Freitag, 28. September 2012

Hermann Hesse – doch ein Kultautor?

Im August widmete der Spiegel (Heft 32/2012) sein Titelbild und seine Titelgeschichte dem Dichter und Schriftsteller Hermann Hesse, und zwar aus Anlass seines 50. Todestages. Auch unsere lokale Presse gedachte seiner, stammt er doch aus unserer Nachbarstadt Calw. Hier wurde Hesse am 2. Juli 1877 geboren. Gestorben ist er am 9. August 1962 im Alter von 85 Jahren in Montagnola am Luganersee in der Schweiz. Ein Besuch in Hesses Geburtshaus ist für jeden Literaturfreund ein Muss. Man wird dort an Hesses Wurzeln in einer pietistischen Missionarsfamilie, an seine Jugendzeit auf schwäbischen Schulen und seine Lehrzeit bei einem Tübinger Buchhändler erinnert.

Drei seiner Werke werden immer wieder hervorgehoben. Es sind dies Siddhartha (1922), Der Steppenwolf (1927) und Das Glasperlenspiel (1943). Die Wikipedia-Texte bringen ausführliche Würdigungen. Von allen drei gibt es Neuauflagen, sowohl auf Papier wie elektronisch. Da Siddhartha bei Skoobe als Teil des Abos praktisch kostenlos angeboten wird, habe ich es dieser Tage zum ersten Mal gelesen. Der Inhalt ist bei Wikipedia und an vielen andern Stellen wiedergegeben. Ich beschränke mich daher darauf zu beschreiben, wie das Werk auf mich wirkte. Dazu muss ich sagen, dass ich längst kein Jugendlicher mehr bin, und höchstens noch in der Rolle eines Großvaters erzieherisch zu wirken pflege.

Es ist ein Erziehungsroman, vergleichbar mit dem ‚Emile‘ von Roussau. Wie Rousseau so befasst sich auch Hesse damit, was Erziehung mit dem Menschen tun darf und was nicht. Seine Botschaft klingt auch heute, 90 Jahre nach der Verkündung, ziemlich revolutionär. Erziehung darf keinerlei Theorie verwenden, keine Lehre, erst recht kein Dogma. Jeder Mensch muss selbst zur Weisheit gelangen. Erst wenn er die Phasen der Suche und Verzweiflung überwunden hat, gelangt er zu jener Weisheit, die über allen Dogmen und Lehren steht. Jedes Kind muss den eigenen Weg gehen, zu dem es berufen ist. Es zählen nur die eigenen Taten, das eigene Leiden. Lehrer und Eltern sind machtlos. Wissen kann man mitteilen, Weisheit jedoch nicht.

Die Menschheit besteht aus zwei großen Gruppen, den Kindermenschen und den Denkmenschen. Bei den ersten sind es Triebe, die zu Leistungen führen, etwa zur Sorge um Angehörige, aber auch zu Wohlergehen und Reichtum. Die Angehörigen der zweiten Gruppe müssen drei Dinge lernen, nämlich Denken, Warten und Hungern. Sie erreichen Perfektion, indem sie die Silbe ‚Om‘ sprechen lernen. Sie werden erkennen, dass in der Welt alles im Fluss ist. Das Wasser fließt zum Meer und kommt als Wolke zurück. Ein Stein zerfällt, wird zu Ackerkrume und danach zu Leben als Pflanze, Tier oder Mensch.

Ich frage mich, wieso dieses Buch von Hesse zu einem Kultbuch geworden ist (neben einigen anderen desselben Autors). Es spiegelt angeblich das Lebensgefühl der Jugendlichen (vor etwa 50 Jahren) besonders gut wider. Das Losreißen von Eltern (und deren Generation) ist seit Jahrtausenden Teil des Reifeprozesses. Es ist das Recht und die Pflicht der Jugend, eigene Lösungen zu finden und eigene Wege zu gehen. Für die Ältern (und die Eltern) gibt es zwar kein Recht, den Kindern Vorschriften zu machen, sie haben jedoch die Pflicht ihren Kindern (oder andern Leuten) zu helfen, ihren Weg zu finden. Mit diesem Dilemma müssen alle Pädagogen fertig werden, angefangen in der Kindergrippe bis zur Hochschule.

Der Spiegel gelangte in seiner Titelgeschichte übrigens zu folgendem Fazit: Hesse ist aktueller denn je. Seine großen Themen – der Lebensentwurf des Einzelnen, der Schutz der Natur oder die Suche nach einem höheren Seinszweck als dem Konsum – bewegen auch heute viele Menschen.


Ganges-Ufer in Varanasi

Hesses Beschäftigung mit der buddhistischen Philosophie und der asiatischen Weltsicht begann 1911 nach einer Reise nach Sri Lanka und Indonesien. Obwohl der Siddhartha Gautama, genannt Buddha, aus Indien stammte, ist dort seine Religion durch den Hinduismus so gut wie verdrängt. Der Ort, an dem sich der Held der Erzählung mit dem historischen Buddha getroffen haben soll, liegt im Wildpark bei Isipatana (dem heutigen Sarnath), in der Nähe von Varanasi (dem früheren Benares). Bei einer Indienreise im Jahre 1995 haben wir diesen Ort besucht. Das Buch erinnert mich besonders an zwei Stationen dieser Reise.


Transport zum Ganges

In Varanasi machten wir eine Bootsfahrt auf dem Ganges, entlang den Gats. Hier führen hohe Stufen zum Fluss. Auf den Stufen herrscht geschäftiges Treiben. Um die aufgehende Sonne würdig zu begrüßen, steigen Männer und Frauen, nur ein leichtes Tuch um den Körper geschlungen, in die Fluten. Dabei tauchen sie unter und waschen sich.


Sadu (Weiser Mann)

Am gespenstigsten sind die brennenden Scheiterhaufen, die auf halber Höhe der Stufen zu sehen sind. Sie dienen der Leichenverbrennung. Die Asche der Toten wird anschließend dem Ganges übergeben. Manche Leute fahren auch in Ruderkähnen auf den Fluss und lassen kleine Blumengebinde mit Kerzen davonschwimmen. In Varanasi zu sterben, oder wenigstens verbrannt zu werden, spielt in der religiö­sen Überlieferung der Hindus eine besondere Rolle. In der Stadt begegnete uns ein Auto von der Größe eines Lieferwagens, das eine Leiche zum Ganges brachte. Überhaupt gibt es keine indische Stadt, in der man mehr bunt gekleidete, langhaarige Männer sieht. Sie haben sich vom Irdischen abgewandt und widmen sich einem Leben entsprechend der hinduistischen Lehre. Sie heißen Sadus (weise Männer).


Tempel in Khajuraho

Der andere, geradezu irreal wirkende Ort war Khajuraho. Hier gibt es eine Gruppe von fast 100 Hindu-Tempeln in einem Waldgelände, die mit Steinplastiken verziert sind. Sie stellen nämlich Sexposen jeder Art dar. Die Tempel stammen aus der Zeit zwischen 900 und 1100 unserer Zeitrechnung. Um diese Zeit wich das Herrschergeschlecht der Chandellas vor den muslimischen Eindringlingen nach Osten aus. Sie hingen dem tantrischen Hinduismus an. Nach dieser Lehre verdanken Männer ihre Kraft nur den Frauen, mit denen sie Umgang pflegen. Man hat diese deshalb als Göttinnen verehrt und in Stein verewigt.


Tempelfiguren

Der Siddhartha in Hesses Buch wie der historische Buddha waren Brahmanensöhne. Ein Brahmane ist ein Mitglied der obersten Kaste im hinduistischen Kastensystem. Im heutigen Indien stellen sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung dar und arbeiten in allen Berufen. Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts reisten viele Jugendliche aus Europa und den USA als Aussteiger durch Indien. Einige von ihnen sollen von Hesse dazu animiert worden sein. Sie hofften wie einst Buddha unter dem Bodhi-Baum ihre Erleuchtung zu finden.

1 Kommentar:

  1. Zu empfehlen ist die Hermann Hesse Tour unter http://kulturreise-ideen.de/literatur/autoren/Tour-hermann-hesse.html

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