Montag, 27. Januar 2014

Der Hominiden Aufstieg zu Selfmade-Göttern

Dieses Mal befasse ich mich mit einem Buch, das mir über Google+ empfohlen wurde. Dort fand ich eine Rezension eines Lesers aus Furtwangen im Schwarzwald, die ich auszugsweise wiedergebe.

Unsere Welt ist voll von abstrakten Ideen, ohne dass wir uns darüber bewusst sind. … Die Leistung des Buches besteht darin, dem Leser wirklich klar zu machen, dass es sich nicht um reale Dinge handelt, sondern um Konventionen, die in der Kultur derart tief verankert sind, dass alle daran glauben. … Die Naturwissenschaften erlauben aber weiße Flecken und genau dies ist das Erfolgsgeheimnis, um weiter zu kommen … Kann das Buch jedem, der unkonventionell denkt, wärmstens empfehlen.

Ich habe die 528 Seiten in einer Woche gelesen. Ich werde den Inhalt von hinten erzählen. Nur so versteht man nämlich das Buch. Der letzte Satz heißt sinngemäß: Gibt es etwas Gefährlicheres als unzufriedene und verantwortungslose Selfmade-Götter, die nicht wissen, was sie wollen? Ich konzentriere mich im Folgenden darauf, diesen Satz mit den Gedanken des Autors zu erklären.

Zunächst zum Autor. Yuval Noah Harari (Jahrgang 1976) ist Historiker an der Hebrew University in Jerusalem. Das Buch erschien 2011 auf Hebräisch, wurde zuerst ins Englische übersetzt und erschien im September 2013 in Deutsch mit dem Titel Eine kurze Geschichte der Menschheit. Der Titel klingt an Stephen Hawkings Kurze Geschichte der Zeit an, die sich nur mit der physikalischen Weltgeschichte befasst. Ganz bescheiden räumt der Autor ein, dass die Physik bereits etwa 13,5 Milliarden Jahre aufzuweisen hat, die Chemie etwa 13,2 Milliarden, die Biologie etwa 3,8 Milliarden, die Menschheitsgeschichte jedoch nur 70.000 Jahre. Eine ähnlich breite Darstellung von Geschichte gab Ian Morris, dessen Buch ich im Juli 2011 besprach. Hararis Buch ist wesentlich unterhaltsamer und wendet sich an eine breitere Leserschaft. Es verpackt eine bittere Botschaft mit sehr viel Zuckerguss. Ich habe selten ein so spritziges Buch gelesen.

Wer sind diese Selfmade-Götter?

Das sind natürlich wir, die jüngsten Vertreter der Art Homo Sapiens. Das Prädikat Sapiens (Lateinisch für weise) haben wir uns selbst verliehen. Der Sapiens (so nennt ihn der Autor der Einfachheit halber) war bisher durch physikalische, chemische und biologische Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten beschränkt. Im Moment ist er gerade dabei diese Fesseln abzuwerfen. Er kann nicht nur Masse in Energie umwandeln, wie bei der Atombombe geschehen, er kann auch neue Arten von Lebewesen schaffen. Zuerst betrieb er nur die Veränderung der Gene durch Zuchtwahl. Anders als die Natur gab er fetten und trägen Hühnern den Vorzug. Jetzt kann er die Tiere und Pflanzen direkt verändern. Er macht selbst Design und erschafft (als Kunstwerk) ein fluoreszierendes Kaninchen. Er kann Wesen schaffen, in denen einzelne Organe, etwa Augen oder Ohren, Implantate bekommen, die ihre Wirkungsweise verändern oder verbessern.

Er kann Beschränkungen seines Gehirns bezüglich seiner Speicherkapazität erweitern durch externe Speicher. Er versucht das Denken nachzuahmen oder Geräte mit Gedanken zu steuern. Als erstes Lebewesen hat er – soweit wir dies wissen  ̶  seinen Fuß auf andere Himmelskörper gesetzt. Er steht kurz davor zu verstehen, was es heißt, die Endlichkeit der Funktion seiner lebenswichtigen Organe zu überwinden. Innerhalb einer Generation hat er seine Lebensspanne um mehr als 10% gesteigert. Dass er alsbald (d.h. noch in diesem Jahrhundert) den eigenen Tod ausschalten kann, ist vorstellbar.

Vermittels der Gentechnik versetzt sich der Sapiens in die Rolle eines Gottes. Nach der Anwendung auf Pflanzen und Tiere folgt ihre Anwendung auf den Menschen. Die bisherige Geschichte der Menschheit ist nicht mehr als eine Vorgeschichte.

Hinterlassene Spur der Verwüstung

Im Laufe seiner 70.000 Jahre währenden Geschichte verbreitete sich der Sapiens bekanntlich von Afrika aus über die ganze Erde. Seine erste große Meerüberquerung – vergleichbar mir der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus – war die Besiedlung Australiens vor 45.000 Jahren. Sie hatte den Effekt, dass alle dort lebenden großen Tiere (Megafauna) ausgelöscht wurden. Dasselbe geschah in Sibirien mit den dort lebenden Landtieren (Mammut) sowie nach Überqueren der Beringstraße vor 16.000 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent (Säbeltiger, Riesenfaultier).

Seinen Artgenossen erging es nicht besser. Bei der Besiedlung Amerikas und Australiens überlebten etwa 10% der Ureinwohner. Die Kariben und später die Tasmanier wurden völlig ausgelöscht. Cortez und Pizarro, die jeweils mit einer kleinen Truppe ein großes Reich eroberten, benutzten dieselbe Strategie. Sie gaben sich zuerst als Botschafter aus und nahmen anschließend den jeweiligen Herrscher als Geisel, ehe sie das Volk dezimierten. Wie später bei dem Thema Religion ausgeführt, waren auch die Mitglieder derselben Volksgruppe nicht sicher vor einander.

Natürlich verdanken wir es modernen Vertretern des Sapiens, dass wir Vergangenes überhaupt verstehen und es lesen können, sofern es eine Schrift gab. Das gilt für Ägyptisch wie für Babylonisch, Sanskrit und die Maya-Inschriften.

Verbreitete Unzufriedenheit und Ziellosigkeit

Sehr bedrückend ist der Befund, dass der Sapiens zwar über Gefühle und Verstand verfügt, er aber nicht weiß, was er will. Er weiß nicht, was Glück oder Zufriedenheit ist. Diese Begriffe kommen in der Geschichtsschreibung nicht vor. Nichts belegt dieses Problem deutlicher als die Selbstmordrate. Da die zitierten Zahlen mir etwas unwahrscheinlich vorkamen, habe ich Hararis Quelle nachgeprüft. Es ist der Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2004 (S. 124). Danach gab es im Jahre 2002 auf diesem Planeten 1,26 Mill. Tote bei Verkehrsunfällen, 382k durch Ertrinken, 312k durch Feuer, 172k Kriegstote, 569k sonstige Gewaltopfer sowie 873k Selbstmorde. Die am Schluss genannte Zahl ist etwa 1,5% aller Toten eines Jahres (57 Mill.).

Konflikte, bei denen ein Land das andere überfiel, um an dessen Rohstoffe zu gelangen, scheinen weniger sinnvoll geworden zu sein. Nur Saddam Husseins Überfall auf Kuweit, der 1990 zum zweiten Golfkrieg führte, ging noch eindeutig in diese Richtung. Die Anzahl der bewaffneten Konflikte überhaupt scheint jedoch unverändert zu sein. Für sie haben sich andere Gründe gefunden.

Es sei eine Illusion zu versuchen, dem Leben Einzelner oder dem aller Menschen einen Sinn zu geben. Die Erde bestand nämlich bevor es Menschen gab und kann ohne Menschen weiterbestehen.

Vom Jäger- und Sammlerparadies zur bäuerlichen Idylle

Vieles von dem, was Harari sonst noch über die Menschheitsgeschichte sagt, ist zwar nicht neu, wird aber sehr treffend und oft überspitzt formuliert. Die längste Periode war die der Jäger und Sammler. Sie formte die Gene des Sapiens. In der Überlieferung war es ein Paradies. Man brauchte keine Uhr und keinen Kalender. Die Ernährung war sehr abwechslungsreich. Nicht eingestehen wollen wir uns, dass Fleisch oft knapp war. Der Sapiens pulte es oft als Mark aus Knochen, die Hyänen liegen ließen. Das Feuer verlieh dem Sapiens eine große Macht. Er konnte bereits seine Umwelt durch Brandrodungen verändern. Er konnte Dinge durch Kochen besser verdaulich machen. Das verkürzte den Darm und ergab mehr Energie für das Gehirn.

In der bäuerlichen Periode, die vor etwa 9.000 Jahren begann, hat sich zwar das Gehirn des Menschen verkleinert, aber die Kinderzahl pro Frau schoss in die Höhe. Es kam zu einer ersten Bevölkerungsexplosion. Die Weltbevölkerung wuchs von einer auf 10 Millionen. Während die Sammler sehr gesund lebten, kam es bei Bauern bereits zu ansteckenden Krankheiten (Tuberkulose, Masern, Pocken), die von Tieren übertragen wurden. Der Übergang zur Landwirtschaft erfolgte (vermutlich) gleichzeitig an vielen Orten. Die Agrarpflanzen wie Weizen, Reis und Kartoffeln ‚domestizierten‘ den Menschen (und nicht umgekehrt).

Die Tiere, die der Mensch züchtete (Rinder, Ziegen, Hühner) hatten fortan ein trauriges Schicksal. Anzunehmen, sie hätten keine Gefühle, sei Unsinn. Sie vermehrten sich teilweise noch schneller als der Mensch. Es gibt heute über eine Milliarde Rinder. Täglich werden mehrere Millionen Hühner getötet. Der Kampf gegen Ameisen, Spinnen und Kakerlaken dauert unverändert an. Der Mensch fing an, die Zukunft zu planen. Anstelle der kleinen Rudel (unter 30 Leuten) entstanden komplexe Gesellschaften und Staaten.

Warum Europa einmal modern und erfolgreich war

Um 1500 begann die dritte Periode der Menschheitsgeschichte. Sie kann als die Periode der Wissenschaft angesehen werden und begann zuerst in Europa. Die alten Kulturen (Ägypter, Perser, Chinesen) glaubten alles zu wissen. Was sie nicht wussten, war irrelevant. Die Europäer akzeptierten weiße Flecken auf der Landkarte und in der Wissenschaft. Ihr Eingeständnis des Nicht-Wissens wies der Beobachtung eine zentrale Rolle zu. Die Europäer entwickelten neue Fähigkeiten, die zu einer wissenschaftlichen Revolution führten. Aus Beobachtungen entstand Wissen. Neues Wissen wurde für wichtiger gehalten als alte Überlieferungen - zumindest von Einigen von ihnen.

Die Europäer verbanden ihren Vorsprung in den Wissenschaften mit den wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen von Kapitalismus und Imperialismus. Sie eroberten andere Teile der Welt, nicht nur um zu besitzen, sondern um etwas Neues zu entdecken. Die vormodernen Herrscher hatten Priester, Philosophen und Dichter finanziert. Jetzt standen Kapitäne und Offiziere im Vordergrund, mit Wissenschaftlern und Kapitalgebern im Rücken. Ein funktionierendes Rechtssystem ermöglichte die Expansion der Wirtschaft auf der Basis von Krediten. Es entstand ein allgemeiner Fortschrittsglaube, der sowohl von der Wissenschaft wie von der Wirtschaft genährt wurde.

Was machen wir mit Neandertaler und Co.?

Die Art des Homo Sapiens hatte Vorgänger unter den Hominiden (auch Menschenaffen genannt) und wird wo möglich auch Nachfolger haben. Inzwischen weiß man, dass der Sapiens sich mit seinen Vorgängern vermischt hatte. So besitzen westliche Menschen etwa 4% Gene, die vom Neandertaler stammen. Der Denisowa- und der Java-Mensch haben sogar einen höheren Anteil hinterlassen.

Angeblich wird mit der Idee gespielt, (aus rein wissenschaftlichen Gründen) den Neandertaler aus seinem Genom zu rekonstruieren. Man könnte dann die Entwicklung unseres Gehirns besser studieren. Mit dieser Diskussion wird die Frage aufgeworfen, für wen die Menschenrechte gelten. Die gleiche Frage gilt für neue Wesen, die ganz allein durch die Technik geschaffen werden (Stichwort Künstliches Leben). Es wäre anzunehmen, dass sie uns nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell überträfen. Das führt wiederrum zu der Frage, was wollen wir werden oder was wollen wir wollen?

Über abstrakte Ordnungen und fiktive Geschichten

Harari widmet sehr viel Aufmerksamkeit einer auch von mir in diesem Blog mehrfach aufgegriffenen Frage, nämlich der Rolle von Abstraktionen. Für einen Geisteswissenschaftler wie Harari ist dies ein faszinierendes Thema, für einen Ingenieur ist es ein Gräuel.

Wenn wir alle Vorgänger des Sapiens mit hinzurechnen, hätte unsere Geschichte nicht vor 70.000 sondern vor 700.000 Jahren begonnen. Ab da erfolgte die erste der vielen Revolutionen in der Geschichte der Biologie, die so genannte kognitive Revolution. Es entstanden Lebewesen wie die Menschenaffen, die über ein komplexes Gehirn verfügten. Wie alle Affen, so hatten auch die Vormenschen ein großes Interesse an sozialer Information. Kein Lebewesen klatscht so gerne und so viel. Es ist unsere Sprache, die es erlaubt, auch über Dinge zu reden, die es gar nicht gibt (Legenden, Mythen, Götter). Einige abstrakte Ordnungen sind uns auch heute noch sehr wichtig, z.B. Geld, Gesetze und Organisationen. Diese Dinge existieren nicht real, sondern nur in den Köpfen von Menschen. Sie sind soziale Konstruktionen oder Fiktionen.

Geld ist eine äußerst geniale Abstraktion. Es macht Tauschgeschäfte möglich, ohne passende Tauschobjekte vor Ort haben zu müssen. Harari nennt Geld den ‚Gipfel der Toleranz‘. Es gibt nichts, was Völker mehr verbindet. Es schafft Vertrauen und setzt Vertrauen voraus. Für die 473 Billionen Dollar, die im Jahre 2006 die Wirtschaft der Welt ermöglichten, waren nur 47 Billionen als Bargeld im Umlauf. Der Rest existiert nur in Form eines Kredits auf einem Computer-Konto.

Eine weitere Meisterleistung ist die um 3000 vor Chr. von den Sumerern erfundene  (Keil-)Schrift. Sie diente zunächst der Buchhaltung, gestattete es aber später auch Heldentaten, Mythen und soziale Gefühle zu beschreiben. Das so beliebte Geschichtenerzählen wurde zur Kulturleistung erklärt. Man nennt es Literatur. Gemeinsamkeiten auf verschiedenen Gebieten, die zuerst durch eine herrschende Gruppe oder durch die gemeinsame Sprache (oder ‚Rasse‘) begründet wurden, sonderten sich als spezielle Kultur ab. Aus Rassismus wurde Kulturismus. Allmählich geht es jetzt in Richtung einer einheitlichen Weltkultur und einer einzigen Menschheitsgeschichte, eine Idee, die bei Ian Morris auch schon anklang. Es wäre an der Zeit, dass Juristen einmal mit Biologen reden – lässt der Autor so ganz am Rande einfließen.

Vergleichende Religionslehre

Sehr provozierend klingt das, was Harari zum Thema Religion zu sagen hat. Die Jäger und Sammler waren Animisten, die Bauern Theisten. Es waren oft Zufälle, die den Ausschlag gaben, dass eine bestimmte Religion zur Staats- oder Weltreligion wurde, andere zur Sekte verkümmerte. Nicht alle Religionen sind universell und missionierend. Außer dem Buddhismus haben alle Weltreligionen auch Gewalt angewandt.

Das Judentum sei immer ein regionaler Monotheismus gewesen. Das Christentum wurde durch Paulus auf den Weg zur Weltreligion gebracht. Der Monotheismus kann nicht das Böse in der Welt erklären. Das tun jedoch dualistische Religionen wie die Anhänger des Zarathustra. Im Grunde gäbe es nur Mischungen von Monotheismus, Dualismus und Animismus. Die modernen ‚Naturgesetz-Religionen‘ wie Liberalismus, Kapitalismus, Kommunismus und Nationalismus würden auch als Ideologien bezeichnet.

Was ist Geschichte?

Das Studium der Geschichte kann uns (nur) lehren, welche Möglichkeiten bestanden, die nicht ergriffen wurden. Historiker könnten Geschichte nicht erklären. Sie können nicht sagen, warum ein bestimmter Weg genommen wurde. Geschichte verläuft chaotisch. Sie wird durch Vorhersagen beeinflusst. Sie hat nicht den Zweck, dem Menschen zu nutzen.

1 Kommentar:

  1. Ein Zitat aus dem Buch von Harari möchte ich nachtragen: „Nur eine Theorie, die neue Werkzeuge liefert, ist nützlich“. Ich bin sicher, das würde auch dem Ingenieur Plattner gefallen, vielleicht sogar besser als der von Hartmut Wedekind in der Rezension von Plattners Buch benutzte Spruch: „Forschung ist nur dann etwas wert, wenn sich mit ihr eine Geschichte erzählen lässt.“ Diese Auffassung von Theorie passt sehr gut zu den Geisteswissenschaften, zu denen sich Wedekind ja sehr stark hingezogen fühlt.

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