Donnerstag, 7. Februar 2019

Welt von gestern – Stefan Zweigs schmerzvoller Lebensrückblick

Stefan Zweig (1881-1942) war einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren. Seine Autobiografie mit dem Titel Die Welt von gestern erschien posthum 1942 in London und Stockholm. Sie hat den Untertitel: Erinnerungen eines Europäers. Im selben Jahr erschien auch seine, den meisten deutschen Gymnasiasten vertraute Schachnovelle. Zweig und seine zweite Frau nahmen sich gleichzeitig das Leben, und zwar im Februar 1942 in Petropolis, der Residenzstadt des einstigen Kaisers von Brasilien, unweit von Rio de Janeiro. Ich las das Buch gerade jetzt, weil Yuval Noah Harari mich daran erinnerte, dass die Idee des Liberalismus vor dem ersten Weltkrieg eine Hochblüte erreichte, an die man bisher nicht wieder herangelangt sei. Das Buch ist für jeden historisch Interessierten sehr zu empfehlen.

Wien der Kaiserzeit

Über Wien als die Hauptstadt der Moderne hatte ich schon einmal im Dezember 2012 berichtet. Mein Augenmerk lag damals auf Kunst und Wissenschaft. Zweig erlebte und liebte das Wien der endenden Kaiserzeit. ‚Leben und leben lassen‘ sei ein humaneres Motiv als der kategorische Imperativ Preußens – meint Zweig. Nicht die deutsche Tüchtigkeit habe gezählt, noch habe Hast den Alltag bestimmt. Zweigs jüdische Familie war durch Industrielle und Kaufleute geprägt. Als nachgeborenes Kind durfte er sich geistigen und intellektuellen Tätigkeiten zuwenden. Einen eventuellen Doktortitel würde die Familie sehr begrüßen, quasi als Ausdruck für den erfolgreichen gesellschaftlichen Aufstieg.

Schon seine Schulzeit empfand Zweig als Zeitvergeudung. Ihm widerstrebte – wie er sagt − das öde Lernen von scholastischer Materie. Die Schule der Kaiserzeit hätte offensichtlich die Aufgabe klarzumachen, dass die derzeitige Ordnung ewig ist und man sich ihr fügen sollte. Gesellschaftliche Themen seien tabu gewesen. Sich mit Sexualität zu befassen lag unterhalb der Würde der Wissenschaft (d.h. bevor Sigmund Freud auftrat). Mit 40 Jahren sei man noch nicht erwachsen gewesen. Die Rolle der Frau sei sehr eingeengt gewesen, wobei die Prostitution für Männer ein Art Ventil darstellte.

Morgendämmerung einer neuen Zeit

Sozialisten galten als die roten Rotten aus der Vorstadt, die sich am 1. Mai trauten im Prater aufzumarschieren. Auch erste Nazis operierten in den Randgebieten des Landes und forderten eine Trennung der Kirche von Rom. Für wahre Sensationen sorgte nur die Welt der Kunst. So wurde Gustav Mahler (1860-1911) mit 39 Jahren Chef der Wiener Hofoper. Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke zeigten, dass auch die Jugend Erfolg als Dichter haben kann, so wie einst der junge Buonaparte in Frankreich das Militär aufrüttelte.

Als Zweig mit 19 Jahren an die Uni Wien kam, bestimmten dort noch die das Deutschtum anhimmelnden Studenten mit ihren Burschenschaften das Bild. Zweig und seine Gesinnungsfreunde hatten nur Verachtung für sie übrig. Er selbst studierte Philosophie, was er mit einer Promotion abzuschließen plante. Lieber als in Vorlesungen zu gehen, las er viel und schrieb selbst erste Kurzgeschichten und Gedichte. Wie ein Kind freute er sich über die Druckerschwärze, nach der seine Gedichte rochen, über einen lobenden Brief Rilkes, sowie über die Vertonung einzelner seiner Gedichte durch Max Reger. Eine Art von wirtschaftlichem Durchbruch erzielte er, als Theodor Herzl (1860-1904), der Leiter des Feuilletons der ‚Neuen Freien Presse’ ihn einlud, regelmäßige Beiträge zu liefern. Herzl hatte als Journalist in Paris die Dreyfus-Affäre erlebt und forderte seitdem einen eigenen Judenstaat [Bekanntlich fand die von Herzl gegründete Zionistische Bewegung weltweites Interesse und führte schließlich zur Gründung des Staates Israel].

Aufenthalte in europäischen Metropolen

Nach Erreichen seines 20. Lebensjahres überraschte Zweig seine Familie und seine Wiener Freunde nicht wenig, als er ihnen eröffnete, dass er für ein Semester nach Berlin gehen würde. Berlin hatte sich gerade den Ruf erworben, jungen Künstlern offener zu begegnen als Wien. Er schloss sich dort einer Gruppe um den naturalistischen Dichter Peter Hille (1854-1904) an. Außerdem traf er auf Rudolf Steiner (1861-1925), dessen anthroposophische Philosophie gerade erste Blüten trieb. Besonders hoch schätzte er seine Kontakte zu Walther Rathenau (1867-1922) ein. Der bekannte jüdische Industrielle und Politiker hatte Aphorismen veröffentlicht unter einem Pseudonym. Er dachte international, vergöttere jedoch das Preußentum – so Zweigs Urteil. [Rathenau war Außenminister während der Weimarer Republik, verhandelte den Vertrag von Rapallo und wurde von Rechtsradikalen ermordet].

Bei einem Besuch in Brüssel traf er Emile Verhaeren (1855-1916), dessen Gedichte er anschließend ins Deutsche übertrug. Nach seiner in Wien abgeschlossenen  Promotion über den französischen Dichter Hippolyte Taine (1828-1893) gönnte er sich das ganze Jahr 1904 für einen Aufenthalt in Paris. Auch hier gewann er neue Freunde, so Leon Bazalgette (1873-1928), der die Werke von Walt Whitman ins Französische übersetzt hatte. Sehr intensiv waren die Kontakt mit Paul Valery und Romain Rolland (1866-1944), mit dem er später einen jahrelangen Briefwechsel führte. Er sah Rilke wieder und wurde von dem Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) zum Essen eingeladen. Rückblickend aus dem Jahre 1942 stellte dieses Paris für Zweig das alte Europa dar. Es waren die klassenlosen Kontakte, das Essen und Trinken und die von Pferden gezogenen Omnibusse. London, wo er sich nur zwei Monate aufhielt, hatte ihm dagegen relativ wenig zu bieten, da er – wie Zweig meinte – weder an Sport noch an Politik interessiert war.

Künstlerische Reifezeit

In einer Wohnung in Wien, die er als sein Standbein (frz.: pied-à-terre) bezeichnete, begann er damit Urschriften von Gedichten und Musikstücken zu sammeln. Es begann seine lebenslange Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag in Leipzig. Berühmte Schauspieler der Zeit, so Josef Kainz vom Burgtheater, baten ihn kleine Stücke für sie zu schreiben. Seine Werke erreichten ansehnliche Verkaufszahlen auf dem deutschen und internationalen Buchmarkt. Er unternahm Reisen ins englische und ins holländische Indien. Als er die USA besuchte, fand er seine eigenen Bücher in einem Laden in Philadelphia [Das Gefühl muss dem ähnlich gewesen sein, das ich empfand, als ich mehrere meiner Bücher in der amerikanischen Kongressbibliothek (engl.:Library of Congress) fand].

Zeit von Optimismus und Weltvertrauen

In der Zeit um 1910 war die Welt schöner und freier geworden. Flugzeuge und Zeppeline eroberten die Lüfte. Überall entstanden Sportpaläste und Schwimmbäder. Das Eisenbahnnetz wurde immer dichter. Auslandsreisen wurden einfacher und billiger. Aus Berlin, der Hauptstaat des preußischen Staates, entstand nach und nach eine Weltstadt. Ein internationales Publikum füllte die Straßen und Theater. Junge Männer rasierten sich die Bärte ab, Frauen wollten keine Korsetts mehr tragen.

Neue Firmen entstanden und neue Industrien. Alle wollten wachsen, so auch die Krupps und die Schneider-Creusot [beides bekannte Rüstungsfirmen]. Die Literaten glaubten an die Sozialistische Internationale. Sie würde einen Krieg verhindern. Zweig und seine Künstlerfreunde hofften auf eine alsbaldige Einigung Europas.

Erste Weltkatastrophe

Zuerst hoffte man, dass nach dem Attentat vom Sarajevo die Welt schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehren würde. Erst in den Wochen danach schaukelte sich die Stimmung hoch. In Deutschland wie in Frankreich, in Russland wie in Österreich wurde in den Massen ein latentes Hochgefühl geweckt, das sie alle zu Patrioten werden ließ. Ein Berliner Jude namens Ernst Lissauer, der wegen seiner geringen Körpergröße vom Militärdienst zurückgewiesen wurde, verfasste ein Hassgedicht auf England. Es verbreitete sich innerhalb von Tagen in ganz Deutschland und Österreich.

Zweig schaffte es, eine Anstellung beim Kriegsarchiv in Wien zu finden, um so dem Fronteinsatz zu entgehen. Auch der bereits 40 Jahre alte Rilke folgte ihm dorthin. Er selbst bemühte sich den Kontakt zu ausländischen Literaten und Künstlern aufrecht zu halten. So entstand ein intensiver Briefwechsel mit Romain Rolland, der in Genf beim Roten Kreuz tätig war. Zweig verfasste 1917 eine Tragödie mit dem Titel Jeremias, die allerdings nur in Zürich aufgeführt werden durfte. Das ermöglichte auch ein Treffen mit Rolland in Genf. Nach dem verlorenen Krieg wurde die k.u.k. Monarchie zerschlagen, Der Kaiser dankte ab. Noch während des Kriegs hatte Zweig eine herrschaftliche Villa in Salzburg erworben und verlegte 1920 seinen Wohnsitz dorthin. Während die Bevölkerung von einer Inflation schwer getroffen wurde, blieben Zweig seine im Ausland erzielten Einkünfte erhalten.

Weitere Stufen des Erfolgs

In der Zeit von 1924 bis 1933 erholten sich Europa und die Welt langsam von dem großen Gemetzel. Zweigs Bücher wurden wieder überall gelesen. Nach einer Schätzung des Völkerbunds galt er als der am meisten übersetzte Autor überhaupt. Eine russische Gesamtausgabe erschien, sein USA-Verlag war gut im Geschäft. Aus Anlass von Tolstois 100. Geburtsjahr erhielt er 1928 eine Einladung nach Russland. Er wurde bei der Reise von Maxim Gorki (1886-1936) betreut, fühlte allerdings, dass er überwacht wurde.

Auch zu italienischen Literaten knüpfte er Kontakte, insbesondere zu Benedetto Croce (1866-1952). Viele Künstler besuchten ihn in Salzburg, so Romain Rolland, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel. Die von ihm gesammelten Originale berühmter Werke der Musik und Literatur schenkte er der österreichischen Nationalbibliothek. Im November 1931 feierte der Inselverlag Zweigs 50. Geburtstag. Er selbst konnte inzwischen ganz gut von seinen Büchern leben. Er hatte viele Freunde in der ganzen Welt, ahnte jedoch nicht, dass sich sein Himmel plötzlich verdunkelte.

Nazi-Aufmärsche und Übersiedlung nach London

Wir Deutschen haben es fast vergessen, dass die Republik Österreich von Italiens Faschistenführer Benito Mussolini eine Garantie für ihre Unabhängigkeit erhalten hatte. Als Gegenleistung verlangte dieser die Beseitigung der Sozialisten und Kommunisten. Eine von Engelbert Dollfuß (1892-1934) gegründete Vaterländische Front versuchte eine entsprechende Politik umzusetzen. Man nannte dies auch den austrofaschistischen Ständestaat. Nach der Ermordung von Dollfuß im Juni 1934 wurde dessen Politik von Kurt Schuschnigg (1897-1977) weitergeführt. Kurz vorher, im Februar 1934, hatten die Sozialisten zu einem Volksaufstand aufgerufen. Als in diesen Tagen Zweigs Haus in Salzburg nach Waffen durchsucht wurde, veranlasste dies ihn, Österreich zu verlassen und nach England überzusiedeln. Zweig galt zwar als Pazifist, war aber denunziert worden.

Die in Deutschland sich abspielenden Entwicklungen waren Zweig bestens vertraut. Besonders genau beobachtete er die Stadt München, wo Erich Ludendorff und der auf Juden hetzende Agitator Adolf Hitler zusammenauftraten. Was ihm auch schon in Italien und Spanien zu denken gab, war die Feststellung, dass die Nationalisten nicht nur sehr militärisch organisiert auftraten, sondern auch überall über eine große Zahl neuer Autos und Motorräder verfügten. Es mussten also der Wirtschaft nahe stehende Kräfte im Hintergrund stehen. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung (1933) verfasste Zweig das Libretto für die Oper Die schweigsame Frau von Richard Strauss (1864-1949). Obwohl Zweig bereits als verbotener Autor galt – seine Bücher landeten auf dem ominösen Scheiterhaufen − setzte sich Hitler dafür ein, dass diese Oper in Dresden uraufgeführt wurde. Weitere Aufführungen gab es jedoch nicht.

Zweig nahm sich zunächst eine kleine Mietwohnung in London. Er kam sich wieder wie ein Student vor. Politisch wollte er sich nicht mehr betätigen, da er ja schon in Österreich nichts bewirkt hatte. Irgendwann traf er auch G.B. Shaw und H. G. Wells, die bei einem Lunch ein Streitgespräch führten. Zweimal reiste er zwischen 1934 und 1939 in die USA zu Vortragsreisen, einmal auch nach Argentinien. Hier war für ihn das alte Europa noch am Leben, einschließlich seiner Zivilisation. Obwohl in Deutschland verboten, durften seine Bücher zunächst in Österreich weiter erscheinen, und zwar bis zum so genannten Anschluss im Jahre 1938. Danach wurden seine Werke nur noch in Schweden gedruckt, wodurch er seine internationale Leserschaft weitgehend behielt.

Faschisten und Nazis überrollen Europa

Nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes sah sich ein einst gedemütigter Hitler als Triumphator. Die Juden wurden ihrer Bürgerrechte beraubt und mussten die Straße fegen. Ihr Besitz wurde ihnen weggenommen. Die ganze Welt sah zu und schwieg. Als Neville Chamberlin aus München von einem Treffen mit Hitler und Mussolini zurückkehrte, feierte ihn das englische Unterhaus wie einen Helden. Frieden für unsere Zeit (engl.: peace for our time) so lautete sein Versprechen. Seine als Befriedung (engl.: appeasement) gefeierte Politik hatte zur Folge, dass niemand mehr an Rüstung dachte. Die bereits geplanten Luftschutzkeller wurden als überflüssig angesehen. Es bildete sich eine Wand zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen, die aus Angst ihre Heimat verlassen hatten. 

Zweig verlor seinen österreichischen Pass. Er war plötzlich staatenlos. Konnte er vor 1914 die ganze Welt ohne Pass bereisen, musste er sich jetzt in Konsulaten drängeln, wurde laufend vernommen und musste sich rechtfertigen. Galt er einst als Kosmopolit, war er jetzt ein Exote. An die Stelle von Liberalität und Internationalität traten jetzt Fremdenhass und Fremdenangst. Er verbrachte jetzt viel Zeit mit Sigmund Freud (1856-1939) zusammen, der auch in England im Exil lebte. In seiner Tiefenpsychologie hatte Freud ja gelehrt, dass jenseits von Vernunft noch sehr viel mehr im Menschen steckt. Als Freud im September 1939 starb, hielt Zweig eine Abschiedsrede auf ihn.

Ausbruch des zweiten Weltkrieges

Es tauchten immer mehr geflüchtete Juden auf. Nur noch Haiti und Santo Domingo erteilten Visa. Sofern es sich – wie fast immer in früheren Jahrhunderten − um gläubige Juden handelte, so konnte die Religion Trost bieten. Das war aber heute bei vielen nicht der Fall.

Zweig siedelte im August 1939 von London nach Bath über. Er hoffte, dass hier weniger Leute danach fragen würden, was auf dem Kontinent passiert und warum Hitler sich nicht an seine Zusagen hält. Er fühlte, dass er, falls ein Krieg ausbricht, England verlassen muss. Er wäre ja dann ein feindlicher Ausländer (engl.: enemy alien). Als im September 1939 Deutschland Polen angriff, erklärte England Deutschland den Krieg. Da Hitler die Österreicher zu Deutschen erklärt hatte, würden auch die Engländer wohl kaum einen Unterschied machen – befürchtete Zweig. Sein Europa, wie er es kannte und liebte, sei für ihn zerstört worden.

NB: Im Jahre 1940 begab sich Zweig zusammen mit seiner zweiten Frau nach Brasilien. Auch dort traf er auf Antisemitismus bei der aktuellen Regierung. Zweig tötete sich mit einer Überdosis eines Schlafmittels. In einem Abschiedsbrief schrieb er: Die Zerstörung seiner geistigen Heimat Europa habe ihn entwurzelt, seine Kräfte seien durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. Neuerdings wird berichtet, dass Zweig zum Exhibitionismus neigte.

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