Freitag, 13. Januar 2017

Europas Informatik und ihr Selbstverständnis

An sich sind Technik und Wissenschaft weltweite Aktivitäten. Landes- oder gar Sprachgrenzen spielen dabei keine Rolle. Sogar bei der Wirtschaft, insbesondere bei der deutschen Wirtschaft, scheint dies auch zu gelten. Manchmal zerfallen Wissenschaft und Wirtschaft jedoch in Inseln oder in Autonomiegebilde. Es ist dies insbesondere dann der Fall, wenn ideologische Auseinandersetzungen die Politik bestimmen. Das war in Deutschland von 1933 bis 1945 sehr ausgeprägt, aber auch im Ostblock zwischen 1945 und 1989. Es spielt auch immer dann oder da eine Rolle, wenn bzw. wo Wissenschaft und Wirtschaft sehr stark von staatlichen Geldquellen abhängig sind. Das unterscheidet einige europäische Länder von anderen. Der Staatsanteil an der Wirtschaft ist z. B.  in Frankreich deutlich höher als in Deutschland.

Europa aus Sicht der Informatik

Für einen Informatiker ist Europa alles andere als ein einheitlicher Kontinent. Es zerfällt in die EU-Länder des Nordens, die EU-Länder des Südens, Nicht-EU-Länder und Russland. Auch das Vereinigte Königreich (UK) wird bald eine Sonderrolle spielen. Am höchsten entwickelt ist Nordeuropa, sowohl technisch wie wirtschaftlich. In diesem Teil boomt die Wirtschaft und damit der Arbeitsmarkt.  Was Informatik-Produkte und Informatik-Dienstleistungen betrifft, ist ganz Europa ein Importgebiet. Die Entwicklung ist in den USA konzentriert, die Fertigung ist weitgehend nach Asien ausgelagert. China spielt die Rolle des Hardware-Produzenten, Indien hat große Teile der Software-Erstellung und -Wartung übernommen.

Europa ist primär ein Konsument, von wenigen signifikanten Ausnahmen abgesehen. Trotzdem ist der Bedarf an qualifiziertem Personal hoch. Die anwendenden Industrien machen das Fehlen einer Informatik-Industrie weitgehend wett. Das Bewusstsein um die Möglichkeiten der Computernutzung ist weit verbreitet. Die Diskussion um die Risiken hat einen hohen Stellenwert. Die Ausbildung des Nachwuchses in Europa tut fast überall so, als ob das Neuschaffen noch immer der Alltag sei.

Was den Arbeitsmarkt  und die Organisation in Fachvereinen betrifft, ging jedes Land Europas im Prinzip eigene Wege. Es gibt nur wenige und nur sehr lose Kontakte über die Landesgrenzen hinweg. Eine Ausnahme bildet der deutschsprachige Raum. Die Gesellschaft für Informatik (GI) hat Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie enge Kontakte zu den Schwestergesellschaften. Darüber hinaus ist die Association for Computing Machinery (ACM) in vielen europäischen Ländern vertreten. Über sie wird auch fachlicher Kontakt zu amerikanischen Kollegen gepflegt. Im akademischen Bereich gibt es ebenfalls eine Fachkooperation, Informatics Europe (IE) genannt. Ihr gehören über 100 Universitätsinstitute an.

Diskussionen in der GI

Innerhalb der GI gibt es immer wieder Diskussionen über das Selbstverständnis der Informatik und der Informatiker bzw. Informatikerinnen. Ich hatte im Sommer letzten Jahres auf eine solche Diskussion bei den GI Fellows hingewiesen. Es ging damals hauptsächlich um die Frage, mit welcher Jahreszahl man den Anfang der Informatik als Fachgebiet in Verbindung setzen könnte. Gleichzeitig wurde nach den herausragenden Beiträgen deutschsprechender Informatikerinnen und Informatiker gefragt. Ich hatte mir damals gewünscht, dass man sich dabei nicht auf Süd- und Westdeutschland beschränken würde.  

Drei GI Fellows, die Kollegen Axel Lehmann, Peter Lockemann und Jürgen Nehmer,  haben es dankenswerterweise übernommen, diese Initiative weiterzutreiben. Sie haben einen Aufruf zwecks Mitarbeit an alle GI Fellows gerichtet. Darin wird ausdrücklich von Mitteleuropa gesprochen. Gemeint sind allerdings nur Österreich und die Schweiz, nicht jedoch Benelux und Dänemark. Das  Ziel sei,

bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen, Produkte und Initiativen aus dem mitteleuropäischen Raum zusammenzutragen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten, obwohl sie die Entwicklung unseres Faches und seiner Anwendungen maßgeblich geprägt haben. … [Dazu gehören] wegweisende Anstöße und Initiativen aus der Informatik, die eine nachhaltige Wirkung auf Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft hatten.

Es erscheint auch mir sehr erstrebenswert, Dinge vor dem Vergessenwerden zu retten. Das ist ein anderes Ziel als das, was in der ursprünglichen Diskussion eine zentrale Rolle zu spielen schien. Es sollte - so wie ich es verstand - auch um die weltweite Anerkennung von Kolleginnen bzw. Kollegen oder Kollegengruppen für erbrachte fachliche Leistungen gehen. Dieses Ziel sollte man auch weiterhin im Auge behalten. Deshalb mache ich im Folgenden einige Bemerkungen zu Formen der Anerkennung.

Anerkennung in der Wissenschaft

Manchmal klagen Kollegen darüber, dass es in der Informatik keinen Nobelpreis gibt. Warum das so ist, habe ich in einem früheren Blog-Beitrag zu erklären versucht. Bei dieser Gelegenheit wies ich darauf hin, dass Deutschland jedoch über zwei Einrichtungen verfügt, die der Förderung der internationalen Zusammenarbeit dienen, Schloss Dagstuhl, auch Leibniz-Zentrum für Informatik (LZI) genannt, und das Heidelberg Laureate Forum (HLF). Das eine wird durch staatliche Mittel unterstützt, das andere von einer privaten Stiftung.


Europäische Preisträger des Turing Awards

Dagstuhl schafft ein Ambiente, das der Anbahnung und Vertiefung von Kontakten in den produktiven Phasen der wissenschaftlichen Forschung dient. Das haben Wissenschaftler aus der ganzen Welt erkannt. Sie müssen nur einen deutschen Kollegen ausfindig machen, der als Mitveranstalter auftritt. Das HLF dagegen steht nur am Anfang und Ende einer Karriere bereit. Deutsche sind nur vor Beginn ihrer Laufbahn dabei. Deutschland kann sich nur durch Studierende vertreten lassen.

Als reguläre Teilnehmer des HLF qualifizieren erwachsene Informatiker sich nur als Träger des ACM Turing Awards. Es ist dies der renommierteste Preis unserer Branche. Unter den rund 50 bisherigen Preisträgern des Turing Awards sind immerhin zehn Europäer. Seit seiner ersten Vergabe im Jahre 1966 war noch kein Deutscher dabei, aber auch kein Italiener oder Spanier. Nebenbei erwähnt, der Preis ist seit zwei Jahren mit 1 Million US$ dotiert.

Wenn ich mich frage, warum dies so ist, habe ich keine gute Antwort. Offensichtlich haben unsere Wissenschaftler sehr viel Expertise entwickelt, wenn es darum geht, für sich selbst staatliche Fördermittel einzuwerben. Es ist jedoch etwas Anderes, über den eigenen Schatten zu springen und sich für einen Fachkollegen zu engagieren. Sofern man nur innerhalb eines Landes denkt, ist ja fast jeder Kollege ein Konkurrent. Vielleicht verfügen andere Nationen mehr als wir über den nötigen Korpsgeist (frz. esprit de corps)?  Ich finde, dass deutsche Wissenschaftler sich für internationale Preise mindestens so sehr interessieren sollten wie für deutsche Preise. Denn der Ruhm, den jemand außerhalb seines Landes erwirbt, fällt auf sein ganzes Heimatland zurück.

Anerkennung in der Technik

In der Technik kommen Leistungen meist als Innovationen zum Ausdruck. Diese können sich auf Produkte oder Dienstleistungen beziehen, und zwar auf ihre Konzeption, Entwicklung und Einführung. In der Informatik haben sie die Form von Hardware, Software oder deren Kombination. Die Anerkennung erfolgt  ̶  sofern man nicht als selbständiger Unternehmer fungiert  ̶  zunächst über das reguläre Entgeltsystem. Zusätzlich können Prämien und Preise vom Unternehmen oder der Branche ausgelobt und gewährt werden. Auch die GI vergibt (wieder) einen Innovationspreis. Es gibt eine weitere Leistung, für die es Behörden mit Tausenden von Beamten gibt, deren Aufgabe es ist, die Leistung zu prüfen und ihren Wert zu beurteilen. Gemeint sind Erfindungen. Sie sind selbst noch keine Innovationen. Sie können aber in solche überführt werden.

Viele Innovationen und Erfindungen schlugen sich in den technischen Revolutionen nieder, von denen auf unserem Fachgebiet wahrlich kein Mangel besteht. Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass ich es als große Schwäche der deutschen Informatik-Ausbildung ansehe, dass dieses Thema entweder völlig tendenziös oder gar nicht behandelt wird. Informatiker sollten sich nicht zu Ingenieuren rechnen, wenn sie in dieser Hinsicht nicht wie Ingenieure denken. Das gilt auch, ja besonders für Software-Ingenieure.

Besonderheiten der beiden Gebiete

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wissenschaft und Technik wird oft vergessen. Beim Ingenieur oder Informatiker spricht meist das Werk für sich selbst. Ein Text ist nur ein kümmerliches und fades Nachschaffen, ein optionales Begleitprodukt. So sieht es auch ein Architekt, ein Maler oder Bildhauer. Die Beurteilung gebührt dem Werk, nicht dem Begleittext, der Beschreibung. Das gilt sowohl für das Lob, wie für die Kritik. Maßgebend ist die Nutzung, nicht die Betrachtung. Fachleute lernen nicht aus Texten und Büchern, sondern durch das Analysieren anderer Werke.

Im Gegensatz dazu hängen viele Wissenschaften am Wort. Es ist oft das einzige ihnen zugängliche Medium oder Ausdrucksmittel. Nur über das Wort erfolgt die Realisierung, die Veröffentlichung. Nur so wird man wahrgenommen. Es gibt kein anderes Werk, das zählt. Da in der Mathematik diese Sichtweise vorherrscht, glauben manche Informatiker, sie könnten sie auch anwenden. Der dadurch verursachte Schaden ist enorm.

Das Reflektieren über Geschaffenes und sein Tun ist auch für Techniker wichtig. Es ersetzt jedoch das Tun nicht. Nicht ohne Grund ist unsere Achtung für einige Kollegen auf der obigen Liste so hoch. Sowohl Dijkstra wie Wirth veröffentlichten immer erst in Zeitschriften oder auf Tagungen, nachdem sie ihre Systeme gebaut und getestet hatten. Wenn möglich, so ließen sie sogar Nutzer zu.

Hinweis

Die Bewerbungsfrist für Studierende für das HLF 2017 endet am 14. Februar. Bewerben können sich Studierende in Master-Studiengängen, Doktoranden und frisch Promovierte.

1 Kommentar:

  1. Die so genannte Staatsquote der Wirtschaft beträgt in Frankreich 58%, Schweden 52%, Deutschland 44%, Japan 38%, USA und China 30%. Im Vergleich dazu unterliegt die Wissenschaftlerquote einer völlig anderen Verteilung. Der Anteil der Wissenschaftler an Tausend Beschäftigten beträgt in Israel 17, Schweden 13, Frankreich und Japan 10, USA 9, Deutschland 8. Finnland liegt bei 16. Das überraschte mich. Zahlen für China fand ich nicht. Diese Zahlen stammen übrigens vom Statistischen Bundesamt, Stand 2013.

    AntwortenLöschen