Mittwoch, 14. Januar 2015

Über ‚Charlie Hebdo‘ und Pegida, oder aber über Libertinismus und Blasphemie

Alle politischen Kommentatoren scheinen sich diese Woche in einem Punkte einig zu sein: Das Anwachsen der Zahl der Demonstranten beim letzten Pegida-Aufmarsch in Dresden passt nicht zu den Ereignissen in Paris. Dort gingen über eine Million Menschen auf die Straße, um auszudrücken, dass sie den Terroristenanschlag gegen die Redaktion der Satirezeitschrift ‚Charlie Hebdo‘ zutiefst verachten. Alle namhaften Politiker Europas und des Nahen Ostens reihten sich in den Trauerzug ein. In Dresden trug man auch Trauerarmbinden, argumentierte aber weiter gegen die Islamisierung des Abendlandes. Kann es sein, dass man aneinander vorbeiredet? So etwas kann vorkommen. 

‚Charlie Hebdo‘ und die 68er

Es wurde berichtet – selbst kann ich es nicht nachprüfen – dass das französische Satire-Blatt, das auf so traurige Weise berühmt wurde, die französische Demokratie verkörpere. Ja, es stelle die Essenz einer Demokratie dar, da es auf der freien Meinungsäußerung beruhe. Im speziellen Fall von ‚Charlie Hebdo‘ gehe es um die 1968er Bewegung. Vermutlich wird inzwischen jedem Schulkind das Gefühl vermittelt, dass unsere Demokratie hier ihre Wurzeln, ja ihren Anfang hat. Ihre Protagonisten gelten schon fast als Heroen der europäischen Geschichte. Als Zeitgenosse muss ich mich da manchmal etwas wundern.  

Die 1968er Bewegung wird außer als Opposition gegen den Vietnamkrieg vor allem als Aufstand gegen Autoritäten (insbesondere Altnazis) in der Politik, in der Bildung und in der Familie gesehen. Darüber hinaus wurden sexuelle Freiheiten erkämpft, unter anderem bezüglich Abtreibung und Homoehe. Was ihren Verlauf betrifft, so zerfällt die 68er Bewegung zumindest in drei Teile. Am stärksten in Erinnerung ist für mich der Teil, der sich radikalisierte. Ihr ‚nom de guerre‘ hieß ‚Rote Armee Fraktion (RAF). Sie beschäftigte die Polizei mehr als ein Jahrzehnt lang. Sie zog eine Blutspur durch ganz Europa. In Deutschland hinterließ sie eine Kette von Morden an bekannten Personen des öffentlichen Lebens (so Siegfried Buback, Jürgen Ponto, Hans Martin Schleyer, Karl Heinz Beckurts) und an Sicherheitskräften. Die Entführung eines Lufthansa-Fluges und der Befreiungsschlag von Mogadischu im Herbst 1977 gelten als Höhepunkt. 

Der zweite Teil der 68er Bewegung hat sich im kollektiven Gedächtnis eingeprägt durch das Foto der Kommune 1 in Berlin. Auf dem Foto zeigt eine Gruppe Erwachsener, durchmischt von Kleinkindern, der Welt ihren nackten Hintern. Das Bild sollte sexuelle und moralische Freizügigkeit symbolisieren, also eine Form des Libertinismus. Uschi Obermeier, Rainer Langhans und Fritz Teufel gehörten zu diesem Teil der Szene. Obermeier hat später versucht in Hollywood Fuß zu fassen. Langhans lebt heute in München in einem Harem von fünf Frauen.  

Ein dritter Teil der 68er fand den Weg in die Politik, und zwar durch die Gründung der Partei der Grünen. Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer und Jürgen Trittin gehören zu diesem Ableger. Cohn-Bendit zog als Vertreter der französischen Grünen ins Europa-Parlament. Fischer vertrat die Bundesrepublik als Außenminister während des Kosovo-Krieges. Sowohl Cohn-Bendit wie Trittin mussten sich noch in jüngster Zeit gegen Vorwürfe der Verführung Jugendlicher (Pädophilie) verteidigen. 

Aus Sicht der Gesellschaftsentwicklung ist es eine offene, aber berechtigte Frage, ob einige der oben erwähnten Errungenschaften auch gekommen wären, ohne dass Joschka Fischer Steine auf Polizisten hätte werfen müssen, ganz zu schweigen von den Übergriffen der RAF-Aktivisten. Jede blutig verlaufene Umwandlung führt zu dieser Frage. Die frühere DDR hat an diesem Teil unseres gesellschaftlichen Reifeprozesses nicht teilgenommen. Es kann dies mit ein Grund sein, warum in Ostdeutschland einige Dinge anders gesehen und empfunden werden als bei uns im Westen. Übrigens neigen auch Menschen dazu vergangene Revolutionen zu verherrlichen, von denen man es nicht erwartet hätte. So erklärte Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, dass er voll in der geistigen Tradition der Französischen Revolution stünde. Zu den 68ern rechnet er sich noch nicht. 

Vom Libertinismus zur Blasphemie 

Wie oben erwähnt, war Libertinismus ein Kennzeichen der deutschen 68er Bewegung. Fälle von Blasphemie hingegen blieben uns weitgehend erspart. Sie ist bei uns nämlich strafbar nach §166 des Strafgesetzbuches. Gleiches gilt in England, Österreich und der Schweiz. Bei uns ist im Gesetz eine Einschränkung hinzugefügt, die besagt, dass es nicht immer gilt, sondern nur, wenn die Beschimpfung von Glaubensbekenntnissen, Religionen und Weltanschauungen den öffentlichen Frieden stört. Eigentlich müsste statt des Wortes ‚wenn‘ ein ‚weil‘ stehen. Sonst muss man glauben, dass man alle Religionen beleidigen darf, die tolerant sind und nicht auf Beleidigungen reagieren. 

In islamischen Staaten wie Pakistan wird Blasphemie sehr streng verfolgt. Auch die Meinung des Volkes entspricht voll der Rechtsauffassung des Staates. Das zeigte sich in dem Streit um die Mohammed-Karikaturen, welche die dänische Zeitung Jyllands-Posten im September 2005 brachte. Es gab monatelange Unruhen in der ganzen arabischen Welt. Trotzdem hielt es die französische Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ für opportun, die Gestalt Mohammeds immer wieder ins Lächerliche zu ziehen. Warnungen in Form von Sprengstoffanschlägen blieben nicht aus. Ein Gesetz, das Blasphemie verbietet, gibt es in Frankreich nicht (außer im Elsass und in Lothringen). 

Wie sehr das jetzige Attentat zu verurteilen ist, so darf man bezweifeln, ob wir dieser Form der Beweise unserer Meinungsfreiheit tatsächlich bedürfen. Der öffentliche Friede ist ebenfalls ein Rechtsgut, das in der deutschen Fassung des entsprechenden Gesetzes berücksichtigt wird. Es ist bezeichnend, dass im Moment die Abschaffung des Blasphemie-Gesetzes (§166) nur von einer einzigen deutschen Partei gefordert wird, nämlich von der um ihr Überleben ringenden FDP.  

Pegidas unverstandenes Anliegen 

Pegida hat das Problem, dass es schwer ist, ihr wirkliches Anliegen zu verstehen. Es gibt ein Dokument, in dem 19 Punkte stehen. Diese sind fast alle so, dass die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung ihnen zustimmen kann. Es geht primär um die bessere Betreuung von Flüchtlingen, aber auch um direkte Demokratie. Fast alle Punkte finden sich auch im Programm von Splitterparteien, die bei der letzten Wahl für den Bundestag kandidierten. Dass man für die oft geistlose Umdeutung grammatikalischer Geschlechter immense Energie verschwendet (Gender Mainstreaming), wird auch von einigen meiner Bekannten belächelt.  

Einen Gegensatz bilden die bei den Umzügen mitgeführten Plakate. Hier stehen Dinge zu lesen wie: ‚Sachsen bleibt deutsch‘ oder ‚Kartoffeln statt Döner‘. Auch der Ausdruck ‚Lügenpresse‘ kam bisher nur auf Plakaten vor. Dennoch wurde es zum Wort des Jahres erkoren. Pegida hat meines Erachtens wenig mit Charlie Hebdo noch mit dem Überfall zu tun. Ihre Anliegen  ̶  sofern man diese überhaupt zur Kenntnis nehmen will  ̶  liegen auf einer anderen Ebene. Solange die Vertreter Pegidas sich nicht in der Öffentlichkeit der Diskussion stellen, verbreiten sie Angst. Ob das ihre Absicht ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht begeben sie sich doch noch in die politische Arena. 

Reformierbarkeit des Islams 

Angela Merkel hat unserem Land schon einige Reformen zugemutet. Sie vollzog einen Zickzack-Kurs in der Energiepolitik. Sie verschärfte und lockerte die Rentenpolitik. Sie schaffte die Wehrpflicht ab und lieferte Waffen in Kriegsgebiete (nur für die Peschmerda, nicht für alle Kurden). Jetzt wendet sie sich offensichtlich auch den bei uns lebenden Muslimen zu. Sie übernahm  ̶  fast überraschend  ̶  Christian Wulfs Formulierung, dass der Islam zu Deutschland gehöre.  

Wenn man davon absieht, dass es politisch inopportun ist, eine im Raum stehende Formulierung nicht zu akzeptieren, wäre es besser zu sagen, nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern vier Millionen Muslime. Der Islam ist eine Weltreligion. Seine bevölkerungsstärksten Länder sind Indonesien und Malaysia. Eine Reform des Islams zu fordern, oder aber eine ‚Europäisierung‘ zu verlangen, ist unrealistisch. Dass Muslime, die in Deutschland leben wollen, unsere Verfassung anerkennen müssen, ist unabdingbar. Es müssen Wege gefunden werden, dies auch zum Ausdruck zu bringen, ohne gleich die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Wollen wir eine Absonderung von Ausländergruppen  ̶  nicht nur von Muslimen  ̶  vermeiden, muss auch eine Werbung für die deutsche Sprache erfolgen. Es muss attraktiv sein, Deutsch zu lernen.


Nachtrag am 17.1.2015:

Der Kommentator der letzten Nacht aus den USA hat mich drauf gebracht, was ich mit meinem Beitrag eigentlich sagen wollte. Das Redaktionsteam von 'Charlie Hebdo' mag in der Tradition der 68er gestanden haben, ich selbst tue es nicht. Einerseits war ich damals bereits mehr als 30 Jahre alt, andererseits hatte ich keinen Grund meinen Eltern und Lehrern zu misstrauen. Ich bin mir sicher, ich bin nicht der Einzige unter meinen Zeitgenossen, der so denkt.

Kommentare:

  1. Heute schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Als Sie endeten, dachte ich, jetzt geht's erst richtig los und er betrachtet mal das "wishful thinking" in Sachen Integration, gelungen wie misslungen. Ein Offenlegen hilft, ein Verschweigen macht misstrauisch.

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  2. Dem folgte Peter Hiemann aus Grasse:

    Bei den Pegida-Demonstrationen in Dresden lassen sich meines Erachtens keine ideologisch begründete Emotionen erkennen. Die 19 Punkte aus dem Positionspapier begründen nicht Angst vor „Islamisierung des Abendlandes“. Mein Bruder aus Dresden hat geschrieben, dass es den Demonstranten ganz pragmatisch um den Erhalt von wirtschaftlich erreichtem Wohlstand geht. Unter anderem wollen sie keine Unterkünfte für Flüchtlinge, die den Wert ihrer Immobilien mindern. Das gilt für betroffene Bevölkerungsgruppen in allen Gegenden Deutschlands.

    Es lässt sich nicht erkennen, dass sich Pegida jemals zu einer unabhängigen politischen Institution entwickeln könnte. Die Pegida-Demonstrationen erhalten vermehrte Aufmerksamkeit, weil sie sich für existierende politische Parteien eignen, um zukünftige Wähler zu werben bzw. um zu vermeiden, dass sie Wähler verlieren.

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  3. Gestern abend schrieb Peter Hiemann:

    ich habe mir eben die Dokumentation über das Grauen angeschaut, das Deutsche in den 12 Jahren Nationalsozialismus "fertig gebracht" haben:

    http://www.arte.tv/guide/de/050111-000/night-will-fall?autoplay=1

    Ich glaubte, schon vor der Dokumentation zu wissen, was Ideologie und ein autoritäres Regime mit Menschen "anrichten" kann. Meine emotionale Reaktion auf die Dokumentation hat meine Vorstellung von möglichen menschenverachtenden Aktionen eines autoritären Regimes erst richtig verdeutlicht. Vermutlich lässt sich sagen, dass Wissen ohne emotionale "Bewertung " nur halbes Wissen ist, dass Handeln ohne ohne emotionale Hemmung Chaos bewirkt.

    Die Dokumentation bewirkte bei mir, dass ich das Regime des Islamischen Staates noch tiefer verurteile, als ich schon mit rationalen Argumenten begründen konnte. Pegida scheint in diesem Licht nicht der Rede wert zu sein, da diese Bewegung in diesem Licht als "unbedeutend" bewertet werden kann. Die Behauptung einer potentiellen "Islamisierung des Abendlandes" ist völlig an den Haaren herbeigezogen.

    NB (Bertal Dresen): Mich beunruhigte die Ideologisierung, die sich in dem Interview protzig präsentiert, das Jürgen Todenhöfer neulich mit einem deutschen IS-Kämpfer führte.

    https://www.facebook.com/video.php?v=10152723644955838

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  4. Ich hatte Hartmut Wedekind auf den Artikel des Bürgermeisters von Rotterdam, eines gebürtigen Marokkaners, hingewiesen.

    http://www.welt.de/politik/ausland/article136355172/Wenn-es-euch-hier-nicht-gefaellt-haut-doch-ab.html?wtrid=socialmedia.socialflow....socialflow_twitter

    Darauf schrieb Hartmut Wedekind:

    Im Kapitel „Und wie machen es andere“ befasst sich Buschkowsky in seinem Buch „Neukölln ist überall“ (2012) auch mit Rotterdam und den Niederlanden, insbesondere nach dem Mord an Theo van Gogh. Zwischen Rotterdam und Berlin- Neukölln gibt es sogar eine Arbeitsgemeinschaft.

    Was mich kolossal stört, ist die Tatsache, dass Buschkowsky auch jetzt wieder mit seinem Buch „Die andere Gesellschaft“ (2014) von der PC-Presse und den PC- Regierungen in Bund und Ländern (er sagt die Politelite da oben) geschnitten und verfemt wird. Er liefert auf insgesamt etwa 700 Seiten (400+300) eine Fülle von erschütterndem Material für sein These „Multikulti ist gescheitert“ und „die Parallelgesellschaft ist da“. Unangenehme Botschafter wurden früher geköpft. Im Archaischen zurück ist das auch heute noch so. Wenn einem seine Scheinwirklichkeit um die Ohren gehauen wird, ist das nicht gerade angenehm.

    PS: Ich vergleiche Buschkowky manchmal mit Albert Schweitzer. Der tat wenigstens etwas für Afrika. Auch Buschkowsky geht in die hintersten Winkel der Parallelgesellschaft, spricht mit den Leuten und ist sich nicht zu schade. So etwas ist ganz nach meinem Geschmack. Was nützen diese Schwätzer da oben, insbesondere neuerdings mit ihrer Betroffenheitslyrik, wenn es unten brennt. Ich versuche mich in der Stadt auch manchmal mit Migranten zu unterhalten. Das ist schwer, weil keine Sprachkenntnisse vorhanden sind. Die können nur ihre Muttersprache und sind de facto einwanderungsunfähig. Was ich mit denen anfangen soll, weiß ich nicht. Aporie!

    NB (Bertal Dresen): PC heißt hier nicht ‚Personal Computer‘ sondern ‚Political Correctness‘.

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  5. Es ist richtig, die Vergangenheit wieder anzufassen, um unsere Gegenwart zu beleuchten. Was ist aber, wenn die falsche Lehre aus der Vergangenheit gezogen wird? So sehr ich die Morde in Paris verurteile, so sehr ich die Kritik an Sünden der Religion teile, scheue ich mich davor, mich als „Charlie“ zu bezeichnen. 1968 und 1945 waren Zeiten großer Lehren – nicht alle waren richtige Lehren. Eine Folge von den Lehren aus 1945 war m.E. der sinnlose Amerikanische Krieg in Vietnam. Ein Folge von den Lehren aus 1968 [selbst eine Folge vom Vietnamkrieg] war das langsame Aussterben moralischer Authorität in der Gesellschaft. „Trust no one over 30!“ How well did THAT work out? Ich bin nicht Katholisch - aber schöpfe Hoffnung aus dem Wirken des Papstes Francis. Er möchte übrigens auch nicht „Charlie“ heißen, und meinte man solle seine Mutter nicht beleidigen.

    Zu dem Dokumentarfilm erwähnt im Kommentar von Peter Hiemann – ein Paarmal kommt vor, „sehr schwer zu beschreiben.“ No, no, no !! IMPOSSIBLE to describe, IMPOSSIBLE to imagine. But important to remember what IS imaginable, because it motivates us to defend civilization, which desperately needs defenders. Nevertheless I support the suppression of the film immediately after the war.

    The founders of the American Republic were very suspicious of radical democracy. Many curbs were built into the constitution to slow the will of the people from becoming immediate reality. I revere their wisdom and sacrifice.

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  6. Zum Nachtrag von Bertal Dresen am 17.1.2015: Ich will nicht sagen, daß ich meine Eltern und Lehrer mistraut habe ... aber ich wußte, daß sie in Bezug auf Vietnam einen gravierenden moralischen und politischen Fehler machten – einen Fehler um eins der wichtigsten Gebiete meines Lebens zu der Zeit. I could have been drafted into the war – a lottery was all that saved me. Civil Rights were also a common area of moral ambiguity among “authorities” in my life at the time. Das hat Folgen – nicht alle positive für mich persönlich.

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  7. Am 17.1.2015 wies ich Peter Hiemann (und andere) auf einen Artikel in der FAZ hin, in dem ein Theologe aus Prag sich als Nicht-Charlie-Fan zu Wort meldete.

    http://m.faz.net/aktuell/politik/gastbeitrag-warum-ich-nicht-charlie-bin-13374816.html

    Noch am selben Tag schrieb Peter Hiemann:

    ich interpretiere die gegenwärtige "Hysterie" um "Charlie Hebdo" aus einiger Distanz. Das Blatt fand in der Vergangenheit kaum Aufmerksamkeit bei den Franzosen (Auflage 60 000). Nach dem Attentat auf deren Karikaturisten verkauft es sich millionenfach, sogar im Ausland. Meines Erachtens hat das brutale Attentat bewirkt, dass ein Kulturbrand sichtbar wurde, der schon lange schwelte. Ich bin heute gebeten worden, zu diesem Thema einen Cicero Artikel zu kommentieren:

    http://www.cicero.de/weltbuehne/der-islam-und-der-westen-sind-jetzt-gemeinsam-gefordert/58739

    Viele von Khola Maryam Hübsch vertretenen Gedanken im Cicero Artikel „Der Islam und der Westen sind jetzt gemeinsam gefordert“ kann ich nachvollziehen. Ihre Behauptung jedoch, dass bereits „ein neues Wir-Gefühl Muslime und Nicht-Muslime vereint“ entspricht nicht der derzeitigen Situation. Auch Hübschs Aussagen hinsichtlich "islamischer Aufklärung" entsprechen nicht der Realität. Die meisten islamisch orientierten Staaten sind weit davon entfernt, ein „Fundament für eine islamische Aufklärung“ zu besitzen oder bereit sind, sich ein solches Fundament zu erarbeiten. Aus meiner Sicht betreiben Koranschulen „Gehirnwäsche“ mit Kindern und Jugendlichen, um sie später für politische Ziele besser instrumentieren zu können. ...

    Allgemeingültige Analysen der existierenden Situationen und Vorschläge zur Beendigung derzeitig existierender Konfrontationen gibt es nicht. Auch können allgemeine Vorschläge zu Problemlösungen unmöglich allen Interessenlagen gerecht werden. Ich denke, dass es für alle Beteiligten darauf ankommen wird, deutliche Positionen zu vertreten und zu kommunizieren. Ich werde, wenn danach gefragt, mich nur noch zu konkreten Situationen äussern und folgende Positionen einnehmen:

    ‒ Null Toleranz für korrupte Verhaltensweisen
    ‒ Null Toleranz für Verhaltensweisen, die gegen religiöse oder ethnische Zugehörigkeit gerichtet sind.
    ‒ Unterstützung von Aktionen, die der Beendigung innerstaatlicher Kulturkämpfe dienen
    ‒ Null Toleranz für brutale menschenverachtende Aktionen
    ‒ Unterstützung von Aktionen, die dem Ausgleich Arm gegen Reich dienen
    ‒ Null Toleranz für Aktionen, die die autonome Selbstverwaltung eines Staates missachten.
    ‒ Unterstützung von Aktionen, die der Beendigung zwischenstaatlicher Kulturkämpfe dienen.

    Die meisten bisher verbreiteten allgemeinen Aussagen über kritische Situationen dienten wohl dem vorzutäuschen, dass Situationen unter Kontrolle seien und befriedet werden können. Jedoch ist Terror Gewalt, die bekämpft werden muss.

    Meine Antwort auf die Frage „Wo muss man ansetzen, um Boko Haram und die Terrorgruppen des IS stoppen?“ lautet: Die Bevölkerung im Irak, Syrien und Nigeria „gehe auf die Barrikaden“ und organisiere sich gegen die Terrorristen im eigenen Land. Die muslimische Bevölkerung im Ausland erschwere die Rekrutierung von IS Kämpfern, indem sie sich entsprechenden Reden in den Moscheen widersetze. Internationale „Geschäftsbeziehungen“ mit IS Institutionen werden im Ausland unter Strafe gestellt.

    Es stimmt natürlich, dass viele Muslime in Europa nicht die gleichen ökonomischen Chancen haben wie der Rest der Gesellschaft. Das trifft übrigens nicht oder viel weniger auf Migranten aus dem asiatischen Raum zu. Fragen, warum Muslime in Frankreich größere soziale Nachteile in Kauf nehmen müssen als andere Bevölkerungsgruppen, müssen sich Muslime und andere Bevölkerungsgruppen gleichermaßen stellen. In einem laizistischen Staat wie Frankreich kann die Antwort nicht lauten: „Die islamische Religion ist die Ursache“.

    NB (Bertal Dresen): Khola Maryam Hübsch fiel in der Sendung ‚Hart aber fair‘ letzte Woche auf, als sie mit einer Suada ohne Gleichen um Verständnis für Kopftuch und Burka warb.

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