Sonntag, 19. Januar 2014

Von der Proto-Religion zum Abstraktionismus (oder umgekehrt)

Nach den Feiertagen begann mein Blog-Koautor Hartmut Wedekind eine Diskussion über religiös-philosophische Fragen. Ab und zu konnte ich es mir nicht verkneifen einzuhaken. Hier eine verkürzte Wiedergabe einiger interessanter Passagen. Hatte  ich gehofft, die wiederholt aufflammende Diskussion über Abstraktionitis (oder die mildere Form des Abstraktionismus) beerdigt zu haben, so hatte ich mich getäuscht. Wie der Hydra im griechischen Mythos so wachsen dieser Schlange immer wieder neue Köpfe. ‚Repetitio est mater studiorum‘ sagte schon der Lateiner. Ohne Wiederholung kein Studium.

Am 5.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Die Literatur zum  Thema „Leib-Seele“  (engl. mind-body) füllt Bibliotheken, nicht nur seit Platon (im Westen) mit seiner Einsicht in eine unsterbliche Seele. Die Kernfrage lautet: Wenn der Körper oder der Leib durch den Tod vernichtet wird, bleibt dann die Seele, falls es eine gibt? (Vielleicht sagt man doch besser angelsächsisch und  profan „mind“, denn  „mindless“ will niemand gerne sein.) Als mein Vater 1967 starb, öffnete meine Mutter, die bei ihm weilte, nach altem Brauch das Fenster, damit seine Seele entfliehen konnte. Naiv und vielleicht unvorstellbar heute.

Das von Aspekten körperlicher oder physischer Realisierungen Absehen, ist eine klassisch wissenschaftliche Vorgehensweise, insbesondere modern mit großem Erfolg als Abstraktion in der Informatik praktiziert. Das „Cloud Computing“, heute in aller Munde, ist ja z.B. nichts anderes als dieses Absehen von der Physis oder schnöden „Körperlichkeit“ einer vorgegeben Hard-und Software.

Die Denkweise bei wissenschaftlicher Abstraktion ist folgende: Man sieht Konkreta, z.B. Leiber, Körper oder Magnetisierungen (auf Medien) und versucht, bei Veränderungen derselben unverändert zu bleiben. Statt „unverändert“ sagt man auch „invariant“. Das ist der „Pep“, scholastisch würde man sagen das „Wesen“ der Abstraktion, dass man nach dem schaut, was nach Veränderungen bleibt. Das Invariante interessiert denn Menschen kolossal, nicht nur wenn er von Seele, sondern auch von Nachhaltigkeit (sustainability) spricht, z.B. beim Baumbestand unserer Wälder und beim Denken in Kategorien der Bildung. Nachhaltiges Denken ist invariantes Denken, also notgedrungen abstrakt und somit nicht für jedermann sofort ohne Mühen zugänglich. Das „sofort“  ist ein wichtiger Punkt. Im Politischen muss alles sofort ohne Mühen verständlich sein, was nicht geht. Es sei denn, wir wären alle Genies, was offensichtlich nicht der Fall ist.

In den Wissenschaften, zumindest wenn sie konstruktiv vorgehen, ist es nun so: Wenn das Konkrete zerstört wird, verschwindet auch das Abstrakte. Von Unabhängigkeit des Abstrakten vom Konkreten kann in Wissenschaften keine Rede sein. Jeder weiß, was es bedeutet, wenn die Festplatte seines PC im Eimer ist und man nicht durch eine Kopie gesichert ist. „Taking a copy“, das gibt es bei Menschen nicht. Also wandert die (abstrakte) Seele nach der konkreten, körperlichen Zerstörung mit ins Grab.

Was bleibt konstruktiv wissenschaftlich: Nichts! So gesehen sind konstruktive Wissenschaften nihilistisch angehaucht. Das stimmt, aber trotzdem helfen sie beim „mind-body“ Problem weiter. Und um ein Weiterkommen, darum geht es ja nach all den Jahren seit Platon. „Lesson learned?“ fragt man modern, wenn man zurück schaut. Das methodisch aufgebaute, invariante Denken, das Vermögen, Unveränderbares herauszuheben, ist eine großartige mentale Leistung der Abstraktionslehre, die aber „nichts“ darüber aussagt, wenn Konkreta beim Verändern gänzlich verschwinden (physischer Tod). Was bleibt dann bei Total-Destruktion vom Körper als Veränderung gedacht? Jetzt muss man sich besinnen, auch in wissenschaftlicher Absicht. Antwort: Es bleibt nur nachhaltig die Methode des Denkens an sich.

In einem Lexikon lese ich unter „Methode“ die griechische Wortbedeutung: medodoz, entstanden aus der Weg (odoz) nach .. hin (meta) zu etwas. Das A (a) und O (w) des Weges kennen wir nicht, es ist unverfügbar. Aber den Weg (odoz) von A nach O, den können wir bestimmen. Das ist nicht nur in den Wissenschaften so. Wissenschaften, das ist nichts Anderes als hochstilisiertes, gewöhnliches Leben. Und so gesehen ist Abstraktion, das invariante Sehen auf dem Weg von A nach O von fundamentaler Bedeutung für unser Leben. Und wegen der Fundamentalität nicht nur vor, sondern auch nach der Zerstörung.

PS. Ich schreibe das so leicht vor mich hin. Hoffentlich ist das eine verdauliche Kost. Aber: Es ist doch eigentlich so einfach und steht überall geschrieben, nicht nur in heiligen Büchern.

Am 7.1.2014 fügte er hinzu:

Hätte ich zu sagen, würde das Fach Geometrie mit seinen Vorgängen zur Idealisierung (Ideenbildung) als eine Art „Vor-Religion“ (Proto- Religion) eingeführt. Ich weiß natürlich, dass das nicht geht, aber ein Religionslehrer könnte trotzdem darauf eingehen.

Unsere geometrischen Formen (Kreis, Dreieck, bis hin zu den Platonischen Körpern) sind Ideationen [Fremdwort-Duden: Terminologische Bestimmung von Grundtermini], aus einer Idee geboren. Ideen bleiben, auch wenn die Physis z.B. durch Tod verschwindet. Kreis bleibt Kreis für alle Zeiten in allen Formen. Wie kann man den Begriff der (unsterblichen) Seele klar machen, ohne auf Platon auch als Geometer einzugehen, der auch von einer Unsterblichkeit der Seele sprach?

Aus einer Schrift meines Kollegen Inhetveen entnehme ich den folgenden Satz: „Glaubt man der Überlieferung, so stand über dem Eingang zu Platons Akademie der Satz: Kein der Geometrie Unkundiger trete unter mein Dach“. Stellen Sie sich mal vor, aus „Dach“ würde „Kirche“. Was dann? Zur Ideenlehre, die auch abstrahiert, wenn das Körperliche verschwindet, gehört der Begriff „Unendlichkeit“ (theologisch: Ewigkeit). Schon Euklid sagte: Zwei parallele Geraden schneiden sich im Unendlichen. Die Mathematik kann ohne den Unendlichkeitsbegriff im Großen wie im Kleinen nicht auskommen.

Am 7.1.2014 schrieb ich:

Ich finde die Diskussionen über Theologie und Geometrie äußerst interessant. Statt zu sagen, zwei Parallelen schneiden sich im Unendlichen, würde ich sagen, sie schneiden sich nie. Das gilt, so weit man dies bei klarem Verstand feststellen kann. Dass Menschen auf einer Kugeloberfläche, wie unsere Erde sie näherungsweise besitzt, glauben alle Meridiane seien Parallelen, ist bekannt. Sie schneiden sich jedoch, da sie nicht wirklich parallel sind. Ihr Abstand ist nicht konstant. Idealisierungen [Fremdwort-Duden: Verklärungen, Verschönerungen] können das Denken erleichtern. Genauso belebt ein kleiner Schnaps die Stimmung und fördert die Verdauung. Zu viel davon ist jedoch schädlich.

Noch am 7.1.2014 erwiderte Hartmut Wedekind:

Es ist bloß so: Euklid benutzt den Ausdruck "unendlich". Siehe Postulat 5, das sogenannte Parallelen-Axiom: ....zwei gerade Linien, die bei Verlängerung ins Unendliche sich treffen......"Nie" ist in der Logik ein Quantor, "unendlich" ist ein Prädikat(or). Aber, ob man es so oder so ausdrückt ist wurscht. Ich hatte gerade einen Computermenschen bei mir. Der sprach laufend von "Aliases" und meinte Synonyme. Gleichbedeutendes liegt hier vor, wenn man "wurscht" sagt.

Darauf entgegnete ich:

Da unterscheiden wir uns. Hätte Euklid gesagt, die Erde sei eine Scheibe, müssten Sie es glauben. Ich fühle mich in dem Punkte frei.

Am 8.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Aber die Alexandriner (Erastosthenes, Euklid etc.) wussten schon, dass die Erde eine Kugel ist, deren Durchmesser sie mit erstaunlicher Genauigkeit berechnen konnten. So steht es in dem Buch "Das Mittelmeer" von David Abulafi, das ich gerade lese.

Am 16.1.2014 griff ich die Diskussion wieder auf:

Die Geometrie, für die ich ja einmal als Geodät gründlich ausgebildet wurde, liefert schöne Beispiele, um unsere Diskussion fortzuführen. Dass die Erde keine Kugel ist, wussten die beiden erwähnten Alexandriner natürlich noch nicht, heute weiß es aber jedes Kind. Dennoch tun viele Leute so, als ob diese Herren (und ihre Zeitgenossen) uns unverrückbare Weisheiten gelehrt hätten. Auch bei Ihnen höre ich Ähnliches oft heraus: Das hat schon Platon gesagt, deshalb ist es so.

Sie sagen, Abstraktionen seien das A und O der Wissenschaft. Ich sage, sie sind eher Gift und schädlich. Jeder Lehrer, der einen Schüler glauben macht, es gäbe irgendwo (außer im Kopf des Lehrers) Kreise, Kugeln oder andere geometrische Figuren, der gehört auf der Stelle gefeuert. Er verbreitet nämlich Irrlehren, ja Lügen. Es gibt für die idealen Figuren und Körper nur Annäherungen, auch Approximationen genannt. Den vermuteten pädagogischen Nutzen bezahlen wir möglicherweise mit einem geistigen Schaden.

Sie sagen, wir Informatiker müssen uns von der Physis lösen und abstrahieren. Auch das betrachte ich als Irrweg. Wenn es eine Funktionalität gibt, die nützlich ist, sollten wir (so schnell wie möglich) nach anderen Realisierungen derselben Funktionalität suchen. Deshalb sollten wir nach zwei bis drei guten Alternativen suchen, aber nicht nach einer Abstraktion. Das ist vielleicht philosophisch interessant, aber nicht zielführend für Ingenieure und Informatiker. Nur die realen Variationen kann man nämlich bewerten, nicht die Abstraktion. Mit Bewerten meine ich festzustellen, ob sie billiger, leistungsfähiger oder sicherer gebaut werden können als das Original.

Abstraktionen sind (leider) abstrakt. Sie existieren nicht wirklich, sondern nur im Kopf von Menschen. Daher kann man nicht allzu viel mit ihnen anfangen, wenn man von Gedankenspielen einmal absieht. Da sich darauf lediglich manuelle oder intellektuelle Methoden anwenden lassen, ist es kein Ansatz, den Informatiker verfolgen sollten. Es gibt genug Richtungen, in denen man empirisch verifizierbare Aussagen machen kann, mit der Chance ihre Relevanz maschinell zu validieren.

Moderne Wissenschaften wie die Biologie zeigen den Weg. Alles was in der Biologie gilt, ist auch (irgendwann) für die Informatik nutzbar. Das ist bei Philosophie oder Theologie nicht der Fall. Die Mathematik liebt bekanntlich die Abstraktion. Daher betrachte ich (zuviel) Mathematik auch für Informatiker als schädlich - ein Punkt, bei dem ich heftigsten Widerspruch von Kollegen bekomme.

Ob die Menschheit gut daran tut, sich eine ideale Welt vorzustellen, oder – obwohl wir es besser wissen – gar nicht anders können, ist eine interessante Frage. Vielleicht ist das Leben ohne einen Schuss Idealismus nicht lebenswert. Diese Betrachtung liegt aber auf einer anderen Ebene. Mir geht es darum, die Gewichte richtig zu setzen, wenn es um die Auswahl des Lehrstoffs und der Lehrmethoden für Informatiker und Ingenieure geht. Ich sehe es nicht als meine primäre fachliche Aufgabe an, die Fahne des deutschen Idealismus hochzuhalten, sei es gegen den angelsächsischen Positivismus oder gar den französischen Nihilismus. Das können andere viel besser.

Noch am 16.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Man kann geometrische Ideale wie Ebene und Kugel auch handwerklich erzeugen, ohne eine vorauszusetzende Theorie. Wer uns das vorgeführt hat, ist der Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker Hugo Dingler (1881-1954), der die Geometrie operativ begründet hat. Herausgestellt wurde von Dingler das Dreiplattenverfahren zur Realisierung  von Ebenen. Das Verfahren wird durch die Vorschrift bestimmt, drei (grob vorgegebene Platten) jeweils paarweise bis zur Passung aneinander abzuschleifen. Dieser Weg zur Herstellung angenähert ebener Oberflächenstücke ist dadurch ausgezeichnet, dass nicht auf Vorformen zurückgegriffen werden muss, wie das etwa beim Gießen der Fall ist. Dingler war ein typischer Konstruktivist, für den methodisch nichts verfügbar ist, was nicht vorher operativ explizit eingeführt wurde. Dingler war auch um eine Letztbegründung bemüht, die von vielen Philosophen, z.B. auch aus der Popper-Gegend, bestritten wird. Das Dreiplattenverfahren wird hier eigenartigerweise nicht anerkannt. Man präferiert das Münchhausen-Trilemma des Popper-Schüler Hans Albert (Mannheim).

Das Abschleifen funktioniert auch beim Herstellen von Kugeln als Realisation eines Ideals. Die Linsenschleifkunst lehrt uns, wie kugelförmige Linsen dadurch hergestellt werden, dass zwei Glasblöcke gegeneinander gerieben werden, bis man zu ausreichend genauen Kugeln gelangt ist. Spinoza (1632 - 1677) war ein großartiger Linsenschleifer, der seinen Lebensunterhalt mit Linsenschleifen verdienen musste. Seine beachtliche Metaphysik, die ihn berühmt machte, brachte ihm offensichtlich nur wenig ein.

Wir erinnern uns an Anaxagoras (500 - 428, ante), ein Vorsokratiker, besser in unserem Zusammenhang, ein Vorplatoniker. Er sagte: „Der Mensch ist das klügste Wesen, weil er Hände hat“. Über seine Hände kommt der Mensch offensichtlich auch in Annäherung zu Idealen (Realisate). Ob Spinoza, der Linsenschleifer, Metaphysiker und frommer Jude, auch darüber nachgedacht hat, wie die Seele des Menschen durch Abschleifen zustande kommen könnte? An mir, jedenfalls, ist in meinem bald 80-jährigen Leben viel herumgeschliffen worden. Das sollte ein Spaß sein.

Und dann kam der Nachsokratiker und Platon-Schüler Aristoteles (384 - 322, ante) und drehte denn Satz des Anaxagoras um: “Es ist die Klugheit des Menschen, der er seine Hände verdankt“. Sein Lehrer Platon ist deutlich heraus zu spüren. Erst kommen des Menschen Einsichtskräfte, sein „mind“ (Seele) und erst dann seine Hände. Zu schleifen gibt’s platonisch nichts. Dafür gibt es aber auch keine irdische Letztbegründung im Dinglersche Sinne.

NB (Bertal Dresen): Bekanntlich hat das Wort 'begreifen' (engl. to grasp) seine doppelte Bedeutung erhalten, weil uns die Hände beim Denken helfen.

Am 17.1.2014 schrieb ich:

Um Sie weiter zum Nachdenken zu verleiten, möchte ich einwenden, dass das Abschleifen des Herrn Dingel eine idealisierte Aufhängung und sehr idealisierte Schleifbewegungen voraussetzt, sonst wird keine Oberfläche wie die andere. Das macht aber auch nicht allzu viel aus. Entscheidend ist, die Definition (und Realisierung) muss gut genug sein für den Zweck. Für die Brillen und Okulare des Herrn Spinoza reichte das Verfahren sicherlich. Die heutigen Anforderungen sind vermutlich höher. Dafür gibt es ja auch bessere Geräte.

In früheren Beiträgen hatte ich auf die Vielzahl der Bedeutungen des Begriffs Abstraktion hingewiesen (Gruppierung in Logik oder Mengenlehre, Entkörperung, bewusste Weglassung von Details). Vielleicht können Sie mir den wahren Grund nennen, warum Informatiker wie Sie auf ein so vages Konzept soviel Zeit verschwenden. Das versetzt mich immer wieder in Staunen.

Zur Illustration der ersten der drei erwähnten Bedeutungen möchte ich eine Notation wählen, die Ihnen als Datenbänkler nicht ganz fremd sein sollte. In SQL sähe ein Beispiel wie folgt aus.

SELECT Person FROM Europa WHERE Geschlecht = 'männlich';

Das Problem ist natürlich die Tabelle Europa. Mathematiker lösen das Problem, indem sie die FROM-Klausel ganz weglassen. Ihnen macht es nichts aus, wenn diese Menge gegen unendlich wächst. Ein Informatiker sollte aber auf der Hut sein; selbst dann, wenn er für die NSA arbeitet oder ein Big-Data-Fan ist.

Am 18.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:
 
Wie unterscheiden sich die Aussagen: „a ist Typ vom A“  und „a ist Element von A“? Ganz einfach. „a ist Typ von A“ ist intensional. Ich könnte auch sagen: „a hat die Eigenschaft von A“.  Was extensional (umfänglich) alles hinter A steckt , brauche ich nicht zu wissen.

„a ist Element von A“ ist extensional. Jetzt habe ich die verdammt Pflicht und Schuldigkeit zu sagen, ob die Extension (Umfang, Mächtigkeit) endlich oder undendlich ist. In der Informatik ist alles endlich, weil wir hier auf Erden sind und konstruktiv denken. Die Mathematik ist daran nicht gebunden und sehr unbekümmert. In der Mathematik können unendliche Mengen durch unendliche Systeme dargestellt werden. In der Informatik konstruieren wir erst methodisch  Aussageformen A(x), um darin unendliche Mengen behandeln zu können, z.B. A(x) = die Menge aller Punkte x zwischen a und b.  

In der Mathematik hat es ja auch einen Riesenkrach gegeben zwischen dem Holländer L.E. Brouwer (1881 – 1966) und David Hilbert (1862 – 1943), („ Wir lassen uns durch diesen Herrn nicht aus dem Cantorschen Paradies vertreiben“).  Intensionalität ist in der Mathematik kein besonderes Thema, in der Informatik schon;  Extensionalität wird in der bekannten Mengenlehre (set theory) behandelt, ein Paradestück der Mathematik.

Noch am 18.1.2014 antwortete ich:

Den Unterschied zwischen Typ und Menge in der Mathematik haben Sie schön erklärt. Das Problem ist, dass Typen in der Programmierung immer Mengen sind. Ihre Unterscheidung hilft nur Mathematikern, aber nicht auch Informatikern. Sie mögen einwenden, dass dies dieselben Informatiker sind, die mit ‚reellen‘ Zahlen rechnen. Verdopplung von Dummheit ergibt leider noch keine Klugheit.

Genauso beschäftigt mich ‚die Frage nach der Existenzweise der Abstrakta: Wo sind die eigentlich?` so fragten Sie im Teil III Ihres leider zu wenig diskutierten Spektrum-Beitrags von 2004. Ihre Antworten waren zwar klar, aber wenig hilfreich.

In unseren Köpfen, in einem Computer oder gar im Platonschen Ideenhimmel? In welchem Sinn existieren sie? Die Antwort lautet: wir brauchen über ihre Existenz nichts zu behaupten, es gibt sie nur im Sinn einer sehr praktischen und nützlichen „façon de parler“. ... Mathematiker nennen alle Abstrakta Äquivalenzklassen und vertrauen hinsichtlich ihrer Existenz in aller Regel auf Platon.

Es ist mein Verdacht, dass Informatiker, wenn sie über Abstraktion und Äquivalenzklassen reden, lediglich Mathematik-Kenntnisse vortäuschen wollen, aber gleichzeitig beweisen, dass sie nicht nachgedacht haben.

Aus der Diskussion zwischen uns beiden (nicht nur der laufenden) können Leser folgende (gefährliche) Aussagen ableiten:
  • Informatiker sollten endlich Rechner bauen, die mit (abstrakten) Zahlen und nicht mehr mit (konkreten) Ziffern rechnen.
  • Informatiker täten gut daran, sich mit dem Begriff des Unendlichen zu beschäftigen, etwa bezogen auf Mengen, Ausdehnung, Genauigkeit, Laufzeit, Speicher und Haltbarkeit.
  • Die Seele sei eine Abstraktion des Körpers, so wie Obst eine Abstraktion für Äpfel ist (Meines Erachtens ist es im ersten Fall wohl eine Vergeistigung, im andern Fall so etwas wie ein Überbegriff. Die lateinischen Fachbegriffe habe ich gerade nicht parat).
  • Seele (engl. soul) und Verstand (engl. mind) seien dasselbe.
Das kann doch nicht unser Ernst sein? Sollten wir unsere ‚façon de parler‘ nicht etwas sorgfältiger wählen? Nur darum geht es mir.

Gleich darauf erwiderte Hartmut Wedekind:

Sie schreiben: “Abstraktionen sind (leider) abstrakt. Sie existieren nicht wirklich, sondern nur im Kopf von Menschen. Daher kann man nicht allzu viel mit ihnen anfangen, wenn man von Gedankenspielen einmal absieht“.

Das stimmt nicht mit der Standardterminologie überein. Man unterscheidet hier zwischen wirklich und fiktiv. Fiktiv ist z.B. das, was auf der Bühne geschieht. Der scheinbar oder fiktiv tote Hamlet steht wieder auf und lässt sich beklatschen.  

Abstraktionen sind wirklich, sprachlogisch und nicht psychologisch durchgeführt. Man sagt auch “Abstraktionen sind eine „façon de parler“. Wenn das „Parler“ verschwindet (sie wischen die konkrete Ziffer an der Tafel aus), verschwindet auch die Abstraktion, die Zahl. Der Ausdruck „wirklich“ kommt in der Standardterminologie auch vor. Zwei intensional (inhaltlich) gleiche Aussagen (Synonyma) stellen denselben Sachverhalt dar. Wahre Aussagen (konkret) führen zu wirklichen Sachverhalten (abstrakt), auch gleichbedeutend „Tatsachen“ genannt (matter of fact). Sie  stehen den fiktiven Sachverhalten (Hamlet stirbt) gegenüber.

Man erschließt sich die Wirklichkeit über Sprache, d.h. über Aussagen. Die Wirklichkeit selber, wie z.B. der PC vor mir, schweigt, die redet (bekanntlich) nicht. Sie, die Wirklichkeit, kann auch nicht darüber entscheiden, ob meine Aussage wahr oder falsch ist. Die Wirklichkeit, man sagt auch die Welt, wird über Sprache erschlossen. 

„Sprache und Welt“ ist ein riesiges Thema. Statt Sprache (lat. lingua. mit der Nebenbedeutung „Zunge“) oder Sprachvermögen sagt das Christentum auch „spiritus sanctus“ und hypostasiert ihn und macht daraus zu Pfingsten ein großes Fest. Was kommt eher? Die Wirklichkeit und dann die Sprache oder umgekehrt? Besteht die Welt mit ihren Gegenständen schon als „Dinge an sich“, bevor der Mensch sie benennt, oder „entsteht“ die Welt erst mit der Sprache und ihren Benennungsmöglichkeiten? Ist das ein Henne-und-Ei Problem?

Die Informatik ist ein hoch philosophisches Fach, was im Allgemeinen unbekannt ist. In Konstanz auf einer Philosophentagung wurde im Oktober 2013 diese Frage im Zusammenhang mit dem aufkommenden „Internet der Dinge“ (Internet of Things, IoT) diskutiert. Das kommende „Internet der Dinge“, so eine Antwort auf die Frage, ist das „Ding an sich“, welches schon (unberührt) da ist, wenn wir kommen und dann alle Gegenstände mit einem Eigennamen, einer RFID (radio frequency identification) versehen. Selbst hat das IoT als „Ding an sich“ keinen Namen, den man dann in ein Lexikon eintragen könnte. Es ist ja „an sich“ oder besser „für sich alleine“ schon ein Ding. 

Wie der Ausdruck „Welt“ oder das Wort „Gegenstände“ ist „Internet der Dinge“ ein Wort „sui generis“, dessen Gebrauch wir synsemantisch einüben. Das steht so in der „Logischen Propädeutik“ von Kamlah/Lorenzen (S.49) und soll nicht weiter ausgeführt werden. Aber Journalisten sollten das Wort synsemantisch und ordentlich einüben. Für Kant noch war „das Ding an sich“ das Unwort des Jahres 17??. Der kluge Mann hat sich furchtbar darüber als eine bloße Schimäre aufgeregt. 

Abschlussgedicht am 19.1.2014:

Primordiale Reduktionen

Zuerst walkte es kantisch aus dem Nichts.
eh Kamlahs Geist über den Gewässern schwebte;
es hatte der Worte viele, aber noch keine Dinge.
Nur der Untergrund ganz mächtig bebte.

Dann kam das IoT, ein Ding an sich,
Und besiedelte den Globus total; 
Es verschob die Platten am Tisch
Und wärmte die Ursuppe zum Mahl.

Die Evolution wurde zur Computation,
Sog Informationen mit großer Gier.
Von der Komplexität immer mehr angetrieben,
nichts ist von allem geblieben.

Obama hat Merkel durch die NSA geadelt.
Dagegen sind Titel der Queen ein Relikt.
Sir Elton John nach Buckingham geradelt. 
Trug das Hosenband ganz geschickt.

Sascha Lobo schreibt wieder Briefe,
Die bringt die Post per Fahrrad ins Haus.
Evgenij Morozov*) tröstet ihn aus der Tiefe.
Das IoT mache den Dingen den Garaus.

Michael Schumachers Zustand ist stabil,
Weltmeister sind wir lieber im Export;
Der Zuwanderer brauchen wir heute viel;
Schi-Biathlon ist ein toller Sport.

Putin trifft sich mit Schwulen und Lesben,
Und feiert in Sotschi ein Fest.
Da strömen sie auch von Westen,
Die einst huldigten Marxens Manifest.

*) Näheres bei Heise

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