Sonntag, 23. September 2012

Biologie studieren – warum und wo?

Nachdem ich mich in früheren Beiträgen sehr für den Arzt- und den Ingenieurberuf ausgesprochen hatte, wurde ich gefragt, ob man heute nicht Biologie mit diesen Fächern gleichsetzen könnte. Ich möchte diese Frage mit Ja beantworten, möchte meine Antwort aber mit leichten Einschränkungen verbinden.

Bis vor etwa 50 Jahren war die Biologie ein rein kompilierendes und wenig wissenschaftliches Fach. Man konnte nur beobachten und klassifizieren, aber nicht erklären. Erst durch die 1953 erfolgte Entdeckung der DNA-Struktur durch James Watson und Francis Crick (und anderen) erhielt das Fach eine wissenschaftliche Grundlage. Kennzeichnend ist, dass diese Durchbrüche nicht von Biologen, sondern von Physikern, Chemikern und Medizinern erzielt wurden. Vor allem begannen wir nach und nach zu ahnen, wie faszinierend das Phänomen Leben ist.

[Im Anhang 2 beschreibt mein Freund und Kollege Peter Hiemann, ein Diplom-Mathematiker, wie er zur Beschäftigung mit Fragen der Biologie gelangte. Er hat sich immer wieder in diesem Blog mit Beiträgen zu biologischen Themen geäußert]

Immer noch gibt es viele Biologen, die lieber das Tanzen der Bienen oder die Bauleistungen von Termiten (und andern Insekten) rein phänomenologisch beschreiben, als den entsprechenden Erscheinungen auf den Grund zu gehen. Das Berufsbild des Biologen ist immer noch stark von Biologielehrern bestimmt, die die Mendelschen Gesetze erklären, von Tierpflegern im Zoo oder von Naturliebhabern, die Schmetterlingen mit der Botanisiertrommel hinterherhüpfen. 

Dass die moderne Biologie ganz andere Fragen stellt und Antworten liefern kann, kam in mehreren Beiträgen dieses Blogs zum Ausdruck. Sie kann helfen Probleme in der Medizin, in der Ernährung, in der Energieversorgung und im Umweltschutz zu lösen. Auch gibt es immer mehr Stellen für Biologen außerhalb der Schule. Die Pharmaindustrie, die Agrarwirtschaft, die Lebensmittel-Industrie und der staatliche Naturschutz sind Beispiele. Da viele Biologen von Hause aus den alternativen (oder grünen) Politikern etwas nahestehen, sehen sie sehr oft auf Kollegen herab, die sich in den Dienst der Industrie stellen. Was bei Kommunisten der Klassenfeind, ist bei Grünen die umweltfeindliche Großindustrie.

Von einem Gymnasiasten aus der Familie befragt, habe ich mich etwas schlau zu machen versucht bezüglich der Möglichkeiten eines Biologiestudiums. Die beste Quelle scheint mir die Bertelsmann-Stiftung, und dort das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), zu sein. Sie veröffentlicht laufend Statistiken und Bewertungen von Hochschulen, quer durch alle Fächer. Eine kurze Empfehlung für angehende Biologie-Studenten gibt es dort auch. Einige Sätze daraus will ich wörtlich zitieren. Sie gehen genau in die Richtung, die ich jedem Interessenten nahelegen würde:

  • An der Molekularbiologie kommt keiner mehr vorbei, selbst wenn er zoologische oder botanische Schwerpunkte wählt. »Man muss in allen Disziplinen genetisch denken können«,
  • Ein Großteil der Fachliteratur ist auf Englisch, und immer öfter wird auch auf Englisch unterrichtet.
  • Die meisten Universitäten suchen sich ihre Studenten hauptsächlich nach der Abiturnote aus; teilweise lag der Numerus clausus im Wintersemester 2011/12 im Einser-Bereich.
  • Der Doktortitel ist bei Biologen der Normalfall. Etwa drei Viertel der Masterabsolventen machen einen Doktor.
Für drei Unis (Freiburg, Heidelberg, Konstanz) habe ich die Bewertung im Detail ausgedruckt. Sie ist als Anhang 1 wiedergegeben. Man kann sich registrieren und andere Unis ansehen. Es gibt auch vom Spiegel ein Ranking der Unis. Es sagt wesentlich weniger aus. Auch der Wikipedia-Eintrag zum Biologie-Studium hat mich nicht besonders beeindruckt.

Bekannte Studienorte sind - soweit ich das beurteilen kann: Freiburg, Konstanz, Tübingen, Stuttgart-Hohenheim, München, Düsseldorf und Mainz. Studienorte, an denen Molekular-Biologie besonders hervorgehoben wird, sind: Münster, Erlangen, Bielefeld, Saarbrücken und Jena. Außerdem gibt es eine Übersicht aller Studienorte der Gesellschaft für Molekular-Biologie.

Ich fand bisher keine Liste, aus der die Anzahl der Biologie-Professoren nach Studienorten hervorgeht. Für mich wäre das ein starkes Kriterium, da daraus die personalmäßige und finanzielle Ausstattung des Fachs hervorgeht. Wenn man die Zahl der Studenten durch die Zahl der Profs dividiert, bekommt man (zwar nur oberflächlich) ein Maß für die mögliche Qualität des Studiums. Aber auch die absoluten Zahlen sind wichtig. Lieber 1000 Studenten und 50 Professoren als 100 Studenten und 5 Profs. Je mehr Profs, umso besser sind alle Teilgebiete abgedeckt.

Ich vermute, es gibt in der Biologie auch ein Süd-Nord-Gefälle, d.h. Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen sind besser dran als Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Jeder Interessierte kann anhand der Links weitere Details klären. 

Was ich etwas skeptisch betrachte, ist die Bio-Informatik. Bindestrichfächer haben generell das Problem, dass sie weder Fisch noch Fleisch sind. Sie stellen zwar eine wichtige Brückenfunktion dar, werden aber von beiden Seiten nicht ganz ernst genommen. Bio-Informatiker haben zwar weniger das Problem, das medizinische Informatiker plagt, dass sie nämlich primär als Hilfskräfte angesehen werden. Dennoch machen sie aus Sicht von Vollblut-Biologen keine biologische Arbeit, sondern nur Datenmanipulation. Wer als Biologe gerne Hilfe in Informatik-Fragen haben möchte, fragt am liebsten einen echten Informatiker, und umgekehrt.



Anhang 1

Hochschulvergleich: Biologie

Bachelor (Uni, kein Lehramt)

Hochschule

FAKTEN

Forschungsgelder pro Wissenschaftler
257,8
235,2
121,0
Promotionen pro Professor
3,3
9,6
1,6
Veröffentlichungen pro Wissenschaftler
3,4
5,5
3,3
Zitationen pro Publikation
7,9
8,0
4,8
Internationale Ausrichtung
2 / 11
3 / 11
0 / 11

STUDIERENDEN-URTEILE GRUNDSTÄNDIGE PRÄSENZSTUDIENGÄNGE

Studiensituation insgesamt
2,2
2,4
2,1
Berufsbezug
3,5
2,5
3,1
Betreuung durch Lehrende
2,3
2,6
2,1
Bibliotheksausstattung
2,0
1,8
1,9
Ausstattung Praktikumslabore
1,9
1,7
1,6
Lehrangebot
2,8
2,3
2,6
IT-Infrastruktur
2,0
2,0
2,2
Räume
1,9
1,7
2,1
Studierbarkeit
2,7
3,0
2,6
E-Learning
2,4
2,1
2,3
Einbeziehung in Lehrevaluation
3,2
3,0
2,3
Exkursionen
2,0
3,5
1,9
Unterstützung für Auslandsstudium
2,9
2,3
3,1
Wissenschaftsbezug
2,6
2,1
2,2

REPUTATION

Forschungsreputation
35,9
47,7
13,6


PS: Für eine Erklärung dieser Zahlen sei auf die oben als CHE-Empfehlung angegebene Quelle verwiesen.



Anhang 2

Kommentar von Peter Hiemann aus Grasse zum Thema Biologie-Studium

Es ist vermutlich heute schwerer als in der Epoche unserer Jugend, sich für ein Studium zu entscheiden. Bei der Entscheidung für ein naturwissenschaftliches Studium spielen meines Erachtens drei Kriterien eine entscheidende Rolle:

  • Welches Fachgebiet besitzt das Potential, die Grundlage für ein humanistisches Weltbild in einer technisierten Welt zu vermitteln?
  • Welches Fachgebiet eröffnet den Zugang zu vielfältigen interessantesten Projekten in Forschung und Industrie
  • Welches Fachgebiet erhält positive öffentliche (politische) und ökonomische Aufmerksamkeit (Budgets).

Entsprechend meiner heutigen Interessen, würde ich mich auch für ein Studium entscheiden, das auf den Prinzipien der Molekularbiologie und den Prozessen und Strukturen einer lebenden Zelle aufbaut.

Einen entscheidenden Anstoß für mein heutiges Interesse für lebende Strukturen waren die Vorlesungen Erwin Schrödingers zum Thema „Was ist Leben? - Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet“. Das Vorwort von Ernst Peter Fischer zu Schrödingers Vorlesungen gibt einen schönen Einblick, warum die „moderne Biologie nicht das Werk von Biologen ist“. Schrödinger hielt seine Vorlesungen 1943. Zur selben Zeit untersuchten der Mediziner Salvatore Luria und der Physiker Max Delbrück mikroskopische Partikel, die Bakterien angreifen und zerstören konnten. Luria und Delbrück gelang der Nachweis, dass einige Bakterien aufgrund einer spontanen Mutation ihres genetischen Materials resistent gegen Zerstörung durch die verwendeten Phagen geworden waren. Lurias und Delbrücks Arbeiten gelten als Beginn der Molekularbiologie. Das Fach explodierte, als 1946 entdeckt wurde, dass Bakterien und Phagen auch sexuell aktiv sind, also genetisches Material untereinander austauschen und neu kombinieren. 1953 erkannten James Watson (ein Schüler von Luria) und Francis Crick (ein Physiker), dass Gene als Doppelhelix strukturiert sind.

Unter der Annahme, dass ein Atom die Größe einer Erbse hat, hat eine Zelle die Größe einer Kugel mit 800 Metern Durchmesser (oder Radius?). Wie dem auch sei, man muss sich die Zelle sehr groß vorstellen. In der Zelle bewegt sich eine ungeheure Zahl verschiedener Moleküle mit sehr großer Geschwindigkeit. Manche Moleküle sind klein, manche haben die Größe eines PKW (im Erbsenmaßstab). In dem Gedränge der Moleküle kommt es zu keinen Zusammenstößen. Das einzig stabile Element in einer Zelle ist das genetische Programm. Ich habe im Internet einen kleines Video mit dem Titel „The Inner Life of a Cell“ gefunden.

Heute existieren hervorragende technische Hilfsmittel, das genetische Programm eines Organismus zu sequenzieren. Dieses Programm sagt aber wenig über die Prozesse der Proteinsynthese aus. Die Aktivierung und Deaktivierung von Genen ist eine nur teilweise verstandene dynamische komplexe Angelegenheit. Das Wissen um den Begriff Genetik musste um den Begriff Epigenetik erweitert werden.

Die Ansicht, dass „moderne Biologie nicht das Werk von Biologen ist“ gilt für die Epoche 1943, als es tatsächlich den Beruf gab, Biologie (Botanik, Zoologie) zu betreiben. Wer sich heute mit biologischen Fragestellungen professionell auseinandersetzen möchte, steht nicht vor der Entscheidung, den Beruf eines Biologen zu erlernen, sondern vor der Entscheidung, aus einer unglaublichen Vielzahl spezifischer Domänen eine Wahl zu treffen.

Kommentare:

  1. Am 26.9.2012 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    vielleicht interessiert es, dass in Göttingen ein Max-Planck-Institut (MPI)existiert, das Strukturen untersucht, für die sich sowohl Physiker als auch Molekularbiologen interessieren.

    Auf der Webseite http://www.ds.mpg.de/instUeberInstitut/instForschungsthemen/index.html erfährt man mehr.

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  2. Danke für diesen wirklch sehr informativen Beitrag! Ab nächsten Semester kann ich auch endlich mkein Biologie Studium beginnen, nachdem ich auf meine Bewerbungen nur Absagen erhalten habe. Letzendlich hatte ich mit einer Studienplatzklage erfolg. Meine Rechtsanwältin ist echt super www.rechtsanwalt-studienplatzklage.com

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