Montag, 3. September 2012

Von der medialen Kompetenz zur digitalen Demenz

Es sind noch nicht einmal 18 Jahre her, seit Nicholas Negroponte seinen Bestseller Total Digital schrieb. Der Leiter des Media-Labors von MIT sah es als seine professionelle Pflicht an, die breite Öffentlichkeit auf den anstehenden Wandel hinzuweisen. Es sei ein Wechsel vom Atom zum Bit, der gerade eintrete. Er sei unwiderruflich und nicht mehr aufzuhalten. Selten hat ein Prophet derart Recht behalten. Im Jahre 1995 waren nämlich das World Wide Web und der Mosaic Browser gerade entstanden. Das Zeitalter der neuen Medien hatte begonnen. Es setzte eine unglaubliche Welle der Ergriffenheit und der Ausbreitung an, die alles mitriss, nicht ungleich einem Tsunami. Sie hat unsern Umgang mit Information und Medien radikal verändert.

Negroponte ging es darum, die Vorteile der Digitalisierung herauszustellen, die Möglichkeiten der Interaktion, sowie die enorm gesteigerte Bandbreite. Die Medien Fernsehen und Computer würden zusammenwachsen. Bücher könnten um multimediale Informationen erweitert werden. Durch Hypermedia löse sich die starre Struktur der Seiten auf. An ihre Stelle trete ein individuelles oder thematisches Netzwerk. Manche Leute möchten immer verdrahtet sein, andere würden sich auf einen elektronischen Butler verlassen. Informationen werden nicht mehr nur herübergeschoben wie in den klassischen Medien. Man kann sie selektiv zu sich herüberziehen, d.h. individuelle Dienste einrichten. Durch Spracherkennung sind Fortschritte in der Benutzer-Interaktion möglich. Er warb dafür, dass nicht nur Techniker sondern Jedermann sich digitale Kompetenz aneignen sollte. Die Schulen könnten nicht umhin, auf den Wandel zu reagieren.

Im Gegensatz zu vielen andern Wissenschaftlern ließ es Negroponte nicht bei Worten bewenden. Im Jahre 2005 initiierte er das von der UN geförderte Projekt One Laptop per Child (OLPC). Es verfolgt das Ziel, Kindern in Entwicklungsländern kostenlos einen einfachen Rechner und Software zur Verfügung zu stellen, die den Zugang zum Internet ermöglichen.

Trotz der offensichtlichen Erfolge von Computern und digitalen Medien fehlte es nicht an warnenden Stimmen, die auf Ängste, Gefahren und Probleme hinweisen. Mit ihrem im Jahre 2010 erschienen Buch Schuld sind die Computer! griffen Endres und Gunzenhäuser einige Kritiken auf. In dem Kapitel ‚Verblödung der Spezies Mensch‘ stellten sie sich die Frage: Führt die  Computernutzung innerhalb der Bevölkerung zur geistigen Verarmung, Verdummung oder gar Verrohung? Sie vermieden es, von einer Erkrankung zu sprechen. Als Informatiker ging es ihnen auch nicht um Panikmache. Sie versuchten Kollegen dafür zu sensibilisieren, dass es diese Art Vorwürfe gibt.

Mit dem Buch Digitale Demenz hat sich der Psychologe Manfred Spitzer in diesem Sommer an die Spitze der Kritiker gesetzt und gleich einen deutschen Bestseller gelandet. Der Untertitel heißt: ‚Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.‘ Die gedruckte Version hat 368 Seiten. In gutem geisteswissenschaftlichem Stil belegt der Autor seine Aussagen mit 383 Fußnoten, die größtenteils auf psychologische Fachartikel verweisen. Naturwissenschaftliche oder gar technische Literatur kommt nicht vor.

Spitzer stilisiert die in seiner Praxis zu beobachtenden Nebenwirkungen zu einer Volkskrankheit hoch. Das Wort Demenz ist dabei sicherlich etwas überspitzt. Er diagnostiziert damit eine Erkrankung, von der seine Leser annehmen müssen, dass sie ähnlich wie Alzheimer und Parkinson sehr eindeutig bestimmbare Symptome hat. Das Adjektiv ‚digital‘ erklärt sich daraus, dass die Ursache in der Nutzung digitaler Medien gesehen wird. Unter digitalen Medien versteht Spitzer Computer, Smartphones, Spielekonsolen, Navigationssysteme und Fernsehen. Im Klappentext heißt es:

Digitale Medien bestimmen unseren Alltag – ohne Computer, Smartphones und Navi geht heute gar nichts. Das birgt immense Gefahren, denn bei intensiver Nutzung baut unser Gehirn ab. Kinder und Jugendliche sind kaum noch lernfähig. Die Folgen: Aufmerksamkeitsstörungen und Realitätsverlust, Stress, Depressionen und zunehmende Gewaltbereitschaft.

An anderer Stelle fasst er zusammen: Digitale Medien machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich. Jeder Tag ohne digitale Medien ist ein gewonnener Tag. Den durch digitale Demenz verursachten Schaden vergleicht er mit dem Schaden, der durch die Erderwärmung entsteht. Er gibt zu, dass nicht er den Begriff ‚digitale Demenz‘ geschaffen habe, sondern Kollegen aus Südkorea, die bereits im Jahre 2007 über Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen im Zusammenhang mit Computer-Benutzung berichteten.

Vermutete Wirkungen auf das Gehirn

Es wird – wie nicht anders zu erwarten – immer wieder auf Ergebnisse der modernen Gehirnforschung verwiesen. Dabei steht der Begriff der Plastizität des Gehirns im Mittelpunkt. Selbst bis ins hohe Alter ändert sich das Gehirn durch seinen Gebrauch. Es kann nicht anders, es muss dauernd lernen, egal, was man tut. Um Information zu übertragen, werden Synapsen nicht nur benutzt. Sie verändern sich oder werden neugebildet. Auch beim Kontemplieren, Tanzen, Kartenspielen, Busch-Trommeln, Orgel- oder Boccia-Spielen geht dieser Prozess weiter, nicht nur beim Memorieren von Vokabeln oder Gedichten.

Bekanntlich verkümmern die Teile des Gehirns, die nicht benutzt werden. Das liegt ebenfalls in seiner Natur. Deshalb drohen jetzt neue Gefahren. Wir lagern nämlich immer mehr Wissen aus. Entsprechende Hirnzellen sterben ab. So verliert der Benutzer eines Navigationsgerätes sehr schnell seine Ortskenntnis. Wird das Navi gestohlen oder geht es verloren, verfährt er sich laufend.

An der Harvard University wurde in einer neueren Studie angeblich  der Beweis erbracht, dass Suchmaschinen eine sehr negative Wirkung haben, dass also – plakativ gesprochen – Google die Leute dumm macht.  Wenn immer Probanden etwas nicht wussten, dachten sie an Computer.

Wie Studien bei Londoner Taxifahrern ergaben, ist Orientierungswissen im Hippocampus zu lokalisieren. Es ist derjenige Teil des Gehirns, der auch im Alter neue Zellen bildet. Das normale Absterben von Zellen im Gehirn klingt nur bedrohlich, wenn man nur die absoluten Zahlen ansieht. Es sind 10.000 Zellen pro Tag. Auf die 100 Milliarden Zellen des menschlichen Gehirns bezogen, ist es ein Verlust von nur 1,3 % in 70 Jahren.
 
Symptome des Suchtverhaltens

Suchtverhalten lässt sich mit zwei Aspekten beschreiben, der Auswirkung auf den Tagesablauf und der Veränderung der Persönlichkeit. Wenn in den USA bei Jugendlichen in 2009 die Nutzung digitaler Medien bereits 7,5 Stunden/Tag beträgt (in Deutschland sind es erst 4 Stunden/Tag), so ist das besorgniserregend. Das ist bereits mehr Zeit als für Schlafen aufgewandt wird (bzw. mehr als für die Schule). Nach Untersuchungen aus dem Jahre 2011 leiden an Internet-Sucht – was immer das ist – in Deutschland 2,4 % bei 14-24-jährigen und 4 % bei 14-16-jährigen. In Asien soll die Erkrankung bereits wesentlich häufiger anzutreffen sein. In Südkorea seien 12% der Kinder internet-süchtig. Neueste Umfrageergebnisse (veröffentlicht von Pew Research im Februar 2012) deuten darauf hin, dass die Meinung der Forscher in den USA geteilt ist. Etwa die Hälfte erwartet positive, die Hälfte negative Wirkungen auf das Gehirn infolge der Verwendung von Computern.

Demenz schreitet in drei Stufen fort. Man verliert zuerst den Bezug zur Umgebung, dann zum Mitmenschen und schließlich zu sich selbst. Entsprechend stellt der Psychiater seine Fragen. Er beginnt mit der Frage nach Uhrzeit und Datum, dann ob der Patient wisse, wo und wer er sei. Wenn ein Gehirn schrumpft oder anderswie beeinträchtigt ist, wird es gehindert zu denken, zu wollen und zu handeln und zu wissen, wo und wer man ist.

Von der bekanntesten Form von Demenz, dem Alzheimer-Syndrom, wissen wir zwar, dass es im Hippocampus seinen Ausgangspunkt hat. Alzheimer kann bereits im Alter von nur 50 Jahren sehr gravierende Auswirkungen haben. Umso überraschender ist es, dass eine 101 Jahre alte Frau (eine Ordensschwester namens Maria) zwar das Gehirn voller Alzheimer-Plaques hatte, aber nicht an den Symptomen litt. Das gibt der Medizin noch Rätsel auf.

Wirkung auf Lernprozesse und Persönlichkeit

Geradezu mit Vergnügen behandelt Spitzer die Fehlversuche und Fehlschläge in der Pädagogik. Seit Jahrzehnten würden immer neue ‚Lernverhinderungsmaschinen‘ in die Diskussion gebracht. Abgehakt seien Radio, Fernsehen, Tonband, Sprachlabor, Kino und Video. Jetzt seien die digitalen Medien dran. Die Gurus des E-Learning hielten Computer für eine Art Nürnberger Trichter. Vielerorts werden gerade Kreidetafeln durch Smartboards oder Whiteboards ersetzt. Auch diesem Werkzeug sagt er eine Ernüchterungsphase voraus.

Die Probleme kämen, weil digitale Medien mehr vom Lernen abhalten als es zu unterstützen. Der Grund sei meist eine falsche Auffassung, was Lernen bedeutet. Nur zu surfen, also im Netz Experten zu befragen, sei kein Studieren eines Themas. Dazu erfordere es ein Durchdringen. Digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe. Je größer die Verarbeitungstiefe, je mehr Synapsen werden gebildet bzw. verändert. Wissen entstehe durch Kneten und Wälzen von Information, nicht durch Überfliegen. Für alle Geräte, die im Unterricht geistige Anstrengungen abnehmen, müsse ein Ausgleich geschaffen werden.

Wichtig sei auch die Wirkung der digitalen Medien auf die Fähigkeit der Selbstkontrolle. Sie wirken ihr entgegen und verführen zum Multitasking. Das wiederum führt zu Stress. Statt aufzuklären, würden Medienpädagogen nur vernebeln. Die Tatsachen ergäben deutliche Hinweise: Computer zuhause hätten einen negativen Einfluss, Computer in der Schule keinen positiven Effekt auf schulische Leistungen. Dies belegten Studien in den USA und Portugal. Manchmal kann man fragen, ob es der exzessive Genuss von Videospielen ist, der zu schlechten Schulleistungen führt oder umgekehrt.

Auch das von Negroponte gestartete Projekt der Computerizierung des Unterrichts in Entwicklungsländern kommt nicht gut weg. Mussten doch in einigen Ländern Maßnahmen ergriffen werden, um die Verbreitung von Kinderpornografie zu unterbinden. Spitzer hält es außerdem für ein modernes Märchen, die geistige Leistung einzelner Genies durch Schwarm-Intelligenz ersetzen zu wollen.

Wirkung auf Sozialverhalten

Es sei nachgewiesen, dass (zumindest bei Affen) das Gehirn mit der Größe des sozialen Netzes wächst. Je mehr Facebook-Freunde jemand habe, desto weniger reale Freunde würde er besitzen (sagen irgendwelche Statistiken). Demnach müsste die Verbreitung von Facebook zu einer Schrumpfung des Gehirns von Millionen führen.

Die im Internet (aber auch im Fernsehen) leicht zugänglichen Gewaltfilme reduzieren die Hilfsbereitschaft und stumpfen gegen reale Gewalt ab. Die Anonymität des Netzes verführt zum Danebenbenehmen und zur Änderung des Sozialverhaltens. Es sei eine Illusion zu glauben, dass das Suchen nach Information und die Kommunikation mit Freunden die dominierenden Tätigkeiten der jugendlichen Internet-Kunden seien. Musik-Downloads seien genauso wichtig.

Natürlich erinnert Spitzer auch an andere epochale Veränderungen, welche die Menschheit bereits verkraften musste. Der Übergang vom Sammler zum Bauern zwang den Menschen zum Planen. Die Erfindung der Handschrift machte Auswendiglernen von Gedichten von der Länge der Iliad und der Odyssee überflüssig. Nach der Erfindung des Buchdrucks erlernte man biblische und andere Geschichten, ohne sie selbst abzuschreiben. Offensichtlich konnte sich die Menschheit immer wieder anpassen, ohne unterzugehen. Daraus Hoffnung zu schöpfen, geht Spitzer zu weit.

Zwei Ausdrücke scheinen es Spitzer angetan zu haben. Digital Natives wachsen mit digitalen Medien wie mit ihrer Muttersprache auf. Manche von ihnen bleiben den ganzen Tag online. Die Generation Google umfasst alle ab 1993 geborenen. Sie haben keine Erinnerung an die Zeit vor Google.

Verursacher und deren Interessen

Fast argumentiert Spitzer wie ein Anhänger einer Verschwörungstheorie. Diejenigen, die mit digitalen Medien Geld verdienen, würden sich nicht dafür interessieren, was aus unseren Kindern wird. Ähnlich wie die Tabak-, Alkohol- und Waffenindustrie ginge es ihnen darum, möglichst viele Jugendliche ‚anzufixen‘. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und zuletzt die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages überbieten sich darin, das hohe Lied der neuen Medien zu singen.

Als besonders entlarvend empfand er die Reaktion des brasilianischen Erziehungsministers. Gefragt, warum man den Schulen seines Landes immer noch Laptops statt Tablettrechner aufdränge, habe er geantwortet. Ja, wenn FoxConn eine Fabrik bei uns bauen würde, könnten wir das in Erwägung ziehen. Für Nicht-Internet-Nutzer sei hinzugefügt: Foxconn ist eine taiwanesische Firma, die in China für fast alle noch bestehenden Hersteller Rechner baut. Ihr größter Auftraggeber ist Apple, der zur Zeit erfolgreichste Hersteller von Tablettrechnern.

Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen     

Der Abstieg in der geistigen Leistungsfähigkeit eines Menschen dauert umso länger, je höher er begonnen hat. Er wird erst kritisch, wenn nur noch weniger als 30% erreicht werden. Deshalb ist eine hohe Bildung oder hohe Intelligenz ein guter Allgemeinschutz.

Eltern sollten Medienkompetenz nicht zu hoch bewerten. Vor allem aber sollten sie auf den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien achten. Sie sollten die Suchtgefahr stets vor Augen haben, wie bei Drogen. Andererseits sei wahre Medienkompetenz mehr als nur oberflächliches Klicken. Programmieren und logisches Denken zu lehren, kann nie schaden.

Für Ältere wie mich bestehen auch Gefahren. Nur wirken sie sich nicht mehr auf die Zukunft unseres Landes aus. Spitzer rät statt sich mit Sudoku sich lieber mit den Enkelkindern zu beschäftigen. Während man bei einem Arzt, der googelt, misstrauisch sein sollte, spricht nichts dagegen, dass Senioren, die bereits zehn Medikamente pro Tag nehmen, versuchen im Internet herauszubekommen, welche Nebenwirkungen diese haben.

Meine Reaktion auf das Buch

Mancher Fachmann sieht die größten Probleme der Menschheit auf seinem Fachgebiet. Deshalb warnen Klimaforscher vor der Erderwärmung, Kardiologen vor Bewegungsmangel. Ein Psychiater sieht die Welt voller Neurotiker und Halbidioten. Es gab auch  immer Warner vor Neuem, etwa die Ärzte, die 1835 vom Bahnfahren abrieten, als sie sahen, wie schnell der erste Zug von Nürnberg nach Fürth fuhr.

Es ist schwer zu verstehen, warum die digitale Form von Texten und Bildern schädlicher sein soll als die analoge Darstellung. Nicht die Form, sondern der Inhalt von Information und Wissen haben einen Effekt. Soll ich mich selbst als gefährdet ansehen, da ich Spitzers Buch nicht auf Papier, sondern digital auf meinem Tablettrechner gelesen habe?

Es wäre falsch, auf andere zu zeigen, und zu sagen, nur die erzählen Unsinn oder produzieren gefährliche Drogen. Man sollte überlegen, welche Kritik berechtigt ist, und wo Änderungen in der Darstellung oder Nutzungsweise sinnvoll sind. Hier ist auch für Fachleute noch viel zu tun.

Das Buch macht – eher nebenher – einige Aussagen, die ich voll unterschreibe, so zum Beispiel: Man soll das Handeln aufgeklärter kritikfähiger Menschen fördern oder die wissenschaftliche Methode ist das Beste, was wir haben, um mit Problemen fertig zu werden.

Nachtrag vom 13.9.2012:


Hinweisen möchte ich auf den Beitrag von Gunter Dueck in SINNRAUM - Daily Dueck Aktuell von September 2012. Er meint, dass Digitale Potenz nach wie vor erstrebenswert sei und dass Digitale Demenz behandelbar ist.

Kommentare:

  1. Am 3.9.2012 schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:

    …zu viel Ehre für Herrn Spitzer!

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  2. Am 3.9.2012 schrieb Gunnar Sohn aus Berlin:

    ... sehr schöne Zusammenfassung!

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