Dienstag, 7. August 2018

Adelsproben und Stammbäume am Beispiel eines rheinischen Rittergeschlechts

Vorbemerkung: Im Oktober 2016 stellte ich in diesem Blog das Barockschloss Niederweis vor. Es ist dies eine bauliche Hinterlassenschaft der früher dort lebenden Adelsfamilie. Heute stelle ich einige Mitglieder dieser Familie vor, und zwar anhand ihrer Stammbäume. Es zeigt dies primär die Einbettung der Familie in die Adelsgesellschaft ihrer Zeit. Dabei werden Beziehungen deutlich, die den luxemburgischen und den rheinischen Adel verbanden, aber auch die historischen Ereignisse, die ihre Zeit bestimmten. In unserem Falle sind es die Unruhen, die der Dreißigjährige Krieg über ganz Deutschland brachte, aber auch die Ambitionen Ludwigs XIV, der an den Strukturen unserer Gegend mächtig rüttelte. 

Diese Veröffentlichung erscheint parallel in einer Bitburger heimatkundlichen Zeitschrift. Dabei gibt es allerdings kein Äquivalent zu den Links, die auf die im Internet zugänglichen Quellen verweisen.

Einleitung

Die Adelsprobe (auch: Ahnenprobe) ist ein urkundlicher Nachweis der adligen Abstammung eines Geschlechts oder einer Person (Wikipedia). Seit langem besitze ich schöne bunte Grafiken aus dem Nachlass unserer lokalen Herrschaft, die ich zwar bestaunte, aber eigentlich nichts mit ihnen anfangen konnte. Neben echten Adelsproben existieren Stammbäume der vielfältigsten Art. Jetzt habe ich etwas nachgeforscht. Vier besonders interessante Fälle werden ausführlich behandelt. Sie betreffen alle die von mir schon mehrmals beschriebene frühere Herrschaft Niederweis [1]. Alle im Beitrag wiedergegebenen historischen Grafiken wurden mir von Matthias Schneider, dem jetzigen Eigentümer des Niederweiser Schlosses, zur Verfügung gestellt. Hierfür danke ich ihm sehr.

Historische Einordnung

Seit dem 12. Jahrhundert musste jemand, der an einem Ritterturnier teilnehmen wollte, nachweisen, dass er ‚vierschildrig‘ war. Er musste von vier adeligen Großeltern abstammen. Das gleiche galt für die Mitgliedschaft in einen geistlichen  Ritterorden, einem Domkapitel oder einem adeligen Frauenstift. Auch andere Privilegien, wie der Zutritt zum Königshof, waren oft an diesen Nachweis gebunden. Gewisse Institutionen verlangten sogar die 16-Ahnen-Probe (Nachweis, dass alle Ururgroßeltern adelig geboren waren). In frühen Zeiten wurde der Nachweis regelmäßig durch die sogenannte „Aufschwörung“ erbracht. In diesem Verfahren bestätigten andere Adlige die Richtigkeit aller Angaben auf der Ahnentafel. Später trat der Urkundenbeweis an die Stelle der Adelsprobe.

Noch bis 1918 verlangten zum Beispiel der Malteserorden und der Johanniterorden die Adelsprobe. Beim Malteserorden wurde ein Duplikat der Tafel nach Malta versandt. Mit der Aufschwörung waren normalerweise erhebliche Kosten verbunden, unter anderem Bewirtungskosten für die mit der Probe verbundenen Festlichkeiten. In der Fürstabtei Kempten wurde die Adelsprobe in die Ordensregel der dortigen Benediktiner integriert, um dadurch sicherzustellen, dass keine Nicht-Adeligen zu Mitgliedern wurden. Bei einigen Domkapiteln konnte ein Doktorgrad die Mitgliedschaft ermöglichen. Als besonders streng galt der Orden der Kanonissinnen. Bei der Einschwörung eines neuen Fräuleins im Stift Würzburg legten 1757 die vier zu diesem Zweck ernannten männlichen Aufschwörer einen Schwur ab auf den adligen Geburtsstand der vier Urgroßmütter, der zwei Großmütter und der Mutter.

Stammbaum der Maria Ursula Cob von Nüdingen von 1690

Maria Ursula Cob von Nüdingen (etwa 1640 - etwa 1710) entstammte der in Bitburg ansässigen Koben-Familie. Sie erbte das Schloss und den Grundbesitz in Niederweis von ihrem Bruder Philipp Christoph II., der kinderlos starb. Sie war mit Johann Hermann von der Heyden verheiratet.

Durch Heirat mit Margarethe Fock von Hubingen waren die Cob von Nüdingen an Besitz in Niederweis gelangt. Nach dem Tode ihres ersten Gatten, Christoph Cob von Nüdingen, einigte sich Margaretha von Hubingen mit ihrem Bruder Ernst Fock von Hubingen, dass Niederweis an ihren Sohn Johann Ernst kommt. Das Jahrgeding des Jahres 1599 in Niederweis wurde von Johann Ernst Cob von Nüdingen durchgeführt. Nach seinem Tode tritt seine Witwe, Anna von Sponheim, als Eigentümerin in Erscheinung. Sie lässt sich von Hans Georg von Nassau, ihrem Schwager, vertreten; so bei einem Jahrgeding im Jahre 1633, also während des Dreißigjährigen Krieges. Bekanntlich war dies eine sehr instabile Zeit. Mal hatten damals die Franzosen die Oberhand, mal die Kaiserlichen, d.h. die Habsburger. Die Besitzverhältnisse in Niederweis waren in dieser Zeit, gelinde gesagt, etwas undurchsichtig.


Darauf deutet folgender Akt: Im Jahre 1634 verkaufte Hermann-Fortunatus [1595-1665], Graf von Baden, Herr zu Rodemacher und Useldingen [eine mit dem Hause Luxemburg verwandte Nebenlinie der badischen Markgrafen], Herrn Alexander Silbricht von Diesdorf [vermutlich das heutige Distroff in Lothringen], Herrn von Burgrattich, und seiner Frau Claudine Faust de Stromberg seine „graue Burg“ zu Niederweis mit Einkünften für 11827 Taler und 24 Schilling. Möglicherweise erfolgte der besagte Kauf jedoch im Auftrag der Koben-Familie, da die im Vertrag genannte Familie Silbricht nie als Besitzer in Erscheinung trat. Der als Verkäufer auftretende Graf von Baden hatte offensichtlich Rechte des Vorbesitzers, des Fock von Hubingen, erworben oder geerbt. Das Haus Baden war quasi der Statthalter für Habsburgs Interessen im damaligen Luxemburg.

Durch Grabplatten in der Kirche zu Niederweis wird sowohl auf Philipp Christoph I., der 1671 starb, sowie auf seinen Sohn gleichen Namens verwiesen, der 1699 starb. Nach dem Frieden von Nimwegen reichte Philipp Christoph II. im Jahre 1681 König Ludwig XIV. ein Verzeichnis seiner Besitzungen ein, die ihm daraufhin als Lehen bestätigt wurden. Darin enthalten sind außer der Herrschaft Niederweis die davon abhängigen Orte Alsdorf, Kaschenbach und Meckel, dazu seine Häuser in Niederweis und Bitburg und der Hof Badenborn. Der Bitburger Landbesitz umfasste 40 Morgen Ackerland und 15 Morgen Grasland, sowie eine Bannmühle und einen Bannbackofen. Bei dieser ersten französischen Besetzung wurde an der Besitzstruktur des niederen Adels nichts geändert. Bei der Besetzung von 1794 im Zuge der Französische Revolution verloren bekanntlich alle Adeligen ihren Besitz.

Da Philipp Christoph II. kinderlos starb, wurde er von seiner Schwester Maria Ursula beerbt. Sie muss bereits ab 1672 das Schloss Niederweis besessen haben. Von diesem Jahre an ist nämlich ein Friedrich Tesch aus Vianden Amtmann der Freifrau Maria Ursula Cob von Nudingen und wohnt die folgenden zwölf Jahre im Schloss Niederweis. Neben den Cob von Nudingen wurden damals fünf weitere Adelsfamilien genannt, die Grundbesitz in Niederweis hatten. Ihre Namen sind Bourscheid, Falkenstein-Bettingen, Fels, Elter und Mohr vom Wald.

Stammbaum des Franz Eduard Anton von der Heyden von 1730

Franz Eduard Anton (1692-1755) war der Erbauer des heutigen Niederweiser Schlosses [3]. Er war das fünfte von elf Kindern, neben zehn Schwestern. Er wurde lokalpolitisch von Bedeutung als Vorsitzender des Luxemburger Rittergerichts. Das Schicksal der zehn Schwestern war das zentrale Thema des Beitrags [2]. 


Franz Eduard Anton wurde 1721 von Prinz Eugen von Savoyen zum 'Rat mit der kurzen Robe' berufen. Prinz Eugen war damals der kaiserliche Statthalter in den Österreichischen Niederlanden mit Sitz in Brüssel. Im Jahre 1731 wurde Franz Eduard Anton zum Einwohner der Stadt Luxemburg ernannt sowie zum Mitglied des Provinzialrates von Luxemburg gewählt (auch Rittergericht genannt). Als Illustration der familiären Verbundenheit kann das Beispiel dieser Wahl zum Ritterrichter dienen. Nicht nur waren ein Schwager (Heinrich von Schauenburg) und zwei Brüder von Schwägern (Matthias von Wopersnow, Albert Eugen von Schauenburg) wahlberechtigte Mitglieder. Ebenso war es ein Cousin väterlicherseits, der Sohn einer Tante (Johann Heinrich von Zievel). Bei der entscheidenden Sitzung im Jahre 1731, als die Wahl anstand, waren von zwölf die Wahl durchführenden Mitgliedern vier Verwandte. Es mussten lediglich drei Nicht-Verwandte auf seine Seite gezogen werden. Zwölf Jahre später, im Jahre 1743, wurde Franz Eduard Anton Präsident des Rittergerichts. Er galt damit als der höchste Vertreter des Luxemburger Adels. Gleichzeitig wurde er durch die Kaiserin Maria Theresia in den Baronstand erhoben.

Im Jahre 1702 begann die Abtei Echternach einen Prozess gegen den Freiherrn von der Heyden über die Jagd- und Fischereirechte zu Niederweis. Dieser Prozess, der bis 1772, also 70 Jahre dauerte, hatte das Ergebnis, dass die eher geringen Ansprüche der Willibrord-Abtei in Niederweis noch weiter zurückgedrängt wurden. Franz Eduard Anton schließt 1744 mit fünf Untertanen aus Niederweis den Vertrag zum Bau einer Mühle und baut 1751 das Schloss Niederweis von Grund auf neu. Er verstarb 1755 in Luxemburg.

Adelsprobe der Ferdinande Theodora Dorothee von der Heyden von 1757

Franz Eduard Anton und seine Frau Maria Wilhelmine von Eltz-Rodendorf hatten zwei Kinder. Schon im Ehevertrag hatte dieses Paar vereinbart, dass ihr Besitz nicht geteilt werden dürfte und nur ein männlicher Nachfahre erbberechtigt sein sollte. Obwohl ihre Tochter Ferdinande Theodora Dorothea (1734-1798) das ältere Kind war, war sie demnach bereits vor seiner Geburt enterbt. Sie trat daher 1758 in ein Kloster ein. Sie hatte das Reichsstift Münsterbilzen bei Maastricht gewählt. Das berühmte Frauenstift gehörte dem Ritterorden. Sie erreichte dort den Rang einer Dechantin. Das war die Stellvertreterin der Äbtissin.


Ferdinande war befreundet mit Marie Kunigunde von Sachsen (1740-1826), der jüngsten Schwester des letzten Trierer Kurfürsten und korrespondierte über Jahre hinweg mit ihr. Wie es sich für Adelige geziemte, war die Korrespondenz in Französisch abgefasst. Marie Kunigunde war von 1776 bis 1794 Fürstäbtissin in Essen und Thorn (in den Niederlanden). Sie war nicht nur sehr gebildet, sondern auch geschäftstüchtig. Der Aufstieg Essens vom Dorf zur Industriestadt geht auf ihr Wirken zurück. Die Stahl- und Kohleverarbeitung im Ruhrgebiet begann mit einem von ihr gegründeten Unternehmen, aus dem später die Gute-Hoffnungshütte hervorging. Auch ihre Klosterlaufbahn endete abrupt, als französische Revolutionstruppen ihre Klöster auflösten. Ferdinande ging nach Niederweis zurück, Maria Kunigunde zunächst zu ihrem Bruder nach Augsburg. Sie starb in Dresden, wo sie aufgewachsen war. Ferdinande starb 1798 in Schloss Niederweis.

In der oben abgebildeten Adelsprobe wird die adelige Abstammung der beiden Eltern von unterschiedlichen Leuten bescheinigt, Entscheidend war, wer die Familien kannte. Es wird angegeben, dass die Bescheinigung für den Eintritt in das Kloster Münsterbilzen dienen soll. Alle Texte des Dokuments sind in Französisch. 

Stammbaum des Philipp Karl von der Heyden von 1773

Philipp Karl von der Heyden (1748-1788) war der letzte Vertreter seines Geschlechts, der seine Funktion als Grundherr uneingeschränkt ausüben konnte. Philipp Karl war seit 1760 Kämmerer (vergleichbar einem Finanzminister) des Kurfürsten und Bischofs von Trier. Er hielt sich vorwiegend in Niederweis auf und gab 1782 dem Kloster Helenenberg zum wiederholten Male ein Darlehen.


Er starb im Jahre 1788 durch einen (etwas seltsamen) Unglücksfall. Er stürzte bei Nacht – auf dem Nachhauseweg aus der Dorfschenke – in einen Brunnen und kam dabei elend zu Tode. Er war sehr leutselig gewesen und im Dorf beliebt. Er nahm an Dorf- und Familienfesten teil und übernahm bei seinen Bauern die Patenschaft des ältesten Sohnes. In Adelskreisen war sein Ruf denkbar schlecht. Von ihm unterschriebene Urkunden beginnen mit folgender Aufzählung der Titel „Reichsfreiherr von der Heyden, Herr der Herrschaft Niederweis, etc., wirklicher Cammerer Ihrer Churfürstlichen Durchlaucht zu Trier“. Meine Familie verwahrt heute noch eine Urkunde von 1781 auf, in der der Baron sich seinem Hofmann gegenüber verpflichtet, ihm im Falle der Not zu helfen.


Umgeformte Ahnentafel des Philipp Karl von der Heyden

Seine Gattin war die letzte Niederweiser Baronin, Sophie Antoinette Walpurga von Hohenfeld (1747-1794). Sie entstammte einer Familie, die in früheren Jahrhunderten im Kurfürstentum Trier sehr bekannt war. Sie starb 1794, also im Jahr,  als die Franzosen kamen. Ihr damals 20-jähiger Sohn Clemens Wenzeslaus (1774–1840) floh zunächst nach Wien, kam aber alsbald zurück. Da er unverheiratet und kinderlos blieb, überführte er den Besitz bei seinem Tode 1840 in eine Stiftung. Diese besteht heute noch.

Kurzbeschreibung der erwähnten Adelsgeschlechter

Für alle in obiger Tabelle auftretenden Namen wird im Folgenden eine kurze Zuordnung und Erläuterung gegeben. Es gibt dabei allerdings eine Ausnahme, über die ich nichts finden konnte.

Breidbach zu Büresheim: Mit den Sayn und Sponheim verwandtes Geschlecht mit Stammsitz in Rheinbreitbach bei Bonn. Lehensleute des Erzstifts Köln.

Brömser von Rüdesheim: Die Brömserburg bei Bingen wurde im Dreißigjährigen Krieg von französischen Truppen gesprengt. Die Familie hatte ein Anwesen in Rüdesheim (den Brömserhof), in dem sie anschließend wohnte. Nach dem Aussterben der Familie ging der Besitz im 18. Jahrhundert an die Familie Metternich.

Cob von Nüdingen: Die Koben sind die bekannteste Bitburger Adelsfamilie. Der Kobenhof in Bitburg war das Stammhaus der Cob. In der Bitburger Liebfrauenkirche liegt Clas Cob (†1500) begraben. Den Beinamen von Nüdingen (oder de Nudange) erhielten die Cob durch die Belehnung mit dem heute gewüsteten Ort Nüdingen (Ortsgemeinde Messerich). Cob ist die Abkürzung für Jakob, aber auch das moselfränkische Wort für Krähe (lat. corvus). Daher erscheinen die Raben im Wappen.

Dehin: (unbekannte Familie, wahrscheinlich wallonischen oder böhmischen Ursprungs)

Eltz-Rodendorf: Diese Nebenlinie der Eltzer Familie besaß das Château-Rouge in Lothringen und wohnte in Freisdorf (Departement Moselle). Die Familie besaß von 1762 bis 1812 auch die Burg Bourscheid bei Diekirch in Luxemburg.

Fels: Burg Fels (frz. Larochette) ist eine der imposantesten Burgruinen Luxemburgs. Die Familie galt als treuer Vasall des Hauses Luxemburg. Sie hielten mehrfach Ämter inne wie Bannerträger, Truchsess oder Ritterrichter.

Heyden: Im Rheinland gibt es zwei Geschlechter mit diesem Namen. Die von der Heyden-Belderbusch besa8en Schloss Miel bei Euskirchen, die von der Heyden-Nechtersheim besaßen Schloss Stolzemburg nördlich von Vianden am luxemburgischen Ufer der Our, ehe Schloss Niederweis zum Stammsitz wurde. Schloss Stolzemburg wurde 1679 von französischen Truppen zerstört und 1898 im schottischen Stil wieder aufgebaut. Die Burg ist heute im Privatbesitz.

Kallenborn: Die Heimat dieser Familie lässt sich nicht ermitteln. Infrage kommt das Dorf Kaltenborn in der Nähe von Adenau oder Kallenborn, ein Stadtteil von Blieskastell.

Leyen zu Nickenich: Vom Rittersitz dieser Familie besteht in Nickenich nur noch das Burgtor. Es wurde vom Mainzer Dompropst Heinrich Ferdinand von der Leyen zu Nickenich im Jahre 1677 errichtet und mit dem Ehewappen seiner Eltern, Lothar Ferdinand von der Leyen und Maria Sophia Brömser von Rüdesheim, geschmückt. Die Familie stand im Dienste des Trierer Bischofs.

Metzenhausen: Ein  aus der gleichnamigen Hunsruckgemeinde stammendes Adelsgeschlecht. Ein bekanntes Mitglied war Johann II. von Metzenhausen, der von 1531 bis 1540 Erzbischof von Trier war.

Mohr vom Waldt: In Luxemburg ansässiges uraltaltes Adelsgeschlecht, dem unter anderem mehrere geistliche Würdenträger entstammten.

Morzheim: Heute ein Stadtteil von Landau in der Pfalz. Ursprünglich ein Lehen des Klosters Weißenburg im Elsass ging der Besitz später an das Bistum Speyer über.

Schilling von Lahnstein (oder Landstein): Bei dieser Familie gibt es mehrere Zweige. Diese waren sowohl in Österreich ansässig wie in Estland. Andere lebten in Hamburg und Braunschweig. Hier handelte es sich vermutlich um den Rheinlandstamm. Er ist seit dem 16. Jahrhundert in Köln und Andernach nachgewiesen. Diese Linie endete, als das letzte männliche Glied, Johann Konrad Schilling von Lahnstein, 1608 in Rom verstarb.

Sponheim (Bacherach): Die Sponheimer sind eines der in Deutschland am weitesten verbreiteten Adelsgeschlechter. Ausgehend von der Burg Sponheim bei Kreuznach wurde eine Seitenlinie Besitzer der Burg Stahleck bei Bacherach am Mittelrhein. Die sich von Birkenfeld bis Kreuznach und Kastellaun erstreckende Grafschaft Sponheim war Teil der Markgrafschaft Baden.

Worms (Dalberg): Aus dem Nahegau aufgestiegenes Geschlecht von Reichsrittern, das traditionell die Kämmererfunktion für den Bischof von Worms ausübte. Die Dalbergs hatten das Recht, nach einer Kaiserkrönung als erste zum Reichsritter geschlagen zu werden. Es entstand die Redensart: “Ist kein Dalberg da?“. Das Besitztum hatte seinen Schwerpunkt um Kreuznach und Worms. Später ging es an die Familie Salm-Salm über. Mehrfach hatten Familienangehörige Stellungen in hohen und höchsten Ebenen, als Bischöfe und Erzbischöfe, Äbte und Fürstäbte. Sehr bedeutend war Karl Theodor von Dalberg (1744–1817), Erzbischof und letzter Kurfürst von Mainz, Reichserzkanzler, Fürst- und Erzbischof von Regensburg und Aschaffenburg, Großherzog von Frankfurt und Fürstprimas von Deutschland.

Referenzen 
  1. Endres, A.: Die Niederweiser Schlossherren und ihr Anteil an der Geschichte des Nimstals. Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes, Heft 1/2004, (Nr. 54), 15-27
  2. Endres, A.: Frauenschicksale in Schloss Niederweis. Heimatkalender 2014 des Eifelkreises Bitburg-Prüm, 231-240
  3. Endres, A.: Barockschloss Niederweis. Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes, Heft 3/2015, (Nr. 100), 72-75

Dienstag, 31. Juli 2018

Sind Wenn-Dann-Fragen nutzlos und daher zu vermeiden? (Ein Essay von Peter Hiemann)

Informatik-Laien lassen sich schon mal dazu hinreißen zu sagen, dass sie Wenn-Dann-Fragen (engl. if-then-else questions) nicht berühren. Das ist eine große Selbsttäuschung. Die Natur, alle lebenden Systeme, aber auch unsere geistigen Modelle kommen ohne sie nicht aus. Mein Freund Peter Hiemann aus Grasse bedrängen die folgenden Fragen, die er für das Überleben von uns Menschen als wichtig ansieht:

  • Wie können Wirtschaftsunternehmen daran gehindert werden, weltweite Umweltzerstörungen und Klimaveränderungen zu verursachen?
  • Wie können Phasen wirtschaftlichen Wachstums gestaltet werden, damit Überproduktion und Finanzkrisen vermieden werden?
  • Wie können international agierende Finanzinstitutionen daran gehindert werden, mittels großer Kapitaleinsätze Rohstoff- und Agrarressourcen in Entwicklungsstaaten unter ihre Kontrolle zu bringen?
  • Wie können internationale Handelsbeziehungen geregelt werden, damit in allen Staatswesen Phasen wirtschaftlichen Wachstums ermöglicht werden?
  • Wie können Individuen dafür motiviert werden, damit sie internationale Verhältnisse bedenken?
  • Wie können Individuen gewonnen werden, sich an begründeten, notwendigen, glaubwürdigen staatlichen Programmen zu beteiligen?

Hiemann meint, dass wir Wenn-Dann-Fragen nicht aus dem Wege gehen können und sollen, selbst dann, wenn dies unserer Grundstimmung abträglich ist. Manche Leute sagen, man lebe besser nach dem Motto 'don't worry, be happy'. Er hält dies für eine leichtfertige Aussage. Seine Überlegungen hat er in einem Essay zusammengefasst.


Um den Essay zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Donnerstag, 12. Juli 2018

Das liebe Geld − was ist das eigentlich?

Manchmal sind es die trivialsten Dinge, die am schwersten zu erklären sind. Das was wir als Geld bezeichnen und mit dem wir täglich umgehen, gehört zu diesen Dingen. Früher war alles einmal ganz einfach, heute ist dies nicht mehr der Fall. Ein Versuch die Dinge zu erklären, sei dennoch gewagt. Ich gebe zu, Einiges war dabei auch für mich neu.

Vergangenes und Exotisches

Ganz früher hatte Geld etwas mit Gold zu tun. Staatsoberhäupter entlohnten oder beschenkten ihre Untertanen mit Gold und Silber. Sie ließen Münzen prägen, damit der Handel und der Warenaustausch florierten. Jede Generation hatte ihre Münzen. Sie stellen heute Grabfunde dar, die uns bei der Datierung helfen.

In Gegenden, die kein Gold hatten, dienten andere rare Gegenstände demselben Zweck. Auf Pazifikinseln sind es Kauri-Muscheln. Das sind die Muscheln einer seltenen Schneckenart. Im Nachkriegs-Deutschland waren es Zigaretten. Auch sie waren wertvoll, nicht leicht zu besorgen oder zu fälschen.

Rolle des Geldes

Wie bereits an den historischen Beispielen erkennbar, so hat Geld mehrere Aufgaben. Es vertritt andere Handelsgüter dadurch, dass es einen klar zu bestimmenden Wert darstellt. Es ist leichter transportierbar als andere Güter und wird begehrt. Es ist haltbar.

Umgekehrt wird es dank Geld erst möglich, konkret über den Wert von Sachen zu reden. Wert ist hierbei als wirtschaftlicher Wert zu verstehen. Es gibt für alles stets auch einen ideellen Wert oder gar einen emotionalen Wert. Das ist nicht gemeint. Allerdings kann der individuell einem Artikel beigemessene Wert seinen Preis bestimmen. Das erlebt man bei allen Auktionen, egal ob es um Schoßhündchen oder um Gemälde geht. Es gibt allerdings Leute, die stört es, dass Wert fast immer mit Preis gleichgesetzt wird.

Papiergeld

Es waren wohl organisierte und fortschrittliche Staaten, die früh Papiergeld einführten. Im Altertum waren dies die chinesischen Kaiser. Das Papiergeld wurde akzeptiert, weil man dem emittierenden Staat glaubte, dass er seine Macht dazu einsetzen würde, um seinen Wert zu sichern. Die amerikanische Zentralbank druckte früher auf jeden Dollarschein das Versprechen, ihn in Gold umzutauschen, sofern gewünscht. Die Amerikaner trennten sich 1933 von der Golddeckung, weil sie nur so ihre Währung retten konnten.

Da Papiergeld meist von einem Bankinstitut herausgegeben wird, spricht man auch von Banknoten. Anstatt Gold oder Münzen horten viele Menschen auf der ganzen Welt jetzt Banknoten.

Vom Bargeld zum Buchgeld

Aus Sicht von Laien unterscheidet man Bargeld und Buchgeld. Als Bargeld wird angesehen, was in Form von Münzen oder von Banknoten vorliegt. Beides sind gesetzliche Zahlungsmittel, d.h. man muss sie annehmen, wenn jemand eine Schuld tilgen will. Abgesehen vom Gewicht besteht der wesentliche Unterschied darin, dass man Papiergeld in unbegrenzter Menge annehmen muss, bei Münzen kann man dies auf 50 Stück begrenzen. Bargeld in großen Mengen kommt im normalen Geschäftsverkehr nur beim Kauf eines Gebrauchtwagens vor. Das hängt mit seiner Nähe zur illegalen Wirtschaft (Rauschgift, Terror) zusammen. Deutschland gehört zu den Ländern, die bargeldaffin sind. ‚Nur Bares ist Wahres‘ ist ein Leitspruch, den man öfters hört. Auch die Islamische Republik Iran gehört zu dieser Ländergruppe. Daher räumt sie gerade ihre Bankkonten in Europa ab und lässt sich eine Flugzeugladung voll mit Euroscheinen (350 Mio.) nach Teheran bringen, sofern dies die Amerikaner nicht in letzter Minute verhindern können.

Buchgeld ist das Geld, das nur als Zahl auf einem Konto existiert. Buchgeld ist gerade dabei Bargeld zu verdrängen. Zu den Ländern, die wesentlich weiter sind als Deutschland gehören Schweden, Norwegen, England und die USA. Auch bei uns flammt hin und wieder eine Diskussion darüber auf, ob wir überhaupt noch Bargeld brauchen. Noch verstummt diese Diskussion so schnell, wie sie startet. In Deutschland sind rund 500 Milliarden Euro als Bargeld im Umlauf. Das sind 12% des BIP. Für Bargeld wird seine Anonymität ins Feld geführt sowie die Möglichkeit der Inklusion Minderjähriger. Es ist technikfrei und verursacht keine Zusatzkosten. Gegen Bargeld sprechen der hohe Zeitaufwand und große Kosten, die sich für Erstellung, Verteilung, Lagerung, Nutzung und Entsorgung ergeben. [Hier drängt sich der Vergleich mit Papier- und eBüchern auf]

Jede Bank, die Kredite vergibt, schafft neues Geld, sofern sie mehr Geld ausleiht als sie besitzt. Kontrolliert wird dies über die Eigenkapitalrate. Indem Banken gezwungen werden, ihre Eigenkapitalrate zu erhöhen, steuert die Politik das Geld, das in die Wirtschaft fließt. Banken haben sich weitgehend von einer Service-Funktion der Realwirtschaft emanzipiert, und betreiben längst enorme Finanzgeschäfte auf eigene Rechnung.

Euro als Währung mit Gewicht

Politiker wie Helmut Kohl, Theo Waigel und François Mitterand glaubten, dass man die Vereinheitlichung der Währungen dazu benutzen könnte, um die Einigung Europas zu beflügeln. Zwanzig Jahre später wissen wir, dass dies auch zu Problemen führen kann. Die politische Einigung lässt sich nicht erzwingen. Einige der Probleme, die als Euro-Probleme diskutiert werden, haben nur indirekt mit der gemeinsamen Währung zu tun. Oft sind es Probleme der Länder, die den Euro benutzen. Ein Beispiel hierfür ist Griechenland.

Auf jeden Fall verleiht die einheitliche Währung Europa ein währungspolitisches Gewicht, das es vorher nicht hatte und das es in die Nähe der USA und Chinas bringt. Eine Tabelle zeigt die relevanten Zahlen. Es handelt sich immer um Billionen (also 1012) von US-Dollars. Gezeigt sind Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maß für die Wirtschaftsleistung sowie zwei Geldmengen-Aggregate M1 und M2, die weiter unten vorgestellt werden.


Bruttoinlandsprodukt und Geldmengen, Stand 2017 (Quelle Wikipedia)

Zu erkennen sind mehrere Zusammenhänge. Je größer das BIP, umso mehr Geld ist im Umlauf. Bezüglich des BIP liegt das Euroland, also die Gesamtheit der den Euro benutzenden Länder, hinter den USA, aber vor China. Was die Geldmengen betrifft, ist China einsamer Spitzenreiter.

Der Euro wird nicht nur im Euroland als Zahlungsmittel akzeptiert. Er wird weltweit benutzt für die Anlage von Vermögen und die Aufnahme von Krediten. Er folgt als Reservewährung dem Dollar. Dieser hat einen Marktanteil von 64%. Es folgt der Euro mit 26%. Das englische Pfund hat 4%. Die folgenden Zahlen überraschten mich. Nur 10% der von der Bundesbank emittierten Banknoten gehen in Deutschland in Umlauf; 20% werden in Deutschland gehortet; weitere 20% innerhalb des Euro-Währungsraums und 50% außerhalb. Die Erklärung für die letzte Zahl lautet: So schützt man sich gegen die Inflation der Heimatwährung.

Geldmengen-Aggregate

Will man erfassen, wieviel Geld (Bar- und Buchgeld) irgendwo im Umlauf ist, muss man genau sagen, was man als Geld ansieht. Da sind sich die Experten alles andere als einig. Einig ist man sich nur in der Benutzung des Buchstabensymbols M (wie money) als Messgröße. Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) verwendete Definition lautet:

M0 = Bargeld (Banknoten und Münzen), das sich im Umlauf außerhalb des Bankensystems befindet plus dem Zentralbankgeldbestand der Kreditinstitute;

M1 = M0 plus Sichteinlagen der Nichtbanken;

M2 = M1 plus Einlagen mit vereinbarter Laufzeit bis zu zwei Jahren und Einlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist bis zu drei Monaten;

M3 = M2 plus Anteile an Geldmarktfonds, Repoverbindlichkeiten, Geldmarktpapieren und Bankschuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren.

Vereinfacht gesagt, Geld sind alle die Finanzmittel, die sich innerhalb von zwei Jahren verflüssigen lassen. Edelmetalle wie Gold oder Silber sind nur Geld, wenn sie als Münzen geprägt und von einer Bank emittiert wurden. Auch Unternehmensbeteiligungen (Aktien) und Privatschulden sind kein Geld. Ihr Wert kann natürlich in einer Währung ausgedrückt sein.

Interessant ist es zu sehen, dass die im Umlauf befindlichen Geldmengen stetig wachsen. Das hat nichts mit Inflation zu tun, sondern drückt das Wachsen der Wirtschaft aus sowie die zunehmende Monetarisierung. Die beigefügte Grafik zeigt das Anwachsen der Geldmengen im Euroland. Für den US-Dollar ist der Verlauf eher etwas steiler.


Wachstum der Geldmengen im Euroraum (Quelle: Wikipedia)

Politik der EZB

Für alles, was mit unserem Geld passiert, trägt inzwischen die EZB die Verantwortung, also die Schuld. Die nationalen Notenbanken, existieren weiter, sind aber zu Erfüllungshilfen degradiert. Sie lassen Geld drucken und versorgen die Banken in ihrem Land. Auch ziehen sie unbrauchbar gewordene Münzen und Scheine aus dem Verkehr. Allein der Metallwert der von der Deutschen Bundesbank im Jahre 2016 verschrotteten Münzen betrug 285 Millionen Euro.

Die Hauptaufgabe der EZB ist laut Satzung die Erhaltung des Geldwerts. Das entsprang der Erfahrung und dem Wunsch Deutschlands. Politiker anderer Länder möchten der EZB auch andere Aufgaben zuweisen, etwa die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit oder die Ankurbelung der Wirtschaft. Die Geldwertstabilität wird als Stabilität der Verbraucherpreise verstanden. Zur Messung dienen gesammelte Felddaten. Die EZB hat sich entschlossen, den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) als Messlatte zu verwenden. Da eine Deflation als unerwünscht gilt, wird eine leichte Inflation von maximal 2% akzeptiert. Die im Umlauf befindliche Geldmenge ist ein Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.

Ein weiteres Werkzeug ist der Zinssatz (Leitzins), mit dem die Notenbank Geld an andere Banken verleiht. Es ist ein schwaches Mittel. Einerseits sind Banken nicht dazu verpflichtet, dieses Geld zu nehmen, andererseits schwimmen sie in Geld. Selbst bei einem extrem niedrigen Zinssatz, kommt nicht viel mehr Geld bei den Verbrauchern an. Auch Buchgeld wird gehortet.

Vollgeld – eine Schweizer Initiative

Dass Schweizer Bürger sich Gedanken darüber machen, was mit ihrem Geld passiert, überrascht niemanden. Eine Initiative wollte verhindern, dass jede Bank selbst Geld schaffen kann. Sie wollten erreichen, dass nur die Nationalbank, also die Notenbank, Geld schöpfen kann. In einer Abstimmung Anfang Juni erlitt man eine krachende Niederlage: Denn 70% aller abstimmenden Bürger folgten der Argumentation der Groß-, Genossenschafts-, Regional- und Privatbanken, die sich bedroht fühlten.

Alternativen zum Geld

Kurz erwähnen möchte ich, dass es auch Alternativen zum Geld gibt. Das bekannteste Beispiel sind Krypto-Währungen von Typ Bitcoin. Diese möchten nicht nur Banken aus dem Währungsgeschäft herausdrängen, sondern auch Staaten. Heute ist eine Banklizenz daran gebunden, dem Staat behilflich zu sein bei der Aufdeckung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung.

Literatur

Dieses Mal will ich die Bücher, aus denen ich Material entnommen habe, am Schluss erwähnen. Sehr vielversprechend ist ein Buch von Dieter Verbeck mit dem Titel Einführung in die Bargeldökonomie der Bundesrepublik Deutschland (2017, 284 S.). Es enthält alles, was Leute über Bargeld wissen. Es sagt recht wenig zu meiner Titelfrage. Etwas älter, aber trotzdem sehr lesenswert ist das Buch von Otmar Issing. Es heißt Der Euro. Geburt – Erfolg – Zukunft (2008, 220 S.). Issing weiß alles, was die ersten acht Jahre des Euro betrifft. Die Geschichte des Euro ist inzwischen doppelt so lang. Auch im zweiten Teil ist einiges passiert.

Samstag, 30. Juni 2018

Rom wurde nicht an einem Tage erbaut

Dieser Spruch soll ausdrücken, dass ein so eindrucksvolles Gebilde wie das antike Rom einiger Zeit bedurfte, um zu entstehen. Meist denkt man dabei an das Bauwerk oder das Gemäuer, also die physikalischen Ausprägungen dieser Stadt. Viel interessanter ist es, Rom oder das römische Imperium als geistig-politische Machtkonstruktion zu betrachten. Das machte unter anderem der Duisburger Althistoriker Wolfgang Blösel (*1969). Sein Buch Die römische Republik (2015, 304 S.) gibt dazu eine hervorragende Auskunft. Ich werde die wenigen Aspekte herausgreifen, wo man einen Bezug oder eine Ähnlichkeit zu heutigen Problemen vermuten könnte. Nur der Vergleich reizt. Es wäre übertrieben zu sagen, man könnte daraus etwas lernen, das uns heute weiterhilft. Bemerkt sei, dass alle Jahreszahlen ohne den Zusatz ‚vor Chr.‘ angeben sind.

Wille zum Überleben oder Wille zur Macht

Vielen neuzeitlichen Autoren scheint es vor allem der Verfall des imposanten Römerreich angetan zu haben. Sie suchen dafür Gründe und entwickeln eine Vielzahl von Theorien. Mir erscheint dagegen der Aufstieg die viel interessantere Phase zu sein. Warum hat es diese kleine Stadt in der Provinz Latium anstatt aller ähnlichen Städte geschafft, ein Weltreich zu gründen, das über Jahrhunderte Bestand hatte? Auch die Beantwortung dieser Frage erfordert viel Phantasie und hat diverse Thesen hervorgebracht. Oft wird dann vergangenes Geschehen anhand neuer Denkweisen und Begriffe interpretiert.

Sehr früh hat Rom seine so genannte Königszeit hinter sich gelassen. Dabei darf man sich diese Könige nicht wie feudale Herrscher vorstellen, sondern eher als Bandenführer (ital. condottiere). Sie kamen aus unterschiedlichen Orten und Gegenden. Das aus mehreren Dörfern zusammengewachsene Stadtgebiet schuf sich sehr früh (um 500) eine republikanische Verwaltungsstruktur. Sie als Demokratie zu bezeichnen, wäre falsch. Es war eher eine Mischform zwischen Oligarchie und Demokratie. Es gab die alten Familien, die Land besaßen, sowie deren Gesinde, die Handwerker und die vielen Besitzlosen. Diese zwei Gruppen nannte man Patrizier einerseits (also von Vätern abstammend) und Plebejer (lat. plebs) andererseits. Manchmal spricht man auch von Adeligen und gemeinem Volk. Nur wenige konnten aufsteigen. Es waren dies dann so genannte neue Männer (lat. homines novi). Das Maß an Verschuldung war oft extrem hoch. Im Falle einer totalen Zahlungsunfähigkeit konnte jemand als Sklave (‚über den Tiber‘) verkauft werden. Ansonsten entstammten Sklaven den häufigen Kriegszügen. Politisch spielten Frauen fast immer eine Nebenrolle.

Im Krieg waren die Patrizier beritten oder kämpften als Schwerbewaffnete (Hopliden), die Plebejer stellten nur Leichtbewaffnete. Lange herrschte unter Historikern die Meinung vor, dass Roms Angriffslust hauptsächlich aus purer Angst vor den Nachbarn und den vagabundierenden Galliern und Germanen erwuchs. Rom habe also vorwiegend Präventivkriege geführt. Das sieht Bloesel anders. Er sieht die Stärken Roms im Vergleich zu seinen Nachbarn und damit den Grund für seinen Aufstieg vor allem in drei Punkten: 
  • Eine auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Oberschicht mit einem daraus resultierenden großen Reservoir an Führungskräften und Heerführern.
  • Einer geschickten Vertrags- oder Beherrschungsstrategie für nahe und entlegene Partner mit brutalen Strafen für Vertragsbrüche.
  • Einer enormen Ausdauer bei der Erreichung langfristiger Ziele.    
Auf diese drei Punkte wird im Folgenden zunächst kurz eingegangen. Dem schließen sich einige andere Bemerkungen an, die sich mir bei der Lektüre aufdrängten.

Aufstieg dank Familienbindung und Meritokratie

Zwischen 20 und 30 Familien (lat. gens, pl. gentes) bestimmten die Geschicke Roms. Beispiele waren die Cornelier, die Flavier und die Julier. Dabei wechselten diese sich ab, je nach dem wer gerade in der Lage war, öffentliche Ämter auszuüben. Neben dem Besitz spielte es eine Rolle, welche Beziehungen in der Stadt oder außerhalb man besaß. Hier konnten Eheschließungen (so wie später bei den Habsburgern) gezielt für politische Zwecke eingesetzt werden.

Für alle Ämter galt eine Reihenfolge, in der sie ausgeübt werden konnten. Es begann mit rein administrativen Aufgaben, stieg über richterliche zu den religiösen und militärischen. Die vorgeschriebene Laufbahn (lat. cursus honorum) führte vom Quästor über den Ädilen und Prätor zum Konsul. Ein Quästor war der Verwalter der Staatskasse und des Staatsarchivs. Der Ädil übte Polizeigewalt aus, beaufsichtigte Märkte und Feste und versorgte die Tempel. Der Prätor sprach Recht und vertrat die Konsuln. Zwei Konsuln bildeten die Spitze des Staates. Die Regeln der Republik bildeten sich im Laufe der Jahrhunderte heraus, wobei folgende Prinzipien von besonderer Bedeutung waren: 
  • Alle Ämter durften nur für ein Jahr ausgeübt werden (Annuitätsprinzip).
  • Zwischen zwei Ämtern musste ein ämterloser Zeitraum von zwei Jahren liegen (Bienniat).
  • Eine zweite Amtszeit war ausgeschlossen (Iterationsverbot).
  • Alle Ämter – mit Ausnahme der Diktatur – wurden von mindestens zwei Personen gleichzeitig besetzt (Kollegialität), die sich gegenseitig kontrollierten.
  • Wer ein Amt ausüben wollte, musste zuvor das nächstniedrigere Amt innegehabt haben.

In Krisenzeiten gab es für Konsuln und Senat die Möglichkeit, für ein halbes Jahr einen Diktator zu ernennen. Diesem unterstanden alle anderen Ämter. Eine ähnliche starke Stellung hatte der Volkstribun als Vertreter der Volksgemeinschaft (lat. populus). Alle Ämter wurden von der Legislative bestellt und kontrolliert. Diese bestand quasi aus zwei Häusern, dem Senat, der sich primär aus dem Adel rekrutierte, und der Volksversammlung (Komitie). Die Konsuln leiten die Sitzungen sowohl des Senat wie der Volksversammlung. Sie sprachen Recht, kontrollierten das Finanzwesen und leiteten das Heer. Als spezielle Voraussetzung für das Amt des Konsuls galt die vorherige Teilnahme an einer Mindestzahl von fünf bis acht Kriegszügen. Die Konsuln stammten in der Regel aus Adelsfamilien, einer konnte auch aus dem gemeinen Volk stammen.

Auf vielen Gebäuden im von Rom kontrollierten Staatsgebiet wurde auf diese Machtbalance voller Stolz hingewiesen. Es waren die vier Buchstaben S.P.Q.R., stehend für Senatus Populusque Romanus (deutsch: Senat und Volk Roms).

Römisches Staatssymbol

Die Ausübung eines Amtes wurde immer dann als Erfolg angesehen, wenn es den Ruhm des Trägers und damit den seiner Familie vermehrte. Die Taten und Leistungen eines Beamten oder eines Soldaten wurden akribisch erfasst und bewertet. So wurde nach einem Kriegszug festgehalten, wer als Erster die Mauerkrone einer feindlichen Stadt erklommen, einem Mitbürger das Leben gerettet oder dem Heer eine Niederlage erspart hatte. Als Folge dieser Meritokratie konnten Kriegshelden aus einfachen Verhältnissen anschließend Karriere machen. Ein Kriegsherr durfte einen Siegeszug feiern, und zwar immer nur dann, wenn er möglichst viele Feinde vernichtet hatte. Die Mindestgrenze lag bei 5000 gefangenen oder getöteten Feinden. Ähnliches galt für das Recht öffentliche Totenfeiern (Funebrien) für berühmte Familienmitglieder zu feiern. Historiker haben für die Zeit von 100 Jahren (367 bis 264) mehr als 67 Triumphzüge gezählt.

Bundesgenossen und Rivalen

Nach und nach wurden alle Stämme Süditaliens (auch Italiker genannt) als Bundesgenossen gewonnen. Sie konnten das römische Bürgerrecht erwerben oder sich durch Heirat mit römischen Familien verbinden. In Sizilien stieß man jedoch auf einen starken externen Gegner, nämlich Karthago. Dies führte zu einer längeren Auseinandersetzung, den drei punischen Kriegen.


Volksgruppen der Italiker

Das Gebiet nördlich der Linie Arno-Rubicon galt als Gallia cisalpina. Dort gründete Rom neue Siedlungen und Städte, die es mit Veteranen oder Bundesgenossen bevölkerte. In Spanien und Südfrankreich verließ man sich zunächst auf Vasallen, was aber nicht immer funktionierte. Die Vasallen sollten Tribut zahlen und ihr Gebiet stabil halten. Sobald sich die Einsicht verbreitete, dass indirekte Herrschaft nicht funktionierte, veranlasste dies die Römer Provinzen zu bilden, die sie selbst verwalteten.

Solche Schwierigkeiten bewogen Julius Caesar nach seiner Zeit als Konsul im transalpinen Gallien militärisch tätig zu werden. Er führte einen blutigen, acht Jahre dauernden Feldzug in Gallien (58-50). Er eroberte ganz Gallien für Rom. Britannien und das rechtsrheinische Germanien besuchte er je zweimal. In einem Buch Der Gallische Krieg (2017, 271 S.) von Markus Schauer, einem Bayreuther Althistoriker, welches ich vorher las, wurde Caesars Motivation ausführlich dargelegt. Sie bestand hauptsächlich darin, den Ruhm seiner Familie, der Julier, zu mehren. Dass er später mit dazu beitrug, die Republik zu zerstören und einer Monarchie den Weg zu bereiten, steht außer Frage.

Langfristige Orientierung und Ausdauer

Durch die oben erwähnte strenge zeitliche Beschränkung aller Regierungsämter sollte der Gefahr der Bereicherung im Amt gegengesteuert werden. Eine langfristige Kontinuität der Politik wurde dennoch dadurch gewährleistet, dass alle Senatoren auf Lebenszeit ernannt wurden. Das waren immerhin 300 angesehene und einflussreiche Persönlichkeiten. Als Ausdruck eines langfristigen Ziels ist zum Beispiel Catos berühmten Satz zu verstehen, den er in jeder Senatssitzung wiederholt haben soll, nämlich dass Karthago zerstört werden müsse (lat. ceterum censeo Carthaginem esse delendum). Portius Cato (234-149) war ein homo novus und diente 30 Jahre im Senat. Es benötigte über 100 Jahre (264-146) ehe das von Cato anvisierte Ziel erreicht war. Auch Caesar benötigte volle acht Jahre zur Bezwingung desselben Gebietes, in dem eine spätere Auseinandersetzung in sechs Wochen ablief und das Wort ‚Blitzkrieg‘ verwendet wurde.

Politischer Stil und gezielte Aktionen

Es steht außer Frage, dass die Oberschicht Roms sehr politisiert war. Dabei gingen Innen- und Außenpolitik fast nahtlos in einander über. Am Beispiel des Julius Caesar wird dies offensichtlich. Das bereits erwähnte Buch von Schauer ist hier eine gute Quelle.

Caesar hatte gerade sein Jahr als Konsul beendet, als er sich um einen militärischen Auftrag zur Befriedung einer Provinz bewarb. Fast zufällig fiel seine Wahl auf Gallien. Es war reich und lag nicht zu weit weg. Er konnte beliebig oft in Rom auftauchen und sich um die dort anstehenden Fragen kümmern. Er selbst war äußerst bemüht, dafür zu sorgen, dass seine Taten nicht ignoriert oder in falschem Licht erschienen. Deshalb diktierte er für jedes der ersten sieben Kriegsjahre einen Bericht. Das achte Kriegsjahr dokumentierte einer seiner Offiziere.


Römisches Imperium

Caesar erzählte nur das, was er für den Ruhm seines Namens und seiner Familie als hilfreich ansah. Er lobte seine Gegner über alle Maßen, da damit der Wert seiner Leistung stieg. Manchmal charakterisierte er sie als Bestien, einmal sogar als Kannibalen. Er erwähnte seine Offiziere kaum. Er schrieb in der dritten Person Singular (Caesar tat dieses, Caesar tat jenes). Er nannte das ganze Werk einen Kommentar, hoffend, dass das Material von andern Autoren verwendet würde, um daraus einen richtigen Geschichtstext zu erstellen. Nur war sein Latein so gut, dass sich niemand traute. Der Text gilt auch heute noch als die ideale Lektüre für Lateinschüler überall in der Welt. Er beschäftigte bis zu sieben oder acht Schreiber, denen er oft gleichzeitig unterschiedliche Texte diktierte. Freunde in Rom reproduzierten und verteilten das Material.

Soziale Spannungen und Konflikte

Als Beispiel eines auf sozialen Spannungen beruhenden Konflikts gilt das Schicksal der Gebrüder Gracchus. Der Volkstribun Tiberius Sempronius Gracchus ließ um 133 Land aus dem Gemeindebesitz (lat. ager publicus) an Proletarier verteilen. Jeder Großgrundbesitz, der über 125 Hektar hinausging, sollte von einer Kommission verteilt werden. Als der andere Volkstribun (Marcus Octavius) diese Reform per Veto verhinderte, ließ Gracchus ihn abwählen und das Ackergesetz von der Volksversammlung beschließen. Als er im Begriff stand, sich erneut zum Volkstribun wählen zu lassen, wurde er erschlagen.

Sein jüngerer Bruder Gaius Sempronius Gracchus hatte ähnliche Ziele wie sein Bruder. Auch ging es ihm darum, die Ehre seiner altadligen Familie wiederherzustellen. Er war quasi zur Rache verpflichtet. Zehn Jahre nach der Ermordung des Tiberius begann Gaius mit der Erneuerung des Ackergesetzes und mit der Versorgung der bedürftigen Stadtbevölkerung mit billigem Getreide. Wie bereits sein Bruder fand er keine Mehrheit im Senat. Es gelang diesem durch Demagogie seine Anhänger abspenstig zu machen. Es kam im Jahre 121 zu Straßenkämpfen, bei denen seine Gefolgsleute zu Hunderten erschlagen wurden. Er selbst ließ sich von einem Sklaven töten.

Die Gracchen wurden bereits in der Antike als Vorkämpfer des einfachen Volkes gefeiert. Nach Meinung der heutigen Althistoriker waren es jedoch ausschließlich Rivalitäten zwischen den Adelsfamilien, die hier zum Ausbruch kamen.

Demilitarisierung und Zerfall der Führungsschicht

Eine sich ausbreitende militärische Disqualifikation des Adels begann bereits nach dem zweiten Punischen Krieg (218-201). Auch waren die Verluste an Führungskräften in den Kämpfen sehr hoch. Der bereits erwähnte Cato beklagte, dass junge Adlige neuerdings mehr Wert auf Reden legten als auf militärische Taten. Durch die großen Gewinne, die in den Provinzen erzielt wurden, bildete sich ein Vermögensgefälle zwischen den dort Tätigen und den Daheimgebliebenen. Dank einer zunehmenden Spezialisierung auf Wein, Obst und Gemüse konnten einige Landbesitzer höhere Erträge erzielen als andere. Kleine Bauern verarmten, die Großbauern wurden reich.

Viele gebildete Römer huldigten der griechischen Kultur. Sie sprachen lieber Griechisch als Latein. Cato wehrte sich auch gegen den Einfluss der griechischen und persischen Welt. So gelang es ihm eine aus Athen angereiste griechische Philosophengruppe nach Hause zu schicken, bevor sie aufgetreten war.

Ende der Republik und Etablierung der Monarchie

Der Verfall der republikanischen Ordnung begann schrittweise. Lucius Cornelius Sulla (138-78) gab den ersten Anstoß. Als ihm die Befehlsgewalt entzogen werden sollte, begann er einen Marsch auf Rom. Sein Konkurrent Marius musste zunächst fliehen, kam jedoch zurück und vertrieb seinerseits Sulla. Nachdem Sulla in Griechenland neue Kräfte gesammelt hatte, unternahm er einen zweiten Marsch auf Rom (82). Dabei tötete er viele seiner Gegner und verschleuderte deren Landbesitz. Er beschnitt die Rechte der Volkstribunen und erhöhte die Zahl der Senatoren auf 600.

Als starker Mann profilierte sich Gnaes Pompeius (106-46) bei der Auslöschung des berühmten Spartacus-Aufstands. Anschließend befriedete er Kleinasien und eroberte Armenien und die Kolchis (das heutige Gebiet um Sotschi). Danach wurde er nach Rom gerufen, um die Verschwörung Catilinas zu bekämpfen (62). Der Senat verweigerte ihm die erwartete Ehrung. Auf Betreiben Caesars wurde darauf ein Triumvirat gebildet, bestehend aus Caesar, Pompeius und Crassus. Anschließend verbrachte Caesar seine acht Jahre in Gallien. Nachdem Crassus im Kampf gegen die Parther (52) gefallen war, erklärte sich Pompeius zum alleinigen Konsul. Er forderte Caesar auf, seine Provinzen abzugeben. Als dann der Senat verlangte, dass Caesar seine Truppen auflöste, überschritt dieser den Rubicon (49). Er zitierte dabei einen griechischen Dichter mit den Worten ‚Die Würfel sind geworfen‘ (lat. iacta sunt alea).

Pompeius und die Senatoren flohen aus Italien nach Griechenland. Nach Caesars Sieg über Pompeius (bei Pharsalos) floh dieser nach Alexandrien. Dort wurde er ermordet. Nach seiner Affäre mit der ägyptischen Königstochter Kleopatra, aus der ein Sohn mit Namen Kaisarion hervorging, ließ Caesar sich für 10 Jahre zum Diktator ernennen. Er besaß damals 34 Legionen (mit je bis zu 6000 Soldaten). Das bewog eine Gruppe im Senat, geführt von Brutus und Cassius, Caesar zu ermorden, und zwar an den Iden des März des Jahres 44. Caesars Freund Antonius hielt die Grabrede. Keiner der am Mord beteiligten wurde je angeklagt. Caesars Neffe Oktavian schaffte es dann doch, Caesars Mörder zu vernichten und sich selbst zum erhabenen Kaiser (lat. caesar augustus) aufzuschwingen. Er leitete eine längere Periode des Friedens ein. In diese Zeit fiel auch die Erhebung Triers zu einer Augustus-Stadt (lat. Augusta Treverorum).