Samstag, 29. Februar 2020

Warum tun sich in Deutschland wirkende Informatiker schwer weltweit ernst genommen zu werden?

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass bei uns jemand darüber klagt, dass Deutschland auf den aktuell führenden Gebieten der Technik abgehängt sei oder dies zu werden drohte. Die Selbstzweifel bezüglich seiner Leistungsfähigkeit sind nicht zu überhören oder zu übersehen. Das Fachgebiet Informatik ist nur ein besonders eklanter Fall. Als jüngstes mir bekanntes Beispiel will ich auf den Podcast verweisen, in dem der Journalist Gabor Steingard diese Woche Tim Höttges, den Chef der Deutschen Telekom, interviewte. 

Der Telekom geht es offensichtlich wirtschaftlich sehr gut.  Sie versteht sich als der Digitalisierer Nummer 1 in Deutschland – also als führendes Informatik-Unternehmen. Gerade hat sie in den USA ein Gerichtsurteil erstritten, das es ihr erlaubt den Konkurrenten Sprint zu übernehmen. Ich will nur kurz einfügen: Nachdem ich über 50 Jahre Kunde der Telekom war, habe ich vor einem Jahr meine Geschäftsbeziehungen zur Telekom abgebrochen, weil mir ihre Leistung und ihr Verhalten Kunden gegenüber für mich unzumutbar geworden waren. Da ich auf die bei der Umstellung gemachten Erfahrungen gerne verzichte, werde ich diesen Schritt wohl kaum mehr rückgängig machen. Ehe ich auf die im Titel formulierte Frage eingehe, will ich die Position der Telekom näher skizzieren. Sie ist nicht untypisch für deutsche Unternehmen.

Situationsbeschreibung durch die Telekom

Die Aussagen von Höttges lassen sich wie folgt zusammenfassen. Die erste Halbzeit im Wettbewerb der Digitalisierung sei krachend verloren gegangen. Die Konsumenten wanderten zu Diensten, wie sie von Amazon, Apple, Facebook und Google angeboten werden. Für den zweiten Schritt der Digitalisierung, der die Daten in Clouds sammelt, verfeinert und auswertet, bestehe im Moment eine ähnliche Gefahr. Amazon, IBM und Microsoft sähen wie die möglichen großen Gewinner aus. Kein europäisches Cloud-Angebot scheint zu überleben. Dabei hatten wir Deutsche keine schlechten Startbedingungen, etwa die Datensicherheit betreffend. Zusammen mit den andern Europäern sei Deutschland voll im Abstieg begriffen. Es fehle der Wille, sich anzupassen oder gar neu zu erfinden. Das geschehe jedoch, vor allem in Asien. Südkorea und Israel seien leuchtende Beispiele. Wir pflegten stattdessen unsern Sozialstaat und den heimischen Turbo-Individualismus.

In einer Welt, in der sich die technische Entwicklung angeblich beschleunigt, predigen wir den Menschen die Entschleunigung. Wir warnten vor Erschöpfung. Bei der Angst, überwacht zu werden, mache sich die spezielle historische Erfahrung von Nazi- und DDR-Zeit breit. In politischer Hinsicht herrsche die Meinung vor, der Staat solle sich mit eigenen Investitionen möglichst stark zurückhalten. Eine Grenze von 1-2 % sollte nicht überschritten werden. Umso mehr sollte er sich um die Kontrolle von privaten Investitionen kümmern. Dabei spielten Bürgerinitiativen und Bedenken eventuell Betroffener eine dominierende Rolle.

Fehlendes fachliches Selbstbewusstsein

Das von Höttges gezeichnete Bild muss jeden Informatiker in Deutschland irritieren. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Wir Deutschen erleiden passiv unser Schicksal. Entscheiden tun immer andere. Mal sind es die Amerikaner, mal die Chinesen. Wenn es um Informatik-Kompetenz geht, scheinen wir in die Rolle eines Entwicklungslandes abgedrängt zu sein. Zweifellos gibt es Ausnahmen, so zum Beispiel Hasso Plattner. Der genießt in der Fachwelt einen Ruf, der den aller anderen deutschen und vieler ausländischer Kolleginnen und Kollegen in den Schatten stellt. Er gilt sowohl als Techniker wie als Unternehmer als Klasse für sich. Die Definition von MP3 durch die Fraunhofer-Gesellschaft ist sicherlich eine herausragende Leistung, um die uns andere Länder beneiden. 

Über diese beiden Einzelfälle hinaus habe ich mit den Listen von Juni 2011 und Juli 2011 versucht zu zeigen, dass es eine etwa 50 Personen umfassende Leistungsgruppe gibt, die allerdings primär eine landesinterne Ausstrahlung besitzt. Einige von diesen Personen sind inzwischen durch Tod von uns gegangen (Ganzhorn, Jessen, Roux, Tschira), dafür sind neue hinzugekommen. Hinweisen möchte ich, dass der erste Name auf der Juni-Liste der von Andreas von Bechtolsheim ist. Er ist ein Absolvent der TU München, ohne den das Silicon Valley nicht vorstellbar ist.

Geblieben ist seit 2011 die Situation, dass über Erfolge auf dem Fachgebiet Informatik weniger gesprochen wird, als über Misserfolge. Mit daran schuld sind Fachgesellschaften wie die GI. Man könnte meinen, diese sähen ihren zentralen Auftrag quasi in der dauernden Suche nach Pannen und Skandalen, wo angeblich Fachleute versagt haben. Man könnte auch meinen, es sei ihr eigentliches Anliegen, die Ausbreitung und Weiterentwicklung der Informatik als Technik zu verhindern. Nicht geändert hat sich bis heute die Situation, dass die internationale fachliche Anerkennung deutscher Ingenieure und Informatiker zu wünschen übrig lässt. Weder bei der IEEE noch bei der ACM ist die Anzahl deutscher Preisträger den internationalen Zahlen entsprechend. Besonders auffallend ist das bisherige Fehlen eines deutschen Turing-Preisträgers. Nur wenn wir über die Gründe nachdenken, besteht eine Chance, dass sich die Dinge ändern. Dieser Beitrag soll einen Anstoß geben.

Fehlendes technisches Gewicht

Dass es für das Entstehen einer starken Wirtschaft gesunder und leistungsfähiger Unternehmen bedarf, ist wohl kaum zu bestreiten – wenn wir einmal die utopischen Vorstellungen gewisser Idealisten außer Betracht lassen. Dabei bilden diejenigen Unternehmen den Grundstock, die diejenigen Güter fertigen, die es bisher im Markt nicht gibt. Natürlich ist Industrie mehr als nur Entwicklung und Fertigung. Das gilt auch für die Informatik. Die zusätzlichen Dienste einer Branche können bezüglich Umfang und Vielfalt derart wachsen, dass die eigentliche Fertigung zu einer Maus degeneriert. So streben Länder wie England, die Benelux und andere schon seit langem eine Industrie ohne Fertigung an.

Was die Hardware-Seite der Informatik-Fertigung betrifft ist Europa weitgehend industriefrei. Anders ist es bei Software. Nur hat außer SAP kaum jemand internationale Bedeutung. Rein nationale Informatik-Produkte sind jedoch Produkte zweiter Klasse. Man kann sie vergessen. Es ist schlecht für den, der darauf Zeit und Mühe verwendet. Es wäre eine wichtige Aufgabe für die GI, ihre an Hochschulen tätigen Mitglieder zu dieser Einsicht zu verhelfen.

Ignoranz von Marktgeschehen und Marktrelevanz

Unternehmen blühen nur da, wo man sie auch blühen lässt. Sie müssen in der Lage sein, ihr Geschäft aufzubauen und die Liefer- und Vertriebsketten zu formen. Auch muss es Käufer mit Kaufkraft geben, die sich für die angebotenen Produkte und Dienste interessieren. Nur dann lohnt es sich zu investieren, nur dann gibt es ein Geschäftspotential (engl.: business opportunity). Ein Markt kann Güter günstiger anbieten als bisher, er kann sie aber auch verändern oder völlig neugestalten. Die Anzahl unterschiedlicher Güter ist nicht beschränkt. Wie gesagt, das gilt in der Informatik nur für Produkte im Weltmarkt.

Nur der USA-Markt war bisher der Maßstab des Weltmarkts. Inzwischen kommt der chinesische Markt dazu. Deutsche, die als Investoren im Informatik-Markt partizipieren wollen, tun dies über den amerikanischen oder chinesischen Markt als Eintrittsschwellen. Dass es das Marktgeschehen ist, was bestimmt, was an Ideen und Verfahren Relevanz hat, liegt auf der Hand. In den Kopf von Ausbildenden und Lehrerenden scheint diese Einsicht jedoch nicht immer zu gelangen.

Mangel an kreativem und motiviertem Personal

Unternehmen werden zwar von einzelnen Personen oder Familien gegründet, sehr schnell überschreiten sie aber die Grenze, dass eine Familie ihr Unternehmer ohne externes Personal betreiben kann. Es kommt zu der soziologisch so erwünschten Schaffung sich kostenmäßig selbst tragender Arbeitsplätze.

Wer als Informatiker kreativ arbeiten will, ist gut beraten, sich für die Fertigung und Entwicklung von Informatik-Produkten zu interessieren. Er muss sich allerdings einer internationalen Aktivität aschließen. Das kann sowohl im Inland wie im Ausland geschehen. Dabei ist die Entwicklung der Fertigung gegenüber vorzuziehen. Das betrifft vor allem die Software-Seite. Mitarbeiter werden kreativ, sobald sie angehalten werden, vorhandene Produkte zu verbessern. Dies kann ein fester Teil der Ausbildung sein. Vor allem aber muss es als ein Ziel anerkannt sein. Mitarbeiter, die daran kein Interesse haben, fühlen sich schnell überfordert.

Es mag löblich sein, auch Gering- und/oder Minderqualifizierten den Zugriff zu Tätigkeiten in der Informatik zu ermöglichen. Wird dies jedoch übertrieben, wirkt sich das auf die Relevanz und Lebenskraft des Fachgebiets negativ aus.

Mögliche Defizite in der technischen Ausbildung

Der Stand von Technik und Wirtschaft macht es heute unattraktiv alle Mitarbeiter von Grund auf auszubilden. Vor 50 Jahren war dies in der Informatik noch anders. Erst danach gab es staatlich anerkannte Studiengänge. Die Unternehmen können ihren Bedarf heute weitgehend mit Hochschulabgängern abdecken. Dabei ist die Ausbildung, die von deutschen Hochschulen angeboten wird, durchaus vergleichbar zu der Ausbildung an ausländischen Hochschulen.

Wo diese Ausbildung eindeutig Defizite aufweist, ist in der Betonung der Bedeutung der Entwicklung neuer und wettbewerbsfähiger Produkte. Sich nur auf die Benutzung heutiger (oder gar gestriger) Produkte zu konzentrieren, ist eine Verschwendung wertvoller Zeit und wichtiger Ressourcen.

Nicht-adäquate Infrastruktur und gesellschaftliche Anerkennung

Es fehlt in Deutschland an technischer Infrastruktur, etwa an leistungsfähigen Netzen, wie sie die Telekom und ihre Mitbewerber zur Verfügung stellen sollten. Es gibt keine Partei und keinen Politiker, der diese Forderung nicht schon verbreitet hätte.

Die Tätigkeit als Erfinder sollte von der Gesellschaft allgemein, aber insbesondere von technischen Fachgesellschaften und Vereinen, ausdrücklich honoriert werden. Das ist keine Selbstverständlichkeit und bedarf einer bewussten Vorgehensweise. Ich kenne keine einzige deutsche Hochschule, die sich für Erfindungen und Patente interessiert. Die GI hat vor Jahren versucht, ein von diesem Autor vorgestelltes und dotiertes Konzept zu blockieren bzw. zu verwässern. Ihr stand die Anwendung der Informatik näher als ihre technische Weiterentwicklung.

Ausdehnung der Methode

Die in den vorangehenden Bemerkungen enthaltene leichte Kritik an Fachkollegen lässt sich auf eine größere Gruppe von Personen ausdehnen. Eine entsprecnende Haltung lässt sich bei vielen Menschen beobachten, namentlich bei Deutschen. Sie drückt sich folgendermaßen aus: Zuerst jammern, dann denken. Viel besser wäre es, man würde sich die Zeit nehmen, das Problem zu analysieren und eventuell eine Lösung zu schaffen oder zu besorgen. Danach ließe sich, mit Kenntnis verstärkt, noch intensiv reden und diskutieren.

Kommentare:

  1. Peter Hiemann aus Grasse schrieb: Ich bin überzeugt, dass die Zeit reif ist, bei technischen Entwicklungen auch ethische Kriterien zu beachten.

    Thomas Metzinger ist Mitglied der EU-Kommission für AI-Guidelines und hat sich bei einer Konferenz unmissverständlich geäußert. Informatiker sind aufgerufen zu entscheiden, wie sie ethische Fragen in zukünftigen Ausbildungsprogrammen berücksichtigen werden. Vielleicht gibt es bereits Vorlesungen, die ich nicht kenne.

    Viel Spaß bei einem Video, das kürzlich von 3Sat ausgestrahlt wurde:
    https://www.3sat.de/gesellschaft/politik-und-gesellschaft/paradies-oder-robokalypse-104.html

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  2. Harry Sneed us Wien schrieb: Ich freue mich immer wieder von Ihnen zu hören, auch wenn es eine Wiederholung ist. Sie waren schon immer ein kritscher Beobachter der Informatikszene in Deutschland und sind es heute noch. Ich arbeite weiterhin in Wien und Budapest und gelegentlich auch in Dresden. Ich versuche noch Anschluss zu halten. Wishing you health and energy to continue writing,

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  3. Walter Tichy aus Karlsruhe schrieb: Im Beitrag wird die Meinung geäußert, ein rein nationales Informatik-Unternehmen in Deutschland sei wertlos. Aber selbst internationale Konzerne aus Deutschland müssen naturgemäß hier beginnen, wie es auch die Telekom und SAP taten. Der Sprung in die Internationale kommt erst, wenn man genügend Kapital und Kunden hat. Bis dahin braucht man auch Anerkennung. Und da hapert es. Trauriges Beispiel: Der Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg 2019.

    https://wm.baden-wuerttemberg.de/de/service/auszeichnungen-und-wettbewerbe/innovationspreis/

    Der erste Preis ging an eine Hackschnitzelpresse! (Die presst Wasser aus Hackschnitzen, damit sie besser brennen). Wahnsinning innovativ! Und es gibt auch schon einen funktionsfähigen Prototyp!

    Daneben steht da eine neu gegründete KI-Firma, ThingsThinking. Die bekommt auch nicht den 2. oder 3. Preis, auch nicht den Sonderpreis, sondern nur eine Anerkennung. Ihre Technik, die Semantik aus Texten extrahiert (z.B. aus Verträgen, Gerichtsurteilen) hat eine Tragweite, die viel, viel weiter reicht als bis zum nächsten Sägewerk.

    Und warum ist das so? Das liegt am Preiskommitee. Das besteht aus den üblichen Vertreter der Politik und der traditionellen Branchen (Blechbieger, Regler und Teppichverleger), aber kein einziger Informatiker! Als ob es heute noch schwierig wäre, einen Informatiker zu finden. Es kann auch niemandem entgangen sein, dass KI, Datenanalyse und Digitalisierung wichtig geworden sind. Aber die tollste Innovation ist eine Holzschnitzelpresse. Kaum zu glauben, aber wahr. Es fühlt sich so an, als wolle man in BaWü das Neue nicht hochkommen lassen.

    Schon 1975, als ich noch studierte, klagten meine Professoren (damals an der CMU), dass die SW-Industrie nicht anerkannt sei. Das hat sich in den USA schnell und gründlich gewandelt. Deutschland tut sich schwer damit. Warum?

    P.S.: ThingsThinking wurde von 2 meiner Doktoranden gegründet. Ich bin nicht beteiligt.

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    1. Natürlich ist ein Testmarkt wichtig, Kann dies der Heimatmarkt sein, hat dies Vorteile. Davon profitieren ja alle amerikanischen Wettbewerber.

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  4. Walter Tichy ergänzte: Das ist mehr als ein Testmarkt. Sie müssen auch erst die Technologie entwickeln, und da sind die ersten Kunden extrem wichtig.

    Die Firma aicas (aicas.com), die zwei andere meiner Doktoranden gründeten, hat den Sprung in die Internationalität geschafft. Hier ist was sie sagen:

    Our team at aicas has worked with customers in industrial, automotive, and other embedded software segments for almost two decades now. Originally starting out of the high-tech and academic environment in Karlsruhe, Germany, in recent years aicas has grown into a global high-tech firm with European and American branches serving global customers.

    Sie sollten die Startups in Deutschland nicht so gering schätzen. Ich bin stolz darauf, was meine Doktoranden schaffen!

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