Freitag, 24. Juni 2016

Bildung ̶ ein Leerwort im Munde vieler Sonntagsredner

Es gibt Begriffe, die durch Übernutzung geradezu ihres Sinns entleert werden. Sie verkommen zur Worthülsen. Jeder füllt sie mit Inhalt, der ihm gerade passt. Leider kann ich nicht umhin, das Wort Bildung in dieser Kategorie zu sehen. Mir ist es nämlich inzwischen zuwider, wenn Leute immer nur mehr Bildung fordern und nichts gesagt wird über die Inhalte. Meines Erachtens sollte es immer heißen 'Bildung zu etwas' oder 'Bildung in etwas'. Man fordert doch auch nicht Änderung nur um der Änderung willen, von einigen Berufsrevolutionären abgesehen. Zumindest muss gesagt werden, ob es nur um die Anhäufung von esoterischem Wissen geht oder auch um praktische Fähigkeiten. Was nützen Kenntnisse in Kirchenlatein oder in Altgriechisch, wenn man ein Auto reparieren oder einen Blinddarm operieren will? Wer das Wort Bildung in den Mund nimmt, suggeriert bei uns einen guten Zweck. Wer Geld für Bildung fordert  ̶  insbesondere öffentliches Geld  ̶  der sollte sagen müssen für welche Art von Bildung.

Qualifikation statt Bildung

Man käme meiner Vorstellung näher, wenn man statt Bildung das Wort Qualifikation verwenden würde, immer dann, wenn mehr als Grundschulbildung gemeint ist. Hier ist die Frage des Wofür stets impliziert. Niemand qualifiziert sich für alles. Bei jeder sportlichen Qualifikation gibt es eine Norm, die erreicht werden muss. Das bekannteste Beispiel ist die Olympia-Norm. Sie wird für jede Disziplin und für jede Olympiade neu festgelegt. Seit der Aufklärung, also seit dem 18. Jahrhundert, ist es nämlich unmöglich, in allem gebildet zu sein. Es gibt nur noch Spezialisten.

Viele deutsche Bildungspolitiker scheinen zu glauben, dass der Preuße Wilhelm von Humboldt (1767-1835) alles zum Thema gesagt habe, was man wissen müsste. Ihm reichte es, den Gebrauch des eigenen Verstandes  ̶  oft mit der Vernunft gleichgesetzt  ̶  zu lernen und so viel Wissen über die Welt aufzusaugen, wie möglich. Eine Universität dürfe sich nicht dafür hergeben, die Bedürfnisse eines Berufs oder die Wünsche der Wirtschaft zu erfüllen. Was man dafür benötige, darum sollte sich der Einzelne oder die Wirtschaft selbst kümmern. Es sei nicht Sache des Staates. Das war genau passend für einen von vorwiegend adligen Beamten und Offizieren geleiteten Staat. Es ist heute zum Glück anders. Aber der liebe Baron Humboldt wird weiter bemüht.

Ich neige zu der geradezu konträren Meinung, dass es den Staat primär  ̶  wenn nicht sogar ausschließlich  ̶  interessieren sollte, dass seine Bürger für berufliche und fachlich anspruchsvolle Tätigkeiten vorbereitet (also qualifiziert) werden. Alles, was darüber hinausgeht, wie das Erlernen von Hobbies oder künstlerischer Fähigkeiten, sollte Privatsache sein. Oft hört man auch die Meinung, dass Bildung das ist, was man selbst tut, alles andere wäre Ausbildung. Das entspricht teilweise meiner Auffassung, sofern man Ausbildung mit Qualifikation gleich setzt. Nur schließt es den Autodidakten aus, d.h. den Menschen, der ohne von andern geführt zu sein, aus eigener Willenskraft sich dazu aufrafft, nützliche Fähigkeiten zu erlernen.

Lehr- und Lerninhalte

Idealisten und Utopisten träumen davon, dass ein Mensch umso besser dran ist, je mehr er weiß. Sie betrachten nicht nur die Kapazität unseres Gedächtnis als unbegrenzt, sie messen auch Wissen einen Wert zu, unabhängig davon, um was es geht. Je mehr Wissen ein Mensch besitzt, umso besser sei es für ihn. Schon die Bibel hat vor dieser Hybris gewarnt. Engel, die mehr wissen wollten als Gott zuließ, landeten in der Verdammnis. Heute kann man sich nur wundern, wie weit diese Form der Arroganz verbreitet ist. Allwissenheit steht dem Menschen nicht zu. Dies nicht zu wissen, ist eine Dummheit.

Die Lehr- und Lerninhalte (auch als Bildungsinhalte bezeichnet) sollten sich nur nach den Fähigkeiten richten, die ein Mensch erwerben will oder soll. Will jemand Chemiker werden, muss er Einiges über Chemie wissen. Will er Kaufmann werden, sollte er andere Dinge wissen. Wissen zu erwerben hat keinen Sinn, wenn man es nicht braucht. Es ist nicht Selbstzweck. Das Wissen eines Fachgebiets dient dazu entsprechende fachliche Leistungen zu erbringen. Nur in Ausnahmesituationen muss ein Facharzt auf einem anderen Gebiet aushelfen.

Begriff Wissen

Manchmal gerate ich an Kollegen, die Wissen als Abstraktum begreifen. Sie klammern sich dabei an die Sprachtheorie und glauben dort Verlässliches zu erfahren. Wissen ist meines Erachtens ebenso wenig abstrakt wie Wasser oder Luft. Im Konkreten sind alle drei jederzeit leicht zu bemerken und zu erfassen. Nicht nur das Vorhandensein (die Existenz) lässt sich bestimmen, auch ihr Ausmaß (die Quantität) lässt sich messen. Im Übermaß können sie sogar Schaden anrichten, bei Wasser und Luft etwa in Form von Überschwemmungen oder Wirbelstürmen. Auch zu viel Wissen kann manchmal schädlich sein (engl. considered harmful). Unter der Lupe betrachtet, bestehen Wasser und Luft aus Atomen. Wissen besteht aus elementaren Aussagen der Art: ‚Vögel nennt man Tiere, die fliegen können. Der Strauß kann nicht fliegen, ist aber trotzdem ein Vogel, da es seine Vorfahren konnten.‘

Wissen ist eine Ansammlung für wahr gehaltener Aussagen, über die einzelne Menschen oder die Menschheit als Ganzes verfügen. Bei Wissen ist es wie bei Arzneien. Bei dem einzelnen Patienten kommt es auf die richtige Dosis zum richtigen Moment an. Daneben zu greifen ist leichter als zu treffen. Für die Menschheit als Ganzes kann es nicht genug verschiedene Arzneimittel geben, am besten für jeden Menschen ein anderes. Dabei ist ein einzelnes Medikament allein meist nicht ausreichend. Einen jungen Menschen mit Wissensmüll zu belasten, sollte endlich verboten werden. Kein Kinderarzt pumpt ein Kind voll mit Pharmazeutika.

Praktisches und anderes Wissen

Je mehr jemand um das tägliche Sattwerden besorgt ist, je mehr praktische Dinge muss er beherrschen und wissen. Ein Bauer musste früher nur den Boden bearbeiten können und den Vegetationszyklus kennen. Heute muss er sich zusätzlich mit künstlichen Düngemitteln, künstlicher Besamung und dergleichen auskennen, insbesondere aber mit den gerade von der EU durchgeführten Fördermaßnahmen. Wer nicht an das tägliche Überleben denken muss, sollte seine Fähigkeiten dafür einsetzen, andere wichtige Aufgaben der Menschheit in Angriff zu nehmen. Welche Aufgaben dies sind, sollte die so genannte höhere Bildung vermitteln. Das ist schwierig und heikel, da man diese Information sich meist selbst erarbeiten muss. Wie im nächsten Abschnitt ausgeführt, können manchmal andere Zeitgenossen uns helfen. Aristoteles und Kant, aber auch die beiden Brüder Humboldt, haben dazu sehr wenig überliefert.

Wissen, das sich nicht in Können ausdrückt, hat nur akademischen Wert. Aber auch ein Könner, der nicht willens ist sein Können praktisch anzuwenden, ist im Grunde ein Parasit. Er belastet den Rest der Gesellschaft. Ob jemand sich das Recht herausnehmen darf, nützliche Fähigkeiten brachliegen zu lassen, ist eine ethische Frage. Ich erspare mir die Beantwortung. Für manche Menschen ist es eine Überforderung, lebenslang lernen zu müssen. Sie möchten möglichst schnell ein Plateau erreichen, von dem aus das Leben leicht zu bewältigen ist. Sie möchten nicht ewig die Schulbank drücken. Dies nicht anzuerkennen, ist ein Fehler.

Kanon des Wissens

Im April 2013 hatte ich zuletzt in diesem Blog über konkrete Inhalte von schulischen Bildungsplänen diskutiert. Der unglaubliche Erfolg, den der Englischlehrer Dietrich Schwanitz (1940-2004) mit seinem Buch ‚Bildung - Alles, was man wissen muß hatte, stand noch im Raum. Er hatte seinen Leserinnen und Lesern empfohlen sich auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie zu beschränken. Natur- und Ingenieurwissenschaften seien eh langweilig und für die gesellschaftliche Konversation ungeeignet. Versuche, dem Schwanitzschen Erfolg literarisch etwas entgegen zu setzen, schlugen fehl.

Jede Zeit muss die Diskussion neu führen, was zum Kern des Wissens gehört, das von einer Generation an die folgende weitergegeben werden sollte. Sie muss den Kanon, also die Richtschnur, neu festlegen. Ich bin mir sicher, dass dabei Autoren wie Schwanitz nicht das letzte Wort haben. Nicht zuletzt dank Schwanitz haben sich nämlich Naturwissenschaftler und Techniker dazu aufgerafft, sich mehr an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. Die Abkürzung MINT (für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) erscheint immer öfter in den Medien. Das sollte allerdings nicht zur Folge haben, dass jetzt Ökonomie und Medizin sich übergangen fühlen. Festzuhalten ist, dass nicht die Verbraucher den Markt strukturieren, sondern die Anbieter, so wie überall in der Wirtschaft. Jeder heutige Beruf wirbt mit Vorliebe nur um Nachwuchs für seinen Beruf. Ein Bäcker wirbt für den Bäckerberuf, ein Jurist für das Jurastudium. Kein Berufsfremder ist authentisch.

Lehr- und Lernmethoden

Wie man am besten Fähigkeiten und das dazu gehörige Wissen erwirbt, variiert sehr stark von Individuum zu Individuum. Dennoch ist es sinnvoll, nach Methoden zu suchen, die bei möglichst vielen Menschen Erfolg haben. Oft wird in der Aus- und Weiterbildung Technik der Technik wegen propagiert. Das ist genauso falsch, wie jede neue Technik, die Menschen ersetzt oder seine Möglichkeiten erweitert, zu verteufeln.

Es kommt darauf an, Wissen und Können zeitnah, bedarfsgerecht und kostengünstig zu vermitteln. Wenn dies Menschen besser können als Maschinen, sollen es Menschen tun. Wo Maschinen, also Computer, dies um Klassen besser tun können als Menschen, sollen Maschinen dies tun dürfen. Natürlich sollte jeder sich die Methode des Lernens und das Tempo selber auswählen können. Das artet möglicherweise in einen Luxus aus und sollte dann bezüglich der Kosten nicht auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Es sollten weder privilegierte Methoden noch privilegierte Empfänger geben. Ein privater Hauslehrer war früher in Adelskreisen die Regel. Heute kann sich ihn kaum noch jemand leisten. Ein physisch anwesender Lehrer für kleine lokale Gruppen wird bald genauso selten sein. Wer ihn trotzdem haben will, sollte bereit sein, dafür die Mehrkosten zu übernehmen.

Private oder öffentliche Verantwortlichkeiten

Wo und wann die Vermittlung bestimmter Qualifikationen bevorzugt behandelt wird, das sollte offen diskutiert werden. Es sollte sich danach richten, welche Qualifikationen für die Gesellschaft wichtig sind. Individuen dürfen sich jedoch frei entscheiden, welche Qualifikation sie erwerben möchten. Es besteht freie Wahl des Berufes sowie der Hobbies.

Wird gefragt, wer für Bildungsausgaben zur Kasse gebeten werden soll, dann sind bei uns die Meinungen ziemlich eindeutig. Nachdem eine Weile lang auch die Meinung Gehör fand, dass dafür der Einzelne oder das Elternhaus eine gewisse Verantwortung trage, ist diese Meinung derzeit eher unpopulär. Wenn es Eltern trotzdem tun, ist die Gegenpropaganda sehr aggressiv. Bildung ließe immer noch zu sehr das Elternhaus erkennen, heißt es. Jugendliche, die in bildungsfernen Elternhäusern aufwüchsen, seien benachteiligt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich viele Eltern zwar ihrer Rechte bewusst sind, ihre Pflichten jedoch gerne der Gemeinschaft zuweisen.

Wenn ein Staat sagt, er weiß besser als die Eltern, was den Kindern nützt, dann ist die Gefahr groß, dass sich Eltern wenig Mühe mit der Erziehung der Kinder geben. So liegt der Unterschied zwischen Deutschland und den USA unter anderem darin, dass Familien in den USA einen signifikanten Teil ihres Einkommens in die schulische Ausbildung der Kinder investieren. In vielen asiatischen Ländern ist es ebenso. In Deutschland neigen manche Jugendliche eher dazu zu sagen, was nichts kostet, kann auch nicht viel wert sein. Es kommt darauf an, dem entgegen zu steuern. Wenn sich der Staat zu sehr um die Bildung junger Menschen kümmert, müssen wir Deutsche immer an die Nazis oder an Margot Honecker denken. Es war eine Erlösung, als wir beide loswurden. Ein Staat, der Qualifizierung anbietet, aber keine dem auch entsprechenden Jobs schafft, schafft sich ein Problem. Es sucht sich Lösungen durch  Auswandern oder Aufstand. Einige arabische Länder wie Ägypten und Tunesien sind in genau dieser Situation.

Sicht der Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie

Im Zusammenhang mit einer Diskussion über die Integration arabischer Flüchtlinge in unser  Wertesystem verwies mein Konstanzer Kollege Erich Ortner auf die besondere Relevanz der Bildungsvorstellungen deutscher Sprachphilosophen und Wissenschaftstheoretiker. Er warb dabei unter anderem für Paul Lorenzen (1915-1994), den Mitbegründer des Erlanger Konstruktionismus und dessen Buch Logische Propädeutik - Vorschule des vernünftigen Redens (3. Auflage, 1996). Was in diesem Buch vermittelt würde, sei die Ausbildung im richtigen Denken und Argumentieren. Das sei schließlich die Grundlage jedweder Bildung. Unter anderem forderte er:

Ob Politiker, Bürger, Manager, Software-Entwickler oder Wissenschaftler: Für alle sollten dieselben Regeln einer "vernünftigen Argumentation", die sich ein jeder Mensch als (Grund-)Bildung zunächst selbst aneignen muss, als Argumentationskultur gelten. Man bildet sich (ein Leben lang) selbst, aber wird von anderen ausgebildet. Das ist der entscheidende Unterschied. Sagen wir bis 30 sollte es für jeden Menschen für diese (Selbst-)Bildung ein bedingungsloses Grundeinkommen geben. So kämen wir auch zu emanzipierten Bürgern und Bürgerinnen in einer "E-Demokratie mit "E-Partizipation".

Darauf erwiderte ich, natürlich leicht überspitzend:

Ihre Ausführungen erinnern mich an Karl den Großen, der glaubte, alles was er  ̶  außer dem Schwertführen  ̶  lernen müsste, sei die Rhetorik. Also richtiges Argumentieren. Schreiben, Rechnen und dergleichen machen ja andere für ihn. Karl der Große hatte damals vermutlich die gleiche Einstellung wie sein Zeitgenosse Harun al Rachid und einige der heutigen arabischen Potentaten (oder einige syrische Studenten). Wir im Westen sind inzwischen (teilweise) etwas anderer Ansicht. Es hat uns auch über 1000 Jahre gekostet, um dahin zu gelangen.

Dieser kurze Austausch zeigt, wie schwierig auch heute manchmal die Diskussion über Bildung sein kann, selbst unter Kollegen desselben Fachgebiets. Dass man aneinander vorbeigeredet habe, ist nur eine höfliche Umschreibung einer tiefer liegenden Problematik.

Sicht der ökosozialen Marktwirtschaft

In meinem vor wenigen Tagen erschienenen Interview mit Franz Josef Radermacher wurde angesprochen, wie wichtig für ein Land die ‚Qualität seiner Gehirne‘ sei. Gemeint ist, dass hohe Kompetenzen auf Gebieten vorhanden sein müssen, die für die Zukunft des Landes und der Menschheit wesentlich sind, z.B. Naturwissenschaft und Technik, und dass sie von der Motivation begleitet sein müssen, diese Kompetenzen zeitnah und konstruktiv zur Anwendung zu bringen. Das ist meilenweit von Humboldts Vorstellung entfernt. Außerdem fordert Radermacher die Betonung der Herzensbildung. Er meint damit die Erziehung zur Empathie, d.h. zur Liebe des Menschen als leidendem Geschöpf und der Menschheit, die mit echten Problemen zu kämpfen hat. Noch sehe ich wenig Chancen, dass Radermachers Forderungen sich demnächst im Schul- oder Bildungsplan unseres Bundeslandes wiederfinden.

Kommentare:

  1. Hartmut Wedekind schrieb:

    Bei Ihnen steckt der Wittgenstein drin (siehe Philosophische Untersuchungen):

    "§ 132. Die Verwirrungen, die uns beschäftigen, entstehen gleichsam, wenn Sprache leerläuft, nicht wenn sie arbeitet".

    "§150. Die Grammatik des Wortes 'wissen' ist offenbar eng verwandt der Grammatik der Worte 'können', 'imstande sein'. Aber auch eng verwandt der des Wortes 'verstehen'. (Eine Technik 'beherrschen'.)"

    Bemerkung: Wittgenstein benutzte den Begriff "Grammatik" u.a. auch im Sinne von "Wortfeld". Also in §150 kann es dann auch heißen: Das Wortfeld "wissen" ist offenbar eng verwandt dem Wortfeld "können", "imstande sein".

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    1. Es ist die klassische Dichotomie der Two Cultures von C P Snow, hie Wiss./Technik, hie Geisteswissenschaft (das schöne deutsche Wort)!
      Der deutsche Wikipedia-Artikel sagt es prägnant:

      Quote: Snow zufolge stehen sich die beiden intellektuellen Denkwelten so diametral entgegen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich sei. Dabei schreibt Snow den Geisteswissenschaftlern eine pessimistische, der Vergangenheit zugewandte und „im tieferen Sinne antiintellektuelle“ Geisteshaltung zu, der eine vorausblickende, optimistische Naturwissenschaft gegenüber stehe. Diese Dichotomie zwischen Naturwissenschaft (Erklären) und Geisteswissenschaft (Verstehen) spielt auch im Methodenstreit eine Rolle. In seinem Werk Die dritte Kultur (1995) verneint John Brockman den Optimismus Snows, dass eine effektive Kommunikation zwischen den beiden Kulturen in Sicht sei.
      „Der Punkt, an dem zwei Themengebiete, zwei Disziplinen, zwei Kulturen - zwei Galaxien, könnte man auch sagen - zusammenstoßen, sollte kreative Gelegenheiten erzeugen. In der Geschichte der geistigen Tätigkeit war dies immer der Ort, an dem es zu einem der Durchbrüche kam. Nun gibt es solche Gelegenheiten. Aber sie existieren sozusagen in einem Vakuum, denn die Angehörigen der zwei Kulturen können nicht miteinander sprechen.“
      – C. P. Snow 1959 im englischen Originaltext von The Two Cultures.
      Quote Ende.

      Aber als MINT-Optimist sehe ich, ob man will oder nicht, zwei Brücken durch Informatik/Software

      Praktisch: Durch die durchgehende Anwendung der IT in allen
      "geistig-wissenschaftlichen" Bereichen
      Fundamental: Durch die Übertragung klassischer philosophischer
      Konzepte in die Technik (z.B. "Wissen", "Onthologie",
      "Bewusstsein" etc.), und schliesslich sogar mit dem
      Bau solcher eigentlich auch "geistiger" Systeme.

      Vielleicht gestatten Sie mir, lieber Blog-Owner und Ex-Kollege, das schamlose Self-Marketing:
      Das ist eine Quintessenz meines Buchs "Wechselwirkung: Wie Prinzipien der Software die Philosophie verändern". Springer, Heidelberg, März 2016.

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    2. Wenn Walter Hehl für sein Buch wirbt, muss ich auf meine Besprechung des Buches in diesem Blog verweisen.

      http://bertalsblog.blogspot.de/2016/03/ein-physiker-verklart-die-software-welt.html

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  2. Erich Ortner aus Konstanz schrieb:

    Mit "emanzipatorischen Demokratie-Systemen"(eDS) meine ich solche IT-unterstützten Demokratie-Systeme, die aufgrund ihrer technischen Konstruktion (MINT-Fächer) und inhaltlichen Unterstützung der Bürger (PSÖJ-Fächer), bei Argumentations-, Koordinations- und Integrations-Aufgaben, diese in eine weitestgehende Selbständigkeit entlassen (Emanzipation) können. Das Akronym PSÖJ steht dabei für Psychologie, Soziologie, Ökonomie und Jurisprudenz und ist als Vorrang (Primat) gegenüber den MINT-Fächern aufzufassen.

    Der Entwurf eines solchen "eDS" liegt uns - von der Computerwissenschaft aufwärts (Basissysteme) konstruiert - inzwischen vor und könnte, beispielsweise nach dem Brexit-Happening vom 24. Juni 2016, gut bei einem Neustart "Gründung der vereinigten Staaten von Europa" zum Einsatz gebracht werden.

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  3. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    es lassen sich zwei Bildungsperspektiven unterscheiden: Wissen erwerben und nutzen, um Geld zu vermehren oder/und Geld erwerben und nutzen, um dabei Wissen zu vermehren. Alexander von Humboldt vertrat vermutlich die letztere Position. Alexander war durch Tod seiner Mutter zu einer Erbschaft gelangt und in der Position, Geld nicht einmal erwerben zu müssen.

    Es ist schade, dass Wilhelm und nicht Alexander von Humboldt das 'Wissen' über ein sogenanntes Bildungsideal zugesprochen wird. Alexander wusste wovon er sprach: Von seinen Entdeckungen in Südamerika und seinem Wissen, das er letztlich in seinem Buch „Kosmos“ darstellte. Alexander von Humboldts Vorstellung, Wissen in einem übergeordneten Rahmen (in seinem Fall eines kosmischen Rahmens) zu berücksichtigen (zu bedenken), ist nach wie vor lebendig. Es bedeutet heute, vielfältiges Spezialwissen unter vielfältigen Rahmenbedingungen zu betrachten bzw. zu verstehen. Wie diese Denkweise Schülern und Studenten zu vermitteln ist, ist eine gute Frage.

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  4. Rul Gunzenhäuser aus Stuttgart schrieb:

    Der Begriff "Bildung" hat mir noch nie gefallen, er ist ja auch relativ jung (spätes 18. Jahrhundert) und von Goethe, Pestalozzi und manchen "Aufklärern" geprägt. Insbesondere gefallen mir von den Komposita mit "Bildung" nur wenige. Auf keinen Fall "Allgemeinbildung" oder "Bildungsforschung", weil Forschung immer etwas mit dem Erschaffen neuer "Bilder" (Begriffe, Modelle, Systeme, etc.) zu tun hat.

    Beruflich habe ich oft "Education" verwendet, weil hier das (Hin-) Führen zu wichtigen Fakten, Methoden, Fertigkeiten und Fähigkeiten - und neuerdings Kompetenzen - deutlich wird. Es gibt keine 'Education' ohne Inhalte und Ziele. Aber das ist jetzt schon wieder Pädagogik, die ich vor vielen vielen Jahren an einen Nagel gehängt habe.

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