Samstag, 9. April 2011

Microsoft mit und ohne Bill Gates

Wer an Microsoft denkt, denkt an Bill Gates. Es gibt mehrere Unternehmen in unserer Branche, die stark mit einer einzelnen Persönlichkeit verbunden sind. Apple und Steve Jobs werde ich noch besprechen. Aber auch Oracle und Larry Ellison gehören in diese Kategorie. Gates hat nicht nur 1975 die Firma Microsoft (mit Paul Allen zusammen) gegründet, und zwar im Alter von 20 Jahren, sondern sie auch etwa 30 Jahre lang geprägt. Heute gilt er aufgrund seines Aktienbesitzes als einer der reichsten Männer der Welt. Das mag bei vielen Menschen Gefühle wie Neid und Verachtung hervorrufen – ich gehöre nicht zu diesen.

In denselben Jahren, in denen Gates auszog, um der Welt zu zeigen, dass man mit Software Geld verdienen kann, pflegten meine Kollegen und ich eine etwas andere Vision. Wir glaubten, dass Fortschritt am sichersten zu erzielen sei, wenn man Hardware und Software als Einheit betrachtet. Uns standen die Physiker und Ingenieure (zu) nahe, die alle zwei Jahre die Leistungsfähigkeit ihrer Bauelemente (Prozessoren, Speicher) verdoppelten und frugen, was Software in dieser Hinsicht zu bieten hätte. Im Grunde ließen wir uns von dieser Vorstellung in die Irre führen. Statt Software zu entwickeln, die zeigen sollte, wie gut die neue Hardware ist, hätten wir besser gefragt, was eigentlich Software ist. Das tat Bill Gates. Seine Antwort: Gute Software ist operativ einsetzbares Wissen, geronnene Intelligenz. Sie ist eigentlich zu schade, dass man sie von einer bestimmten Ausprägung (sprich Architektur) oder einer bestimmten Generation (sprich Technik) der Hardware abhängig macht, oder gar von einem bestimmten Fabrikanten. Da es deren im PC-Bereich sehr viele gab, hieß der Weg zum Software-Erfolg: Plattform-Unabhängigkeit.

Ich hatte gegen Ende der 1970er Jahre persönlich Kontakt zu mehreren Entwicklern des IBM-PCs in Boca Raton, FL. Die Kollegen, die den ersten Kontakt zu Gates herstellten (Bill Lowe, Jack Sams) gehörten dazu. Liebend gerne hätten sie die Basis-Software von IBM genommen (sogar unser Böblinger DOS), hätten die IBM-Strategen dies erlaubt. Gates war weitsichtig genug, um auszuhandeln, dass er sein DOS (das er erst von jemand anderem kaufen musste) auch unabhängig von IBM verwenden durfte. Der Rest ist Geschichte.

Ich hörte Gates mehrmals als Redner und las mehrere seiner Bücher. Immer wirkt er als jemand, der eine Botschaft hat, die er herüber bringen will. Von einem unbän­digen Optimismus beseelt, extrapolierte er stets die technische Entwicklung und machte Vorhersagen für Wirtschaft und Gesellschaft. Im Gegensatz zu Futuristen von der Art eines Ray Kurzweil erschienen seine Prognosen jedoch stets realistisch und glaubhaft. Umso mehr muss es ihn getroffen haben, als er feststellen musste, dass ihm eine Entwicklung wie die des Internet zunächst entgangen war. Nachdem er die umwälzende Bedeutung für sein Unternehmen erkannt hatte, versuchte er dieses herumzureißen. Nur war sein Unternehmen zu diesem Zeitpunkt (Mitte der 1990er Jahre) längst kein kleines Kanonenboot mehr, sondern ein Schlachtschiff.

Bill Gates ist heute 55 Jahre alt und hat sich vor drei Jahren aus der Firma zurückgezogen. Er und seine Frau Melinda kümmern sich um eine philanthropische Stiftung. Mit fast 40 Mrd. US$ an Kapital besitzt sie mehr Geld als das Rote Kreuz. Die Leitung des Unternehmens Microsoft liegt jetzt in den Händen von Steve Balmer.

Wie die folgenden auf Presseinformationen basierenden Zahlen belegen, ist Micro­soft heute (immer noch) ein sehr profitables Unternehmen. Die kleine Delle im Jahre 2009 scheint auf die weltweite Finanzkrise hinzudeuten. Viele deutsche Unter­nehmen, vor allem die aus der Auto­mobilindustrie, wären glücklich gewesen, wären sie so glimpflich davon gekommen.


 
Noch mehr als IBM – aber teilweise aus denselben Gründen – geriet Microsoft in der Öffentlichkeit in die Kritik. Fast gehörte es zum guten Ton oder zur akademischen Gepflogenheit auf Microsoft zu schimpfen. Die Kritiker hatten sogar manchmal Recht. Es gab nämlich ein Kartellverfahren in den USA und eine Klage der EU. In beiden Fällen ging es um die Verdrängung von andern Firmen aus dem Markt, dadurch dass ein konkurrierendes Produkt (Browser, Media Player) als Teil des Betriebssystems kostenlos verteilt wurde. Das amerikanische Verfahren wurde von G.W. Bush nach dessen Wahl zum Präsidenten eingestellt. In der EU kam es zu einer Verurteilung mit einer beträchtlichen Geldstrafe. Dass ein Großteil der Kritiker sich inzwischen auf Google eingeschossen hat, mag als Erleichterung empfunden werden.

Das heutige Geschäft von Microsoft ruht auf drei Säulen:
  • Betriebssysteme, mit Client/Server-Werkzeugen und Entwicklungs­umgebungen
  • Büroanwendungen, mit Media Player, Internet Browser und Unternehmens­anwendungen
  • Unterhaltung, mit Spielekonsole, Tastaturen und Software für mobile Geräte.
Der Marktanteil, den Microsoft besitzt, liegt bei den meisten Produkten bei über 50%, manchmal über 90%. Früher und klarer als andere Firmengründer hat Gates auch die Natur des Software-Marktes verstanden. Erst bei einem Marktanteil von über 30% kommen nämlich die Netzwerk- und Skaleneffekte von Software zum Tragen. Was das ist, kann man bei Endres (2006) nachlesen. Nichts ist deshalb wichtiger als der Marktanteil. Auf Profite kann man verzichten, sofern dies nur ein vorüber­gehendes Problem ist. Sind die Grundkosten abgedeckt, kann man – statt in anderer Form Werbung zu betreiben – seine eigene Software verschenken, um dadurch den Marktanteil zu sichern oder zu vergrößern. Dass dies andere Marktteilnehmer zur Weißglut treiben kann, ist eine Nebenwirkung, die man besser berücksichtigt.

Im Vergleich zu Google hat Microsoft vermutlich die wesentlich reifere und erfahre­nere Entwicklerorganisation. Dass Microsoft in dieser Hinsicht neue Wege erschloss, brachten Cusumano und Selby bereits1995 ans Licht, also drei Jahre bevor Google gegründet wurde. Kernelemente sind der fortlaufende Integrationsprozess (engl. daily build) und eine mustergültige Testorganisation. Dennoch wird relativ viel Zeit benötigt, um ein Produkt auf den Markt zu bringen. Da in puncto Qualität Microsofts Ruf nicht der beste ist, wurden schon mal neue Produkte erheblich verschoben, weil die Qualität als nicht ausreichend angesehen wurde.

Microsoft verfügt inzwischen über sehr kompetente Forschungsgruppen, sowohl in den USA als auch in Asien und Europa. Der bekannteste Mitarbeiter in Cambridge (England) ist Tony Hoare [1]. Seine Gruppe hat offensichtlich erhebliche Fortschritte erreicht in Bezug auf Verifikation mittels Zusicherungen. In der Zahl der Patent­anmeldungen belegt Microsoft einen Spitzenplatz, und wird in unserer Branche nur von IBM übertroffen. Ob daraus schnell genug neue Produkte auf den Markt kommen, muss sich noch zeigen.

Wie im Beitrag über Google erwähnt, versuchte Microsoft auf den Erfolg von Google zu reagieren, allerdings ohne Wirkung. Das derzeitige Geschäftsmodell von Microsoft und andern Software-Firmen wird von Google in Frage gestellt. Während andere Hersteller darauf angewiesen sind, dass Software selbst Erträge bringt, kann Google Software verschenken, weil die über Werbung erzielten Einnahmen im Übermaß fließen. Ein aktuelles Schlachtfeld sind Smartphones, also mobile Betriebssysteme. Die von Apple und Google gleichermaßen bedrohte Firma Nokia hat sich deshalb mit Microsoft verbündet. Eine weitere Herausforderung kommt von der Open-Source-Bewegung. Es ist keine Überraschung, dass IBM sich hier bei Linux und Eclipse engagiert.

Unter Praktikern gilt die Software von Microsoft als besonders empfänglich für Viren und andere Schad-Software. Wegen seiner großen Verbreitung bietet Microsoft eine wesentlich attraktivere Angriffsfläche als etwa Apple. Im Zusammenhang mit Windows Vista, dem Vorgänger von Windows 7, hatte Microsoft große Anstren­gungen unternommen, um mittels technischer Lösungen das Eindringen von Schad-Software zu verhindern. Leider erwies sich Vista als Flop. Ob damit die entspre­chenden Sicherheitskonzepte auch als ungeeignet angesehen werden, weiß ich nicht. Die Firma Apple ging beim iPhone und iPad einen anderen Weg, der mehr Erfolg zu haben scheint. Man lässt keine Anwendungsprogrammierer frei im System herumwerkeln. Alle Anwendungen (engl. apps) werden von Apple überprüft, ehe sie freigegeben werden.

Microsoft gilt als die Software-Schmiede Nummer 1 auf der Welt. Das Unternehmen ist weltbekannt und in den meisten Ländern vertreten. Microsoft ist ausgesprochen stark im Massenmarkt, ist aber auch im Firmenmarkt wesentlich stärker zuhause als Google. Microsoft hat Zweidrittel des Umsatzes von IBM und 20% des Personals, davon etwa 1500 (2%) in Indien. IBM dagegen hat fast 35% seiner Mitarbeiter in Indien.

Lange wurde daran gezweifelt, ob es Microsoft gelingen könnte im Markt der  Spielekonsole sich ein zweites Standbein zu verschaffen. Der phänomenale Erfolg von Kinect, einem Gerät, das Bewegungen des Spielers erfasst, scheint hier eine Wende zu bringen. Im ersten Quartal nach der Freigabe wurde das Gerät 10 Millionen Mal verkauft. Das stellt sogar Apples iPad in den Schatten.

Die Microsoft Deutschland GmbH hat ihren Unternehmenssitz in Unterschleißheim bei München. Regionalbüros befinden sich in Aachen (European Microsoft Innovation Center), Bad Homburg vor der Höhe, Berlin, Böblingen, Hamburg, Köln und Walldorf. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland etwa 2200 Mitarbeiter.

Zusätzliche Referenz

1.     Hoare, C.A.R (2002).: Assertions: A Personal Perspective. In: Broy, M., Denert, E. (Eds): Software Pioneers, Springer, Heidelberg. 357-366

Donnerstag, 7. April 2011

Blauer Phönix IBM

Die Firma IBM feiert gerade ihr 100-jähriges Bestehen. Im Vergleich zu Google ist das Unternehmen uralt. Jahrzehnte lang dominierte es den Markt für elektronische Rechen­anlagen. Wie kein anderes Unternehmen entwickelte man Renommee und Stil. Teils mit Ehrfurcht, teils mit Kritik sprach man in der ganzen Welt von ‚Big Blue‘, dem Blauen Riesen. Als langjähriger Mitarbeiter der IBM Deutschland habe ich nicht nur die fachliche Kompetenz und die Weltoffenheit dieses internationalen Unternehmens sehr geschätzt, sondern auch das Ansehen und das Selbstbewusstsein genossen. Wenn ich auf irgendeinem Flugplatz der westlichen Welt landete und bei der  Einreisekontrolle nach dem Beruf gefragt wurde, antwortete ich meist mit ‚I work for IBM‘ und schon konnte ich weitergehen. Zum Bild der Firma gehört ebenso, dass ihre Auslandsniederlassungen, so etwa das Böblinger Labor, sehr stark lokal geprägt sind. Zur schwäbischen Idylle gehören hier nicht nur Spätzle und Maultaschen, sondern auch das anheimelnde ‚Grüß Gott‘ der Kolleginnen und Kollegen.

IBM trieb mehr neue, bahnbrechende technische Entwicklungen voran (Festplatten, Disketten, Programmiersprachen, Datenbanken; Netzwerkarchitekturen, einheitliche Rechnerarchitektur, offene PC-Struktur) als irgendein anderes Unternehmen der Branche. Dennoch war dies nicht für den Erfolg ausschlaggebend. Für einen Markt, der sich erst bildete, suchten die Anwender in erster Linie Verlässlichkeit. Diese bot IBM durch die Kombination von guter Hardware, ausreichender Software, vorzüg­licher Betreuung und Beratung und ausgezeichnetem Service. Die Nutzer erwarteten – und bekamen − von IBM eine andere Qualität von Service als vom Rest der Industrie. Nur ein Beispiel: Als meine Abteilung Anfang der 1980er Jahre mit einem Unix-Produkt bei amerikanischen Universitäten Fuß fassen wollte, erhielten wir in einer einzigen Woche etwa 1000 Problemberichte. Es waren alles Unix-Probleme, die seit Jahren bekannt waren, mit denen man aber bei andern Unix-Lieferanten auf keine Resonanz stieß. Von IBM erwartete man, dass man nicht hängen gelassen würde. Nur zur Vervollständigung der Geschichte: Wir korrigierten damals die 1000 Fehler nicht, sondern zogen stattdessen unser Unix-Produkt aus dem Markt zurück.

Die IBM verfolgte eine Preispolitik, die an jedem Ort der Welt einen superben Kundendienst ermöglichte. Das verleitete einige Mitbewerber dazu zu glauben, es handle sich um einen Preisschirm, den man nur unterbieten müsse, um Erfolg zu haben. In den USA hießen die Mitbewerber Burroughs, UNIVAC, NCR, CDC und Honeywell (abgekürzt BUNCH), In Europa waren es ICT, Bull, Siemens und Nixdorf. Fast alle diese Firmen gibt es heute nicht mehr. Die Firma Siemens existiert zwar noch, hat sich aber weitgehend aus dem IT-Geschäft verabschiedet.

Da IBMs Gesprächspartner in der Regel die zentralen DV-Abteilungen waren, gingen einige Trends in der Branche an ihr vorbei. Immer mehr technische Abteilungen versorgten sich selbst mit Rechnern. Selbst nicht-technische Nutzer glaubten, sich von der Bevormundung durch eine zentrale DV-Abteilung emanzipieren zu können. Da IBM im Bereich selbstständiger Kleinsysteme (mit dem System/3 und seinen Nachfolgern) weiterhin große Erfolge hatte, wuchsen diese Systeme in ihrer Leistungsfähigkeit immer mehr in den Bereich der Großsysteme. Das Prinzip der einheitlichen Architektur wurde verletzt, als auch bei Großkunden verteilte, aber zentral kontrollierte Systeme (IBM 8100) eingeführt wurden, die mit den Zentralrechnern unverträglich waren. Ein weiterer Sündenfall erfolgte mit einem dedizierten Unix-System (RS4000), das zwar dank RISC-Architektur sehr leistungs­fähig war, aber keinen Vorteil daraus zog, dass es von IBM kam. Bob Evans, der während der Einführung des System/360 den Entwicklungsbereich der Firma leitete, sah im Aufgeben der einheitlichen Rechnerarchitektur die ersten Anzeichen eines ‚strauchelnden Titans‘ [1]. Während intern System/360 an Unterstützung verlor, gingen immer mehr Mitbewerber dazu über, Rechner in der Architektur des System/360 (engl. plug compatibles) nachzubauen, so Hitachi und Fujitsu. Sie wollten von den großen Investitionen in Software profitieren, die IBM-Anwender inzwischen gemacht hatten.

Eine weitere Phase des Zerbröckelns trat ein, als es IBM Anfang der 1980er Jahre zwar gelang, sich beim Personal Computer (PC) noch als System-Integrator zu positionieren, aber die beiden für die Zukunft entscheidenden Komponenten (Mikroprozessor-Chips und Betriebssystem) Dritten überließ. Vor allem hat man Software als eigenständiges Produkt nicht ernst genommen. Man investierte stattdessen in allumfassende Hardware-Software-Plattformen beginnend mit Betriebssystem-Funktionen in Mikrocode (FS), Anwendungsarchitekturen für heterogene Rechner (SAA), Automa­tisierung der Büroarbeit (Projekt Office) und Standardisierung der Anwendungs­entwicklung (AD/Cycle). Aufgrund der Kartellklage der amerikanischen Regierung wurde IBM seit 1972 nicht nur mit hohen Kosten für das Kopieren sämtlicher Planungs- und Entwurfsdokumente belastet, - das zuständige Gericht besaß schließlich über 12 Meter an Prozessunterlagen - es bestand auch die Gefahr, dass das Unternehmen in kleinere Einheiten aufgeteilt würde. Es schien dies nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Viele interne Prozesse nahmen diesen Zustand daher bereits vorweg.

Um die Jahreswende 1992/1993 kam es beinahe zum Zusammenbruch – zufällig zum selben Zeitpunkt, als ich in den vorgezogenen Ruhestand wechselte. Die folgenden Kommentare mache ich daher als Externer.

Zum ersten Mal in seiner langen Geschichte beendete IBM das Jahr 1992 mit einem Verlust. Im darauffolgenden Jahr verdoppelte sich der Verlust. Die Verkaufszahlen bei den Großrechnern, die bisher die Hauptsäule des Geschäfts darstellten, entwickelten sich rückläufig. John Akers, der damalige Vorsitzende, musste gehen. Mit Louis Gerstner kam Anfang 1993 ein externer Sanierer an Bord. Er hat eine Wiederbelebung zustande gebracht, indem er einerseits das Unternehmen umdefinierte, andererseits es zwang, sich auf seine Stärken zu besinnen. Die Umorientierung bestand darin, dass man nicht mehr allen Kunden alles anbot, was mit Datenverarbeitung zusammenhing, sondern sich auf wenige profitable Produkte und Märkte beschränkte. Innerhalb von zwei Jahren wurde die Mitarbeiterzahl von 400.000 auf 220.000 reduziert. 

Zehn Jahre nachdem das Kartellverfahren von der US-Regierung eingestellt worden war, konnte Gerstner nicht nur die Angst vor einer zwangsweisen Zerschlagung aus dem Wege räumen, er vertrat auch überzeugend die Meinung, dass Groß nicht gleich schlecht ist. Es käme vielmehr auf die Nähe zum Kunden und die Effizienz der internen Prozesse an. So eliminierte er zwei Drittel der internen Rechenzentren, straffte die Entwicklungsprozesse bei der Hardware, gab dem Software-Bereich größere Autonomie und baute das Beratungs- und Dienstleistungsgeschäft kräftig aus. Die entscheidende Weichenstellung bestand darin, dass Software-Produkte nicht länger an IBM-Hardware gebunden sind, und Beratungen und Dienstleistungen nicht mehr an IBM-Produkte. 

Als Stärke wurde herausgearbeitet, dass der weltweite Konzern, wenn er als Einheit (engl. One IBM) auftritt, seinen Kunden wesentlich mehr Kompetenz anbieten kann als dies in der Vergangenheit einzelne Geschäftsbereiche oder Landesgesell­schaften konnten. Alle Zuständigkeiten und Beschaffungsketten wurden internationalisiert, wobei Niedriglohnländer wie China und Indien ein zunehmendes Aufgabenspektrum übernahmen. Wo Kompetenz fehlte, wurde diese durch Akquisitionen ergänzt. Als erstes wurde die Firma Lotus aufgekauft, danach Tivoli und später Rational. Wie Gerstner in seinem Rückblick erwähnt, kaufte er in neun Jahren insgesamt 90 Firmen auf. Mit aggressiven Werbekampagnen, die IBM als Vorreiter für den elektronischen Handel (E-Business) positionierten, machte die Firma wieder auf sich aufmerksam.

Als Gerstner im Jahre 2002 ausschied, übernahm Sam Palmisano die Geschäfts­führung und nimmt sie bis heute wahr. Er hatte vorher dafür gesorgt, dass der Dienstleistungsbereich (Global Services genannt) zum Hauptgewinnbringer wurde. Palmisano führt den von Gerstner eingeschlagenen Kurs konsequent weiter. So trennte er sich im Jahre 2004 für viele überraschend vom PC-Geschäft. Es wurde an die chinesische Firma Lenovo verkauft. Die angegebenen Zahlen stammen aus dem Geschäftsbericht 2010. Die IBM hat in den letzten drei Jahren wieder die Mitarbeiter­zahlen wie auch das Geschäftsvolumen von vor 1992 erreicht. 

 
Bei der Größenordnung der IBM ist es von Interesse die finanziellen Ergebnisse einzelner Geschäftsbereiche näher anzusehen. Um den strukturellen Wandel deutlicher werden zu lassen, habe ich einen Vierjahresabstand gewählt. Gezeigt sind die Umsätze (in Mrd. $) und die Deckungsbeiträge (engl. gross margins, in %).

 
Deutlich zu erkennen ist das Zurückgehen des Hardware-Geschäfts und das Anwachsen von Service und Software. Im Jahre 2010 wurde der Service-Anteil auf­geteilt in technische Dienste (Wartung, Betrieb) und Beratung. In früheren Jahren waren beide Service-Arten zusammen ausgewiesen worden.

IBM ist heute in 170 Ländern der Welt vertreten. Über die Entwicklungslabors in Europa hatte ich in einem früheren Beitrag berichtet. In der Vergangenheit zählten viele aktive oder ehemalige IBM-Mitarbeiter zu den bekanntesten Fachleuten unserer Branche. Allein fünf Nobelpreise und sieben Turing Awards (Backus, Iverson, Codd, Cocke, Gray, Brooks, Allen) gehören zu den bedeutenden Auszeichnungen, die IBMer erhielten. Auch einige deutsche Kollegen genossen hohes Ansehen außerhalb der Firma, was zwei Präsidentschaften der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (Ganzhorn, Folberth) und eine GI-Präsidentschaft (Hackl) beweisen. In letzter Zeit machen einige hervorragende Team-Leistungen von sich reden, wie der Sieg eines IBM-Rechners (Deep Blue) über einen Schachweltmeister und der Erfolg eines IBM-Auskunftssystems (Watson) in einer Fernseh-Quizsendung. Auch die derzeitige Werbekampagne ‚Smarter Planet‘ hat ein Thema getroffen, dass Anklang findet.

Der Transformationsprozess einer Firma dieser Größenordnung wird mit Recht als ungewöhnlich angesehen. Ähnlich wie Gerstner im oben erwähnten Buch versucht auch die IBM Deutschland die dabei gewonnenen Erfahrungen der Öffentlichkeit mitzuteilen. Unter dem Pseudonym Max Mustermann stellt ein Autorenteam die neue IBM dar.

Zusätzliche Referenz

1.     Evans, B.O. (1997): The Stumbling Titan. In: Denning, P.J., Metcalfe, R.M. (Eds): Beyond Calculation. Copernicus, New York, 169-174

Montag, 4. April 2011

Google – Mythos oder Krake?

Über Google sind schon mehr Bücher geschrieben worden als über die meisten andern Firmen unserer Branche. Gegründet wurde die Firma im Jahre 1998 von Larry Page und Sergey Brin, zwei Graduate Students der Stanford University. Sie hatten ein Ranking­verfahren entwickelt und patentieren lassen, das alle im Markt bereits vorhandenen Suchmaschinen alt aussehen ließ. Da sie nicht irgendwo auf der Welt, sondern im Herzen des Silicon Valley lebten, fanden sie Industrie-Veteranen, die das Potential erkannten und bereit waren, privates Wagniskapital zu investieren. Einer der ersten Investoren war Andreas von Bechtolsheim, ein bayrischer Auswanderer, der 1982 die Firma Sun Microsystems mitgegründet hatte. Die Firma Google ging im August 2004 an die Börse. Sie hat seitdem eine rasante Entwicklung genommen. Der Marktanteil bei Suchmaschinen beträgt fast 80%. Der Börsenwert von Google war zeitweilig größer als der von General Motors. Einige Daten für die letzten drei Jahre sind internen Investor-Informationen entnommen.


Für Berufsanfänger wie Wechselwillige mit soliden Informatikkenntnissen wurde Google zum Traumland Arkadien. Zum diesem Mythos trugen nicht nur die Jugend und die Persönlichkeiten der beiden Firmengründer bei. Im Hauptsitz in Mountain View, CA, schufen sie eine sehr zwanglose, campusartige Arbeitsatmosphäre, in der Kreativität einen hohen Stellenwert genießt. Als Folge davon konnten sie − und können immer noch − unter Tausenden von Bewerbern die besten aussuchen. Neue Maßstäbe wurden gesetzt mit vorzüglichen Sozialleistungen (z. B. kostenlosem Firmenessen), der Nutzung regenerativer Energie sowie der Möglichkeit, während der bezahlten Arbeitszeit eigene Ideen zu verfolgen. Damit die geschäftlichen Anforderungen nicht zu kurz kamen, übertrugen Page und Brin das operative Management im Jahre 2001 an Eric Schmidt, einen Routinier. Er wird im Laufe dieses Jahres ausscheiden. Larry Page wird dann die Führung der Geschäfte übernehmen.

Der phänomenale Erfolg der Suchmaschine bewirkte, dass Google innerhalb kurzer Zeit über 65% des Online-Werbegeschäfts an sich zog. Das betraf nicht nur die USA, wo der Werbemarkt riesig ist und neben Außenwerbung, Postwurfsendungen und Zeitungen auch das ganze Radio- und Fernsehwesen finanziert. Gegenüber diesen Medien, die ihre Bot­schaften so zu sagen in den Wald schreien, kann Google gezielt Interessenten ausfindig machen, und nur diesen Personen die für sie relevante Information anbieten. Nur ein Beispiel: Die Firma der Nichte eines Freundes in Oregon, die medizinische Spezialwerk­zeuge herstellt, stellte die Werbung in Fachzeitschriften und Ärztebesuche ein. Stattdessen zahlt man Google pro Click drei Dollar und fährt besser dabei. Wie sehr Google innerhalb kürzester Zeit auch den deutschen Werbemarkt umkrempelte, konnte ich bei einem Vortrag an der Universität Jena im Dezember 2006 illustrieren. Ich zeigte ein Luftbild des Stadtkerns, auf dem sechs Firmen im Umkreis der Universität markiert waren, die über Google warben.

Von Googles Erfolg beeindruckt hat auch Microsoft versucht, im Werbegeschäft stärker Fuß zu fassen, scheiterte jedoch. Da Suchmaschinen das ideale Werkzeug sind, um einen Massenmarkt in Massen von Nischenmärkten zu zerlegen, investierte Microsoft zunächst in eine eigene Suchmaschine (Bing), später wollte man den Marktzweiten (Yahoo) über­nehmen, was aber nicht gelang. Google besitzt längst andere Technologien, die es von der Konkurrenz absetzt. So verfügt Google über ein äußerst effizientes Abrechnungssystem, mit dem Riesenmengen kleinster Transaktionen verlässlich abgerechnet werden können. Darüber hinaus bietet Google die Möglichkeit, die Werbepositionen für einzelne Stichworte zu ersteigern. Ferner kann jeder private Besitzer einer Homepage Werbeanzeigen von Google platzieren lassen. Schließlich ist Google, was den Umfang seiner Indizes und die Zahl seiner Server betrifft, kaum noch einzuholen. Es wird geschätzt, dass Google heute über eine Billion Webseiten indiziert und über eine Million Server betreibt, die über die ganze Welt verteilt sind. Einen großen Server-Komplex betreibt Google direkt neben einem Elektrizitätswerk im Staat Washington, um billigen Nachtstrom verwenden zu können.

Da das Stammgeschäft in ungewöhnlichem Maße Gewinne einbrachte, versucht Google dieses Geld zu reinvestieren. Es gibt daher kaum ein Gebiet der Informatik, auf dem Google sich nicht betätigt. Einige der Aktivitäten haben einen Bezug zu Suchmaschinen, andere nicht. Zur ersten Kategorie gehört das geographische Suchen. Ausgehend von Satelliten­bildern der NASA (Google Earth), auf denen sich sehr leicht einzelne Häuser erkennen lassen, werden ortsbezogene Dienste angeboten. Der Versuch, diese Dienste auf hori­zontale Straßenaufnahmen (Street View) zu erweitern, rief in Deutschland sogar eine Bundesministerin aus der Reserve. Seither darf man beantragen, dass sein Haus unsichtbar gemacht wird, also verpixelt wird.

Einen weltweiten Sturm der Entrüstung rief das Buchprojekt von Google hervor. Google hatte mit mehreren Bibliotheken, so auch der Bayrischen Staatsbibliothek, vereinbart, Bücher aus ihrem Besitz kostenlos zu digitalisieren. Da nicht immer klar ist, ob die Bibliotheken in allen Fällen über die entsprechenden Rechte verfügen, kam es zu Verhandlungen mit Vertretern  amerikanischer Autoren und Buchhändler. Ein Kompromiss, der eine pauschale Abgeltung vorsah, wurde später angefochten. Inzwischen hat ein Gericht in New York entschieden, dass Google keine Pauschalverträge mit der ganzen Branche abschließen darf, weil die Gefahr besteht, dass Google dadurch eine monopolartige Marktposition erhalten würde. Es stehen inzwischen einige Millionen, vor allem historische Bücher im Netz, die für das normale Suchen erschlossen sind. Bei den meisten neueren Büchern wird nur ein Teil der Seiten wiedergegeben.

Der Journalist Jeff Jarvis wies in einem vielbeachteten Buch darauf hin, wie sehr die von Google befolgte technische Strategie sowohl Wirkungen auf unsere Branche zeigt, als auch auf andere Zweige der Wirtschaft. Jarvis sieht eine Reihe von Lehren, die unsere Branche ziehen muss: Je einfacher eine Anwendung ist, umso erfolgreicher ist sie. Fehler von Nutzern soll man diesen nie entgegen halten. Der Nutzer will so schnell wie möglich zu den Daten, die er braucht. Kein System darf ihm im Wege stehen. Der Hunger nach Information ist unersättlich. Für die Wirtschaft allgemein gilt: Vermittler sind unerwünscht, egal ob es sich um Immobilien, Autos oder Reisen handelt. Was man nicht suchen kann, kann man auch nicht finden. Google ist das Musterbeispiel eines Unternehmens, das einen Markt geschaffen hat, den es vorher in dieser Form nicht gab.

Dass der Weg, den Google verfolgt, manchen Menschen Angst macht, ist verständlich. Ein Beispiel ist die Idee des Autonomen Suchens, die Eric Schmidt bei einem Dinner Talk zum Besten gab. Sein Bild: Bin ich zwei Stunden gewandert, könnte die Suchmaschine fragen, ob ich nicht eine Pause machen will. Der Zeitpunkt wäre gerade günstig, da sich in der Nähe ein Lokal befindet, dass meine Lieblingsspeise vorrätig hat. Generell hat man das Gefühl, dass Google es immer wieder bis hart an den Rand des Erlaubten treibt. Einige Leute meinen, dass Google den Leitsatz ‚Don‘t be evil‘ der beiden Gründer über Bord geworfen habe. Andere Kollegen sehen es so, dass Google sich in Neuland bewegt, wo man nur durch Versuch und Irrtum herausbekommt, was einen weiter bringt. So gibt es mehrere Projekte, die nicht zum Erfolg führten, etwa ein Lexikon (Knol), das Wikipedia nachahmen sollte.

Der Vollständigkeit halber sei kurz erwähnt, an welchen anderen Fronten Google noch tätig ist. Der Kauf des Video-Portals Youtube füllt zwar die Rechner von Google mit Daten, viel Geld wurde aber noch nicht damit verdient. Die Grundstruktur des Software-Markts könnte verändert werden, wenn es Google gelingen sollte, sich mit kostenlosen Versionen von mehreren Produkten durchzusetzen, mit denen Microsoft und andere viel Geld verdienen. Beispiele sind Textverarbeitung, E-Mail-Dienste und Bildverarbeitung. Außerdem gibt es einen Blogger, den ich für diesen Blog verwende, und einen Web Browser (Chrome). Eines der besten Sprachübersetzungsprogramme (Translator) stammt von Google. Schließlich betätigt sich Google auch im Markt der Smartphones. Das dafür entwickelte Betriebssystem (Android) macht Apple, Microsoft und Nokia zu schaffen. Ist die Marke Google als Anbieter privater Dienstleistungen längst die Nummer Eins geworden, so hat man den kommerziellen Unternehmensmarkt nicht ganz aus dem Auge gelassen. Google bietet dort ein reiches Spektrum von Lösungen an, einschließlich einer Cloud-Kapazität.

Google hat sich innerhalb von nur 12 Jahren nicht nur zu einem finanziellen, sondern auch technischen Schwergewicht unserer Branche entwickelt. Mit nur 6% der Mitarbeiter wurde ein Drittel des Umsatzes von IBM erzielt. Zu Mitarbeitern von Google zählen heute so bekannte Informatiker wie Vinton Cerf, einer der Väter des Internet, Stuart Feldman, der ACM-Präsident der Jahre 2006 bis 2008, John Gosling, der Erfinder von Java, und Nelson Mattos, früher bei IBM Research. Offensichtlich nehmen junge Informatikerinnen und Informatiker diejenigen Kassandrarufe nicht ganz ernst, die Google als böse Datenkrake beschimpfen, die hilflosen Zeitgenossen die Privatsphäre raubt und nach der Weltherrschaft trachtet. Vielleicht macht das aber nur neugierig. Sonst würden sie Google bestimmt nicht als das attraktivste Unternehmen der Branche bezeichnen, und das mit deutlichem Abstand. In Deutschland hat Google Niederlassungen in Berlin, Hamburg und München.

Samstag, 2. April 2011

Beliebte Arbeitgeber für Hochschulabsolventen

Jedes Jahr gibt es Umfragen unter Studierenden darüber, bei welchem Unternehmen sie am liebsten anheuern würden. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, je nachdem ob die Fragen von Informatikern, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern oder Wirtschaftswissenschaftlern beantwortet werden. Als Beispiel sind hier die Umfrage-Ergebnisse der Wirtschaftswoche (WiWo) vom Mai 2010 gelistet. Ich gebe nur die Reihenfolge der ersten zehn Unternehmen an, und nur für Informatiker, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler. Ähnliche Umfragen führen das Handelsblatt und der Spiegel durch. Da sie für meine Zwecke nicht wesentlich sind, habe ich die Prozent­zahlen für die einzelnen Unternehmen weggelassen. Nur so viel: Bei den Infor­matikern ist die Spitze ausgeprägter und das Gefälle stärker als bei den anderen Fachgebieten. Gegenüber früheren Jahren gab es nur geringfügige Verschiebungen um einzelne Tabellenplätze.


 Beliebte Arbeitgeber 2010 (nach WiWo)

Die fünf Unternehmen, die bei Informatikerinnen und Informatikern an der Spitze stehen, will ich in späteren Beiträgen einzeln besprechen. Eindeutig zu erkennen ist, dass Informatik-Hersteller, also die Firmen der Primärbranche, im Vordergrund stehen. Sie belegen sieben der ersten zehn Plätze, wenn man Siemens (noch) als Informatik-Unternehmen ansieht. Zwei Plätze werden von außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Fraunhofer, MPG) eingenommen, was auf deren ausge­zeichneten Ruf hindeutet. Als einziger Anwender erscheint Audi, das derzeitige Spitzenunternehmen der deutschen Automobilbranche. Wie in meinem Interview mit Manfred Broy erläutert, hat sich die Automobilindustrie schon seit einiger Zeit zu einem der bedeutendsten Informatikanwender in Deutschland entwickelt.

Bei Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern dagegen spielen die Informatik-Unternehmen keine große Rolle, mit der Ausnahme von Google. Der Mythos dieser Firma strahlt über unser Fachgebiet hinaus. Sehr gut im Rennen liegen vier der sechs deutschen Automobilhersteller. Sie gelten nicht nur als Aushängeschilder deutscher Ingenieurskunst, sondern haben sich auch im wirtschaftlichen Wettbewerb hervorragend positioniert. Die Lufthansa ist nicht nur attraktiv für Leute, die in ihrer Jugend statt Lokführer lieber Flugkapitän werden wollten. Zum EADS-Konzern gehört mit Airbus der größte europäische Flugzeugbauer. Robert Bosch ist zwar hauptsächlich als Zulieferer zur Automobilindustrie bekannt, gilt aber als eines der technisch kompetentesten deutschen Unternehmen.

Im öffentlichen Dienst hat kein Bereich eine bessere Reputation als der diploma­tische Dienst. Eine Tätigkeit bei einem Unternehmensberater wie McKinsey gilt als ideales Sprungbrett, um nach harten Lehrjahren eine verantwortliche Position in der Wirtschaft zu übernehmen. Bekannte Beispiele von Ex-McKinsey-Beratern sind Frank Appel (Deutsche Post), Utz Claassen (früher bei EnBW), Carl-Peter Forster (früher bei Opel) und Axel Wieandt (Deutsche Bank und Hypo Real Estate). Die Deutsche Bank wird zwar oft als zu mächtig und zu arrogant kritisiert. Sie ist aber besser als alle andern deutschen Finanzinstitute durch die weltweite Finanzkrise gekommen. Vielleicht denkt man auch: Wenn ich schon Banker werde – und mich von meinen Altersgenossen dafür beschimpfen lasse −, warum nicht gleich beim Branchenprimus.

Zu beachten ist auch, dass fünf der zehn von Informatikern bevorzugten Unternehmen ihren Firmenhauptsitz in den USA haben. Dies reflektiert die Situation im Markt. Von diesen fünf Unternehmen hat nur IBM eine längere Tradition, was Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in Deutschland betrifft. Dass Informatiker sich auch für Beratungs- und Vertriebsaufgaben interessieren, ist an sich sehr erfreulich. Bei Ingenieuren scheinen nur die deutschen Unternehmen auf Interesse zu stoßen, mit der einzigen Ausnahme von EADS, das eine europäische Basis hat. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern überwiegen klar die deutschen Firmen. Nur McKinsey und Google fallen aus dem Rahmen.

Übrigens: Werden heute junge Leute gefragt, was an der angestrebten Stelle für sie wichtig ist, ergibt sich folgende Reihenfolge: Work-Life-Balance vor Personal­verantwortung, intellektueller Herausforderung und Jobsicherheit. Mit Work-Life-Balance ist der Wunsch gemeint, Familie, Privatleben und Beruf möglichst gut miteinander vereinbaren zu können. Diese Reihenfolge gilt für Umfragen quer durch alle Fachrichtungen. Bei Informatikern und Ingenieuren muss man wohl Personal­verantwortung durch technische Verantwortung ersetzen. Vielleicht verdient dieses Thema später einen eigenen Beitrag.

Mittwoch, 30. März 2011

Zukunftsfähigkeit der IKT in Deutschland

Im Januar hatte ich in diesem Blog auf zwei Dokumente hingewiesen, die für den Dresdener IT-Gipfel vorbereitet worden waren. Eines stammte vom Münchner Kreis, das andere vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Da ich damit vermutlich Hoffnungen geweckt hatte, habe ich letzte Woche beide Berichte nochmals gelesen. Im Folgenden also einige Kommentare dazu. Die Abkürzung IKT steht für Informations- und Kommunikationstechnologie und Medien. Sie umfasst neben der Informatik auch die frühere Nachrichtentechnik und die Unterhaltungs­elektronik.

Zunächst zum Bericht des Münchner Kreises. In diesem Arbeitskreis sind neben einigen Professoren der Münchner Hochschulen (Eberspächer, Picot) auch die im süddeutschen Raum tätigen Kommunikationsfirmen vertreten (Siemens, Deutsche Telekom, Telefonica O2 und Vodafone), sowie die SAP AG. Das Dokument hat den Titel „Offen für die Zukunft – Offen in die Zukunft“ und umfasst etwa 170 Seiten. Im Wesentlichen wird über eine Umfrage unter deutschen und europäischen Experten berichtet, die im Jahre 2010 durchgeführt wurde. Drei große Komplexe werden behandelt: Kompetenzen, Sicherheit und neue Geschäftsfelder. 

Mit Kompetenzen sind hier die Fähigkeiten der Nutzer gemeint, die sie benötigen, um mit neuen IKT-Angeboten umgehen zu können. Es ist viel von der digitalen Spaltung (engl. digital divide) die Rede. Neben dem Zugang sollte auch der kompetente Umgang mit dem Internet ermöglicht werden. Die Verantwortung dafür, dass Jugendliche in dieser Hinsicht nicht auf sich allein gestellt bleiben, liege beim öffentlichen Bildungswesen, also beim Staat. Dass man möglichst früh lernen sollte, in der Flut von Informationen Qualität und Relevanz zu beurteilen, klingt zwar schön. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, wird jedoch offen gelassen. Neu für mich war die Existenz einer 70:20:10-Regel. Danach erfolge das Lernen zu 70% bei der Arbeit (engl. on the job), zu 20% von Kollegen und zu 10% durch Information. Diese 10% kamen in der Vergangenheit aus Büchern, in Zukunft werden sie wohl aus dem Internet kommen. Wenn das stimmt, erwarten wir eindeutig zu viel vom Internet.

Bei der Frage der Sicherheit seien Nutzer und Anbieter gleichermaßen gefordert. Der Staat müsse nur für eine adäquate Regulierung sorgen. Als Chancen für die Zukunft wird eine Liste von 18 Geschäftsfeldern vorgestellt, beginnend mit Sicherheits­technologie, über Energiesteuerung, Gesundheitsvorsorge und Internet der Dinge bis zu Semantic Web und Augmented Reality. Es fehle lediglich an Risikokapital, um hier erfolgreich loslegen zu können. In den IKT-Kernbereichen – so heißt es − sei wohl der Zug für Deutschland abgefahren.

Die ZEW-Studie hat den Titel „ITK als Wegbereiter für Innovationen“ und ist (nur) 48 Seiten lang. Sie wurde von BITKOM in Auftrag gegeben und vom Bundeswirtschafts­ministerium finanziert. Man beachte die gegenüber dem andern Bericht geänderte Abkürzung. Sie steht für Informations- und Telekommunikationstechnologien. Die Studie soll zeigen, dass die ITK-Branche zu den innovativsten Branchen Deutschlands zählt. Das wird mit einer Menge von Zahlen belegt. Leider bin ich nicht in der Lage, alle Zahlen zu verifizieren. So wird z.B. die Größe der Gesamtbranche im Jahre 2010 durch folgende drei Zahlen charakterisiert: Anzahl der Unternehmen 115.000, Beschäftigte 840.000, Umsatz 240 Mrd. Euro. Erst wenn man die Aufteilung in Teilbranchen sieht, kann man sich ein Gefühl dafür verschaffen, über was geredet wird.

  ITK-Teilbranchen in 2010

Mit der ersten Zeile sind Computer-Systeme, periphere Geräte und Unterhaltungs­elektronik (engl. consumer electronic) erfasst. Die Software-Branche müsste nach diesen Angaben im Jahre 2010 etwa 330.000 Beschäftigte gehabt haben. Diese Größenordnung stimmt ganz gut mit der Zahl 300.000 für die Primärbranche überein, die ich in meinem früheren Beitrag über die Software-Industrie für das Jahr 2005 erwähnt hatte. Die eigentlichen Aussagen des Berichts sind von der Art, dass von der ITK-Branche etwa 7 % des Umsatzes in Innovationsprojekte reinvestiert werden, etwa doppelt so viel wie in einigen andern Branchen. Nur die Pharma- und die Automobil­industrie sind innovativer. Als Innovationsleistungen werden Forschung und Ent­wicklung gerechnet, aber auch Marketing und Investitionen in neue Netze und Geräte. Andere zentrale Aussagen sind, dass rund 400 von 1000 befragten Unternehmen im Jahre 2010 ITK-basierte Innovationen eingeführt haben, und dass 12 % aller ITK-Patentanmeldungen aus Deutschland stammen.

  Patentanmeldungen im Jahre 2010 für IPC ‚G06F‘

Der letzten Zahl versuchte ich etwas auf den Grund zu gehen, indem ich in öffentlich verfügbaren Patentdatenbanken nachschaute. Das Problem dieser Zahl besteht darin, dass weder der Zeitraum angegeben ist, noch das Gültigkeitsgebiet, noch die internationale Patentklassifikation (IPC). Ich habe daher in der obigen Tabelle die Anzahl der Anmeldungen des Jahres 2010 sowohl für das Europäische Patentamt (EPA) wie für die Weltpatentorganisation (WIPO) für den Patentklasse G06F aufgelistet. Dieser Klasse wird die Mehrzahl der Informatik-Patente zugeordnet, nicht aber die TK-Erfindungen. Innerhalb dieser Klasse wurden von in Deutschland wohnenden Erfindern beim EPA etwa 9% der Patente angemeldet, von den WIPO-Patenten jedoch nur 5,1%. Die Aussage ist also nur bedingt richtig.

Die WIPO listet alle Patente, die bei einem ihrer 184 Mitgliedstaaten angemeldet wurden. Interessant ist, dass bei den WIPO-Patenten China Deutschland bereits vom dritten Platz verdrängt hat. Taiwan ist kein WIPO-Mitglied. Die Zahlen für Indien konnte ich nicht feststellen. Erwähnen möchte ich einige der Firmen, die bei deutschen Informatik-Erfindungen des Jahres 2010 auftauchen. Es sind ABB, AMD, BMW, Bosch, Conti, Deutsche Telekom, Ericsson, Fraunhofer-Gesellschaft, Giesecke & Devrient, IBM, Philips, SAP, Siemens, Software AG und Telefonica O2.

Einige Aussagen in dem Bericht haben mich etwas überrascht, etwa die, dass 35% der befragten Unternehmen heute bereits Clouds nutzen. Hierbei ist unklar, wie repräsentativ diese Unternehmen für die Gesamtwirtschaft sind. Mit Bedauern wird festgestellt, dass Deutschland – außer bei Unternehmens-Software – technologisch und wirtschaftlich nur Mitläufer ist. Vor allem so richtungsweisende Innovationen wie Google, iPad, iPhone und Facebook kamen von außen. Als neue Innovationstrends werden Cloud Computing, mobiles Internet und intelligente Netze genannt. Mit diesem Allerweltsbegriff ist sowohl der flächendeckende Ausbau der Bandbreiten gemeint wie die Erschließung neuartiger Anwendungen. Diese werden vor allem in den Bereichen öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Energieverteilung und Verkehrsteuerung (z.B. für Elektroautos) gesehen. Was hier recht prosaisch klingt, erhält natürlich ein ganz anderes Flair, wenn man für das Anwendungsgebiet das entsprechende englische Wort verwendet und ein kleines ‚e‘ davorsetzt, wie in eGovernment. 

"Für Deutschland als eine der führenden Industrienationen ist eine leistungsstarke einheimische ITK-Industrie von großer Bedeutung“ heißt es apodiktisch im Manage­ment Summary (S.9). Daraus wird gefolgert, dass gerade bei den erwähnten neuen Trends sich Deutschland als Innovationsführer positionieren kann und soll. Man fragt sich, wer sich dadurch angesprochen fühlt, hoffentlich nicht nur Regierungsbeamte.

Wie Sie bemerkt haben werden, bin ich nicht der Ansicht, dass der zu erwartende Wissensgewinn es dringend erforderlich macht, die beiden Berichte im Detail zu studieren. Beim ersten Bericht besteht sogar die Gefahr, dass man das Abfragen von Expertenmeinungen mit einer echten Marktanalyse verwechselt. Im zweiten Fall wurden einige Daten herausgefiltert, die zu einer vorgegebenen Hypothese passten. Ob es auch Daten gibt, die der Hypothese widersprechen, wird nicht erwähnt. Mit beiden Studien wird der Politik zugearbeitet. Man kann den Autoren deshalb nicht vorwerfen, dass sie mehr politisch argumentieren als wissenschaftlich.

Montag, 28. März 2011

Erdrutsch im Südwesten

Nachdem gestern die Wähler in meinem Bundesland Baden-Württemberg eine historische Wende für unser Ländle herbeigeführt haben, möchte ich dazu ein paar Worte sagen. Ich tue dies vor allem im Hinblick auf meine Leserinnen und Leser außerhalb des Landes.

Was geschah, ist in erster Linie ein Ausdruck demokratischer Gesinnung. Nach Karl Popper ist Demokratie nämlich primär die Möglichkeit, die Regierung gewaltfrei abzuwählen. Demoskopen hatten vor der Wahl die Wechselstimmung als den dominierenden Trend erkannt. Baden-Württemberg war neben Bayern das einzige Bundesland, das seit seiner Gründung vor 56 Jahren von derselben Partei regiert wurde. Die beiden letzten Ministerpräsidenten lassen sich leider nicht als besondere politische Talente beschreiben. Günter Oettinger tappte von einem Fettnäpfchen in das andere (Filbinger-Rede, Kauf von Kunstwerken, die bereits dem Lande gehörten, usw.), bis dass die Kanzlerin ihn nach Brüssel weglobte.

Sein Nachfolger Stefan Mappus gebärdete sich als Rambo, der seine Politik mit Polizeigewalt durchzusetzen versuchte. Spätere Beteuerungen, von den Plänen der Polizei für den Einsatz von Wasserwerfern am 30. September im Stuttgarter Schlossgarten nichts gewusst zu haben, wurden ihm nicht geglaubt. In dem Schlachtruf ‚Mappus muss weg!‘ waren sich die grünen Fundis am Bahnhof mit den Bewohnern der Halbhöhenlagen einig. Kaum hatte er mit Heiner Geißlers Hilfe die Stimmung im Lande etwas beruhigt, legte er mit einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach. Er erwarb den von Franzosen gehaltenen Aktienbesitz an der Energieversorgung Baden-Württembergs (EnBW) zurück, ohne seinen eigenen Finanzminister oder den Landtag zu informieren. Dass die Laufzeitverlängerung der dem EnBW-Konzern gehörenden AKWs Teil einer Strategie war, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Aber auch der Koalitionspartner FDP verfügt zurzeit über keine politischen Zugpferde, weder im Land noch im Bund. Schließlich riss der Tsunami in Japan beiden Parteien emotional den Teppich unter den Füßen weg. Die Wahl wurde zwar nicht in Japan entschieden, wurde aber von den dortigen Ereignissen stark beeinflusst.

Da die Landtagswahl von vielen Kommentatoren zur Schicksalswahl hochgejubelt worden war, schlug sich dies in einer relativ hohen Wahlbeteiligung nieder: 65,7% gegenüber 53,4% vor fünf Jahren. Die offizielle Ergebnisliste ist für die im Landtag vertretenen Parteien in folgender Tabelle zusammengefasst. Dabei stehen hinter den Prozentanteilen der Stimmen die Zahl der Parlamentssitze (in Klammern).

  Wahlergebnisse Baden-Württemberg, Große Parteien

Insgesamt verfügt Rot-Grün über 71 Sitze gegenüber 67 für Schwarz-Gelb. Der Landtag umfasst 70 Direktmandate, von denen die CDU 60, also 85%, gewann. Hätten wir ein Mehrheits­wahlrecht wie in Großbritannien oder im ehemaligen deutschen Kaiserreich, wäre das die Sitzverteilung. Neben einem Wahlkreis in Mannheim, der traditionell der SPD gehört, gewannen die Grünen zum ersten Mal neun Wahlkreise direkt. Diese liegen alle in Universitätsstädten: drei in Stuttgart, zwei in Freiburg, sowie je einer in Heidelberg, Konstanz, Mannheim und Tübingen. In Tübingen gab es bereits bei früheren Wahlen Wahlbezirke, in denen die Grünen über 70% der Stimmen erhielten.

Auch die kleinen Parteien, die in Fernsehsendungen meist nur als Summe erwähnt werden, verdienen einen detaillierten Blick. In der zweiten Tabelle sind die fünf der 15 kleinen Parteien erwähnt, die eine größere Stimmenzahl erhielten. Die Linke hat zwar Stimmen dazu gewonnen, ihr Stimmenanteil sank jedoch, da die Wahlbe­teiligung höher war. Bei den Rechtsextremen glichen Verluste (REP) und Gewinne (NPD) sich aus. Eine ökologische Partei links von den Grünen (ÖDP) verdoppelte sich, aller­dings auf niedrigem Niveau. Besonders bemerkenswert ist das Abschneiden der Piraten. Sie erhielten in einem Land mit 12% der Wahlberechtigten des Bundes genau 12% der Stimmen wie bei der Bundestagswahl im Jahre 2009. Das deutet auf eine Stabilisierung und Verfestigung der Bewegung hin. Bekanntlich sind die Piraten diejenige Partei, von der sich besonders viele Informatiker angesprochen fühlen, da sie sich für die Abschaffung des Urheberrechts stark macht.

  Wahlergebnisse Baden-Württemberg, Kleine Parteien

Bezüglich dessen, was sich in der Landespolitik nach der Wahl ändern wird, bin ich relativ gelassen. Sowohl Winfried Kretschmann, der Chef der Grünen und vermutliche zukünftige Ministerpräsident wie sein Kollege Nils Schmid von der SPD sind keine Revolutionäre. Sie sind in erster Linie gute Schwaben, was heißt, dass sie den Laden zusammenhalten werden. Von den Grünen ist eine Energiepolitik zu erwarten, die nicht am Atomausstieg rütteln wird. Bezüglich des Projekts Stuttgart 21 stehen die Grünen den Gegnern sehr nahe. Die SPD ist offiziell für das Projekt, will aber noch eine Volksabstimmung durchführen. Ob beide die Schulpolitik schnell in Richtung Gesamtschule umkrempeln und die Studiengebühren abschaffen werden, bleibt abzuwarten. Auch ihnen klingt der Wahlslogan der schwarz-gelben Vorgänger-Regierung in den Ohren: Baden-Württemberg hat nicht nur die niedrigste Arbeits­losigkeit in ganz Deutschland, sondern auch die meisten Erfinder und die meisten Elite-Universitäten. Sie müssen jetzt beweisen, dass dies auch so bleiben kann ohne eine konservative Regierung im Dauerabonnement.

Samstag, 26. März 2011

Die heutigen Software-Labors der IBM in Europa

In dem Beitrag über Horst Remus in diesem Blog wurde Bezug genommen auf die europäischen Labors der IBM und speziell auf den Aufbau ihrer Software-Kompetenz. Auf einer Tagung in Amsterdam im November 2007 hatte ich ein wichtiges Teilgebiet aus der Anfangsphase dieser Aktivitäten ausführlich beschrieben, nämlich das Gebiet des Compilerbaus. Entgegen der Planung des Veranstalters wurden die Vorträge der Tagung nie veröffentlicht. Ich stelle daher meinen Beitrag online zur Verfügung.


Ursprüngliche IBM-Laboratorien in Europa

Wie in der hier wiedergegebenen Tab. 2 dieses Vortrags dargestellt, sind von den ursprünglich fünf Labors heute nur noch Böblingen und Hursley in der Software-Entwicklung aktiv tätig. Lidingö und Uithoorn wurden zu nationalen Vertriebszentren. La Gaude spielt die Rolle eines europäischen Beratungs- und Demozentrum für integrierte und netzbasierte Anwendungen. Wurde von sechs Labors gesprochen, dann wurde das Wiener Labor mitgezählt. Weltbekannt wurde es durch die formale Definition von PL/I. Es war ursprünglich kein Entwicklungslabor. Es war während der 1980er Jahre in der Programmprodukt-Entwicklung tätig, ist aber inzwischen aufgelöst. Das Labor in Zürich ist ein reines Forschungslabor.

Hursley hat seine starke Position auf dem Gebiet der Transaktionsmonitore ausge­baut, und ist heute mit der Produktfamilie MQ (dem Nachfolgeprodukt von CICS) im Markt vertreten.

 
IBM Labor Böblingen

In Böblingen wurden die Betriebssystem-Entwicklung im VSE- und MVS-Bereich um die weltweite Linux-Verantwortung erweitert. Linux wurde nicht nur an Großrechner  angepasst, es wurde auch für ein Mehrkern-Chip (Cell Broadband Engine) optimiert. Unter dem Produktnamen Tivoli werden Lösungen für Cloud Computing, Virtuali­sierung und Automatisierung von Abläufen in Rechenzentren entwickelt. Hier arbeitet das Böblinger Labor eng mit der SAP AG in Walldorf zusammen. Außerdem wurden alle ursprünglich im Programmprodukt-Entwicklungszentrum (PPDC) Sindelfingen beheimaten Aktivitäten im Labor Böblingen zusammengefasst. Daraus entstanden eine Reihe von Workflow- und Data-Mining-Produkten, die als Teil der DB2-Produktfamilie vermarktet werden. Böblingen ist auch verantwortlich für das Portal-Produkt WebSphere. Darüber hinaus beteiligen sich einige Gruppen an der Entwicklung von Produkten der Lotus-Familie.

Sowohl Hursley wie Böblingen beschäftigen im Software-Bereich je etwa 1000 Mitarbeiter. Beide Labors besitzen auch noch eine Kompetenz im Hardware-Bereich. Bezogen auf die Zahl der Mitarbeiter sind die Hardware-Abteilungen in beiden Labors heute wesentlich kleiner als die Software-Funktionen.

In den letzten 10 Jahren kam es zu einer Reihe von Neugründungen, sowohl in Europa wie in Asien und Südamerika. Neue europäische Labors gibt es in Dublin (mit Außenstellen in Cork und Galway), Rom, Krakau und Moskau. Sie umfassen jeweils zwischen 300 bis über 1000 Mitarbeiter. Durch Akquisitionen übernommen wurden u.a. Lokationen in Stockholm, Paris, Helsinki, Delft, Warschau, Zürich und Genf. Dabei sind diese Labors eher spezielle Entwicklungsgruppen mit 15 bis 50 Entwicklern. Erwähnen möchte ich, dass IBM ihre größten Labors heute in Indien und China betreibt. Allein im Großraum von Bangalore sind für IBM etwa 40.000 Mitarbeiter in Forschung, Entwicklung und Dienstleistungen tätig. Die IBM Indien beschäftigt zurzeit über 130.000 Mitarbeiter, im Vergleich zu etwa 20.000 bei der IBM Deutschland und 400.000 weltweit.