Die Annahme, dass wir uns
in jeder Situation über die existierenden Verhältnisse bewusst sind, ist ein
weit verbreiteter Irrtum. Der Neurowissenschaftlers António Damásio erkannte
einen grundlegenden Irrtum René Descartes. Damasio widerlegte Descartes'
Annahme, dass Materie und Geist unterschiedlichen Welten angehören und getrennt
voneinander betrachtet werden können Für den Soziologen Bruno Latour sind
menschliche Denk- und Verhaltensweisen fortwährend Irrtümern ausgesetzt.
Latour vertritt eine Akteur-Netzwerk-Theorie, in der die gängige
Unterscheidung zwischen Natur und Kultur aufgehoben ist. Ein Akteur im Sinne
Latours kann sowohl ein Mensch, als auch ein Ding, ein Tier oder eine Pflanze
sein, denn deren Welten lassen sich nicht voneinander trennen.
Es ist offensichtlich,
dass eine 'rechte' Denkweise im Sinne eines absoluten Begriffs nicht existiert.
Vielmehr sind Denkweisen individuelle Angelegenheiten. Jeder entscheidet im
Interesse seiner selbst, wie er komplexe Verhältnisse einschätzt, und was er in
einer gegebenen Situation für angebracht hält. Hier wird versucht, einige
typische privilegierte und allgemeine Entscheidungsprozesse in
unterschiedlichen Situationen zu beleuchten.
Entscheidungsprozesse
können mehr oder weniger 'sichtbar' gemacht werden, indem man individuelle Erzählweisen unter die Lupe
nimmt. Es ist heute ein offenes Geheimnis, dass vermittels Geschichten versucht
wird, andere Menschen zu beeindrucken und zu beeinflussen.
Zum Beispiel:
- Politische und ökonomische Führungskräfte
erzählen Geschichten, um
Meinungshoheit zu erringen – aber oft so, dass sie die wahren
Gründe ihrer Entscheidungen verheimlichen oder gar Unwahrheiten
verbreiten.
- Gerhard Polt erzählt Geschichten, indem er
sich selber zur Diskussion stellt –
aber so, dass verwerfliche Denkweisen sichtbar werden.
- Georg Schramm erzählt Geschichten, indem er
Kunstfiguren sprechen lässt – aber so, dass Denkweisen kritisch und
tiefgründig hervorgehoben werden.
- Volker Pispers erzählt Geschichten, indem er
Fragen stellt – aber so, dass jeder die Antwort selber finden könnte, wenn
er ein wenig mehr Logik zur Geltung brächte.
- Die Pianistin Helene Grimaud erzählt
Geschichten, indem sie konzentrierte Dialoge voller Emotionen mit einem Orchester führt.
Wir alle erzählen
Geschichten auf unterschiedliche Weise: Nachfolgend
sei
auf ein paar typische Denk- und Verhaltensweisen hingewiesen. Sie
unterscheiden sich oft wesentlich dadurch, dass sie die Sicht
Privilegierter oder die Sichtweise der Allgemeinheit
repräsentieren.
Hinsichtlich einer privilegierten Sichtweise ist nicht von
vornherein
ersichtlich, ob ein tatsächliches Privileg vorliegt, weil jemand
über Wissen verfügt, von dem die Allgemeinheit ausgeschlossen ist.
Ob jemand nur annimmt privilegiert zu sein, muss jeder für sich
selbst beurteilen, indem er seine Denk- und Verhaltensweisen
reflektiert (hinterfragt). Folgende
Optionen sind typisch:
(1) Eine bevorzugte Denkweise vertreten:
-
Privilegierte
tendieren dazu, vermittels gewohnter Rituale alternative Denkweisen zu
verdrängen, und individuelle Denkweisen hervorzuheben.
-
Die
Allgemeinheit tendiert zu der Denkweise: Don't worry, be happy.
(2) Wahrnehmungen nicht
ernst nehmen:
-
Privilegierte tendieren dazu, kritische
gesellschaftliche Situationen zwar zu erkennen, sie aber nicht ernst zu nehmen
(man wird ja sehen).
-
Die Allgemeinheit tendiert dazu,
Wahrnehmungen zu vernachlässigen, direkt angebrachte Aktionen auf später zu
verschieben und erforderliche Aktionen am Ende zu vergessen.
(3) Eine gewohnte Denkweise unter
unterschiedlichen Umständen zulassen:
-
Privilegierte
tendieren dazu, an traditionellen Vorstellungen festzuhalten, auch wenn sich
die Umstände verändert haben.
- Die Allgemeinheit tendiert dazu, sich vorwiegend
an Wahrnehmungen zu orientieren, vielseitige Dynamik zwar sehen, sie jedoch
ignorieren.
(4) Eine Situation sowohl unter dem passiven
Aspekten 'Ja, aber' als auch unter dem
aktiven Aspekt 'Warum denn nicht' betrachten:
-
Privilegierte
tendieren dazu, Probleme zwar zu erkennen, Gelegenheiten für Gewinn aber unter
allen Umständen wahrzunehmen.
- Die Allgemeinheit tendiert dazu, Situationen
reflexhaft destruktiv zu kritisieren, jedoch am Ende Situationen nicht
ausreichend zu reflektieren.
(5) Alternative Aspekte lediglich erörtern:
-
Privilegierte
tendieren dazu, gesellschaftliche Probleme zwar
wahrzunehmen, jedoch mögliche Lösungen lediglich unter dem Aspekt zu
betrachten: So könnte es vielleicht auch funktionieren.
-
Die Allgemeinheit tendiert dazu, sich über
Probleme Sorgen zu machen, jedoch Lösungsvorschläge nicht
ernsthaft in Betracht zu ziehen.
(6) Bisherige Denk- und Verhaltensweisen müssen
sich ändern
-
Privilegierte tendieren dazu,
gesellschaftliche Polarisierungen als Hinweis auf sich ändernde
Gesellschaftsstrukturen zu interpretieren, und sind überzeugt, dass sich
gesellschaftliche Denk- und Verhaltensweisen
langfristig grundlegend ändern müssen.
-
Die Allgemeinheit tendiert dazu anzunehmen,
dass sie sich gesellschaftliche Problemsituationen langfristig vermittels
technologischer Fortschritte von selbst auflösen werden.
Geschichten, die
Betroffene katastrophaler Situationen erzählen, offenbaren die verworrenen, historischen
Entscheidungsprozesse, die zu solchen Situationen geführt haben. In Anhang 1
erzählen Opfer der Atombomben in Japan ihre Geschichten. In Anhang 2 wird die
Geschichte der radioaktiven Strahlung und speziell der Opfer der atomaren
Strahlung nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima erzählt.
In Anhang 3 wird die
überraschende Geschichte erzählt, dass prominente Vertreter der Gesellschaft
schon seit Langem vor Erdzerstörung warnten, sich aber bisher gegen kommerzielle Interessenvertreter nicht
durchsetzen konnten. Einer, der wusste, wie ein gesellschaftlich bindender
Vertrag funktioniert, und das Volk zu begeistern vermochte, ist erinnerungswert:
https://www.youtube.com/watch?v=9-Wd0qLfJPY
Es ist irreführend zu glauben, Erkenntnisse
der Naturwissenschaftler seien die Ursache, dass des Menschen Planet der
Zerstörung ausgesetzt wird. Richtig ist, dass technische Verfahren und Produkte
im Auftrag einer Regierung oder/und eines
Unternehmens entwickelt werden, die wissenschaftliche Erkenntnisse
missbrauchen können und bereits missbraucht haben.
Die gegenwärtigen gesellschaftlichen
Situationen weltweit erlauben keine Prognosen, wie Arbeitsbedingungen in 10
Jahren aussehen werden.
Es muss nicht verwundern, dass Bevölkerungen
Geschichten für nutzlos halten, wenn
deren Anliegen darin nicht reflektiert werden. Kritik, dass Geschichten
nicht verständlich sind, wenn sie den Jargon der Privilegierten verwenden,
kommt dazu. In diesem Zusammenhang sei auf eine Ansicht Martin Luthers
hingewiesen, die auch heute zutrifft::
"Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den
gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie
reden und danach dolmetschen, so verstehen sie es dann und merken, dass man
Deutsch mit ihnen redet."
Geschichten zu erzählen ist viel schwieriger
als oft vermutet wird. Die meisten
Geschichten muss man nicht so ernst nehmen. Es geht ja nicht um
schwierige Entscheidungen, die nachteiligen Konsequenzen hinsichtlich
Beziehungen nach sich ziehen könnten. Jeder erzählt Geschichten, in denen
befriedigende Erlebnisse die wesentliche Rolle spielen. Jeder erzählt von
Situationen, auf die er sich freut.
Bei der letzten Geschichte wird klar, dass
eine Option mit der Absicht, sich darstellen zu wollen, nicht haltbar ist.
Niemand kommt um eine unerfreuliche Situation am Ende seines Lebens herum. Man
kann nur versuchen, die Situation gelassen hinzunehmen, und zu hoffen, sie schmerzfrei
zu überstehen.
Die Frage, warum ein unerfreuliches Ende
Menschen nicht erspart bleibt, bleibt
unbeantwortet. Vermutlich weil Geburt und Tod notwendige Voraussetzung
für biologische Evolution sind. Fest steht, dass es am Ende nichts mehr zu entscheiden
gilt.
Am Ende kann man Nachfolgenden nur wünschen,
dass sie mit möglichen, auch kritischen Situationen zurechtkommen. Ob Essays,
in denen Gedanken festgehalten sind – von wem auch immer, am besten von sich
selber – dabei hilfreich sind, entscheidet jeder zu gegebener Zeit.
Anhang 1: Count-down in ein neues Zeitalter: Hiroshima
Die Atombombe, die 1945 auf Hiroshima fiel,
tötete mehr als 100.000 Menschen und symbolisierte das Ende des Zweiten
Weltkriegs, aber auch den Beginn des Atomzeitalters. Von da an bekamen
bewaffnete Konflikte, internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik einen
völlig neuen Charakter. Ein Dokumentarfilm schildert die Ereignisse vor,
während und nach der Detonation und erzählt anhand von Berichten der letzten
Überlebenden die Geschichte dieses Wendepunktes mitten im 20. Jahrhundert. Er
beleuchtet auch die weltweit langfristigen Folgen des Atomwaffenabwurfs in
Hiroshima.
Am 6. August 1945 explodierte in 600 Metern
Höhe eine über Hiroshima abgeworfene Atombombe. Eine einzige Nuklearbombe war
für die Auslöschung einer Stadt und den Tod von mehr als 100.000 Menschen
verantwortlich. Sie wurde damit zur verheerendsten Waffe in der menschlichen
Geschichte und hat die Welt für immer verändert.
Die Dokumentation rekonstruiert die
wichtigsten Ereignisse vor, während und nach dem Abwurf der Atombombe. Er zeigt
das Geschehen in den Hauptquartieren der alliierten und der japanischen
Streitkräfte, die Gespräche in den Flugzeugen und die verwüsteten Straßen
Hiroshimas, stellt die maßgeblichen Akteure vor und erläutert die Situation an
den strategischen Punkten vor Ort.
Reichhaltiges Archivmaterial, spektakuläre
Bilder, vielfältige Quellen und berührende Gespräche mit den letzten
Augenzeugen machen diese Analyse zu einem wertvollen Zeitdokument. Überlebende,
die sich nie zuvor darüber geäußert haben, sprechen über Folgen der
Bombardierung in der zerstörten Stadt. Waisenkinder wurden an
Prostitutionsnetzwerke verkauft, Yakuza-Banden plünderten die Straßen und die
letzten Stadtbewohner kämpften mit Gewalt ums Überleben.
Unveröffentlichte Dokumente aus
Regierungskreisen und neu entdecktes Archivmaterial der japanischen
Rundfunkgesellschaft NHK bringen neue Erkenntnisse über die Geschichte der
diplomatischen Beziehungen zwischen den Konfliktparteien vor der Explosion. Die
Dokumentation konzentriert sich besonders auf die japanische Sicht der
Ereignisse.
Quelle: https://www.arte.tv/de/videos/054197-000-A/count-down-in-ein-neues-zeitalter-hiroshima/
Anhang 2: Unser Freund, das Atom
- Das Zeitalter der Radioaktivität
Im März 2011 wurde der
nukleargetriebene amerikanische Flugzeugträger "USS Ronald Reagan"
nach Japan beordert, um den Opfern des Tsunamis zu helfen. Dabei fuhr das
Schiff durch die radioaktive Wolke von Fukushima – alle Soldaten an Bord wurden
verstrahlt. - Die Dokumentation deckt in einer ausführlichen Chronik die Lügen
der Atomindustrie auf.
Die Entdeckung des Atoms
und der Radioaktivität zählt zu den bedeutenden wissenschaftlichen Entdeckungen
des 20. Jahrhunderts. Allerdings ließen sich die Forscher von ihren Erfolgen
blenden und verschleierten die Risiken. Die Dokumentation erzählt die
Geschichten japanischer Familien, die den Fukushima-Betreiber Tepco verklagt
haben, weil ihre Kinder nach der Nuklearkatastrophe an Schilddrüsenkrebs
erkrankten.
Außerdem kommen
US-Soldaten zu Wort, die mit ihrem Flugzeugträger durch die radioaktive Wolke
von Fukushima fuhren. Vor der Kamera schildern sie minuziös, was sich auf ihrem
Schiff ereignet hat. Auch die Soldaten haben Tepco verklagt. Auf beiden Seiten
des Pazifiks kämpfen die Betroffenen gegen die Zurückhaltung von Informationen.
Die Dokumentation geht zu
den Anfängen des Atomzeitalters zurück und stellt weitere Menschen vor, die
Opfer militärischer und industrieller Geheimhaltung wurden: Fischer und
Veteranen, die bei US-amerikanischen Tests im Bikini-Atoll verstrahlt wurden,
Hiroshima-Überlebende oder die jungen Arbeiterinnen in den US-amerikanischen
Radiumfabriken der 1920er Jahre. Radioaktivität kann man nicht sehen, nicht
riechen und nicht schmecken – trotzdem hat sie enorme Auswirkungen auf
Lebewesen. Ein japanischer Arzt erklärt, wie radioaktive Strahlung auf den
menschlichen Körper wirkt, warum sie Krebs verursacht – und wie man sich davor
schützen kann. Die Dokumentation liefert eine umfassende historische
Untersuchung von hundert Jahren Radioaktivität, erinnert an ihre Opfer, von den
Eheleuten Curie bis Fukushima, und deckt die Lügen der Atomindustrie auf.
Quelle: https://www.arte.tv/de/videos/087958-000-A/unser-freund-das-atom/
Anhang 3: Die Erdzerstörer
Mit der Erfindung der
Dampfmaschine fing es an. Mit revolutionärer Rasanz machte sich der Mensch die
Erde untertan. Eine Erfindung jagte die nächste, eine Technologie toppte die
andere. Für mehr Komfort. Mehr Konsum. Mehr Wohlstand. Und die Erde? Wie lange
hält sie den Menschen noch aus? Kompromissloser Blick auf die vergangenen 200
Jahre des Industriekapitalismus.
Der Anstieg des
Meeresspiegels und das Abschmelzen der Polkappen stehen symptomatisch für einen
Prozess, der unaufhaltsam scheint. Regierungen und multinationale Konzerne werden
immer öfter als Verantwortliche ausgemacht: Umweltorganisationen reichen
Petitionen ein und berühmte Persönlichkeiten rufen zum Handeln auf. Forscher
veröffentlichen erschreckende Zahlen: Seit Beginn des Industriezeitalters
wurden über 1.400 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre
gepumpt. Die biologische Vielfalt ging rapide zurück, und Prognosen sprechen
von 250 Millionen bis eine Milliarde Klimaflüchtlingen – hochgerechnet bis ins
Jahr 2050. Bis 2100 werden auf knapp 40 Prozent der Erdoberfläche Bedingungen
herrschen, mit denen kein lebender Organismus des blauen Planeten je
konfrontiert wurde. Würde man die Lebensdauer der Erde auf 24 Stunden
herunterbrechen, so entwickelte sich der Homo habilis in der allerletzten
Minute; das Holozän – die letzten 10.000 Jahre – entspräche der letzten
Viertelsekunde und das Industriezeitalter den zwei letzten Tausendstelsekunden.
In dieser kurzen Zeit hat
der Mensch eine so immense Kraft entwickelt, dass er die Macht über das System
Erde übernehmen konnte. „Die Erdzerstörer“ entstand in Zusammenarbeit mit den
Wissenschaftshistorikern Christophe Bonneuil und Jean-Baptiste Fressoz. Die
Autoren werfen einen kompromisslosen Blick auf die letzten 200 Jahre des
Industriekapitalismus: Sie erzählen vom Abbau der fossilen Brennstoffe, der
Erfindung des Automobils, der Kernkraft und dem Massenkonsum; vom
Imperialismus, von Kriegen, vom Wachstum der Städte, von industrieller
Landwirtschaft und von Globalisierung. Die Sendung möchte auch zeigen, wer für
all das verantwortlich ist. Denn die Schuld an der Umweltkrise trägt nicht die
Menschheit an sich – historisch gesehen trifft sie nur eine kleine Minderheit,
als erstes Nordamerikaner und Europäer. Die reichsten 20 Prozent der
Erdenbürger sind die schlimmsten CO2-Sünder, und ein Fünftel der
Weltbevölkerung pflegt heute die verschwenderische Lebensweise, die sich
bereits ab dem frühen 19. Jahrhundert im Bürgertum von Industrieländern und
Kolonialmächten entwickelte.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=X7EDJRU3JCM