Samstag, 30. März 2013

Wirtschaftlich nutzen ohne zu erwerben, eine uralte Idee im modernen Gewande

Die CeBIT 2013, die gerade zu Ende ging, hatte "Shareconomy" zu ihrem Leitthema erklärt. Als weltweit wichtigste Veranstaltung der digitalen Wirtschaft rücke sie das Teilen und gemeinsame Nutzen von Wissen, Ressourcen und Erfahrungen als neue Formen der Zusammenarbeit ins Zentrum. Für die Wirtschaft und auch für die Gesellschaft sei 'Shareconomy' derzeit ein heiß diskutiertes Thema. So ähnlich verlautete Frank Pörschmann, der CeBit-Chef. ‚Besitz war gestern. Heute wird geteilt, getauscht und privat vermietet‘ das schrieb die Süddeutsche Zeitung Ende letzten Jahres.  Das Thema hat viele Aspekte. Ich will es hier primär aus Sicht der Informatik diskutieren, aber nicht nur. Durch die Möglichkeiten, die uns die Informatik in dieser Hinsicht bietet, erhält es auch anderswo ein neues Gesicht, neue Aktualität.

Blick in die Geschichte

Jäger und Sammler der Steinzeit oder im heute noch verbliebenen Regenwald kennen keinen Besitz, außer ihren Jagdwaffen. In Anatolien erfand man vor 10.000 Jahren die Landwirtschaft. Bauern verbesserten den Boden, in den sie säten, und  zähmten Ziegen und Rinder. Das war der erste nennenswerte Besitz, den Menschen erwarben. Aus Ehrfurcht oder Dankbarkeit räumten sie ihren Göttern oder Königen gewisse Rechte an dem Besitz ein. So entstand eine gedankliche Trennung zwischen Eigentum und Besitz. Könige und Heerführer verteilten erobertes Land an Veteranen oder Leibeigne zur Nutzung. Der Adel versprach den Bauern sie gegen Räuber und Eroberer zu beschützen, wenn sie dafür einen Teil ihrer Felderträge abliefern würden.

So ging es in weiten Teilen Europas zu, bis die Franzosen ihren König köpften. Das war 1792.  Zuerst waren es die Amerikaner, dann die Franzosen, die mit Eigentum im Besitz von Bürgern den Begriff der Freiheit verbanden. Einige der neuen Eigentümer (oder der übrig gebliebene Adel) übertrieben es. Deshalb forderte Karl Marx: ‚Enteignet die Enteigner!‘ Er fand Anklang nur in der Hälfte der Welt. Dort wurde alles in eine Gemeinwirtschaft überführt. Nicht nur Sozialisten und Kommunisten schworen darauf, auch einige religiös motivierte Gruppen wie die Pilgerväter in Neuengland und die Jesuiten in Paraguay. Erst seit 1989 gibt es in Ostberlin, Moskau und Bejing wieder Privateigentum.

Nutzung, Besitz und Eigentum in der Informatik

In der Informatik wurden anfangs weder Hardware noch Software verkauft, sondern nur gegen monatliche Miet- bzw. Lizenzgebühren zur Nutzung überlassen. Zu riskant war die neue Technik und zu teuer. Man wollte jederzeit aussteigen können. Nur die Banken sahen es anders. Sie wollten den DV-Herstellern nicht auch noch das Finanzierungsgeschäft überlassen. In den öffentlichen und privaten Rechenzentren wurde verbrauchte CPU-Zeit oder Systemzeit sekundenweise abgerechnet. Man erfand das Time-Sharing, sowohl als Technik wie als Finanzmodell. Noch heute erinnere ich mich an die Begründung, die mir vor 50 Jahren ein Ingenieurbüro gab, als es den Dienst unseres Rechenzentrums plötzlich nicht mehr in Anspruch nahm. ‚Wir müssen oft sonntags noch an unsern Angeboten arbeiten. Wir haben uns daher einen eigenen Rechner gekauft.‘ Manche Unternehmen sollen weniger gute Gründe gehabt haben, um sich den jeweils größten verfügbaren Rechner anzuschaffen.

Etwa ab 1980 verflog die Unsicherheit der Nutzer. Sie wussten, dass sie in Zukunft nicht mehr ohne eigene Rechner sein konnten oder wollten. Time Sharing wurde uninteressant. Außerdem kamen die Minis auf. Die Preise für ein Gesamtsystem (Hardware und Software) purzelten in den Bereich unter 100.000 DM. Viele der neuen Nutzer saßen in Ingenieurabteilungen oder Ingenieurfirmen und hatten auch weniger Geld als die Buchhalter. Es waren auch viele neue Lieferanten im Markt, die genug Probleme hatten, sich selbst zu finanzieren. Sie wollten sich nicht auch noch die Finanzierung der Kunden ans Bein binden. Sie wollten gleich Geld sehen. Die alten Lieferanten passten sich an und zogen nach. Anstelle oder zusätzlich zur Monatsmiete wurde ein Einmal-Kaufpreis (engl. one-time charge, abgek. OTC) angeboten. Die Formel lautete

OTC = x * Monatsmiete, mit 24 ≥ x ≥ 48.

Obwohl die Kunden ihre Maschinen gewöhnlich mehr als vier Jahre behielten, bewegte sich die Mehrheit recht zögerlich in Richtung OTC. Man wollte sich die Möglichkeit offen halten, flexibel auf neue Produkte reagieren zu können, die sich infolge des technischen Fortschritts laufend in den Markt drängten. Als es wenig später die PCs gab, wurden diese von Endnutzern gekauft, nicht gemietet. Das galt für Hardware wie Software. Die Software war in der Erstellung fast so teuer wie früher. Ihre Preise fielen jedoch enorm, da die Herstellkosten statt durch 1000 jetzt durch 100.000 dividiert werden konnten.

Im Internet wurde das Gefühl für Kosten ziemlich durcheinander gebracht. Während sich auf der Hardware-Seite zunächst wenig änderte, ging bei der Software alles drunter und drüber. Die OTCs verschwanden vollkommen. Software war entweder in einer dienstbezogenen Nutzungsgebühr enthalten  ̶  mal als monatliche Flatrate, mal nach übertragenen Bytes bemessen  ̶  oder war kostenlos. Der Vorteil einer Flatrate besteht darin, dass man sie im Budget fest einplanen kann. Sie kann teurer sein als die detaillierte Verbrauchsabrechnung, dafür macht sie weniger Sorgen. Da Rechner inzwischen wie Handys aussehen oder nur noch über Handys zugegriffen werden, konkurriert man, indem immer mehr Software-Funktionen durch die Flatrate abgedeckt werden. Was überhaupt noch separat als kostenlose Software erschien, war meistens durch Werbung finanziert. Diese Finanzierungsart ist so bestimmend geworden, dass man fast vergaß, dass mit der Erstellung und Verbreitung von Software immer noch Kosten verbunden sind. Für Software erwirbt man in der Regel kein Eigentum, sondern nur Nutzungsrechte.

Auf zwei Sonderfälle sei verwiesen. Wegen der großen saisonalen Schwankungen des Internet-Geschäfts, etwa bei Amazon, wurden Überkapazitäten geschaffen, die zwischendurch als Informatik-Wolken (engl. clouds) zur Verfügung gestellt werden. Auf dem Gebiet der ERP-Systeme hat der Erfolg von SAP Mitbewerber auf den Plan gerufen, die sich durch fallweise Abrechnung nach Nutzerzahlen einen Einstieg erhoffen (z. Bsp. Salesforce.com).

Durch Informatik unterstützte Nutzungsmodelle

Als ich das erste Mal ein Taxi nicht per Telefon sondern per Internet bestellte, war ich beeindruckt, dass der Taxifahrer nicht mehr fragte, wo ich denn sei. Auch gibt es Städte, wo ich im Internet fragen kann, wo es freie Parkplätze gibt und mich anschließend dorthin leiten lasse. Eine viel zitierte Anwendung heißt Car Sharing. Sie ist für Leute, die selbst kein Auto mehr haben und trotzdem selbst fahren wollen. Man will sich auch nicht mühselig zum Stützpunkt einer Autovermietung am Bahnhof oder Flugplatz durchschlagen. Per Smartphone findet man ein freies Auto in der Nähe. Der Kunde identifiziert sich, öffnet das Auto und fährt los. Am Ende der Fahrt verschließt er das Auto und veranlasst die Abrechnung  ̶  alles per Smartphone. Städte, die mit dieser Anwendung experimentieren, hoffen auf diese Weise den Innenstadtverkehr zu reduzieren. Als ‚Versuchsvehikel‘ dienen allerdings keine Luxuslimousinen sondern Kleinwagen.

Die Fahrzeuge einer Carsharing-Organisation sind meist auf fest angemieteten Parkplätzen über eine Stadt oder einen größeren Ort verteilt. Die Standorte befinden sich häufig bei Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs (Bahnhöfe, Tramknoten, Endstationen von Buslinien usw.), wo sie von den Mitgliedern gut erreichbar sind. Die vorab reservierten Fahrzeuge werden meist benutzt, um von diesen Knotenpunkten aus abgelegenere Ziele zu erreichen.

Unter Couch Surfing versteht man einen Web-Dienst, der dazu dient, kostenlose Unterkunft auf Reisen zu finden. Man kann auch selbst eine Unterkunft oder etwas anderes anbieten, wie z.B. einem Reisenden die Stadt zu zeigen. Ende Juli 2011 zählte Couch Surfing nach eigenen Angaben über drei Millionen Mitglieder in etwa 80.000 Städten.

Es gibt unzählige Formen der anteiligen Nutzung wirtschaftlicher Güter. Manche sind uralt, manche machen erst Sinn dank der Fortschritte der Informatik. Über Mietwohnungen und gemietete Ferienwohnungen redet kaum jemand. Backhäuser und Badehäuser wurden seit dem Mittelalter gemeinschaftlich genutzt. Der Gemeinde-Bulle oder die Gemeinde-Wiese (Almende) stand einer Genossenschaft frei zur Verfügung. Neben privaten Autos gibt es fast überall den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). Er wird, um Umweltbelastungen und Staus zu vermeiden, in den meisten Städten besonders gefördert. Mietautos gibt es schon immer, seit es Autos gibt. Das Mieten von Flugzeugen, Tankschiffen, Lastwagen, Bau- oder Landmaschinen ist so gebräuchlich wie das Leihen von Fahrrädern, Skiern, Schlittschuhen, Fräcken, Brautkleidern, Arbeitskitteln und Babywaagen.

Immer mehr Unternehmen reduzieren die Zahl ihrer Festangestellten zu Gunsten von Freischaffenden und Leiharbeitern. Investitionen in Produktionsmittel (inkl. Büroräume, Lagerflächen) werden abgewogen gegenüber einer möglichen Fremdvergabe (engl. outsourcing). Der Hauptgrund für die anteilige Nutzung von Wirtschaftsgütern sind primär die zeitlichen Schwankungen in Bedarf und Nachfrage. Oft sind es auch die unterschiedliche Verfügbarkeit und die relativen Kosten von Kapital, die die Entscheidung beeinflussen. Neuerdings spielt die Idee der Nachhaltigkeit und der reduzierten Umweltbelastung hinein.

Wie weit dieses Denken uns bringt, zeigt eine spezielle Form, die mich geradezu fasziniert. Sie heißt Food Sharing. Hat man einen Salatkopf gekauft, verbraucht aber nur die Hälfte, lohnt es sich, die andere Häfte im Internet anzubieten, anstatt sie in den Mülleimer zu werfen. Hat man einen Interessenten gefunden, muss er unter Umständen die halbe Stadt (oder den halben Landkreis) durchqueren, um die Ware abzuholen. Ein Asylant, der für UPS fährt, ist vermutlich noch zu teuer, ganz abgesehen, von der Umweltbelastung durch Abgase. Was hier fehlt, ist eine Art Flaschenpost, die alle Häuser einer Stadt verbindet. Wird es richtig gemacht, wäre dies eine tolle Geschäftsidee. Es wäre die physikalische Ergänzung des Internet.

Information und Wissen als Sonderfall

Ich bin noch immer etwas überrascht, wenn in diesem Zusammenhang von Information und Wissen gesprochen wird. Das Teilen ist hier nicht das Gleiche wie bei physikalischen Gütern. Man ist immer noch geneigt an Bücher und klassische Bibliotheken zu denken, wo es um physikalische Objekte geht, die vergriffen, ausgeliehen oder verloren sein können. Das ist endgültig vorbei.

Wer vom Wissen teilen redet, denkt meist am Wikipedia. Millionen tragen bei, Millionen nutzen es. Bezeichnend ist, das bei Umfragen ein altersbedingter Unterschied zu Tage tritt. Junge Menschen (unter 35 Jahren) möchten gerne Information und Wissen teilen, ältere Menschen jedoch nicht. Zum Teil kommt der Unterscheid daher, dass es älteren Mitbürgern oft an Vorstellungskraft fehlt, was heute möglich ist. Manchmal kommt auch der unterschiedlich stark ausgeprägte Glaube an Utopien zum Tragen. Überlagert wird das Ganze von der Frage der Anerkennung geistigen Eigentums. ‚Der Kampf um das geistige Eigentum wird die größte Schlacht, die Sie je gesehen haben‘ sagte Jeremy Rifkin in seinem bereits im Jahre 2000 erschienen Buch Access  ̶  Das Verschwinden des Eigentums. Bis jetzt scheint er Recht zu behalten. Rifkin hat vieles von dem vorhergesagt, mit dem heute experimentiert wird.

Schlussbemerkungen

Das Interesse, das die ‚Shared economy‘ zurzeit erfährt, hat sowohl viele alte, aber auch einige neue Wurzeln. Vieles war schon einmal da, manches kommt wieder wie die Mode. Durch das Internet entsteht eine Markt-Transparenz, wie wir sie bisher nicht kannten. Es sind nicht nur mehr potentielle Kunden erreichbar, es ist auch eine erheblich schnellere Vermittlung möglich. Die Transaktionskosten sinken, Leerzeiten werden verringert. Manchmal werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich z.B. im Falle des Car Sharing zunächst nur um ein Schlagwort handelt. Da wo es nicht eine Werbeaktion eines Autoherstellers ist, hat es zumindest einmal einem Verkäufer zu einem größeren Abschluss verholfen. Städte oder Gemeinden wurden zu einer Investition überredet, von der es sich erst noch zeigen muss, ob sie sich rentiert. Noch sucht man nach Lösungen und ist bereit Risiken einzugehen.

Manche ältere Leser werden sich auch an Garrett Hardins Buch erinnern über die Tragik der Almende (engl. Tragedy of Commons). Am Überweiden der Almende wurde hier klar gemacht, dass öffentliche Güter nicht die Zuwendung und Pflege genießen, die Privatbesitz erfährt. Mit dem Mittelalter endeten vielerorts die Almenden. Es wurden Zäune gezogen, um Privatbesitz abzugrenzen. Viele Güter, die vorher geteilt wurden, erhielten Konkurrenz durch Produkte, die auch privat erschwinglich waren. Der zunehmende Wohlstand beschleunigte die Entwicklung in Richtung des vermehrten Privatbesitzes. Das private Schwimmbad und das private Flugzeug mögen Endpunkte einer Entwicklung gewesen sein. Ob der private Rechner einst einer sein wird, bezweifele ich jedoch. Bei vielen Besitzgütern ergibt die wirtschaftliche Betrachtung nicht den alleinigen Maßstab. Auch Prestige und Sicherheit sind sehr menschliche Bedürfnisse.

Nicht zu verwechseln ist die ‚Shared economy‘ mit der so genannten Schenkökonomie (engl. Gift economy). Sie wird oft als bedeutender Zukunftstrend hochstilisiert. Sie unterscheidet sich jedoch dadurch, dass eine finanzielle Gegenleistung für das geteilte Produkt oder den geteilten Dienst ausgeschlossen ist.

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