Mittwoch, 15. Oktober 2014

Medieninformatik als Studium und Beruf

In einem Blog-Eintrag vom Februar 2014 über Bindestrich-Informatiken schrieb ich: 

Alle andern Bindestrich-Fächer [außer Wirtschaftsinformatik] stellen nach meinem Dafürhalten Schmalspur-Fächer dar. In einigen Fällen handelt es sich auch um eine Abstimmung per Prüfungsordnung gegen eine als übertrieben empfundene Mathematik-Belastung im regulären Informatikstudium. Ein Medizin-Informatiker wird weder als Arzt voll akzeptiert, noch als Informatiker. Dasselbe gilt für Geo-, Medien-, Verkehrs- und Verwaltungs-Informatiker. Niemand würde einem Medien-Informatiker journalistische Fähigkeiten zutrauen. Früher gab es einmal die Begriffe Hauptfach und Nebenfach. Sie fielen der Bologna-Reform zum Opfer.

Obwohl ich auch heute noch zu dieser Aussage stehe, will ich im Folgenden das Fach Medieninformatik näher beleuchten. Dabei will ich nicht nur das Studium allein betrachten. Man muss auch an den Beruf denken, auf den es vorbereiten soll. 

Von der Medientechnik zur Medieninformatik

Die Medien und speziell die neuen Medien, auch digitale Medien genannt, stehen sehr stark im öffentlichen Bewusstsein. Viele Leute glauben, dass sie für Demokratien, und mehr noch für Diktaturen, eine maßgebliche Rolle spielen. Andere Leute fühlen sich übermäßig belästigt, ja manipuliert.

Denkt man an Berufe und Ausbildung, so überwiegt die Beschäftigung mit der Medientechnik. Das ist ein sehr weites Feld und lässt sich zum Beispiel in Druck-, Audio-, Foto-, Video- und Übertragungstechnik aufteilen. Druck- und Verlagswesen gehört dazu, aber auch Rundfunk und Fernsehen. Zum Berufsbild gehören handwerkliche, künstlerische, technische und kaufmännische Aspekte. Anwendungen sind in der Unterhaltung, der Lehre, in der Produktdokumentation und der Werbung. Dem gegenüber befasst sich Medienwissenschaft mit Fragestellungen, wie der Rolle von Medien in der Gesellschaft oder für Einzelne. Es ist bevorzugt eine sprach- und geisteswissenschaftliche Analyse von historischen Entwicklungen. Der bekannte aber umstrittene Satz von Marshall McLuhanThe medium is the message‘ steht stellvertretend für die nicht endende Diskussion um den Einfluss und die Wirkungsweise der Medien.

Das Verhältnis von Medientechnik zu Medienwissenschaft ist nicht unähnlich dem von Informationstechnik  ̶  heute vielfach mit Informatik gleichgesetzt  ̶  und der Informations­wissenschaft. Die Medieninformatik ist der Zugang zur Medientechnik mit den Methoden und Hilfsmitteln der Informatik. Es ist ein Synonym für die Beschäftigung mit ‚neuen‘ Medien. Die ‚neuen‘ Medien sind vorwiegend computer-basiert oder computer-gesteuert und werden vom Internet zusammengefasst und verstärkt.

Studium der Medieninformatik

Der Bachelor-Studiengang von sechs Semestern wird sowohl an Hochschulen (frühere FHs) als auch an Universitäten angeboten. Die Zahl der Hochschulen überwiegt sogar sehr deutlich. Der Grund: Das Fach wurde zuerst an Fachhochschulen (FHs) eingeführt, und zwar zuerst 1990 an der FH Furtwangen im Schwarzwald. Die Universitäten zogen  ̶  wie so oft  ̶  erst später nach. Obwohl einige Universitäten technische Fächer stiefmütterlich behandeln, würde ich trotzdem zu einem Universitätsstudium raten. Universitäten bieten eine ganz andere Atmosphäre, vor allen kann man (ohne Klimmzüge) an einer Uni promovieren. Ein FH-Studium ist so gesehen eine Sackgasse. Weitere allgemeine Angaben zum Studium bieten der Server Studieren.de und Medien-studieren.net.

Bei der Suche nach möglichen Studienorten fällt auf, dass die großen technischen Universitäten wie KIT Karlsruhe, TU München, TU Darmstadt und RWTH Aachen fehlen. Zwei Gründe kann ich mir denken. Sie haben ohnehin genug Informatik-Studenten, oder sie haben Schwierigkeiten, den journalistischen Teil der Ausbildung anzubieten. Trotzdem würde ich einem Studienort den Vorzug geben, wo eine starke  Informatik-Kompetenz vorhanden ist. Aufgrund einer oberflächlichen Recherche würde ich folgende Rangordnung aufstellen: 
  1. TU/FU Berlin: Eher sozialwissenschaftlich ausgerichtetes Studium, d.h., es geht um den  Erwerb technikbezogener und gesellschaftsbezogener Kenntnisse und Fähigkeiten. Pluspunkte: starke Software-Gründerszene, interessante Stadt
  2. LMU München: Studieninhalte siehe unten. Pluspunkte: zwei gute Unis am Ort, interessante, aber teure Stadt
  3. Uni Saarbrücken: Die Anteile werden wie folgt angegeben: Informatik 42%, Digitale Medien 30%, Praktika und Projekte 11%, Mathematik 10%, Medienpsychologie 7%. Pluspunkte: gute allgemeine Informatik; Nähe zu Frankreich
  4. Uni Stuttgart: Der Studiengang Medieninformatik wird ab WS14/15 zum ersten Mal angeboten
  5. Uni Tübingen: Schwerpunkte: Human-Computer Interaction, Multimedia und Internet-Programmierung, Computergrafik 
  6. Uni Regensburg: Das Studium wird nicht von einem Informatik-Institut angeboten. Außerdem: Stadt mit Geschichte, heute bayrische Provinz
Die Uni Lübeck, die auch erwähnt wird, ist ein etwas unsicherer Kandidat. Es wird diskutiert, wesentliche Fachgebiete der Uni herunterzufahren. Dass Berlin bei mir an der Spitze steht, hängt nicht damit zusammen, dass Lehre und Forschung in Berlin den Ruf haben deutsche Spitze zu sein. Berlin ist im Moment der Ort in Deutschland, wo die meisten Startups zuhause sind. Viele von ihnen haben mit neuen Medien, Unterhaltung und Spielen zu tun. Einige wurden von Berliner Absolventen gegründet, aber längst nicht alle. Es kann durchaus von Vorteil sein, schon während des Studiums mit potentiellen Arbeitgebern oder Geschäftspartnern in Kontakt zu treten. An der LMU München besteht das Studium der Medieninformatik (Bachelor) aus drei Bereichen: 
  1. Teilgebiete der Informatik und der Mathematik, die identisch zu einem klassischen Informatik-Studium sind, z.B. Analysis, Programmierung, Rechnernetze (Anteil 55 %);
  2. Teilgebiete der Informatik und benachbarter Disziplinen, die einen besonderen Medienbezug haben, z.B. Multimediatechnik, Computergrafik (Anteil 25%);
  3. Ein Anwendungsfach mit Medienbezug aus einer ganz anderen Disziplin, z.B. Kommunikationswissenschaft, BWL, Kunst/Gestaltung, Psychologie (Anteil 20%).
Es wird darauf hingewiesen, dass man neben der mathematisch-naturwissen­schaftlichen Begabung eine Befähigung für interdisziplinäres und kommunikatives Arbeiten mitbringen muss. Man sollte persönliches Interesse an einem der Anwendungsfächer, also sozialer Wirkung von Medien, betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen, Gestaltung von Medien oder dem Wechselspiel zwischen Menschen und Maschinen) mitbringen. In der Medieninformatik liegt der Frauenanteil unter den Studierenden bei über 40 %, und gerade die anwendungsbezogene und gestalterische Ausrichtung des Studiums scheint Frauen besonders anzuziehen.

Beruf der Medieninformatikerin und des Medieninformatikers

Da ich zurzeit keine Medieninformatiker in meinem Bekanntenkreis habe, kann ich nur wiedergeben, was ich gelesen habe. Der bereits erwähnte Server Medien-studieren schreibt: 

Absolventen der Medieninformatik arbeiten in Multimedia- und Softwarehäusern, Netzwerk-Unternehmen und Sendeanstalten oder für aktuelle Plattformen als Medien-Systementwickler und -berater, Information Broker, Multimedia-Conceptioner, Online-Redakteure oder Screen-/Video-Designer. Die Tätigkeitsfelder reichen von Elektronischem Publizieren über Digitale Filmproduktion,3-D-Grafik-Programmierung, Telemedizin bis e-commerce.

Die LMU München ist weniger konkret. Sie gibt sogar zu, dass Absolventen oft außerhalb der Medienwelt Jobs bekamen, d.h. suchen mussten. 

Die Absolventen werden durch die praktisch-berufsorientierte und wissenschaftliche Ausbildung auf ein breites Einsatzgebiet in Forschung, Wirtschaft, Industrie, Handel, Verwaltung und dem Dienst­leistungs­sektor vorbereitet. Mögliche Arbeitgeber sind Multimedia-Firmen, Werbeagenturen, Softwarehäuser, Telekommunikationsunternehmen, Rundfunkanstalten und Verlage, aber auch Schulungs-, EDV-, Öffentlichkeits- und Vertriebsabteilungen der meisten Unternehmen. Die Erfahrung bisheriger Absolventinnen und Absolventen hat gezeigt, dass darüber hinaus auch Unternehmen aus ganz anderen Industriebereichen, z.B. die Automobilindustrie im Bereich der Entwicklung von Bedienkonzepten, an dem typischen Profil dieser Ausbildung interessiert sind

Das erste Zitat ist teilweise nur eine Sammlung von modernen Schlagworten. Nach meiner Meinung kommt es im Beruf darauf an, dass man etwas anbieten kann, was andere nicht auch (alle) können. Ich mache viele der erwähnten Tätigkeiten heute nebenher, und zwar ohne Ausbildung auf diesem Gebiet. Gut wäre es, wenn man Leute kennen würde, die dieses Fach studiert haben und auch in ihm arbeiten. Viele Leute arbeiten heute als Informatiker, obwohl sie etwas anderes studiert haben.

Schlussfolgerung 

Es ist keine Frage, dass das Studium sehr interessant sein kann. Auch sind die beruflichen Möglichkeiten nicht schlecht. Um der Gefahr vorzubeugen, dass man im Wettbewerb um verantwortungsvolle Aufgaben stets Journalisten gegenüber den Kürzeren zieht, würde ich zu einem Zweitstudium in Journalismus oder Politik raten. Man muss dann nicht immer den Vorwurf einstecken, ‚nur ein Techniker‘ zu sein, der von Journalismus oder Politik nichts versteht. Zweifellos eröffnet das Studium viele berufliche Möglichkeiten, wo solide Informatik-Kenntnisse erwünscht sind. Es könnte sein, dass diese Tätigkeiten finanziell attraktiver sind als der Journalisten-Beruf.

Erinnern möchte ich daran, dass Medieninformatiker genau wie Informatiker die  Wahl haben, ob sie sich selbständig machen oder sich anstellen lassen. Im Gegensatz zu den USA wird bei uns jedoch das Gründen eigener Firmen nach dem Studium nicht unterstützt. Von Ausgründungen während des Studiums wird sogar abgeraten.

Kommentare:

  1. Am 15.10.2014 schrieb Klaus Küspert aus Jena:

    Gegen den vorletzten Satz ('im Gegensatz zu den USA...) muss ich allerdings heftig protestieren, Euer Ehren. Das ist heutzutage deutlich anders hier an der Uni Jena und bestimmt ist Jena dabei nicht allein. Diesbezüglich haben die Universitäten sich tatsächlich enorm weiterentwickelt in den letzten 10+ Jahren - stark!!

    Soll ich's mal etwas darlegen oder ich bitte unsere Kollegen vom "Servicezentrum für Forschung und Transfer" um ein paar Sätze, die sind die Zuständigen bei uns und machen das gaaaanz engagiert. Ich selbst bin auch einer der "Gründungsbotschafter"/-pate an unserer Universität.

    Meine Antwort (Bertal Dresen): Wie gut, dass ich auch einmal Unrecht habe!.

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  2. Ebenfalls am 15.10.2014 schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:

    Ehrlich gesagt bin ich froh, dass mich niemand mehr fragt, was man studieren soll. Ich wüsste nur Gemeinplätze, wie schau dir an, welches Personal die großen Firmen suchen etc...

    Mit Journalismus habe ich mich etwas beschäftigt. Das ist ein Beruf, der sich so verändern wird, dass ich jedem nur abraten kann, ihn zu studieren. Die Journalisten wissen selbst nicht mehr, was ihre Zukunft sein wird. Die Lehre an den Unis kann höchstens die Geschichte des Journalismus vermitteln, aber sicher nicht seine Zukunft. Lediglich Public Relations scheint eine sichere Zukunft zu haben, alles andere steht zur Disposition.

    Empfehlen kann ich aber jedem wirklich gut Englisch zu lernen, schon in jungen Jahren ein Netzwerk aufzubauen und zu pflegen, einige Zeit im Ausland zu verbringen, zu lernen, wie man sich selbstständig macht, dazu gehört auch eine kaufmännische Grundausbildung zu absolvieren und in alle Facetten der aktuellen Medientechnik rein zu schnuppern und sie selbst auszuprobieren.

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  3. Am 16.10.2014 schrieb Klaus Küspert aus Jena:

    Die Aussage, dass FHs eine Sackgasse darstellten hinsichtlich der Promotionsmöglichkeit, finde ich unpassend formuliert..

    Für gute FH-Absolventen (Master) und in Absprache mit einem Universitätsdozenten stehen die fachlich einschlägigem Promotionstüren sperrangelweit offen. weil im Gegensatz zu früher keine Eingangshürden mehr errichtet werden. Wer also guten Master in akkreditiertem FH-Studiengang erworben hat und mitziehenden Uni-Dozenten hat, der ist ratz fatz Doktorand in jenem Fachgebiet

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    1. Leider ist mein Wissen schon über 15 Jahre alt. Hoffentlich sind die 'Promotionstüren' nicht nur in Jena etwas verbreitert worden.

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