Samstag, 5. November 2011

Erinnerungen an drei Arbeitskollegen – unter vielen

Im Folgenden möchte ich die Erinnerung an drei Kollegen wach rufen, mit denen ich jahrzehntelang eng im selben Unternehmen zusammengearbeitet habe. Sie unterschieden sich sehr in ihren Werdegängen, in ihren Veranlagungen und in ihren Charakteren. Alle drei stellen Musterbeispiele dar von Quereinsteigern in das damals neue Fachgebiet der Informatik. Trotz ihrer Verschiedenheit haben sie sich in der Zusammenarbeit mit ihren Teams gegenseitig ergänzt. Obwohl alle drei seit Jahren verstorben sind, denke ich heute immer noch gerne an sie. Durch sie wurde mein Berufsleben bereichert.

Volker Degering (1926-1988)

Degering stammte aus Magdeburg und hatte zwischen 1952 und 1958 in Berlin Mathematik, Physik und Philosophie studiert. Da er im Zweiten Weltkrieg als Flakhelfer im Einsatz war, konnte er erst mit Verspätung sein Studium beginnen. Er hatte bereits das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen absolviert, ehe er 1959 zur IBM Deutschland ging. Ich hatte ihn als Programmierer für das IBM 650 Rechenzentrum in Düsseldorf eingestellt. Da seine Frau mit Sohn anfangs noch in Berlin wohnen blieb, unternahm er fast jedes Wochenende eine stundenlange Autobahnfahrt von Düsseldorf nach Berlin und zurück mit einem Leichtmotorad. In wetterfester Motoradmontur gekleidet, mitunter von Dreck bespritzt, kam er manchmal auch erst montags gegen Mittag ins Büro. 

 
Volker Degering im 650-RZ Düsseldorf 1961


Im Jahre 1964 wechselte er von Düsseldorf nach Böblingen. In der Software-Entwicklung des Labors Böblingen wirkte er bis zu seiner Frühpensionierung im Jahre 1986. Er starb bereits 1988 an einem Herzleiden. Während seiner Böblinger Zeit wohnten er und seine Familie (mit fünf Kindern) in Herrenberg. Er hat auf dem dortigen Waldfriedhof seine Ruhestätte gefunden.

Degering war von seiner Berufstätigkeit wie von einer Leidenschaft besessen. Hatte er eine neue Aufgabe, gönnte er sich keine Ruhe, bis dass sie gelöst war. Er gehörte zu der Sorte von Mitarbeitern, die sein Manager auffordern musste, mal Feierabend oder gar Urlaub zu machen. Seine Programme waren relativ gut strukturiert und testbar. Ihm widerstrebte es jedoch, jedweden Text, sei es in Deutsch oder Englisch, zu verfassen. Darunter litt an erster Stelle die Programm-Dokumentation. Die beste Lösung dieses Problems bestand für mich darin, einen jungen Mitarbeiter zu suchen und diesen zu motivieren, seine Ausbildung zu beschleunigen, indem er Volker Degering über die Schultern schaut und dessen Programme dokumentiert. Das funktionierte zwar oft, aber nicht immer.

Drei Aspekte vervollständigen das Charakterbild. Degering war zeitlebens ein starker Raucher. Man sah ihn nur mit einer Zigarette oder einem Zigarillo in der Hand. Deshalb genoss er stets den Vorzug eines Einzelzimmers. Sein Konsum an Kaffee betrug vermutlich mehrere Liter pro Tag. Nicht selten enthielten seine Programm­listen oder sein Anzug deutlich erkennbare Kaffeeflecken. Am markantesten war seine Besessenheit von sportlichen Limousinen. Er war ein treuer Kunde der Marke BMW. Es wird überliefert, dass er seiner Pflicht, am Wochenende ein Kleinkind zu betreuen, auf besonders originelle Weise gerecht wurde. Er legte es auf den Hinter­sitz seines Autos zum Schlafen, während dessen er drei bis vier Stunden lang die Autobahn tourte. Wie mir Degerings Witwe vor kurzem mitteilte, hat sich die Leiden­schaft für schnelle Autos auf einige seiner fünf Kinder vererbt.

Laszlo B. (1935-2004)

Laszlo war in Ungarn geboren, erhielt seine Gymnasialbildung in einem katholischen Internat, und war bereits mitten in seinem Maschinenbaustudium, als es 1956 zum Volksaufstand gegen die kommunistische Herrschaft kam. Er floh nach Deutschland und konnte 1960 sein Studium in Deutschland zum Abschluss bringen. Im Jahr darauf nahm er die Stellung bei der IBM in Böblingen an. 

Ähnlich wie bei Degering hatte Programmieren bei ihm fast den Charakter einer Leidenschaft. Im Gegensatz zu Degering ging er jedoch alle seine Projekte sehr rational an. Er überlegte sich genau, wie er vorgehen wollte, erklärte dies seinem Chef und legte los. Auf seine Umfangsschätzungen (KLOC) und Zeitschätzungen (Personenmonate) konnte man sich verlassen. War er früher als geplant fertig, bot er an, noch einige Optimierungen vorzunehmen. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass er nicht zu weit ging.

Zu den ersten Projekten, zu denen Laszlo beitrug, gehörte der RPG-Übersetzer für das Model 20 der System/360-Familie. Es war dies ein Mehrphasen-Compiler, von dem es drei Versionen gab. Die früheste Version basierte auf Lochkarten als Speichermedium und wurde Ende 1965 ausgeliefert, die beiden andern benutzten Magnetbänder bzw. Magnetplatten als Systemresidenz. Die Kartenversion hatte 4 KB Hauptspeicher zur Verfügung, die beiden andern jeweils 8 KB. Alle erzeugten sehr effizienten Objektcode.

Laszlos spätere Projekte betrafen fast immer den innersten Kern des Betriebs­systems. Vermutlich hat er für das DOS/VS-System der IBM den Supervisor drei oder vier Mal neugeschrieben. Das betraf mal die Erhöhung des Grades des Multiprogramming (Anzahl zugelassener paralleler Prozesse), mal die Hauptspeicherverwaltung (virtuelle Adressierung), mal neue Speichermedien für die System-Residenz (Karten. Magnetbänder, verschiedene Festplatten-Typen und -Architekturen). Selten arbeitete er an Projekten außerhalb des Systemkerns. Ein Beispiel war eine Implementierung eines Interpreters der Sprache RPG im Mikrocode. Das war allerdings nur ein Prototyp, der nicht an Kunden ausgeliefert wurde. Er zeigte, dass zwar eine Leistungssteigerung um den Faktor 2-3 und eine gute Form der Interaktion möglich waren, machte aber auch klar, dass es eine Sackgasse war. Bei jeder neuen Rechner-Generation hätte der Interpreter von Grund auf neu geschrieben werden müssen.

Laszlo war ein sehr zurückhaltender, kaum Ansprüche stellender Mitarbeiter. Meist strahlte er sein Gegenüber mit einem freundlichen Lächeln an und hatte mit niemandem Streit. Er rauchte wenig, trank kaum Kaffee und beteiligte sich an Diskussionen nur dann, wenn er wesentliche inhaltliche Beiträge machen konnte. Im Jahre 1995 nahm er ein Frühpensionsangebot der Firma IBM an. Als freier Mitarbeiter führte er danach noch mehrere Jahre lang Programmieraufträge für die Firma IBM durch. Er wohnte mit seiner Familie in W. und wurde unter Teilnahme vieler ehemaliger Kollegen auf dem dortigen Friedhof beigesetzt (der Name und die persönlichen Daten wurden geändert).

Immanuel Witt (1915-1994)

Witts Eltern stammten aus dem Schwabenland. Er selbst wurde in China geboren, als seine Eltern dort als protestantische Missionare tätig waren. Er hatte Musik studiert und eine Ausbildung als Organist genossen. In der historischen St. Martins­kirche in Sindelfingen – aber nicht nur dort – war er als einer der Organisten an Sonn- und Feiertagen im jahrelangen, regelmäßigen Einsatz. Seine Ehefrau entstammte einer Stuttgarter Musikerfamilie.

Witt hatte sich entschlossen, die Programmierung quasi als Zusatzbeschäftigung an Wochentagen zu betreiben, um das Einkommen der Familie zu verbessern. Die Folge war, dass beide Tätigkeiten ihn emotional und intellektuell in Bann schlugen. Im Gegensatz zu einigen andern Kollegen, war für ihn die mit Rechnern verbundene Technik nicht Selbstzweck. Er sah sie als Mittel an, um Menschen dabei zu helfen, ihre Aufgaben und Probleme zu lösen. In vorderster Front dabei mitwirken zu können, gab ihm eine große Befriedigung. Obwohl wir diesen Begriff damals noch nicht kannten, war seine Grundeinstellung die eines Software-Ergonomen. Das drückte sich darin aus, dass seine Sorge als Entwickler in starkem Maße auf die Nutzer gerichtet war. ‚Können wir das unsern Nutzern zumuten? Was können sie in dieser Situation tun?‘ Das waren typische Fragen, die er stellte.


  
Immanuel Witt in Nizza 1963

Ein Projekt, bei dem diese Denkweise extrem auf die Probe gestellt wurde, war die Software-Unterstützung für eine Maschine, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Sie hieß Mehrfunktionskarteneinheit und war das primäre Ein- und Ausgabegerät des Modells 20 der System/360-Familie. Die Maschine hatte die Typenbezeichnung IBM 2560 und die deutsche Abkürzung MFKE. Bei uns hieß sie nur Miefke. Die Maschine konnte Lochkarten lesen, stanzen und bedrucken. Da sie auch zum Sortieren und Mischen von Lochkarten verwendet werden konnte, besaß sie zwei Zuführungen und fünf Ablagefächer. Intern gab es acht Stationen, über die Lochkarten gesteuert wurden, wobei sie sich aber nicht überholen durften. War die normale Operation schon komplex, so potenzierte sich dies in Fehlersituationen. Dabei durften keine Lochkarten verloren gehen und ein Wiederanlauf für jede Situation mit klarer Anweisung möglich sein. Die erfolgreiche Lösung dieser ver­trackten Aufgabe rechtzeitig zu Weihnachten 1965 war Immanuel Witts Meisterstück.

An seine späteren Projekte erinnere ich mich weniger intensiv. Hervorheben möchte ich allerdings einen Beitrag von ihm zur deutschen Umgangssprache. Ende der 1960er Jahre vertrat er die Firma IBM im Deutschen Normenausschuss (DIN), und zwar in dem Gremium, das die deutsche Version einiger Begriffe aus der Daten­verarbeitung festlegte. Auf Witts Vorschlag wurde das allgegenwärtige englische Wort ‚file‘ mit ‚Datei‘ übersetzt. Es war dies seine Neuschöpfung, angelehnt an das Wort ‚Kartei‘. 

Immanuel Witt pflegte Fotografieren als Hobby, dem er sowohl auf Geschäfts- wie auf Privatreisen frönte. Das hier verwendete Foto stammt allerdings aus meinem (leider etwas verschmutzten) Dia-Bestand. Es zeigt Immanual Witt 1963 auf der Promenade des Anglais in Nizza, zusammen mit der Ehefrau des Autors. Er hatte mich und meine Familie mehrmals während meines dortigen Auslandaufenthalts besucht. Immanuel Witt und seine Frau lebten nach der Pensionierung in Hailfingen bei Rottenburg. Sie sind beide dort beerdigt.

Die vielen Andern

Mit den drei erwähnten Kollegen möchte ich stellvertretend an einige Hundert Kolleginnen und Kollegen erinnern, denen ich während meiner Berufsjahre bei einem international tätigen Unternehmen begegnet bin. Besonders die Software-Entwickler, mit denen ich am meisten zu tun hatte, waren eine sehr bunt gemischte Gemein­schaft. Es gab unter ihnen Ägypter, Amerikaner, Australier, Briten, Holländer, Franzosen, Griechen, Italiener, Japaner, Neuseeländer, Österreicher, Polen, Portugiesen, Schweden und Schweizer. Hier sind nur diejenigen Nationalitäten erwähnt, an deren Vertreter ich mich noch heute erinnere. 



Böblinger Software-Entwickler 1972

Selbst die Kolleginnen und Kollegen, die einen deutschen Pass besaßen, verrieten immer gerne ihre landsmannschaftliche Herkunft. Sie sahen sich in erster Linie als Bayern, Badener, Berliner, Hamburger, Franken, Hessen, Rheinländer, Sachsen oder Schwaben. Es war eigentlich nur das private Leben, das von ihnen eine gewisse Anpassung an die regionale Mentalität verlangte, an Spätzle, Trollinger und Kehrwochen. Obwohl das Unternehmen im Schwabenland ansässig war, stellten die Schwaben unter uns nur eine verschwindend kleine Minderheit dar. Lediglich in sprachlicher Hinsicht fielen sie etwas mehr auf als die andern, da sie von ihrem markanten Dialekt fast ungebremst Gebrauch machten. Der Koch der Betriebsküche hatte jedoch täglich das Problem, es Allen recht zu machen. Dass die Getränke-Automaten im Betrieb neben Cola und Sprudel auch Bier vorrätig hielten, wunderte vor allem die ausländischen Besucher.

Dienstag, 1. November 2011

Produkthaftung für Software – ewige Schwachstelle oder ungenutzte Chance?

Immer wieder stieß ich in meiner langen Berufskarriere auf ein Thema, dem man am liebsten aus dem Wege ging. Es war die Frage der Produkthaftung von Software. Bei dieser Frage kommt ein fundamentaler Unterschied zwischen Software und allen andern Wirtschaftsgütern zum Ausdruck. An diese Problematik erinnert wurde ich kürzlich durch einen Beitrag von Poul-Henning Kamp, der im September in der ACM-Zeitschrift Queue erschien. Genau derselbe Beitrag kommt auch im November-Heft der Communications der ACM. Kamp vertritt darin die Meinung, dass es höchste Zeit ist, eine gesetzliche Regelung anzustreben. Dass dies die Industrie zwinge umzu­denken, ja von vorne anzufangen, sei kein Schaden sondern ein Nutzen. Die Industrie IST das Problem, meint Kamp – man beachte die Großschreibung (engl.: The Software Industry IS the Problem).

Auch GI-Präsident Stefan Jähnichen hat sich in einer Online-Kolumne mit dem Thema der Haftung auseinandergesetzt. Dabei fallen mir zwei Dinge besonders auf:
  • Selbst der GI-Präsident sieht inzwischen im Chaos Computer Club (CCC) eine kompetente Instanz für alle Fragen im Spannungsfeld von Informatik und Gesellschaft. Sein moralisches Prestige ist dabei um Klassen höher als etwa das der Deutschen Bank. 
  • Als loyaler Vertreter der Informatik-Branche vermeidet Jähnichen das Wort ‚Produkthaftung‘ wie der Teufel das Weihwasser. Stattdessen spricht er von ‚Software Liability‘, da man ja bei englischen Vokabeln den Vorteil hat, dass einem deutschen Leser die damit einhergehenden Konnotationen nicht gleich einfallen. Das klingt sogar so ähnlich wie das seit Jahren abgedroschene Wort ‚Reliability‘ (auf Deutsch ‚Zuverlässigkeit‘), ist aber etwas ganz anderes.
Der CCC ‚fordert vermehrte Anstrengungen‘, von wem, das lässt er offen. Jähnichen reagiert darauf mit den üblichen recht harmlosen Appellen ans fachliche Gewissen und der Forderung nach besserer Schulung. Außerdem verlangt er, dass 

bei der Entwicklung neuer Software von Anfang an Zuverlässigkeit und Sicherheit höchste Priorität haben. 

So wie viele akademische Vorschläge greifen auch Jähnichens Ideen etwas zu kurz. Aus der zeitlichen Distanz von Jahrzehnten und frei von jeder geschäftlichen Verant­wortung will ich versuchen das Problem der Haftung so darzustellen, wie ich es sehe, und zwar aus einer etwas breiteren Perspektive. Da ich kein Lehrbuch schreiben will, muss ich mich auf einige wesentliche Aspekte beschränken.

Technische Seite des Problems

Die Entwicklungsphase ist zwar wichtig, ist aber nicht allein entscheidend. Natürlich muss man Software so konstruieren, dass die Anzahl und der Schwierigkeitsgrad von Fehlern möglichst reduziert werden. Formale Beweistechniken und eigenes Testen können dann helfen, wenn eine richtig definierte Aufgabe falsch gelöst wurde. Das betrifft vielleicht weniger als die Hälfte aller Fehler. Es deckt nicht die Fälle ab, dass die Aufgabe ineffizient gelöst wurde. Vor allem aber bleiben diese Methoden völlig außen vor, wenn die zu lösende Aufgabe falsch oder nicht haargenau definiert wurde. Typisch ist, dass von 20 möglichen oder nötigen Fallunterscheidungen zwei vergessen wurden. Nicht immer ist alles in der Natur eindeutig als Schwarz oder Weiß einzustufen. Es können Tausende von Grautönen und Millionen Farben dazwischen liegen, die separat behandelt werden müssen. Menschen sind zwar männlich oder weiblich. Den Familienstand festzulegen wird bereits erheblich schwieriger: Ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet, in einer eingetragenen Partnerschaft lebend, usw. Alle neueren und pragmatischen Ansätze im Repertoire des Software Engineerings nehmen auch diesen Teil der Realität zur Kenntnis. Inspektionen und unabhängiges Testen sind entscheidend.

Nochmals mit andern Worten: Es reicht nicht aus, sicherzustellen, dass Software (nur) das tut, was man als Entwickler erwartet. Sie muss meistens erheblich mehr können. Viele Programme, die zuerst für einen bekannten Kreis von Kollegen geschrieben wurden, werden heute von Millionen Menschen auf der ganzen Welt täglich genutzt. Klassisches Beispiel ist das Internet.

Sehr wesentlich für die Lösung jeder Haftungsfrage ist die Zwischenphase zwischen Entwicklung und Nutzung. Jeder Programmierer, der Zugriff zu Code hat, also ihn unter die Tastatur bekommt, kann ihn modifizieren. Er kann z.B. bei jedem Aufruf des Betriebssystems eine Falltüre einbauen, die es ihm erlaubt, die Funktion des Programms zu verändern. Die penibelste und sachgerechteste Entwicklung nützt nichts, wenn das Programm anschließend auf dunklen Kanälen zum Nutzer gelangt. Besonders gefährlich ist es, wenn es zwischendurch dem Spieltrieb junger, unter­beschäftigter Genies ausgesetzt wird. 

Da die meisten Betriebssysteme allgemeine Vorkehrungen treffen, um diese Eingriffe zu verhindern, geht der übliche Weg heute über die nicht ordentlich behandelten Fehlersituationen, z.B. Pufferüberläufe. Bekanntlich stellt die Fehlerbehandlung gängiger Programme etwa 80% seines Codes dar und ist sehr oft unsauber strukturiert. Schließlich kann jemand die dem Nutzer zur Verfügung stehende Maschine verändern, sei es per Mikrocode oder per Hardware, mit dem Ziel, bestimmte Programme zu analysieren und zu modifizieren. Besonders leicht ist es, Programme zu verändern, wenn der Quellcode verfügbar ist. Dass dies auch möglich ist, wenn man vom Objektcode ausgehen muss, hat vor einigen Wochen der Chaos Computer Club am Beispiel des Staatstrojaners nachgewiesen. 

Geschäftliche Seite des Problems

Wie der von Kamp zitierte Ken Thompson demonstrierte, stoßen die technischen Möglichkeiten, vertrauenswürdige Programme zu erzeugen, generell an Grenzen. Selbst wenn man Software eher wie Hardware behandeln würde, also nur als Mikrocode oder ROM-Speicher verteilen würde, wäre das Problem nicht 100% gelöst. Es würde allerdings in sehr vielen Fällen ausreichen.

Deshalb scheint mir ein umfassender Ansatz zur Lösung primär im geschäftlichen Bereich zu liegen. Es geht darum, Vertrauensketten zwischen Lieferanten und Nutzern, also zwischen Menschen und Organisationen zu schaffen. Um diese aufzubauen, ist es wichtig, dass der Lieferant als Erstes offenlegt, welche Risiken er eingegangen ist. Er muss sagen, mit wem er zusammengearbeitet hat, und welchen Weg das Produkt genau genommen hat. Auch muss er angeben, wie er den Lieferweg laufend sichert, und zwar vor, während und nach der Entwicklung. Dass dies die Tendenz zu geschlossenen Systemen, also Systemen aus einer Hand, verstärkt, ist offensichtlich. Auch in diesem Punkte ging die Firma Apple beim iPhone und iPad bereits einen Schritt in die richtige Richtung. Sie überprüft selbst alle Anwendungen, die auf den Systemen installiert werden. Ihr Erfolg könnte die ganze Industrie bewegen, ebenfalls diesen Lösungsansatz ernst zu nehmen. Vielleicht erklärt dies auch etwas die Wut, die Steve Jobs empfand, wenn er auf den Android-Ansatz der Firma Google zu sprechen kam.

Rechtliche Seite des Problems

In Deutschland ist die Produkthaftung durch das Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) eindeutig geregelt. Es betont klar die Verantwortung des Herstellers.

Wird durch den Fehler eines Produkts jemand getötet, sein Körper oder seine Gesundheit verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Hersteller des Produkts verpflichtet, dem Geschädigten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen (§1, Absatz 1).

Ein Produkt hat einen Fehler, wenn es nicht die Sicherheit bietet, die unter Berücksichtigung aller Umstände, insbesondere (a) seiner Darbietung, (b) des Gebrauchs, mit dem billigerweise gerechnet werden kann, (c) des Zeitpunkts, in dem es in den Verkehr gebracht wurde, berechtigterweise erwartet werden kann (§3, Absatz1).

Die Ersatzpflicht des Herstellers ist ausgeschlossen, wenn …der Fehler nach dem Stand der Wissenschaft und Technik in dem Zeitpunkt, in dem der Hersteller das Produkt in den Verkehr brachte, nicht erkannt werden konnte (§1, Absatz 2, Nr.5).

Die Produkthaftung gilt unabhängig vom Verschulden. Bekanntlich vermeidet die Software-Industrie daher, ihre Produkte als Produkte zu vermarkten. Sie werden vielmehr als Teil eines Dienstleistungsvertrags nur zur Nutzung überlassen. Alle Lizenzverträge, Eulas genannt, basieren rein auf der vertraglichen Haftung. In Deutschland kommt § 823 BGB zur Anwendung. Da haftet nur, 

wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt …

Das Risiko für den Lieferanten ist in diesem Falle um Größenordnungen geringer. Das beginnt damit, dass der Nutzer dem Lieferanten zuerst einmal schuldhaftes Verhalten nachweisen muss. Seit Anbeginn hat die Industrie ihre Haltung damit begründet, dass Software grundsätzlich nicht fehlerfrei entwickelt werden kann. Dies überfordere (immer noch) den Stand von Wissenschaft und Technik.

Wie kommen wir weiter?

Viele Kollegen werden sagen, warum soll man etwas ändern, wo doch der Markt täglich bestätigt, dass die augenblickliche Lösung befriedigend ist. Außerdem kann es sein, dass das Problem von alleine weggeht, d.h. dass es sich auswächst – wie man dies bei Kinderkrankheiten erleben kann. Gemeint ist, dass eingebettete Software bald zum bestimmenden Standard wird. Es gibt nämlich kaum noch ein technisches Produkt, das nicht unter der Haube von Software gesteuert ist. Das ist bei Haushaltsgeräten ebenso der Fall wie bei Gartengeräten und Spielzeugen, von Fahrzeugen und medizinischen Geräten ganz zu schweigen. Kein Lieferant denkt daran, hier getrennte Lizenzen (also Eulas) für den Software-Anteil des Gerätes zu drucken und dem Produkt beizulegen.

Für die heute mit Lizenzen überlassenen eigenständigen Software-Produkte sehe ich drei Wege, um Fortschritte zu erzielen. Das sind dieselben Wege, die bei andern heiklen Fragen immer wieder gegangen werden.
  • Weg 1: Jemand, der den Mut dazu hat, prescht vor. Er bietet Software als Produkt an. Dann müsste sich herausstellen, ob der Markt dies honoriert.
  • Weg 2: Die Branche als Ganzes geht eine Selbstverpflichtung ein. Dann übernehmen alle gleichzeitig dasselbe Risiko. Eine Übereinkunft zu treffen, ist allerdings zeitraubend.
  • Weg 3. Man wartet auf den Gesetzgeber. Das ist zwar die brutalste, und meist auch die teuerste Lösung. Ob und wann diese Möglichkeit überhaupt besteht, will ich nicht weiter diskutieren.
Unsere Branche sollte sich entscheiden, ob sie weiterhin einen großen Bogen um das Thema Produkthaftung machen will, oder ob man darin vielmehr eine Chance sieht, die man ergreifen möchte. Der Frage stellen müssen sich die wirtschaftlichen Akteure selbst. Das ist zweifellos besser, als wenn ihnen eine Antwort von außen aufgedrängt wird. Wegen der globalen Ausrichtung der Branche kann diese Frage nicht nur in Deutschland allein angegangen werden, sondern muss den Weltmarkt berücksichtigen. Analogien oder Situationen, wo ähnliche Alternativen bestanden, gab es Zuhauf. Erinnern möchte ich an Sicherheitsfragen im Automobilbau, an die Reduzierung von Umweltbelastungen, die Kontrolle von Lebensmitteln, und ganz zuletzt an die Frage, wie man erreichen kann, dass der Anteil von Frauen in der Unternehmensführung gesteigert werden kann. Die zusätzlichen Fragen, die sich die Software-Industrie stellen sollte, lauten: Zu welcher andern Situation bestehen Ähnlichkeiten und was lässt sich aus diesen andern Erfahrungen lernen?

Freitag, 28. Oktober 2011

Arabischer Frühling – analysiert von Jörg Armbruster

Am Donnerstagabend besuchten meine Frau und ich mal wieder eine Autorenlesung in unserer örtlichen Buchhandlung. Das Buch des Autors, auf das in Nebensätzen zwei oder drei Mal hingewiesen wurde, spielte diesmal keine Rolle. Stattdessen kam es zu einem lebhaften Gedankenaustausch zwischen Redner und Zuhörern. Der Redner hieß Jörg Armbruster, das Thema war der Arabische Frühling, dem Titel seines Buches entsprechend.

Der Autor war als ARD-Korrespondent von 1999 bis Juli 2005 im Gebiet Naher Osten/Mittlerer Osten mit Hauptsitz in Kairo tätig. Er befand sich während des Irakkriegs mehrmals in Bagdad. Danach war er Leiter der Auslandsredaktion des SWR. Seit November 2010 ist er wieder in Kairo stationiert und erlebte den Arabischen Frühling aus nächster Nähe. Er berichtete im Laufe dieses Jahres in der Tagesschau wiederholt sowohl aus Kairo wie aus Bengasi und Tripolis.

Im Folgenden fasse ich die Diskussionen nach Ländern zusammen. Fast immer ist es die Bewertung von Jörg Armbruster, die ich wiedergebe. Einige Aussagen, die ganze Region betreffend, befinden sich am Schluss.

Tunesien: Am vergangenen Sonntag ergaben die Wahlen zur Übergangsregierung und zur verfassungsgebenden Versammlung zwar einen deutlichen Sieg der von Rachid al-Ghannouchi gegründeten konservativen Ennahda-Partei (~ 40%). Alle andern Parteien sind weit abgeschlagen (< 15%). Das ist keine Überraschung. Die Ennahda-Partei ist am längsten aktiv, am besten organisiert und im Ruf vom Vorgänger-Regime verfolgt worden zu sein. Deshalb hatten auch die im Ausland lebenden Tunesier vorwiegend diese Partei gewählt. Sie hat im Wahlkampf einige Versprechungen (bezüglich Wirtschaftsaufschwung und Vollbeschäftigung) gemacht, die sie kaum einlösen kann. Jetzt hat sie ein Jahr Zeit, um sich zu bewähren. Sie muss allerdings eine der säkularen Parteien als Koalitionspartner gewinnen. Tunesien ist wirtschaftlich wie bildungsmäßig das fortschrittlichste der arabischen Länder. Viele europäische Unternehmen haben hier Fertigungsbetriebe, vor allem die Textilindustrie. Das Analphabetentum ist geringer als anderswo (<15%). Die Frauen haben sehr weitgehende Rechte. Das Volk wird die Arbeit der neuen Regierung kritisch begleiten und nach einem Jahr bewerten. Wer dann vorne liegen wird, lässt sich heute noch nicht zu sagen.

Libyen: Alles deutet darauf hin, dass Gaddafi und ein Teil seiner in Sirte angetroffenen Anhänger auf gewaltsame Weise ums Leben kamen. Dass Gaddafi vor ein libysches Gericht gestellt worden wäre, wollte sich niemand antun. Ihn an den Gerichtshof in Den Haag zu übergeben, wäre noch schlimmer für das Land gewesen. Es wären viele Dinge ans Tageslicht gekommen, die auch für den Westen unangenehm gewesen wären, etwa die enge Zusammenarbeit der Geheimdienste. Bisher hatte der Aufstand ein gemeinsames Ziel, nämlich Gaddafi und seinen Anhängern die Macht im Lande zu entreißen. Der nationale Übergangsrat will in 30 Tagen eine Übergangsregierung bilden und anschließend freie Wahlen vorbereiten. In Libyen gibt es weder staatliche Strukturen noch eine Bürgergesellschaft, die diese Aufgaben unterstützen könnten. Es kommt jetzt darauf an, sich mit Vertretern von wirtschaftlichen, religiösen oder Stammesinteressen zusammenzuraufen. Wegen seines Ölreichtums wurden 80% der Bevölkerung vom Staat beschäftigt, oder besser alimentiert. Ähnlich wie in Saudi-Arabien fehlt daher ein mittelständiges Unternehmertum. Der Druck aus dem Ausland ist enorm, wieder ins Ölgeschäft zurückzukehren.

Syrien: Die Tatsache, dass gerade der amerikanische Botschafter das Land verlassen hat, deutet darauf hin, dass dort eine neue Schwelle der Konfrontation überschritten wurde. Nicht nur das amerikanische Botschaftspersonal wird belästigt und drangsaliert. Andern ergeht es nicht besser. Dem Regime von Baschar al-Assad ist es inzwischen offensichtlich gleichgültig, was das westliche Ausland denkt. Es verfolgt weiter seine Repressionspolitik. Ausländische Journalisten werden nicht mehr ins Land gelassen. Es gelangen nur noch Informationen auf ganz verschlungenen Wegen ins Ausland. Es sind teilweise (verwackelte) Videoaufnahmen, die über Satelliten-Telefone ins Ausland gesandt werden, hier von Exilsyriern oder Sympathisanten aufbereitet und der internationalen Presse übergeben werden. Es ist schwer, ihre Qualität zu überprüfen. Es wird angenommen, dass es bereits ganze Sportstadien voll mit politischen Gefangenen gibt. Der innere Machtkampf spielt sich vor allem zwischen der Minderheit der Alawiten ab, zu der die Assad-Familie gehört, und der Mehrheit der Sunniten. Drusen und Christen spielen nur eine Nebenrolle. Je mehr Todesopfer die Auseinandersetzung erfordert, umso mehr schaukelt sich der Hass auf und damit die Gefahr von Vergeltungsschlägen. Im Gegensatz zu Libyen kann der Westen Syrien nicht bombardieren, da es einen Flächenbrand hervorrufen würde. Unweigerlich würde die Hisbollah gegen Israel losschlagen. Außerdem würde es den Iran, den großen Verbündeten Syriens, auf den Plan rufen.

Ägypten: Sowohl die einheimischen wie die ausländischen Beobachter hatten zwar ein von Unruhen begleitetes Wahljahr 2011 erwartet, der Aufstand am Tahrir-Platz kam für alle überraschend. Vielleicht sprang der Funke von Tunesien über, vielleicht waren es die Wahlfälschungen in den Kommunalwahlen, die das Fass zum Überlauf brachten. Dass die Armee eindeutig auf Seiten der Volksmassen steht, täuscht. Sie ist ein Staat im Staate. Sie genießt einen derartigen Umfang an Privilegien, dass nicht anzunehmen ist, dass sie diese freiwillig aufgibt. Die Armee ist stark mit der Wirtschaft des Landes verkoppelt. Die Muslimbrüder stellen die mit Abstand größte politische Kraft dar. Vor allem sind sie gut organisiert und genießen aufgrund von sozialen Projekten (eigene Krankenhäuser, kostengünstige medizinische Betreuung) ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Sie hielten sich bisher politisch sehr zurück, was Mubarak nicht daran hinderte, sie dem Westen gegenüber als die große Bedrohung darzustellen. Besorgniserregend sind dagegen die Aktivitäten der Salafiten, die von saudischem Geld finanziert, immer wieder provozieren. Auch bei den tödlichen Zusammenstößen mit den koptischen Christen werden sie (oder das Militär) als Auslöser vermutet. Entscheidend für die Entwicklung Ägyptens ist, ob die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Mit 30% hat der Tourismus einen entscheidenden Anteil an der Wirtschaft. Sollte er von Unruhen in Mitleidenschaft gezogen werden, könnte sich das politisch auswirken. 

Jemen: Es besteht eine große Gefahr, dass das Land in einzelne Regionen und Dorfgemeinschaften zerfällt. Der frühere kommunistische Süden kämpft gegen den muslimischen Norden. Außerhalb von Sanaa wird man leicht Opfer von Stammeszwisten. Neben dem Clan des Abdulla Saleh gibt es eine weitere Familie, die um die Vorherrschaft im Land kämpft. Die Demonstranten, die auf dem Universitätsplatz in Sanaa campieren, können zwischen die Fronten geraten. Dies befürchtet auch die Trägerin des Friedensnobelpreises 2011, Tawakkul Karman aus dem Jemen.

Algerien: Das Land leidet immer noch an den Folgen eines Bürgerkriegs, der über 100.000 Toten forderte. Damals hatte die Armee den Wahlsieg einer islamischen Partei nicht akzepiert.

Jordanien und Marokko: Beide Länder werden noch von Monarchen regiert. Ob sie sich schnell genug in Richtung einer konstitutionellen Monarchie entwickeln, ist fraglich. In Jordanien scheinen erste Schritte in diese Richtung zu erfolgen, in Marokko kann dies noch lange dauern. Das liegt auch daran, dass dort der König eine religiöse Funktion hat.

Türkei: Die Türkei ist dabei sich von Europa abzuwenden, da Europa sie zu lange hängen ließ. Sie kann als Wirtschaftsmacht sehr viel für den Aufbau der Region tun. Deshalb reiste der türkische Ministerpräsident Erdogan bereits mit einer großen Wirtschaftsdelegation durch Ägypten, Tunesien und Libyen und wurde stürmisch begrüßt. Auch kann die Türkei als Beispiel für die Demokratisierung eines muslimischen Landes gelten.

Israel: Die Situation wird für Israel nicht leichter. Es hatte in Mubarak eine Stütze, sowohl gegen die Hamas im Gazastreifen, als auch gegen Bedrohungen aus andern arabischen Ländern. So soll Mubarak illegale Grenzgänger aus Schwarzafrika, die an der Grenze zu Israel aufflogen, regelmäßig daran gehindert haben, nach Israel einzureisen. Je nachdem wie sich die Situation in Syrien entwickelt, kann sich auch im Norden ein neuer Gefahrenherd auftun. Zu wünschen wäre, dass Israel in der Palästinenserfrage weiterkäme.

Gemeinsamkeiten: Obwohl jedes der oben erwähnten Länder eine eigene Entwicklung durchläuft, lassen sich doch mehrere Gemeinsamkeiten erkennen. An erster Stelle ist es die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Nicht nur ist der Anteil Jugendlicher an der Bevölkerung wesentlich höher als bei uns, auch haben sie besondere Schwierigkeiten in der sehr verkrusteten und kaum expandierenden Wirtschaft Fuß zu fassen. Das politische System hat sich in den letzten Jahren immer mehr von einer ursprünglich zum Teil vorhandenen Volksverbundenheit und jedweder Legalität wegbewegt. Korruption und Vetternwirtschaft (im weitesten Sinne) nahmen überhand. Schließlich stellt die mohammedanische Religion ein Bindeglied dar, das umso stärker wirkt, je mehr die Religion politisch unter Druck gerät. Ähnlich wie im Nachkriegsdeutschland, als die Parteien mit dem C im Namen den Zulauf der Massen erfuhren, fühlen sich Araber von allen Parteien angesprochen, die ihrer Religion einen hohen Stellenwert einräumen. Eine laizistische Bewegung ist auf die städtische Oberschicht beschränkt. Das wirklich erfreuliche am Arabischen Frühling ist die Tatsache, dass Al Quaida der große Verlierer ist. Die von ihr vertretenen gesellschaftlichen Ideale stoßen bei den meist jugendlichen Revolutionären auf Desinteresse.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Erinnerungen an John McCarthy (1927-2011)

Wieder ist einer der Pioniere unseres Feldes von uns gegangen. An John McCarthy erinnere ich mich seit meiner ersten, allerdings recht oberflächlichen Beschäftigung mit LISP in den 1960er Jahren. Es war dies eine Programmiersprache, bei der die Verarbeitung von Zeichenketten (engl. string manipulation) nicht aufgepflanzt war, etwa wie bei PL/I, sondern die Grundlage bildete. Es gab nur den Datentyp ‚Zeichenkette‘ und nichts anderes. Es ließen sich damit Programme zur Textverarbeitung besonders effizient schreiben. Kam man von Fortran-ähnlichen Sprachen, musste man allerdings gehörig umdenken. Neben Fortran scheint LISP die langlebigste der frühen Programmiersprachen zu sein.

 
Foto von Ralf Brown bei ICML'06

Mit einer Fachveranstaltung in Dartsmouth, New Hamshire, hatte McCarthy 1956 den Begriff ‚Künstliche Intelligenz (Abk. KI, engl. artificial intelligence) geprägt, ähnlich wie F.L. Bauer 1968 den Begriff ‚Software Engineering‘ durch die Konferenz von Garmisch in die Welt setzte. Im Nachruf bei Spiegel Online wird auf die Anfänge der KI wie folgt verwiesen:

Seit 1948 forschte McCarthy an künstlicher Intelligenz. Den Begriff verwendete er 1955 in einem mit den legendären Informatikern Claude Shannon, Marvin Minsky und Nathaniel Rochester verfassten Forschungsantrag. Die Grundannahme der Wissenschaftler [war]: "Jeder Aspekt des Lernens und andere Eigenschaften von Intelligenz können im Prinzip so präzise beschrieben werden, dass eine Maschine sie simulieren kann." Von 1965 bis 1980 leitete McCarthy das Artificial Intelligence Laboratory an der Stanford University.

Ich selbst hatte zu John McCarthy wie zu den übrigen KI-Pionieren kaum fachliche Kontakte. Im Frühjahr 1981 besuchte ich ihn in Stanford, zusammen mit einem Kollegen, um ihn zu einem Vortrag nach Deutschland einzuladen. 

Der Campus von Stanford ist architektonisch sehr beeindruckend. Man hat versucht den Baustil der Franziskaner-Missionen Kaliforniens ins Monumentale zu übersetzen. Alle Gebäude, vor allem aber die Bibliothek mit ihrem hohen Turm, der an eine Kathedrale erinnert, geben Ausdruck vom Reichtum des Stifters dieser Privat­universität. Wir fanden McCarthy in einem kleinen, nicht sehr hellen Eckzimmer im ersten Stock eines der von außen sehr imposant aussehenden Gebäude. Das Büro war mit Bergen von Papier vollgestopft. Kaum hatten wir unsern Wunsch geäußert, sagte er schon zu. 

Er bot uns ein Papier an mit dem Titel ‚Usefulness of Computers in Offices’ [1]. Es behandelt die Erfahrungen seiner Umgebung mit Büroanwendungen. Er lobte darin unter anderem Knuths TEX-System und den Wysiwyg-Editor des Alto-Systems von Xerox. Da es nur vier Seiten umfasste gab er mir noch ein zweites Papier dazu. Dessen Überschrift hieß ‚The Common Business Communication Language‘ [2]. Das erinnerte mich etwas an COBOL (Abk. für Common Business Oriented Language). Er postulierte darin eine Sprache, die das Fachvokabular enthält, um Angebote einzuholen oder Bestellungen aufzugeben, das Ganze in einer LISP-ähnlichen Syntax verpackt, d.h. voller Klammern. Ich hatte bei dem Symposium im September 1981 in Bad Neuenahr nicht den Eindruck, dass er seine Zuhörer mit seinen Ideen vom Sessel riss. Es kann auch sein, dass denen diese Art der Computer-Nutzung damals noch etwas ferne lag.

Danach habe ich McCarthys Arbeiten nur sehr sporadisch verfolgt. In vielen Diskussionen, an denen er teilnahm, aber auch in seinen Veröffentlichungen, vertrat er eine Position, die man als ‚starke KI‘ bezeichnet. Vereinfacht ausgedrückt, gehen diese Kollegen davon aus, dass man den menschlichen Geist als Programm auffassen kann. Heute weiß man, dass Geist und Körperlichkeit nicht zu trennen sind, vor allem wenn man das Bewusstsein in Betracht zieht.

Bekannt wurde sein Streit mit Roger Penrose, einem englischen Mathematiker und Physiker, der sehr eigenartige Vorstellungen von Bewusstsein und freien Willen äußerte. Penrose führte beides auf quantenmechanische Prinzipien zurück, die in dieser Form nie durch Software nachgeahmt werden können. Er warf den Vertretern der (starken) KI vor, das menschliche Denken rein algorithmisch erklären zu wollen, und zwar als einen Vorgang, der unabhängig von der Physik oder Chemie eines bestimmten Gehirns ablaufen kann. McCarthy hielt Penrose entgegen, dass Computer, um sich wirklich intelligent zu verhalten, auch Wissen besitzen müssen, das nicht durch Algorithmen, also Fakten und Regeln, dargestellt werden kann. Er hielt es für möglich, dass Computer eines Tages Bewusstsein zeigen in der Art, dass sie darüber reflektieren, wie sie sich fühlen und was es heißt ein Computer zu sein. 

Sehr krass werden heute die Positionen der ‚starken KI‘ von McCarthys Schüler John Moravec [3] vertreten. Er spricht davon, dass der Geist des Menschen sich vom Gehirn nach und nach auf Rechner verpflanzen ließe, so zu sagen von einer Hardware-Basis auf eine andere. Diese Weiterentwicklung des menschlichen Geistes könnte man mit heutigen Software-Agenten vergleichen. Diese könnten an Orten leben, wo heutige Menschen nicht leben können. Sie könnten sich z.B. im Weltraum ausbreiten und damit eventuelle irdische Katastrophen überleben. Diese Lebewesen würden nicht nur all unser Wissen und alle unsere Erfahrungen besitzen, sondern auch über ein menschen-ähnliches Bewusstsein und Gefühle wie Angst, Schmerz und Liebe verfügen. 

Moravec und andere, die diese Position vertreten, z.B. Ray Kurzweil, haben zweifellos Recht, wenn sie annehmen, dass wir in einigen Jahrzehnten in der Lage sein werden, Rechner zu bauen, die bezüglich der Anzahl der Speicher- und Verarbeitungselemente das menschliche Gehirn übertreffen. Sie können dann Aufgaben lösen, die heute nur vom Menschen gelöst werden können, etwa auf dem Gebiet der Mustererkennung oder der räumlichen Orientierung. Es ist ein sehr gewagter Schritt daraus zu folgern, dass diese Maschinen dann mit dem Menschen als Spezies gleichziehen würden, ja ihn ersetzten oder gar ablösen könnten. 

McCarthys Name wird mit den Ideen dieser Schule verbunden bleiben. Es waren zweifellos mutige Ideen. Ob sie uns wirklich weiterhelfen, sei es in fachlicher Hinsicht, sei es im Verständnis der Welt, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Zusätzliche Referenzen
  1. McCarthy, J.: Usefulness of Computers in Offices. In: Endres, A., Reetz,J.: Textverarbeitung und Bürosysteme. Oldenbourg München 1982, 65-70
  2. McCarthy, J.: The Common Business Communication Language. Ibidem, 71-74
  3. Moravec, H.: Computer übernehmen die Macht: Vom Siegeszug der künstlichen Intelligenz. Hoffman und Campe Hamburg 1999

Dienstag, 25. Oktober 2011

Erfahrungen mit Computerviren und andern Schädlingen

Seit ich einen Rechner privat benutze, also etwa seit 1982, versuche ich mich gegen Viren und andere Schad-Software zu schützen. Da ich zunächst die Gefahr, selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden, als recht hypothetisch ansah, waren meine Gegenmaßnahmen auch eher Lippenbekenntnisse. Auf meinem Desktop installierte ich die kostenlose Minimalversion eines Antiviren-Programms. Auf später gekauften Notebooks ließ ich das Antiviren-Programm drauf, das vorinstalliert war.

Ich erinnere mich an ein einziges Mal vor vier oder fünf Jahren, dass mein Desktop zur aktiven Virenschleuder wurde. Das war mir sehr peinlich. Ich hatte aus einem recht harmlosen Anlass eine E-Mail gleichzeitig an mehrere Kollegen geschickt. Daraufhin informierte mich ein Empfänger, dass ich ihn gerade mit einem Virus beglückt hätte. Mit Hilfe meines Antiviren-Programms konnte ich das Ungeziefer auf meinem Rechner finden und vertilgen. Wie das Virus zu mir gekommen war, konnte ich nicht feststellen. Anschließend durfte ich alle anderen Kollegen, die auf meinem Verteiler gewesen waren, bitten, meine E-Mail zu löschen und ihren Rechner zu säubern. Besonders leid taten mir dabei mehrere ältere, unserer Technik nicht besonders affine Empfänger meiner E-Mail.

Heute übertreibe ich die Vorsichtsmaßnahmen vielleicht sogar. Ich habe nicht nur Schutzprogramme installiert, die meinen gesamten Verkehr mit der Außenwelt in Echtzeit überprüfen. Ich lasse auch regelmäßig, d.h. etwa alle 14 Tage, mein ganzes System auf Viren, Dialer, Trojaner usw. überprüfen. Das kostet mich schon mal bis zu 40 Minuten. Dabei wird nur das Anti-Dialer-Programm fast jedes Mal fündig. Es eliminiert jede Menge Cookies, also Haken und Ösen, die jemand auf meinem Rechner hinterlassen hat, um Dinge anzustoßen, die mich möglicherweise Geld kosten. Ich kann nicht genau sagen, wie gefährlich sie hätten werden können. Ihr Löschen hatte jedenfalls keine negativen Folgen.

Dass die Viren-Bedrohung schnell sehr konkret werden kann, bewiesen zwei meiner Ex-Kollegen in den USA, die am selben Tage (dem 22.10. 2011) unabhängig voneinander folgende Erfahrungsberichte in ihrem Bekanntenkreis verteilten. Ich habe sie beide (maschinell) ins Deutsche übersetzt und in einem Fall etwas gekürzt.

Fall 1: Diese Woche hatte ich mein viertes Virus, seit ich einen PC habe, also seit 1978. Dies war das schlimmste. Ich suchte eine spezielle Datei via Google und Opera. Meine Anti-Viren-Software der Firma XXX sagte, ich solle nicht auf diese Seite gehen. Es wäre eine bekannte "schlimme" Seite. Ich ignorierte die Warnung und ging trotzdem. Ich bemerkte fast sofort, dass etwas nicht stimmte. Das System wurde langsamer. Ich hatte einen seltsamen Prozess am Laufen (nnnn.exe). Ich scannte meinen Computer für diese Datei. Sie wurde nicht gefunden. Ich scannte die Registrierung und bemerkte mehrere Stellen, wo es eine solche Datei gab. Ich löschte sie alle und startete neu. Die Dateien waren wieder da. Schließlich fand ich, dass das Virus die Anti-Virus-Dateien der Firma XXX, … [mehrere andere Dienste] …- und die eigene Firewall-Software geändert hatte. Nachdem ich all diese Dinge löschte und einen Neustart vollzog, war das Virus wieder da. Nach Ausschalten des Netzwerks, dem Löschen all dieser Dinge und dem Ziehen des Stromkabels konnte ich ohne das Virus rebooten. Sobald ich aber im Internet war, hatte ich das Virus wieder. … Ich entfernte XXX und installierte das Anti-Virus-Programm YYY. Das Virus wurde gefunden und eliminiert…. Diese Jungs von YYY waren gut. Sie hatten sich in den Shutdown-Prozess und in die Internet-Software eingehakt. Ich konnte nicht genau herausfinden, was sie taten… So gab ich auf und installierte mein System von einem Backup, den ich im März 2011 gemacht hatte…

Fall 2: Während ich in der vergangenen Woche eine Flugreservierung bei der Firma ZZZ machte, tauchte ein neues Fenster auf. Man bestand darauf, meine Kreditkarte mit zusätzlichen Informationen zu überprüfen – dem Mädchennamen meiner Mutter und meiner Sozialversicherungsnummer. Die Anfrage war in den normalen Dialog der Flugreservierung eingebettet. Ich bekam das Ticket nicht ohne Angabe dieser Informationen. Danach rief ich die Firma ZZZ an. Sie hatten keine Ahnung, dass es geschah. Ich musste allerdings ein Programm kaufen und installieren, dass mich in Zukunft gegen Identitätsdiebstahl schützt.

Vielleicht haben meine Leser ähnlich prägnante Geschichten zu berichten. Je konkreter die Erfahrungen sind, die man zur Verfügung hat, umso besser kann man sich schützen – d.h. umso eher ist man bereit dazu. Auch Gauner und Bösewichte lernen dazu und machen sich den technischen Fortschritt zunutze. Die Verteidiger, also die Hersteller von Antiviren-Software, sind ihnen bestenfalls eng auf den Fersen. Ihnen sollte man helfen.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Antonio Damasio über Geist, Bewusstsein und Selbst

Nachdem ich mich vor Monaten mit den Philosophen Dennet, Hofstadter und Metzinger sowie den Neurologen Edelmann und Kandel befasst hatte, habe ich mich mal wieder dem Leib-Seele-Problem der Philosophie zugewandt. Es wird vielleicht treffender auch als Geist-Körper-Problem bezeichnet. Anlass war dieses Mal das neue Buch ‚Selbst ist der Mensch‘ von Antonio Damasio, auf das mich mein Freund Peter Hiemann aus Grasse aufmerksam machte. 

Damasio ist ein in Lissabon geborener und aufgewachsener Neurologe, der jetzt in San Diego, Kalifornien, lebt und arbeitet. Zusammen mit seiner Ehefrau Hanna ist er als Gehirnforscher tätig. Sein Zugang zu dem Geist-Körper-Thema basiert auf der Auswertung von Unfalldaten und Krankheitsgeschichten einerseits, sowie modernen bildgebenden Verfahren andererseits, insbesondere der funktionellen Magnet­resonanz­tomographie (fMRT). 

Peter Hiemann und ich haben das Buch etwa gleichzeitig gelesen. Beide empfanden wir es als ziemlich anstrengend, haben uns aber durchgekämpft. Rück­blickend räumen wir gerne ein, eine Menge gelernt zu haben, nachdem wir uns erst an eine neue Terminologie gewöhnt hatten. Ich beginne im Folgenden mit den wichtigsten Beispielen seiner Terminologie, verbunden mit meiner Interpretation seiner Begriffe. 

Geist: Dies ist offensichtlich die Übersetzung des englischen Worts ‚mind‘. Ich hätte es eher mit ‚Verstand‘ oder ‚Intellekt‘ übersetzt. Definiert wird ‚Geist‘ als ein Ensemble oder Strom von Bildern. Der Geist verliert nie den Kontakt mit dem Gehirn. Da der Geist nur auf das Körperinnere wirkt, scheint er körperlos zu sein. Das Wort ‚Geist‘ suggeriert einen Dualismus à la Descartes, gegen den Damasio sich wehrt. Sein Freund sei nicht Descartes, sondern Spinoza.

Bewusstsein: Prozesse, die im Wachzustand eines mit Geist ausgestatteten Körpers ablaufen. Sie erkennen die eigene Existenz und die Umgebung. Sie unterscheiden sich in ihrer Intensität (zwischen dösen und hell wach sein) und in ihrer Reichweite (zwischen eigenem Körper und dem Universum). Übrigens sieht Damasio in Träumen eine alternative Form des Bewusstseins.

Selbst: Prozess, der den eigenen Körper und Geist als Bezugs- und Mittelpunkt von Beobachtungen erkennt. Es entsteht ein Protagonist, der sich als Besitzer unseres Körpers fühlt und der das Erlebte als Geschichten erzählen kann. Das Selbst hat drei Stufen, Protoselbst, Kernselbst und autobiografisches Selbst. Das Protoselbst ist angeboren, das Kernselbst basiert auf einfachen Gefühlen. Nur dank unseres großen Gedächtnisses baut sich im Laufe eines Lebens das autobiografische Selbst auf.

Dispositionen: Auch an dieses Wort muss man sich erst gewöhnen. Gemeint sind Prozesse, die auf prozeduralem oder Handlungswissen basieren, also Wenn-dann-Regeln, die vorschreiben, was in bestimmten Situationen zu geschehen hat. Sie nehmen z.B. einen äußeren Reiz wahr und veranlassen eine Reaktion des Körpers. 

Emotionen. Sie stellen eine Sonderklasse von Dispositionen dar. Sie sind evolutionsmäßig uralt und laufen vollkommen automatisch ab, d.h. ohne dass das Bewusstsein daran teilnimmt. Sie laufen meist (als Reflexe) viel schneller ab als es das Bewusstsein überhaupt erfassen kann. Sie waren und sind überlebenskritisch.

Karten: Sie sind neuronale Repräsentationen von Objekten, Ereignissen, Gefühlen und vielem mehr. Sie versehen unser Gehirn mit Faktenwissen. Zusätzlich zu den von den Sinnesorganen übermittelten Daten verfügen wir über Hinweise, durch welche Form der Interaktion sie erfasst wurden und mit welchen Emotionen sie verbunden waren. Der Ausdruck Karte kommt daher, dass das Selbstbild des eigenen Körpers in der Form einer (stark verzerrten) Nachbildung des Körpers im Gehirn eingespeichert ist. Karten sind Einprägungen von multimedialen Eindrücken, multimedial deshalb, weil visuelle, akustische, haptische und propriozeptive (den eigenen Körper betreffende) Eindrücke in Beziehung gebracht werden. Das menschliche Gehirn besteht u.a. aus Regionen, die primär Dispositionen ermöglichen. Dazwischen eingebettet sind Regionen, die der Kartierung dienen.

Bilder: Bilder betreffen alle Objekte und Handlungen, die im Gehirn verarbeitet werden, gegenwärtige ebenso wie erinnerte, konkrete wie auch abstrakte.  Es ist das, was der Geist produziert und manipuliert, wenn er aktiv ist, d.h. Gedanken hat. Sie beziehen ihren Inhalt (ihre Pixels, Voxels, Akkorde und dgl.) aus Karten. Wie dies geschieht, ergibt sich aus den dazu gespeicherten Dispositionen. Damasio benutzt die Metapher eines Puppentheaters. Die Bilder seien das, was auf der Bühne passiert; die Dispositionen bewegten die Schnüre, an denen die Marionetten hängen. Auch der Begriff ‚Bilder‘ ist sehr vereinfachend. In Wirklichkeit sind es innere Rekonstruktionen für das, was wir gesehen, gehört oder gefühlt haben. Vielleicht wäre Szenario oder Film ein besseres Wort.

Gefühle: Geisteszustände, die sich aus Bildern oder Emotionen ergeben. Sie verschaffen dem Geistprozess Informationen über den Zustand des Körpers. Durch sie erhalten viele Objekte eine spezifische Markierung.

Erinnern: Ist immer eine Rekonstruieren von Bildern aufgrund von Karten, gesteuert von Dispositionen. Erinnerungen sind umso stärker, je mehr sie mit Gefühlen behaftet sind.

Folgende Aspekte aus Damasios Sicht der Dinge sind bemerkenswert:

Das zentrale Nervensystem dient bei allen Lebewesen hauptsächlich der homöotischen Regelung des Organismus. Auch alle höheren, also geistigen Funktionen des Nervensystems dienen primär diesem Zweck. Sie gestatten nicht nur eine subtilere Steuerung, sondern vor allem eine langfristige Planung. Die Homöostase ist das sensible Gleichgewicht, das eingehalten werden muss, damit Leben möglich ist. Durch sie wird das biologische Wertesystem definiert. 

Selbst Neuronen müssen als Einheiten mit geregelten „Innenleben“ interpretiert werden, da schon Einzeller wie Amöben auf Reize reagieren. 

Einfache Organismen verfügen lediglich über Dispositionen, die einen äußeren Reiz wahrnehmen, eine Körperreaktion veranlassen und ggf. eine Körperbewegung ausführen. Weiter höher in der Evolution angesiedelte Organismen sind zusätzlich in der Lage, Wahrnehmungen, Körperreaktionen und Körperaktionen im Gedächtnis aufzuzeichnen, um sie für einen späteren Abruf verwenden zu können. Diese komplexen Dispositionen könnte man als Programme bezeichnen, ein Ausdruck, den Damasio allerdings nicht verwendet. Programme sind zur Rekonstruktion von Strukturen und Abläufen besser geeignet als das reine Kopieren einer Erinnerung. 

Der Anteil der Gehirnaktivitäten, die für bewusstes Nachdenken, Entscheiden und Handeln zum Tragen kommen, ist gegenüber den neuronalen Aktivitäten für unbewusste geistige und körperliche Reaktionen ziemlich gering. So wie Sigmund Freund es auch sah, sei der größte Teil des Geists in unserem Unterbewusstsein zu vermuten, vergleichbar einem Eisberg. Durch das schmale Fenster des Bewusst­seins sähen wir nur die Spitze des Eisbergs. Unbewusste Prozesse sind sehr nützlich, nicht nur weil sie schneller ablaufen, sondern weil sie dem Bewusstsein mehr Kapazität übriglassen, um eine gründliche Analyse und eine sorgfältige Planung zu betreiben.

Erst der seiner Selbst bewusste Geist schuf sich die menschliche Sprache. Dadurch wurde die Kommunikation mit andern Menschen erheblich verbessert und die soziale Entwicklung beschleunigt. Die später stattgefundene Erfindung der Schrift befreite die gesprochene Sprache von ihrer räumlichen und zeitlichen Beschränkung.

Da Damasio die Anatomie des menschlichen Gehirns aus der Sicht der Evolution erklärt, gelangt er zu sehr überzeugenden Begründungen seiner Struktur. Hier ein markantes Beispiel. Da Reptilien, die zwar ein Stammhirn aber keine Hirnrinde (Cortex) besitzen, schon sehr ausgefeilte homöostatische Steuerfunktionen vollführen, ist anzunehmen, dass beim Menschen der ‚Geist‘ nicht nur in der Hirnrinde zuhause ist, sondern auch ‚ältere‘ Teile des Gehirns (wie Thalamus und Stammhirn) mitbenutzt. Hat die Evolution nämlich einmal eine Lösung zu einem Problem gefunden, die funktioniert, so wird sie möglichst überall verwandt. Um eine Verbesserung der Lebenssteuerung, etwa unter Zuhilfenahme eines großen Gedächtnisses, zu erreichen, wird die vorhandene Lösung nicht weggeworfen. Die neue Funktionalität baut auf der alten auf. Das neue Problem wird durch die Kooperation zwischen verschiedenen Organismen gelöst.

Das Hauptproblem, das Damasio zu verstehen versucht, ist die emergente Erscheinung des Bewusstseins in der Evolution der biologischen Organismen. Er ist überzeugt, dass das Wissen über die „Umstände, wie bewusster Geist in der Geschichte des Lebendigen entstanden ist, Auswirkungen auf unser Alltagsleben hat“. Die kulturelle Evolution habe (aus Sicht der Evolution) gerade erst begonnen. Wenn in diesem Zusammenhang von einer sozio-kulturellen Homöostase gesprochen wird, scheint dies jedoch etwas weit hergeholt zu sein.

Was die eher philosophischen Fragen anbetrifft, zeigt Damasio eine erfreuliche Zurückhaltung. Manche der von ihm angebotenen Erklärungen bezeichnet er als nützliche Arbeitshypothesen. Das gilt insbesondere für die Beziehung zwischen Geist und Gehirn. Nimmt man nicht an, dass geistige Zustände auch Zustände des Gehirns sind, könne man die gegenseitige Beeinflussung noch viel schlechter verstehen, als es bis heute der Fall ist. Noch seien wir weit davon entfernt, das Gehirn als Körper­organ zu verstehen. Das gilt erst Recht für Geist und Bewusstsein als schwer fassbarer Ausfluss seiner Funktion. Hier sei noch viel Forschungsarbeit zu leisten, meint er.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Jochen Ludewig über Software Engineering in Praxis und Ausbildung

Jochen Ludewig ist seit 1988 Lehrstuhlinhaber für das Fach „Software Engineering“ an der Universität Stuttgart. Vorher war er drei Jahre lang Assistenzprofessor an der ETH Zürich. Ludewig verfügt über ausgedehnte industrielle Erfahrungen, und zwar von 1975 bis1980 bei der (damaligen) Gesellschaft für Kernforschung in Karlsruhe, anschließend bis1985 im BBC-Forschungszentrum Baden/Schweiz als Leiter der Arbeitsgruppe „Software Engineering“. Er wurde 1981 an der TU München in Informatik promoviert. Ludewig ist seit 2009 GI Fellow.


 
Bertal Dresen (BD): Wie kaum ein anderer Kollege an den Hochschulen haben Sie sich im deutschen Sprachraum, zuerst in der Schweiz und dann in Deutschland, für das Thema Software Engineering (SWE) engagiert. Seit der berühmten Garmischer Konferenz von 1968 erfährt die ingenieurmäßige Vorgehensweise in der Software-Entwicklung ernsthaftes akademisches Interesse. Hat sich dieses Interesse für die Praxis eigentlich ausgewirkt, wenn man von der verbesserten Ausbildung einmal absieht, auf die ich gleich noch eingehen werde? Oder war es, wir mir ein Kollege 1968 klarzumachen versuchte, für uns Praktiker eine Illusion, von den Akademikern zu erwarten, dass sie Probleme lösen würden, die nur Praktiker selbst lösen können? Was also hat sich nach Ihrer Ansicht in der Praxis seit 1968 verändert?

Jochen Ludewig (JL): Die Praxis von 1968 kenne ich nur aus Berichten; ich habe 1969 meine ersten Programme geschrieben und die Praxis erst in den Siebzigern gesehen. Damals herrschte eine Stimmung vor, die man durch das Bild des Cowboy-Programmierers beschreiben kann. Die Programmierer hatten keine einschlägige Ausbildung und fühlten sich berufen, die geforderten Programme zum Laufen zu bringen, wie auch immer. Damals entstand der Begriff der „strukturierten Programmierung“, und Dave Parnas beschrieb das revolutionäre Konzept des „information hiding“, aber davon wusste die Praxis nichts. Die Probleme der Software-Entwicklung wurden von den Praktikern erlebt, aber nicht reflektiert. Das hat sich zweifellos geändert. Es gibt immer noch viel unsystematisches Vorgehen, aber nur noch wenige Praktiker, die sich der Defizite nicht bewusst sind. 

BD: Der Altmeister Dijkstra, dessen scharfe Worte meistens einen Kern Wahrheit enthielten, soll gesagt haben: ‚Software Engineering ist der Versuch Leuten, die dafür nicht geeignet sind, das Programmieren beizubringen.‘ Was also ist realistisch zu erwarten? Ist es nicht eine Utopie, zu hoffen, dass man eines Tages Software fehlerfrei und effizient zugleich entwickeln kann? Dann noch unter Zeitdruck? 

JL: Software ist komplex, mindestens so komplex, wie die Probleme, die sie lösen soll. Daran wird sich nichts ändern. Wir können aber die Prioritäten anders festlegen, beispielsweise durch Verwendung fertiger Komponenten. Damit tauschen wir die Flexibilität der Individualsoftware gegen die Kosten- und Zeitvorteile der Massen­software. Ob das sinnvoll ist, hängt von der konkreten Situation ab.

Noch ein Wort zu Dijkstra: Ich denke, dass eine reife Ingenieurdisziplin für die gängigen Probleme Lösungswege anbietet, die keine wissenschaftliche Qualifikation erfordern. Wenn ein Hohepriester des Fachs den Laien erklärt, sie hätten eben keinen Zugang zur Erkenntnis, dann ist das wenig hilfreich. Ich setze darum Dijstras Diktum entgegen: Software Engineering als Lehr- und Forschungsgebiet zielt darauf ab, die Bearbeitung der Software so zu modellieren und zu organisieren, dass sie keine außergewöhnlichen Fähigkeiten voraussetzt. (Sehr frei nach Brecht: Glücklich die Firma, die keine Software-Helden braucht!)

BD: Jetzt zur Ausbildung. Sie haben sich sehr mit der Weiterbildung von Mitarbeitern in der Industrie befasst. Was fehlt (oder fehlte) denen am meisten? Was können (oder konnten) Sie als Hochschullehrer ihnen bieten? Hat sich der Schulungsbedarf verringert oder verändert, seit immer mehr akademisch ausgebildete Informatikerinnen und Informatiker in der Praxis Einzug halten?

JL: Vielen Praktikern fehlt das Vertrauen in Verfahren und Vorgehensweisen, die nach allem, was wir wissen, höchst sinnvoll sind. Ihnen fehlen die positiven Erfahrungen. Und es ist nur zu verständlich, dass sie, zumal unter dem leider normalen Zeitdruck, nicht auf ein Verfahren wechseln, dem sie nicht trauen. Wer in Eile ist, wird nicht die alten Schuhe gegen neue tauschen, die ihm vielleicht gar nicht passen. Wir müssen also – beginnend in der Ausbildung – dafür sorgen, dass die Software-Ingenieure mit den guten Techniken und Mitteln gute Erfahrungen haben. Das gilt natürlich nicht nur für die Software-Entwickler, sondern auch und besonders für deren Manager. Die müssen nicht alles wissen und können, aber sie sollten verstehen, was geht und was nicht.

Der Schulungsbedarf hat sich nicht vermindert, aber in der Tat verändert. Ein traditionelles Biotop im Stil der Siebziger findet man heute kaum noch. Man hat in aller Regel eine höchst heterogene Mischung von Altersklassen, Qualifikationen und natürlich auch Interessen vor sich, so dass man oft weniger Wissensvermittlung als Mediation bietet. Wenn sich am Ende eines Seminars die Teilnehmer gegenseitig besser kennen und verstehen und also wissen, was sie voneinander erwarten können, ist das schon sehr nützlich. 

BD: Sie vertreten die Meinung (wie viele andere Kollegen auf der Welt auch), dass die SWE-Ausbildung an Hochschulen nur dann die ihr gebührende Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie als eigener Studiengang angeboten wird. Was sind die wesentlichen Argumente dafür? Hat sich daran in den letzten Jahrzehnten etwas geändert, etwa durch Umorientierung der Informatik-Ausbildung im Allgemeinen?

JL: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir sowohl eine Informatik als auch eine Softwaretechnik brauchen. Vorbild dafür sind Physik und Elektrotechnik. Die Physiker haben im Mittel mehr Mathematik und Theoretische Physik gelernt als die Elektroingenieure, die dafür mehr von den praktischen Problemen, den Normen und der betrieblichen Realität wissen. Aber der wesentliche Unterschied liegt in der Geisteshaltung, der Zielrichtung, die im Studium vermittelt wird; beim Ingenieur steht nicht die Erkenntnis im Vordergrund, sondern die Problemlösung. Fred Brooks hat das 1977 so formuliert: “... the scientist builds in order to study; the engineer studies in order to build.” In einem Softwaretechnik-Studiengang kann und sollte man diese Denkweise vermitteln. In Stuttgart funktioniert das nach meinem Eindruck sehr gut.

Die in der Frage erwähnte Umorientierung der Informatik-Ausbildung hat nach mei­nem Eindruck nicht stattgefunden, jedenfalls nicht in Richtung Software Engineering. Beispielsweise gibt es nur an wenigen Orten anspruchsvolle, große und langlaufende Softwareprojekte; in der Softwaretechnik sind sie obligatorisch.

BD: An der Universität Stuttgart gibt es – dank Ihrer Initiative – seit Jahren den Studiengang Softwaretechnik. Wie wurde er rein zahlenmäßig akzeptiert? Wie bewerten Sie den Erfolg? Was sind Ihre Erfahrungen bezüglich der Absolventen? Erhielten sie Stellenangebote, für die andere Informatik-Absolventen nicht in Frage kamen? Gibt es Firmengründungen, die es sonst nicht gegeben hätte?

JL: Das Zahlenverhältnis der Studienanfänger in Informatik und Softwaretechnik hat sich in der Gegend von 60:40 eingependelt. Befragungen der Studierenden erlauben den Schluss, dass die Softwaretechniker mindestens so zufrieden sind wie die Informatiker. Da alle den formalen Abschluss „Dipl. Inf.“ erhalten (zukünftig „B. Sc.“), ist nicht klar, wie weit die Firmen den Unterschied wahrnehmen. Aber im Großraum Stuttgart haben die Softwaretechniker einen sehr guten Ruf, und einige Firmen bemühen sich speziell um unsere Absolventen. 

Firmengründungen hat es gegeben, aber natürlich ist kaum zu sagen, ob es sie ohne den Studiengang Softwaretechnik nicht auch gegeben hätte. 

BD: In einem früheren Beitrag dieses Blogs habe ich die Meinung vertreten und zu begründen versucht, dass wir in Deutschland eigentlich keine Programmierer mehr bräuchten, sondern nur noch Systemarchitekten. Würden Sie dieser Meinung beipflichten? Wenn ja, welche Konsequenzen hätte dies für das Fachgebiet Software Engineering, sowohl was die Forschung als auch die Lehre betrifft? Muss nicht das Augenmerk viel stärker auf Innovationen, also auf der Erfindung von etwas Neuem, gelegt werden, statt auf Produktivität und Qualität im Nachbau bekannter Systeme?

JL: Der Begriff „Programmierer“ ist höchst unklar. Ich stelle mir darunter die Leute vor, die in den Sechzigern auf Coding Sheets Programme bauten. Dieser Typ des Programmierers ist heute ohne Bedeutung. Was wir auszubilden versuchen und was auch noch lange gebraucht wird, sind Software-Entwickler, die den gesamten Prozess überblicken und im Wesentlichen auch kennen und beherrschen. Dazu gehört natürlich auch die Codierung. Ich weiß mich mit vielen prominenten Kollegen einig, dass handwerklich sauberes, elegantes Codieren zu den wichtigen Fähigkeiten unserer Absolventen gehört. Gute Entwickler machen Karriere und werden nicht mehr codieren, aber sie brauchen diese Qualifikation weiterhin, um führen und bewerten zu können.  

Natürlich sollen sie offen sein für Innovationen. Aber es kennzeichnet wirkliche Innovationen, dass sie nicht vorauszusehen waren. Wir können unsere Studenten dafür also nur rüsten, indem wir sie mit soliden Grundlagen und einem sicheren Gespür für das Machbare und für hohe Qualität ausstatten. Denn nicht jede Sau, die durch das Dorf läuft, verdient es, bejubelt zu werden.

BD: In vielen Diskussionen über die von Hochschulen zu vermittelnde Qualifizierung wird gefordert, dass neben der fachlichen auch eine nicht-fachliche Ausbildung vermittelt werden sollte. Gemeint sind meistens soziale Kompetenzen (engl. soft skills), aber auch die Beachtung ethischer Grundsätze. Für wie wichtig halten Sie es, dass dies seinen Niederschlag in Lehrplänen findet? Wieweit können Hochschulen hier überhaupt Wirkung erzielen?

JL: Ich habe mich in den gut 25 Jahren meiner Lehrtätigkeit immer wieder mit diesen Fragen befasst, bin allerdings mit dem Erfolg nicht zufrieden. Ich habe regelmäßig eine Lehrveranstaltung angeboten, in der das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten und das Vortragen gelehrt und auch geübt wurden. Nach der Umstellung auf die Bachelor-Ausbildung ist daraus eine anrechenbare Studienleistung geworden. Ich beobachte aber, dass man den Charme eines syntaktisch sauberen deutschen Satzes oder einer klaren, verständlichen Struktur für einen Vortrag nur solchen Leuten vermitteln kann, die daran interessiert sind. Das Interesse an drei Leistungs­punkten ist nicht das gleiche!

BD: Die Umstellung vom Diplomstudiengang auf Bachelor und Master schafft immer noch Unruhe an den Hochschulen. Was bedeutet diese Umstellung für den Studiengang Softwaretechnik? Gehen Sie davon aus, dass die Industrie den Bachelor-Abschluss als ausreichende Berufsbefähigung ansehen wird? Unter welchen Umständen raten Sie einem Studierenden, den Master-Abschluss anzustreben?

JL: Für die Softwaretechnik waren mit der Umstellung einige herbe Verluste verbunden, vor allem das früher obligatorische Industriepraktikum und das zweite Studienprojekt, das im Anwendungsfach, also außerhalb der Informatik, durchgeführt wurde. Zudem ist der Rahmen von sechs Semestern so eng, dass wir Veranstaltun­gen, die aufeinander aufbauen, oft parallel anbieten müssen, etwa eine Vorlesung über objektorientierte Programmierung und ein Praktikum, in dem diese Kenntnisse erforderlich sind. Ich rechne damit, dass man bald den Fehler erkennt und das Bachelor-Studium auf acht Semester verlängert. Das wäre dann natürlich ein vollwertiges Studium. 

So, wie die Dinge heute liegen, rate ich jedem, der nicht mit allzu großen Schwierig­keiten in Prüfungen und anderen Leistungen zu kämpfen hat, einen Master-Titel zu erwerben. Die Industrie ist nach meinem Eindruck nicht so selektiv, wie sie behaup­tet; wenn die Wirtschaft brummt, werden die Bachelors gut genug sein, und sollte es je eine schwere Krise auf dem Arbeitsmarkt geben, werden auch die Träger eines Master-Titels Mühe haben, eine Stelle zu finden. (Sie werden trotzdem besser gestellt sein als Absolventen anderer Fachrichtungen.) Zweifellos wird der Master-Titel beim Aufstieg in der Firmenhierarchie einigen Auftrieb liefern.

BD: Herr Ludewig, vielen Dank für das Interview. Ich finde Ihre Aussagen sehr ausgewogen und ausgesprochen hilfreich, und werde sie daher meinen Enkelkindern zum Lesen empfehlen.