Mittwoch, 13. November 2013

Transparenz und Vertraulichkeit, Öffentlichkeit und Privatsphäre - Gegenpole oder Gegensätze?

Eine gewisse Aufgeregtheit ist den Medien angeboren oder anerzogen, vor allem denen, die unsere Aufmerksamkeit erheischen müssen. Sie drückt sich unter anderem darin aus, dass oft Gegensätze da gesehen werden, wo eigentlich keine sind. Kaum ein Wort taucht als Modebegriff in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion häufiger auf als Transparenz. Es gilt als Allheilmittel, wenn immer ein Projekt seine Ziele nicht erreichte oder eine Behörde ihren Pflichten nicht nachkam. Es ist ein Teil der politischen Hygiene. Die NSA-Affäre der letzten Monate gilt als Beweis, dass die Privatsphäre vieler Menschen massiv verletzt wurde. Oft erscheint es so, als ob dieselben Leute die Bedrohung ihrer Privatsphäre beklagen, die vorher die volle Transparenz aller Daten und Prozesse verlangten. Es ist dies das typische Zeichen eines Dilemmas. Es muss dies aber nicht sein. Dass die gesellschaftliche Diskussion sich oft an vagen Bedrohungen festmacht, ist nicht neu. Dass von Generation zu Generation ein Wandel von Werten und Einstellungen erfolgt, ist ebenfalls nicht zu leugnen.

Verunsicherung durch Technik

In ihrem 2010 erschienenen Buch ‚Schuld sind die Computer‘ werden von Endres und Gunzenhäuser 36 Bedrohungen und Ängste identifiziert, deren Ursprung im Fortschreiten von Informatik und Computertechnik zu sehen sind. Zwei Kapitel behandeln den hier angesprochenen Themenkreis. Es sind die Kapitel 5.1 (Gläserner Kunde und gläserner Bürger) und 5.2 (Großer Bruder). Wegen der durch die NSA-Affäre gewonnenen Aktualität seien ein paar Sätze aus Kapitel 5.2 zitiert:

Das Schlagwort „Großer Bruder“ erinnert an George Orwells Roman ‚1984’. Orwell beschrieb darin schon 1948 die negative Utopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates, die er auf das Jahr 1984 projizierte. …Heute verfügen wir zweifellos über die Technologie, die eine solche Schreckensvision ermöglichen würde. Einige Leute sind auch fest davon überzeugt, dass wir uns – zwar langsam, aber unaufhaltsam – in die von Orwell beschriebene Richtung bewegen, und das nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen größeren oder reichen Ländern dieser Erde. Kleineren und armen Staaten fehlen meist die Mittel dazu….

Was den einen als Bedrohung erscheint, dient andern zur Sicherung und Verteidigung ihrer Freiheit. „Internet-Puristen“ sehen das Internet als öffentliches Gut an und als freien Marktplatz der Meinungen, den es zu schützen gilt. Als Bedroher werden gewinnsüchtige Privatunternehmen wie auch kontrollwütige Behörden angesehen. Es kommt für jeden einzelnen Nutzer des Internets darauf an, eine gute Balance zwischen Chancen und Risiken zu finden. Aus Angst vor dem ‚großen Bruder’ Staat sollten wir die Chancen nicht ungenutzt lassen, die sich im Hinblick auf die Verbesserung der demokratischen Prozesse bieten.

Was dort beschrieben wurde, ist heute keine rein potentielle Gefahr mehr. Wie die NSA-Affäre bewies, ist es die aktuelle Praxis. Im Rest dieses Beitrags wird versucht näher zu beschreiben, was unter einer ‚guten Balance‘ nicht nur der Chancen und Risiken zu verstehen ist, sondern auch bezogen auf Forderungen und Erwartungen. Gedanklich sollte diese Abwägung der technischen Implementierung vorausgehen. Manchmal können wir dies aber nicht und werden erst von der realisierten Technik darauf aufmerksam gemacht, dass wir dies eigentlich hätten tun müssen.

Effekte der sozialen Medien

Der Begriff der Transparenz stammt aus der Optik. Hier bedeutet er ‚durchlässig‘ oder ‚durchscheinend‘. Das Bild des gläsernen Bürgers leitet sich daraus ab. Geheim und vertraulich betrachte ich als gleichbedeutend.

Nach der Beschäftigung mit dem Phänomen Google hat sich Jeff Jarvis, ein in Internetkreisen sehr bekannter Autor, Facebook und Twitter zugewandt. Sein 2011 erschienenes Buch hat in der deutschen Übersetzung den Titel ‚Mehr Transparenz wagen!‘ Der Übersetzer ließ sich offensichtlich von Willy Brandts Regierungserklärung von 1969 anstecken, die er damals unter den Slogan ‚Mehr Demokratie wagen‘ stellte.

Jarvis konstatiert einen Wandel der Einstellung der Privatsphäre gegenüber zwischen sich und seinem Sohne. Dieser, den er zur Generation der Digitalen Eingeborenen (engl. digital natives) rechnet, sehe vieles anders als er. Schuld daran seien vor allem Mark Zuckerberg und Facebook. Sie würden die Fragen aufwerfen, was privat oder öffentlich ist und warum. Facebook und Twitter, aber auch Google verfolgen angeblich ein Geschäftsmodell, das auf Offenheit beruht, also auf Transparenz. Dieselben Firmen fallen jedoch selbst durch Geheimhaltung auf. Sie sagen ihren Nutzern nicht alles, was sie tun. Wenn immer dieser Widerspruch zu eklatant wurde, mussten sie nachjustieren. Mark Zuckerberg spricht von einer Vision, die er verwirklichen will. Er will die Welt offener machen. Damit würde sie besser. Durch Offenheit entstünde mehr Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein, ja Integrität. Wer alles offenlegt, was er tut, müsse ehrlicher sein. Die Plattform WikiLeaks gibt sich gerne als Vorkämpferin der Offenheit aus, da sie die Macht von Regierungen einschränke. Sie hindere Beamte daran Heimlichtuerei zu betreiben. Die Information, die man besaß, hielt WikiLeaks allerdings geheim, bis dass sie mit drei Zeitungen (Guardian, NY Times, Spiegel) entsprechende Verträge abgeschlossen hatte, um damit Geld zu verdienen. Mit verbesserter Transparenz, wo immer mehr Leute immer mehr von sich mitteilen, hat das wenig zu tun.

Jarvis mokiert sich darüber, dass wir Deutsche besonders sensibel seien. Ilse Aigner habe in ihrer Funktion als Verbraucherschutzministerin gegen Street View protestiert, den Versuch von Google, Straßenbilder deutscher Städte ins Internet zu stellen. Es wurde ein Formular angeboten, mit dem man Google bitten konnte, bestimmte Häuser zu ‚verpixeln‘. Im Internet sähe Deutschland bald so aus wie nach dem Kriege, als Bombeneinschläge überall sichtbar waren, meinte er. Schließlich kommt Jarvis in Deutschland auf den Geschmack nackt in eine Sauna zu gehen. Für einen Amerikaner sei dies ein stärkeres Eindringen in die Privatsphäre als das Fotografieren an sich öffentlicher Straßen und Plätze.

Kulturell bedingte Empfindungen

Es stellt sich daher die Frage, was als privat empfunden wird. Der Begriff selbst leitet sich von dem negativen Ausdruck ‚beraubt‘ (lat. privatus) ab, was darauf hinweist, dass in vielen historischen Gesellschaften, die ja aus Familienverbünden hervorgingen, die Öffentlichkeit der Normalfall war. Als privat gelten heute in den meisten Kulturen z.B. bestimmte Regionen des menschlichen Körpers, Informationen über den Gesundheitszustand, das Einkommen und das Vermögen. Bezüglich der letzten beiden Bereiche gibt es bereits Unterschied innerhalb Europas. So soll man in Norwegen sehr offen sein. Jarvis machte selbst eine interessante neue Erfahrung, als er sich entschlossen hatte, in seinem Blog über eine Erkrankung (Prostrata-Krebs) zu berichten. Einige Kommentare hätten ihm echt geholfen. Im Allgemeinen haben Kinder eine andere Vorstellung von Privatheit als Erwachsene. Bei Erwachsenen nimmt die Angst zu, Fehler öffentlich zu gestehen. Auch die Bereitschaft zum Risiko nimmt ab.

Auf den Umgang mit Computern bezogen betrachten die meisten Leute folgende Informationen als nicht öffentlich: Kreditkarten-Nummern, Paßwörter, Inhalte ihrer eigenen E-Mails, den Browser-Verlauf, Playlists bei iTunes, Einkäufe bei Amazon und dgl. Bei einigen andern Tätigkeiten und Informationen sind wir etwas unsicher. Dazu gehören die vielen so genannten Freunde, die uns in sozialen Netzen angeboten oder vermittelt werden. Hier kommt es sehr auf die bisherige Erfahrung an.

Es ist sehr unangenehm, dass der Begriff Privatsphäre inhaltlich nur schwer zu definieren ist. Es gibt keine statische Definition, die für einen längeren Zeitraum oder für mehrere Situationen gelten kann. Es findet ein fortlaufender Anpassungsprozess statt. Nur der einzelne Mensch möchte und kann nämlich bestimmen, was für ihn öffentlich und was privat ist. Der Nutzer eines Kommunikationsdienstes möchte selbst bestimmen können, was andere über ihn wissen. Wird irgendwann ein Zustand erreicht, der befriedigend ist, oder an den wir uns gewöhnt haben, kann neue Technik zur Bedrohung werden. So war es mit photographischen Kameras und elektromagnetischen Tonaufnahmegeräten. Mit dem Aufkommen des Internets sahen viele das 'Ende der Privatsphäre' (so der Titel eines 2007 erschienen Buches von Peter Schaar, dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz) herbeikommen.

Jarvis meint, dass es bei der Privatsphäre im Grunde um eine Ethik des Wissens ginge, bei der Öffentlichkeit um eine Ethik des Teilens. ‚Was andere nicht wissen dürfen, sollte man nicht tun‘ (so lautet ein berühmter Ausspruch von Eric Schmidt, dem ehemaligen Geschäftsführer von Google). Das Verstecken in der Anonymität ist eine beliebte Form des Privatseins.

Anders als bei der Privatsphäre lässt sich der Begriff der Öffentlichkeit leichter konkretisieren. Hier hilft das Bild unterschiedlich großer Kreise, die sich überlappen. Einen Kreis bildet die Familie, einen weiteren die Verwandtschaft, wieder einen anderen die Freunde und dann die Arbeitskollegen, die Schüler und Leser. Das sind die individuellen Öffentlichkeiten. Weiter außen ist dann die generelle Öffentlichkeit, über die die öffentlichen Medien berichten.

Juristische und soziologische Sicht

Der Begriff der Privatsphäre ist juristisch zwar aus andern Grundrechten ableitbar, aber als solcher ist er nicht direkt definiert. Das gilt sowohl für die deutsche Verfassung, als auch für andere Länder. Ein Arbeitskreis der Gesellschaft für Informatik (GI), der sich mit der NSA-Affäre befasste, hat kürzlich darauf hingewiesen, dass erst das Bundesverfassungsgericht (BVG) spezifische Grundrechte auf diesem Gebiet konkretisiert habe.

Für den Schutz des Persönlichkeitsrechts unterscheidet [das BVG] Intimsphäre, Privatsphäre und Öffentlichkeitssphäre und gewährleistet einen nach betroffener Sphäre einen unterschiedlichen Schutz gegen das Eindringen der Öffentlichkeit…In den USA wird kein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung anerkannt, sondern nur ein „Right to be left alone“.

Das hier erwähnte Recht, in Ruhe gelassen zu werden oder das Recht auf Einsamkeit, ist anders motiviert und definiert als der deutsche Begriff der ‚informationellen Selbstbestimmung‘. In der Scobel-Sendung bei 3Sat vom 7.11.2013 klangen einige Aspekte an, die das Bild vervollständigen. Mit dem Wunsch nach Transparenz verbinde sich ein Traum. Es sei der Traum, dass alles besser wird, wenn alle alles wissen. Die Privatsphäre sterbe immer aufs Neue. Vor allem der in Berlin lehrende Koreaner Byung Chul Han fand ein paar kluge Worte: Transparenz sei mit Pornografie vergleichbar. Sie lasse weder Innerlichkeit, noch Scham oder Distanz zu. Es käme einem ‚entinnerlichen‘ entgegen. Wer nicht alles enthülle (bildlich: die Hosen runter lasse), der stehe draußen. Totale Transparenz führe zur vollständigen Überwachung, zu Terror. Nur eine Privatsphäre schaffe Freiheit.

Meine Erklärungsversuche

Vertraulichkeit und Transparenz, Öffentlichkeit und Privatsphäre sind Begriffspaare, deren Elemente einander bedingen. Es gibt das eine nicht, ohne das andere. Sie sind daher keine Gegensätze, sondern nur Gegenpole. Wie in der folgenden Grafik dargestellt, sind sie Endpunkte einer Skala.

 

Für jede Situation und für jede Person oder Gruppe sind andere Punkte auf den Skalen optimal. Entscheidend ist, dass der Einzelne diese Punkte wählen darf und wählen muss. Diese von außen vorzugeben, ist bereits ein Eingriff in die Rechte des Individuums oder einer Gruppe.

Die derzeitige Diskussion kann dem Individuum und Gruppen dabei helfen, erneut das richtige Gleichgewicht zu finden. Lange Zeit hatten die Menschen vor allem Angst vor Eingriffen der Wirtschaft. Die Ereignisse um die NSA-Affäre haben bewirkt, dass im Moment die größte Angst vor Eingriffen des Staates besteht. Große Staaten sind immer noch mächtiger als große Wirtschaftsunternehmen. Vor allem stehen ihnen außer finanziellen und personellen Ressourcen noch zwei weitere Hebel zur Verfügung, welche die private Wirtschaft nicht hat, nämlich Gewaltanwendung (Polizei, Militär) und Gesetzgebung. Die angeschnittene Diskussion entscheidet letztlich auch darüber, wie sich eine Gesellschaft definiert.

Am 16.11.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

So „clean cut“ ist das nicht mit Vertraulichkeit und Öffentlichkeit. Schauen Sie mal auf die Datenbanksprache SQL und hier die umstrittene „grant option“. Zuerst bei MySql, dann bei Oracle.

Nachbemerkung (BD):  Es ist klar, dass 'im wahren Leben' und bei Datenbanksystemen Rechte oder Privilegien an Objekten sehr differenziert vergeben und widerrufen werden können. Ich hatte gehofft, für den Begriff 'Privatsphäre' eine allgemein akzeptierte fixe Bedeutung zu finden. Da suche ich weiter nach gedanklicher Hilfe.

Kommentare:

  1. Am 13.11.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Transparenz institutioneller (vor allem politischer) Prozeduren ist notwendig, auch um Korruption zu vermeiden. Transparenz individueller Vorstellungen und Absichten unterliegt ausschliesslich individuellen Kriterien.

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  2. Bei dem Versuch den Begriff ‚Privatsphäre‘ zu erläutern, schwankte ich zwischen Sinn (Intension) und Bedeutung (Extension). Es ist relativ leicht den Sinn anzugeben. Bei der Bedeutung treten Schwierigkeiten auf. Meistens ist es umgekehrt. In diesem Falle kann ich nur die Merkmale beschreiben aber nicht die Menge der Objekte.

    Ist das der Grund, warum unsere Verfassungsväter und -mütter den Begriff ausließen?

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