Samstag, 9. September 2017

Gilgamesch-Epos, Entstehung und Wiederauffinden

Dieses älteste Epos der Weltliteratur erzählt die Sage von einem König von Uruk. Uruk (heute Warka) lag im Zweistromland, dem heutigen Irak, und gilt als die älteste Stadt der Welt. Dieser König soll um 3500 oder 4000 vor Chr. die Stadtmauer von Uruk errichtet haben. Ein Blick auf dieses Meisterwerk der Frühgeschichte mag etwas vom Tagesgeschehen ablenken.

Sageninhalt

Gilgamesch war zu Dreiviertel Gott, ein Viertel Mensch. Er war schön und stark. Er trieb es mit jungen Männern und Frauen. Vor allem hinderte er sie daran zu heiraten. Darauf baten diese die Stadtgöttin Ischtar um Abhilfe. Ischtar formte aus Lehm ein menschliches Wesen, Enkidu genannt, das ebenfalls über ungewöhnliche Körperkräfte verfügte. Er wuchs mit den Tieren der Steppe auf und ernährte sich von Gras und Früchten. Als er dann in die Stadt kam, lernte er Brot und Bier zu genießen. Er forderte Gilgamesch zum Kämpfen heraus. Da keiner den anderen besiegen konnte, wurden sie schließlich Freunde. Gemeinsam unternahmen sie aufsehenerregende Heldentaten. Nach einiger Zeit machten sich beide zusammen auf den Weg, um Humbaba aufzusuchen, den Wächter des Zedernwaldes im Libanon. Sie töteten ihn und seine Löwen und andere Tiere. Darauf beschlossen die Götter, sie zu bestrafen. Enkidu wurde von einer fieberhaften Krankheit befallen und starb. Gilgamesch betrauerte ihn, bis dass ‚Würmer aus der Nase des Freundes fielen‘. Er bekam Angst, dass ihn dasselbe Schicksal treffen könnte, dass er nämlich irgendwann sterben müsste.



 Lage der Stadt Uruk

Er begab sich daraufhin auf die Suche nach Uta Napischti, dem assyrischen Noah, der die Menschheit aus der Sintflut gerettet hatte und dafür mit einem ewigem Leben belohnt worden war. Er fand ihn, nachdem er Tage und Wochen lang dem Weg der Sonne gefolgt war. Uta Napischti ließ sich schließlich auf ein Gespräch ein. Darin machte er Gilgamesch klar, dass er keine Chance auf Unsterblichkeit habe. Er solle aber sein Volk und seine Stadt zur Kultur und zur Verehrung der Götter führen, so wie es vor der Sintflut war. Er entschloss sich, diesen Rat anzunehmen.

Entstehung des Sageninhalts und der Aufzeichnungen

Die Sage entstand vermutlich im dritten Jahrtausend vor Chr. im assyrisch-babylonischen Sprachraum, d. h. im Gebiet der Flüsse Euphrat und Tigris. Ein Dammbruch des Euphrats in dieser Zeit kann der Überlieferung von der Sintflut als Grundlage gedient haben. Neuere Theorien verlegen dieses Ereignis in das Gebiet des Schwarzen Meeres als Folge der Hebung des Mittelmeerspiegels nach der letzten Eiszeit.

Ähnlich der Ilias und Odyssee wurde diese Sage jahrhundertelang mündlich überliefert, ehe sie einen schriftlichen Niederschlag fand. Die ersten Verschriftungen stammen aus den 12. und 15. Jahrhundert vor Chr. Das ist etwa 700 Jahre vor Homers Geburt.

Wiederauffinden des Textes

Das erste Textfragment wurde 1872 von dem Engländer George Smith auf dem Schutthaufen des Palastes von Assurbanipal (668-627 vor Chr.) in Ninive gefunden. Es handelte sich um Lehmtafeln in assyrischer Keilschrift. Ninive ist ein Stadtteil der heutigen Stadt Mossul. In den Jahren danach wurden an mehreren Orten im Irak und Syrien diverse Fragmente gefunden. Die meisten von ihnen fanden eine Heimat in London, im British Museum.



Name des Gilgamesch in akkadischer Keilschrift

Im Jahre 2003 fasste der Engländer Andrew George über 100 Funde zusammen und veröffentlichte sie. Alle jüngeren Veröffentlichungen basieren auf der Arbeit von George. Der Text umfasst 12 Tontafeln mit rund 3000 Versen. Zum Vergleich: Das Nibelungenlied umfasst etwa 350 Blätter und 2400 Verse. Sechs der Tafeln sind heute vollständig lesbar, auf vier von ihnen fehlen einzelne Zeilen.


 Inhalt und Umfang der 12 Tafeln

Neuere deutsche Text-Ausgaben

Gleich zwei Ausgaben stehen als eBuch zur Verfügung, beide aus demselben Verlag.
  • Maul, S.M.: Gilgamesch  (2016, 128 S.), C.H.Beck: ISBN 978-3-406-69287-1. Der Autor ist Assyriologe in Heidelberg.
  • Sallaberger, W.: Das Gilgamesch-Epos (2008, 128 S.), C.H.Beck: ISBN 978-3-406-56243-3. Der Autor ist Assyriologe an der LMU München.
Die erste Veröffentlichung bemüht sich, den Text möglichst vollständig wiederzugeben. Sie listet auch alle Stellen, für die es keine lesbare Fassung gibt. Das zweite Buch ist nicht bestrebt vollständig zu sein, fügt aber Erläuterungen ein, die das Geschehen erklären und deuten. Es wird auch versucht, den historischen König Gilgamesch (oder Bilgamesch) in den Königslisten der Sumerer nachzuweisen.

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