Sonntag, 8. Mai 2011

Karl Ganzhorn wurde 90

Am 31.3.2011 schrieb Karl Ganzhorn an Verwandte und Freunde:

…darf ich bezüglich meines bevorstehenden 90. Geburtstags am 25. April 2011 eine Bitte übermitteln: Meine Frau und ich können zwar unseren Tagesablauf so eben noch bewältigen, doch wird er in letzter Zeit durch altersbedingte Belastungen immer vollständiger beherrscht. Unter anderem schließen diese fremde Hilfe im Haus aus. Das bringt es mit sich, dass wir einen Geburtstag nicht mehr in üblicher Form begehen können. Daher bitte ich herzlich, von Besuchen, Geschenken, Briefpost und Telefonanrufen absehen zu wollen, auf die wir nicht mehr in gebührender Weise reagieren könnten. Sie würden für uns zur zusätzlichen Belastung. Wir sind froh und dankbar dafür, wenn wir wenigstens die normalen Alltagspflichten noch aus eigener Kraft zu erfüllen vermögen.

Während ich mich seinem Wunsch entsprechend verhalten habe, halte ich es dennoch für angebracht, aus diesem Anlass ein paar Worte zu seiner Person zu sagen – und insbesondere zu unseren gegenseitigen Kontakten.

Ich lernte Ganzhorn Ende der 1950er Jahre kennen. Er war bereits seit 1952 bei der Firma IBM in Böblingen, als ich 1957 dort begann. Er war in dem der Fabrik zugeordneten Konstruktionsbüro (Kobü genannt) tätig, ich im kundenorientierten Rechenzentrum. Ich ging anschließend nach Düsseldorf und Nizza. Bereits bei meinem Wechsel von Düsseldorf nach Nizza im Jahre 1962 muss Ganzhorn im Hintergrund involviert gewesen sein, da ich formell in seinen Bereich versetzt wurde.


 Karl Ganzhorn  © IBM

Ganzhorn hatte bereits 1953 von Thomas Watson sen. den Auftrag erhalten, sich um die Anwendung elektronischer Bauelemente im damaligen Produktspektrum der IBM zu kümmern. Dies führte ihn im Jahre 1955 zu seinem ersten deutsch-französischen Kooperations­projekt, der World Wide Accounting Maschine (WWAM genannt).  Schon früher hatte Thomas Watson sen. dem deutschen Konstruktionsbüro den Auftrag erteilt, ein Kleinlochkarten-System zu entwickeln. Dieses Projekt wurde von Ganzhorn weitergeführt und als IBM System 3000 zur Vertriebsfreigabe gebracht. Leider stellte sich danach heraus, dass die für die Kleinlochkarte einzuhaltenden extrem engen mechanischen Toleranzen sich zwar von den Entwicklern (oder auch von Schwarzwälder Uhrenbauern) beherrschen ließen, aber für die industrielle Massenfertigung nicht erreichbar waren. Als Folge davon musste das System im Jahre 1961 vom Vertrieb zurückgezogen werden. 

Ganzhorn hat später immer wieder erzählt, wie sehr ihm die Reaktion des höheren Managements geholfen hatte, über diese Schlappe hinwegzukommen. Tom Watson bestärkte Ganzhorn darin, nie wieder seine ingenieurmäßige Intuition außer Acht zu lassen, auch dann nicht, wenn Vertrieb oder Management ihm ein Produkt aus der Hand reißen wollten. Über diese Erfahrung, sowie über die andern Projekte, die Ganzhorns Gruppe Anfang der 1950er Jahre durchführte, hat er ausführlich berichtet, und zwar im ersten Band der später von ihm herausgegeben ‚Blauen Reihe‘. Eine kürzer gefasste, englische Version erschien 2004 in den ‚Annals of the History of Computing‘. Sehr aufschlussreich ist auch das Oral-History-Interview, das die IEEE im Jahre 1994 aufnahm. Hier kommen unter anderem Ganzhorns prägende Erlebnisse im 2. Weltkrieg zur Sprache.

Im Jahre 1958 erfolgte unter seiner Leitung die Etablierung des Entwicklungslabors Böblingen als selbständige Unternehmenseinheit, unabhängig von Fertigung und Vertrieb. Gleichzeitig begannen die Suche nach einem geeigneten Ort für ein eigenes Laborgebäude und anschließend der Bau des Labors in Böblingen am Schönaicher First. Der erste Bauabschnitt wurde Ende 1960 bezogen (d.h. der mittlere helle Teil im eingefügten Bild). Dem schnellen Wachstum entsprechend gliederte Ganzhorn das Labor in vier Bereiche, die von kompetenten Kollegen geleitet wurden: Systementwicklung von Fred Albrecht († 2011), Halbleiter-Entwicklung von Otto Folberth, Software-Entwicklung von Horst Remus († 2007), und Technische Dienste von Fritz Haist. 

  
IBM-Entwicklungslabor Böblingen heute   © IBM

Im Januar 1964 wurde Ganzhorn die Leitung einer Gruppe europäischer IBM Laboratorien übertragen (Deutschland, Schweden, Österreich, letzteres hatte er 1958 selbst eingerichtet). Außerdem übernahm er in zunehmendem Maße externe europäische Aufgaben. Mit der Leitung des deutschen Laboratoriums wurde jetzt Walter Proebster betraut, der zuvor in der IBM Forschung in Zürich und in USA erfolgreich tätig gewesen war.

Als ich 1965 nach meiner Nizza-Zeit und meiner Amerika-Abordnung als Mitarbeiter des Labors de facto nach Böblingen kam (seit 1962 gehörte ich bereits de jure dazu), traf ich Ganzhorn immer wieder sporadisch. Mal ließ er sich unsere Projekte vorstellen, mal kam er mit externen Besuchern. Einen markanten Eindruck machte er auf mich bei den mindestens jährlich stattfindenden Management-Klausuren. Seine ruhige und sachliche Art der Diskussionsleitung entsprach überhaupt nicht dem Bild, das vor allem Externe vom Wesen eines IBM-Managers haben. Am meisten beeinflusste mich seine Auffassung von technischer Führung. „Als technische Führungskraft kann man Dinge bewerkstelligen, die man als Einzelner nie schaffen würde“, so ungefähr lautete seine Devise. „Sie selbst müssen allerdings eine technische Vision haben und diese an ihre Mitarbeiter vermitteln“. Dies motivierte mich darin, auch in technischer Hinsicht möglichst auf dem Laufenden zu bleiben. 

Einige der weiteren Aufgaben und Beiträge Ganzhorns sollen nur angedeutet werden. Von 1973 bis 1975 war er Direktor für Wissenschaft und Technologie der IBM Europa. Dazu gehörte die fachliche Betreuung von einem Dutzend Wissen­schaftlicher Zentren der IBM in Europa (einschl. Israel). Danach war er von 1975 bis 1978 Vizepräsident für Telekommunikationssysteme der Systems Communications Division der IBM Corporation unter Bob Evans. Daneben hielt er schon ab 1960 bis 1987 eine Vorlesung über Computertechnik an der Universität Karlsruhe. Im Jahre 1972 richtete er zusammen mit Clemens Hackl († 1991), dem späteren GI-Präsidenten, eine Denkschrift an die Bundes­regierung, in der eindringlich die Einführung eines Studiengangs Informatik an deutschen Hoch­schulen empfohlen wurde. Dies trug wohl wesentlich dazu bei, dass rasch 130 Lehrstühle für Informatik an deutschen Hochschulen etabliert wurden. Dafür wurde er 1982 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichchnet. Er war 1970/71 Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Von 1978 bis 1987 gehörte er dem deutschen Wissenschaftsrat an. Von Wirtschaft und Wissen­schaft erhielt er eine ganze Reihe weiterer Ehrungen. Im Jahre 1986 ging er in den Ruhestand.

Meine berufliche Karriere wurde etwa ab 1972 sehr stark von Ganzhorn beeinflusst. Zuerst übertrug er mir die technische Leitung mehrerer IBM-Seminare, die sich mit software-nahen Themen befassten. Teilnehmer dieser Veranstaltungen waren in erster Linie deutsche, österreichische oder schweizerische Professoren des gerade erst eingerichteten Studiengangs Informatik. Danach entsandte er mich als IBM-Vertreter in mehrere externe Gremien, so z. B. in den Sachverständigenkreis des Überregionalen Forschungsprogramms Informatik (kurz ÜRF genannt) der Bundesregierung. Dass ich zwischen 1974 und 1975 zwei Jahre lang freigestellt wurde, um an der Universität Stuttgart zu promovieren, verdanke ich neben Walter Proebster vor allem Karl Ganzhorn.

Als ich von 1993-1997 an der TU München tätig war, erfuhr ich, dass Ganzhorn eine Geschichte des IBM Labors Böblingen zu publizieren gedachte. Ich riet ihm damals, doch auf eine Veröffentlichung in Buchform zu verzichten, und das Ganze als Online-Dokumentation ins Internet zu stellen. Zu meinem großen Erstaunen stellte ich anschließend fest, dass sich damit das ganze Vorhaben mindestens um ein Jahr verschoben hatte. Ganzhorn entschloss sich nämlich zuerst die Sprache HTML gründlich zu lernen, da es damals noch nicht möglich war, etwas für das Internet zu produzieren, ohne dass man HTML beherrschte. Ganzhorn und die andern Autoren kehrten glücklicherweise zu der Idee einer Buchveröffentlichung zurück. So entstand die bereits erwähnte ‚Blaue Reihe‘, beginnend 2000 mit Ganzhorns Band über die Gründung des Labors. Die Reihe erreichte schließlich sieben Bände und legt damit ein hervorragendes Zeugnis über sein Wirken ab. Bei allen Bänden war er Anreger und Ideengeber. Außer dem ganzen Band 1 sind auch große Teile von Band 5 (Halbleiter- und Chip-Entwicklung) und von Band 6 (IT in Banken und Sparkassen) von ihm persönlich verfasst worden.

Wie aus dem am Anfang wiedergegebenen Schreiben ersichtlich, ist Ganzhorns geistiger Elan zwar nicht geringer geworden, seine Betätigungsmöglichkeiten sind jedoch stark durch familiäre Rücksichten eingeschränkt. Auch das verdient Anerkennung und Sympathie.

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