Dienstag, 26. Februar 2019

Merkwürdiges über die Schlacht bei Waterloo − einer Sternstunde Europas?

Mehrere Autoren, deren Bücher oder Essays ich dieser Tage las, erinnerten mich an eine der berühmtesten Schlachten der Geschichte, die vom Juni 1815 bei Waterloo. In ihr wurde Napoléons Schicksal endgültig besiegelt. Sein Stern war über Frankreich und Europa etwa 10 Jahre nach der Französischen Revolution aufgegangen. Im kollektiven Gedächtnis Europas bildet Waterloo einen dramatischen Höhepunkt. Für Frankreich und Napoléon war es ein letztes Aufflackern vor dem Untergang. Für seine Gegner war es die Stunde der endgültigen Abrechnung.

Napoléon, der verglimmende Stern

Der unter der Leitung von Clemens von Metternich (1773-1859) tagende Wiener Kongress war gerade dabei, die alte Ordnung Europas wiederherzustellen, als die Nachricht eintraf, dass Napoléon seinen Verbannungsort, die Insel Elba, verlassen habe. Er war in Antibes an Land gegangen und sammelte auf dem Marsch nach Paris immer mehr frühere Anhänger ein. Innerhalb von nur 100 Tagen hatte er auch wieder ein schlagkräftige Armee aufgestellt, mit der er den angreifenden britischen, österreichischen, preußischen und russischen Truppen entgegen zog.

In seinem Buch Sternstunden der Menschheit beschreibt Stefan Zweig (1881-1942) die Schlacht von Waterloo als eine dieser Sternstunden. Ihm hatte es der General Emmanuel de Grouchy (1766-1847) angetan. Der verfolgte im Auftrag Napoléons mit 40.000 Mann die Preußen nach der vorangegangenen Schlacht bei Ligny, fand sie jedoch nicht. Diese hatten nämlich nicht ihren Zug nach Nordosten fortgesetzt, wie erwartet, sondern waren nach Westen abgebogen, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Hätte er sich besser über die tatsächlichen Verhältnisse informiert und flexibler reagiert, wäre die Schlacht (und damit die Weltgeschichte) anders verlaufen – meinte Stefan Zweig.

Schlachtfeld am 18.6.1815

Um auch eine andere Sicht kennenzulernen, las ich eines der vielen Bücher über das Ereignis. Meine Wahl fiel auf Marian Füssels Waterloo 1815 (2015, 128 S.). Darin galt Napoléons Kritik vor allem dem General Michel Ney (1769-1815), seinem alten Kampfgefährten. Er wirft ihm vor Frankreich verraten zu haben, weil er Wellington nicht energisch genug angegriffen habe. Das habe Napoléon dazu gezwungen, seine Gardetruppen in die Schlacht zu werfen. Die Schlacht ging in dem Moment verloren, als die Garde nicht durchbrechen konnte und dabei die gesamte französische Front in Unordnung geriet. Wie ein Lauffeuer ging es plötzlich durch die Reihen: Die Garde weicht, rette sich wer kann. Sch…! (frz. La garde recule, sauve qui peut. Merde!).

Wellington, der Meister der Defensive

Arthur Wellesley, der Erste Herzog von Wellington (1769-1852) war Napoléons großer militärischer Gegenspieler in Westeuropa. Nach erfolgreichen Einsätzen in Indien organisierte er den militärischen Widerstand gegen Napoléon in Spanien und Portugal. Nach der Schlacht von Vittoria im Juni 1813 vertrieb er die Franzosen von der iberischen Halbinsel, was Ludwig van Beethoven dazu veranlasste, ein Orchesterwerk auf Wellingtons Sieg zu komponieren. Nach Castlereaghs Abberufung trat Wellington dessen Nachfolge als britischer Bevollmächtigter beim Wiener Kongress an. Nach Napolèons Rückkehr von Elba organisierte er den militärischen Widerstand.

Da Russen und Österreicher ihren Einsatz noch vorbereiteten, standen ihm zunächst nur 68.000 Mann zum Einsatz zur Verfügung. Davon waren rund 24.000 (35%) Briten, 18.000 (26%) Belgier und Niederländer, sowie 26.000 (39%) Deutsche. Diese setzten sich zusammen aus Hannoveranern, Braunschweigern, Nassauern  sowie der Königlichen Deutschen Legion (engl. King‘s German Legion, Abk. KGL). In der KGL kämpften Freiwillige, die vor oder während der Besetzung ihres Landes vor den Franzosen geflohen waren. Im Vergleich dazu hatte Napoleon 72.000 und Blücher 48.000 Mann. Die britischen Offiziere waren alle adlig, das Fußvolk galt als Abschaum der Gesellschaft.

Wellington 1816

Über 200 britische Offiziere waren am 15. Juni, dem Vortag des ersten Zusammenstoßes mit Napoléon auf einem Ball in Brüssel gewesen. Als Wellington von dem Heranrücken Napoleons erfuhr, soll er geschimpft haben. Napoléon habe ihn angeschmiert (engl. he humbugged me). Man zog sich daher von Quatre-Bras, wo der erste Zusammenstoß stattgefunden hatte, geordnet nach Norden zurück. Als die Franzosen nachsetzten, schanzte man sich entlang der Straße ein. Der Druck der Franzosen war jedoch relativ schwach (siehe unten), so dass das Geplänkel sich bis in den späten Abend hinzog.

An dieser Stelle soll Wellington gesagt haben: ,Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen‘. Dies wird aber von Wellington nicht bestätigt, so dass es auch keine englische Version dieses Zitats gibt. Jedenfalls wurde Wellington seit 10 Uhr über eine eigens eingerichtete Kurierkette laufend über die preußischen Bewegungen und Planungen informiert.

Blücher, der Marschall Vorwärts

Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) hatte an der Völkerschlacht von Leipzig teilgenommen und verfolgte anschließend die sich zurückziehenden Franzosen. In der Neujahrsnacht 1814 setzte seine Vorhut bei Kaub über den Rhein. Er zog im Januar 1814 in Trier ein und zwei Monate später in Paris. Als Napoléon aus dem Exil auf Elba wieder auftauchte, wurden Blücher die preußischen Truppen in Belgien unterstellt. Es kam zu der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815, in der die Preußen geschlagen wurden. Sie zogen sich daraufhin nach Norden zurück, bogen aber nach zwei Tagen nach Westen ab, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Die Artillerie der Preußen wurde aktiv und beschoss französische Positionen. Die beiden Heerführer trafen sich zu Pferde, spät am Abend.

Blücher glaubte, die Kämpfe hätten sich nahe der Ortschaft Belle Alliance abgespielt und schrieb so auch nach Berlin. Wellingtons Telegramm nach London war in Waterloo aufgegeben. Dieser Name setzte sich dann auch für die ganze dreitägige Schlacht durch.

Nachmittag der Hannoveraner

Der irische Historiker Brendan Simm liefert mit dem Buch Der längste Nachmittag (2014, 191 S.) die Erklärung für das oben angedeutete Verhalten der Franzosen. Am dritten Kampftag, dem 18. Juni, konzentrierte sich der Kampf der Infanterie zunächst um den Besitz der beiden Gehöfte Hougoumont und La Haye Sainte, die beide zwischen den Fronten lagen. Im Falle des Hofes von La Haye Sainte (deutsch: Heiliger Hain) dauerte es fast bis 18 Uhr, bis dass der Hof von den Verteidigern geräumt wurde.

Landgut La Haye Sainte

Bei den anfänglich über 400 Verteidigern handelte sich um ein Bataillon der KGL, geführt von Major Georg Baring (1773-1848). Sie wurden mehrfach von der französischen Kavallerie überrannt, hielten aber aus, bis dass ihnen die Munition ausging. Baring überlebte mit etwa 40 Männern. Sie töteten über 1000 Franzosen. Baring fand sogar ein Pferd, nachdem zwei Mal sein Pferd unter ihm weggeschossen worden war. Nach Simms Meinung war dieser Teil der Schlacht für das Ergebnis entscheidend gewesen. Er verzögerte das Zusammentreffen der Hauptkräfte erheblich. Am Ende des Tages war Wellingtons Heer fast bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Doch im Vertrauen auf die von Blücher zugesagte preußische Hilfe hielt er stand. Auch die Franzosen hatten große Verluste erlitten, warteten aber vergeblich auf die Hilfe von General Grouchy. Die Zahlen lauten: Wellington 15.000 Tote und Verwundete, Blücher 7.000 und Napoléon 25.000.

Zwei Randbemerkungen: Der letzte Trompeter der KGL, ein Heinrich Engelbert Steinweg, wanderte später in die USA aus und gründete dort die Klavierbauerfirma Steinway. Die französischen Kürassiere trugen Brustpanzer. Bei Wellingtons Leuten waren sie als Bratpfannen begehrt − so hieß es − sofern sie nicht von Kugeln durchlöchert waren. Preußische Gardekürassiere trugen um 1900 ebenfalls erbeutete französische Brustpanzer – allerdings aus dem Krieg von 1871.

Fortgang der Geschichte

Nach der Schlacht von Waterloo begab sich Napoléon in englische Gefangenschaft. Diese brachten Napi – wie sie ihn nannten − auf die Insel St. Helena im Südatlantik, wo er 1821 starb. In Österreich regierte Metternich bis 1848, in Frankreich die Bourbonen, die in zwei Revolutionen 1830 und 1848 vertrieben wurden. Danach kam Napoléons Enkel an die Macht. In Preußen trat ab 1848 Bismarck hervor, der Deutschland 1871 in einen Krieg gegen Frankreich führte. Die Briten verloren damals ihr Interesse am kontinentalen Europa und bauten ihre Weltmacht aus. Das täten sie auch heute wieder gerne.

Kommentare:

  1. Bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz verwies der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson auf die Schlacht bei Minden als Beispiel britisch-deutscher Kooperation. Diese Schlacht fand am 1. August 1759 während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) statt. Dabei trafen die Truppen einer Koalition aus Großbritannien, Preußen, Braunschweig und Hessen auf Frankreich. Die Schlacht endete nach wenigen Stunden mit einem Sieg der von den Briten angeführten Allianz.

    Im Siebenjährigen Krieg kämpften Preußen und Großbritannien auf der einen und Frankreich, Österreichisch (also das Heilige Römische Reich) und Russland auf der anderen Seite. Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Portugal, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten, weswegen er gelegentlich auch als ein Weltkrieg angesehen wird. Preußen drängte Österreich aus Schlesien heraus und führte sich fortan als europäische Großmacht auf. Frankreich verlor seine vorherrschende Stellung in Kontinentaleuropa sowie große Teile seiner Kolonialgebiete in Nordamerika und Indien. Großbritannien wurde zur dominierenden Weltmacht.

    AntwortenLöschen
  2. Ungenannter Leser meinte: Es tut mir leid, ich kenne nur den ABBA-Song!

    AntwortenLöschen