofer IESE ist – damals ganz richtig – als Software Engineering-Institut gegründet worden. Mittlerweile liegt sein Schwerpunkt im Bereich des Systems Engineering. Diese Umsteuerung ist in der jüngeren Vergangenheit bewusst vollzogen worden. Sie ist durch die Veränderung der Informatik motiviert, die ich bereits ausführlich beschrieben habe. Empirie ist für uns mittlerweile ein selbstverständlicher Bestandteil guter Forschungsarbeit, so dass wir dies kaum noch explizit betonen, sondern implizit mit erledigen. Das Institut ist in der Förderlandschaft gut positioniert, und partizipiert insbesondere an strategischen Projekten des Landes Rheinland-Pfalz, des Bundes und der EU. Fraunhofer-Institute benötigen immer eine Akzeptanz der Forschungsergebnisse in der Industrie.

BD: Hat sich die Idee der regionalen Kooperation zwischen Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden bewährt? Welche Ergebnisse müssten mir aufgefallen sein? Haben Sie Bayern, Bremen und Berlin die öffentlichen Fördertöpfe mit Erfolg streitig gemacht? Gibt es signifikante Neugründungen in der Region? Wer außer der Automobilbranche hat sich als deutsches Informatik-Schwergewicht entpuppt?

PL: Ich bin sicher, dass wir in Deutschlands Süd-Westen gut positioniert sind. Dafür gibt es viele Belege. So wird z.B. der Software-Cluster auch maßgeblich durch die Standorte Saarbrücken, Kaiserslautern und Darmstadt vorangetrieben. Ich beobachte an meinem eigenen Standort Kaiserslautern eine sehr ausgeprägte Schärfung des Profils. Das zeigt bereits positive Konsequenzen – auch beim Anteil an Fördertöpfen.

BD: Lieber Herr Liggesmeyer, vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Wie Sie wissen, bin ich bereits 60 Jahre in der Informatik (früher meist Datenverarbeitung genannt) tätig und 45 Jahre lang GI-Mitglied. Dass meine Wunschliste an die Repräsentanten des Fachs etwas anders ausfällt als die von Kollegen, die gerade die Informatik für sich entdeckten, sollte Sie nicht überraschen.

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