Donnerstag, 22. Oktober 2015

Eindrücke eines Erstsemester-Studenten an der TU München

Mein Enkel studiert ab dem WS 2015/2016 das  Fach Wirtschaftsinformatik an der TU München (TUM). Er gab mir nach der ersten Woche einen recht ausführlichen Bericht über seine Erfahrungen. Mit seiner Zustimmung kopiere ich ihn für die Leser dieses Blogs.

Erfahrungsbericht

Nachdem die Schulzeit in Tübingen abgeschlossen war, blickte ich euphorisch der neuen Ära entgegen, Ich gierte nach dem Neuen. Freitag Abends kam ich in meiner Wohnung an, kurz Bett beziehen und Zähne putzen. Mehr war nicht mehr drin, denn am nächsten Morgen galt es noch Veranstaltungen der SET (Erstsemester-Einführungstage) wahrzunehmen. Ich hatte aufgrund meiner Führerscheinprüfung schon die ein oder andere Infoveranstaltung verpasst, weshalb es für mich umso wichtiger war, während der restlichen SET mit Kommilitonen in Kontakt zu kommen, damit diese mir zu einem kurzen Crashkurs ins Unileben verhelfen konnten.

Am Samstag gab es ein großes Frühstück für die 1-Semester der Informatik-Fakultät, anschließend eine Campus-Ralley. Hier galt es in Teams das Gelände zu erkunden und diverse Aufgaben zu bewältigen. Das Event diente aber primär dem Kennenlernen der anderen und so habe ich bereits Bekanntschaft mit Studenten der verschiedensten Fachschaften gemacht. Wirtschaftsinformatiker entpuppten sich jedoch als seltene Spezies, die kaum anzutreffen war. Was gleich auffiel waren die wohl doch nicht ganz so unbegründeten Klischees. So sind die Informatiker vom Typ her alle sehr "nerdy" (hab' lange überlegt aber für dieses Adjektiv gibt es keine Äquivalenten auf Deutsch). Die coolsten auf dem Campus sind eindeutig die Physiker. Insgesamt liegt das Durchschnittsalter meiner Kommilitonen bei 19 Jahren. Ich gehöre also wirklich noch zu den ganz "kleinen", selbst unter den Erstsemestern.

Der Sonntag hielt für uns neue Herausforderungen bereit. Die Fachschaft hatte ein Scotland-Yard-Spiel im großen Stil organisiert. Das Münchner Liniennetz bildete das Spielfeld und auf diesem musste nun Mr. X gefangen werden. Der Montag startete gleich mit der Immatrikulationsfeier. Der Präsident zapfte ein Fass der [universitätseigenen] Brauerei an und schenkte Bier aus. Doch bei 12.000 Erstsemestern (Master & Bachelor) waren die Vorräte nach wenigen Minuten aufgebraucht. Doch statt zu meutern verhielten sich die Massen gesittet. Ich war auch in der Lage zum ersten Mal Wirtschaftsinformatikerinnen kennen zu lernen. Eine davon war sogar eine ehemalige Klassenkameradin von mir, was natürlich eine große Überraschung war.

Die Folgetage reihte sich Vorlesung an Vorlesung, was aber noch sehr entspannt war, da Tutorübungen etc. erst ab dieser Woche beginnen. Sonderlich anspruchsvoll sind die Studieninhalte noch nicht. In Eidi (Einführung in die Informatik) näherten wir uns Java an, die beiden Mathe-Vorlesungen überschneiden sich zur Zeit noch thematisch. Beide behandeln die Mengenlehre, wobei im Falle Himstedt die Vorlesung sehr flach gehalten wird, sodass auch die TUM-BWLer mitkommen (Auf dem Campus werden sie neckisch als das ‚schwächste Glied des TUM-Kaders‘ bezeichnet).

Am meisten überzeugte mich jedoch die Einführung in die Wirtschaftsinformatik, eine Vorlesung, die von Helmut Krcmar gehalten wird. Er ist ein rhetorisch begabter, charismatischer Professor, der lebhaft mit starkem Praxisbezug und greifbaren Beispielen die Vorlesung sehr ansprechend gestaltet. Hier blieb bei mir mit Abstand am meisten hängen und ich wurde dazu verleitet, mich verstärkt für das Studium zu begeistern. Schließlich handelt es sich hierbei auch um das namensgebende Fach des Studiengangs und es tröstet mich darüber hinweg, dass das erste Semester mit Wirtschaftsinhalten geizt, da meine übrigen Fächer ja wie bereits erwähnt nur Themen der Mathematik und Informatik behandeln.

Auch wenn Ich noch nicht genug Vorlesungen hatte, um mir ein Urteil zu bilden, bin ich dennoch zu folgenden Schlüssen gekommen: 
  • Rein von der Infrastruktur her war die TUM als Uni die beste Wahl. Die Stadt München bietet aber auch ein gutes Fundament, um ihr ästhetisches Antlitz wirken zu lassen.
  • Ich weiß zwar noch nicht 100%ig, ob meine Wahl des Studienfachs die richtige war, aber ich bin fest überzeugt, dass die reine Informatik das garantiert nicht gewesen wäre.
Allein zu leben gefällt mir enorm, eine neue Form der Selbständigkeit, nach der ich mich immer gesehnt habe. Auch wenn meine aktuellen Wohnverhältnisse nicht wirklich zufriedenstellend sind, wird das durch die Tatsache, dass ich nun einen Single-Haushalt führe, mehr als wett gemacht und mit ein bisschen Glück finde ich zeitnah eine besser Wohnung für den sozialen Aufstieg. Man merkt, dass ein neues Kapitel, eine neue Ära angebrochen ist. Das Studium hebt sich deutlich von der Schule ab. Rückblickend kommt es mir vor, als wäre Ich Tübingen schon vor Jahren entflohen.

Das Klima an der Uni sagt mir deutlich mehr zu als das tendenziell eher aggressive Klima der Schule, wo es teilweise noch bis zur 10ten Klasse galt sich zu profilieren, wo 7t-Klässler Mitschüler aus der Klasse mobbten und in der 9ten der Wert einer Person noch durch Klamotten bestimmt wurde. All das ist an der Uni undenkbar. Derart primitives Gedankengut geistert weder durch Garching noch durch die Arcisstraße. Die Menschen sind kontaktfreudig und aufgeschlossen, und es ist auch mal erfrischend von Leuten umgeben zu sein, die einen Hund von einer Katze unterscheiden können. Es hat sich etwas etabliert, das selten auf dem Schulhof und noch seltener bei der BILD anzutreffen ist ... Niveau. Zusammenfassend kann man meine aktuelle Verfassung als glücklich bezeichnen, und ich bin zuversichtlich, dass das so bleibt.

Vorlesungsübersicht

Vorher hatte mein Enkel mir schon die Liste seiner Vorlesungen geschickt. Hier die Fächer mit den (aktuellen) Professoren: 
  •  Diskrete Strukturen - Bungartz, Hans-Joachim
  •  Mathematische Behandlung der Natur- und Wirtschaftswissenschaften - Himstedt, Frank
  •  Einführung in die Informatik - Brüggeman-Klein, Anne
  •  Einführung in die Wirtschaftsinformatik - Krcmar, Helmut
Bei allen Vorlesungen handelt es sich um Pflichtmodule. Da diese allein schon 31 Credits bilden, habe ich davon abgesehen, noch zusätzlich Wahlmodule zu belegen. Wie du sehen kannst, liegt dieses Semester ein starker Schwerpunkt auf Mathematik. Exakt 50% der Mathe-Einheiten, die ich während des GESAMTEN Studiums habe, fallen auf's erste Semester. Die BWL-Schwerpunkte werden erst ab dem 3ten Semester gesetzt. Begründet wurde dies damit, dass vorerst ein Grundfundament gebildet werden soll, welches bei allen Informatik-Studiengängen ähnlich ist. So teile ich mir bei diskreten Strukturen und der Einführung in die Informatik den Hörsaal mit sämtlichen Informatikstudenten, die die TUM zu bieten hat. So ein gleiches Fundament zeugt natürlich auch davon, dass ich die gleiche Ausbildung genießen werde wie reguläre Informatiker und somit auch als vollwertiger Informatiker wahrgenommen werden sollte. ;)

Ergänzungsfragen

Hier noch einige Ergänzungsfragen für den einschlägig interessierten Leser. Die Antworten illustrieren das Umfeld. Alle Vorlesungen des ersten Semesters sind in Garching. In späteren Semestern kommen Veranstaltungen im Bereich Arcisstraße/Gabelsberger Straße hinzu.

Bertal Dresen (BD): Welche wichtigen Veranstaltungen der Semester-Vorwoche entgingen Dir? Kannst Du sie nachholen?

Erstsemester-Student (ES): Mir entgingen die Vorkurse: Informationen zur Benutzung der TUM-Online-Plattform, dem Erstellen des Studienplanes etc. Dank meiner Kommilitonen und Internet-Tutorials der TUM (auf Homepage & Youtube) konnte ich aber aufholen und ins Studium "stolpern".

BD: Wie werden Eure Vorlesungen präsentiert (Tafelaufschrieb, Tageslichtprojektionen)? Benutzen die Professoren Mikrophone als Lautverstärker?

ES: Bei den Vorlesungen setzen die Professoren hauptsächlich auf Powerpoint-Präsentationen, welche sie über Beamer anzeigen. Anschließend werden die Folien auf Moodle hochgeladen. Dort können die Studenten mit ihrer TUM-Kennung zugreifen und sich die Unterlagen nachträglich ansehen. Bungartz greift als Einziger im Eifer des Gefechts auch mal auf die Tafel zurück. Diese kommt aber sonst nie zum Einsatz. Ein Mikrofon ist unerlässlich für die Professoren, egal ob es sich nun um einen 200- oder 700-Personen-Hörsaal handelt.

BD: Wie viele Zuhörer seid Ihr typischerweise pro Vorlesung? Werden Fragen gestellt und auch beantwortet?

ES: In den Vorlesungen sind die Professoren mit gigantischen Studentenmengen konfrontiert. In Vorlesungen wie die der Diskreten Strukturen oder Eidi reicht ein Hörsaal nicht aus, weshalb man sich im Interimshörsaal mit der Videoaufzeichnung aus dem "Haupt"-Hörsaal begnügen muss. Den beiden oben genannten Vorlesungen wohnen aber auch jedes Mal rund 1000 Studenten bei (Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und Games Engineering-Studenten). Wenn man nun aber nicht gerade im Interimshörsaal sitzt (dort wird im Regelfall die Videoübertragung ausgestrahlt), ist es immer möglich Fragen zu stellen. Auf diese wird auch immer gründlich eingegangen. Meistens handelt es sich jedoch nur um Studenten, die den Prof verbessern und auf Fehler auf seinen Folien aufmerksam machen.

BD: Schreiben die Zuhörer in den Vorlesungen fleißig mit? Gibt es Skripten zu kaufen? Was kosten sie? Hast Du sie alle erworben?

ES:  Mit dem Mitschrieb verhält es sich durchwachsen. Es variiert mit dem Kommilitonen, mit denen man sich einen Hörsaal teilt. Kaum sind (reine) Informatiker anwesend, wird man regelrecht von den Massen an Laptopdisplays geblendet. Meistens verleitet der aufgeklappte Computer aber zum Daddeln, worunter der Mitschrieb natürlich leidet. In Vorlesungen für Wirtschaftsinformatiker & TUM-BWLer greifen die meisten auf den Schreibblock zurück. Notebooks sind hier selten.

BD: Ich verstehe, dass Übungen erst noch kommen. Wir können evtl. später auf sie eingehen. Welche Lehrbücher werden empfohlen? Kannst Du sie in der Bibliothek ausleihen? Wieviel kosten sie im Schnitt? Was wirst Du machen?

ES: Ich habe gleich zu Semesterbeginn der Bibliothek einen Besuch abgestattet und mir sämtliche Fachliteratur unter den Nagel gerissen. Während die dicken Wälzer bei mir wohl zunehmend verstauben werden, lassen sich Bücher wie das von Krcmar sehr angenehm lesen. In jedem Fach haben wir grob 4-5 Werke als unerlässliche Fachliteratur empfohlen bekommen.

BD: Wie weit ist die Mensa entfernt? Was kostet Dich das Mittagessen? Schmeckt es Dir? Gibt es zwischendurch Pausen-Snacks?

ES: Die Mensa ist eine klare Verbesserung zur Schulzeit. Das Essen ist abwechslungsreich und die Auswahl auch mehr als zufriedenstellend. Die Preise sind aufgrund von Subventionen auch sehr günstig. Neben der Mensa gibt es auch noch eine Cafeteria, das Stucafé, sowie mehrere Imbissbuden auf vier Rädern. Auswahl ist auf dem Campus in Garching in jedem Fall gegeben.

BD: Wie lange bist Du morgens und abends unterwegs? Wie ich weiß, kannst Du nicht die ganze Strecke per U-Bahn fahren. Wie kommst Du zur Uni?

ES: Mit dem Semesterticket kann ich problemlos zwischen Innenstadt und Forschungszentrum Garching pendeln. Im Durchschnitt fahre ich 30 Minuten  ̶  egal ob es sich nun um die Hinfahrt oder die Fahrt in Richtung Innenstadt handelt. Die U6 fährt zu jeder Zeit und in sehr kurzen Intervallen. Wartezeiten werden höchstens durch meinen Anschlussbus verursacht, der dafür aber praktisch direkt vor meiner Haustür hält.

BD: Vielen Dank für den interessanten Bericht! Ich wünsche Dir für Dein Studium viel Erfolg.

Kommentare:

  1. Soeben schrieb Robert Ottohall aus Tübingen:

    Ein erfreulich positiver Bericht. Was mich überrascht hat, waren seine schlechten Erfahrungen in der Schule (Tübingen). .

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    1. Probleme des Informatik-Unterrichts an Schulen wurden im Beitrag vom 9.6.2013 angesprochen. Dass im Vergleich dazu die Uni einen positiven Eindruck macht, ist erfreulich..

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