Samstag, 9. Mai 2020

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren

Am 8. Mai diesen Jahres erinnerten sich mehrere Altersgenossen an die Ereignisse, durch die der Zweite Weltkrieg beendet wurde. Auch ich erhielt einen Anruf einer etwa gleichaltrigen früheren Nachbarstochter, die sich mit mir austauschen wollte. Da ich diese Ereignisse, soweit sie mein Heimatdorf Niederweis betrafen, schriftlich festgehalten hatte, konnte ich den Wunsch erfüllen. Der 8.5.1945 war der Tag, an dem der im fernen Berlin ausgehandelte Waffenstillstandsvertrag in Kraft trat. Die Kampfhandlungen waren bereits gut zwei Monate vorher über meine Heimat im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet hinweg gegangen. Ich zitiere aus dem entsprechenden Band meiner Heimatgeschichte [1].

Abgesehen von einzelnen Angriffen amerikanischer Jagdbomber (so genannter Jabos) wurde unser Dorf nicht unmittelbar in das Kriegsgeschehen einbezogen bis zum Herbst 1944. Im Juli waren die Alliierten an der französischen Atlantikküste gelandet. Bis September hatten sie die deutsch-luxemburgische Grenze erreicht. Das war weniger als 10 km von Niederweis entfernt. Hier legten sie eine Pause ein, um den Nachschub aufzubauen. Für die nächsten sechs Monate lebten die Einwohner des Dorfes in der Frontzone eines Stellungskrieges. Auf den Höhen hinter Echternach, bei Osweiler und Berdorf, hatten die Amerikaner ihre Artillerie aufgestellt. Sie sandten jeden Tag ihre Grüße in Form einiger Granatsalven. Die Dauer des Beschusses hatte zur Folge, dass kaum ein Haus verschont blieb. Nachts schlief man im Kartoffelkeller. Es gab mehrere Tote unter der Zivilbevölkerung, darunter zwei Schulkinder. Kurz vor Weihnachten 1944 gab es nochmals Trubel. Die deutsche Heeresleitung hatte beschlossen, einen Gegenangriff zu wagen. Die Operation erhielt den Namen Ardennen- oder Rundtstedt-Offensive. Der Schwerpunkt des Angriffs lag nämlich etwas nördlich im südlichen Teil Belgiens; der Ober­komman­dierende auf deutscher Seite war der General Gerd von Rundtstedt. Es wurden nicht nur die zurück gewichenen Truppenteile neu formiert, sondern auch zusätzliche Reserven mobilisiert. Bei diesen handelte es sich insbesondere um Hitlerjungen und Volkssturmmänner. Mitte Januar war der Gegenangriff in sich zusammengebrochen.

Der zweite Weltkrieg endete für Niederweis am 27. Februar 1945. Das war der Tag, an dem amerikanische Truppen das Dorf Niederweis in Besitz nahmen. Um die beiden Bunker in der Nähe von Irrel zu umgehen, erfolgte der Vorstoß von Ferschweiler über Holsthum nach Alsdorf. Wie sich später herausstellte, wäre diese Zangenbewegung um die beiden Bunker herum nicht nötig gewesen. Die Besatzung verfügte nämlich kaum über Munition. Die Amerikaner durchsuchten als erstes sämtliche Häuser, während alle Bewohner des Dorfes sich für mehrere Stunden in den Ehrenhof des Schlosses begeben mussten. Danach wurden die bisher auf 50 Häuser verteilten Einwohner in fünf Häuser in der Dorfmitte eingewiesen. So blieb es für drei Wochen. Während einige der Bauernbetriebe recht große Gebäudeschäden reparieren mussten, hatte das Niederweiser Schloss die Kriegswirren relativ unbeschadet überstanden. Amerikanische Soldaten, die nach der Eroberung des Dorfes im Schloss wohnten, haben jedoch das Inventar größtenteils zerstört.

Eindruck der Besatzer

Vergleicht man dieses Geschehen mit dem, was sich anderswo oder auch später bei solchen Gelegenheiten abspielte, muss man die Amis von 1945 als echte Gentlemen bezeichnen. Der Eindruck, den sie auf mich machten, war ausgesprochen positiv. Nicht nur waren sie der Zivilbevölkerung gegenüber rücksichtsvoll, sie waren echt großzügig uns Kindern gegenüber. Meine Mutter, die damals vorübergehend gehbehindert war, bekam einen Stuhl vor unsere Haustür gesetzt, von wo aus sie die Ereignisse im Schlosshof wenigstens im Verlauf verfolgen konnte. In den Tagen danach erhielten mehrere Kinder des Dorfes Kaugummis und Schokolade. Erinnern kann ich mich an einen Afroamerikaner, der sich in angetrunkenem Zustand daneben benahm. Er belästigte eine junge Frau, die mit zu unserer Hausgemeinschaft gehörte. Mein Vater wies ihn zu Recht und er zog von dannen.

Mehr als alles andere beeindruckte mich die Nonchalance, mit der Gerätschaften und Fahrzeuge von den Soldaten behandelt wurden. Die Waffen hingen locker herum. Die Jeeps standen für jede noch so kurze Strecke zur Verfügung, egal ob für einen, zwei oder mehr Mann. Außerdem zogen die GIs Kabel von jedem Ort aus, wo sich jemand aufhielt, und man quasselte ununterbrochen ins Telefon. Als die Amis später von Franzosen und danach von Luxemburgern abgelöst wurden, hatten wir es nicht nur mit einem anderen Menschenschlag zu tun, sondern auch mit primitiverer maschineller Ausstattung und Technik.

Als mir während meines Studiums die Möglichkeit angeboten wurde, in den USA zu studieren, griff ich sofort zu. Als ich nach einem Jahr zurückkam, wunderten sich einige Leute, dass ich überhaupt zurückkehrte. Bei Auswanderern war dies nämlich kein gutes Zeichen. Man war nicht erfolgreich gewesen. Ich erklärte, dass es mir derzeit primär um einen Studienabschluss ginge. Aufgrund meiner Vorgeschichte war dieser in Deutschland für mich viel schneller zu erreichen als in den USA.

Berufliche Re-Orientierung

Das Jahr als Austauschstudent verbrachte ich an der Ohio State University in Columbus, Ohio. Ich war von August 1955 bis Oktober 1956 dort. Für meine berufliche Laufbahn entscheidend wurde ein Programmierkurs für das IBM Rechnersystem 650, den ich in Columbus absolvierte. Er bewirkte, dass mir der Inhaber eines Geodäsie-Lehrstuhls an der Universität Bonn ein Dissertationsthema anbot. Das zunächst recht vage gefasste Thema lautete: ‚Geodätische Ausgleichsrechnungen mittels elektronischer Rechenanlagen‘. Um meine bis dahin rein theoretischen Kenntnisse der Programmierung um praktische Erfahrungen zu ergänzen, bewarb ich mich um eine 6-monatige Praktikantenstelle im IBM 650 Rechenzentrum in Sindelfingen. Nach drei Monaten bot man mir eine Festanstellung an. Aus den sechs Monaten IBM wurden 35 Jahre. Aus dem Geodät wurde ein Informatiker.

Westorientierung oder USA-Verbundenheit

Als Erstes lernte ich, dass das I in IBM nicht als ‚Ei‘ gesprochen werden dürfe. Wir seien hier nicht bei der IBM Schweiz. Die IBM Deutschland sei schließlich die Nachfolgerin der Deutschen Hollerith GmbH. Wie in [2] ausgeführt, war ich zwischen November 1957 und Ende 1960 Mitarbeiter des Bereichs Rechenzentren. Die Einsatzorte waren Sindelfingen und Düsseldorf. Die Jahre von 1961 bis 1992, also 33 Jahre lang, gehörte ich zum Entwicklungsbereich, dessen Hauptsitz auch heute noch das Labor in Böblingen ist.

IBM hat eine Entwicklung vorweg genommen, wie sie heute für Firmen die Amazon, Apple, Google und SAP typisch ist. Nicht ein einzelnes Labor oder eine einzelne Lokation bestimmt den Weg der Firma. Dutzende Labors liefern im Verbund die Kompetenz, die das Unternehmen benötigt. Bis 1989 handelte es sich dabei primär um Lokationen in den USA, Westeuropa, Indien und Japan. Nach 1989 sind Lokationen in Osteuropa, dem Nahen Osten, Südafrika, China und Vietnam dazugekommen. Die Orientierung auf den Westen führte in der Vergangenheit zu einer mehr oder weniger starken USA-Verbundenheit. Diese tritt immer mehr in den Hintergrund. Damit verschwindet auch die Weltordnung, die sich vor 75 Jahren herausbildete.

Neue Vernetzungen

Lange Jahre hieß der Ratschlag, den Firmengründer bekamen, um erfolgreich zu sein, es führe kein Weg an den USA vorbei. Nur dort sei der Markt groß genug, um Neustarter zu tolerieren und zu testen. ‚If you make it there, you‘ll make it everywhere‘. Dieser Satz galt nicht nur für die Unterhaltungsbranche und für New York City. In den letzten Jahren bieten sich immer mehr Alternativen zu einer strikten Orientierung in Richtung USA an. Viele der aus Deutschland stammenden Technologie-Führer haben Partner in Israel oder China. Im Grunde findet ein Reifeprozess statt. Viele Leute fragen, ob dieser Prozess durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie beschleunigt oder gehemmt wird.

Referenzen

1. Endres, A.: Geschichten aus der Eifelheimat, Band 1, 2008 (S. 87ff)
2. Endres, A.: Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung, 2001

1 Kommentar:

  1. Der 8. Mai 1945 ist das juristische Datum, das von allen Vertragsparteien als Ende der Kampfhandlungen definiert wurde. Der Vertrag mit den Westalliierten wurde am 7. Mai in Reims unterzeichnet, der mit den Sowjets am 9. Mai, um 0:20 Uhr, in Berlin-Karlshorst.

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