Freitag, 10. Oktober 2014

Wirtschaftlicher Optimismus auf Amerikanisch

Mitunter fällt es uns Deutschen etwas schwer, die Denkweisen amerikanischer Politiker, Unternehmer oder Wissenschaftler zu verstehen. Dabei geht es uns Deutschen noch besser als Franzosen, Italienern oder Spaniern. Nur die Engländer gelten als Seelenverwandte der US-Amerikaner. Neuerdings profilieren sich Osteuropäer wie Polen und Balten als die besseren Amerika-Versteher, was ihnen von amerikanischer Seite auch den Titel der Jungen Europäer einbrachte. Im Grunde beobachten wir bei Amerikanern und Engländern eine besondere Form des Pragmatismus. Beide Nationen unterscheiden sich dadurch, dass bei der Mehrzahl der Amerikaner ein guter Schuss Optimismus dazu kommt. Bei Engländern fehlt dies wie bei allen ‚alten‘ Europäern. Schuld daran sind unter anderem die letzten 100 Jahre europäischer Geschichte.

Im Folgenden setze ich die Diskussion wirtschaftlicher Fragen fort, wie sie durch Autoren wie Amartya Sen, Julian Nida-Rümelin, Joe Stiglitz und zuletzt durch Jeremy Rifkin behandelt wurden. Vor Monaten las ich das 2013 erschiene Buch von Eric Schmidt und Jared Cohen mit dem Titel ‚Die Vernetzung der Welt‘. Schmidt war Vorstandsvorsitzender von Google und ist jetzt Aufsichtsratsvorsitzender. Das zweite Buch, das ich besprechen will, erschien im Herbst 2014 und stammt von Erik Brynjolfsson und Andy McAfee. Das Buch heißt auch im Deutschen ‚The Second Machine Age‘. Beide Autoren sind Ökonomen am MIT. Während ich bei Eric Schmidt und seinem Ko-Autor sehr gute Branchenkenntnisse voraussetzte und mäßige Kenntnisse ökonomischer Theorien, ist dies bei Brynjolfsson und McAfee eher umgekehrt. Deshalb wunderte es nicht, dass Schmidt/Cohen sich vergleichsweise weniger von technischen Utopien hinreißen lassen und statt dessen eine ganze Menge potentieller Gefahren im Detail diskutieren. Beide Bücher ergänzen sich. Sie haben primär eine amerikanische Leserschaft im Blick.

Schmidt/Cohen

Schmidt/Cohen versuchen die Auswirkungen der uns zur Verfügung stehenden Technik zu extrapolieren, indem sie ihre Anwendung auf diverse Lebensbereiche diskutieren. Sie beginnen mit dem Individuum, gehen dann zu einzeln Berufen und Tätigkeiten über und enden mit Staaten, sowie der Auswirkung auf Terrorismus oder Kriegsführung. Dass Schmidt eine etwas lockere Haltung zur Frage des Schutzes der Privatsphäre hat, ist bekannt. "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun" sagte er 2010 in einem Interview. Er kann Verleger nicht verstehen, wenn sie immer noch hoffen, dass das Internet eines Tages verschwindet, damit sie wieder Werbeumsätze machen können. Dass Deutsche und Europäer ihre Hassliebe auf die USA mit der Dominanz von Firmen wie Amazon und Google begründen, sei seltsam. Die Hassliebe gab es nämlich schon lange bevor diese Firmen überhaupt existierten.
Die neuen Medien fördern den freien Meinungsaustausch, aber gleichzeitig auch die Manipulation von Meinungen oder die Verfolgung von Dissidenten. Obama habe eingestanden, dass die Stuxnet-Malware von den USA und Israel gemeinsam entwickelt wurde. Dennoch sei die Anwerbung von Hackern durch Regierungen nicht ohne Risiko. Ein mehrstufiger Cyberangriff könnte auch die USA lahmlegen. Durch ein schockierendes Ereignis kann sich die öffentliche Meinung sehr schnell ändern. Die Radikalisierung Jugendlicher habe viele Gründe. Als Gegenmittel bleibe nur die strikte Wahrung der Rechtstaatlichkeit und die Schaffung von Hoffnung auf die Zukunft. Nur wenn wir uns sowohl der Stärken wie der Schwächen unserer Technik bewusst sind, haben wir unser Schicksal in der Hand. 

Brynjolfssson/McAfee

Leiteten Dampfmaschinen den Ersatz von Körperkraft durch Maschinen ein, so ergänzen Computer die geistigen Kräfte des Menschen. Dies ist beileibe keine neue Erkenntnis, nur wird sie immer offensichtlicher. Die digitale Technik war nämlich lange nur ‚lachhaft unzulänglich‘. Plötzlich ist sie überall. Als Menschheit betreten wir zum zweiten Mal eine Ära, in der Maschinen unser Leben verändern.

Dass digitale Güter merkwürdige Eigenschaften haben, wird allmählich auch dem letzten Nutzer bewusst. Sie sind weder in beschränktem Umfang herzustellen, noch werden sie verbraucht. Sie können mit geringen Grenzkosten vervielfältigt werden. Es gibt daher keinen Mangel, so wie wir es bei physikalischen Gütern gewohnt sind. Die Kosten für Erstexemplare sind hoch. Es besteht die Tendenz zu Alles-oder-Nichts-Märkten. ‚The winner takes it all‘ sang einst die Abba-Gruppe. Es gilt das Potenzgesetz mit einem flachen Schwanz (engl. long tail). Superstar-Produkte verdrängen die lokalen Produkte im globalen Markt. Digitale Güter ersetzen die physikalischen Güter nicht, aber sie verbessern jedoch die physische Welt. Die Entwicklung folgt einer verallgemeinerten Form von Moore's Law. Der exponentielle Fortschritt ergibt sich nicht mehr aus der Halbleitertechnik allein, sondern daraus, dass wir laufend die Technik wechseln, sobald man an Grenzen stößt. Das gilt bisher jedoch nicht bei Batterien. Alle Menschen tun sich schwer, Exponentialfunktionen zu begreifen. 

Mir gefällt an dem Buch, dass die Autoren einige richtungsweisende Projekte aus der Informatik nicht nur aus der Entfernung beurteilen, sondern sich konkret mit ihnen auseinandersetzen. Beide Autoren machten eine Testfahrt in einem selbstlenkenden Google-Auto. Sie beeindruckte nicht nur, wie gelassen die Insassen waren, die bereits Tausende von Kilometern zurückgelegt hatten, sondern auch, was das Auto über die toten Winkel aller benachbarten Fahrerzeuge weiß und wie es darauf reagiert. Die von Apple benutzten Techniken der Spracherkennung (Siri) und der Sprachübersetzung (Translate) hatten zwar große anfängliche Probleme. Dadurch, dass sie Schritt um Schritt verbessert wurden, ist ihre Leistung heute recht passabel. IBM hatte an ihrem kognitiven System namens Watson lange in aller Stille gearbeitet, bis dass es in Januar 2011 durch das Auftreten in einer populären Fernsehsendung weltbekannt wurde. Durch einen ihrer eigenen Studenten wurden die Autoren auf Waze aufmerksam gemacht, ein Navigationssystem der zweiten Generation. Es erhält als soziales Produkt von seinen Nutzern Informationen über die aktuelle Verkehrssituation, die seinen Wert laufend verbessern. 

Es ist sehr löblich, dass versucht wird herauszuarbeiten, welche Kräfte die derzeitige rasante Entwicklung der Informatik antreiben oder beflügeln. Seit dem Erfolg des Internet weiß die ganze Welt, welche Früchte in den USA bei militärischen Projekten abfallen können. Jedermann wusste, dass Mustererkennung bisher als Schwäche der Computer galt. Deshalb sind die Fortschritte, die durch die erste ‚DARPA Challenge‘ ausgelöst wurden, so groß. Der erste Preiswettbewerb im Jahre 2004 bestand im Überwinden einer Wüstenstrecke mit unbemannten Fahrzeugen. Er endete noch als Fiasko. Seither wird überall auf der Welt an selbstfahrenden Autos gearbeitet, und zwar zunehmend mit Erfolg. Als Moravecs Paradox gilt die Aussage, dass Computer gute Spezialisten aber schlechte Generalisten seien. Die neue ‚DARPA Robotics Challenge‘ geht zehn Jahre später genau dieses Problem an. Dabei sollen Roboter Aufgaben lösen, die für Menschen sehr leicht sind, z. B. eine Tür öffnen oder eine Leiter besteigen. Experten rechnen damit, dass in der nächsten Dekade Roboter die Entwicklung nachvollziehen werden, die Computer gerade hinter sich haben. Sie werden miniaturisiert werden und in jedem Haus mehrfach im Einsatz sein. 

Die Bedeutung von Innovationen, sowohl technischer wie nicht-technischer Art, für Wirtschaft und Gesellschaft wird betont. Auch in einer Gesellschaft im Überfluss übt das Neue einen Reiz aus. Länder, die nicht über signifikante Rohstoffe verfügen, haben wirtschaftlichen Erfolg dank Innovationen. Diese helfen dabei, die Produktivität ihrer Menschen zu steigern. Sie können mit geringerem Aufwand mehr leisten. Auch Neukombinationen von Bekanntem sind Innovationen. Durch das Internet können sich nicht nur Innovatoren vernetzen. Auch immer mehr Menschen können Daten auswerten oder neue Ideen testen. 

Natürlich müssen wirtschaftliche und soziale Folgen benannt werden, denn nur dann können sie behoben oder abgeschwächt werden. Es sind zunächst routinemäßige Arbeiten. die wegbrechen, zuerst die manuellen, dann die kognitiven. Es ist durchaus möglich, dass die Löhne fallen – nicht so sehr der Durchschnittslohn als der Median-Lohn. Es findet eine stärkere Spreizung statt, ein Gefälle. Alte Fähigkeiten (engl. skills) verlieren an Wert, neue Fähigkeiten profitieren. Der Wohlstand aller kann durch die Kostensenkung wichtiger Güter gesteigert werden. Der Einzelne kann seine Chancen sichern, indem er in Bildung investiert. Auch da bietet die neue Technik gute Möglichkeiten. Sebastian Thruns Erfolg mit MOOCs ist ein leuchtendes Beispiel. Er hatte 160.000 Teilnehmer in einem Kurs über Künstliche Intelligenz (KI). Mehr als 400 davon waren in ihrer Abschlussarbeit besser als der beste Teilnehmer von seiner Heimat-Universität Stanford. 

Der Staat ist gefordert, die Teilhabe aller am Wohlstand zu sichern. Im Gegensatz zu Autoren, die ihre Anerkennung primär in Europa suchen, steht für Brynjolfsson/McAfee die Wirtschaftsordnung nicht zur Disposition. Sie bringen Kapitalismus auf die Formel: dezentrale Wirtschaft mit Vertragsfreiheit. ‚Gäbe es in den USA mehr Steve Jobs, ginge es dem ganzem Lande besser‘ dieses Zitat von Larry Summers, dem Finanzminister unter Bill Clinton, gefiel ihnen. Die Angst, dass durch Automatisierung Menschen arbeitslos werden, ist dann umso weniger berechtigt, je mehr es uns gelingt Güter und Dienste zu erfinden, die dem Menschen helfen, d.h. ihn ergänzen statt ihn zu ersetzen. An die Politik gehen unter anderem Forderungen der Art, dass der Lehrerberuf eine höhere Anerkennung und Bezahlung finden muss, und dass Startups auch öffentlich und nicht nur privat gefördert werden. Aus den vielen Feldstudien, die zitiert werden, fand ich ein Ergebnis besonders beachtenswert. Es bestätigt nämlich unsere Intuition. In der amerikanischen Unterschicht ist Arbeitslosigkeit immer schlimmer zu ertragen als Armut. Arbeit lindert nämlich nicht nur Not, sondern ergibt auch einen Lebenssinn.

Europäische Alternativen

Nach all den sehr amerikanisch anmutenden Überlegungen und Perspektiven stellt sich die Frage nach der Situation in Europa. Wir können die USA nicht einfach imitieren, obwohl es richtig ist, Cluster zu bilden, die außer Hochschulen auch die lokale Industrie einbinden. Inzwischen gibt es überall in Europa Regionen, die sich mit dem Beinamen ‚Silicon Valley‘ schmücken. Im Gegensatz zu Amerika wollen wir jedoch Wissenschaft und Technik nicht eingewanderten Indern oder Chinesen überlassen.

Leider oder Gottseidank gibt es in Europa kein Gegenstück zur DARPA. Unser Militär ist eher unterfinanziert. Die Forschungsprojekte, die von der EU oder der Bundesregierung ausgeschrieben werden, sind so angelegt, dass möglichst nichts herauskommt, was jemand nutzen kann. Es könnte ja den Chinesen in die Hände fallen. Was fehlt ist die Einsicht, dass die akademische Forschung oft nur die Hälfte eines Problems lösen kann. Eine Lösung, die auf Papier oder im Labor funktioniert, muss nicht auch in der Praxis funktionieren oder akzeptiert werden. Hier hilft nur, möglichst viele Lösungen in den Markt zu bringen und den Markt selektieren zu lassen. Das machen Amerikaner besser.

Als Problem Europas wird oft die Anzahl unterschiedlicher natürlicher Sprachen genannt. Das ist ein Vorurteil, das sich hält, obwohl Firmen wie SAP bewiesen haben, dass man daraus einen Geschäftsvorteil ableiten kann. Mindestens so schlimm finde ich es, dass wir uns besonders gerne über künstliche Sprachen und Begriffe ereifern. So wurden seinerzeit Fortran und COBOL als zu uneuropäisch angesehen, da zu praktisch und theoretisch unsauber. Heute streitet man darüber, ob man die Philosophie des 18. Jahrhunderts entheiligt, wenn man das Wort Ontologie als Metapher verwendet (siehe Informatik Spektrum, August 2014). Besser wäre es, man würde Produkte bauen, die diese Funktionalität nutzen, egal wie sie heißt. Sich über die Qualität von Produkten zu streiten, wäre äußerst sinnvoll.

Auf andere Unterschiede zwischen Europa und den USA will ich dieses Mal nicht eingehen. da ich sie schon öfters thematisiert habe, so die Bevorzugung sozialistischer gegenüber liberalen Regierungen und die Dominanz geistes-wissenschaftlicher über ingenieur-wissenschaftlicher Ausbildung von der Grundschule bis zur Universität. Auch das Argument, dass es in Europa an Wagniskapital fehle, hatte ich schon vor drei Jahren widerlegt. Damals bestätigte mir ein Branchenkenner, dass deutsches Kapital bevorzugt in den USA investiert würde.

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