Donnerstag, 8. November 2018

Großbritannien, China und die Opiumkriege

In einem der letzten SPIEGEL-Hefte (40/2018) las ich eine Besprechung des soeben erschienenen historischen Romans ‚Gott der Barbaren‘ von Stephan Thome. Der Autor, Jahrgang 1972, heißt mit bürgerlichem Namen Stephan Schmitt und stammt aus Biedenkopf in Nordhessen. Er wohnt in Taiwan. Weniger der Preis von 18,99 Euro als die 720 Seiten hielten mich davon ab, das Buch sofort zu lesen. Inzwischen habe ich dies nachgeholt. Ich gebe hier zunächst nur den historischen Rahmen der Handlung wieder und stelle einige der Handelnden vor, soweit sie historisch belegt sind. Damit gehe ich auch ganz kurz auf die Romanhandlung ein. Sie steigert das, was an sich schon spannend und reichlich verworren war, und stellt einen Bezug zur deutschen Geschichte her.

Hongkong und der erste Opiumkrieg

Im Ersten Opiumkrieg (1839-1842) machte England den ersten Versuch, das China der Mandschu-Dynastie für den westlichen Handel zu öffnen. Unter Handel wurde vor allem der Import von Opium gesehen, das in Indien angebaut wurde. Englische Händler im Verband mit der Ostindienkompanie bedrängten das Parlament. Eine Flotte, bestehend aus 16 Kriegsschiffen (mit 500 Kanonen und 4000 Mann an Bord)  besetzte die Insel Hongkong als Operationsbasis. Die Briten besetzten außer Hongkong noch drei Häfen: Ningbo und Zhoushan am Jangtsekiang und Tianjin am Beihai. Ein in Tianjin abgeschlossener Vertrag, in dem China auf Hongkong verzichten und hohe Reparationen zahlen sollte, lehnte der Kaiser ab. Daraufhin setzten die Engländer den Krieg fort und eroberten Nanjing. Der dort 1842 abgeschlossene Vertrag gilt in China als der erste der ‚Ungleichen Verträge‘. Er verpflichtete die Chinesen zur Öffnung der Handelshäfen Kanton, Xiamen, Fuzhou, Shanghai und Ningbo für Ausländer, zur Duldung weitgehend unbeschränkten Handels mit Opium, zur Abtretung Hongkongs sowie zu Reparationszahlungen. Die Insel Hongkong (chinesisch für Duftender Hafen) wurde  erst im Jahr 1997 an China zurückgegeben. Seitdem ist es eine Sonderverwaltungszone unter Beibehaltung einer freien Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie.

Zweiter Opiumkrieg und Besetzung Bejings

Der Zweite Opiumkrieg (1856-1860) brach aus mit der Beschlagnahme eines unter englischer Flagge segelnden Schiffes, das Opium und andere Schmuggelware nach Kanton brachte. Als die vorwiegend chinesischen Besatzungsmitglieder von den Behörden nicht freigelassen wurden, erklärten die Briten den Krieg. Um die angebliche Hinrichtung eines französischen Missionars zu rächen, schloss sich Frankreich an. Im Grunde suchten beide Staaten eine Erweiterung ihrer Einflusssphäre in China.

Im Jahre 1857 wurde Kanton eingenommen und im Jahr darauf die Dagu-Festungen in der Nähe von Tianjin. Es kam zur Unterzeichnung des Vertrags von Tianjin, welcher gleichzeitig auch von Frankreich, Russland und den USA verhandelt wurde. Dieses Abkommen öffnete elf weitere Häfen für den Handel mit dem Westen. Als China zögerte, diesen zweiten der „Ungleichen Verträge“ anzuerkennen, rüsteten 1860 Briten und Franzosen zum Angriff auf Bejing. Beteiligt waren 11.000 Briten (zum großen Teil Inder) und 6.700 Franzosen. Die Truppen besetzten die Stadt und verwüsteten anschließend den Sommerpalast des Kaisers. Auch die Russen griffen ein, mit der Folge, dass China Gebiete in der Mandschurei, am Usuri und am Amur an das Zarenreich verlor. Als im darauf folgenden Jahr der Kaiser starb, übernahm Prinz Gong die Macht, zusammen mit der Kaiserwitwe Ci Xi. Diese hat China 42 Jahre lang regiert und trat vor allem während des Boxeraufstands 1899-1901 in Erscheinung. An seiner Niederschlagung war auch das deutsche Kaiserreich beteiligt.

Taiping-Aufstand
           
Genau zur gleichen Zeit, als China sich gegen britische und französische Angriffe zu wehren hatte, wurde es durch innere Unruhen erschüttert. Hóng Xiùquán (1814-1864), der aus einer bäuerlichen Familie der Provinz Guandong im Süden Chinas entstammte, war mehrmals bei den staatlichen Prüfungen durchgefallen. Er verfiel in geistige Wahnvorstellungen, während der er Visionen gehabt haben soll. Diese basierten auf Vorstellungen, auf die ihn ein deutscher protestantischer Theologe gebracht hatte, dessen Übersetzungen ins Chinesische er gelesen hatte. Hauptberuflich arbeitete er für ein britisches Unternehmen, das im Opiumhandel tätig war. Er gründete 1837 eine dem Christentum nahe stehende religiöse Gemeinschaft, die er ‚Großes Reich des Himmlischen Friedens’ (chinesisch: tàipíng tiānguó) nannte. Er selbst bezeichnete sich als ‚Himmlischer König’ (chinesisch: tiānwang) und jüngeren Bruder Jesu. Man verteilte Bibeln gratis und predigte die Zehn Gebote. Man zeigte keinerlei Toleranz gegen andere Glaubensbekenntnisse. Hong war ein Hakka und gehörte damit einer benachteiligten Volksgruppe an. Er wollte zunächst gegen die Mandschu-Herrscher kämpfen. 

Aufstandsgebiet der Taiping

Hans Magnus Enzensberger hat im SPIEGEL 3/2015 dem Taiping-Aufstand ein mehrseitiges Essay gewidmet. Die Überschrift lautete ‚Der vergessene Gottesstaat‘. Es sei einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte gewesen. Der himmlische König habe sich wie später die Kommunistische Partei Chinas, der modernsten Techniken bedient, um seine  Ziele zu erreichen. Ich zitiere Enzensberger für einige Details:

Am kaiserlichen Hof wollte niemand etwas von solchen Innovationen wissen. Hong Xiuquan knüpfte zur Verbreitung seiner Botschaft ein engmaschiges Netz von Kurieren und gründete Druckereien, um Flugschriften und Anweisungen unter das Volk zu bringen. Für die Kranken ließ er Spitäler bauen. Um für den Nachschub zu sorgen, legte er Straßen an. Sogar den Bau von Eisenbahnen soll er geplant haben. … Obwohl Plünderungen ihnen verboten waren, fielen seine Truppen über die Dörfer her. Sie konfiszierten das Vieh und nahmen die Vorräte der widerspenstigen Bauern in Beschlag. Doch Beutezüge und Lösegeldzahlungen reichten nicht hin, um Hongs Kriegskasse zu füllen. Dazu war er auf Geschäfte mit fremden Waffenhändlern, Schmugglern, Abenteurern und Schiebern angewiesen. Und was die Frauen betraf: So streng er sie zum Gehorsam anhielt, so gern brauchte er sie als Hilfstruppen und setzte sie als Attentäterinnen ein. … Klar ist auch, dass das Reich der Taiping nicht von außen besiegt worden, sondern an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gegangen ist. … Je erfolgreicher und selbstsicherer die Taiping anfangs waren, desto brüchiger wurde ihre Herrschaft. Ihr Anführer ernannte immer mehr Vizekönige, "Prinzen", "Minister" und "Gouverneure", die miteinander rivalisierten und ihm die Herrschaft streitig machten. Zerwürfnisse, Niederlagen und Hungersnöte häuften sich. Vetternwirtschaft, Bestechlichkeit, Gier und Grausamkeit der Kämpfer taten ein Übriges. Hong selbst zog sich von seinen Anhängern zurück und setzte sich über seine eigenen Regeln hinweg, indem er sich einen Harem von 88 Beischläferinnen hielt und einem absurden Luxus frönte.

Zwanzig bis dreißig Millionen Todesopfer soll diese  Erhebung gefordert haben, mehr als 600 Städte wurden von ihr eingenommen und achtzehn Provinzen beherrscht. So viele Menschen kamen ums Leben, dass die Kämpfe schließlich aus Mangel an Kämpfern endeten. Beim Lesen der Gräueltaten der Taiping-Rebellen hatte ich dieselbe Idee, die auch Enzensberger zum Ausdruck bringt. ‚Die Parallelen zum Dschihad des "Islamischen Staates", der sich heute zwischen dem Mittelmeer und Pakistan ein gewaltbereites Imperium zu errichten sucht, sind unübersehbar.‘ Ob man vom Zusammenbruch der Taiping-Bewegung auf das Ende des IS hoffen darf, sei dahingestellt.

Romanfiguren und andere

Dem Charakter eines Romans entsprechend sind in Thomes Buch mehrere Figuren sehr nuancenreich beschrienen. Einige davon sind historisch, andere nicht.

Der General Zeng Guofan (1811-1872) vertrat das alte China. Er stammte aus einer alten, nicht sehr wohlhabenden Familie der Provinz Hunan und hatte alle Prüfungen des Hofes bestanden. Er war Anhänger der konfuzianischen Lehre und liebte besonders die Schriften eines Dichters aus seiner Heimatprovinz. Er verfasste Gedichte und philosophische Essays. Als die langhaarigen Anhänger Hongs, die dem Gott der Barbaren huldigen und die Ahnentafeln zerstörten, in die Provinz Hunan einfielen, organisierte er den Widerstand. Mit seiner halb-privaten Hunan-Armee befreite er die Hauptstadt Changsha. Anschließend belagerte er die Stadt Anqing am Jangtsekiang und verhinderte das weitere Vordringen der Aufständischen nach Westen. Ab dem Jahre 1860 belagerte er Nanjing mit 20.000 Soldaten. Die Belagerung dauerte vier Jahre lang (bis Juli 1864) und bereitete der Taiping-Bewegung ein blutiges Ende.

Der stets  im Namen der Königin Victoria und des Parlaments auftretende Brite war Lord Elgin (1811-1863). Sein voller Name lautete James Bruce, 8. Earl of Elgin und 12. Earl of Kincardine. Sein Vater hatte die Friese der Akropolis aus Athen ins Britische Museum nach London gebracht. Lord Elgin verkörperte in China den englischen adeligen Diplomaten, der stets langfristigere Ziele im Kopf hatte als die Generäle ihrer Majestät. Als Anhänger des Philosophen Hegel sah er sich als ‚Weltgeist auf dem Wasser‘. Eigentlich träumte er stets von seinem schottischen Landgut und seiner Frau, bei denen er viel lieber sein wollte als im verworrenen China. Dass englische Missionare in Hongs Theologie eine Frühform des Christentums, den Arianismus, entdeckten, steigerte die politische Verwirrung.

Die folgende Person ist frei erfunden. Sie heißt Philipp Johann Neukamp. Vielleicht wurde sie eingefügt, um den Stoff für deutsche Leser interessanter zu machen. Jedenfalls stellt er einen Bezug zur deutschen Geschichte her. Er hatte in Berlin mit Robert Blum (1807-1848) zusammengearbeitet. Blum war ein prominenter Abgeordneter des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments, der 1848 in Wien standrechtlich erschossen wurde. Im Auftrage der Basler Mission ging Neukamp nach Hongkong. Hier lernte er Vertreter der Taiping-Rebellion kennen. Mehrere Versuche, nach Nanjing zu gelangen, schlugen fehl. Als er es schließlich geschafft hatte, wurde er dort sehr bewundert und verehrt. Kurz vor der Eroberung Nanjings gelang es ihm, der Belagerung zu entkommen und nach Amerika zu fliehen.

Wen ich in dem Buch erwartet habe, aber nur in einem Nebensatz erwähnt fand, war Charles George Gordon (1833-1885). Er hatte sich bereits im Krimkrieg gegen die Türkei ausgezeichnet. In China leitete er das Söldnerheer, das zuerst die Stadt Shanghai gegen einen Angriff der Taiping-Rebellen erfolgreich verteidigte. Da das offizielle England sich neutral verhielt, zog Gordon mit 4.000 indischen und chinesischen Söldnern in Nanjing ein. Bekanntlich übernahm Gordon viel später nochmals eine riskante Mission, als er 1885 im Sudan gegen den Aufstand des Mahdi kämpfte und in Karthum sein Leben verlor.

Schlussgedanken

Zweifellos gelingt es Thome den vielen politischen, sozialen, religiösen und weltanschaulichen Themen und Überzeugungen, die hier zur Diskussion standen, einen angemessenen Ausdruck zu verleihen. Wir wissen immer noch viel zu wenig über den langen Weg, den China ging, bis es zu seiner heutigen Rolle in der Welt fand. Chinesen sind sich dessen durchaus bewusst. Dass auch bei uns ein Interesse an romanhaften Darstellungen von Geschichte besteht, ist nicht zu leugnen. An die sprachliche Klasse eines Daniel Kehlmann kommt Thome jedoch nicht heran.

Sonntag, 4. November 2018

Denkweisen der Theoretischen Physik – ein Dialog

Den nachfolgenden Dialog zweier Freunde und Ex-Kollegen finde ich lesens- und diskussionswert. Berührt wird das Verständnis der Welt, das die heutigen Naturwissenschaften anbieten. Mit Erlaubnis der beiden Autoren, Peter Hiemann (PH) in Grasse und Hans Diel (HD) in Sindelfingen, gebe ich die Essenz wieder.

PH: Im Novemberheft von Spektrum der Wissenschaft (SdW) sind zwei Artikel des Physikers und Wissenschaftsjournalisten Robert Gast, die für einen Laien wie mich ziemlich verständlich sind, und mir gleichzeitig einen interessanten Blick in die Denkweisen einiger aktueller theoretischer Physiker gegeben haben.

Im Artikel “Teilchenphysik – Trügerische Eleganz“ bezieht sich Gast auf auf das Buch “Das hässliche Universum“ der Physikerin Sabine Hossenfelder. Unter anderem konnte ich erfahren, dass theoretische Physiker „einen Dschungel an Modellen für Physik jenseits des Standardmodells“ geschaffen haben, und dass einige theoretische Physiker vermutlich in Sackgassen geraten sind. Hossenfelder  moniert: „Sie glauben, Mutter Natur sei elegant und einfach“.  Hossenfelder ist suspekt, dass „viele ihrer Kollegen vergäßen, dass „mathematische Ästhetik Physiker schon oft in die Irre geführt habe“. Die Idee, dass eine “Theorie von allem“ „also irgendwann schon dann als wahr gilt, wenn sie die einzige weit und breit ist, die keine Widersprüche zu etablierten Naturgesetzen hervorruft“, findet der Nobelpreisträger Frank Wilczek „wirklich abstoßend“. Hossenfelder hofft auf den Idealfall, dass „eines der Projekte, die nach Dunkler Materie suchen, einen Befund ausspuckt, der theoretische Physiker auf die richtige Spur bringt. 

Im Artikel “Naturgesetze – Am Ende der Natürlichkeit“ befasst sich Gast mit „Grenzen, ab der die Formeln einer effektiven Theorie nicht mehr gültig sind“.  Gast ist der Ansicht, dass Erfolge in der Festkörperphysik „Physiker in dem Glauben bestärkt haben, dass die Natur  ‚emergent‘ ist: Danach sollte es möglich sein, die bei großen Abständen gültigen Naturgesetze aus denen kleinerer Distanzen herzuleiten“ Ich vermute, nicht in deterministischen aber kausalem Sinn: Eigenschaften Quarks → Protonen → Atomkernen → Atome lassen sich als emergente Phänomene auffassen. “Schließlich lässt sich mit  Chemie und Thermodynamik die Brücke zu makroskopischen Phänomenen schlagen“. Physiker verwenden die Bezeichnung «natürlich», wenn Abläufe auf einer bestimmten Skala nicht allzu empfindlich auf das reagieren, was auf einer viel kleineren Skala vor sich geht. Einige Physiker sind nach der Entdeckung des Higgs-Teilchens dazu übergegangen, Erweiterungen des Standardmodells zu entwerfen, die bewusst ‚unnatürlich‘ sind. Denen geht es darum, Quantenfeldtheorien zu entwickeln, in denen es völlig normal ist, wenn sich physikalische Prozesse über viele Skalen hinweg beeinflussen (jedoch nicht auf  Renormierung angewiesen sind).

Beim Lesen des Artikels habe ich öfters an Sie gedacht, da sie ja versuchen ein interaktives Modell der Quantenphysik zu entwerfen. Der Quantenfeldtheore zufolge sind nicht Elementarteilchen die grundlegenden Bausteine des Kosmos, sondern ihnen entsprechende Felder. Ich hatte auch ständig meine Vorstellung biologischer und neurobiologischer Prozesse vor Augen, die programmatisch aber selbstorganisierend. ablaufen. Gelingt es am Ende theoretischen Physikern, wichtige Beiträge zur Erklärung des Phänomens ‚Selbstorganisation‘ zu liefern?


HD: Ich habe die Artikel auch gelesen. Außerdem habe ich auch die englische Version des Buches von Sabine Hossenfelder gelesen. Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Das habe ich auch Frau Hossenfelder in einer Email geschrieben. Der Titel der englischen Ausgabe ist "Lost in Math − How beauty leads physics astray". Ich finde, dass dieser Titel schon eine stärkere Aussage enthält als der deutsche Titel. Auch habe ich den Eindruck, dass der Artikel im SdW  die im Buch formulierte Kritik an der extensiven physikalischen Interpretation von mathematischen Formeln nur ungenügend wieder gibt. Vermutlich teilt Robert Gast Frau Hossenfelders Ansichten nur zum Teil.

Dass es in der theoretischen Physik neben dem Standardmodell einen "Dschungel" von alternativen Modellen gibt, halte ich für gut und normal. Mich stört nur, dass neue Theorien  es so schwer haben, wenn sie vom Mainstream abweichen. Wenn ich mich recht erinnere, kritisiert das Frau Hossenfelder auch.

In dem Buch von Frau Hossenfelder gibt es auch ein Kapitel über "biases" in science (nicht nur in der Physik) das mir sehr gut gefallen hat. Sie bespricht da alle möglichen Arten von Biases (confirmation bias, motivated cognition, sunk cost fallacy, in-group bias, attentional bias, etc.). Am besten gefallen hat mir, wo sie schreibt: "Then there is the mother of all biases, the bias blind spot - the insistence that we certainly are not biased."…  "And we insist that our behaviour is good scientific conduct, based purely on unbiased judgement, because we cannot possibly be influenced on social and psychological effects, no matter how well established."

Ich bin auch der Meinung, dass die Natur im Kleinsten (also auf der Quantenskala)  ‚emergent‘ ist. Ich finde es jedoch unseriös dies zu glauben/behaupten/vermuten, wenn man das nicht durch ein (mögliches) Modell untermauern kann. Darum versuche ich ein derartiges Modell zu entwickeln. Ob man bei dem, was ich da entwickele, von "Selbstorganisation" reden kann, müsste ich mit jemand besprechen der ein besseres Verständnis als ich von "Selbstorganisation" hat.

PH:
Auch ich halte es für gut und normal, wenn Naturwissenschaftler viele Arbeitshypothesen verfolgen. Ich habe aber Hossenfelder so verstanden, dass sie bei theoretischen Physikern einen mehr oder weniger undurchsichtigen "Dschungel" von Arbeitshypothesen vorfindet. Theoretische Physiker versuchen, in diesem "Dschungel" neue notwendige, grundlegende Erkenntnisse zu finden, die von allen Physikern akzeptiert werden können. In den Naturwissenschaften Chemie, Molekularbiologie und Neurobiologie existieren von allen Experten akzeptierte Erkenntnisse, die für eine Fülle interessanter Forschungsprojekte eine hinreichende Grundlage bieten. 
Übrigens bin ich der Ansicht, dass die meisten Geisteswissenschaftler heute nicht in die Nähe gesicherter Erkenntnisse gelangen. Hossenfelders Aussage mag ihrer Erfahrung mit theoretischen Physikern entsprechen: "And we insist that our behaviour is good scientific conduct, based purely on unbiased judgement, because we cannot possibly be influenced on social and psychological effects, no matter how well established." Aus meiner Sicht sind für Experten der Bereiche Chemie, Molekularbiologie und Neurobiologie die Grundlagen 'well established'. Natürlich sind alle Menschen psychologisch sensitiv.

Das Thema Selbstorganisation wird heute in vielen Wissensbereichen ernst genommen. Nach meinem Verständnis hat das Thema seinen Anfang mit Überlegungen genommen, die die  Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela (Buch "Baum der Erkenntnis") zum Thema  'Autopoiese' angestellt haben. Niklas Luhmann hat den Begriff in seinen Vorlesungen "Einführung in die Systemtheorie" übernommen.  'Autopoiese' wurde später mit 'Selbstorganisation' übersetzt. Bernd-Olaf Küppers verweist in seinem Buch "Die Berechenbarkeit der Welt" auf neue wichtige Wissenschaftszweige wie die 'Theorie der Selbstorganisation' oder der 'Netzwerktheorie'. Nach meinem Verständnis ist das Phänomen Selbstorganisation bei Systemen zu beobachten, innerhalb derer eine sehr große  Anzahl von Elementen und höher geordnete Funktionseinheiten interagieren. Ein sich selbst organisierendes System scheint über Funktionseinheiten zu verfügen, die sich fortwährend  über den Status seiner Elemente und Funktionseinheiten informieren, um den Ablauf des Gesamtsystems aufrecht zu erhalten, ohne dass es einer zentralen Steuerung bedarf. 

Entscheidend für die Erhaltung eines Gesamtsystems scheint die Existenz sehr effektiver Archive und Speichermedien zu sein. Bei molekularbiologischen Systemen ist DNA das effektive Archiv und Speichermedium für Organismen, bei neurobiologischen Systemen sind Gedächtnisse die effektiven Archive und  Speichermedien für Erinnerungen, Theoriegebäude und Denk- und Verhaltensweisen. Einige Ansätze von Funktionseinheiten 'intelligenter' Computersysteme scheinen in eine ähnliche Richtung zu gehen.

Aus meiner Perspektive und aufgrund meines unvollständigen physikalischen Wissens kann ich nicht erkennen, dass die derzeitige theoretische Physik  über einen Systemansatz mit Elementen und Funktionseinheiten verfügt, der Überlegungen  zum Thema 'Selbstorganisation' zulässt.

HD: Auch in der Physik gibt es natürlich seit Newton grundlegende Erkenntnisse die von allen Physikern akzeptiert werden. In den letzten hundert Jahren sind die Erkenntnisse enorm gewachsen. Die Physiker sind jedoch noch nicht soweit, dass sie sagen können jetzt haben wir Alles verstanden (auch wenn es einige gibt die meinen sie hätten FAST alles verstanden). Neben der Astrophysik wo noch vieles unverstanden ist, sehe ich noch den Bedarf für (1) ein besseres Verständnis der Quantentheorie und (2) ein kompatibles Verständnis von Quantentheorie und Allgemeiner Relativitätstheorie. Ich sehe zwei Probleme die dazu geführt haben, dass die Suche nach einem besseren Verständnis zu einem "Dschungel" von unausgegorenen Theorien geführt hat:

(1) Die verbesserten Theorien sollten/müssten durch neue Experimente und Beobachtungen  unterstützt werden. Neue Experimente sind jedoch im Kleinsten kaum noch machbar oder extrem aufwendig (e.g. CERN LHC); und im Größten überhaupt nicht möglich. Nur in der Astrophysik konnte man auf Grund vieler neuer Beobachtungen neue Erkenntnisse gewinnen, die jedoch zunächst nur zu Zweifeln an den bisherigen Erkenntnissen geführt haben.

(2) Physikalische Theorien sollten mathematisch beschreibbar sein. Ich behaupte, dass die Fixierung auf die in der Physik seit Jahrhunderten gebräuchliche (und bewährte) Mathematik den Fortschritt behindert. Ich sehe zwei Punkte die zusätzlich zur traditionellen Mathematik  für die Beschreibung verbesserter Physiktheorien notwendig sind: (a) diskrete Werte anstelle von differenzierbaren Wertebereichen, (2) Algorithmen anstelle von linearen (differenzierbaren) Prozessen.

Ich bin der Meinung, dass bei gewissen Themen auch ungesicherte Erkenntnisse einen (großen) Wert haben können. Man sollte diese Erkenntnisse nur bescheidener verkünden. Sind nicht "Grundlagen" per Definition immer well-established (nicht nur in den Bereichen Chemie, Molekularbiologie und Neurobiologie)? Und wenn sich heraus stellt, dass Grundlagen überarbeitet werden müssen, dann ist das meistens nicht wegen der "Biases" bei ihrer Entstehung.

Seit ungefähr zwei Jahren gibt es in meinen (kausalen) Modellen die Themen "Collective Behaviour" und "Emergenz". Ich weiß nicht ob man bei dem was ich vorschlage von "Selbstorganisation" reden kann. Bei mir haben sich die Themen  "Collective Behaviour" und "Emergenz" (zwangsläufig?) ergeben aus meinem Ansatz mit (1) diskreten physikalischen Einheiten (z.B. Raum und Zeit) und (2) nicht-linearen Prozessen. Ich glaube, dass diese Vorgehensweise richtig ist, nämlich: (a) sich Gedanken machen, wie können gewisse physikalische Prozesse im Detail und auf der Grundlage "gesicherter" Theorien ablaufen, und (b) wenn der so definierte Prozess Ähnlichkeit mit Prozessen hat, die in anderen Wissenschaftsgebieten mit "Selbstorganisation" beschrieben werden, ist es vielleicht sinnvoll Vergleiche zu machen.