Freitag, 29. Mai 2020

Narrative in den Wirtschaftswissenschaften

RobertJames Shiller (*1946) ist ein US-amerikanischer Ökonom und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. Er erhielt 2013 – gemeinsam mit Lars Peter Hansen und Eugene Fama – den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, der von der schwedischen Nationalbank verliehen wird.

In den 1980er Jahren entwickelte Shiller zusammen mit Karl E. Case und Allan Weiss den Case-Shiller-Index, der die Entwicklung des US-amerikanischen Immobilienmarktes widerspiegelt. Sein im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie erschienenes Buch „Irrationaler Überschwang“ (engl. irrational exuberance) wurde zum Bestseller. Die darin aufgestellten Thesen bewahrheiteten sich kurz darauf in der Baisse der Jahre bis 2003. Auch vor der 2008 geplatzten Immobilienblase in den USA warnte er frühzeitig. Die nachfolgenden Bemerkungen basieren auf Shillers Buch Narrative Wirtschaft (2020, 480 Seiten).

Wesen der Narrative

Das Wort Narrativ ist sehr modern. Es ist eine Aufpolierung oder Auffrischung eines sehr abgenutzten Begriffs, dem der Erzählung oder der Geschichte (engl. story). Shillers Augenmerk sind ökonomische Narrative. Er vergleicht sie mit Epidemien. Irgendwann gehen sie viral, so wie eine von Viren übertragene Krankheit. Dabei gibt es Schleuderer (engl. superspreader). Das sind Infizierte, die besonders viele andere Menschen anstecken. Das Abflauen erfolgt nicht durch Heilung, sondern durch Vergessen.

Berühmte Beispiele

Shillers Buch verweist auf mehrere Dutzend Beispiele, die in den Wirtschaftswissenschaften eine Rolle spielen. Im Folgenden will ich drei Beispiele näher beleuchten. Sie stellen ganz unterschiedliche Ebenen dar, auf denen ein Phänomen signifikant sein kann.

Beispiel 1: Amerikanischer Traum

Der Begriff ist seit 1931 im Gebrauch und spricht vor allem den materiellen Wohlstand an, den Amerikaner erreichen können. Die Grundlage dafür wurde schon 1776 in der Unabhängigkeitserklärung (engl.: Declaration of Independence) geschaffen, die besagt, dass alle Menschen gleich sind, und dass alle amerikanischen Staatsbürger das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück haben. Auf den Gedanken des amerikanischen Traums lässt sich ein Großteil der Zuwanderung nach Amerika zurückführen. Richtig viral wird der Begriff ab 1950 in verschiedenen fast gleichzeitig erschienenen Büchern. Martin Luther King gab der Sache 1963 eine spezielle politische Bedeutung. Bekanntlich wurde er wenig später ermordet. Heute wird der Begriff Amerikanischer Traum primär von Maklern verwendet, und zwar in der Werbung für Eigenheime. Einige Leute verbinden mit ihm auch einen Appell zur moralischen Rechtschaffenheit.

Beispiel 2: Bitcoin

Bitcoin ist die weltweit führende Kryptowährung. Sie basiert auf einem dezentral organisierten Buchungssystems. Zahlungen werden kryptographisch legitimiert und über ein Netz gleichwertiger Rechner (eng. peer-to-peer) abgewickelt. Anders als im klassischen Banksystem üblich, ist kein zentrales Clearing der Geldbewegungen notwendig. Eigentumsnachweise an Bitcoin werden in persönlichen digitalen Brieftaschen gespeichert. Der Kurs eines Bitcoin zu den gesetzlichen Zahlungsmitteln folgt dem Grundsatz der Preisbildung an der Börse. Die Idee einer Kryptowährung ist vor allem bei Leuten interessant, die den Einfluss des Staates zurückdrängen wollen.

Das Bitcoin-Zahlungssystem wurde von dem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto auftretenden Autor nach dessen Aussage im Jahr 2007 erfunden. Es wurde im November 2008 in einer Veröffentlichung beschrieben und seit Januar 2009 mit einer Open-Source-Referenzsoftware unterstützt. Das Bitcoin-Netzwerk basiert auf einer von den Teilnehmern gemeinsam verwalteten dezentralen Datenbank, der Blockchain, in der alle Transaktionen verzeichnet sind. Mit Hilfe kryptographischer Techniken wird sichergestellt, dass gültige Transaktionen mit Bitcoins nur vom jeweiligen Eigentümer vorgenommen und Geldeinheiten nicht mehrfach ausgegeben werden können. Neue Bitcoin-Einheiten werden durch die Lösung kryptographischer Aufgaben, das sogenannte Schürfen (engl. mining), geschaffen.

Beispiel 3: Laffer-Kurve

Die Laffer-Kurve ist ein nach dem US-Ökonomen Arthur B. Laffer benannter finanzwissenschaftlicher hypothetischer Zusammenhang, dem zufolge die Steuereinnahmen mit steigendem Steuersatz erst steigen, dann nach Erreichen eines Maximums wieder sinken, also die Form eines umgekehrten „U“ annehmen. Das bedeutet insbesondere, dass bei hohen Steuersätzen eine Senkung der Einkommensteuer das Einkommensteueraufkommen erhöhen kann. 

Laffer-Kurve

Die Regierung von Ronald Reagan berief sich im Rahmen ihrer Wirtschaftspolitik, der sogenannten Reaganomics, auf die These und senkte die Einkommensteuern. In den Folgejahren sanken die Einnahmen der öffentlichen Haushalte, und Haushaltsdefizite stiegen an. Auch die Regierung von Margret Thatcher wurde von dieser Denkweise beeinflusst.

Mehr zu Narrativen

Es ist meist Zufall, welche Stories viral gehen, d.h. epidemisch werden. Es passiert oft mittels einer Mutation. Empirische Untersuchungen bestätigen, dass Narrative mehr überzeugen als Statistiken. Aussagen der narrativen Wirtschaft müssen nicht wahr sein. Eine Verbindung mit großen Namen oder mit patriotischen Gefühlen kann hilfreich sein.

Die Verbreitung von Narrativen erfolgt nicht systematisch. Sie ähnelt eher dem Verhalten einer Epidemie. Die gesamte Wirtschaftsgeschichte wird geprägt von denjenigen Mutationen, die eine erhöhte Ansteckungsrate und eine geringere Vergessenheitsrate haben. Narrative müssen ähnlich wie ein Witz mit den richtigen Worten erzählt werden. Es besteht kein Konsens, was die einflussreichsten Narrative sind.

Die Angst vor der Automatisierung ist ein verbreitetes Narrativ seit es arbeitssparende Dreschmaschinen gibt. Das war um 1870. Ein neuer Höhepunkt war zwischen 1974 und 2000, und nochmals stärker nach 2008. Das Narrativ der stets steigenden Immobilienpreise ist ebenfalls alt. Es ging ab 2008 stark zurück. Narrative über einen bevorstehenden Aktien-Crash erhielten 1921 und 1987 neue Nahrung.

Kommentare:

  1. Peter Hiemann schrieb: Dass Bob Shiller den Preis der Schwedischen Nationalbank erhalten hat, lässt vermuten, dass seine Thesen für Investoren interessant sind.

    Shiller warnt Investoren in seinem Buch “Irrational Exuberance“ (im Vorwort der 2. Auflage): „People still place too much confidence in the markets and have too strong a belief that paying attention to the gyrations in their investments will someday make them rich, and so they do not make conservative preparations for possible bad outcomes." (Wikipedia englisch)

    Wir beide fragen uns ja seit Längerem, ob wirtschaftswissenschaftliche Thesen objektiven, wissenschaftlichen Anforderungen gerecht werden.

    PS. BlackRocks Computersystem ist unschlagbar, von schnellen Bewegungen (gyrations) der Aktienmärkte zu profitieren.

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    1. Da der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften mit der gleichen Preissumme dotiert ist, wird er oft als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet. Der Preis ist umstritten. Es wird gefragt, ob er im Sinne Alfred Nobels ist und ob es angemessen ist, den Wirtschaftswissenschaften eine solche herausragende Stellung zu geben.

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  2. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Wirtschaftswissenschaften die Darstellungsform des Narrativs auch deshalb benutzen, weil es dann leicht möglich ist, dem Zuhörer Märchen aufzubinden.

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