Wenn Sie dieser Titel etwas verwirrt, dann ist dies Absicht. Bei dem
Versuch, das menschliche Denkvermögen zu erklären, gibt es verschiedene
Ansätze. Einen mir bisher wenig vertrauter Ansatz liefert die moderne
Psychologie. Er wird von Daniel
Kahneman beschrieben, dem Autor des Bestsellers Schnelles
Denken – Langsames Denken. Das Buch erschien im Jahre 2012 und umfasst 568
Druckseiten.
Der Nobelpreisträger Kahneman (*1934, nicht zu verwechseln
mit Daniel Kehlmann)
ist von Hause aus Psychologe, arbeitet aber ausgesprochen analytisch und
wirtschaftsbezogen. Er hat mit seinen empirischen Untersuchen viel zur ökonomischen
Entscheidungstheorie beigetragen. Man nennt diesen Zweig heute auch Verhaltens-
und Neuroökonomie. Kahnemans Arbeit ist für mich in vieler Hinsicht eine
Ergänzung zu Damasio,
Edelman,
Luhmann
und Metzinger,
auf die in diesem Blog teilweise in eigenen Beiträgen verwiesen wurde.
Bei jedem Fortschritt der Wissenschaft tragen Überlegungen wie die von
Kahneman dazu bei, dass mit Illusionen oder Fehleinschätzungen aufgeräumt wird.
In diesem Falle stechen drei besonders hervor:
(1) Es gibt nicht nur optische Täuschungen, sondern auch kognitive
Fehlleistungen, die mindestens so wichtig sind. Sie werden hier als kognitive Verzerrungen
bezeichnet. Das ist die Übersetzung des englischen Ausdrucks ‚cognitive bias‘.
Die andern deutschen Übersetzungen, die bei ‚bias‘ mit anklingen, gehen bei dem
Wort ‚Verzerrung‘ leider verloren, nämlich Vorurteil, Voreingenommenheit und
Befangenheit.
(2) Der homo oeconomicus (hier als ‚econ‘ abgekürzt), der immer
rational und selbstsüchtig handelt, ist eine unzulässige Vereinfachung durch
die Wissenschaft. Er erklärt nur einen (geringen) Teil dessen, was die
Wirtschaft über den Menschen (die ‚humans‘) wissen muss. Da ich diese Ansicht
bereits bei mehreren Autoren (z.B. Stiglitz,
Nida-Rümelin)
ausführlich dargestellt habe, will ich dies hier nicht weiter vertiefen.
(3) Sehr interessant ist die Vorstellung, dass Menschen zwischen dem
erlebenden und erinnernden Selbst gespalten sind. Das von der Erinnerung erzeugte
Selbstbild weicht sehr von dem Selbstbild ab, das wir im Moment des Erlebens
haben. Für Dauer und Zeit des Erlebten sind wir weniger sensibel als für seine Intensität
und den Schlusseindruck.
Titel und Text des Buches konzentrieren sich auf Thema (1). Da diese
Betrachtungen die genannten früheren Beiträge ergänzen, will ich vor allem auf
sie eingehen. Kahnemans Modell des Denkens differenziert zunächst in Denken-1
und Denken-2. Genau genommen spricht er von System-1 und System-2, also nicht
von unterschiedlichen Tätigkeiten, sondern von unterschiedlichen Komplexen. Er
sieht zwei eindeutig verschiedene Charaktere oder zwei Ausprägungsformen des
Denkens. Ob diese durch zwei getrennte Mechanismen oder Organismen realisiert sind,
lässt er offen. Die Betrachtung ist hier rein logisch und phänomenologisch.
Über die physikalische Realisierung muss nämlich bei Menschen die Medizin und bei
Tieren die Biologie eine Klärung herbeiführen. Wie in anderem
Zusammenhang erwähnt, ist Differenzierung ein wichtiger erster Schritt, um
unsere Erkenntnis voranzubringen. Ich selbst spreche lieber von Denken-1 und
Denken-2 als von System-1 und System-2, weil ich als Informatiker mit dem
Begriff System bereits eine bestimmte Form der Realisierung verbinde. Ein
einzelnes Informatik-System kann durchaus zwei oder mehr Arten von Output
produzieren oder gleichzeitig mehrere Verhaltensmuster nachahmen.
Denken-1 ist schnell, intuitiv und assoziativ. Es ist voreilig, aber vielseitig.
Denken-2 ist langsam, logisch und bewusst. Es kostet viel Anstrengung und will sich
am liebsten nicht beteiligen. Es scheint zurückhaltend, ja faul zu sein. Soweit
das Modell. Die als kognitive Verzerrung identifizierten Fehlleistungen gehen
in der Regel zu Lasten von Denken-1. Als Beispiele kognitiver Verzerrungen benennt Kahneman die folgenden:
- Ersetzung: Ist eine Frage nicht oder nur schwer zu beantworten, ersetzen wir sie unbewusst durch eine leichtere und beantworten diese. (Klassisches Beispiel: Obwohl nach der Qualität eines ihrer Produkte gefragt ist, entscheiden wir uns danach, ob die Firma des Herstellers uns sympathisch ist)
- Halo-Effekt: Wenn uns schon mal ein Aspekt eines Objekts gefällt, gefällt uns auch meist der Rest. Der erste Eindruck wirkt nach, es sei denn man kann die Eindrücke ‚dekorrelieren‘. Es folgt daraus, dass die Reihenfolge, in der Fragen gestellt werden, die Antworten beeinflusst.
- Verfügbarkeit: Intuitive Aussagen werden von der Verfügbarkeit von Informationen geprägt. Man benutzt am liebsten nur die Information, die schon da ist, obwohl zusätzliche Information dringend erforderlich wäre, um statistisch relevante Aussagen zu erhalten (Dominanz des Faktischen – so nannte dies ein früherer Kollege von mir).
- Optimismus-Verzerrung: Auch wenn die Statistik dem widerspricht, glaubt man stets an gute Chancen. Es ist oft der Grund für jede Form von Risikobereitschaft. Es ist die Basis des Kapitalismus. Obwohl die Überlebenswahrscheinlichkeit von Firmenneugründungen in den USA nur 35% beträgt, glaubt dies niemand. Fast 90% aller Autofahrer glauben besser als der Durchschnitt zu fahren. Optimisten sind nicht nur glücklicher, sie haben auch die höhere Lebenserwartung.
- Narrative Verzerrung: Wir versuchen immer aus der Vergangenheit eine kohärente und kausale Geschichte zu machen. Wir überschätzen unser Wissen über die Welt. Wir bemühen uns die Vergangenheit zu verstehen und weigern uns, Zufall als dominierend anzuerkennen. Wir erliegen leicht der Illusion der Gültigkeit. Die Kohärenz einer Geschichte verdrängt die Dürftigkeit von Daten. Das menschliche Gehirn ist ein sinnstiftendes Organ. Als Beispiel: Die Geschichte der Firma Google klingt überzeugend, obwohl sie so nicht vorhersagbar war.
Über kognitive Fehler Bescheid zu wissen, ist deshalb wichtig, weil es
sich um systematische Fehler handelt. Unser Intellekt sucht nach Kausalität und
Kohärenz und kommt mit Statistik schlecht zurecht. Wir haben kein intuitives
Gefühl für statistische Wahrscheinlichkeiten. Wir neigen dazu die Ähnlichkeit
mit einem Stereotyp höher zu bewerten (Beispiel: Wir halten jeden, den wir auf
unserem Campus sehen und dem Stereotyp eines Nerds entspricht, für einen
Informatik-Studenten, obwohl diese an einer bestimmten Hochschule sehr rar sein
mögen).
Statistisch fundierte Aussagen müssen immer von der Basisrate ausgehen,
d.h. von der a priori gegebenen Merkmalsverteilung in einer Population oder
einer Gruppe. Zusätzlich hinzukommende Information kann nach der Bayes'sche
Regel angewendet werden. Immer wenn Korrelationen zwischen Merkmalspaaren nicht
perfekt sind, gibt es eine Regression zu Mittelwert bzw. zur Mittelmäßigkeit
(so die statistische Theorie, die ich hier nicht erkläre!).
Unter Ökonomen herrschte lange die Annahme vor (und tut es teilweise
heute noch), dass jeder Mensch rational und logisch denkt. War das nicht der
Fall, dann nahm man an, dass Emotionen im Spiel seien. Maynard Keynes erklärte
die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre bereits teilweise auf diese Art. Er
machte Angst und Panik mit verantwortlich. Neu im Denken der Ökonomen ist, dass
es nicht allein die Emotionen sind, die im wirtschaftlichen Verhalten des
Menschen eine Rolle spielen, sondern dass wir laufend systematische Fehler machen.
Die Finanzkrise von 2008 gab diesem Denken neuen Auftrieb.
Die Art, wie sich menschliches Denken heute darstellt, lässt sich
natürlich aus der Evolution begründen. Das Denken-1 enthält ein Modell der
persönlichen Welt. Wir stellen sehr schnell Abweichungen und Übereinstimmungen
fest. Im Rahmen von Denken-1 interpretieren wir die Gegenwart und die Zukunftserwartungen.
Wir wetten basierend auf Erfahrung und Kontext. Es gibt zunächst weder Zweifel
noch Alternativen. Das langsame, wohlüberlegte, rationale Denken-2 soll uns
davor schützen, zu viele gravierende Fehler zu machen. Zunächst glauben wir,
was wir sehen. Das Widerlegen kommt später. Wie weit die durch Denken-2 gewonnen
Einsichten das Denken-1 verändern, ist eine interessante, weitgehend noch offene Frage.
Kahneman machte seine Experimente vorwiegend mit amerikanischen
College-Studenten und israelischen Militärpiloten. Viele Ökonomen bezweifeln,
dass sich Ergebnisse von studentischen Experimenten auf die Wirtschaft
übertragen lassen. Dieses Argument bekommen auch Kollegen zu hören, die
empirische Software-Forschung nur an Universitäten betreiben.
Fazit: Das Buch ist etwas langatmig
und oft anstrengend. Es enthält jedoch viele interessante Fallstudien und damit
verbundene Denkanstöße. Nach dem Lesen ist es klar, warum gerade
dieser Psychologe 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt.
Dieser Preis wird von der schwedischen Reichsbank vergeben. Die Begründung
lautete: "Für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die
Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen
bei Unsicherheit.“
